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Hot Turkey

An meh­re­re mei­ner zahl­rei­chen E‑Mail-Adres­sen ging im Lau­fe des Tages eine E‑Mail mit dem Betreff „AN ALLE TUERKEN: Lasst den Jun­gen (Mar­co) frei. Euer Tours­tik-Auf­schwung ist in Gefahr. DIE EU-MITGLIEDSCHAFT AUCH“. Die E‑Mail ist von sie­ben, mir unbe­kann­ten Per­so­nen unter­schrie­ben, und ich soll sie an „alle TUERKEN“, die ich ken­ne, „oder Leu­te, die aus die­sem Land kom­men oder dort Urlaub machen wol­len“ wei­ter­lei­ten. Es geht (natür­lich) um den in der Tür­kei inhaf­tier­ten deut­schen Schü­ler Mar­co W., dem vor­ge­wor­fen wird, eine 13jährige Bri­tin miss­braucht zu haben, und dar­in steht unter ande­rem fol­gen­des:

Seid Ihr noch ganz nor­mal, einen 17 Jah­re alten Jun­gen ein­zu­sper­ren, nur
weil er eine jun­ge Frau ken­nen­ge­lernt hat?
Das Gesetz ist doch nur geschaf­fen wor­den, damit es zu kei­nen Zwangs­ehen
kommt. Aber des­halb muss man doch
kei­nen 17 Jah­re alten Jun­gen, der in Eurem Land Urlaub macht, mona­te­lang
ein­sper­ren. Und das noch bei Euren
mise­ra­blen Haft­be­din­gun­gen? DAS IST UNMENSCHLICH! SCHLUSS DAMIT. SOFORT!

Ein Unding in einer zivi­li­sier­ten Welt, die Euch noch leid tun wird, wenn
nicht bald Schluss damit ist!

(Kata­stro­pha­le Zei­len­um­brü­che über­nom­men)

Hui, da weiß man ja gar nicht, wo man anfan­gen soll!

Ver­su­chen wir es mal so: Nach­dem anfangs von einem „Urlaubs­flirt“, dann von einer „Knut­sche­rei“ die Rede war, hat inzwi­schen offen­bar auch Mar­co W. „sexu­el­le Kon­tak­te“ ein­ge­räumt. Damit hät­te sich Mar­co W., wie im Law­blog aus­ge­führt wird, auch in Deutsch­land straf­bar gemacht – auch wenn das Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­ri­um offen­bar Gegen­tei­li­ges ver­laut­ba­ren lässt.
Dafür, dass „das Gesetz“ nur geschaf­fen wur­de, „damit es zu kei­nen Zwangs­ehen kommt“, fin­det sich in der gesam­ten Bericht­erstat­tung zu der Geschich­te kein ein­zi­ger Anhalts­punkt. Ich bin kein Exper­te für tür­ki­sche Geset­ze, möch­te aber anneh­men, dass sich ein sol­ches Detail wenigs­tens in einem Teil der Arti­kel wie­der­ge­fun­den hät­te.
Auch will mir der Hin­weis „der in Eurem Land Urlaub macht“ nicht so ganz ein­leuch­ten: Soll die tür­ki­sche Poli­zei etwa davon abse­hen, Tou­ris­ten zu inhaf­tie­ren, weil die ja so nett sind, das Geld ins Land zu brin­gen, oder was?
Kom­men wir zu den Haft­be­din­gun­gen: Die sind, nach allem (nun ja: fast allem), was man liest, in der Tat „mise­ra­bel“ – aber wohl für alle Gefan­ge­nen. Wenn die (sicher­lich berech­tig­te) Auf­re­gung dar­über dazu füh­ren wür­de, dass sich jetzt ein paar Hun­dert Leu­te bei Amnes­ty Inter­na­tio­nal enga­gie­ren, wäre das ein posi­ti­ves Signal, das man dem gan­zen Fall abge­win­nen könn­te – ich glau­be aber lei­der nicht dar­an.

Natür­lich darf man Mit­leid mit einem 17jährigen haben, der in einem frem­den Land ins Gefäng­nis gesteckt wor­den ist. Ich will auch nicht über Schuld, Unschuld, mora­li­sche Vor­stel­lun­gen oder gar den ver­meint­li­chen Tat­her­gang dis­ku­tie­ren.
Aber an die­sem Fall wun­dert mich doch so eini­ges:

  • War­um dau­er­te es nach der Fest­nah­me des Jun­gen am 11. April über zwei Mona­te, bis der Fall letz­te Woche in der deut­schen Pres­se ankam?
  • Wie wür­de die deut­sche Bevöl­ke­rung, die deut­sche Pres­se reagie­ren, wenn sich der tür­ki­sche Außen­mi­nis­ter Abdul­lah Gül laut­stark für die Frei­las­sung eines tür­ki­schen Staats­bür­gers in Deutsch­land, dem ähn­li­ches vor­ge­wor­fen wird, aus­spre­chen wür­de?
  • Wo war Frank-Wal­ter Stein­mei­er, als das letz­te Mal ein deut­scher Staats­bür­ger unter extre­men Bedin­gun­gen im Aus­land inhaf­tiert war? Oh, Moment, das wis­sen wir ja …
  • Wel­chen Zweck sol­len sol­che E‑Mails erzie­len?

Womög­lich ste­hen die Absen­der die­ser begin­nen­den Ket­ten­mail Mar­co W. nahe. Sie haben natür­lich das Recht, besorgt und ver­zwei­felt zu sein. Sie haben aber kein Recht, Halb- und Unwahr­hei­ten zu ver­brei­ten, und dif­fu­se Dro­hun­gen („die Euch noch leid tun wird“) aus­zu­sto­ßen.

Und wie immer, wenn Men­schen mit Inter­net­an­schluss besorgt sind und irgend­was tun wol­len, wird es auch dies­mal nur eine Fra­ge der Zeit blei­ben, bis es dazu eine Stu­diVZ-Grup­pe geben wird …

Nach­trag 28. Juni, 00:58 Uhr: Cars­ten Heid­böh­mer ruft in sei­nem Kom­men­tar bei stern.de zu weni­ger Hys­te­rie in Sachen Tür­kei (und Polen) auf. Soll­te man gele­sen haben.

Nach­trag 29. Juni, 18:35 Uhr: Bei mein Ding ist man weni­ger optimistisch/​naiv als ich:

Das kommt mir vor wie ein Ablen­kungs­ma­nö­ver, um den Anschein zu erwe­cken, es sei ein Appell von Freun­den des Inhaf­tier­ten.

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So I start a revolution from my bed

Gallagher Lane in San Francisco, CA

Zur Stun­de ist ja bekannt­lich Macht­wech­sel in Groß­bri­tan­ni­en. Das ist an sich schon ganz gro­ßes Kino, gewinnt aber noch mehr Qua­li­tät durch die (natür­lich her­vor­ra­gen­de) news covera­ge von BBC World:

Ein Bei­trag, in dem ein Inti­mus über den desi­gnier­ten Pre­mier­mi­nis­ter Gor­don Brown spricht, wur­de mit dem Intro von „Won­der­wall“ unter­legt, und zum Abschluss gab es dann noch mal die schöns­ten Bil­der aus Tony Blairs zehn­jäh­ri­ger Amts­zeit, unter­legt mit? Na klar: „Don’t Look Back In Anger“.

Und jetzt stel­len wir uns mal vor, ARD und ZDF unter­leg­ten den nächs­ten Regie­rungs­wech­sel in Deutsch­land mit … äh … mit … Ach ver­dammt, der Ver­gleich hinkt dop­pelt …

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Leben Politik

Brüh im Lichte dieses Glückes

Fol­gen­de G‑8-Staa­ten haben ihre Natio­nal­hym­ne in ihrer Ver­fas­sung fest­ge­legt:

Und fol­gen­de nicht:

  • Deutsch­land (1952 in einem Brief­wech­sel zwi­schen Kanz­ler Ade­nau­er und Bun­des­prä­si­dent Heuss fest­ge­legt)
  • Groß­bri­tan­ni­en (hat nicht mal eine Ver­fas­sung)
  • Ita­li­en (seit 1946 „vor­läu­fi­ge Natio­nal­hym­ne“, 2005 per Dekret des Staats­prä­si­den­ten offi­zi­ell ein­ge­führt)
  • Japan (seit dem 12. Jahr­hun­dert, nach dem zwei­ten Welt­krieg erst 1999 wie­der gesetz­lich fest­ge­legt)
  • Kana­da (1980 gesetz­lich fest­ge­legt)
  • USA (1931 gesetz­lich fest­ge­legt)
  • Russ­land (2001 von Prä­si­dent Putin fest­ge­legt)

War­um ich das schrei­be? Ich habe bei der letz­ten Bochu­mer pl0gbar mit Jens gewet­tet. Viel­mehr: Ich habe ihm nicht glau­ben wol­len, dass „höchs­tens die Hälf­te der G‑8-Staa­ten“ ihre Hym­ne in ihren jewei­li­gen Ver­fas­sun­gen fest­ge­legt haben. Wir sehen: Es ist genau ein Ach­tel (und auch noch genau das Frank­reich, das Jens vor­her­ge­sagt hat­te). Gut, dass wir nur ums Recht gewet­tet haben …

War­um ich das jetzt alles schrei­be? Nun ja: Mor­gen isses wie­der soweit.

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Digital Politik

Schieflage der Nation

Wann weiß man, dass in die­sem Land etwas falsch läuft?

Wenn sich Goog­le laut­stark für Pri­vat­sphä­re und Daten­schutz ein­setzt.

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Digital Politik

Bedeutungsverschiebungen

Da das Wort „Zen­sur“ im Zuge der Yahoo/Flickr-Dis­kus­si­on der­zeit immer wie­der fällt, habe ich doch noch mal kurz des­sen Bedeu­tung nach­ge­schla­gen:

3) Publi­zis­tik: staat­li­che Über­wa­chung und Unter­drü­ckung von Ver­öf­fent­li­chun­gen in Print- und audio­vi­su­el­len Medi­en (Vor­zen­sur und Nach­zen­sur), um die Publi­zis­tik im Sinn der Staats­füh­rung oder der herr­schen­den Par­tei oder Klas­se zu beein­flus­sen. Eine Zen­sur gab es ins­be­son­de­re im Abso­lu­tis­mus. In frei­heit­lich-demo­kra­ti­schen Staa­ten ist die Zen­sur abge­schafft; auto­ri­tä­re und tota­li­tä­re Staa­ten dage­gen arbei­ten mit einem Zen­sur­ap­pa­rat oder mit lizen­zier­ten bezie­hungs­wei­se ver­staat­lich­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­sys­te­men.

(Quel­le: Mey­ers Lexi­kon Online, Her­vor­he­bun­gen von mir)

Zen­sur (cen­su­ra) ist ein Ver­fah­ren eines Staa­tes, einer ein­fluss­rei­chen Orga­ni­sa­ti­on oder eines Sys­tem­trä­gers, um durch Medi­en ver­mit­tel­te Inhal­te zu kon­trol­lie­ren, uner­wünsch­te Aus­sa­gen zu unter­drü­cken bzw. dafür zu sor­gen, dass nur erwünsch­te Aus­sa­gen in Umlauf kom­men.

(Quel­le: Wiki­pe­dia, Her­vor­he­bung von mir)

Das, was Yahoo bei Flickr gemacht hat, ist also kei­ne Zen­sur, son­dern wohl „nur“ eine Mischung aus Angst, Ahnungs­lo­sig­keit und völ­li­ger Unter­schät­zung der eige­nen Kun­den, die viel­leicht noch am ehes­ten unter dem Begriff „Bevor­mun­dung“ ein­sor­tiert wer­den kann.

Das, was Yahoo (aber auch Goog­le und Micro­soft) in Chi­na ver­an­stal­tet, dürf­te hin­ge­gen zwei­fels­oh­ne Bei­hil­fe zur Zen­sur sein. Und in mei­nen Augen schwächt man die­se Ver­ge­hen ab, wenn man bei der (zuge­ge­ben uner­freu­li­chen und dum­men) Sper­rung von Fotos gleich „Zen­sur!“ brüllt.

(Und das soll auch wirk­lich mein ein­zi­ger Bei­trag zu dem The­ma sein. Es geht mir um Spra­che und nicht um das Unter­neh­men, des­sen Name schon viel zu oft gefal­len ist. Und schon gar nicht geht es mir dar­um, was Drit­te davon hal­ten, wenn Vier­te die­sem Unter­neh­men Wer­be­flä­chen ver­kau­fen – da emp­feh­le ich schlicht­weg Adblock Plus.)

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Leben Politik Gesellschaft

„Ich habe gelacht, als meine Regierung verspottet wurde“

Es gibt sicher vie­le Grün­de, poli­ti­sches Kaba­rett doof zu fin­den (und weil man bei sol­chen Sät­zen wenigs­tens einen Grund nen­nen soll­te, sag ich mal: „Schei­ben­wi­scher“). Es gibt aber auch poli­ti­sches Kaba­rett, dem ich mich frei­wil­lig aus­set­ze. Heu­te Abend habe ich mir z.B. zum vier­ten Mal Vol­ker Pis­pers ange­se­hen – zum drit­ten Mal mit sei­nem Best-Of-Pro­gramm „Bis neu­lich“, mit dem er seit fünf Jah­ren tourt. Und obwohl ich knapp die Hälf­te des Pro­gramms hät­te mit­spre­chen kön­nen, habe ich mich herr­lich amü­siert. Das ver­zwei­fel­te Mit­schrei­ben und Rezi­tie­ren der böses­ten Sprü­che und bes­ten Poin­ten über­las­se ich eben­so den Repor­tern der Lokal­zei­tun­gen wie die For­mu­lie­run­gen „bit­ter­bö­se“, „schwar­zer Humor“ und „Lachen im Hal­se ste­cken­blei­ben“.

Direkt zu Beginn des Abends, der inklu­si­ve einer halb­stün­di­gen Pau­se übri­gens fast vier Stun­den dau­er­te, bezeich­ne­te Pis­pers das Kaba­rett als moder­nen Ablass­han­del, der es den Zuschau­er ermög­li­che, bequem gegen das Sys­tem zu sein, in dem er lebt. Und so durf­te das über­ra­schend hete­ro­ge­ne Publi­kum (ich möch­te trotz­dem wet­ten: 25% Leh­rer) über Ange­la Mer­kel, Geor­ge W. Bush, Wolf­gang Schäub­le, Franz Mün­te­fe­ring und wie­sie­al­le­hei­ßen lachen, obwohl das, was die­se Poli­ti­ker so anrich­ten, sel­ten zum Lachen ist. Ent­spre­chend hoch war der Anteil der „Hohoho„s, also der Lacher, die man sich als poli­tisch kor­rek­ter Mensch ja eigent­lich gar nicht erlau­ben dürf­te.

An Vol­ker Pis­pers gefällt mir beson­ders gut, dass er sich nicht mit kin­di­schen Par­odien, Kos­tü­mie­run­gen oder Auf­füh­run­gen auf­hält (s. „Schei­ben­wi­scher“), son­dern den Zuschau­ern haupt­säch­lich Fak­ten um die Ohren haut. Natür­lich sorgt er dafür, dass dabei Poin­ten ent­ste­hen, aber das, was er da auf der Büh­ne erzählt, lässt sich auch in den seriö­ses­ten Zei­tun­gen nach­le­sen – nach Pis­pers Aus­sa­gen sei­ne ein­zi­gen Quel­len. Wie er Auf­klä­rung und Unter­hal­tung gleich­zei­tig lie­fert, das ist fast schon ein biss­chen mit der „Dai­ly Show“ ver­gleich­bar.

Die Idee, dass Kaba­rett die Welt ver­än­dern könn­te, wäre gänz­lich absurd. Das Publi­kum hat gutes Geld bezahlt, sich köst­lich unter­hal­ten gefühlt, mal laut­hals über die eige­ne und ander­erleuts Regie­rung gelacht und sich am Ende viel­leicht sogar ein paar Fak­ten und For­mu­lie­run­gen gemerkt. Aber wird man Nach­barn, Freun­de oder die obli­ga­to­ri­schen Stamm­tisch­brü­der zurecht­wei­sen, wenn die­se die Poli­tik eines Wolf­gang Schäub­le (ach, ein Zitat muss ich jetzt doch mal brin­gen: „Atten­tats­op­fer und Roll­stuhl­tä­ter“) gut­hei­ßen? Wird auch nur einer, nach­dem er sich einen Abend lang über Poli­ti­ker schlapp­ge­lacht hat, selbst in die Poli­tik gehen und etwas ändern wol­len?

Aber dar­um geht es ja gar nicht: Mis­sio­nie­rung ist sicher nicht Ziel des Kaba­retts, denn die, die hin­ge­hen, wis­sen ja eh zumeist, wie der Hase läuft, und die, die man wach­rüt­teln müss­te, die inter­es­siert das alles kein biss­chen. Trotz­dem reden die Leh­rer hin­ter­her bei einem Glas Rot­wein (und: ja, ich wünsch­te, das wäre ein­fach nur so ein halt­lo­ses Kli­schee, aber es ist natür­lich schmerz­haft wahr) über das, was sie da gehört haben. Sie sind für einen Abend mal pas­siv enga­giert gewe­sen und erzäh­len sich selbst noch ein­mal, dass bei­spiels­wei­se die Chan­ce, in Deutsch­land an Ärz­te­pfusch zu ster­ben, unend­lich höher ist als die, hier Opfer eines ter­ro­ris­ti­schen Anschlags zu wer­den. Das ist doch schon mal ein Anfang.

Und wo ich gera­de dabei bin: Das Fan­tas­ti­val, in des­sen Rah­men ich die­sen Kaba­rett­abend besu­chen durf­te, läuft noch zwei Wochen in Dins­la­ken. Kar­ten für das Kon­zert der Kili­ans kann man noch bis Mitt­woch bei uns gewin­nen.

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Rundfunk Politik Fernsehen

Acht- und Sachgeschichten

Ich glaub, ich ver­bring die nächs­ten Tage aus­schließ­lich mit Phoe­nix-Gucken. Das Pro­gramm, das die aus Hei­li­gen­damm sen­den, muss man sich so vor­stel­len, wie wenn ARD und ZDF letz­tes Jahr rund um die Uhr von der Fuß­ball-WM berich­tet hät­ten, aber die Kame­ras nach den Natio­nal­hym­nen hät­ten abschal­ten müs­sen.

Dafür gibt es die gan­ze Zeit Gesprä­che mit Exper­ten, die man sonst nie ken­nen­ge­lernt hät­te – vor­hin zum Bei­spiel mit dem Kli­ma­for­scher Mojib Latif. Zwi­schen­durch wird an die Front geschal­tet, wo Anwoh­ner vor­ge­stellt wer­den, die die Demons­tran­ten mit Kaf­fee ver­sor­gen, dann wer­den direkt hin­ter dem Mode­ra­tor Green­peace-Boo­te auf­ge­bracht. Wann bekommt man schon Welt­po­li­tik, Lokal­kollorit und Action gleich­zei­tig gebo­ten?

Ich hät­te mir aller­dings gewünscht, dass bei den Über­tra­gun­gen auch Lip­pen­le­ser zur Ver­fü­gung ste­hen. Zu gern hät­te ich erfah­ren, wor­über Nico­las Sar­ko­zy, Tony Blair, Wla­di­mir Putin und Geor­ge W. Bush mit Ange­la Mer­kel gescherzt haben. Über­haupt: Von Bush gab es heu­te Mor­gen eine sehr schö­ne Sze­ne, wie er mal wie­der die Bun­des­kanz­le­rin anflir­te­te.

Ich könn­te mir die­ses Geplän­kel stun­den­lang angu­cken. Und solan­ge die Staats- und Regie­rungs­chefs sich beneh­men wie Teen­ager auf Klas­sen­fahrt, kön­nen sie auch kei­ne poli­ti­schen Fehl­ent­schei­dun­gen tref­fen.

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Rundfunk Politik

„Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, …“

„… und mei­ne Wan­gen denen, die mich rauf­ten.“ (Jesa­ja 50,6)

In Köln fin­det ja gera­de der groß­an­ge­leg­te Gegen­ent­wurf zu G8-Gip­fel und ‑Gegen­de­mons­tra­tio­nen statt: der Evan­ge­li­sche Kir­chen­tag. Das ist mir irgend­wie sym­pa­thi­scher und die schö­ne­ren Bil­der gibt es da auch.

So ließ es sich der WDR gera­de nicht neh­men, wäh­rend der Gruß­wor­te von Frank-Wal­ter Stein­mei­er und Jür­gen Rütt­gers – die bei­de beim Ver­such einer Johan­nes-Rau-Imper­so­na­ti­on kläg­lich schei­ter­ten – demons­tra­tiv zu zei­gen, wie Zuschau­er den Ort des Gesche­hens ver­lie­ßen. Manch­mal ist ein Rücken eben eine deut­li­che­re Bot­schaft als eine Stirn oder gar Faust …

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Politik Digital

Mostly Harmless

Wir alle ken­nen Godwin’s Law:

As an online dis­cus­sion grows lon­ger, the pro­ba­bi­li­ty of a com­pa­ri­son invol­ving Nazis or Hit­ler approa­ches one.

Weil die immer­glei­chen Ver­glei­che natür­lich irgend­wann lang­wei­lig wer­den und die deut­sche Geschich­te ja noch mehr dunk­le Kapi­tel auf Lager hat, heißt die neue Königs­dis­zi­plin der Kra­wall­rhe­to­rik „Sta­si-Ver­glei­che“.

So kamen der­ar­ti­ge Ver­glei­che jüngst im Zusam­men­hang mit den ein­ge­sam­mel­ten Geruchs­pro­ben von G8-Geg­nern auf (wobei die Bezeich­nung „Sta­si-Metho­den“ da gar nicht mal so abwe­gig ist, immer­hin hat die Sta­si Geruchs­pro­ben gesam­melt). Gene­ral­bun­des­an­wäl­tin Moni­ka Harms sieht aber offen­bar weder den Ver­gleich, noch die Akti­on an sich beson­ders eng:

Nur weil eine Metho­de von der Sta­si in ganz ande­rem Zusam­men­hang ein­ge­setzt wur­de, heißt das noch nicht, dass sie für uns schon des­we­gen tabu ist.

Die­ser Satz wird umso beun­ru­hi­gen­der, je öfter man ihn liest – aber so viel Zeit haben wir gar nicht, denn die neu­es­te Sta­si-Äuße­rung (hier stän­dig frisch) kommt von Sil­via Schenk, der ehe­ma­li­gen Prä­si­den­tin des Bun­des Deut­scher Rad­fah­rer:

Eine Chan­ce hat der Rad­sport nur, wenn wie bei der Sta­si rigo­ros alle Schul­di­gen aus­sor­tiert wer­den.

Da kann man ja schon froh sein, dass (noch) nie­mand „Ent­do­ping­fi­zie­rungs­la­ger“ for­dert …

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Politik Rundfunk

Lug und Trug reloaded

Als ich gera­de den Fern­se­her ein­schal­te­te, rede­te gera­de Wolf­gang Schäub­le. Ich woll­te schon ent­setzt wie­der umschal­ten, aber das, was Schäub­le sag­te, mach­te mich neu­gie­rig:

Ich bin wirk­lich erschüt­tert, dass in einem sol­chen Maß gelo­gen und betro­gen wor­den ist.

„Nanu“, dach­te ich, „was fan­gen die denn jetzt plötz­lich wie­der mit der CDU-Spen­den­af­fä­re an?“

War natür­lich Blöd­sinn: Schäub­le hat­te nur kurz im Phra­sen­le­xi­kon für Spit­zen­po­li­ti­ker nach­ge­schla­gen, um sich zu den neu­es­ten (natür­lich total über­ra­schen­den) Ent­hül­lun­gen in Sachen Doping im Rad­sport zu äußern.

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Ronald Reagan Revisited

Der Bun­des­prä­si­dent hat ent­schie­den, von einem Gna­dener­weis für Herrn Chris­ti­an Klar abzu­se­hen.

Mit einer so unspek­ta­ku­lä­ren Ver­laut­ba­rung hat Bun­des­prä­si­dent Horst Köh­ler heu­te eine mona­te­lan­ge, hit­zi­ge Debat­te been­det und damit irgend­wie mal wie­der genau die rich­ti­gen Wor­te gefun­den. Die klü­ge­ren Poli­ti­ker haben die­se Ent­schei­dung des höchs­ten Man­nes im Staa­te ent­spre­chend auch als „sou­ve­rä­ne Ent­schei­dung des Bun­des­prä­si­den­ten“ ange­nom­men und dar­auf ver­zich­tet, noch ein­mal nach­zu­tre­ten.

Aber jetzt sit­zen wir hier, haben plötz­lich kein The­ma mehr für Talk­shows und Nach­rich­ten, Bei­trä­ge über das hei­ße Wet­ter kann man auch kei­ne mehr sen­den und Knut ist ver­mut­lich so gut wie aus­ge­wach­sen. Das lädt zu Gedan­ken­spie­len ein: Wie viel spek­ta­ku­lä­rer wäre es z.B. gewe­sen, wenn Horst Köh­ler sich vor die Kame­ras gestellt und Clint East­wood zitiert hät­te?

Gna­de ist heu­te aus!

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Politik

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt …

CSU-Gene­ral­se­kre­tär Mar­kus Söder hat Bun­des­prä­si­dent Horst Köh­ler ange­droht, im Fal­le einer Begna­di­gung Chris­ti­an Klars eine zwei­te Amts­zeit zu ver­wei­gern.

Mag irgend­je­mand wet­ten, wie Söders Gegen­vor­schlag lau­ten könn­te?