Ich weiß nicht, mit welchem Computerprogramm die Leute bei stylebook.de („Powered by Bild.de“) ihre Texte so aus dem Englischen übertragen lassen, aber irgendetwas sagt mir, dass es aus der Schweiz stammt:

Mit Dank an Harald M.
Ich weiß nicht, mit welchem Computerprogramm die Leute bei stylebook.de („Powered by Bild.de“) ihre Texte so aus dem Englischen übertragen lassen, aber irgendetwas sagt mir, dass es aus der Schweiz stammt:

Mit Dank an Harald M.
Diese Meldung aus dem Internetangebot der „Pforzheimer Zeitung“ liegt hier seit Tagen ungebloggt im Büro:

Es ist ja nicht nur so, dass das Setting nicht gerade den prototypischen Heroinkonsum zeigt – ich mag vor allem die Bildunterschrift.
Fehlt eigentlich nur noch der Hinweis: „Liebe Kinder, bitte nicht nachmachen!“
Mit Dank an Stefan L.
Überschrift geborgt bei The Postal Service.
Jeden Freitag veröffentlicht Christoph Dallach eine Popmusik-Kolumne auf „Spiegel Online“. Heute widmet er sich zum Beispiel inhaltlich missverstandenen Liedtexten:
Immer wieder passiert es Menschen, die des Englischen nicht ganz so mächtig sind, dass sie Liedtexte anders deuten, als die Autoren sie gemeint haben. Aber auch, wer Englisch als Muttersprache gelernt hat, bekommt mitunter nicht mit, was ein Song wirklich bedeutet. Acht Parade-Beispiele für häufig falsch verstandene Liedtexte hat nun das Blog Divine Caroline zusammengetragen.
Ferner geht es um Paul McCartneys Sohn James, der in einem Interview mit der BBC unvorsichtigerweise gesagt hatte, er könne sich vorstellen, gemeinsam mit Sean Lennon, Dhani Harrison und Jason Starkey Musik zu machen. Die Geschichte ging als „Next Generation Beatles“ um die Welt.
Dallach schreibt:
Dummerweise entpuppte sich auch dieser Plan letztlich als Niederlage: Von der Online-Ausgabe des „Guardian“ befragt, ob Interesse an so einer B‑Beatles-Gang bestünde, antworteten 82,8 Prozent der User: Nein danke. Let it be!
Blöd, dass „Let It Be“ nicht bei den acht „Parade-Beispielen für häufig falsch verstandene Liedtexte“ dabei war, gilt es inzwischen doch als einigermaßen sicher, dass „let it be“ nicht im Sinne von „lass es bleiben“, sondern als „lass es geschehen“ gemeint ist.
Paul McCartney jedenfalls hat die Inspiration zum Song wie folgt beschrieben:
One night during this tense time I had a dream I saw my mum, who’d been dead ten years or so. And it was great to see her because that’s a wonderful thing about dreams, you actually are reunited with that person for a second… In the dream she said, ‚It’ll be alright.‘ I’m not sure if she used the words ‚Let it be‘ but that was the gist of her advice, it was ‚Don’t worry too much, it will turn out okay.‘ It was such a sweet dream I woke up thinking, ‚Oh, it was really great to visit with her again.‘ I felt very blessed to have that dream.
Aber es passiert halt immer wieder Menschen, die des Englischen nicht ganz so mächtig sind, dass sie Liedtexte anders deuten, als die Autoren sie gemeint haben.
Mit Dank an Philip.
Stop the press!
Die Toten Hosen haben die Tracklist ihres neuen Albums „Ballast der Republik“ veröffentlicht und dabei kam raus: Lied Nr. 14 wird „Oberhausen“ heißen.
Ein gefundenes Fressen 1 für die Lokalmedien: „Bild“ brachte heute einen kleinen Artikel über den „noch geheimen“ Song, aber das ist nichts im Vergleich zu dem, was die „WAZ“ gestern in Oberhausen veranstaltet hat.
Wenn Anfang Mai die neue CD „Ballast der Republik“ der Düsseldorfer Punk-Rocker „Die Toten Hosen“ erscheint, ist das Revier offenbar dabei: Ein Song trägt den Titel „Oberhausen“ – über den Inhalt wird noch gerätselt.
Das mit dem Rätseln ist durchaus wörtlich zu verstehen – und der Ort dieses Rätselns ist die „WAZ“. Man kann den Redakteuren allerdings nicht vorwerfen, da nur selbst in der Teeküche drüber gegrübelt zu haben:
Selbst szenekundige Musiker zeigten sich davon völlig überrascht.
Fürwahr: Die „WAZ“ hat keine Kosten und Mühen gescheut und so ziemlich alles, was in der lokalen Musikszene Rang und Namen hat, mit dem Thema behelligt.
„Das ist eine Riesenüberraschung“, sagt etwa Kevin Kerndl von der hiesigen Musikvereinigung „RockO“. Auch wenn der blanke Songtext für den Organisator des Festivals „Olgas Rock“ angesichts des Albumtitels „Ballast der Republik“ zunächst eher negativ wirkt. „Da muss man abwarten, aber das wird für die hiesige Musikszene auf jeden Fall interessant.“
(Lassen Sie sich nicht verwirren: Mit dem „blanken Songtext“ ist nicht etwa der … äh: Songtext gemeint, der ist ja – wir erinnern uns – immer noch unbekannt.)
Tim Kleinrensing von der Punkband Sondaschule erklärt:
„Ich könnte mir vorstellen, dass dies im Geiste des Punk-Rocks ein Lobgesang auf die Stadt mit der höchsten Verschuldung wird.“
Und:
„Ironie ist im Genre nicht selten – da kann alles kommen!“
Na, dann kann die „WAZ“ ja auch ihre Assoziationsmaschine anschmeißen:
Oberhausen und die „Toten Hosen“ – die Verbindung ist nicht aus der Luft gegriffen: Die Band hat mehrere große Auftritte in der Arena gespielt – und die Halle unlängst zu einem ihrer Lieblingsplätze geadelt. Zuvor absolvierten die Düsseldorfer im Sterkrader „Old Daddy“ in den frühen 80er Jahren die ersten Konzerte ihrer Karriere überhaupt.
Und überhaupt:
Fragt man auf der Straße nach, vermuten die Oberhausener hinter dem Hosen-Song gar ein Cover des wohl bekanntesten Oberhausen-Liedes: der Missfits.
Ja, ich hab an der Stelle auch kurz gedacht, wann zum Henker Glenn Danzig oder einer von den anderen jemals über Oberhausen gesungen haben soll. Es stellte sich dann aber raus, dass das auch kein Schreibfehler war und tatsächlich das regional bekannte Frauenkabarett-Duo „Missfits“ gemeint war.
Und weil Lokalpolitiker natürlich jede Chance wahrnehmen, ihren Namen in der Zeitung lesen zu können, 2 hat auch der Oberbürgermeister der „WAZ“ auf Anfrage nicht erklärt, da müsse man doch erst mal abwarten, da könne man noch nichts sagen und überhaupt sei das nicht seine Aufgabe, sondern:
OB Klaus Wehling möchte von „tote Hose“ in Oberhausen natürlich nichts wissen, will sich das Lied aber trotzdem anhören. „Das gehört doch zum Pflichtenheft eines Oberbürgermeisters.“ Auch wenn Wehling gesteht: „Die gesamte CD wird es wohl nicht werden.“
Jetzt wissen die „WAZ“-Leser in Oberhausen (geschätztes Durchschnittsalter: 55) also, dass die Toten Hosen ein Lied über ihre Stadt geschrieben haben. Also: mutmaßlich. Vielleicht geht’s auch um was ganz anderes, man weiß es ja noch nicht. Aber wenigstens, man hat schon mal ’ne Seite damit gefüllt.
Weitere Titel von „Ballast der Republik“ sind übrigens „Traurig einen Sommer lang“, „Altes Fieber“, „Europa“, „Draußen vor der Tür“ und „Vogelfrei“. Was man da bis zur Veröffentlichung am 4. Mai noch für Artikel drüber schreiben kann!
Der Frühling ist da: Die Sonne scheint vom wolkenlosen Himmel, Vögel und Mädchen sind aus dem Winterschlaf erwacht und es ist wieder an der Zeit, eines meiner absoluten Lieblingsalben zu hören.
Das war Quatsch: Es ist natürlich immer an der Zeit, eines meiner absoluten Lieblingsalben zu hören, aber im Moment macht es noch viel mehr Spaß.

Das Album, um das es geht, stammt von der britischen Band A (ein Name aus der Zeit, als Bandnamen noch nicht suchmaschinenoptimiert waren), heißt „Hi-Fi Serious“ und ist vor ziemlich genau zehn Jahren erschienen. Theoretisch müsste ich die Band damals auch bei der Osterrocknacht in der Düsseldorfer Philipshalle gesehen haben, aber ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern.
Damals hatte ich zunächst allerdings auch nur ein, zwei MP3s von dem Album, wie man das in Zeiten von sogenannten Netzwerktreffen und Tauschbörsen damals eben so hatte. Einer dieser Songs, „Pacific Ocean Blue“, war allerdings auf meinem Mixtape „05/02“, das ich mir nach den letzten schriftlichen Abiturprüfungen aufgenommen hatte und dann ständig gehört habe. Mit Zeilen wie „And the summer is forever / It’s the endless summer“ passte der Song allerdings auch wie der sprichwörtliche Arsch auf Eimer zu den naiven Allmachtsphantasien, die man als junger Mensch eben hat, wenn man sechs bis acht Wochen keinen anderen Grund zum Aufstehen hat, außer sich mit seinen Freunden zu treffen, um wahlweise Schwimmen, Grillen oder Trinken zu gehen. 1
Das ganze Album hatte ich dann erst zwei Jahre später und vielleicht liegt es daran, dass auch damals grad Frühling war, aber „Hi-Fi Serious“ ist seitdem mein allerliebstes Sonnenscheinalbum. Schon bei den ersten Takten von „Nothing“ möchte ich sofort losgehen und mir ein Skateboard kaufen. 2 Ich könnte über jeden einzelnen Song schreiben, über das verknallte „Something’s Going On“, die niedliche Konsumkritik von „Starbucks“ und über „Going Down“, das die letzten Minuten an Bord eines abstürzenden Flugzeugs beschreibt, 3 oder über das wütende „W.D.Y.C.A.I.“, aber es ist das Album in seiner Gesamtheit, das so großartig ist.
„Hi-Fi Serious“ ist ein musikgewordener Sommernachmittag. Ich liebe die positive Energie und die hörbare Spielfreude, die einem aus den Liedern entgegenschlägt und die ich an Künstlern wie The Hold Steady, Andrew W.K. oder eben A so sehr schätze. Die Musik sorgt dafür, dass ich bei fast jedem Song (ein paar ruhigere sind ja auch dabei) durch die Gegend und am Liebsten mit einem lebensgefährlichen Stunt in den nächsten Swimming Pool hüpfen möchte.
Natürlich sind während meiner Jugend musikalisch anspruchsvollere, historisch bedeutsamere Alben erschienen – aber kein Album dieser Welt erinnert mich so daran, wie es sich anfühlt, jung zu sein, wie „Hi-Fi Serious“ von A. In den Liner Notes schreibt Sänger Jason Perry über „Pacific Ocean Blue“, für ihn hätten die Beach Boys den Sommer erfunden. Für mich waren es A.
Gestern Abend wurden in Berlin die Echos verliehen. Der Veranstalter, der Bundesverband Musikindustrie e.V., bezeichnet den Echo konsequent als „einen der wichtigsten Musikpreise der Welt“, nach welchen Kriterien die Preise genau verliehen werden, weiß niemand so genau, vermutlich nicht einmal Prof. Dieter Gorny. Eine große Rolle spielen auf alle Fälle die Verkaufszahlen, weswegen der Abend einigermaßen erwartbar ausging. Andererseits: Nur ein Preis für Tim Bendzko, statt Revolverheld haben wenigstens Jupiter Jones gewonnen und der Hip-Hop/Urban-Preis ging immerhin an den sympathischen Casper statt an den homophoben Bushido.
Die Preisverleihung aber, bis vor vier Jahren bei RTL von Oliver Geissen und/oder Frauke Ludowig aseptisch wegmoderiert, war der ARD dann doch erstaunlich gut gelungen: Vom großen Opening mit den fünf größten Radiohits des vergangenen Jahres (Jupiter Jones, Frida Gold, Andreas Bourani, Tim Bendzko und Revolverheld – don’t get me started), das noch ein bisschen unterprobt wirkte, in Zukunft aber funktionieren sollte, über die angenehm kurz gehaltenen Zwischenmoderationen von Ina Müller und Barbara Schöneberger bis hin zu den vielen, vielen Auftritten (Kraftklub mit Casper, Tim Bendzko mit Shaggy!) war das ein kurzweiliger, bunter Abend, der das beste aus dem rausholte, was in Deutschland als Inventar der Unterhaltungsindustrie zur Verfügung steht. Und ich weiß, wie schwer das ist, ich habe es letztes Jahr als Co-Autor der Echo-Verleihung selbst versucht.
Heute Abend wird der Adolf-Grimme-Preis verliehen, die vielleicht renommierteste Auszeichnung, die es in Deutschland für Fernsehsendungen gibt. Die Preisübergabe findet mit vergleichsweise wenig pyrotechnischem Einsatz im Stadttheater Marl statt und die Chancen stehen hoch, dass Sie noch nie eine der gewürdigten Sendungen gesehen haben, weil diese von den Sendern, die sie bestellt und finanziert haben, zu absurdesten Zeiten versendet wurden, auf dem alten Sendeplatz des Testbilds.
Selbst die Grimmepreisverleihung selbst, eher protestantischer Erntedankgottesdienst als katholisches Hochamt, wird von 22.25 Uhr bis 23.55 Uhr auf 3sat verklappt. Dabei kann man da wenigstens immer ein paar Minuten Ausschnitte aus den hochklassigen, zumeist (aber nicht ausschließlich) deprimierenden Fernsehspielen und Dokumentationen sehen, die man im Laufe des Jahres so verpasst hat.
Es ist also nicht so, dass es in Deutschland gar kein gutes Fernsehen gäbe, aber man muss danach suchen – und es wird selbst von den öffentlich-rechtlichen Sendern bewusst verhindert. Die breite Masse ist genauso mut‑, belang- und lieblos, wie das, was an deutscher Popmusik im Radio oder halt beim Echo läuft.
Malte Welding hat für die „Berliner Zeitung“ eine große Abrechnung mit dem deutschen Fernsehen verfasst, die auch eine Abrechnung mit dem gesamten Kulturbetrieb, ja eigentlich der ganzen Bundesrepublik ist.
Hier mal eine der moderateren Passagen:
Was China im Fußball, das ist Deutschland in der Unterhaltung. Ein Entwicklungsland. Ein Entwicklungsland allerdings, dessen Unterhaltungsbeamte sich gebärden, als hätten sie den begehbaren Kleiderschrank erfunden, und das ein Schweinegeld hat. Da werden Filmbälle gegeben, die gerade durch den Glamourversuch am Ende doch immer so aussehen wie die Abifeier der Jean-Sans-Terre-Oberschule.
Das deutsche Fernsehen steht so patschzufrieden im eigenen Saft, dass es mit großer Fröhlichkeit darin ersaufen wird, in der Karnevalsbrühe aus Küstenwachenwiederholungen und Serien mit Tieren in der Hauptrolle und Selbstversicherungskabarettsendungen und Redaktionen nach Parteiproporz, die Politsendungen simulieren, und ist die Rente sicher und kippt der Euro und stirbt das Land? Ja, das Land stirbt. Vor Langeweile.
Vor ein paar Wochen ging ein Video durchs Internet, auf dem fünf Menschen auf einer Gitarre ein Lied spielen. Das war kunsthandwerklich recht beeindruckend, aber das Lied war leider „Somebody That I Used To Know“ von Gotye, das sich in meiner persönlichen Gunst inzwischen von „mag ich nicht“ zu „hasse ich so sehr, dass ich noch meinen Kindern und Kindeskindern mehrstündige Litaneien über die Unzulänglichkeit dieses Machwerks angedeihen lassen werde“ verschlechtert hat. (Das ist vielleicht etwas übertrieben. Ich will ja auch nicht zu viel Lebensenergie auf Sachen verwenden, die ich nicht mag – gerade, wo das Wetter gerade so toll ist. Aber das Radio schalte ich schon jedes Mal aus, wenn der Song läuft.)
JEDENFALLS: Fünf Leute und eine Gitarre kann ja jeder. Drei Leute an einem Flügel, das ist doch mal was anderes!
Enno Bunger haben offenbar die Ben-Folds-Schule für Piano-Manipulation besucht, bevor sie bei „TV noir“ auftraten, um den Song „Regen“ von ihrem neuen Album „Wir sind vorbei“ dort aufwendig zu interpretieren:
Gut, textlich ist das Geschmackssache, aber schon toll, was man mit so einem Instrument alles anstellen kann.
Die Deutsche Presseagentur (dpa) vermeldete gestern, die Schauspielerin Charlize Theron habe sich öffentlich bewundernd über das beachtliche Gemächt geäußert, das ihr Kollege Michael Fassbender im Film „Shame“ mehrfach vor laufender Kamera entblößt.
Medien wie „Welt Online“ stehen damit vor einem Problem: Einerseits müssen sie ihre Leser natürlich über diesen Vorgang informieren – andererseits haben sie dann doch nicht die … äh: Eier, dieses Mitteilungsbedürfnis konsequent umzusetzen.
Und so entstehen dann Überschriften wie diese:

Ich kann mit der Band Unheilig und ihrer Musik nichts anfangen, habe aber einen gewissen Respekt davor, wie der sogenannte Graf da seit Jahren sein Ding durchzieht und damit inzwischen auch große Erfolge feiert. Vergangenen Freitag erschien das neue Album „Lichter der Stadt“, das natürlich auf Platz 1 der Charts einsteigen wird.
Der Kollege Sebastian Dalkowski hat den Grafen für „RP Online“ getroffen und es ist das großartigste Interview mit dem König des Gothic-Schlagers, das ich je gelesen habe.
Gut: Es ist auch das bisher Erste, aber es ist trotzdem überraschend unterhaltsam.
Auf Ihren Konzerten und in Ihren Videos sind immer Kerzen zu sehen. Wo kaufen Sie die?
Das sind Altarkerzen. Meine ersten Kerzen habe ich, da ich aus Aachen komme, noch im Kerzenladen am Dom gekauft. Die haben sich natürlich gefreut, als ich 30 Stück genommen habe. Die Dinger sind schließlich schweineteuer. Damals war es noch richtig schwer, so viele auf einmal zu kaufen. Heute geht das alles übers Internet. Als ich mit Unheilig angefangen habe, war Internet noch nicht normal. Ich habe 1999 noch darüber nachgedacht: Sollste dir dieses Internet anschaffen?
Augen auf beim Kerzenkauf?
Man sollte die guten Kerzen kaufen. Die Kerzen werden auf Tour oft an- und ausgemacht. Und bei schlechten Kerzen wird der Docht dann immer kürzer und du bekommst sie nicht mehr an. Das kennen wir vom Adventskranz, wenn schon am zweiten Advent die Kerze vom ersten Advent nicht mehr brennen will. Da musst du dann das Schweizer Taschenmesser rausholen, um den Docht freizukratzen.
Eine Jury in New Jersey hat gestern den 20-jährigen Dharun Ravi für schuldig befunden, ein hate crime an seinem Mitbewohner Tyler Clementi begangen zu haben. „Spiegel Online“ beschreibt die Ausgangslage so:
Es war der 19. September, an dem Clementi laut Zeugenaussagen Ravi bat, den gemeinsamen Raum zu verlassen, er wolle einen Gast empfangen. Ravi twitterte: „Mitbewohner wollte den Raum bis Mitternacht haben. Ich bin in Mollys (eine Freundin, Anm. d. Redaktion) Zimmer gegangen und habe meine Webcam angeschaltet. Ich habe gesehen, wie er mit einem Kerl rummachte. Juhu.“
So fing es an. Am Ende war Clementi tot.
Die „New York Times“ führt weiter aus:
The case was a rare one in which almost none of the facts were in dispute. Mr. Ravi’s lawyers agreed that he had set up a webcam on his computer, and had then gone into a friend’s room and viewed Mr. Clementi kissing a man he met a few weeks earlier on a Web site for gay men. He sent Twitter and text messages urging others to watch when Mr. Clementi invited the man again two nights later, then deleted messages after Mr. Clementi killed himself.
That account had been established by a long trail of electronic evidence — from Twitter feeds and cellphone records, dormitory surveillance cameras, dining hall swipe cards and a “net flow” analysis showing when and how computers in the dormitory connected.
Die digitalen Beweise waren dann wohl auch ausschlaggebend für die sehr differenzierten Entscheidungen der Jury.
Ravis Anwälte hatten argumentiert, ihr Mandant sei „ein Kind“, das wenig Erfahrung mit Homosexualität habe und in eine Situation geraten sei, die ihn geängstigt habe. In entschuldigenden SMS-Nachrichten an Clementi habe Ravi geschrieben, dass er keine Probleme mit Homosexualität habe und sogar einen engen Freund habe, der schwul sei.
Die „New York Times“ notiert:
(At almost the exact moment he sent the apology, Mr. Clementi, 18, committed suicide after posting on Facebook, „jumping off the gw bridge sorry“).
Der Selbstmord von Tyler Clementi war einer von mehreren im Spätsommer/Herbst 2010. Mindestens neun Schüler und Studenten zwischen 13 und 19 Jahren glaubten, keinen anderen Ausweg mehr zu haben, als ihrem Leben ein Ende zu setzen, weil sie Opfer von Diskriminierungen und Angriffen wurden, nur weil sie schwul waren oder man sie dafür hielt.
Als Reaktion auf diese Selbstmorde wurde das sehr bewegende Projekt „It gets better“ ins Leben berufen, bei der Prominente und Nichtprominente, Künstler und Politiker, TV-Moderatoren und Polizisten homosexuellen Jugendlichen – ach, eigentlich allen Jugendlichen – Mut machten, dass ihr Leben besser werde.
Stefan Niggemeier hat damals geschrieben:
Dem Projekt ist vorgeworfen worden, gefährlich unterambitioniert zu sein, weil es nicht auf die Beseitigung der Ursachen von Diskriminierung zielt, sondern bloß ihre Opfer zum Überleben auffordert. Diese Kritik ist nachvollziehbar, aber sie trifft nicht. Zum einen hat Dan Savage recht, wenn er sagt, dass es zunächst einmal darum geht, akut bedrohten Jugendlichen unmittelbar Hoffnung zu geben und auf Ansprechpartner hinzuweisen. Zum anderen belassen es die Mitwirkenden keineswegs immer bei dem Versprechen, dass es nach der Schule, nach der Pubertät, überhaupt in Zukunft schon besser werden wird. Viele greifen, wie Ellen, den Skandal an, dass die Diskriminierung immer noch zugelassen wird. Dass es ein Klima der Intoleranz gibt, das die Verhöhnung von Schwulen zulässt und fördert.
Die Chicagoer Band Rise Against hat einen Song über die „September’s Children“ geschrieben, mit dem die Musiker auch „It gets better“ unterstützen wollen, und Sie sollten sich das Video unbedingt in voller Länge ansehen:
Rise Against – Make It Stop (September’s Children) from LGBTQI Georgia on Vimeo.
Die Namen, die Frontmann Tim McIlrath nennt, sind neben Tyler Clementi die von Billy Lucas, Harrison Chase Brown, Cody J. Barker und Seth Walsh.
Jedes Mal, wenn ich dieses Video sehe, denke ich vor der Marke von 3:05 Minuten: „Das können die nicht wirklich so zeigen“, und dann kommt dieser Bruch und ich habe jedes verdammte Mal wieder Gänsehaut und bin gerührt, aufgewühlt und völlig fertig. So ein Video hätte verdammt schief gehen können, aber ich finde, es ist der Band und ihrem Regisseur Marc Klasfeld erstaunlich gut gelungen.
Im Text heißt es „What God would damn a heart? / And what God drove us apart? / What God could / Make it stop / Let this end“, und Religion rückt in den USA auch nach Dharun Ravis Schuldspruch in den Fokus.
Brent Childres schreibt im Religions-Blog der „Washington Post“:
There are many more Tyler Clementi tragedies waiting to unfold if we continue to close our minds to the harm caused by religious teaching’s bias and intimidation toward gay. lesbian bisexual and transgender individuals, especially youth and families.
The story of Tyler Clementi’s death has been one of the most publicized teen suicides in recent memory. Unfortunately, a review of media interviews and print news articles over the last 18 months produces only a few hints to the role religious teaching may have played in Clementi’s emotional and psychological distress.
Es ist für Europäer kaum zu verstehen, was für christliche Splittergruppen diese Evangelikalen, Methodisten, Presbyterianer und Lutheraner eigentlich sind, aber ihre Haltung zur Homosexualität lässt die meisten deutschen Kardinäle wie liberale Aktivisten aussehen. Und, was noch viel schlimmer ist, diese Gruppierungen werden von ihren Mitgliedern ernst genommen:
Grace Church of Ridgewood, New Jersey, is the church that Tyler Clementi attended with his family. It was not an affirming and welcoming place for a young person processing a same-sex sexual orientation, according to some pastors in that community. The church is a member of the Willow Creek Association, a group of churches headed by Bill Hybels, who as recently as last year said that God designed sexual intimacy to be between a man and a woman in marriage and anything outside of that is sexual impurity in God’s eyes. The gay youth hears in those words that they are dirty, unclean and something for which they should be ashamed. […]
In an October 2010 article posted on a church blog at St. Stephen Church, [Rev. Clarke] Olson-Smith wrote „In the congregation Tyler grew up in and his parents still belong to, there was no question. To be gay was to be cut off from God.“
Nach dem Schuldspruch gab der Fernsehprediger Bill Keller dem CNN-Moderator Anderson Cooper, Rachel Maddow von CNBC, der Moderatorin Ellen DeGeneres, den Medien und den „feigen Priestern“ die Schuld am Tod von Tyler Clementi:
Suicide is a desperate and selfish act that is ultimately the sole responsibility of the person who made the choice to end their life. Everyone who commits suicide has reasons that led them to make such a horrible decision. The fact is, suicide is exponentially higher amongst those who choose the homosexual lifestyle, and while those in the media want to blame people like myself who take a Biblical stand on this issue, the fact is, they are the ones most responsible!
So einfach kann man sich das machen: Nicht die Atmosphäre voll Hass und Ablehnung ist schuld, in der junge Homosexuelle aufwachsen müssen, natürlich sowieso nicht diejenigen, die sich auf die Bibel berufen, sondern die, die sagen, dass es völlig okay sei, Menschen des selben Geschlecht zu lieben!
Ich habe die Hoffnung, dass Hassprediger wie Keller dereinst mit einem „Sorry, Du hast da was wahnsinnig missverstanden“ an der Himmelspforte abgewiesen werden.
Kinder und Jugendliche waren immer schon grausam zueinander, aber die heutigen technischen Möglichkeiten bieten denen, die sich über andere erheben wollen, ganz neue Verbreitungswege und viel größere Zielgruppen – und letztlich ahmen die Jungen vor allem nach, was ihnen die Alten in der Gesellschaft vorleben. Es gibt unterschiedliche Meinungen, ob es eine gute Idee war, Ravi eines hate crimes für schuldig zu befinden, also einer aus Vorurteilen begangenen Straftat, oder ob sich die Jury nicht auf die anderen Anklagepunkte hätte beschränken sollen.
Der Jura-Professor Paul Butler schreibt bei CNN.com:
Ravi did not invent homophobia, but he is being scapegoated for it. Bias against gay people is, sadly, embedded in American culture. Until last year people were being kicked out of the military because they were homosexuals. None of the four leading presidential candidates – President Obama, Mitt Romney, Rick Santorum, Newt Gingrich – thinks that gay people should be allowed to get married. A better way to honor the life of Clementi would be for everyone to get off their high horse about a 20-year-old kid and instead think about how we can promote civil rights in our own lives.
Though a national conversation about civility and respect would have been better, as usual for social problems, we looked to the criminal justice system. The United States incarcerates more of its citizens than any country in the world. We are an extraordinarily punitive people.
Clementi died for America’s sins. And now, Ravi faces years in prison for the same reason.
Nach dem Schuldspruch wandte sich Tyler Clementis Vater Joe mit einer Botschaft an die Öffentlichkeit:
To our college, high school and even middle-school youngsters, I would say this: You’re going to meet a lot of people in your lifetime. Some of these people you may not like. But just because you don’t like them, does not mean you have to work against them. When you see somebody doing something wrong, tell them, „That’s not right. Stop it.“
You can make the world a better place. The change you want to see in the world begins with you.
Es könnte besser werden. Es muss!
So wie es aussieht, wird es morgen in Bochum zu Großdemonstrationen mit mehr als 30.000 Teilnehmern kommen – und das liegt ausnahmsweise nicht daran, dass mal wieder irgendeine Produktionsstätte geschlossen werden soll. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan soll in der Bochumer Jahrhunderthalle aus den Händen von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder den sogenannten „Steiger Award“ in der Kategorie „Europa“ erhalten, „auch als deutliches Zeichen für gelebte deutsch-türkische Freundschaft“.
Nun könnte man einwenden, ein Ministerpräsident, der die Türken in Deutschland vor Assimilation warnt und den Völkermord der Türken an den Armeniern abstreitet, dessen Regierung die Pressefreiheit nicht sonderlich ernst nimmt und dessen Land unbequeme Journalisten einsperrt, so ein Ministerpräsident sollte vielleicht besser keinen Preis bekommen, da könnte man ja auch gleich Bushido mit einem Integrationspreis auszeichnen. Aber lassen Sie mich erst mal zu dem Preis selbst kommen.
In Deutschland werden viele merkwürdige Preise verliehen, von den meisten bekommt man allerdings nichts mit. Auch der „Steiger Award“ war bisher vor allem seinem Veranstalter, den lokalen Persönlichkeiten, die zur Verleihung eingeladen werden, und den Managern der Preisträger ein Begriff.
Der Veranstalter beschreibt sein Anliegen so:
Der Steiger Award ist entstanden aus Privatinitiative und dem Wunsch der kulturellen, sozialen und gesellschaftlichen Förderung der Region.
Das Ruhrgebiet in der Mitte Europas sollte stärker in den Fokus rücken. Der Steiger Award ist Preis und Philosophie zugleich. Wir ehren Persönlichkeiten, die sich durch Geradlinigkeit, Offenheit, Menschlichkeit und Toleranz auszeichnen.
Der Begriff „Steiger“ stammt aus dem Bergbau und dient als Synonym für die Geradlinigkeit und Offenheit der Bergleute, der sogenannten „Steiger“. Jährlich entscheidet eine Jury darüber, wer die Auszeichnung in den Bereichen Film, Musik, Kunst, Sport, Charity, Umwelt, Toleranz und für sein Engagement zur Einigung Europas erhält.
Der Veranstalter, das ist Sascha Hellen, ein Mann Mitte 30, der das sogenannte Netzwerken zu seinem Beruf gemacht hat. Anders als Carsten Maschmeyer, der aktuell in „Bild“ erklärt, wie man Kontakte knüpft und nutzt, hat Hellen nichts mit dem Verkauf dubiosen Finanzdienstleistungen zu tun, denn er verkauft: nichts. Er vermittelt Redner, organisiert Veranstaltungen und sorgt so dafür, dass sich irgendwelche Leute und Vereine mit zu viel Geld im Licht von berühmten Leuten sonnen können, die auch schon sehr viel Geld haben, jetzt aber noch mehr, weil Hellen sie an diese Leute und Vereine vermittelt. Es ist eine Win-Win-Situation, die niemandem weh tut, mittelglamouröse Fotos für die Lokalzeitungen ab- und nur ganz am Rande die Frage aufwirft, zu was für absurden Auswüchsen so eine Menschheit eigentlich in der Lage ist.
Nun passen das Ruhrgebiet und Glamour-Veranstaltungen für die Oberen Zehntausend eher nicht zusammen, aber man kann natürlich mal versuchen, ob man den Leuten hier ihre generelle Skepsis gegenüber allem, was sie nicht kennen, nicht ein bisschen aberziehen kann. Die Oberbürgermeisterin hält den „Steiger Award“ dann auch aus unerfindlichen Gründen für ein Prestigeprojekt, das wichtig für das Ansehen Bochums sei – ganz so, als ob sich Shimon Peres, Bob Geldof oder Christopher Lee merken könnten, ob sie einen dieser merkwürdigen deutschen Preise auf ihrem Kaminsims jetzt in Bochum oder in Offenburg in Empfang genommen haben.
Vergangenes Jahr wollte Hellen den Bochumern einen Abend mit Josef Ackermann schenken – ausgerechnet im Bochumer Schauspielhaus, das sich traditionell eher den Arbeitern als irgendwelchen Bankdirektoren verpflichtet fühlt. Der frühere Intendant des Hauses, Frank-Patrick Steckel, protestierte öffentlich dagegen und irgendwann sagte Ackermann schließlich entnervt ab. Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz veröffentlichte eine gemeinsame Erklärung mit Veranstalter Sascha Hellen, in der sie sich „in aller Form für die unwürdige Diskussion“ entschuldigte.
Jetzt also soll Recep Tayyip Erdogan den „Steiger Award“ bekommen und unter Umständen könnte man den Quatschpreis Quatschpreis seien lassen, wenn die Schirmherrin der Veranstaltung nicht gerade Oberbürgermeisterin Scholz wäre. Vertreter der Landesregierung haben ihre Teilnahme inzwischen aus verschiedenen Gründen (Bundespräsidentenwahl, andere Termine) abgesagt. Von Gerhard Schröder ist eh kein Anstand zu erwarten, der hätte letztes Jahr schon den ebenso schwachsinnigen Quadriga-Preis an Wladimir Putin überreichen sollen, wenn die Veranstaltung nicht nach harscher Kritik und einem Ausstieg des Preiskomitees abgesagt worden wäre.
Die Kritik, die zunächst eher regional zu hören war, ist inzwischen bei den nationalen Nachrichtenagenturen angekommen: dpa, AFP und Reuters berichten über Ralph Giordano, den Deutschen Journalistenverband und CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt, die die Preisverleihung an Erdogan kritisiert haben (zugegebenermaßen nicht die seriösesten Kritiker, die ich mir vorstellen könnte), gestern erschien auch bei „Spiegel Online“ ein Artikel zu dem Thema.
Die Veranstalter melden sich seit Tagen mit immer staatstragenderen Beschwichtigungsschreiben zu Wort, in denen sie erklären, die Auszeichnung sei „ausdrücklich keine Bewertung der innen- und außenpolitischen Aktivitäten des türkischen Ministerpräsidenten“, der Preis sei „stellvertretend für 50 Jahre deutsch-türkische Freundschaft“ gemeint und die Auseinandersetzung mit Erdogans Politik solle „durch einen kritischen Diskurs erfolgen, nicht durch Ausgrenzung“. Dass der Protest solche Dimensionen annehme, damit habe er nicht gerechnet, sagte Hellen der „WAZ“.
Eine Person hat sich zu dem ganzen Dilemma noch gar nicht geäußert: Oberbürgermeisterin Dr. Ottilie Scholz, die Schirmherrin des „Steiger Awards“. Vermutlich wird sie sich erst morgen zu Wort melden, wenn sie sich bei Erdogan in aller Form entschuldigt.
Nachtrag, 17. März: Ministerpräsident Erdogan hat seine Teilnahme am „Steiger Award“ abgesagt. „Als Grund wurde der Absturz eines türkischen Militärhubschraubers in Afghanistan mit 17 Todesopfern genannt“, wie Reuters schreibt.
… über die eigene Partnerin zu schreiben, es sei „schon sehr beängstigend“ gewesen, „nicht zu wissen, wie die Leute und die Medien reagieren“, wenn man sich mit ihr „als Paar outen“ würde.