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Musik

Gitarre, Bass, kein Schlagzeug

Früh­jahr 2006. Eine CD mit einer unheim­lich lie­be­vol­len Zeich­nung fin­det den Weg in die Radio­re­dak­ti­on. Es han­delt sich um den „JCB Song“, von einer Band namens Niz­lo­pi, deren Sän­ger in dem Song die Geschich­te von sich und sei­nem Vater erzählt, wie sie Bag­ger fah­ren. Der Sound: Unge­wohnt, ein wenig Pop, ein wenig Beat­box. Und für die Bri­ten so über­zeu­gend, dass der Song im Jahr 2005 fast die Weih­nachts-Num­mer 1 wur­de. Die zwei­te Sin­gle, „Girls“, ist da schon anders. Strei­cher, Melan­cho­lie, eine ganz ande­re Atmo­sphä­re. Trotz­dem so gut, dass ich mehr davon brau­che.

Das dazu­ge­hö­ri­ge Album „Half The­se Songs Are About You“, das schon im Jahr 2004 her­aus­kam, haut mich vom Hocker. Der Mix aus Gute-Lau­ne-Songs und teils doch nach­denk­li­chen Tönen ver­lässt wochen­lang nicht mei­nen CD-Play­er. Und als ich sie dann ein hal­bes Jahr spä­ter in Glas­gow nicht nur live sah, son­dern sie auch per­sön­lich ken­nen­lern­te, wuss­te ich, dass da etwas ganz Gro­ßes pas­siert. Ein Duo mit einer Mes­sa­ge. Ein Duo, das macht, was sie für rich­tig hal­ten. Und damit gold­rich­tig liegt.

Am letz­ten Frei­tag war es dann soweit: Nach nun­mehr zwei Jah­ren sehe ich Niz­lo­pi wie­der live auf der Büh­ne. Es ist das mög­li­cher­wei­se letz­te Kon­zert der Band. Schau­platz: Das MTC in Köln, maxi­ma­le Besu­cher­zahl 300. Ein kusche­li­ger Rah­men für ein wun­der­ba­res Kon­zert, das ich so schnell nicht ver­ges­sen wer­de. Den Anfang macht die Band tra­di­tio­nell im Publi­kum. Eine unbe­schreib­lich schö­ne Situa­ti­on, wie Luke und John umgarnt von der Men­ge mit Ener­gie ihre Musik machen. Wie man sich das vor­zu­stel­len hat, kann man hier sehen:

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Ein paar wei­te­re, teil­wei­se etwas aus­schwei­fen­de­re Vide­os des Abends gibt es hier, hier und hier. Viel mehr möch­te ich über die­sen Gig auch eigent­lich gar nicht sagen, die Vide­os spre­chen für die­sen Abend. Sehe ich die Mit­schnit­te so im Nach­hin­ein, wün­sche ich mir jeden­falls ein­mal mehr, dass sie nach ihrer Krea­tiv­pau­se wei­ter­ma­chen.

P.S.: Beson­ders lachen muss­te ich an dem Abend über die Niz­lo­pi-Inter­pre­ta­ti­on von „Enter Sand­man“ von Metal­li­ca. Das ist Fol­k’n’Roll.

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Digital Musik

Auswärtsspiel: Einer der 100 besten Songs aller Zeiten

Nilz Bokel­berg ver­öf­fent­licht in sei­nem Blog zur Zeit die defi­ni­ti­ve, unum­stöß­li­che Lis­te mit den 100 bes­ten Songs aller Zei­ten (kei­ne Dis­kus­si­on!). Vor einer Woche ging es los, inzwi­schen nähert er sich den Top 25.

Neben vie­len ande­ren Blog­gern durf­te auch ich einen Bei­trag zu die­ser Lis­te lie­fern. Weil ich die­ses kano­ni­sche „aller Zei­ten“ immer eini­ge Wochen mit mir dis­ku­tie­ren muss („Ele­a­n­or Rig­by“ oder „It’s All Over Now, Baby Blue“, „Bridge Over Trou­bled Water“ oder „Lon­don Cal­ling“?), habe ich lie­ber mein Lieb­lings­lied genannt. Da dau­ert die Ent­schei­dung meis­tens nur weni­ge Stun­den.

Letzt­lich ist mein Bei­trag für die Lis­te also „Such Gre­at Heights“ von The Pos­tal Ser­vice. War­um ich das den­ke, kön­nen Sie bei Nilz lesen. Auf Platz 26.

PS: Nilz Bokel­berg selbst wie­der­um hat heu­te einen Gast­auf­tritt bei „Spie­gel Online“, wo er sich an den Sen­de­start von Viva erin­nert. Das ist ver­mut­lich span­nen­der als das, was ich über einen ein­zel­nen Pop­song zu schrei­ben habe.
PPS: Nilz Bokel­bergs Nach­na­me erzeugt bei mir immer eine gewis­se Weh­mut, weil es mich an den Bökel­berg erin­nert.
PPPS: Nilz Bokel­berg hat mir schon öfter geschrie­ben, was für cra­zy Geschich­ten er über die Dins­la­ke­ner Kult­knei­pe „Ulcus“ kennt. Ich habe mitt­ler­wei­le Grund zu der Annah­me, dass er die­se Geschich­ten mal von mei­nem Anwalt gehört haben könn­te.

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Leben

… und nächste Woche verklage ich jemanden!

So lang­sam dürf­te der Klein­krieg, den sich die Post- und Paket­zu­stel­ler mit mir lie­fern, als das durch­ge­hen, was in man­chen Krei­sen ger­ne „Kult“ genannt wird.

Ist entsetzt: Postkunde Lukas H.
Ist ent­setzt: Post­kun­de Lukas H.
Schon wieder hat ihm der Postbote eine Benachrichtigungskarte in den Briefkasten geworfen!
Schon wie­der hat ihm der Post­bo­te eine Benach­rich­ti­gungs­kar­te in den Brief­kas­ten gewor­fen!

Ande­rer­seits bin ich auch nur noch 42 Jah­re vom der­zei­ti­gen Ren­ten­ein­tritts­al­ter ent­fernt und habe „Natio­na­li­tät: deutsch“ in mei­nem Aus­weis ste­hen, von daher den­ke ich, es ist der rich­ti­ge Zeit­punkt für mein ers­tes hand­ge­schrie­be­nes Schild im Trep­pen­haus:

Lieber Postbote, wenn Sie mir noch einmal eine Benachrichtigungskarte in den Briefkasten werden, ohne vorher auch nur bei mir geklingelt zu haben, werde ich mich bei Ihren Vorgesetzten beschweren! Mit freundlichen Grüßen,

Nach­trag, 29. Novem­ber: Irgend­je­mand hat den Zet­tel heu­te abge­ris­sen und in den Papier­korb gewor­fen.

Nach­trag, 1. Dezem­ber: Ers­te Erfol­ge wer­den sicht­bar: Mein Mit­be­woh­ner hat­te heu­te eine Benach­rich­ti­gungs­kar­te mit dem Ver­merk „12:00 Uhr geklin­gelt!“ im Brief­kas­ten. Ich neh­me mal an, er hat zu der Zeit noch geschla­fen. Ich war jeden­falls nicht da.

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Unterwegs Politik

Nach Erfurt

Bundesdelegiertenversammlung der Grünen 2008

Das war er also: mein ers­ter Par­tei­tag. Oder zumin­dest der ers­te, an den ich mich erin­nern kann.

War er so, wie ich mir das vor­her vor­ge­stellt hat­te? Ja und Nein.

Der Frei­tag war schlimm – das fan­den aber auch fast alle Grü­nen, mit denen ich gespro­chen habe. Stun­den­lang wur­de dar­über dis­ku­tiert, wel­chen Stand­punkt die Par­tei ver­tre­ten sol­le, wenn sie mal wie­der was zu sagen hat. Dar­über, ob bis zum Jahr 2020, 2030 oder 2040 80%, 90% oder 100% erneu­er­ba­re Ener­gien ein­ge­setzt wer­den sol­len. Und dar­über, was Al Gore in der „New York Times“ geschrie­ben hat.

Die Dis­kus­sio­nen zum The­ma „60 Jah­re Men­schen­rech­te“ am Sams­tag waren deut­lich span­nen­der, aber in der Men­ge auch ermü­dend. Aller­dings habe ich so wenigs­tens ein­mal gese­hen, wie Par­tei­en zu der Linie kom­men, die sie ver­tre­ten. Eine Par­tei ist wohl nie einer Mei­nung, bei den Grü­nen gehört das aber (wie das Stri­cken auf Par­tei­ta­gen) zum Pro­gramm: Die Flü­gel­kämp­fe sind legen­där, auch wenn in der Par­tei man­che nicht mehr ganz genau durch­bli­cken, wer da wel­che Posi­tio­nen ver­tritt.

In den Reden der gro­ßen Vier (die Par­tei­vor­sit­zen­den Clau­dia Roth und Cem Özd­emir, sowie die Spit­zen­kan­di­da­ten Rena­te Kün­ast und Jür­gen Trit­tin) war viel von den „grü­nen Kern­the­men“ die Rede, die wie­der besetzt und gegen die Ver­ein­nah­mungs­ver­su­che ande­rer Par­tei­en ver­tei­digt wer­den sol­len. Beson­ders Trit­tin keil­te so stark gegen alle ande­ren Par­tei­en, dass man fast befürch­ten muss­te, die momen­tan fünftstärks­te Bun­des­tags­frak­ti­on wol­le in Zukunft allei­ne regie­ren – zumal es auch kei­ner­lei Ansa­gen gab, was für eine Koali­ti­on man denn am liebs­ten hät­te. „Wir sind grün, nicht Bin­de­strich-Grün“, hat­te Rein­hard Büti­ko­fer das zusam­men­ge­fasst.

Wirk­lich schlimm fand Rot-Grün im Nach­hin­ein aber auch kei­ner, auch wenn sowohl die Ver­schlep­pung und ver­säum­te Rück­ho­lung von Murat Kur­naz, als auch die Ernen­nung des viel geschol­te­nen Hart­mut Meh­dorn zum Vor­stands­vor­sit­zen­den der deut­schen Bahn in die­se sie­ben Jah­re fie­len.

Die Insze­nie­rung des Par­tei­tags war wie die Grü­nen selbst: immer ein klei­nes biss­chen neben der Spur und dadurch irgend­wie grund­sym­pa­thisch. Die Ein­spiel­fil­me hat­ten wenig von Barack Oba­mas halb­stün­di­gem Mei­len­stein und mehr von dem, was man auf Sil­ber­hoch­zei­ten und run­den Geburts­ta­gen sehen kann. Oder im Inter­net.

Die Idee, im gro­ßen Block der Per­so­nal­ent­schei­dun­gen erst mal die Rech­nungs­prü­fer zu wäh­len und dann die Par­tei­vor­sit­zen­den, hat­te auch was. Die Bewer­bungs­re­de von Ste­fan Vol­pert für die­ses Amt zähl­te zu den humo­ris­ti­schen Höhe­punk­ten des Wochen­en­des: erst sprach er die gan­ze Zeit von „Chan­ge“ (womit er nicht etwa – was dem Amt ange­mes­sen gewe­sen wäre – Wech­sel­geld mein­te, son­dern sich sehr direkt auf Barack Oba­ma bezog) und als er dann auch noch „Yes, we can!“ aus­rief, ging ein Stöh­nen durch die Rei­hen. Die Kin­der­ge­burts­tags­num­mer, bei der nach der Wahl von Kün­ast und Trit­tin grü­ne Bäl­le ins Publi­kum gewor­fen wur­den, lie­fer­te zwar schö­ne Bil­der, wirkt aber um so gro­tes­ker, wenn man weiß, dass im Ablauf­plan danach eigent­lich noch 50 Minu­ten für das The­ma „Armut im Alter“ vor­ge­se­hen waren.

Dafür zeig­te sich, dass Grü­nen die wohl web-affins­te Par­tei Deutsch­lands sind. Die Idee, Blog­ger-Sti­pen­di­en zu ver­ge­ben, ist da nur ein Mosa­ik­stein: Neben­her arbei­te­ten ange­hen­de Euro­pa-Abge­ord­ne­te an ihren Face­book­sei­ten, auf twit­ter war die Höl­le los und als Vol­ker Beck sei­ne Bewer­bungs­re­de für den Par­tei­rat mit „Lie­be Freun­din­nen und Freu­de, lie­be Fol­lower“ eröff­ne­te, fand ich das erst ein wenig ran­schmei­ße­risch und dann irgend­wie kon­se­quent. Bei so viel Web 2.0 besteht natür­lich die Gefahr, bald nur noch im Inter­net statt­zu­fin­den, die auch prompt von eini­gen Red­nern ange­spro­chen wur­de.

Letzt­end­lich war es eine inter­es­san­te Erfah­rung. Die vier ande­ren Blog­ger waren sehr nett (wobei ich Jens natür­lich schon kann­te und Tere­sa auch ein biss­chen) und auch unter den Dele­gier­ten (die ja in ers­ter Linie ganz nor­ma­le Men­schen mit rich­ti­gen Beru­fen sind und erst in zwei­ter oder drit­ter Linie Par­tei­mit­glie­der) und Jour­na­lis­ten habe ich ein paar neue Leu­te ken­nen­ge­lernt.

In den Kom­men­ta­ren gab es ein wenig Empö­rung dar­über, dass ein Par­tei­tag über­haupt hier oder in ande­ren Blogs Erwäh­nung fin­de. Ich sehe aber die vie­len Kom­men­ta­re, die es aus ganz unter­schied­li­chen Rich­tun­gen gege­ben hat, ein biss­chen als Bestä­ti­gung an, dass es Inter­es­se an einer sol­chen, etwas ande­ren Bericht­erstat­tung gibt. Ich fin­de es gut, wenn sich in einer Demo­kra­tie nicht nur Par­tei­mit­glie­der für Par­tei­ta­ge inter­es­sie­ren.

Die Ergeb­nis­se und die Bil­der einer win­ken­den Clau­dia Roth kann man in jeder Zei­tung nach­le­sen und in den Nach­rich­ten sehen. Ich woll­te hier ver­su­chen, die Atmo­sphä­re des Par­tei­tags ein­zu­fan­gen. Ich wür­de durch­aus ger­ne mal zu einem Par­tei­tag einer ande­ren Par­tei fah­ren – um die Gemein­sam­kei­ten und Unter­schie­de zu sehen, und um ein biss­chen mehr über Poli­tik zu erfah­ren, im Guten wie im Schlech­ten.

In eine Par­tei wer­de ich trotz­dem nicht ein­tre­ten. Dafür bin ich zu wenig gesel­lig und zu wenig Dis­kus­si­ons­be­reit. Schon die Fra­ge, was wir zum Abend essen sol­len, kann mir den hal­ben Tag ver­sau­en.

Was mir aber auf jeden Fall in Erin­ne­rung blei­ben wird, sind die blin­ken­den Nie­ten an Clau­dia Roths Jeans:

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Leben Unterwegs

Unter Grünen: Im Wandel der Zeit

Zwi­schen die­sen bei­den Bil­dern lie­gen 25 Jah­re:

Lukas Beckmann, Lukas Heinser, Mama und Papa Heinser (v.l.n.r.)

Lukas Heinser und Lukas Beckmann (v.l.n.r.)

Sie sehen den lan­ge Zeit belieb­tes­ten Jun­gen­vor­na­men Deutsch­lands in Form von Lukas Beck­mann (Frak­ti­ons­ge­schäfts­füh­rer von Bünd­nis 90/​Die Grü­nen, obe­res Foto: links, unte­res Foto: rechts) und Lukas Hein­ser (Blog­ger, obe­res Foto: Mit­te, unte­res Foto: links).

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Politik Unterwegs

Unter Grünen: New Aufmerksamkeitseconomy

Grünen-Parteitag in Erfurt

Ich fürch­te, das Pri­vat­fern­se­hen und der Shuff­le-Modus von iTu­nes sind schuld dar­an, dass mei­ne Auf­merk­sam­keits­span­ne immer klei­ner wird. Bei Uni-Vor­le­sun­gen mer­ke ich, wie nach ziem­lich exakt 45 Minu­ten nur noch „Blubb, Blubb, Blubb“ bei mir ankommt. Inso­fern sind Par­tei­ta­ge natür­lich genau das rich­ti­ge für mich.

Ich hat­te mir wirk­lich Mühe gege­ben und woll­te zuhö­ren, was die ver­schie­de­nen Red­ne­rin­nen und Red­ner zum Finanz­markt zu sagen hat­ten. Und anfangs lief das auch noch ganz gut: Antrag­stel­ler Ger­hard Schick ver­glich den „Wahn­sinn“ auf den Finanz­märk­ten mit dem Rin­der­wahn­sinn vor acht Jah­ren. Er kri­ti­sier­te Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter Stein­brück (SPD) und schloss sich Rein­hard Büti­ko­fers For­de­run­gen nach einem „Grü­nen New Deal“ an. Kers­tin And­reae wünsch­te sich gleich einen neu­en Wirt­schafts­mi­nis­ter, weil Micha­el Glos eine Aus­set­zung der Umwelt­ab­ga­ben für Fir­men gefor­dert hat­te.

Das nächs­te, was ich wie­der mit­be­kom­men habe, war der vor­letz­te Red­ner Fritz Kuhn, der „Schei­ße bleibt Schei­ße“ sag­te. Denn selbst wenn man sich auf die Reden der ein­zel­nen Dele­gier­ten kon­zen­triert, fehlt einem der Blick fürs gro­ße Gan­ze: man hät­te sämt­li­che Anträ­ge und Ände­rungs­an­trä­ge lesen und ver­ste­hen müs­sen. Und auch da rächt sich wie­der mei­ne Auf­merk­sam­keits­span­ne, die schon mei­ne Juris­ten-Kar­rie­re zer­stört hat: nach drei Absät­zen steht da nur noch „Blubb, Blubb, Blubb“.

Anträge und Antragänderungsanträge (Auswahl)

Und sowas hier erin­nert mich dann fatal an die Mathe- und Phy­sik­kur­se mei­ner Schul­zeit:

Ände­rungs­an­trag zu FM-01

Zei­le 63–65 „Die Poli­tik darf sich nicht scheu­en“ bis „hand­lungs­un­fä­hig wer­den lässt“ strei­chen

Grund­sätz­lich kann man aber glaub ich vor der gleich fol­gen­den Abstim­mung zusam­men­fas­sen: Wer eine völ­lig frei vor sich hin wirt­schaf­ten­de Finanz­welt will, ist bei der FDP wohl bes­ser auf­ge­ho­ben als bei den Grü­nen.

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Unterwegs Politik

Unter Grünen: Erste Eindrücke

Alle fünf Blog­ger sind gut in Erfurt und der dazu­ge­hö­ri­gen Mes­se ange­kom­men, jetzt sit­zen wir in einer Mes­se­hal­le, die ein­mal mehr beweist, war­um die Rede­wen­dung „gemüt­lich wie eine Mes­se­hal­le“ in jeder Spra­che der Welt unbe­kannt ist. Immer­hin ist sie an den Rän­dern grün aus­ge­leuch­tet.

Hier ein­mal ein ers­ter Ein­druck:

Lukas Beckmann, Lukas Heinser, Mama und Papa Heinser (v.l.n.r.)
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Unterwegs Politik

Vor Erfurt

Die Grünen (Symbolfoto)

Mor­gen früh geht’s los nach Erfurt zur Bun­des­de­le­gier­ten­kon­fe­renz der Grü­nen. Die wird ver­mut­lich nur noch so lan­ge so hei­ßen, bis jemand auf die Idee kommt, dass man von Par­ti­zi­pen auch weib­li­che For­men bil­den könn­te – denn dann muss es natür­lich „Bun­des­de­le­gier­tIn­nen­kon­fe­renz“ hei­ßen. Bei den Grü­nen müs­sen Anträ­ge näm­lich in „geschlech­ter­ge­rech­ter Spra­che“ for­mu­liert wer­den – und das nicht etwa seit der Grün­dung in den frü­hen Acht­zi­ger Jah­ren, son­dern seit 2007. Sprach­äs­thet, der ich bin, wer­de ich in mei­ner Bericht­erstat­tung auf der­lei Mätz­chen aller­dings ver­zich­ten. Sonst müss­te ich die Par­tei ja auch „Bünd­nis 90/​Die Grü­nin­nen und Grü­nen“ nen­nen.

Auf noch etwas möch­te ich hin­wei­sen: Erwar­ten Sie von mir um Him­mels Wil­len kei­ne poli­ti­schen Ana­ly­sen. Ich habe kei­ne Ahnung von Poli­tik, was Sie schon dar­an mer­ken kön­nen, dass ich die­se regel­mä­ßig an dem mes­se, was ich „gesun­den Men­schen­ver­stand“ nen­nen wür­de. Poli­tik inter­es­siert mich als Pop­kul­tur­fa­na­ti­ker und stu­dier­ter Ger­ma­nist eher von außen: Was reden die da (zumeist gedacht als „Was zum Hen­ker reden die da für eine Schei­ße?“), was pas­siert da, wie wirkt das? Der Umstand, dass ich auf Par­tei­po­li­tik mit Schüt­teln am gan­zen Kör­per reagie­re, ist übri­gens jenen Bochu­mer SPD-Lokal­po­li­ti­kern geschul­det, die mich nach einem Inter­view, das ich als Prak­ti­kant für CT das radio mit ihnen füh­ren muss­te, zum Par­tei­bei­tritt zu über­re­den ver­such­ten.

Ich möch­te aus Grün­den der Trans­pa­renz auch noch ein­mal dar­auf hin­wei­sen, dass die Grü­nen mir (und den vier ande­ren Sti­pen­dia­ten) Anrei­se und Unter­kunft bezah­len. Dafür opfern wir aber unse­re Wochen­en­den und teil­wei­se Urlaubs­ta­ge (und ich die Mög­lich­keit, den Sieg von Borus­sia Mön­chen­glad­bach gegen Bay­ern Mün­chen in einer Fuß­ball­knei­pe zu gucken). Zwar hät­te ich durch­aus „die finan­zi­el­len Mög­lich­kei­ten […], zu Ver­an­stal­tun­gen zu rei­sen“, wäre aber von allei­ne nie auf die Idee gekom­men, einen Par­tei­tag zu besu­chen. Wenn Sie die­ses Blog regel­mä­ßig lesen, ken­nen Sie mei­ne Mei­nung zu Ver­an­stal­tun­gen, auf denen viel gere­det wird.

Auch soll nicht uner­wähnt sein, dass ich in der Ver­gan­gen­heit schon das eine oder ande­re Mal mein Kreuz bei den Grü­nen gemacht habe – im schlimms­ten Fall könn­te die Par­tei also mit end- und sinn­lo­sen Dis­kus­sio­nen einen mög­li­chen Wäh­ler ver­lie­ren. Als Reak­ti­on auf die unfä­hi­ge und das Grund­ge­setz ver­ach­ten­de gro­ße Koali­ti­on hal­te ich für 2009 aller­dings eine gelb-grü­ne Bun­des­re­gie­rung für die ein­zi­ge Alter­na­ti­ve.

Alle Blog-Ein­trä­ge zur Bun­des­de­le­gier­ten­kon­fe­renz kön­nen Sie unter dem Tag bdk08 fin­den bzw. bei Nicht-Inter­es­se igno­rie­ren.

Und hier noch die Links zu den vier ande­ren Blogs:
www.regine-heidorn.de
flannelapparel.blogspot.com
www.jurblog.de
www.pottblog.de

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Leben

Packende Geschichte

Ich muss irgend­wann ein­mal ver­se­hent­lich den Erz­engel Gabri­el ver­är­gert haben, denn anders lässt sich die Art und Wei­se, in der Post- und Paket­zu­stel­ler mich behan­deln, kaum noch erklä­ren. Oder, um es freund­li­cher aus­zu­drü­cken: Es ist in der Mensch­heits­ge­schich­te schon aus nich­ti­ge­ren Grün­den als der Nicht-Zustel­lung drin­gend erwar­te­ter Pake­te zu lang­jäh­ri­gen krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen gekom­men.

Weil mich der DHL-Zustel­ler ja grund­sätz­lich nicht zuhau­se antrifft (auch oder gera­de wenn ich den gan­zen Tag in mei­ner Woh­nung hocke), habe ich mir den Rat­schlag mei­ner Bera­ter­kom­mis­si­on zu Her­zen genom­men und mich für eine soge­nann­te Pack­sta­ti­on ange­mel­det. Pack­sta­tio­nen sind im Grun­de die völ­li­ge Nega­ti­on des Post­we­sens, weil man sich plötz­lich selbst dar­um küm­mern muss, wie man das Paket in sein Haus bekommt. Dafür haben sie rund um die Uhr geöff­net und befin­den sich nicht wie die Post­agen­tu­ren, aus denen man sei­ne Sen­dun­gen wochen­tags zwi­schen Zwölf und Mit­tag abho­len kann, am Arsch der Hei­de. Und wenn man tags­über nicht zuhau­se ist (oder man den sel­ben Zustel­ler hat wie ich), sind sie die ein­zi­ge Mög­lich­keit, Pake­te zu emp­fan­gen.

Ich mel­de­te mich also im Inter­net für die Pack­sta­ti­on an und bekam kurz dar­auf ein Anschrei­ben mit einer gol­de­nen Kun­den­kar­te. Die kriegt (anders als bei Kre­dit- oder Bonus­mei­lenkar­ten) jeder Kun­de, damit er denkt, es sei etwas ganz beson­de­res, den Job des Post­bo­ten selbst über­neh­men zu dür­fen. In dem Anschrei­ben stand, mei­ne „Post­Pin“, mit der ich die Pack­sta­ti­on dann auch öff­nen kann, wer­de mir „in weni­gen Tagen“ per Ein­schrei­ben zuge­hen.

Die Tage kamen und gin­gen und über­schrit­ten mei­ne per­sön­li­che Defi­ni­ti­on von „weni­ge“ erheb­lich. Ich nutz­te also wider bes­se­res Wis­sen das Kon­takt­for­mu­lar auf der Inter­net­sei­te von DHL, um mich nach dem Ver­bleib mei­ner „Post­Pin“ zu erkun­di­gen. Es war die Mühe aus­for­mu­lier­ter Sät­ze nicht wert, denn das Kon­takt­for­mu­lar von DHL ist ein toter Brief­kas­ten. Selbst die Zeit, die man bräuch­te, kna­cki­ge Belei­di­gun­gen in die Tas­ta­tur zu hacken, wäre ver­schenkt: ich bin mitt­ler­wei­le davon über­zeugt, dass die Kon­takt­ver­su­che nicht nur nicht gele­sen wer­den – sie wer­den ver­mut­lich nicht ein­mal ver­schickt. Jedes Stoß­ge­bet wirkt bes­ser als eine E‑Mail an DHL.

Ein paar Tage spä­ter rief ich bei der kos­ten­pflich­ti­gen Pack­sta­ti­ons-Hot­line an und trug mein Anlie­gen vor. Nach­dem sie sich mei­ne Geschich­te bis zum Schluss ange­hört hat­te, erklär­te mir die Call­cen­ter-Agen­tin mit angst­er­füll­ter Stim­me, die Ser­ver sei­en lei­der alle aus­ge­fal­len und sie kön­ne mei­ne Daten jetzt nicht nach­gu­cken. Ich möge es doch bit­te spä­ter noch ein­mal ver­su­chen.

Ich ließ DHL also eine Woche Zeit, die Ser­ver zu repa­rie­ren, und beschloss dann, erneut Geld an der Hot­line zu ver­bal­lern. Dies­mal klapp­ten die Ser­ver, aber der freund­li­che Mann am ande­ren Ende konn­te sich trotz­dem nicht erklä­ren, wo mein Ein­schrei­ben abge­blie­ben sein könn­te. Er ver­sprach, sich dar­um zu küm­mern. Und in der Tat bekam ich zwei Tage spä­ter Post von DHL: ein Anschrei­ben mit einer gol­de­nen Kun­den­kar­te. In dem Anschrei­ben stand, mei­ne „Post­Pin“ wer­de mir „in weni­gen Tagen“ per Ein­schrei­ben zuge­hen.

Wei­te­re zwei Tage spä­ter schau­te ich abends, als ich mich nach einem Tag in der Woh­nung ins Bochu­mer Nacht­le­ben stür­zen woll­te, in mei­nen Brief­kas­ten und fand dort – ich weiß, es ist weder über­ra­schend noch wit­zig – eine Benach­rich­ti­gungs­kar­te der Deut­schen Post. Ein Ein­schrei­ben für mich habe nicht zuge­stellt wer­den kön­nen, erklär­te mir da mein Brief­trä­ger, den ich erst vor weni­gen Wochen auf der Stra­ße abge­fan­gen und lei­der nicht zur Sau gemacht hat­te, nach­dem er mir eine Benach­rich­ti­gungs­kar­te in den Brief­kas­ten gewor­fen hat­te, wäh­rend ich zuhau­se hock­te. Mei­ne Theo­rie, dass er die Sen­dun­gen ein­fach direkt auf der Post lie­gen lie­ße und nur bereits aus­ge­füll­te Benach­rich­ti­gungs­kar­ten aus­trü­ge, hat­te sich da im Übri­gen nicht bestä­tigt: er hat­te das Päck­chen in sei­nem Schie­be­wä­gel­chen und hän­dig­te es mir auch sofort aus.

Gera­de war ich bei der Post (zum Glück im Haupt­post­amt am Haupt­bahn­hof und nicht am Arsch der Hei­de) und habe das Ein­schrei­ben abge­holt. Als ich kurz erzähl­te, dass ich trotz Anwe­sen­heit eine Benach­rich­ti­gungs­kar­te bekom­men habe, und die Fra­ge des fast besorg­nis­er­re­gend freund­li­chen Schal­ter­be­am­ten, ob ich weit oben woh­nen wür­de, mit „Ja“ beant­wor­tet hat­te, mein­te die­ser zu mir, ich hät­te offen­sicht­lich einen „fau­len Brief­trä­ger“, dem ich mal „in den Hin­tern tre­ten“ sol­le. Ich wer­de mich bei Gele­gen­heit ger­ne auf ihn beru­fen.

Ansons­ten bin ich natür­lich gespannt, was die Deut­sche Post und DHL als nächs­tes unter­neh­men wol­len, um mich zu ärgern. Falls Sie irgend­wann in der Zei­tung von einer Pack­sta­ti­on lesen soll­ten, die von Globalisierungsgegnern/​Psychopathen/​Außerirdischen in die Luft gesprengt wur­de: das war dann sicher mei­ne.

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Digital Politik

Coffee And TV goes green

Nach­dem ich mich in der ver­gan­ge­nen Nacht an der Schön­heit der Demo­kra­tie berauscht habe, wer­de ich nächs­te Woche Gele­gen­heit haben, mich mit dem har­ten poli­ti­schen All­tags­ge­schäft in Deutsch­land zu befas­sen.

Vor eini­gen Wochen hat­te die Par­tei Bünd­nis 90/​Die Grü­nen (und das war das ers­te und letz­te Mal, dass ich die­sen kna­cki­gen Namen kom­plett aus­ge­schrie­ben habe) einen Auf­ruf gestar­tet, bei dem sich Blog­ger für eine Art Blog­ger­sti­pen­di­um für den Bun­des­par­tei­tag (der bei den Grü­nen Bun­des­de­li­gier­ten­kon­fe­renz heißt) bewer­ben konn­ten. Weil ich bereits in ganz jun­gen Jah­ren ver­schie­de­ne Grü­nen-Ver­an­stal­tun­gen besucht hat­te, fühl­te ich mich hin­rei­chend kom­pe­tent für die­sen Job und habe mich dort bewor­ben.

Jetzt habe ich erfah­ren, dass ich vom 14. bis zum 16. Novem­ber in Erfurt dabei sein darf. Es wird mein ers­ter Par­tei­tag und ich bin sehr gespannt. Ich erwar­te nicht all­zu viel „Change“-Stimmung, auch wenn mit Cem Özd­emir erst­mals ein tür­kisch­stäm­mi­ger Poli­ti­ker Vor­sit­zen­der einer grö­ße­ren deut­schen Par­tei wer­den kann.

Nun wer­den Sie viel­leicht den­ken: „Die Par­tei zahlt ihm Zug­fahrt und Hotel, da wird er die ja sicher in den Him­mel loben!“ Da kann ich Sie beru­hi­gen: So lan­ge Clau­dia Roth, die am Mon­tag vor die Pres­se stürm­te und das Ver­hal­ten der vier hes­si­schen SPD-Abweich­ler ver­ur­teil­te, bevor die sich über­haupt erklärt hat­ten, bei den Grü­nen dabei ist, wird es genug geben, über das ich mich ärgern kann.

Erwar­ten Sie also stim­mungs­vol­le Impres­sio­nen aus der mir völ­lig frem­den Welt der Par­tei­po­li­tik hier bei Cof­fee And TV – und eben­falls im Pott­blog, denn Jens ist wit­zi­ger­wei­se auch dabei.

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Literatur Politik

Präsidialer Buchclub

Gut, dass ich in Deutsch­land gebo­ren wur­de, denn so kann ich nie als US-Prä­si­dent kan­di­die­ren. Denn selbst wenn ich Par­tei­in­ter­ne Gra­ben­kämp­fe und Fern­seh­de­bat­ten über­stün­de und wider Erwar­ten genug Geld für mei­ne Kam­pa­gne gesam­melt bekä­me, an einer Stel­le wür­de ich furi­os schei­tern: bei der Nen­nung mei­ner Lieb­lings­bü­cher.

Denn was sagt es über mich als Men­schen aus, wenn ich in die­sem Zusam­men­hang „Per Anhal­ter durch die Gala­xis“ von Dou­glas Adams, „High Fide­li­ty“ von Nick Horn­by und „Gegen den Strich“ von Jor­is-Karl Huys­mans nen­ne? Eben: Dass ich ein sozio­pa­thi­scher Nerd bin, dem sei­ne CD-Samm­lung wich­ti­ger ist als alles ande­re. Die ein­zi­gen Stim­men, die ich bekä­me, kämen aus Staats­ge­fäng­nis­sen, Plat­ten- und Rol­len­spiel­lä­den.

Ich könn­te natür­lich auch ein biss­chen mogeln bei mei­ner Lis­te, so wie es angeb­lich alle tun und wie es mut­maß­lich auch John McCain und Barack Oba­ma getan haben. Die nann­ten näm­lich „For Whom the Bell Tolls“ von Ernest Heming­way, „Im Wes­ten nichts Neu­es“ von Erich Maria Remar­que und „The Histo­ry of the Decli­ne and Fall of the Roman Empire“ von Edward Gib­bon (McCain) bzw. „Song of Solo­mon“ von Toni Mor­ri­son, „Moby-Dick“ von Her­man Mel­ville und der Essay „Self-Reli­ance“ von Ralph Wal­do Emer­son (Oba­ma).

Ich habe von all die­sen Büchern nur „Im Wes­ten nichts Neu­es“ gele­sen und weiß so unge­fähr, was bei Heming­way und Mel­ville pas­siert, von daher kann ich zu den lite­ra­ri­schen Favo­ri­ten der Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten wenig sagen – aber dafür gibt es ja den „San Fran­cis­co Chro­nic­le“, der eine Rei­he von Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lern, Schrift­stel­lern und sons­ti­gen Exper­ten befragt hat. Sie erklä­ren unter ande­rem, dass es ein wenig über­ra­sche, dass McCain gleich zwei Anti-Kriegs­ro­ma­ne nen­ne, es im Gegen­satz dazu aber ziem­lich nahe­lie­gend sei, dass Oba­ma das Buch von Toni Mor­ri­son mag, in dem sich ein jun­ger, schwar­zer Mann auf die Suche nach sei­ner Iden­ti­tät begibt.

Wo sie schon mal dabei sind, geben die glei­chen Leu­te auch noch Tipps, was der zukünf­ti­ge Prä­si­dent unbe­dingt lesen soll­te. Und da ist viel­leicht auch was für Leser dabei, die nie US-Prä­si­dent wer­den woll­ten.

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Musik

Track by track: Tomte – Heureka

Ich habe die­sen Text wochen­lang vor mir her­ge­scho­ben, aus einem ein­zi­gen Grund: Ich konn­te mich nicht ent­schei­den, ob ich einen Dis­clo­sure set­zen soll oder nicht.

Wenn ich schrie­be, dass ich schon seit län­ge­rem rie­si­ger Tom­te-Fan bin, mit Tom­te-Sän­ger Thees Uhl­mann schon eini­ge Male ver­schie­de­ne Alko­ho­li­ka zu mir genom­men habe, und ihm eine Demo der Kili­ans zuge­steckt habe, wor­auf­hin er die Band ganz groß raus­ge­bracht hat, könn­te mir das leicht als eit­le Prot­ze­rei aus­ge­legt wer­den.

Wenn ich es nicht schrie­be, käme aber garan­tiert jemand an, der mir noch enge­re Bezie­hun­gen zu Band, Sän­ger und Label unter­stel­len und mich als Bei­spiel für die Ver­lo­gen­heit und den Inzest im Musik­jour­na­lis­mus hin­stel­len wür­de.

Suchen Sie sich also aus, ob Sie die nun fol­gen­de Track-by-track-Ana­ly­se des neu­en Tom­te-Albums „Heu­re­ka“ mit oder ohne Dis­clo­sure im Hin­ter­kopf lesen wol­len.

Wenn Ihnen die Text­zei­len

Und wir heben unser Glas in Demut
Ich erin­ner‘ mich an alles und jeden
Such Dir jeman­den, der Dir nicht weh­tut
Du nennst das Pathos, und ich nenn‘ es Leben

aller­dings schon Zuviel des Guten sind, soll­ten Sie aber sowie­so nicht wei­ter­le­sen.

Und jetzt fan­ge ich end­lich an:

Heu­re­ka
Einen Titel­track auf einem Tom­te-Album gab es zuletzt auf „Eine son­ni­ge Nacht“, aber die­se Infor­ma­ti­on hat allen­falls sta­tis­ti­schen Wert, denn „Heu­re­ka“ beginnt mit einem Kla­vier. Thees Uhl­mann singt Zei­len, die aus­schließ­lich aus Voka­len bestehen, und hört damit in den nächs­ten 51 Minu­ten nicht mehr auf. „Du bist nicht gestor­ben: Heu­re­ka!“, jubi­liert er im Refrain und schließt mit „Man ver­misst, was einen jeden Tag umgibt“. Die küchen­psy­cho­lo­gi­sche Deu­tung: trotz aller Wid­rig­kei­ten und Umbe­set­zun­gen sind Tom­te immer noch da und jetzt wol­len sie wei­ter­ma­chen.

Wie ein Pla­net
Iggy Pops „Pas­sen­ger“ klopft sehr deut­lich an, ehe Herr Uhl­mann erst­mal lei­den darf. Im Refrain schwingt es im Vier-Vier­tel-Takt Six­ties-mäßig vor sich hin. „Das ist die Zeit, das Leben sei schön“, heißt es im Refrain und aus die­ser Jetzt-erst-Recht- und Das-passt-schon-alles-Umar­mung kommt der Hörer auch nicht mehr raus.

Der letz­te gro­ße Wal
Die Sin­gle. Nach einer Ein­ge­wöh­nungs­pha­se ein unglaub­lich gro­ßer Song. Der letz­te Über­le­ben­de in einer Welt, in der sich alles geän­dert hat: Thees Uhl­mann? Vie­len Musi­kern wür­de ich so viel Selbst­ver­trau­en und Ich-Bezo­gen­heit übel neh­men, bei Uhl­mann passt das ein­fach: man weiß, dass er unge­schützt hin­ter jedem „Ich“ steht, dass er meint, was er singt. Ande­rer­seits ist spä­tes­tens jetzt die Gele­gen­heit, das ers­te Mal Den­nis Becker zu loben, den ver­mut­lich bes­ten Gitar­ris­ten des Lan­des.

Wie sieht’s aus in Ham­burg?
Auf „Buch­sta­ben über der Stadt“ ging es noch um „New York“, jetzt ist’s eine Num­mer klei­ner: Der zurück­ge­las­se­ne Freund in Ham­burg bekommt das Denk­mal gebaut, das er ver­dient hat. Der Refrain schrammt mit Akus­tik­gi­tar­re, Kla­vier und Satz­ge­sang haar­scharf an der Chee­syn­ess vor­bei, dann kommt ein zwei­stim­mi­ges Gitar­ren­so­lo. Das wird ja über Uhl­mann und sei­ne Tex­te gern ver­ges­sen: wie gut die alle als Musi­ker sind.

Vor­an vor­an
Orgel. Bedeu­tungs­schwe­re. Cold­play-Gefühl. Und dann plötz­lich Elek­tro­beats. Spä­tes­tens jetzt wird klar, dass Tobi­as Kuhn (Ex-Miles, Mon­ta) als neu­er Pro­du­zent genau den fri­schen Wind gebracht hat, den eine Band auf dem fünf­ten Album braucht. Der Refrain ist so sehr Sta­di­on­hym­ne, dass man die geschwenk­ten Feu­er­zeu­ge förm­lich rie­chen kann. „Ich zie­he das durch“, singt Uhl­mann und wer hät­te das Recht, das in Fra­ge zu stel­len.

Küss mich wach Glo­ria
Musi­ka­lisch ist es Eng­land zwi­schen den Sieb­zi­gern und Acht­zi­gern, trotz­dem braucht das Lied gut zwei­ein­halb Minu­ten, um aus dem Quark zu kom­men. Das oben auf­ge­führ­te Pathos-Zitat stammt hier­her und ich kann mir gut vor­stel­len, dass man die­ses Lied unglaub­lich schlimm und prä­ten­ti­ös fin­den kann. Nur: ich mag es. Uhl­mann braucht halt sei­ne per­sön­li­chen „Live Fore­vers“.

Es ist so dass Du fehlst
Akus­tik­gi­tar­ren, Drei­vier­tel­takt, Ein­sam­keit. Irgend­wie klingt auch das nach Cold­play, aber nach deren Debüt. Melan­cho­lie und Zuflucht, „Du bist das Beil, ich bin der Wald“. Schön, aber ein biss­chen was fehlt dann doch.

Und ich wan­der
„Du schlägst Dich durch Dein Leben wie ein Koli­bri fliegt“ ist natür­lich auch wie­der so ein Zitat, bei dem es sehr dar­auf ankommt, von wem es stammt. Die Musik klingt genau­so wie die besun­ge­ne Wan­de­rung („durch die war­me Nacht“) und wenn man die­ses Lied unter­wegs auf dem MP3-Play­er hört, fühlt man sich so ver­stan­den und beschützt.

Du bringst die Sto­ries (Ich bring den Wein)
Schon musi­ka­lisch ist es Lied unglaub­lich _​uplifting_​. Dass Uhl­mann offen­bar ein­mal mehr eine Män­ner­freund­schaft besingt, wirft die Fra­ge auf, ob Frau­en Tom­te eigent­lich genau­so schät­zen. „Wenn Du nichts mehr hast, hast Du immer noch mich, denn ich pla­ne zu blei­ben, mein Freund!“ – Was müs­sen das für glück­li­che Men­schen sein, die sol­che Lie­der geschrie­ben bekom­men?

Das Orches­ter spielt einen Wal­zer
Als ich „Heu­re­ka“ zum ers­ten Mal hör­te, ging ich zu Fuß durch die nie­der­rhei­ni­sche Land­schaft. Bei die­sem Lied saß ich unten am Fluss und starr­te auf das Was­ser. Inso­fern ist das Lied für mich viel­leicht mit etwas zu viel Dra­ma­tik und Bedeu­tung auf­ge­la­den, und ehr­lich gesagt ist es das schwächs­te Lied auf dem Album. Trotz­dem kommt hier die zen­tra­le Zei­le des Albums vor: „Mein Gott, ist das Leben schön“. Wenigs­tens für einen Moment soll­te die Fra­ge erlaubt sein, ob glück­li­che Künst­ler nicht uner­träg­lich sind.

Nichts ist so schön auf der Welt wie betrun­ken trau­ri­ge Musik zu hören!
Ja, die Song­ti­tel auf die­sem Album sind mit­un­ter etwas über­am­bi­tio­niert. Und mit den Tom­te-Lie­dern über Musik könn­te man ein eige­nes Album fül­len. Und über­haupt: sechs Minu­ten! Wir befin­den uns halt mit­ten in dem Teil der Plat­te, den ich objek­tiv als eher mäßig gelun­gen bezeich­nen wür­de. Wie das Lied aller­dings in der Mit­te plötz­lich los­legt und sich um sich selbst win­det, das ist schon sehr Seat­tle in den frü­hen Neun­zi­gern. Man weiß, wie es gemeint ist.

Dein Herz sei wild
Irgend­wann zwi­schen­durch hat­ten Tom­te auch mal die Back-to-the-roots-Paro­le aus­ge­ge­ben. Sie mani­fes­tiert sich in die­sem Vier­ein­halb-Minu­ten-Stück, das auch auf den ers­ten bei­den Alben hät­te sein kön­nen. Irgend­wie auch mehr ein „Pfffffff!“- als ein „Wow!“-Lied.

Vor­an vor­an (Laut)
Noch­mal „Vor­an vor­an“, dies­mal The Clash statt Cold­play. Das macht es natür­lich anders, aber auch gut. Als Raus­schmei­ßer ist die­ser Bonus­track deut­lich bes­ser geeig­net als „Dein Herz sei wild“, denn er macht die vor­he­ri­gen Hän­ger wie­der wett.

Fazit
So groß­ar­tig das Album zu Beginn ist, so sehr baut es doch nach hin­ten hin­aus ab. Zehn Songs statt 13 hät­ten es auch getan, denn dann stün­de es „Hin­ter all die­sen Fens­tern“ und „Buch­sta­ben über der Stadt“ in nichts nach.

Man muss „Heu­re­ka“ aber wohl als Selbst­fin­dungs­pro­zess und Stand­ort­be­stim­mung hören. Immer­hin hat man es hier mit einer Band zu tun, die im Ver­gleich zum Vor­gän­ger­al­bum qua­si zur Hälf­te umge­stellt wur­de (Timo Boden­stein und Olli Koch raus; Max Mar­tin Schrö­der am Schlag­zeug, statt an den Key­boards; Simon Front­zek an den Key­boards), und die sich gleich­zei­tig wei­ter­ent­wi­ckeln und auf ihre Wur­zeln besin­nen will. Gemes­sen dar­an ist „Heu­re­ka“ erstaun­lich rund und stim­mig gewor­den.

Die Hym­nen sind noch ein biss­chen grö­ßer gewor­den, die Rocker wie­der ein biss­chen wüten­der. Tom­te sind immer noch da und sie pla­nen zu blei­ben. Und Thees Uhl­mann ist der letz­te gro­ße Wal.

Tomte - Heureka (Albumcover)
Tom­te – Heu­re­ka

VÖ: 10.10.2008
Label: Grand Hotel van Cleef
Ver­trieb: Indi­go