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Der Klammeraffenbumerang

Über die Inter­net­kom­pe­tenz von Poli­ti­kern ist gera­de in den letz­ten Tagen viel gespot­tet wor­den und tat­säch­lich habe ich manch­mal den Ein­druck, dass mei­ne 76-jäh­ri­ge Groß­mutter bes­ser mit dem Com­pu­ter umzu­ge­hen weiß als so man­cher Bun­des­mi­nis­ter. (Ver­mut­lich auch bes­ser als eini­ge 25-Jäh­ri­ge, aber dar­um soll es nicht gehen.)

Manch­mal aller­dings ist es um die Inter­net­kom­pe­tenz von Poli­ti­kern (oder ihren Mit­ar­bei­tern) dann viel­leicht doch nicht so schlecht bestellt, wie man­cher Beob­ach­ter das ger­ne hät­te. Das sieht dann zum Bei­spiel so aus wie in der Kolum­ne „Unse­re Woche“ in der Jörg Wer­ner, der Dins­la­ke­ner Lokal­chef der „Rhei­ni­schen Post“, am ver­gan­ge­nen Sams­tag schrieb:

Und zum Schluss noch dies: Dinslakens SPD-Bürgermeisterkandidat Dr. Michael Heidinger hat das Wahlvolk in dieser Woche mit seinem Internet-Auftritt beglückt. Nun wollen wir gar nicht darüber rechten, wie altbacken das von ihm vorgestellte Wahllogo ist. Das ist schließlich Geschmackssache. Eines allerdings gibt uns zu denken. Wer dem Kandidaten eine Mail mailen möchte, sollte dies, so stand es jedenfalls noch gestern nachmittag im Impressum der Seite, unter buergermeister-fuer-dinslaken(ät)arcor.de tun. Mensch, lieber Dr. Heidinger, groß herausposaunen, dass man jetzt einen tollen Internet-Auftritt hat und dann das @-Zeichen nicht finden ... Ist das professionell? Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende.

Ich schrieb mei­nem frü­he­ren Chef am Sonn­tag­abend, dass Hei­din­ger die­se obsku­re Schreib­wei­se ver­mut­lich gewählt habe, damit die E‑Mail-Adres­se nicht so leicht von Spam­bots gefun­den wer­de, die das Inter­net durch­fors­ten. (Das dürf­te zwar heut­zu­ta­ge kaum noch wir­kungs­voll sein, aber die Web­site sieht ja auch nicht gera­de aus, als stam­me sie aus dem Jahr 2009.)

Jörg Wer­ner reagier­te prompt und vor­bild­lich, indem er am Diens­tag auf der ers­ten Sei­te des Lokal­teils schrieb:

Professionelles (ät): Auf ein Wort in eigener Sache: Redaktionsleiter, wer hätte das gedacht, sind nicht unfehlbar. Sie sind, ich habe kein Problem, das zuzugeben, nicht allwissend. Aber sie lernen täglich dazu. Warum ich das erzähle? Na ganz einfach, ich hab was dazu gelernt. Da hab ich doch am Samstag die Frage gestellt, ob der Internetauftritt des SPD-Bürgermeisterkandidaten Dr. Michael Heidinger tatsächlich professionell ist, weil das gewohnte @-Zeichen dort durch ein (ät) ersetzt worden ist. Die Antwort auf diese Frage ist: Ja. Denn dieses (ät) gilt, wie ich mich inzwischen habe belehren lassen, als Mittel, sich vor automatischen Programmen auf der Suche nach Adressen für Spam-Mails zu schützen. Nun gut, das kannte ich bislang nur in der Version (at), ob's tatsächlich effektiv hilft, ist auch nicht unumstritten und über die Frage, ob der Trick nicht eher dazu dient, die Erreichbarkeit des Kandidaten für Otto-Normalcomputerbenutzer zu behindern, ließe sich auch philosophieren Aber hier ist nicht der Platz zum Haare spalten. Also, Asche auf mein Haupt, Herr Dr. Heidinger. Die nächste kritische Anmerkung, ich versprech's, trifft aber wieder mitten ins Schwarze. Jörg Werner.

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Klickbefehl (18)

[D]as Inter­net, ver­tre­ten durch die, die dort anzu­tref­fen sind, mag es nicht, wenn man es nicht mag. Es ist dann schnell belei­digt, denn es ist noch jung und nicht beson­ders sou­ve­rän. Aber das ver­wächst sich sicher noch.

Peter Rich­ter hat ges­tern in der „Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Sonn­tags­zei­tung“ über die Zukunft des Buches geschrie­ben (so viel vor­weg: Es gibt eine). Es ist ein klu­ger, mit­un­ter sehr komi­scher Arti­kel, der gegen Ende lei­der ein biss­chen zu sehr in Rich­tung der „Goog­le ist böse!“-Linie der Ver­la­ge abrutscht.

Man soll­te ihn aber trotz­dem gele­sen haben und das kann man bei FAZ.net jetzt tun.

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Queen – „Park Avenue“ 1:0

Gera­de bin ich bei einer Recher­che zufäl­li­ger­wei­se über das hier gestol­pert:

Tritt Queen Eliza­beth II. in die­sem Jahr zurück?

Ham­burg (ots) – „Die Gerüch­te meh­ren sich, die Köni­gin pla­ne kei­nen behut­sa­men Rück­zug aus dem Amt, son­dern einen dra­ma­ti­schen Schritt“, schreibt Peter Obor­ne in der neu­en PARK AVENUE (erscheint am 25. April 2006). Viel­leicht noch in die­sem Jahr?

Queen Eliza­beth II. ist bekannt­lich immer noch im Amt – „Park Ave­nue“ hin­ge­gen

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Deutschlands führende Nacktrichten-Portale

Frü­her galt es unter pro­mi­nen­ten Frau­en als der letz­te Ret­tungs­an­ker, sich (halb-)nackt für irgend­wel­che Her­ren­ma­ga­zi­ne ablich­ten zu las­sen, um noch ein biss­chen Geld und Auf­merk­sam­keit ein­zu­strei­chen.

Heu­te sind die Frau­en nicht mehr pro­mi­nent und sie ste­hen am Anfang, nicht am Ende einer Kar­rie­re, wenn sie sich aus­zie­hen. Aller­dings hat es den Anschein, als wür­den nicht pri­mär sie von sol­chen Fotos pro­fi­tie­ren, son­dern das jewei­li­ge Maga­zin, dass sich – wie bereits erwähnt – über jede Men­ge kos­ten­lo­ser Wer­bung freu­en kann:

 Topmodel in der FHM - Tessa: „Guter Sex kann kurz sein“
(express.de)

Heidis Topmodel Tessa zeigt die Brüste - Oberzicke Tessa strippt vor einer Kamera und erscheint in der aktuellen Ausgabe des Männermagazins FHM.
(hna.de)

GNTM: Topzicke Tessa zeigt sich hüllenlos. Die Topmodel-Kandidatin Tessa zeigt Ihren Traumkörper und verrät pikante Details aus ihrem Liebesleben. Die Bilder!
(oe24.at)

Weitaus niveauvoller, aber nicht minder heiß, sind die Unterwäschebilder, die Tessa im Männermagazin FHM zeigen.
(„Schwä­bi­sche Zei­tung“)

Und dann sind da natür­lich noch die übli­chen Trash-Por­ta­le:

Die Enthüllung der Tessa: Nachrichten, 06.03.2009, DerWesten. Tessa macht ernst: lange vor dem Ende der vierten Staffel von "Germany´s next Topmodel" hat sie ihr Cover-Shooting hinter sich gebracht.
(derwesten.de)

Topmodel-Zicke sexy in der FHM: Heidi, guck mal, das ist deine Tessa! Was die Model-Mama wohl zu diesen Bildern sagt? Topmodel-Kandidatin Tessa Bergmeier (19) – immer wieder für eine Überraschung gut! Ihr jüngster Coup: ein FHM-Shooting im Puff! Tessa lasziv in sexy Dessous, Tessa wie sie ihr eigenes Spiegelbild anschmachtet.
(Bild.de)

Tessa Bergmeier in einem Männermagazin
Da wird Heidi aber Augen machen. Düsseldorf (RPO). Was wäre
(„RP Online“)

Las­sen Sie sich von dem Wort „Män­ner­ma­ga­zin“ übri­gens nicht irri­tie­ren: „RP Online“ ver­rät den Namen des Maga­zins natür­lich noch und ver­linkt auch dar­auf. Und auf die eige­ne, dies­mal nur zehn­tei­li­ge Bil­der­ga­le­rie zum The­ma.

Ich habe die Leu­te von derwesten.de, die ihre sieb­zehn­tei­li­ge Klick­stre­cke via twit­ter ange­prie­sen hat­ten, gefragt, ob es eigent­lich ein Gesetz gebe, dass einen zur Bericht­erstat­tung über aktu­el­le FHM-Titel­bil­der ver­pflich­tet.

Die über­ra­schen­de Ant­wort:

@coffeeandtv Nein, kein Gesetz. Aliens vom Planeten Zargon sind in der Redaktion gelandet und zwingen uns mit vorgehaltener Laserwaffe dazu.

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Klickbefehl (16)

In einer rie­si­gen Bei­trags­se­rie, die mich mit­un­ter an Beses­sen­heit glau­ben lässt, doku­men­tiert Jens vom Pott­blog die „Umstruk­tu­rie­rung“ des WAZ-Kon­zerns, was im Wesent­li­chen heißt: Eigen­stän­dig­keit der ein­zel­nen Titel auf­ge­ben, Leu­te ent­las­sen und völ­lig den Bezug zur Rea­li­tät ver­lie­ren. (In der letz­ten Dis­zi­plin sind WAZ-Chef­re­dak­teur Ulrich Reitz und WAZ-Grup­pen-Geschäfts­füh­rer Bodo Hom­bach beson­ders gut, denn sie waren frü­her bei der „Rhei­ni­schen Post“ bzw. im Kabi­nett Schrö­der.)

Gera­de hat er den Brief eines anony­men WAZ-Mit­ar­bei­ters ver­öf­fent­licht, in dem die­ser (oder die­se) sich über die letz­te Betriebs­ver­samm­lung aus­lässt und sehr schlüs­sig erklärt, war­um die Lokal­tei­le (die ja das eigent­lich bzw. ein­zig Inter­es­san­te an den WAZ-Titeln sind) so schlecht sind, wie sie sind: Zu wenig Per­so­nal, zu vie­le Anfor­de­run­gen gleich­zei­tig, Kon­zen­tra­ti­on auf ande­re Sachen (wie den Man­tel­teil und derwesten.de).

Es ist ein wüten­des, aber nichts­des­to­trotz sehr lesens­wer­tes Doku­ment, das sicher kei­ne allei­ni­ge Erklä­rung für das Zei­tungs­ster­ben ist, aber sehr schön auf­zeigt, wie weit sich Chefs von ihren Ange­stell­ten ent­fer­nen kön­nen.

„WAZ-Betriebs­ver­samm­lung: Was für eine Schei­ße!“ im Pott­blog

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Der „Spiegel“ muss in Zweifelhaft

Natür­lich sieht das immer ein biss­chen komisch aus, wenn man den eige­nen Arbeit­ge­ber lobt, aber die­ses Titel­bild hät­te ich auch dann gut gefun­den, wenn ich nicht stu­den­ti­sche Hilfs­kraft beim „Frei­tag“ wäre:

Merkels neues Gesicht

Frü­her hät­te man sol­che Titel­gra­fi­ken auf dem „Spie­gel“ gefun­den – und da wäre die Umset­zung zuge­ge­be­ner­ma­ßen auch noch ein biss­chen bes­ser gewe­sen.

Aber der „Spie­gel“ ist schon lan­ge das, was offen­bar jede Medi­en­le­gen­de hier­zu­lan­de („Tages­schau“, das „Mit­tags­ma­ga­zin“ auf WDR 2, Tho­mas Gott­schalk, Harald Schmidt) wer­den muss: ein Schat­ten sei­ner selbst. Und des­halb sieht sein Cover heu­te so aus:

Fremde Freunde - Vom zweifelhaften Wert digitaler Beziehungen

Ob und inwie­fern social net­works unser Leben und unse­ren Umgang mit­ein­an­der beein­flus­sen, ist ja ein The­ma, an dem ich mich das ein oder ande­re Mal abzu­ar­bei­ten ver­sucht habe.

Mein grund­sätz­li­ches Inter­es­se war aber bei der Über­schrift (ein Wun­der, dass sie nicht „Fal­sche Freun­de“ lau­te­te) recht schnell ver­raucht. Ich muss­te den Arti­kel aber gar nicht erst lesen und mich dar­über auf­re­gen, denn bei­des hat Tho­mas Knü­wer dan­kens­wer­ter­wei­se schon über­nom­men.

PS: Mar­kus Becke­dahl von netzpolitik.org hat­te schon ges­tern auf den Arti­kel ver­wie­sen und ihn für nicht ganz so schei­ße befun­den. Er ver­weist zusätz­lich auf ein Inter­view mit dem Lei­ter des „Spiegel“-Hauptstadtbüros, in dem die­ser sich mit der Aus­sa­ge zitie­ren lässt, er sei „so gut wie gar nicht im Netz unter­wegs“ und kön­ne des­halb kei­ne gute Web­site emp­feh­len.

PPS: Ich habe ges­tern mit einer Über-Sieb­zig­jäh­ri­gen Ver­wand­ten tele­fo­niert, die mei­nes Wis­sens noch nie vor einem Com­pu­ter geses­sen hat, und die trotz­dem eine sehr viel dif­fe­ren­zier­te­re und posi­ti­ve­re Mei­nung zu Blogs (sie benutz­te wirk­lich das Wort „Blog“) und Inter­net hat­te, als ich sie beim „Spie­gel“ je erlebt habe.

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Alltägliche, aber allerliebste Alliterationen

Viel­leicht muss ich dem­nächst noch ein Toch­ter­blog auf­ma­chen: das für schö­ne Über­schrif­ten.

Nach­dem die Lokal­re­dak­teu­re aus Dins­la­ken letz­te Woche gut vor­ge­legt hat­ten, woll­ten die Zei­tungs­ma­cher einer ande­ren Stadt nicht hint­an­ste­hen:

Bald blühen bunte Blumen

Wo man der­art lieb­li­che Stab­rei­me mit „B“ aus dem Ärmel schüt­telt?

Na, in Bochum natür­lich!

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Versackzentrum

Beim gro­ßen Dins­la­ke­ner Kar­ne­vals-Über­schrif­ten-Wett­be­werb war die „Rhei­ni­sche Post“ bekannt­lich vor­ges­tern in Füh­rung gegan­gen.

Das konn­te die „Neue Rhein Zei­tung“ natür­lich nicht auf sich sit­zen las­sen und leg­te heu­te nach:

Architektur: In der Altstadt versackt. NRZ, Niederrhein, 25.02.2009, Andreas Gebbink

Aber auch hier gilt wie­der: Alles ganz anders gemeint.

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Das Trinkfest

Ich muss ja zuge­ben: Für einen Moment dach­te ich: „Da hat die ‚Rhei­ni­sche Post‘ aber mal ein schö­nes Syn­onym für ‚Kar­ne­val‘ gefun­den!“

Dinslaken: Aktionswoche Alkohol

Es ging dann aber doch um ganz was ande­res

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Die gute Nachricht: Karneval fällt aus …

Schokoladenosternhasen

Medi­en­blog­ger: Wann, wet­ten wir denn, wird „Vani­ty Fair“ in Deutsch­land ein­ge­stellt?
Medi­en­jour­na­list: 1. Jah­res­hälf­te 2009?
Medi­en­blog­ger: Ostern.
Medi­en­jour­na­list: Ja.

(Zwei Pro­phe­ten, die anonym blei­ben wol­len, am 24. Novem­ber 2008)

Nun ist „Ostern“ ein dehn­ba­rer Begriff ange­sichts der vie­len Scho­ko­la­den­os­ter­ha­sen, die es bereits vor Kar­ne­val (und der gute Christ weiß: damit mehr als sie­ben Wochen vor Ostern) zu kau­fen gibt. Aber ein biss­chen über­rascht war ich dann doch, als der Medi­en­dienst Kress heu­te das Ende der 50-Mil­lio­nen-Euro-Zeit­schrift ver­kün­de­te, was kurz dar­auf vom Ver­lag Con­dé Nast bestä­tigt wur­de.

Gut: Gele­sen hat­te ich „Vani­ty Fair“ lan­ge nicht mehr, nach dem Abgang von Ulf „Poschi“ Pos­ch­ardt gar nicht mehr, auch sonst kann­te ich kei­ne Leser und Ver­lags­chef Bernd Run­ge war erst vor kur­zem zurück­ge­tre­ten.

Das Ende der deut­schen „Vani­ty Fair“ ist trotz­dem scha­de: Ers­tens hat es damit ein zwar jun­ges, aber nam­haf­tes Maga­zin erwischt, was die „Young„s und „Tomorrow„s der letz­ten Woche noch ein­mal toppt. Und zwei­tens haben wir uns bei Cof­fee And TV immer beson­ders mit „Vani­ty Fair“ ver­bun­den gefühlt – schließ­lich sind wir fast am glei­chen Tag gestar­tet.

Wir ver­spre­chen dann mal, min­des­tens eine Woche län­ger durch­zu­hal­ten, und wür­den die wei­ßen Möbel wohl neh­men, ehe sie auf dem Sperr­müll lan­den.

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Relaunch My Fire

Ich habe ja nie ernst­haft in einer Redak­ti­on gear­bei­tet, könn­te mir aber vor­stel­len, dass an dem Tag, an dem man dort beschließt, den gra­fi­schen Auf­tritt des Pro­dukts zu über­ho­len (also zu „relaun­chen“), dass an die­sem Tag also neben Gra­fi­kern auch Ner­ven­ärz­te und Seel­sor­ger die Redak­ti­ons­räu­me bezie­hen. Die Gra­fi­ker für das Design, die Seel­sor­ger für die Leser­be­schwer­den und die Ner­ven­ärz­te für die von den eige­nen Lesern gepei­nig­ten Redak­teu­re.

Wie kon­ser­va­tiv ein Mensch wirk­lich ist, kann man ganz leicht über­prü­fen, indem man sei­ne Tages­zei­tung neu gestal­tet: Men­schen, die alle paar Jah­re mit ihren jewei­li­gen Part­nern umzie­hen, viel Geld bei der Typ­be­ra­tung las­sen und nicht davor zurück­schre­cken wür­den, Pri­vat­fern­seh-Wohn­raum­ex­per­ten durch ihre eige­nen vier Wän­de pflü­gen zu las­sen, legen eine erschüt­tern­de Kom­pro­miss­lo­sig­keit an den Tag, wenn es um ihre täg­li­che Lek­tü­re geht. Was inso­fern erstaun­lich ist, als mir spon­tan kei­ne ein­zi­ge deut­sche Zei­tung oder Zeit­schrift ein­fie­le, die wirk­lich unein­ge­schränkt schön und in ihrem jet­zi­gen Zustand bewah­rens­wert wäre. Aber Leser fin­den den Relaunch ja in der Regel auch nicht häss­lich, son­dern nur anders.

Inso­fern wün­sche ich den Redak­teu­ren vom „Musik­ex­press“ jetzt schon mal viel Kraft (und sta­bi­le Tisch­plat­ten) für die nächs­ten Wochen. Wie ich näm­lich kürz­lich am Bahn­hof fest­stel­len muss­te, ist das Blatt ganz neu gestal­tet wor­den und sieht jetzt end­lich auch so aus wie „intro“, „Spex“, „Neon“, „Zeit Cam­pus“ und „brand:eins“.

Der neue "Musikexpress"

Der neue "Musikexpress"

Der neue "Musikexpress"

Der neue "Musikexpress"

Der neue "Musikexpress"

Als Design-inter­es­sier­ter, aber weit­ge­hend ‑unkun­di­ger Leser wür­de ich sagen: Die neue Über­schrif­ten-Schrift­art (die mich ein biss­chen an die im „New Yor­ker“ erin­nert) ist gar nicht schlecht, die neue Stan­dard-Schrift­art nett, aber ver­braucht (s.o.). Die Idee, Über­schrif­ten über mehr als eine Heft­sei­te zu zie­hen („Selek­tor“), wirkt auf den ers­ten Blick ori­gi­nell, ist aber ver­mut­lich auch schon zehn Jah­re alt, und das, was da bei „Spielt die Gren­zen fort“ pas­siert ist, sieht eher wie ein Unfall aus als wie eine Über­schrift.

Gut gefällt mir die Kom­bi­na­ti­on aus eng beschrie­be­nen Spal­ten und den rela­tiv gro­ßen Weiß­flä­chen (wobei Weiß­flä­chen ver­mut­lich auch „sooo 2002“ sind) – nur in der „News“-Rubrik hät­te min­des­tens ein Tren­ner-Sym­bol zwi­schen den ein­zel­nen Mel­dun­gen Not getan.

Dafür, dass ich so sel­ten Musik­zeit­schrif­ten lese (und der US-„Rolling Stone“ auf dem Gebiet ein zeit­lo­ses Klas­si­ker-Design vor­ge­legt hat), gefällt mir der neue „Musik­ex­press“ ganz gut. War­um es aller­dings plötz­lich ein Pos­ter als Bei­la­ge braucht (so wie seit einem hal­ben Jahr in der „Visi­ons“), erschließt sich mir nicht so ganz. Mit Man­do Diao und Peter Fox zeigt die­ses auch noch zwei Acts, die man genau­so gut in der „Bra­vo“ fin­den könn­te.

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Der letzte Strohhalm könnte blühen

Blühende Strohhalme (Symbolfoto: Lukas Heinser)

In der letz­ten tages­ak­tu­el­len Fern­seh­sen­dung, die ich mir noch anse­he, der „Dai­ly Show“, war am Mon­tag der Jour­na­list Wal­ter Isaac­son zu Gast, um über die Zukunft des Jour­na­lis­mus zu spre­chen:

Hier kli­cken, um den Inhalt von media.mtvnservices.com anzu­zei­gen.

Im Wesent­li­chen hat er dabei (das war ja der Auf­hän­ger sei­nes Auf­tritts) sei­ne Titel­sto­ry aus dem aktu­el­len „Time“-Magazine para­phra­siert: Ein Jour­na­lis­mus, der sich nur auf Wer­be­kun­den ver­las­se, ver­lie­re ers­tens sei­ne Bin­dung zum Rezi­pi­en­ten und kön­ne zwei­tens in Kri­sen­zei­ten (so wie … jetzt) schnell ganz ohne Geld daste­hen, so Isaac­son.

Aber er hat ja schon eine Idee:

So I am hoping that this year will see the dawn of a bold, old idea that will pro­vi­de yet ano­ther opti­on that some news orga­niza­ti­ons might choo­se: get­ting paid by users for the ser­vices they pro­vi­de and the jour­na­lism they pro­du­ce.

Das klingt in Zei­ten, in denen eine zuneh­men­de Zahl von Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten ihre Archi­ve kos­ten­los ins Inter­net stellt und Goog­le das Sei­ne dazu bei­trägt, zunächst ein­mal völ­lig ana­chro­nis­tisch.

Isaac­son manö­vriert sich dann auch etwas in argu­men­ta­ti­ven Treib­sand, wenn er ange­sichts einer blü­hen­den Open-Source-Sze­ne aus­ge­rech­net Bei­spie­le wie die­ses anführt:

For exam­p­le, when Bill Gates noti­ced in 1976 that hob­by­ists were free­ly sha­ring Alta­ir BASIC, a code he and his col­le­agues had writ­ten, he sent an open let­ter to mem­bers of the Home­brew Com­pu­ter Club tel­ling them to stop. „One thing you do is pre­vent good soft­ware from being writ­ten,“ he rai­led. „Who can afford to do pro­fes­sio­nal work for not­hing?“

Ande­rer­seits weiß auch ich – bei aller Sym­pa­thie für Open Source, Musik-Ver­schen­ken und ähn­li­chem -, dass wir alle irgend­wie Geld ver­die­nen müs­sen. Auch ich wür­de ger­ne irgend­wann mal eine Fami­lie ernäh­ren kön­nen.

Und so kommt Isaac­son zu einem Schluss, dem ich mir eigent­lich nur anschlie­ßen kann:

We need some­thing like digi­tal coins or an E‑ZPass digi­tal wal­let — a one-click sys­tem with a real­ly simp­le inter­face that will per­mit impul­se purcha­ses of a news­pa­per, maga­zi­ne, artic­le, blog or video for a pen­ny, nickel, dime or wha­te­ver the crea­tor choo­ses to char­ge.

Isaac­son denkt dabei an lächer­lich erschei­nen­de Prei­se (5 Cent pro Arti­kel, 10 Cent für eine Tages­aus­ga­be, 2 Dol­lar für einen Monat), die sich aber sicher schnell ordent­lich sum­mie­ren wür­den.

iTu­nes und der App­s­to­re fürs iPho­ne bewei­sen, dass Men­schen durch­aus bereit sind, Geld für Pro­duk­te zu zah­len – es muss nur ganz ein­fach funk­tio­nie­ren. Als Bezah­lung für jour­na­lis­ti­sche Arbeit (dann aber bit­te gute!) wären soge­nann­te Micro­pay­ment-Sys­te­me durch­aus denk­bar. Man müss­te nur erst­mal eines (er)finden, das ein­fach funk­tio­niert und uni­ver­sell ein­setz­bar ist.

Die nächs­ten Schrit­te wären klar: Wenn jeder Geld zah­len und emp­fan­gen könn­te, könn­ten Nach­wuchs­bands vir­tu­el­le Hüte auf ihrer MySpace-Sei­te auf­stel­len, wir könn­ten Blog­gern ein paar Cent zuste­cken, wenn uns ihre Arti­kel gefal­len haben, oder dem Foto­gra­fen unse­res Desk­top-Hin­ter­grund­bil­des eine klei­ne finan­zi­el­le Auf­merk­sam­keit zukom­men las­sen.

Und wir könn­ten noch wei­ter gehen: Statt Rund­funk­ge­büh­ren über eine kaf­ka­es­ke Behör­de ein­zie­hen zu las­sen, könn­ten sich die öffent­lich-recht­li­chen Sen­der direkt ent­loh­nen las­sen. Nie­mand, den es nicht inter­es­siert, müss­te noch die viel­zi­tier­ten Volks­mu­sik-Sen­dun­gen sub­ven­tio­nie­ren. Das Geld könn­te direkt in die ein­zel­nen Redak­tio­nen flie­ßen und mein Geld wür­de zu null Pro­zent in Eins-Live-Come­dy gesteckt, aber an die Macher des „Zeit­zei­chens“ gehen.