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No Meat Today

Ich weiß, das The­ma ist alt und eigent­lich längst … geges­sen, aber gera­de popp­te in mei­nem Gehirn dann doch noch eine Fra­ge zum soge­nann­ten „Veggie Day“ auf:

War­um wäre es eigent­lich empö­rend, wenn der Staat uns vor­schrie­be, was wir (oder: Men­schen, die in einer Kan­ti­ne essen müs­sen) an einem Wochen­tag nicht essen sol­len, aber es ist über­haupt nicht empö­rend, wenn eine Fir­ma, die bei der Aus­schrei­bung des Kan­ti­nen­be­triebs am bil­ligs­ten war, uns vor­schreibt, was wir an allen Tagen essen sol­len?

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Wie das Brötchen vor der Schlange

Ver­gan­ge­ne Woche fei­er­te die Gur­ken­ver­ord­nung der EU ihren 25. Geburts­tag. Es war ein trau­ri­ges Fest, denn die Ver­ord­nung weilt inzwi­schen nicht mehr unter uns. Den­noch ist sie zum Sym­bol gewor­den für den Regu­lie­rungs­wahn der Euro­päi­schen Uni­on – und schuld dar­an, dass Jour­na­lis­ten und Bür­ger der EU wirk­lich jeden Unfug zutrau­en.

Gesetz­lich gänz­lich unge­re­gelt ist aller­dings eine der größ­ten All­tags­gei­ßeln der Zivi­li­sa­ti­on: die War­te­schlan­ge. Man kennt sie in der Super­markt-Vari­an­te aus dem Klein­kunst-Dau­er­bren­ner „Die ande­re Schlan­ge ist immer schnel­ler“, als Num­mern­re­vue aus dem Bür­ger­bü­ro und – in ihrer wil­des­ten und unüber­sicht­lichs­ten Form – aus der Bäcke­rei.

Der deut­sche Durch­schnitts­bür­ger hat pani­sche Angst davor, über­gan­gen zu wer­den. Des­halb bil­det er am Bahn­steig eine im Prin­zip mensch­li­che, aber meist eher an Zom­bies gemah­nen­de Wand vor sich öff­nen­den Zug­tü­ren – die Bahn könn­te ja sonst ohne ihn los­fah­ren. Des­halb bleibt er in der U‑Bahn ste­hen, sobald er ein­ge­stie­gen ist – wenn er wei­ter durch­gin­ge und den gan­zen Wag­gon aus­nut­zen wür­de, könn­te er ja an sei­ner Ziel­hal­te­stel­le unter Umstän­den nicht recht­zei­tig aus­stei­gen. Jeder ist sich selbst der Nächs­te, nur die Stärks­ten über­le­ben.

Wäh­rend das Kli­schee besagt, dass Bri­ten sogar an jeder Bus­hal­te­stel­le in Reih und Glied war­ten, las­sen sich Deut­sche, wie­wohl stets zur Polo­nai­se bereit, meist nur unter Ein­satz von Waf­fen, min­des­tens aber von Gurt­pfos­ten, zum kor­rek­ten Schlan­ge­ste­hen zwin­gen.

Als die Deut­sche Post vor eini­gen Jah­ren das ein­zig sinn­vol­le War­te­sys­tem, die zen­tra­le War­te­schlan­ge, ein­führ­te, ver­glich die „Süd­deut­sche Zei­tung“ die­se mit dem „Prin­zip Wurst­the­ke“. Das mag zutref­fen, solan­ge es genau eine Bedie­nung hin­ter die­ser Wurst­the­ke gibt. Sind es aber zwei oder mehr, ist das Cha­os vor­pro­gram­miert – womit wir wie­der in der Bäcke­rei wären.

Hin­ter der The­ke ste­hen drei, vier, an Sonn­tag­mor­gen viel­leicht sogar fünf Ver­käu­fe­rin­nen. Theo­re­tisch neben­ein­an­der, prak­tisch wuseln sie zwi­schen Mohn­bröt­chen, Crois­sants und Mehr­korn­bro­ten umher wie Amei­sen in ihrem Bau – wie Amei­sen wis­sen sie aber auch genau, was sie tun und wo sie hin­müs­sen. Womit sie sich grund­le­gend von ihren Kun­den unter­schei­den.

Die ste­hen auf der ande­ren Sei­te der The­ke und ver­su­chen, sich an den Posi­tio­nen der auf­ge­stell­ten Kas­sen oder den Ver­käu­fe­rin­nen zu ori­en­tie­ren, und bil­den dabei drei, vier, fünf (die Anzahl kann auch schon mal die der Ver­käu­fe­rin­nen über­stei­gen) Mikro­schlan­gen, die sich aber nicht im rech­ten Win­kel zur The­ke posi­tio­nie­ren (das ist zumeist schon archi­tek­to­nisch aus­ge­schlos­sen), son­dern par­al­lel dazu. Dadurch bleibt für alle Betei­lig­ten – war­ten­de Kun­den, Ver­käu­fe­rin­nen, neu ein­tre­ten­de Kun­den, evtl. zu Hil­fe eilen­de UN-Blau­hel­me – völ­lig unklar, wie vie­le Schlan­gen es gibt, und wer in wel­cher steht. Das Ergeb­nis: Neid, Miss­gunst, Zwie­tracht.

Wie oft habe ich es als Kind erlebt, dass ich beim sams­täg­li­chen Bröt­chen­kauf schlicht über­gan­gen wur­de. Ich konn­te ja noch nicht mal über die The­ke schau­en und dann waren da auch noch all die­se alten Men­schen, die sich ein­fach vor­ge­drän­gelt haben! Und wie froh ich war, als die Bäcke­rei in unse­rem nie­der­län­di­schen Urlaubs­ort eine Num­mern­aus­ga­be ein­führ­te! Da konn­te man abschät­zen, wie lan­ge man noch war­ten muss, bis man auch wirk­lich bedient wird – und in der Zwi­schen­zeit schon mal einen hal­ben Tag an den Strand gehen oder eine mitt­le­re Fahr­rad­tour unter­neh­men.

Auch heu­te sind es häu­fig noch Rent­ner, die glau­ben, schon „dran“ zu sein. Man kann ihnen da aller­dings nur schwer­lich Vor­wür­fe machen: Die Lage ist ja meis­tens fast so unüber­sicht­lich wie in Syri­en und nach eini­gen Jah­ren, in denen man dau­ernd über­gan­gen wur­de, gewöhnt man sich an, auf die leicht pani­sche Fra­ge der Ver­käu­fe­rin­nen, wer der Nächs­te sei, mit „Ich!“ zu ant­wor­ten. Sind wir nicht alle ein biss­chen FDP?

Es ist daher erstaun­lich, dass die Grü­nen, die doch sonst alles regu­lie­ren wol­len, in ihrem Wahl­pro­gramm dem Kon­flikt­herd in jeder Nach­bar­schaft kei­ne ein­zi­ge Zei­le wid­men. Eine Par­tei, die sich für eine sinn­vol­le Orga­ni­sa­ti­on von Bäcke­rei-War­te­schlan­gen stark macht, hät­te durch­aus mei­ne Sym­pa­thien.

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Niemand will den Hund begraben

Mein Onkel Tho­mas, der seit 27 Jah­ren in San Fran­cis­co, CA lebt und dort als Foto­graf arbei­tet, hat ver­gan­ge­nes Wochen­en­de sei­ne Aus­stel­lung „Blick­win­kel“ eröff­net, die ich Ihnen auch dann ans Herz legen wür­de, wenn ich nicht mit dem Künst­ler ver­wandt wäre. Zu sehen ist die­se Werk­schau im Muse­um Vos­win­ckels­hof in Dins­la­ken, wo wir bei­de auf­ge­wach­sen sind. 1 Bei der Eröff­nung, bei der das Muse­um fast aus allen Näh­ten platz­te, sprach die stell­ver­tre­ten­de Bür­ger­meis­te­rin ein Gruß­wort, in dem sie Tho­mas Hein­ser in eine Rei­he mit berühm­ten Ex-Dins­la­ken­ern wie Ulrich Dep­pen­dorf (Lei­ter des ARD-Haupt­stadt­stu­di­os), Udo Di Fabio (Rich­ter am Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt) und Andre­as Deja (Chef­zeich­ner bei Dis­ney) stell­te. Dins­la­ken, so erklär­te sie, sei „natür­lich“ zu klein für die wirk­lich gro­ßen Geis­ter, die die Stadt des­we­gen für die Metro­po­len die­ser Welt ver­las­sen, aber stets ger­ne in ihre alte Hei­mat zurück­keh­ren wür­den. 2

In der Migra­ti­ons­theo­rie unter­schei­det man zwi­schen Pull- und Push­fak­to­ren, wenn es die Men­schen aus einer Regi­on in eine ande­re zieht bzw. treibt. Pull­fak­to­ren für soge­nann­te Krea­ti­ve sind etwa Kunst­hoch­schu­len und Jobs in Agen­tu­ren, die sie in die gro­ßen Kul­tur­me­tro­po­len zie­hen. Ein Push­fak­tor von Dins­la­ken wäre zum Bei­spiel Dins­la­ken.

Im Herbst 2011 eröff­ne­te in einem Laden­lo­kal in der Dins­la­ke­ner Innen­stadt, das zuvor unter ande­rem eine Espres­so­bar und ein Schuh­ge­schäft beher­bergt hat­te, die Gast­stät­te Vic­tor Hugo. Ein paar jun­ge Män­ner, die Dins­la­ken merk­wür­di­ger­wei­se nicht ver­las­sen hat­ten, hat­ten ihre Erspar­nis­se zusam­men­ge­schmis­sen und eröff­ne­ten ohne Unter­stüt­zung von Braue­rei­en, Ver­ei­nen oder Stadt­ver­wal­tung einen Laden, der mehr sein soll­te als nur Knei­pe: Mit Lesun­gen, Akus­tik­kon­zer­ten, Pub Quiz­zes und Poet­ry Slams soll­te ein biss­chen stu­den­ti­sche Kul­tur Ein­zug hal­ten in eine Stadt, deren ein­zi­ge Ver­bin­dung zu Uni­ver­si­tä­ten sonst der Bahn­hof ist.

Zur Eröff­nung war­ben die Macher des Vic­tor Hugo mit einem Zitat ihres Namens­pa­trons: „Nichts auf der Welt ist so mäch­tig wie eine Idee, deren Zeit gekom­men ist.“ Die kon­kre­te Idee war viel­leicht nicht revo­lu­tio­när, aber gut, die Zeit war sicher­lich gekom­men, aber der Ort war defi­ni­tiv der fal­sche – zumin­dest der kon­kre­te.

Offizieller Schriftzug der Stadt Dinslaken (Entwurf).

Von Anfang an gab es Ärger mit den Nach­barn bzw. wenn ich das rich­tig ver­stan­den habe: mit exakt einem, der sich von den jun­gen Men­schen, die plötz­lich auch nach dem Hoch­klap­pen der Bür­ger­stei­ge um 18.30 Uhr in die Dins­la­ke­ner Innen­stadt kamen, um das Vic­tor Hugo zu besu­chen. Es ging, wohl­ge­merkt, nicht um betrun­ke­ne Hor­den, die um 3 Uhr mor­gens unter dem Abschmet­tern unflä­ti­ger Lie­der durch die engen Gas­sen in der Nähe des Markt­plat­zes zogen, son­dern um weit­ge­hend ver­nünf­ti­ge jun­ge Erwach­se­ne, die in gemüt­li­chem Ambi­en­te gemein­sam ein paar Geträn­ke neh­men, sich unter­hal­ten, ein paar Brett­spie­le spie­len oder ein wenig Kul­tur kon­su­mie­ren woll­ten. Gut, eini­ge von ihnen woll­ten auch vor der Tür rau­chen, denn das „Hugo“ war von Anfang an eines der ganz weni­gen Nicht­rau­cher­lo­ka­le Dins­la­kens. Aber das ver­lief, soweit ich gehört und bei eige­nen Besu­chen auch selbst fest­ge­stellt habe, in völ­lig geord­ne­ten Bah­nen. Oder: In Bah­nen, die nor­ma­le den­ken­de Men­schen als „völ­lig geord­net“ bezeich­nen wür­den.

Im Theo­dor-Heuss-Gym­na­si­um, das nicht weit vom Vic­tor Hugo steht und wo vie­le bedeu­ten­de Dins­la­ke­ner (aber auch ich) ihr Abitur gemacht haben, gibt es eine Tafel mit einem Aus­spruch des ers­ten Bun­des­prä­si­den­ten: „Die äuße­re Frei­heit der Vie­len lebt aus der inne­ren Frei­heit des Ein­zel­nen.“ Mit ein biss­chen Bie­gen und Bre­chen kriegt man den Satz auch ex nega­tivo gebil­det – oder man schreibt ihn gleich in Schil­lers „Wil­helm Tell“ ab: „Es kann der Frömms­te nicht in Frie­den blei­ben, wenn es dem bösen Nach­bar nicht gefällt.“

Die Beschwer­den gegen das Vic­tor Hugo häuf­ten sich (in Dins­la­ken ent­spricht das rund 30 Anru­fen bei der Poli­zei in andert­halb Jah­ren) und das Ord­nungs­amt muss­te tätig wer­den und ein Buß­geld­ver­fah­ren gegen die Betrei­ber ein­lei­ten. Die ver­spra­chen, in Zukunft für mehr Ruhe zu sor­gen, aber es kam schnell, wie es kom­men muss­te: via Face­book erklär­ten sie ges­tern das Aus zum 30. April.

Micha­el Blatt hat das viel zu schnel­le Ende des Vic­tor Hugo auf coolibri.de sehr pas­send ein­ge­ord­net:

Für Dins­la­ken ist das Aus der Bar ein Desas­ter. Nicht, weil Tag für Tag hun­der­te von Gäs­te in die mit viel Lie­be zum Detail gestal­te­te und als Hob­by betrie­be­ne Knei­pe ström­ten. Das war auch gar nicht der Anspruch. Aber das Hugo war ein Argu­ment, die Stadt nach der Schu­le nicht flucht­ar­tig zu ver­las­sen und erst mit der Geburt des ers­ten Kin­des wie­der zurück­zu­keh­ren. Von die­sen Argu­men­ten hat Dins­la­ken seit Jahr­zehn­ten nicht sehr vie­le. Zwi­schen Kon­zer­ten im ND-Jugend­zen­trum und Vor­trä­gen der Mar­ke „Der vor­ge­schicht­li­che Ein­baum aus dem Lip­pe­deich bei Gar­trop-Bühl“ (am 5. März im Dach­stu­dio der VHS) klafft eine alters­be­ding­te Lücke.

Und die Stadt ver­liert damit bin­nen kur­zer Zeit die zwei­te Anlauf­stel­le für Jugend­li­che: Erst Ende 2012 hat­te der legen­dä­re Jäger­hof sei­ne Pfor­ten geschlos­sen. Der mehr als reno­vie­rungs­be­dürf­ti­ge Music­club, in dem sich schon unse­re Eltern­ge­nera­ti­on zum soge­nann­ten Schwoof getrof­fen hat­te, lag zwar nicht in der Innen­stadt, aber direkt am Auto­bahn­zu­brin­ger, wes­we­gen vor sei­nen Türen immer wie­der Besu­cher in schwe­re Ver­kehrs­un­fäl­le ver­wi­ckelt wur­den. Im ver­gan­ge­nen März kam schließ­lich ein 19-Jäh­ri­ger ums Leben. Die Betrei­ber öff­ne­ten den Laden am nächs­ten Abend wie gehabt und sahen sich anschlie­ßend mit Pie­tät­lo­sig­keits­vor­wür­fen, sin­ken­den Besu­cher­zah­len und aus­blei­ben­den Ein­nah­men kon­fron­tiert.

Auch wenn ich vom Jäger­hof ger­ne als „Dorf­dis­co“ und von den ver­blie­be­nen jun­gen Dins­la­ken­ern als „Dorf­ju­gend“ spre­che, darf man nicht ver­ges­sen, dass Dins­la­ken mit sei­nen knapp 70.000 Ein­woh­nern 3 anders­wo als Mit­tel­zen­trum durch­gin­ge. Soest, zum Bei­spiel, hat mehr als 20.000 Ein­woh­ner weni­ger, liegt aber ver­gleichs­wei­se ein­sam in der Bör­de rum und hat des­halb ein rela­tiv nor­ma­les Ein­zel­han­dels- und Kul­tur­ange­bot. 4 Dins­la­ken liegt am Ran­de des Ruhr­ge­biets: Duis­burg und Ober­hau­sen sind gleich vor der Tür, Mül­heim, Essen, Bochum und Düs­sel­dorf maxi­mal eine Drei­vier­tel­stun­de mit dem Auto ent­fernt. Das ein­zi­ge Kauf­haus der Stadt hat vor Jah­ren geschlos­sen und wur­de kürz­lich abge­ris­sen. Wenn alles gut geht, 5 wird dort irgend­wann ein Ein­kaufs­zen­trum ste­hen und Dins­la­ken wird end­lich sei­nen eige­nen H&M haben. Streng genom­men bräuch­te es den nicht mal, weil selbst die Teen­ager die Stadt mit dem Regio­nal­ex­press zum Shop­pen ver­las­sen, sobald sie genug Taschen­geld bei­sam­men haben.

Was bleibt, sind tat­säch­lich die alten Men­schen, die schlecht zu Fuß sind und schon immer in der Stadt gelebt haben. Aber auch denen geht es schlecht, weil der ein­zi­ge Super­markt, den es in der Innen­stadt noch gibt, immer kurz vor der Schlie­ßung steht. Wenn der Wort­vo­gel fragt, ob man Städ­te eigent­lich „ent­grün­den“ kön­ne, ist das für Dins­la­ken viel­leicht noch kei­ne aku­te Pro­ble­ma­tik, aber es sieht aus, als hät­te man in der Stadt vor­sichts­hal­ber schon mal damit ange­fan­gen.

Ande­rer­seits ist es kein neu­es Phä­no­men, dass die Dins­la­ke­ner nichts mit ihrer Stadt anzu­fan­gen wis­sen: Bereits im Jahr 1959 beschrieb der „Spie­gel“ die Ver­su­che, zu Ehren des desi­gnier­ten Bun­des­prä­si­den­ten Hein­rich Lüb­ke, der bis dahin Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter des Wahl­krei­ses Dins­la­ken-Rees gewe­sen war, ein rau­schen­des Fest aus­zu­rich­ten. Es ende­te damals so:

Nach sol­cher­lei Bekun­dun­gen wur­de Hein­rich Lüb­ke in einem Pfer­de­wa­gen von zwei Rap­pen durch die Stra­ßen in Rich­tung Dins­la­ken gezo­gen. Nur weni­ge nah­men Notiz von dem Mann, der ihnen in quer über die Stra­ße gespann­ten Trans­pa­ren­ten als der „neue Bun­des­prä­si­dent“ ange­kün­digt wor­den war.

Auf der Frei­licht­büh­ne des Burg­thea­ters begann das eigent­li­che Fest, das Lüb­ke ersehnt hat­te. Irri­tiert ließ er die Hul­di­gung des Dins­la­ke­ner Indus­tri­el­len Mey­er über sich erge­hen, der ihn mit „Herr Bun­des­prä­si­dent“ begrüß­te und ihm als Mit­glied des Ade­nau­er-Kabi­netts dank­te, daß dank sei­ner Inter­ven­tio­nen kein Trup­pen­übungs­platz im Dins­la­ke­ner Kreis ein­ge­rich­tet wor­den sei.

Viel­leicht wür­de heu­te wenigs­tens Micha­el Wend­ler sin­gen.

  1. In Dins­la­ken, nicht im Muse­um.[]
  2. Was das im Umkehr­schluss für Micha­el Wend­ler und die ande­ren Ein­woh­ner der Stadt bedeu­tet, hat in die­sem Moment kei­ner gefragt.[]
  3. Und den 1273 ver­lie­he­nen Stadt­rech­ten.[]
  4. Außer­dem hat es natür­lich schmu­cke Fach­werk­häus­chen.[]
  5. Was in Dins­la­ken in etwa so wahr­schein­lich ist wie in Bochum oder Ber­lin.[]
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Glühwein gegen den Hunger 2012

Im Som­mer des ver­gan­ge­nen Jah­res, als die Hun­ger­ka­ta­stro­phe im Osten Afri­kas es gera­de mal für ein paar Wochen in die deut­schen Medi­en geschafft hat­te, hat­te mein Kum­pel Jan eine Idee: Er woll­te den glei­chen Betrag, den er an einem Wochen­en­de fürs Fei­ern aus­gibt, für das „Bünd­nis Ent­wick­lung hilft“ spen­den. Wir sind mit dem Blog auf­ge­sprun­gen und so war die Face­book-Akti­on „Sau­fen gegen den Hun­ger“ gebo­ren, die wir im Win­ter als „Glüh­wein gegen den Hun­ger“ wie­der­holt haben.

Jetzt ist wie­der Advents­zeit und im Fern­se­hen fin­den aller­lei Wohl­tä­tig­keits­ver­an­stal­tun­gen statt, also wol­len auch wir nicht mehr war­ten und star­ten die 2012er Auf­la­ge von „Glüh­wein gegen den Hun­ger“.

Die Regeln sind wie immer idio­ten­si­cher:

Wir wer­de den glei­chen Betrag, den wir am Wochen­en­de (14. – 16. Dezem­ber) ver­fei­ern/­ver­kös­ti­gen/­ver­sau­fen/­weg-eska­lie­ren/nach der Par­ty ver­fres­sen, für Afri­ka spen­den.

Also, für jeden Ein­tritt, jedes Bier, jeden Schnaps/​Sekt/​Döner/​sonstwas kommt der glei­che Betrag auf das Spen­den­kon­to der ARD (s.u).

Dann wirds zwar logi­scher­wei­se dop­pelt so teu­er, aber der Kater wird durch ein gutes Gewis­sen aus­ge­gli­chen! (und wenn das nicht wirkt: Aspi­rin)

Wie bei den letz­ten Malen kön­nen und wol­len wir nicht über­prü­fen, ob die Teil­neh­mer sich auch tat­säch­lich an die (recht vagen) Regeln hal­ten, aber wir glau­ben wei­ter­hin an das Gute im Men­schen.

Alles Wei­te­re zu „Glüh­wein gegen den Hun­ger“ erfah­ren Sie bei Face­book – und wenn Sie spen­den wol­len, ohne etwas zu trin­ken, kön­nen Sie das selbst­ver­ständ­lich auch tun.

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Digital Gesellschaft

„Sie übergibt sich!“

Natür­lich kann man es bescheu­ert fin­den, dass Online­me­di­en wie „Spie­gel Online“ oder n‑tv.de ges­tern die Push-Funk­ti­on ihrer Smart­phone-Apps benutz­ten, um ihre Leser dar­über zu infor­mie­ren, dass der Her­zog und die Her­zo­gin vom Cam­bridge (auch bekannt als „Prin­ce Wil­liam und Her­zo­gin Kate“) Nach­wuchs erwar­ten. Aber, mein Gott: Die Euro­kri­se scheint nie enden zu wol­len, im Nahen Osten hat sich die Lage gera­de erst wie­der ein biss­chen beru­higt und in zwei­ein­halb Wochen geht die Welt unter – da kann die Nach­richt von der nahen­den Geburt eines Men­schen, noch dazu in der Advents­zeit, doch für einen Moment mal ein wär­men­des Licht in die kal­te Dun­kel­heit wer­fen.

Der Wahn­sinn ist ohne­hin woan­ders zuhau­se. Nicht bei der „Sun“, die mit „Kate Expec­ta­ti­ons“ einen Über­schrif­ten-Voll­tref­fer lan­de­te, nicht in „Bild“, wo Alex­an­der von Schön­burg über Zeu­gungs­ort und ‑zeit­punkt spe­ku­lier­te, ver­mut­lich nicht ein­mal im Sat.1‑Frühstücksfernsehen, obwohl ich das aus pani­scher Angst vor Sibyl­le Wei­schen­berg gar nicht erst ein­ge­schal­tet habe.

Es dürf­te in jedem Fall schwer wer­den, den Arti­kel zu über…, unter… Es dürf­te schwer wer­den, irgend­et­was zu fin­den, was mit dem Arti­kel von Hel­mut-Maria Glog­ger auf „Focus Online“ ver­gleich­bar wäre. Und da möch­te ich Trips auf syn­the­ti­schen Dro­gen durch­aus mit ein­rech­nen.

Schon der ers­te Absatz ist Poe­sie:

„Die Welt inter­es­siert sich nur für mei­nen Bauch“, lächelt Cathe­ri­ne, Duch­es­se of Cam­bridge, Ehe­frau von Prinz Wil­liam. Und ver­wei­gert bei ihrem Besuch bei der Unicef in Kopen­ha­gen die gereich­te Erd­nuss­pas­te – wor­auf ihr Spre­cher ver­kün­det: „Die Her­zo­gin ist nicht all­er­gisch auf Erd­nüs­se.“

Auf die­sen Zwi­schen­fall, der medi­al durch­aus groß­zü­gig ven­ti­liert wur­de, wird der Text im Fol­gen­den nicht mehr ein­ge­hen. Scha­de, hat­te die Her­zo­gin (oder „Duch­ess“, wenn’s schon Eng­lisch sein soll) ihrem Mann laut Berich­ten doch einen „wis­sen­den Blick“ zuge­wor­fen und hat­ten Ärz­te und Gesund­heits­exper­ten schwan­ge­re Frau­en doch schon „lan­ge gedrängt“, sich von Erd­nüs­sen und ihren Neben­pro­duk­ten fern zu hal­ten, „um All­er­gien zu ver­mei­den“. Aller­dings ist die Epi­so­de inzwi­schen auch schon 13 Mona­te her, sie steht also – nach allem was wir über die mensch­li­che Schwan­ger­schaft wis­sen – in kei­nem direk­ten Zusam­men­hang zur gest­ri­gen Bekannt­ma­chung.

Einen gan­zen Absatz ver­wen­det Glog­ger dar­auf, vor­geb­lich kennt­nis­reich zu beschrei­ben, wo sich Her­zo­gin Kate nicht über­gibt: Nicht im Cot­ta­ge auf der „kar­gen Insel Ang­le­sey vor der Küs­te von Wales“, nicht im „Not­ting­ham Cot­ta­ge“, „dem als ‚Nott Cott‘ bekann­ten Gar­ten­ge­bäu­de beim Ken­sing­ton Palace“ mit diver­sen Räu­men, die Glog­ger natür­lich auf­zählt – nicht ohne zu erwäh­nen, dass Wil­liams Mut­ter Dia­na „bis zu ihrem Tod“ im Haupt­haus (also, welch Zufall, auch nicht im Cot­ta­ge!) leben durf­te. Und zwar „in den Apart­ments 8 und 9“!

Dann klärt Glog­ger end­lich auf, wo sich die Her­zo­gin denn statt­des­sen über­ge­be – und sei­ne Detail­be­ses­sen­heit nimmt Aus­ma­ße an, die man sonst nur aus den Land­schafts­be­schrei­bun­gen von Mit­tel­er­de kennt:

Cathe­ri­ne liegt seit Mon­tag mit „sehr hef­ti­ger Übel­keit“ im pri­va­ten „King Edward VII’s Hos­pi­tal“ an der Lon­do­ner Beau­mont Street. Das unter der Tele­fon-Num­mer +44 (0) 20 7486 4411 erreich­bar ist – ein Durch­stel­len zu den Gynä­ko­lo­gen Dr. Alfred Cut­ner, Dr. Arvind Vas­hist oder Dr. Jona­than Dow­ler ist aller­dings lei­der nicht mög­lich.

Man hät­te hier erwäh­nen kön­nen, dass es ja auch bei „Dr. House“ mal einen Dr. Kut­ner gege­ben habe, der aller­dings nicht mit „C“ geschrie­ben wur­de, mit Vor­na­men Law­rence und nicht Alfred hieß und auch nicht Gynä­ko­lo­ge, son­dern Dia­gno­se­spe­zia­list war, aber Glog­ger ent­schei­det sich gegen die an die­ser Stel­le schon nicht mehr völ­lig abwe­gig erschei­nen­de Abzwei­gung und fährt fort:

Dass das Hos­pi­tal, in dem die „leicht“ schwan­ge­re Cathe­ri­ne auf­ge­päp­pelt wird, aus­ge­rech­net den Namen des bri­ti­schen „Bor­dell­kö­nigs“ Edward VII. trägt? Ein gutes Omen? Gute Fra­ge!

Sich selbst zur eige­nen rhe­to­ri­schen Fra­ge zu beglück­wün­schen, ist doch sicher eine außer­ge­wöhn­li­che sti­lis­ti­sche Spie­le­rei, oder? Ich bin froh, dass ich das anspre­che!

Glog­ger ist auch froh, dass er das The­ma so ele­gant auf Edward VII. hat brin­gen kön­nen, denn wie die Autoren­zei­le erklärt, erscheint 2013 sein Buch „Der Bor­dell­kö­nig: Edward VII.“ und des­we­gen dür­fen Sie ein­mal raten, wor­über er in den nächs­ten Absät­zen refe­riert (klei­ner Tipp: eine „kup­fer­ro­te Bade­wan­ne“ und ein „ ‚Lie­bes­stuhl‘ für die Ména­ge-à-trois“ kom­men auch drin vor).

„Cloud Atlas“-gleich ver­webt Glog­ger nun die ver­schie­de­nen Epo­chen mit­ein­an­der:

Am Toten­bett des Mon­ar­chen stand Ali­ce Kep­pel. Genau: die Urgroß­mutter von Camil­la. Die der Ehe­frau des heu­ti­gen Thron­fol­ger Charles fol­gen­den Satz ver­erb­te: „Erst der Hof­knicks – dann ab ins Bett!“

Her­zo­gin Kate, Ver­zei­hung: Cathe­ri­ne sei anders, fährt Glog­ger fort:

Cathe­ri­ne ist anders, kein Prin­ce-Grou­pie, mit ihren 30 Jah­ren eine Frau, die selbst als allein erzie­hen­de Mut­ter ihren Weg gehen kann! Cathe­ri­ne hat einen Mas­ter of Arts, hat Aus­sicht auf ein Drit­tel der Mil­lio­nen abwer­fen­den Scherz­ar­ti­kel-Fir­ma ihrer Mut­ter, die von Fest­ge­schirr, Bal­lo­nen, Deko-Schlan­gen bis Klei­dung und Kuchen alles anbie­tet.

Mit „Prin­ce-Grou­pie“ bezieht sich Glog­ger natür­lich nicht auf den Pop­star der 1980er Jah­re, mit „Scherz­ar­ti­kel“ mut­maß­lich auch nicht auf sei­nen eige­nen Text, den er auf Sei­te 2 mit Begrif­fen wie „vir­go int­ac­ta“ („Jung­frau“) und „pied-à-terre“ („800 000 Pfund“, sonst nicht näher erklärt) würzt.

Und mit wei­te­rem Detail­wis­sen:

Eine Schwan­ger­schaft, die in Buck­le­bu­ry von Brief­trä­ger Ryan Nay­lor eben­falls wie von Dorf­metz­ger Mar­tin Fid­ler, auf den Bän­ken und Stüh­len in Johns Pub in Buck­le­bu­ry heu­te, mor­gen und über­mor­gen garan­tiert kräf­tig begos­sen wird.

Soll­te Glog­ger für die­se Namens­nen­nun­gen extra nach Buck­le­bu­ry gefah­ren sein, so wäre dies zumin­dest nicht nötig gewe­sen. Aber viel­leicht hat er dort die Glas­ku­gel gefun­den, in die er nun schaut:

Kates jün­ge­re Schwes­ter Pip­pa wird den neu­en Sta­tus ihrer Schwes­ter nut­zen – um viel­leicht doch noch einen rei­chen Erben zu frei­en. Cathe­ri­nes Bru­der James wird künf­tig – selbst stock­be­sof­fen – auf das Tra­gen von Frau­en­klei­dern ver­zich­ten.

Glog­gers Zukunfts­vi­sio­nen sind erstaun­lich klar, nur erklä­ren sie an die­ser Stel­le auch nichts mehr.

Er ist näm­lich inzwi­schen dazu über­ge­gan­gen, zu erklä­ren, dass mit Cathe­ri­ne „wie­der eine ’nor­ma­le‘ Schwan­ge­re ins Leben der Wind­sors“ kom­me. Und das sei ja nicht immer so gewe­sen, denn „schwan­ger zu wer­den von einem Wind­sor war selbst für ange­trau­te Damen nicht ein­fach“. (Die For­mu­lie­rung „selbst für ange­trau­te Damen“ ergibt ange­sichts der Tat­sa­che, dass Glog­ger vor­her noch groß über die Ent­sor­gung von „Bas­tards“ doziert hat­te, auch nicht wirk­lich Sinn, aber: hey!)

Glog­ger refe­riert also, dass Queen Mum und ihr Mann „auf den Rat ihres Arz­tes Dr. Lane Phil­lips“ ein­ge­wil­ligt habe, es mit künst­li­cher Befruch­tung zu ver­su­chen, was zum „Ergeb­nis“, Köni­gin Eliza­beth II, geführt habe.

Dann wird es voll­ends spe­zi­ell:

Erin­nern wir uns an den Abend des 6. Febru­ar 1981.

Ooo­kay …

Der könig­li­che Gynä­ko­lo­ge berich­tet Köni­gin Eli­sa­beth II., dass Lady Dia­na Spen­cer zwar noch „vir­go int­ac­ta“ ist, aber kei­ne Kai­se­rin Sora­ya ist – also sehr wohl fähig zu einer Schwan­ger­schaft. Wor­auf Prinz Charles via Sekre­tär das Kin­der­mäd­chen der St-Saviour-Kir­che im Stadt­teil Pim­li­co in sein Zwei-Zim­mer-Quar­tier im drit­ten Stock des Buck­ing­ham-Palasts rufen lässt. Dia­na fin­det mit ihrem Mini Metro die Pri­vat­ein­fahrt zum Buck­ing­ham-Palast nicht. Ein Tor­wäch­ter hilft ihr.

Yeah. Wha­te­ver …

Laut der Fach­bi­bel „Burke’s Peera­ge and Gen­try“ sind Wil­liam und Cathe­ri­ne angeb­lich Cou­sins sieb­zehn­ten Gra­des. Eine Inzest-Gefahr, gepaart mit dem Gen der Blu­ter­krank­heit, ist aller­dings nicht gege­ben.

Will you plea­se stop it?

Die Gefahr, dass das Kind von Cathe­ri­ne und Wil­liam ein „typisch bri­ti­scher König“ wird, ist gering. Obwohl sich in der Geschich­te des Königs­hau­ses vie­le fin­den: debi­le Säu­fer, schwach­sin­ni­ge Stot­te­rer, Lal­ler, unge­wa­sche­ne Prin­zes­si­nen, homo­se­xu­el­le Opi­um-Rau­cher, ner­vös Zucken­de, Sado-Maso­chis­ten, Mör­der, Frau­en, die eher Män­ner, Män­ner, die eher Frau­en waren – Fuß-Feti­schis­ten, Fla­gel­lan­ten und medi­zi­nisch erklär­te Wahn­sin­ni­ge.

Zom­bies! Ali­ens! Vam­pi­re! Dino­sau­ri­er!

Nach­dem Glog­ger den Leser noch dar­über infor­miert hat, dass Prin­ce Charles „sei­ner Frau Dia­na gera­de mal 17 gemein­sa­me Näch­te zuge­stand“ (ob er, Glog­ger, mit sei­nem Notiz­block auf dem – sicher­lich staub­frei­en – Boden unter dem könig­li­chen Bett dabei war, lässt er lei­der offen), kommt er zum Schluss.

Also ganz zum Anfang zurück:

Eine künf­ti­ge Köni­gin ist schwan­ger! Sie über­gibt sich! Und ein künf­ti­ger König ist dabei. Das hat es in der über 1000-jäh­ri­gen Geschich­te der bri­ti­schen Mon­ra­chie (sic!) noch nie gege­ben!

Einen sol­chen Arti­kel sicher­lich auch nicht!

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Der Untergang des Abendbrotlandes

Schon immer kam alles Schlech­te aus den USA: Die Mei­nungs­frei­heit, das Frau­en­wahl­recht, der Rock’n’Roll und das Fast Food. Der neu­es­te (na ja: „neu­es­te“) Angriff auf die deut­sche Kul­tur ist ein Fest, das von denen, die es bege­hen wol­len, heu­te began­gen wird: Hal­lo­ween.

Eines vor­ab: Ich has­se es, mich zu ver­klei­den. Ich habe das als Kind mit gro­ßer Begeis­te­rung getan und mei­nen Vor­rat dabei offen­bar auf­ge­braucht. Wer sicher­ge­hen will, dass ich nicht zu sei­ner Geburts­tags­fei­er kom­me, rich­tet ein­fach eine Bad-Tas­te- oder Mot­to­par­ty aus. Es kos­tet mich schon Über­win­dung, einen Anzug zu tra­gen oder Hosen, die kei­ne Jeans sind. Als ich vor sechs Jah­ren den Herbst in Nord­ka­li­for­ni­en ver­brach­te, fand ich mich aller­dings plötz­lich in einem eilig aus grü­nen Filz­bah­nen zusam­men­geta­cker­ten Ampel­männ­chen-Kos­tüm wie­der – und hat­te gro­ßen Spaß. Nie­mand kann­te mich, alle waren sehr auf­wen­dig kos­tü­miert und es herrsch­te die­se fei­er­li­che ame­ri­ka­ni­sche Ernst­haf­tig­keit vor.

Wenn ich mir aller­dings einen ame­ri­ka­ni­schen Fei­er­tag für den Import aus­su­chen dürf­te, wäre es – neben einem Natio­nal­fei­er­tag im Som­mer – Thanks­gi­ving: Die Fest­lich­keit und Gesel­lig­keit von Weih­nach­ten ohne die­sen gan­zen Geschen­kestress – die Ame­ri­ka­ner ver­ste­hen es zu fei­ern. Hal­lo­ween ist ja doch eher was für Men­schen, die sich vom Kalen­der vor­schrei­ben las­sen, wann sie mal aus­ge­las­sen fei­ern gehen kön­nen, und denen Kar­ne­val zu spie­ßig ist. 1

Aber gut, muss jeder selbst wis­sen, wie er sei­ne Frei­zeit ver­bringt. Fähn­chen­schwen­kend durch das Pres­se­zen­trum bei Euro­vi­si­on Song Con­test zu ren­nen, fällt bei den meis­ten Leu­ten sicher auch eher unter „Spe­cial Inte­rest“. Wir sind ein frei­es Land. Wenn ich mir aber so anschaue, wie heu­te in mei­ner Face­book-Time­line west­li­che Kul­tur auf west­li­che Kul­tur trifft, fin­de ich, dass die Kon­tak­te mit der isla­mi­schen Welt im Gro­ßen und Gan­zen doch bei­na­he har­mo­nisch zu nen­nen sind.

Auf der einen Sei­te ste­hen die Leu­te, die Hal­lo­ween mit qua­si reli­giö­sem Eifer bege­hen. Auf der ande­ren jene, die sagen, heu­te sei doch Refor­ma­ti­ons­tag und mor­gen Aller­hei­li­gen. 2 Ja, stimmt. Heu­te ist auch Welt­spar­tag (außer in Deutsch­land, das für einen Welt-Irgend­was-Tag natür­lich wie­der eine Aus­nah­me brauch­te – übri­gens wegen des Refor­ma­ti­ons­tags) und mor­gen – für die, denen die Katho­li­sche Kir­che nicht ideo­lo­gisch genug ist – Welt­ve­gan­tag. Die ver­rück­tes­ten Geis­ter könn­ten sich nicht aus­den­ken, wel­che Gedenk‑, Fei­er- und Akti­ons­ta­ge es im Lau­fe des Jah­res so gibt, aber sie wer­den offen­bar alle began­gen – man­che nur von denen, die sie aus­ge­ru­fen haben, man­che von wei­ten Tei­len der Mensch­heit, wobei durch­aus Schnitt­men­gen von Per­so­nen mög­lich sind, die am 15. Okto­ber sowohl den „Tag des wei­ßen Sto­ckes“ als auch den „Inter­na­tio­na­len Tag der Frau in länd­li­chen Gebie­ten“ bege­hen. Solan­ge nie­mand einen Refor­ma­ti­ons­tags­got­tes­dienst stürmt, um „Süßes oder Sau­res“ zu rufen, klappt das auch ganz gut.

Der durch­schnitt­li­che Deut­sche, die Volks­see­le, der Michel, Otto Nor­mal­ver­brau­cher oder – wie ich ihn heu­te aus rei­ner Bos­haf­tig­keit nen­nen möch­te – Jür­gen Six­pack hat eine pani­sche Angst davor, dass ihm sei­ne kul­tu­rel­le Iden­ti­tät ver­lo­ren geht. Die Angst vor der „Über­frem­dung“ ist nicht auf den Islam oder Flücht­lin­ge aus Nord­afri­ka beschränkt, sie gilt auch – und ganz beson­ders – im Bezug auf die USA: Jung­ge­sel­len­ab­schie­de (bei denen ich mir tat­säch­lich staat­li­che Inter­ven­ti­on wünsch­te) statt Pol­ter­aben­de, „Han­dy“ statt „Mobil­te­le­fon“, der Weih­nachts­mann statt des Christ­kinds – Ame­ri­ka­ni­sie­rung lau­ert über­all. Oder genau­er: eine loka­le Inter­pre­ta­ti­on davon.

Mit der kul­tu­rel­len Iden­ti­tät ist das so: Man braucht etwas, wor­an man sich hal­ten kann, wes­we­gen der Fuß­ball – eine Sport­art, die ich lie­be, die ame­ri­ka­ni­sche Sport­fans aber als stil­los und banal betrach­ten – hier so schön iden­ti­täts­stif­tend Raum grei­fen kann. Ansons­ten sieht’s näm­lich so aus: Unse­re Städ­te sehen fast alle gleich trü­be und grau aus, so wie Städ­te eben aus­se­hen, wenn sie sehr schnell und bil­lig wie­der auf­ge­baut wer­den müs­sen, weil sie in Schutt und Asche lagen, nach­dem es Deutsch­land mit der kul­tu­rel­len Iden­ti­tät wirk­lich auf die Spit­ze getrie­ben hat­te. Unse­re Ein­kaufs­stra­ßen sehen gleich aus, weil sie mit den immer­glei­chen Filia­len deut­scher Groß­bä­cker, Dro­ge­rie- und Super­markt­ket­ten, bri­ti­scher Kör­per­pfle­ge­mit­tel­her­stel­ler, ame­ri­ka­ni­scher Fast­food­ver­füt­te­rer und schwe­di­scher Beklei­dungs­händ­ler voll­ge­stopft sind.

Woh­nun­gen welt­weit sind von der Schwe­den­ma­fia uni­for­miert wor­den und müss­ten theo­re­tisch alle gleich aus­se­hen, was sie dann aber über­ra­schen­der­wei­se doch nicht tun, weil da eben immer noch Per­sön­li­ches, Indi­vi­du­el­les mit rein­kommt. Die kul­tu­rel­le Iden­ti­tät des Ein­zel­nen, der gleich­zei­tig Stif­ter und Rezi­pi­ent der kul­tu­rel­len Iden­ti­tät einer Grup­pe ist.

Wer die Eröff­nungs- und Abschluss­fei­er der Olym­pi­schen Spie­le in Lon­don gese­hen hat, erleb­te dort einen bun­ten Rei­gen bri­ti­scher Geschich­te und – vor allem – Pop­kul­tur. Schier unend­lich der Fun­dus an aus Eng­land stam­men­den Welt­hits, Ever­greens und Meis­ter­wer­ken. Bei uns, so wur­de dann schnell geunkt, stün­den da Pur, Nena und Xavier Naidoo. 3 Das deut­sche Fern­seh­pro­gramm besteht ja auch über­wie­gend aus Kri­mi­se­ri­en und Quiz­shows (bei­des kei­ne genu­in deut­schen Pro­duk­te)

Die kul­tu­rel­le Iden­ti­tät Deutsch­lands nach dem zwei­ten Welt­krieg hat gleich zwei ampu­tier­te Bei­ne: Das mit dem Traum vom gro­ßen deut­schen Volk war gründ­lich schief gegan­gen, fand sei­ne Fort­set­zung aber in einer Art Light-Ver­si­on in Hei­mat­fil­men und Volks­tü­meln­dem Schla­ger, und die Leu­te, die Ber­lin in den 1920er Jah­ren zum kul­tu­rel­len Hot­spot gemacht hat­ten, waren alle ver­trie­ben oder gleich getö­tet wor­den. Bil­ly Wil­der präg­te im Kino flei­ßig das Ame­ri­ka­bild der Nach­kriegs­zeit, in Deutsch­land fei­er­te „Grün ist die Hei­de“ unglaub­li­che Erfol­ge. Die Jugend­be­we­gun­gen schwapp­ten in der Fol­ge­zeit fast alle aus den USA oder Groß­bri­tan­ni­en nach Deutsch­land und mit ihnen der seit­her andau­ern­de Unter­gang des Abend­lan­des – oder prä­zi­ser viel­leicht: des Abend­brot­lan­des.

Zuvor waren die einst heid­ni­schen Gebie­te des heu­ti­gen Deutsch­lands chris­tia­ni­siert wor­den. Die Gotik war aus Frank­reich gekom­men, die Renais­sance und der Barock aus Ita­li­en. Ohne die­se äuße­ren Ein­flüs­se hät­ten die Bom­ben der Alli­ier­ten allen­falls spät­mit­tel­al­ter­li­che Fach­werk­häu­ser, ver­mut­lich eher irgend­wel­che Stein­zeit­höh­len tref­fen kön­nen. Eine Zeit­lang galt es im Bür­ger­tum als aus­ge­spro­chen chic, Mas­ken­bäl­le vene­zia­ni­scher Prä­gung abzu­hal­ten. Geh­we­ge nann­te man „Trot­toir“, 4 Abor­te „Toi­let­te“.

Über­spitzt gesagt ist der Inbe­griff von Kul­tur in Deutsch­land immer noch Bay­reuth, dabei sind die Wag­ner-Fest­spie­le auch nur eine Art geho­be­ner Kar­ne­val: Men­schen, die allen­falls den Schluss­satz von Beet­ho­vens Neun­ter von Mozarts „Klei­ner Nacht­mu­sik“ aus­ein­an­der­hal­ten kön­nen, ver­klei­den sich einen Abend als kul­tur­in­ter­es­sier­te Bil­dungs­bür­ger.

85 Pro­zent mei­ner eige­nen kul­tu­rel­len Iden­ti­tät sind von angel­säch­si­scher Pop­kul­tur geprägt, der Rest von von angel­säch­si­scher Pop­kul­tur Gepräg­ten. Ja, ich mag kei­ne fran­zö­si­schen Fil­me und ein gut sor­tier­ter und gut gefüll­ter HMV löst in mir mehr Glücks­ge­füh­le aus als die Six­ti­ni­sche Kapel­le. Ich wür­de einen Urlaub im ver­reg­ne­ten Schott­land (und das dor­ti­ge Pub Food) jeder­zeit einem Aus­flug ans Mit­tel­meer vor­zie­hen.

Aber ich stei­ge nicht empört auf die Bar­ri­ka­den (fran­zö­si­sche Spe­zia­li­tät), wenn Men­schen Ita­lie­nisch­kur­se in der Volks­hoch­schu­le besu­chen, bei Aldi den etwas teu­re­ren Rot­wein kau­fen und ihren Urlaub in der Tos­ca­na ver­brin­gen wol­len.

  1. Mein in Rhein­land­nä­he auf­ge­wach­se­nes Herz hät­te bei­na­he geschrie­ben: die für Kar­ne­val zu fei­ge sind.[]
  2. Klei­ner Aus­fall­schritt zu Aller­hei­li­gen: Es kann mei­nes Erach­tens nicht sein, dass in einem Land, in dem die Tren­nung von Staat und Kir­che im Grund­ge­setz garan­tiert wird, soge­nann­te Tanz­ver­bo­te an kirch­li­chen Fei­er­ta­gen aus­ge­spro­chen wer­den. Und auch nicht, dass ein Land an zwei auf­ein­an­der­fol­gen­den Tagen volks­wirt­schaft­lich gelähmt wird, weil am einen Tag in fünf Bun­des­län­dern, am nächs­ten in fünf ande­ren kirch­li­cher Fei­er­tag ist. Die Katho­li­ken haben schon Fron­leich­nam (wenn auch nicht über­all), also wären hier mal die Pro­tes­tan­ten dran![]
  3. Na ja, oder halt Kraft­werk, die Erfin­der der moder­nen Pop­mu­sik, aber nun gut.[]
  4. Kein Mensch, der noch alle Tas­sen im Schrank hat, wür­de in einem deut­schen Satz das Wort „side­walk“ benut­zen.[]
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Armut und Irrtum

Wal­ter Krä­mer hat Bücher geschrie­ben, die „Lexi­kon der popu­lä­ren Irr­tü­mer“, „Lexi­kon der Städ­te­be­schimp­fun­gen“, „Die Ganz­jah­res­to­ma­te und ande­res Plas­tik­deutsch – Ein Lexi­kon der Sprach­ver­ir­run­gen“, „Modern Tal­king auf deutsch – Ein popu­lä­res Lexi­kon“ oder „Die bes­ten Geschich­ten für Bes­ser­wis­ser“ hei­ßen. Er grün­de­te den „Ver­ein Deut­sche Spra­che“, eine Art Bür­ger­wehr gegen den Sprach­wan­del, des­sen Arbeit wenig mit Lin­gu­is­tik und viel mit popu­lä­ren Irr­tü­mern zu tun hat. Von Jour­na­lis­ten muss­te er sich als „Viel­schrei­ber“ und „Prof. Bes­ser­wis­ser“ titu­lie­ren las­sen, er selbst klagt auch ger­ne mal gegen Jour­na­lis­ten oder sagt, er könn­te sie „erwür­gen und an die Wand klat­schen“.

Eigent­lich ist Wal­ter Krä­mer aber Lei­ter des Insti­tut für Wirt­schafts- und Sozi­al­sta­tis­tik an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Dort­mund.

Mit dem Ber­li­ner Psy­cho­lo­gen Gerd Gige­renz­er und dem Bochu­mer Öko­nom Tho­mas Bau­er hat Krä­mer die­ses Jahr die Akti­on „Unsta­tis­tik des Monats“ ins Leben geru­fen, was eigent­lich ein Fall für den „Ver­ein deut­sche Spra­che“ wäre.

Über ihr Pro­jekt schrei­ben die drei:

Sie wer­den jeden Monat sowohl jüngst publi­zier­te Zah­len als auch deren Inter­pre­ta­tio­nen hin­ter­fra­gen. Die Akti­on will so dazu bei­tra­gen, mit Daten und Fak­ten ver­nünf­tig umzu­ge­hen, in Zah­len gefass­te Abbil­der der Wirk­lich­keit kor­rekt zu inter­pre­tie­ren und eine immer kom­ple­xe­re Welt und Umwelt sinn­vol­ler zu beschrei­ben.

Die „Unsta­tis­tik des Monats Okto­ber“ wur­de ges­tern gekürt (Pres­se­mit­tei­lung als PDF):

Die Unsta­tis­tik des Monats Okto­ber heißt 15,8% und kommt vom Sta­tis­ti­schen Bun­des­amt in Wies­ba­den: „15,8 % der Bevöl­ke­rung waren 2010 armuts­ge­fähr­det“ mel­de­ten die Amts­sta­tis­ti­ker am 17. Okto­ber 2012 (zur Pres­se­mit­tei­lung).

Die Zahl ist kor­rekt, nicht aber deren Inter­pre­ta­ti­on. Als „armuts­ge­fähr­det“ gilt, wer jähr­lich net­to weni­ger als 11.426 Euro zur Ver­fü­gung hat. Der Haupt­kri­tik­punkt ist die Berech­nung die­ser Armuts­gren­ze. Dazu nimmt man euro­pa­weit 60 % des Durch­schnitts­ein­kom­mens. Wenn sich also alle Ein­kom­men ver­dop­peln, ver­dop­pelt sich auch die Armuts­gren­ze, und der Anteil der Armen ist der glei­che wie vor­her.

Nun kann man die Defi­ni­ti­on des Begriffs „armuts­ge­fähr­det“ durch­aus kri­ti­sie­ren, dafür soll­te man sie nur kor­rekt wie­der­ge­ben kön­nen: Es geht näm­lich nicht um das Durch­schnitts­ein­kom­men (die Sum­me aller Ein­kom­men geteilt durch deren Anzahl), son­dern um das mitt­le­re Ein­kom­men, den soge­nann­ten Medi­an. Man erhält die­sen Wert, indem man alle Bür­ger sor­tiert nach Ein­kom­men in einer Rei­he auf­stellt und den­je­ni­gen, der dann genau in der Mit­te steht, fragt, was er ver­dient.

Im kon­kre­ten Fall hat das kei­ne Aus­wir­kun­gen auf die wei­te­re Argu­men­ta­ti­on (das kennt man ja auch anders), aber als Pro­fes­sor für Wirt­schafts- und Sozi­al­sta­tis­tik soll­te man den Unter­schied schon ken­nen.

Wal­ter Krä­mer kennt ihn offen­bar nicht.

[via Peter K.]

Nachtrag/​Korrektur, 2. Novem­ber: Offen­sicht­lich ist der Begriff „Durch­schnitt“ unter Sta­tis­ti­kern all­ge­mei­ner gefasst als in der Umgangs­spra­che, wo er das Arith­me­ti­sche Mit­tel bezeich­net. Inso­fern meint Wal­ter Krä­mer womög­lich tat­säch­lich den Medi­an, wenn er vom „Durch­schnitt“ spricht, und ich muss den Vor­wurf, er ken­ne den Unter­schied nicht, zurück­neh­men. (Zumin­dest weit­ge­hend.)

Krä­mer steht ja nur dem „Ver­ein Deut­sche Spra­che“ vor und nicht dem „Ver­ein für Nicht­ma­the­ma­ti­ker und Jour­na­lis­ten ver­ständ­li­che Spra­che“.

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But you don’t really care for music, do you?

Aus Grün­den, die ich nicht ganz nach­voll­zie­hen kann, ver­sorgt mich der Lan­des­ver­band des Deut­schen Jour­na­lis­ten-Ver­bands (DJV) mit sei­nen Pres­se­mit­tei­lun­gen. Meis­tens lösche ich die sofort, weil im Betreff so Signal­wör­ter wie „Soli­da­ri­tät“ oder „Streik“ vor­kom­men. Aber heu­te hab ich mal eine gele­sen. Eine nur mit­tel­gu­te Idee.

DJV ruft Medi­en zu Cohen-Boy­kott auf

Der DJV-NRW ruft die Medi­en dazu auf, nicht über die bei­den Deutsch­land-Kon­zer­te von Leo­nard Cohen zu berich­ten. Das Manage­ment des Künst­lers kne­belt Bild­jour­na­lis­ten mit Foto­ver­trä­gen und lässt Text­jour­na­lis­ten auf ihre Akkre­di­tie­rung war­ten. „Bei­des bedeu­tet einen mas­si­ven Ein­griff in die Frei­heit der Bericht­erstat­tung“, kri­ti­siert DJV-Lan­des­vor­sit­zen­der Hel­mut Dah­l­mann.

Das mit der „Frei­heit der Bericht­erstat­tung“ wird sicher span­nend, aber lesen wir erst mal wei­ter:

Song­wri­ter Leo­nard Cohen tritt am 5. und 6. Sep­tem­ber in Ber­lin und Mön­chen­glad­bach auf. Jour­na­lis­ten, die über eines der bei­den Kon­zer­te berich­ten wol­len, müs­sen für ihre Akkre­di­tie­rung zahl­rei­che Bedin­gun­gen erfül­len. So woll­te die zustän­di­ge deut­sche Pro­mo­ti­on-Agen­tur im Zuge eines Akkre­di­tie­rungs­ver­fah­rens zum Bei­spiel von einer Text­jour­na­lis­tin wis­sen, ob ein Vor­be­richt geplant sei. Mit­ge­teilt wur­de ihr zudem, dass das Manage­ment des Künst­lers erst kurz vor dem Kon­zert über Zu- oder Absa­gen für Medi­en­ver­tre­ter ent­schei­den wür­de. „Eine Akkre­di­tie­rung auch nur ansatz­wei­se mit einer Ankün­di­gung zu ver­bin­den, ist ein star­kes Stück“, fin­det Hel­mut Dah­l­mann, der die Hin­hal­te­tak­tik der Agen­tur eben­falls ver­ur­teilt.

Für Herrn Dah­l­mann mag es ein „star­kes Stück“ sein, eine Akkre­di­tie­rung auch nur ansatz­wei­se mit einer Ankün­di­gung zu ver­bin­den, aber wie wür­de man es denn anders­rum nen­nen, wenn eine Akkre­di­tie­rung nicht mal Ansatz­wei­se mit einem Nach­be­richt ver­knüpft wird?

Kon­zert­ver­an­stal­ter, Pro­mo­ter oder Label­mit­ar­bei­ter berich­ten immer wie­der von Musik­jour­na­lis­ten, die sich bei jedem anste­hen­den Kon­zert auf die Gäs­te­lis­te set­zen las­sen und dann nach zehn Kon­zer­ten immer noch kei­ne ein­zi­ge Zei­le geschrie­ben haben, meist, weil das Kon­zert „dann doch nichts“ für den ver­meint­li­chen Auf­trag­ge­ber war.

Ein Kon­zert­saal ist kein Gerichts­saal, der einer inter­es­sier­ten Öffent­lich­keit immer offen zu ste­hen hat. Kon­zer­te wer­den unter kom­mer­zi­el­len Aspek­ten ver­an­stal­tet und wenn alle, die bei sol­chen Ereig­nis­sen wie einem Leo­nard-Cohen-Kon­zert ger­ne auf der Gäs­te­lis­te ste­hen wür­den, auch drauf kämen, gin­ge ver­mut­lich nur noch die Hälf­te der ver­füg­ba­ren Kar­ten über­haupt in den frei­en Ver­kauf. Dann wäre das Geschrei in den Zei­tun­gen aber auch wie­der groß und die Gewinn­span­ne der Kon­zert­ver­an­stal­ter klein.

Doch auch die Foto­jour­na­lis­ten ver­sucht das Cohen-Manage­ment erheb­lich zu kne­beln: Foto­gra­fen müs­sen bei ihrer Akkre­di­tie­rung unter­zeich­nen, dass sie die Fotos nur ein ein­zi­ges Mal in einem ein­zi­gen, zuvor benann­ten Medi­um ver­öf­fent­li­chen. Beson­ders pikant ist dabei, dass das Manage­ment gleich­zei­tig ver­langt, die Bil­der selbst nut­zen zu dür­fen. „Hier wer­den Urhe­ber­rech­te mit Füßen getre­ten“, stellt der Vor­sit­zen­de des DJV-NRW klar – und ruft daher zum Boy­kott der Kon­zer­te auf. „Unter die­sen Umstän­den soll­ten alle Medi­en auf eine Bericht­erstat­tung ver­zich­ten.“

Das Wort „auch“ im ers­ten Satz fin­de ich ein biss­chen irri­tie­rend, aber die Empö­rung ist natür­lich berech­tigt: Auch nach län­ge­rem Nach­den­ken will mir kein Grund ein­fal­len, der die Beschrän­kung auf ein Medi­um irgend­wie recht­fer­ti­gen könn­te, und ein­fach so Nut­zungs­rech­te ein­for­dern zu wol­len, ist ein­fach Wahn­sinn, der in sol­chen Fäl­len häu­fig dar­auf hin­aus läuft, dass die Foto­gra­fen ihre Bil­der nicht mal für ihr Port­fo­lio ver­wen­den sol­len dür­fen, das Manage­ment die Moti­ve aber bei Gefal­len gleich kom­plett und kos­ten­los aus­schlach­ten darf. Das ist ein kras­ses Miss­ver­hält­nis, das aber wenig mit Pres­se­frei­heit zu tun hat, und viel mit dem Zustan­de­kom­men oder Nicht­zu­stan­de­kom­men einer Geschäfts­be­zie­hung.

Und sei­en wir ehr­lich: Der Ver­zicht auf eine Bericht­erstat­tung ist die ein­zi­ge, stump­fe Waf­fe, die den Foto­gra­fen und Jour­na­lis­ten zur Ver­fü­gung steht. Es ist Leo­nard fuck­ing Cohen, dem Kon­zert­be­rich­te in der „Rhei­ni­schen Post“ und der „NRZ“ ver­mut­lich ega­ler sind als die zwei­mil­li­ons­te „Hallelujah“-Version auf You­Tube.

Außer­dem sieht’s ja nun mal so aus: Die Künst­ler, das Manage­ment und die Ver­an­stal­ter laden ein, wer kommt, muss sich an deren Vor­stel­lun­gen hal­ten. Kon­zer­te stel­len nicht die sel­be Öffent­lich­keit dar wie poli­ti­sche Ent­schei­dungs­vor­gän­ge, sie sind pri­va­ter Spaß vor einer Tei­löf­fent­lich­keit.

In den gro­ßen Medi­en­me­tro­po­len kommt manch­mal auf jeden Kon­zert­be­su­cher einer die­ser Kon­zert­fo­to­gra­fen, die gera­de in den klei­nen Clubs gern in der ers­ten Rei­he ste­hen und Fotos machen wol­len. Das Equip­ment ist für jeden erschwing­lich gewor­den, also knip­sen die meis­ten ein­fach drauf los. Kon­zert­fo­to­gra­fie ist eine Kunst­form und nicht alle, die sie prak­ti­zie­ren, beherr­schen sie auch. Und bei den Klick­stre­cken von irgend­wel­chen Lokal­zei­tun­gen oder Musik­por­ta­len fra­ge ich mich wirk­lich, wer das sehen will: 67 Bil­der von irgend­ei­ner Band wäh­rend der ers­ten drei Lie­der (wo das Licht bei vie­len Kon­zer­ten absicht­lich schei­ße ist), von schräg unten auf­ge­nom­men, kön­nen doch nicht mal die Leu­te inter­es­sie­ren, die selbst dabei waren. Die haben ja sowie­so 134 unschar­fe Bil­der auf ihrem Mobil­te­le­fon.

Aber zurück zum DJV:

Immer wie­der macht der DJV auf haar­sträu­ben­de Akkre­di­tie­rungs­be­din­gun­gen im Kon­zert­jour­na­lis­mus auf­merk­sam: Die Metho­de ist kein Betriebs­un­fall, son­dern hat Sys­tem. So ver­such­ten schon 2009 Musi­ker wie Ramm­stein oder Tom Jones mit ihren Kne­bel­ver­trä­gen die Bild­jour­na­lis­ten aus­zu­plün­dern.

Natür­lich hat das Sys­tem. Es nennt sich Unter­hal­tungs­in­dus­trie.

Die Deals, die dort ablau­fen, sind hin­läng­lich bekannt: Die eine Sei­te winkt mit Frei-CDs, Gäs­te­lis­ten­plät­zen und Inter­view­s­lots, die ande­re mit Medi­en­prä­senz. In vie­len kos­ten­lo­sen Musik- und Stadt­ma­ga­zi­nen (aber nicht nur dort) kann man sehr gut nach­voll­zie­hen, wie Wer­be­plät­ze und Bericht­erstat­tung flä­chen­mä­ßig kor­re­lie­ren. Es gibt tat­säch­lich Maga­zi­ne, die eine Ver­an­stal­tung noch nicht mal in ihren Kalen­der auf­neh­men, wenn als Gegen­leis­tung nicht wenigs­tens eine klei­ne Anzei­ge geschal­tet wird. Und wenn Sie sagen, das habe doch mit Jour­na­lis­mus nichts zu tun, dann sage ich: stimmt!

Man kann sich doch nicht stän­dig zum will­fäh­ri­gen Voll­stre­cker von PR-Agen­ten machen und über Film­pre­mie­ren, Video­drehs, neue Alben und Bran­chen­events berich­ten, als sei irgend­et­was davon rele­van­ter als man es selbst macht, und dann plötz­lich rum­jam­mern, wenn der Geschäfts­part­ner die Details neu ver­han­deln will.

Klar: Ohne Pres­se wären die alle nicht berühmt. Aber wenn sie nicht berühmt wären, wür­den sich die Zeit­schrif­ten mit ihnen auf dem Cover auch nicht so gut ver­kau­fen. Jede Sei­te muss sich über­le­gen, wie weit sie das Spiel mit­ma­chen will (dass die Fan­tas­ti­schen Vier im wört­li­chen Sin­ne mit „Bild“ ins Bett gestie­gen sind, ver­ste­he ich bis heu­te nicht), aber die Grund­re­geln von Jour­na­lis­mus kann man hier nicht anle­gen.

Ein Ramm­stein-Kon­zert ist kein steu­er­lich bezu­schuss­tes Stadt­thea­ter und Tom Jones nicht der Bür­ger­meis­ter.

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Kein Kommentar

Mar­kus Becke­dahl hat bei netzpolitik.org einen Arti­kel über Blog­kom­men­ta­re ver­öf­fent­licht, den ich selbst­ver­ständ­lich nicht gele­sen habe, so wie Blog­kom­men­ta­to­ren in den aller­meis­ten Fäl­len die Arti­kel nicht lesen (oder zumin­dest offen­kun­dig nicht ver­ste­hen), unter denen sie kom­men­tie­ren.

Als ich ange­fan­gen habe zu blog­gen und plötz­lich Leu­te anfin­gen, die Kom­men­tar­funk­ti­on zu nut­zen, gab es in den Kom­men­ta­ren Zustim­mung, ande­re Denk­an­sät­ze, Lob, Kri­tik, Humor, irgend­wann Run­ning Gags. Mit eini­gen treu­en Kom­men­ta­to­ren die­ser Anfangs­pha­se ver­bin­den mich inzwi­schen enge Freund­schaf­ten.

Dann kam Face­book. Lesens­wer­te Arti­kel wur­den nicht mehr ver­linkt, Blogs rekur­rier­ten nicht mehr auf­ein­an­der, die gan­ze Idee der „Blogo­sphä­re“ fiel in sich zusam­men. Lesens­wer­te Arti­kel wer­den heu­te bei Face­book geteilt und eben­da auch dis­ku­tiert, bei den aller­meis­ten im über­schau­ba­ren Rah­men ihrer Facebook-„Freunde“. Das führt einer­seits dazu, dass das Mei­nungs­spek­trum nicht mehr ganz so groß ist 1, ande­rer­seits funk­tio­nie­ren Anspie­lun­gen und Run­ning Gags viel bes­ser, man­che trau­en sich gar wie­der ans Stil­mit­tel der Iro­nie. In sel­te­nen Fäl­len kommt es zu Rei­bungs­punk­ten, wenn Men­schen, deren ein­zi­ge Gemein­sam­keit die Face­book-Bekannt­schaft mit mir ist, unglück­lich auf­ein­an­der­pral­len, aber meis­tens ver­läuft alles harm­los und har­mo­nisch.

Das bedeu­tet aber auch, dass die aller­meis­ten Men­schen, die heu­te noch Blog­bei­trä­ge kom­men­tie­ren, ent­we­der die letz­ten treu­en See­len sind – oder die letz­ten Irren. Die Leu­te, die einem Arti­kel ein­fach nur zustim­men, kli­cken auf „Gefällt mir“ (bzw. „Emp­feh­len“) oder ver­lin­ken ihn ander­wei­tig bei Face­book (bzw. um das Wort ein­mal geschrie­ben zu haben: auf Twit­ter) und sind dann wie­der weg. Wer in die Kom­men­ta­re unter dem Text guckt, bekommt den Ein­druck, dass Blogs aus­schließ­lich von Men­schen gele­sen wer­den, die mit der Mei­nung des Autoren nicht über­ein­stim­men. 2 In eini­gen Fäl­len könn­te man dar­über hin­aus glau­ben, die Kom­men­ta­re bezö­gen sich auf einen ursprüng­lich dort gepos­te­ten Arti­kel, in dem der Autor vom Geschlechts­ver­kehr mit Tie­ren geschwärmt hat­te und den er anschlie­ßend durch einen etwas weni­ger kon­tro­ver­sen ersetzt hat. So ent­steht ein selt­sa­mes Zerr­bild der Rea­li­tät.

Manch­mal sind Kom­men­ta­re natür­lich auch ein Gewinn. Nicht nur, wenn man expli­zit um Hil­fe gebe­ten hat, son­dern auch, wenn es um das gemein­sa­me Schwel­gen in Erin­ne­run­gen geht. Wenn das The­ma aber nur gering­fü­gig kon­tro­vers ist, ist das Desas­ter pro­gram­miert. Und wenn dann noch durch irgend­wel­che Ver­lin­kun­gen vie­le Leser von außer­halb ange­spült wer­den, die viel­leicht mit Autor, Blog und Rest­kom­men­ta­to­ren nicht ver­traut sind, wird es spä­tes­tens ab Kom­men­tar #20 so lus­tig wie an einem schlech­ten Tag im Nahen Osten.

Ein wei­te­res Pro­blem ist natür­lich, dass in Deutsch­land kei­ne Dis­kus­si­ons­kul­tur exis­tiert wie im angel­säch­si­schen Raum. Mehr noch, im Fern­se­hen bekom­men wir täg­lich – und ich wünsch­te, „täg­lich“ wäre hier eine Über­trei­bung – gezeigt, wie man mit Men­schen umgeht, die ande­rer Mei­nung sind: Unter­bre­chen, Anschrei­en, alle Argu­men­te für nich­tig erklä­ren. Rhe­to­ri­sche Grund­prin­zi­pi­en wer­den in die Ton­ne gekloppt, auf der dann laut rum­ge­trom­melt wird. Was übri­gens noch viel leich­ter geht, wenn man dem Gegen­über dabei nicht in die Augen gucken muss, weil es an einer Com­pu­ter­tas­ta­tur ganz woan­ders sitzt.

Wenn eine kon­struk­ti­ve Dis­kus­si­on also eh unmög­lich ist, kön­nen wir uns alle die Mühe auch spa­ren. Es bringt nichts, den isla­mo­pho­ben Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­kern in ihren Wahn­sinns­fo­ren mit Fak­ten, Argu­men­ten oder Ver­wei­sen auf die Wirk­lich­keit ent­ge­gen­tre­ten zu wol­len, aber es bringt noch ein biss­chen weni­ger, unter einen Arti­kel, der isla­mo­pho­ben Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­kern mit Fak­ten, Argu­men­ten oder Ver­wei­sen auf die Wirk­lich­keit ent­ge­gen­tritt, zu schrei­ben, die­se Leu­te sei­en aber echt dum­me Nazis und hät­ten klei­ne Pim­mel. Das mag ja stim­men, aber es hilft den­noch nie­man­dem. Außer viel­leicht für einen kur­zen Moment dem Kom­men­ta­tor.

Natür­lich wird einem jeder alte Zei­tungs­ha­se bestä­ti­gen, dass Leser­brie­fe schon immer zu maxi­mal zehn Pro­zent aus Zustim­mung bestan­den (außer, es geht gera­de gegen Kin­der­mör­der) und zu min­des­tens hun­dert Pro­zent aus gal­le­trie­fen­den Abo-Kün­di­gun­gen, aber ein Blog­kom­men­tar ist noch leicht­fer­ti­ger in die Tas­ta­tur erbro­chen als das Wort „Schrei­ber­ling“ in Süt­ter­lin aufs Büt­ten­pa­pier getropft. Und wäh­rend hier­zu­lan­de tat­säch­lich nie­mand dazu gezwun­gen wird, ein bestimm­tes Medi­um zu kon­su­mie­ren, ver­hält es sich bei den Leser­kom­men­ta­ren genau umge­kehrt: Die müs­sen, schon aus Selbst­schutz des Blog­be­trei­bers, von irgend­je­man­dem auf mög­li­che Ver­stö­ße gegen die guten Sit­ten und gegen bestehen­de Geset­ze über­prüft wer­den. Die Ver­stö­ße gegen Logik und Recht­schreib­kon­ven­tio­nen wür­de eh nie­mand nach­hal­ten wol­len.

Es ist nicht mehr 2007. Blogs sind jetzt ein­fach da und gehen auch nicht mehr weg. Aber sie sind nicht ganz das gewor­den, was wir uns viel­leicht mal erhofft hat­ten. „Wir“ sind nicht das gewor­den. Men­schen, die alle eine Blog­soft­ware benut­zen, haben grund­sätz­lich erst mal genau die­se eine Gemein­sam­keit. Wer will, kann sich mit Men­schen, die auch irgend­wie ins Inter­net schrei­ben, tref­fen, wer nicht will, nicht. Wer sei­ne Sicht auf die Welt für so wich­tig hält, dass ande­re davon erfah­ren soll­ten, soll­te nicht irgend­wo Kom­men­ta­re hin­ter­las­sen, son­dern mit dem Blog­gen anfan­gen.

  1. Ich zum Bei­spiel habe kei­nen ein­zi­gen offen homo­pho­ben oder natio­na­lis­tisch ein­ge­stell­ten Face­book-Kon­takt, wor­über ich sehr froh bin und wor­auf ich auch sehr ach­te.[]
  2. In den Kom­men­ta­ren des News­por­tals „Der Wes­ten“ ent­steht bis­wei­len der Ein­druck, die WAZ-Grup­pe wür­de Frei­schär­ler beschäf­ti­gen, die Men­schen mit Waf­fen­ge­walt dazu zwin­gen, die dort online gestell­ten Arti­kel zu lesen und anschlie­ßend zu kom­men­tie­ren. Das ist aller­dings immer noch harm­los ver­gli­chen mit den nach unten offe­nen Kom­men­tar­spal­ten von „Welt Online“, in denen sich offen­sicht­lich jene Stamm­tisch­gän­ger ver­sam­meln, gegen die der Deut­sche Hotel- und Gast­stät­ten­ver­band DeHo­Ga ein bun­des­wei­tes Knei­pen­ver­bot aus­ge­spro­chen hat.[]
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Das Ende des Onlinejournalismus

Ich weiß nicht, was Sie heu­te so den lie­ben, lan­gen Tag getrie­ben haben, aber ich habe mich heu­te mal aus­gie­big mit dem Pri­vat­le­ben ver­schie­de­ner Pro­mi­nen­ter beschäf­tigt.

Die „B.Z.“ hat­te berich­tet, dass Lena Mey­er-Land­rut jeman­den in Köln lie­be und ein zusätz­li­ches Tat­too habe. Bei­des waren kei­ne Neu­ig­kei­ten, aber die Bou­le­vard-Medi­en grif­fen es doch ger­ne auf (nach­zu­le­sen im BILD­blog). Beson­ders her­vor­ge­tan hat­te sich bei die­sem The­ma die Feld‑, Wald- und Wie­sen­agen­tur dapd, die es sogar fer­tig­brach­te, Din­ge als neu zu berich­ten, die sie selbst zuvor schon mal als neu berich­tet hat­te.

Das „People“-Magazin hat­te über den ers­ten öffent­li­chen Auf­tritt von Schau­spie­ler Robert Patt­in­son nach dem Fremd­geh-Geständ­nis sei­ner Freun­din Kris­ten Ste­wart geschrie­ben und dabei Vor­komm­nis­se beob­ach­tet, die im Fern­se­hen beim bes­ten Wil­len nicht zu beob­ach­ten waren, von deut­schen Bou­le­vard-Medi­en aber begeis­tert auf­ge­grif­fen wur­den (auch nach­zu­le­sen im BILD­blog).

Womit wir bei der Ant­wort auf die Fra­ge wären, was eigent­lich schlim­mer ist als Bou­le­vard­jour­na­lis­ten, die sich für das Pri­vat­le­ben von Pro­mi­nen­ten inter­es­sie­ren: Bou­le­vard­jour­na­lis­ten, die sich nicht für das Pri­vat­le­ben von Pro­mi­nen­ten inter­es­sie­ren, aber dar­über berich­ten.

Die oft unter Bou­le­vard­mel­dun­gen auf­kom­men­de Fra­ge, wen das denn bit­te­schön inter­es­sie­re und wer der dort beschrie­be­ne „Pro­mi­nen­te“ denn über­haupt sei, ist häu­fig Aus­druck von Über­heb­lich­keit: Natür­lich muss man Robert Patt­in­son, Kris­ten Ste­wart, Jus­tin Bie­ber, Sele­na Gomez, Vanes­sa Hud­gens, Zac Efron, Miley Cyrus und wie­se­al­le­hei­ßen nicht ken­nen (es gibt ja nicht mal ein Gesetz, das vor­schreibt, Barack Oba­ma, Ange­la Mer­kel oder Joseph Ratz­in­ger zu ken­nen), aber man muss ja nicht gleich die Fans run­ter­ma­chen, denen die­se Leu­te etwas bedeu­ten.

Mei­net­we­gen kön­nen wir also dar­über dis­ku­tie­ren, ob es irgend­ei­nen Nach­rich­ten­wert hat, mit wem eine pro­mi­nen­te Per­son Tisch und Bett teilt, wo sie wohnt und was sie stu­diert oder nicht stu­diert (mei­ne Ant­wort wäre ein ent­schie­de­nes „Nein!“), aber wenn so etwas einen Nach­rich­ten­wert hat, dann soll­te das doch bit­te genau­so ernst­haft behan­delt wer­den, wie die Nach­rich­ten zur Euro-Kri­se und zum Ber­li­ner Groß­flug­ha­fen. (Oh Gott, was schrei­be ich denn da?!)

Ich glau­be eher nicht dar­an, dass man ver­ant­wor­tungs­vol­len Bou­le­vard­jour­na­lis­mus betrei­ben kann, ohne immer wie­der Per­sön­lich­keits­rech­te zu ver­let­zen. Aber Bou­le­vard­jour­na­lis­mus wird nicht bes­ser, wenn den dienst­ha­ben­den Redak­teu­ren so offen­sicht­lich egal ist, wor­über sie gera­de schrei­ben. Schrei­ben müs­sen, damit es geklickt wird. Die Leser kli­cken es natür­lich, aber es ist, als ob sie nicht nur Fast Food bekä­men, son­dern Fast Food aus ver­dor­be­nen Zuta­ten.

Könn­te man sich also viel­leicht dar­auf eini­gen, das Wüh­len im Dreck wenigs­tens den Leu­ten zu über­las­sen, die dabei ja offen­bar wenigs­tens Talent und Inter­es­se an den Tag legen? Also jenen ame­ri­ka­ni­schen Klatsch­blogs, die eh hin­ter­her von allen ande­ren zitiert wer­den, und die unge­fähr jede „wich­ti­ge“ Geschich­te der letz­ten Jah­re als Ers­te hat­ten? Wer sich ein biss­chen für Pro­mi­nen­te inter­es­siert, wird sich eh dort rum­trei­ben – und es hat abso­lut für nie­man­den Mehr­wert, wenn mei­ne Oma auf den Start­sei­ten von „Spie­gel Online“, „RP Online“ und „Der Wes­ten“ von irgend­wel­chen Pro­mi­nen­ten lesen muss, von denen sie noch nie gehört hat.

Eine sol­che Wert­stoff­tren­nung wäre der Anfang. Anschlie­ßend könn­te man das sinn‑, witz- und wür­de­lo­se Nach­er­zäh­len von Inter­net­dis­kus­sio­nen über angeb­lich wech­sel­wil­li­ge Fuß­ball­spie­ler ein­fach blei­ben las­sen, weil die Leu­te, die es inter­es­siert, das eh schon gele­sen haben. (Sofort ver­zich­ten soll­ten wir aller­dings auf die bescheu­er­te Unsit­te, Fern­seh­zu­schau­ern vor­zu­le­sen, was Men­schen bei Twit­ter über die aktu­el­le Sen­dung zu sagen haben, denn dafür gibt es ja Twit­ter, Herr­gott­noch­mal!) Irgend­wann könn­ten sich Online­me­di­en dann dar­auf kon­zen­trie­ren, ihre eige­nen Geschich­ten zu erzäh­len und nicht das auf­zu­be­rei­ten, was Nach­rich­ten­agen­tu­ren aus dem Inter­net her­aus­de­stil­liert haben.

Viel­leicht müss­ten die­se, dann schön recher­chier­ten Geschich­ten auch nicht mehr im Netz erschei­nen, son­dern könn­ten etwas wer­ti­ger auf Papier repro­du­ziert wer­den – die Leser wür­den ver­mut­lich sogar dafür bezah­len. Es wäre das Ende des Online­jour­na­lis­mus. Bit­te!

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Kürzen und Würgen

Zuge­ge­ben: Ich hal­te Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler und Art­ver­wand­te sowie­so für moder­ne Scha­ma­nen. Ich wäre nicht im Min­des­ten über­rascht, wenn man im Kel­ler des ifo-Insti­tuts (bekannt durch sei­nen monat­lich ermit­tel­ten „Geschäfts­kli­ma­in­dex“, einer Art Gefühls­ba­ro­me­ter der Wirt­schaft) groß­flä­chi­ge Krei­de­krei­se und Hüh­ner­kno­chen fän­de oder bei den soge­nann­ten Rating­agen­tu­ren Glas­kol­ben mit ver­schie­den­far­bi­gen Flüs­sig­kei­ten. Ich habe also auch nicht näher ver­folgt, was es mit dem aktu­ell statt­fin­den­den Öko­no­men­streit auf sich hat – mut­maß­lich eine Art His­to­ri­ker­streit ohne Nazis, also für Außen­ste­hen­de sehr, sehr lang­wei­lig.

Ges­tern berich­te­te „Han­dels­blatt Online“ unter der ange­mes­sen unauf­ge­regt Über­schrift „Der Krieg der Öko­no­men eska­liert“ über den Dort­mun­der Sta­tis­tik­pro­fes­sor Wal­ter Krä­mer:

Nichts zeigt die Zer­strit­ten­heit deut­scher Öko­no­men so dra­ma­tisch, wie ein Inter­view mit dem Öko­no­mie­pro­fes­sor Wal­ter Krä­mer in der Dort­mun­der Stu­den­ten­zei­tung „Pflicht­lek­tü­re“. „Was von unse­ren Geg­nern an Gehäs­sig­keit in die Tin­te geflos­sen ist, das ist ja kaum zu glau­ben, Leu­te wie Herr Bofin­ger der übri­gens eine aka­de­mi­sche Null­num­mer ist.“ Kei­ner neh­me Herrn Bofin­ger ernst, wet­tert Krä­mer. Die­ser sei nur in den Rat der Wirt­schafts­wei­sen gekom­men, weil die Gewerk­schaf­ten ihn dort rein koop­tiert hät­ten. Han­dels­blatt Online kon­fron­tier­te Bofin­ger mit der har­ten Kri­tik, eine Reak­ti­on gab es auf die Email-Anfra­ge aber bis­her nicht.

Mit man­geln­dem Exper­ten­tum muss sich Krä­mer aus­ken­nen wie kaum ein Zwei­ter, ist der Öko­no­mie­pro­fes­sor doch Vor­sit­zen­der des „Ver­eins Deut­sche Spra­che“, der mit ernst­zu­neh­men­der Ger­ma­nis­tik unge­fähr so viel gemein hat wie Krea­tio­nis­ten mit der Evo­lu­ti­on.

Vor ein paar Wochen hat Krä­mer einen Appell ver­öf­fent­licht. Bei der Bericht­erstat­tung dar­über fühl­te er sich miss­ver­stan­den, wie „Han­dels­blatt Online“ wei­ter schreibt:

Im Inter­view mit der Dort­mun­der Stu­den­ten­zei­tung ver­sucht Krä­mer nun, auf­zu­klä­ren. [Hans-Wer­ner] Sinn sei an dem Auf­ruf nicht betei­ligt gewe­sen, sagt er. Der „Spie­gel“ stel­le ihn aber als medi­en­gei­len Dumm­schwät­zer da. „Die­sen Redak­teur könn­te ich erwür­gen und an die Wand klat­schen“, so Krä­mer.

Der Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler Gus­tav Horn ver­link­te den „Handelsblatt“-Text bei Face­book und kom­men­tier­te, Krä­mer habe sich „für wei­te­re wirt­schafts­po­li­ti­sche Debat­ten als unge­eig­net erwie­sen“. Dann bekam Horn offen­bar Post von Krä­mer, die er „der Korekt­heit wegen“ eben­falls auf Face­book ver­öf­fent­lich­te:

Sehr geehr­te Damen und Her­ren,
ich fal­le gera­de aus allen Wol­ken, im Han­dels­blatt einen nicht auto­ri­sier­ten Mit­schnitt einer flap­si­gen Neben­be­mer­kung wäh­rend eines Inter­views zu fin­den.
Den von Ihnen zitier­ten Text hat­te ich bis heu­te Mit­tag nicht gese­hen.
Sie dür­fen ger­ne in der Redak­ti­on der Pflicht­lek­tü­re nach­fra­gen.
Die auto­ri­sier­te Fas­sung des Inter­views fin­den Sie hier:

http://www.pflichtlektuere.com/

Wie Sie dar­in sehen, bemü­he ich mich nach Kräf­ten um das Gegen­teil des­sen, was Sie mir vor­wer­fen.
Näm­lich die Gemein­sam­kei­ten der ver­schie­de­nen Ansät­ze her­aus­zu­stel­len.
Und bei dem Kol­le­gen Bofin­ger wer­de ich mich für die­sen faux pas ent­schul­di­gen.
Was treibt eigent­lich das Han­dels­blatt, mit aller Gewalt eine allen­falls auf per­sön­li­cher, aber kaum auf wis­sen­schaft­li­cher Ebe­ne exis­tie­ren­de Fron­ten­bil­dung zwi­schen deut­schen Öko­no­men zu erfin­den?

Mit irri­tier­ten Grü­ßen Wal­ter Krä­mer

PS: Bit­te lei­ten Sie die­se Nach­richt auch an den zustän­di­gen Redak­teur wei­ter, ich habe die elek­tro­ni­sche Anschrift lei­der nicht

(„Faux pas“ ist offen­bar okay für den „Ver­ein Deut­sche Spra­che“.)

Wenn man nun das Inter­view auf pflichtlektuere.com liest, fin­det man dort tat­säch­lich kei­ne Erwäh­nung Bofin­gers und kei­ne Gewalt­phan­ta­sien gegen­über „Spiegel“-Redakteuren.

Man fin­det sie nicht mehr.

Rund eine Woche stand das Inter­view offen­bar in sei­ner ursprüng­li­chen Form online, ges­tern wur­de es über­ar­bei­tet und die ent­spre­chen­den Pas­sa­gen wur­den ohne einen Hin­weis ent­fernt.

Bei scribd.com oder im Goog­le-Cache kann man aber noch ein­mal nach­le­sen, wie Krä­mer ande­ren vor­warf, sich im Ton zu ver­grei­fen:

Neben der Kanz­le­rin gab es aber auch noch deut­li­che­re Wor­te, bei­spiels­wei­se von Wolf­gang Schäub­le. Man­che Kri­ti­ker wer­fen Ihnen unter ande­rem Pathos und inhalt­li­che Armut vor…

Krä­mer: Also, wenn sich hier jemand im Ton ver­greift, dann sind das die ande­ren. Was von unse­ren Geg­nern an Gehäs­sig­keit in die Tin­te geflos­sen ist, das ist ja kaum zu glau­ben. Leu­te wie Herr Bofin­ger (Anmerk. Der Red.: Peter Bofin­ger, VWL-Pro­fes­sor an der Uni Würz­burg und einer der fünf Wirt­schafts­wei­sen) der übri­gens eine aka­de­mi­sche Null­num­mer ist. Kei­ner nimmt ihn ernst, er ist nur in den Rat gekom­men, weil von den Gewerk­schaf­ten rein koop­tiert wor­den ist. Wenn hier jemand auf Stamm­tisch­ni­veau argu­men­tiert, dann die Gegen­sei­te.

An fast 20 Stel­len unter­schei­den sich die Ver­sio­nen mal mehr, mal weni­ger stark von­ein­an­der. Die Leser von „Pflicht­lek­tü­re“ erfuh­ren davon bis zum heu­ti­gen Nach­mit­tag nichts, nur der Hin­weis „[Update 24.7.2012]“ im Vor­spann deu­te­te vage eine Über­ar­bei­tung an.

Ich habe mich an die Redak­ti­on gewandt und unter ande­rem gefragt, ob die Über­ar­bei­tung des Inter­views, gera­de wenn es beim „Han­dels­blatt“ zitiert und ver­linkt wird, nicht kennt­lich gemacht wer­den müss­te. Der Redak­ti­ons­lei­ter erklär­te mir dann, dass es meh­re­re Nach­fra­gen gege­ben habe und man dar­auf nun reagie­ren wer­de.

Seit dem spä­ten Nach­mit­tag steht nun unter dem Arti­kel:

Hin­weis der Redak­ti­on:

Das ver­schrift­li­che Inter­view mit Wal­ter Krä­mer vom 17. Juli 2012 lag dem Befrag­ten vor der Ver­öf­fent­li­chung nicht vor. Die aktua­li­sier­te Fas­sung ent­hält die Ände­run­gen, die Herr Wal­ter Krä­mer am 24. Juli 2012 ergänzt hat.

Tobi­as Schweig­mann
Lei­ter der Lehr­re­dak­ti­on Online

„Ergänzt“, soso. Wenn der „Ver­ein Deut­sche Spra­che“ von die­ser Bedeu­tungs­ver­schie­bung erfährt …

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„Haha“, said the clown

Wenn sich der Mann, der in der Nacht zum Frei­tag in einem Kino in Colo­ra­do 12 Men­schen erschos­sen und 58 wei­te­re ver­letzt hat, für eine ande­re Vor­stel­lung ent­schie­den hät­te, wäre alles anders: „Ice Age 4“, der Katy-Per­ry-Kon­zert­film, schon „The Ama­zing Spi­der-Man“ hät­te alles geän­dert, aber der Mann ging in die Mit­ter­nachts­vor­stel­lung von „The Dark Knight Rises“ – ob gezielt, ist noch nicht klar.

dapd schreibt:

Der Poli­zei­chef von New York, Ray­mond Kel­ly, sag­te, der Ver­däch­ti­ge habe sei­ne Haa­re rot gefärbt und gesagt, er sei der „Joker“, ein Böse­wicht aus den „Batman“-Filmen und ‑Comic­bü­chern. „Das ist mei­nes Wis­sens nach nicht wahr“, sag­te hin­ge­gen der ört­li­che Poli­zei­chef Dan Oates, erklär­te aber mit Kel­ly gespro­chen zu haben.

Der Poli­zei­chef einer 2.800 Kilo­me­ter ent­fern­ten Stadt sagt etwas, was der ört­li­che Poli­zei­chef nicht bestä­ti­gen kann oder will – das kann man auf­schrei­ben, wenn man die ohne­hin ins Kraut schie­ßen­den Spe­ku­la­tio­nen wei­ter anhei­zen will, muss es aber sicher nicht.

Das heißt: Als Nach­rich­ten­agen­tur im Jahr 2012 muss man es wahr­schein­lich schon, weil die Kun­den, allen vor­an die Online­diens­te, ja sonst selbst anfan­gen müss­ten, irgend­wel­che mut­maß­li­chen Details aus dem Inter­net zusam­men­zu­tra­gen. Dabei gibt es kaum wel­che!

„Spie­gel Online“ kom­men­tiert den Umstand, dass der Mann offen­bar nicht bei „Face­book, Twit­ter, irgend­ein Social Net­work her­kömm­li­cher Strick­art“ ange­mel­det war, dann auch ent­spre­chend so:

Bei den Fahn­dern wirft das Fra­gen auf, wäh­rend es bei jün­ge­ren Inter­net­nut­zern für Fas­sungs­lo­sig­keit sorgt. Ihnen erscheint [der Täter] wie ein Geist. Wie kann das sein, dass ein 24 Jah­re jun­ger ame­ri­ka­ni­scher Aka­de­mi­ker nicht ver­netzt ist? Mit nie­man­dem kom­mu­ni­ziert, Bil­der tauscht, Sta­tus-Aktua­li­sie­run­gen ver­öf­fent­licht, sich selbst öffent­lich macht?

Man hät­te es also wie­der ein­mal kom­men sehen müs­sen:

Dass [der Täter] im Web nicht prä­sent ist, macht ihn heu­te genau­so ver­däch­tig, wie er es als exzes­si­ver Nut­zer wäre. Im Janu­ar 2011 ver­öf­fent­lich­te ein Team um den Jugend­psy­cho­lo­gen Richard E. Bélan­ger eine Stu­die, die exzes­si­ve Inter­net­nut­zung genau wie Inter­net- und Ver­net­zungs-Abs­ti­nenz bei jun­gen Leu­ten zu einem Warn­si­gnal für men­ta­le Erkran­kun­gen erklär­te.

Erst an die­ser Stel­le, in den letz­ten Absät­zen, wen­det sich Autor Frank Pata­long gegen die von ihm bis­her refe­rier­ten The­sen:

Man muss sich ein­mal vor­stel­len, was es für uns alle bedeu­ten wür­de, wenn das Kon­sens wür­de: Dann wäre nur noch der unver­däch­tig, der ein „nor­ma­les“ Online-Ver­hal­ten zeigt, Selbst­ver­öf­fent­li­chung per Social Net­work inklu­si­ve.

Doch viel­leicht braucht man aus […] feh­len­der Online-Prä­senz kein Mys­te­ri­um zu machen. Viel­leicht ist […] ein­fach nur ein ehe­ma­li­ger Über­flie­ger, der mit sei­nem eige­nen Schei­tern nicht zurecht­kam. Ein Nie­mand, der jemand wer­den woll­te, und sei es mit Gewalt auf Kos­ten unschul­di­ger Men­schen.

Es gibt aller­dings berech­tig­te Hoff­nung dar­auf, dass die Tal­soh­le bereits erreicht wur­de – womög­lich gar bis zum Ende des Jah­res oder dem der Welt.

Beim Ver­such, mög­li­che Zusam­men­hän­ge zwi­schen den „Batman“-Filmen und dem Mas­sen­mord im Kino als halt­lo­se Spe­ku­la­ti­on zurück­zu­wei­sen, lehnt sich Hanns-Georg Rodek bei „Welt Online“ näm­lich der­art weit aus dem Fens­ter, dass er fast schon wie­der im Nach­bar­haus auf der gegen­über­lie­gen­den Stra­ßen­sei­te (vier­spu­ri­ge Stra­ße mit Park­buch­ten am Rand und Grün­strei­fen in der Mit­te) ankommt.

Aber lei­der nur fast:

[Der Täter] flüch­te­te durch den Not­aus­gang und wur­de, ohne Wider­stand zu leis­ten, bei sei­nem Auto gefasst. Dabei soll er „Ich bin der Joker, der Feind von Bat­man“ gesagt haben.

Dar­aus lässt sich eine ers­te wich­ti­ge Fol­ge­rung zie­hen: Der Atten­tä­ter hat den Film nicht gese­hen, auch nicht im Netz, weil dort kei­ne Raub­ko­pien kur­sier­ten, und er kann sich den Inhalt nur bruch­stück­haft zusam­men­ge­reimt haben, wobei aller­dings All­ge­mein­wis­sen war, dass der Joker gar nicht auf­tritt.

Laut Rodek war der Joker also da, wo sich die Leser sei­nes Arti­kels wäh­nen: im fal­schen Film. Er hät­te nicht die ers­te Vor­stel­lung von „The Dark Knight Rises“ stür­men müs­sen, son­dern eine der (zum Start des Films zahl­reich ange­bo­te­nen) Wie­der­auf­füh­run­gen des zwei­ten „Batman“-Films von Chris­to­pher Nolan, „The Dark Knight“. Denn da hät­te ja der Joker mit­ge­spielt.

Aber das ist eh alles egal, so Rodek:

Auf jeden Fall hät­te [der Täter], wäre sei­ne Sti­li­sie­rung ernst gemeint gewe­sen, sich die Haa­re nicht rot fär­ben müs­sen, son­dern grün. Der Joker trägt grü­nes Haar, weil er ein­mal in ein Fass mit Che­mi­ka­li­en fiel, das weiß in Ame­ri­ka jedes Kind.

Die Leu­te von dpa wuss­ten es nicht, aber die sind ja auch kei­ne ame­ri­ka­ni­schen Kin­der. Und das, wo Rodek den Jugend- und Teen­ager-Begriff schon aus­ge­spro­chen weit fasst:

US-Teen­ager – [der Täter] ist 24 – wis­sen ziem­lich gut über die­se Figur Bescheid.

Rodek hin­ge­gen weiß über Mas­sen­mor­de ziem­lich gut Bescheid:

Das Cen­tu­ry-Kino war die per­fek­te Büh­ne – Hun­der­te Men­schen, zusam­men­ge­pfercht, ihm in Dun­kel und Gas­ne­bel aus­ge­lie­fert. Ein Ort, bes­ser noch für sein Vor­ha­ben als eine Schu­le, ein Ein­kaufs­zen­trum oder eine bewal­de­te Insel.

Ein Kino ist beim Amok­lauf-Quar­tett also unschlag­bar, qua­si der … äh: Joker.

Viel kann man zum jet­zi­gen Zeit­punkt aber eh noch nicht sagen:

Genaue Grün­de für sei­ne Mord­lust wer­den die Psy­cho­lo­gen erfor­schen, sie dürf­ten irgend­wo zwi­schen per­sön­li­cher Ver­ein­sa­mung und der Unfä­hig­keit der Gesell­schaft lie­gen, ihm trotz sei­ner anschei­nen­den Intel­li­genz mehr als einen McDonald’s‑Job zu bie­ten.

Das steckt natür­lich ein wei­tes Spek­trum ab. Der Satz „Alles ande­re wäre zum jet­zi­gen Zeit­punkt rei­ne Spe­ku­la­ti­on“ ist an die­ser Stel­le mut­maß­lich dem Lek­to­rat zum Opfer gefal­len.

Tat­säch­lich geht es aber um etwas ganz ande­res:

Sich mit allen Mit­teln in Sze­ne zu set­zen, ist heu­te ers­te Bür­ger­pflicht, in der Schu­le, in der Cli­que, bei der Super­star-Vor­auswahl, bei der Bewer­bung um eine Arbeits­stel­le. [Der Täter] hat die­se Lek­ti­on her­vor­ra­gend gelernt.

Er hat also nicht nur die „per­fek­te Büh­ne“ gewählt, son­dern auch die Selbst­dar­stel­lungs­lek­ti­on „her­vor­ra­gend gelernt“. Da ist es doch tat­säch­lich frag­lich, war­um so ein offen­kun­dig bril­lan­ter Mann wie die­ser Mas­sen­mör­der bei McDonald’s arbei­ten muss­te.

Gera­de, wo er auch bei der Wahl des rich­ti­gen Kino­films die rich­ti­ge Ent­schei­dung (gegen „Ice Age 4“, wir erin­nern uns) getrof­fen hat:

Er hat den Abend der ers­ten Vor­füh­rung des meis­ter­war­te­ten Films des Jah­res gewählt (zwei Wochen spä­ter hät­te er genau­so vie­le umbrin­gen kön­nen, nur der Auf­merk­sam­keits­ef­fekt wäre gerin­ger gewe­sen), und er hat sich das Label „Joker“ selbst ver­passt, das die Medi­en von nun an ver­wen­den wer­den.

Ja, man­che mensch­li­che Gehir­ne wären an die­ser Stel­le auf Not­aus gegan­gen. Der Ver­such zu erklä­ren, war­um der Täter nichts mit dem Joker zu tun hat (er hat ja offen­bar nicht mal die Fil­me gese­hen!), ist an die­ser Stel­le jeden­falls end­gül­tig geschei­tert. Selbst beim Anschrei­ben gegen den media­len Wahn­sinn ist Rodek in eine der klas­si­schen Fal­len getappt, die sol­che Mas­sen­mör­der ger­ne aus­le­gen um dar­in schlag­zei­len­gei­le Jour­na­lis­ten im Rudel zu fan­gen: Die Medi­en bege­hen die fina­le Bei­hil­fe zur Selbst­in­sze­nie­rung. Es ist also so wie immer.

„Spie­gel Online“ hat das auch beein­dru­ckend unglück­lich hin­be­kom­men: Der Arti­kel dar­über, dass der Gou­ver­neur von Colo­ra­do sich wei­gert, den Namen des Täters aus­zu­spre­chen, und dass US-Prä­si­dent Oba­ma sag­te, spä­ter wer­de man sich nur an die Opfer, nicht aber an den Täter erin­nern, beginnt mit dem Namen des Täters, der im wei­te­ren Arti­kel noch gan­ze 21 Male vor­kommt.

Doch zurück zu „Welt Online“, zum „Joker“, der nicht der Joker ist:

Wäre er wirk­lich auf merk­wür­di­ge Art vom Joker beses­sen, hät­te er sich ihm auch nach­kos­tü­miert. Aber nein, er war „pro­fes­sio­nell“ ein­ge­klei­det, mit schuss­si­che­rer schwar­zer Wes­te und Atem­mas­ke, wie die gru­se­li­gen Gestal­ten der Son­der­ein­satz­teams von Poli­zei und Armee. Viel­leicht soll­te man eher dort nach ver­häng­nis­vol­len Vor­bil­dern suchen.

Na, viel Spaß dabei!