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Hoch im Interkurs

Ich weiß nicht, mit wel­chem Com­pu­ter­pro­gramm die Leu­te bei stylebook.de („Powered by Bild.de“) ihre Tex­te so aus dem Eng­li­schen über­tra­gen las­sen, aber irgend­et­was sagt mir, dass es aus der Schweiz stammt:

Darum geht es im Film: Der brotlose Ex-Soldat George Duroy (Pattinson) begibt sich in das Wirrwarr eines Pariser Verlagshauses. Um zu Einfluss und Macht zu gelangen, bezirzt er drei Damen (Uma Thurman, Christina Ricci und Kristen Scott Thomas). Dabei schreckt er auch nicht vor sexuellem Interkurs mit den verheirateten (!) Frauen zurück.

Mit Dank an Harald M.

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Digital

Inhaling thrills through twenty dollar bills

Die­se Mel­dung aus dem Inter­net­an­ge­bot der „Pforz­hei­mer Zei­tung“ liegt hier seit Tagen unge­b­loggt im Büro:

Prozessauftakt im Heroin-Prozess: Das gestellte Illustrationsfoto zeigt, wie mit einem zu einem Röhrchen gerollten Geldschein ein weißes Pulver von einer Linie in die Nase eingezogen wird.

Es ist ja nicht nur so, dass das Set­ting nicht gera­de den pro­to­ty­pi­schen Hero­in­kon­sum zeigt – ich mag vor allem die Bild­un­ter­schrift.

Fehlt eigent­lich nur noch der Hin­weis: „Lie­be Kin­der, bit­te nicht nach­ma­chen!“

Mit Dank an Ste­fan L.

Über­schrift geborgt bei The Pos­tal Ser­vice.

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Musik Digital

Whisper words of wisdom

Jeden Frei­tag ver­öf­fent­licht Chris­toph Dal­lach eine Pop­mu­sik-Kolum­ne auf „Spie­gel Online“. Heu­te wid­met er sich zum Bei­spiel inhalt­lich miss­ver­stan­de­nen Lied­tex­ten:

Immer wie­der pas­siert es Men­schen, die des Eng­li­schen nicht ganz so mäch­tig sind, dass sie Lied­tex­te anders deu­ten, als die Autoren sie gemeint haben. Aber auch, wer Eng­lisch als Mut­ter­spra­che gelernt hat, bekommt mit­un­ter nicht mit, was ein Song wirk­lich bedeu­tet. Acht Para­de-Bei­spie­le für häu­fig falsch ver­stan­de­ne Lied­tex­te hat nun das Blog Divi­ne Caro­li­ne zusam­men­ge­tra­gen.

Fer­ner geht es um Paul McCart­neys Sohn James, der in einem Inter­view mit der BBC unvor­sich­ti­ger­wei­se gesagt hat­te, er kön­ne sich vor­stel­len, gemein­sam mit Sean Len­non, Dha­ni Har­ri­son und Jason Star­key Musik zu machen. Die Geschich­te ging als „Next Gene­ra­ti­on Beat­les“ um die Welt.

Dal­lach schreibt:

Dum­mer­wei­se ent­pupp­te sich auch die­ser Plan letzt­lich als Nie­der­la­ge: Von der Online-Aus­ga­be des „Guar­di­an“ befragt, ob Inter­es­se an so einer B‑Beat­les-Gang bestün­de, ant­wor­te­ten 82,8 Pro­zent der User: Nein dan­ke. Let it be!

Blöd, dass „Let It Be“ nicht bei den acht „Para­de-Bei­spie­len für häu­fig falsch ver­stan­de­ne Lied­tex­te“ dabei war, gilt es inzwi­schen doch als eini­ger­ma­ßen sicher, dass „let it be“ nicht im Sin­ne von „lass es blei­ben“, son­dern als „lass es gesche­hen“ gemeint ist.

Paul McCart­ney jeden­falls hat die Inspi­ra­ti­on zum Song wie folgt beschrie­ben:

One night during this ten­se time I had a dream I saw my mum, who’d been dead ten years or so. And it was gre­at to see her becau­se that’s a won­derful thing about dreams, you actual­ly are reu­ni­ted with that per­son for a second… In the dream she said, ‚It’ll be alright.‘ I’m not sure if she used the words ‚Let it be‘ but that was the gist of her advice, it was ‚Don’t worry too much, it will turn out okay.‘ It was such a sweet dream I woke up thin­king, ‚Oh, it was real­ly gre­at to visit with her again.‘ I felt very bles­sed to have that dream.

Aber es pas­siert halt immer wie­der Men­schen, die des Eng­li­schen nicht ganz so mäch­tig sind, dass sie Lied­tex­te anders deu­ten, als die Autoren sie gemeint haben.

Mit Dank an Phil­ip.

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Alles aus Liebe

Stop the press!

Die Toten Hosen haben die Track­list ihres neu­en Albums „Bal­last der Repu­blik“ ver­öf­fent­licht und dabei kam raus: Lied Nr. 14 wird „Ober­hau­sen“ hei­ßen.

Ein gefun­de­nes Fres­sen 1 für die Lokal­me­di­en: „Bild“ brach­te heu­te einen klei­nen Arti­kel über den „noch gehei­men“ Song, aber das ist nichts im Ver­gleich zu dem, was die „WAZ“ ges­tern in Ober­hau­sen ver­an­stal­tet hat.

Wenn Anfang Mai die neue CD „Bal­last der Repu­blik“ der Düs­sel­dor­fer Punk-Rocker „Die Toten Hosen“ erscheint, ist das Revier offen­bar dabei: Ein Song trägt den Titel „Ober­hau­sen“ – über den Inhalt wird noch gerät­selt.

Das mit dem Rät­seln ist durch­aus wört­lich zu ver­ste­hen – und der Ort die­ses Rät­selns ist die „WAZ“. Man kann den Redak­teu­ren aller­dings nicht vor­wer­fen, da nur selbst in der Tee­kü­che drü­ber gegrü­belt zu haben:

Selbst sze­ne­kun­di­ge Musi­ker zeig­ten sich davon völ­lig über­rascht.

Für­wahr: Die „WAZ“ hat kei­ne Kos­ten und Mühen gescheut und so ziem­lich alles, was in der loka­len Musik­sze­ne Rang und Namen hat, mit dem The­ma behel­ligt.

„Das ist eine Rie­sen­über­ra­schung“, sagt etwa Kevin Kerndl von der hie­si­gen Musik­ver­ei­ni­gung „RockO“. Auch wenn der blan­ke Song­text für den Orga­ni­sa­tor des Fes­ti­vals „Olgas Rock“ ange­sichts des Album­ti­tels „Bal­last der Repu­blik“ zunächst eher nega­tiv wirkt. „Da muss man abwar­ten, aber das wird für die hie­si­ge Musik­sze­ne auf jeden Fall inter­es­sant.“

(Las­sen Sie sich nicht ver­wir­ren: Mit dem „blan­ken Song­text“ ist nicht etwa der … äh: Song­text gemeint, der ist ja – wir erin­nern uns – immer noch unbe­kannt.)

Tim Klein­rensing von der Punk­band Son­daschu­le erklärt:

„Ich könn­te mir vor­stel­len, dass dies im Geis­te des Punk-Rocks ein Lob­ge­sang auf die Stadt mit der höchs­ten Ver­schul­dung wird.“

Und:

„Iro­nie ist im Gen­re nicht sel­ten – da kann alles kom­men!“

Na, dann kann die „WAZ“ ja auch ihre Asso­zia­ti­ons­ma­schi­ne anschmei­ßen:

Ober­hau­sen und die „Toten Hosen“ – die Ver­bin­dung ist nicht aus der Luft gegrif­fen: Die Band hat meh­re­re gro­ße Auf­trit­te in der Are­na gespielt – und die Hal­le unlängst zu einem ihrer Lieb­lings­plät­ze geadelt. Zuvor absol­vier­ten die Düs­sel­dor­fer im Ster­k­ra­der „Old Dad­dy“ in den frü­hen 80er Jah­ren die ers­ten Kon­zer­te ihrer Kar­rie­re über­haupt.

Und über­haupt:

Fragt man auf der Stra­ße nach, ver­mu­ten die Ober­hau­se­ner hin­ter dem Hosen-Song gar ein Cover des wohl bekann­tes­ten Ober­hau­sen-Lie­des: der Miss­fits.

Ja, ich hab an der Stel­le auch kurz gedacht, wann zum Hen­ker Glenn Dan­zig oder einer von den ande­ren jemals über Ober­hau­sen gesun­gen haben soll. Es stell­te sich dann aber raus, dass das auch kein Schreib­feh­ler war und tat­säch­lich das regio­nal bekann­te Frau­en­ka­ba­rett-Duo „Miss­fits“ gemeint war.

Und weil Lokal­po­li­ti­ker natür­lich jede Chan­ce wahr­neh­men, ihren Namen in der Zei­tung lesen zu kön­nen, 2 hat auch der Ober­bür­ger­meis­ter der „WAZ“ auf Anfra­ge nicht erklärt, da müs­se man doch erst mal abwar­ten, da kön­ne man noch nichts sagen und über­haupt sei das nicht sei­ne Auf­ga­be, son­dern:

OB Klaus Weh­ling möch­te von „tote Hose“ in Ober­hau­sen natür­lich nichts wis­sen, will sich das Lied aber trotz­dem anhö­ren. „Das gehört doch zum Pflich­ten­heft eines Ober­bür­ger­meis­ters.“ Auch wenn Weh­ling gesteht: „Die gesam­te CD wird es wohl nicht wer­den.“

Jetzt wis­sen die „WAZ“-Leser in Ober­hau­sen (geschätz­tes Durch­schnitts­al­ter: 55) also, dass die Toten Hosen ein Lied über ihre Stadt geschrie­ben haben. Also: mut­maß­lich. Viel­leicht geht’s auch um was ganz ande­res, man weiß es ja noch nicht. Aber wenigs­tens, man hat schon mal ’ne Sei­te damit gefüllt.

Wei­te­re Titel von „Bal­last der Repu­blik“ sind übri­gens „Trau­rig einen Som­mer lang“, „Altes Fie­ber“, „Euro­pa“, „Drau­ßen vor der Tür“ und „Vogel­frei“. Was man da bis zur Ver­öf­fent­li­chung am 4. Mai noch für Arti­kel drü­ber schrei­ben kann!

  1. Ich hät­te gewet­tet, dass es ein Hosen-Lied oder ‑Album namens „Gefun­de­nes Fres­sen“ gibt, das scheint aber nicht der Fall zu sein.[]
  2. Außer natür­lich, es geht mal um was Wich­ti­ges.[]
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Musik

I’m serious, so come on

Der Früh­ling ist da: Die Son­ne scheint vom wol­ken­lo­sen Him­mel, Vögel und Mäd­chen sind aus dem Win­ter­schlaf erwacht und es ist wie­der an der Zeit, eines mei­ner abso­lu­ten Lieb­lings­al­ben zu hören.

Das war Quatsch: Es ist natür­lich immer an der Zeit, eines mei­ner abso­lu­ten Lieb­lings­al­ben zu hören, aber im Moment macht es noch viel mehr Spaß.

Das Album, um das es geht, stammt von der bri­ti­schen Band A (ein Name aus der Zeit, als Band­na­men noch nicht such­ma­schi­nen­op­ti­miert waren), heißt „Hi-Fi Serious“ und ist vor ziem­lich genau zehn Jah­ren erschie­nen. Theo­re­tisch müss­te ich die Band damals auch bei der Oster­rock­nacht in der Düs­sel­dor­fer Phil­ips­hal­le gese­hen haben, aber ich kann mich beim bes­ten Wil­len nicht dar­an erin­nern.

Damals hat­te ich zunächst aller­dings auch nur ein, zwei MP3s von dem Album, wie man das in Zei­ten von soge­nann­ten Netz­werktref­fen und Tausch­bör­sen damals eben so hat­te. Einer die­ser Songs, „Paci­fic Oce­an Blue“, war aller­dings auf mei­nem Mix­tape „05/​02“, das ich mir nach den letz­ten schrift­li­chen Abitur­prü­fun­gen auf­ge­nom­men hat­te und dann stän­dig gehört habe. Mit Zei­len wie „And the sum­mer is fore­ver /​ It’s the end­less sum­mer“ pass­te der Song aller­dings auch wie der sprich­wört­li­che Arsch auf Eimer zu den nai­ven All­machts­phan­ta­sien, die man als jun­ger Mensch eben hat, wenn man sechs bis acht Wochen kei­nen ande­ren Grund zum Auf­ste­hen hat, außer sich mit sei­nen Freun­den zu tref­fen, um wahl­wei­se Schwim­men, Gril­len oder Trin­ken zu gehen. 1

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Das gan­ze Album hat­te ich dann erst zwei Jah­re spä­ter und viel­leicht liegt es dar­an, dass auch damals grad Früh­ling war, aber „Hi-Fi Serious“ ist seit­dem mein aller­liebs­tes Son­nen­schein­al­bum. Schon bei den ers­ten Tak­ten von „Not­hing“ möch­te ich sofort los­ge­hen und mir ein Skate­board kau­fen. 2 Ich könn­te über jeden ein­zel­nen Song schrei­ben, über das ver­knall­te „Something’s Going On“, die nied­li­che Kon­sum­kri­tik von „Star­bucks“ und über „Going Down“, das die letz­ten Minu­ten an Bord eines abstür­zen­den Flug­zeugs beschreibt, 3 oder über das wüten­de „W.D.Y.C.A.I.“, aber es ist das Album in sei­ner Gesamt­heit, das so groß­ar­tig ist.

„Hi-Fi Serious“ ist ein musik­ge­wor­de­ner Som­mer­nach­mit­tag. Ich lie­be die posi­ti­ve Ener­gie und die hör­ba­re Spiel­freu­de, die einem aus den Lie­dern ent­ge­gen­schlägt und die ich an Künst­lern wie The Hold Ste­ady, Andrew W.K. oder eben A so sehr schät­ze. Die Musik sorgt dafür, dass ich bei fast jedem Song (ein paar ruhi­ge­re sind ja auch dabei) durch die Gegend und am Liebs­ten mit einem lebens­ge­fähr­li­chen Stunt in den nächs­ten Swim­ming Pool hüp­fen möch­te.

Natür­lich sind wäh­rend mei­ner Jugend musi­ka­lisch anspruchs­vol­le­re, his­to­risch bedeut­sa­me­re Alben erschie­nen – aber kein Album die­ser Welt erin­nert mich so dar­an, wie es sich anfühlt, jung zu sein, wie „Hi-Fi Serious“ von A. In den Liner Notes schreibt Sän­ger Jason Per­ry über „Paci­fic Oce­an Blue“, für ihn hät­ten die Beach Boys den Som­mer erfun­den. Für mich waren es A.

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  1. Theo­re­tisch ist auch alles drei gleich­zei­tig mög­lich, aber ich bin am Nie­der­rhein auf­ge­wach­sen und der liegt – nun ja – am Rhein.[]
  2. Ich habe mir mein ers­tes Skate­board mit 19 gekauft, als ich nach dem Zivil­dienst wie­der nichts zu tun hat­te. Nach eini­gen Fahr­ver­su­chen mit mei­nen gleich­alt­ri­gen, etwa gleich talen­tier­ten Freun­den, die wir alle immer­hin unver­letzt über­stan­den, hat sich mein klei­ner Bru­der das Ding gezockt und ich habe es seit­dem nicht mehr pro­biert.[]
  3. Auch kein The­ma, was man im Früh­jahr 2002 zwin­gend in einem Rock­song erwar­tet hät­te.[]
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Fernsehen Rundfunk

Fernsehen ohne Kaffee

Ges­tern Abend wur­den in Ber­lin die Echos ver­lie­hen. Der Ver­an­stal­ter, der Bun­des­ver­band Musik­in­dus­trie e.V., bezeich­net den Echo kon­se­quent als „einen der wich­tigs­ten Musik­prei­se der Welt“, nach wel­chen Kri­te­ri­en die Prei­se genau ver­lie­hen wer­den, weiß nie­mand so genau, ver­mut­lich nicht ein­mal Prof. Die­ter Gor­ny. Eine gro­ße Rol­le spie­len auf alle Fäl­le die Ver­kaufs­zah­len, wes­we­gen der Abend eini­ger­ma­ßen erwart­bar aus­ging. Ande­rer­seits: Nur ein Preis für Tim Bendz­ko, statt Revol­ver­held haben wenigs­tens Jupi­ter Jones gewon­nen und der Hip-Hop/Ur­ban-Preis ging immer­hin an den sym­pa­thi­schen Cas­per statt an den homo­pho­ben Bushi­do.

Die Preis­ver­lei­hung aber, bis vor vier Jah­ren bei RTL von Oli­ver Geis­sen und/​oder Frau­ke Ludo­wig asep­tisch weg­mo­de­riert, war der ARD dann doch erstaun­lich gut gelun­gen: Vom gro­ßen Ope­ning mit den fünf größ­ten Radio­hits des ver­gan­ge­nen Jah­res (Jupi­ter Jones, Fri­da Gold, Andre­as Bou­ra­ni, Tim Bendz­ko und Revol­ver­held – don’t get me star­ted), das noch ein biss­chen unt­erprobt wirk­te, in Zukunft aber funk­tio­nie­ren soll­te, über die ange­nehm kurz gehal­te­nen Zwi­schen­mo­de­ra­tio­nen von Ina Mül­ler und Bar­ba­ra Schö­ne­ber­ger bis hin zu den vie­len, vie­len Auf­trit­ten (Kraft­klub mit Cas­per, Tim Bendz­ko mit Shag­gy!) war das ein kurz­wei­li­ger, bun­ter Abend, der das bes­te aus dem raus­hol­te, was in Deutsch­land als Inven­tar der Unter­hal­tungs­in­dus­trie zur Ver­fü­gung steht. Und ich weiß, wie schwer das ist, ich habe es letz­tes Jahr als Co-Autor der Echo-Ver­lei­hung selbst ver­sucht.

* * *

Heu­te Abend wird der Adolf-Grim­me-Preis ver­lie­hen, die viel­leicht renom­mier­tes­te Aus­zeich­nung, die es in Deutsch­land für Fern­seh­sen­dun­gen gibt. Die Preis­über­ga­be fin­det mit ver­gleichs­wei­se wenig pyro­tech­ni­schem Ein­satz im Stadt­thea­ter Marl statt und die Chan­cen ste­hen hoch, dass Sie noch nie eine der gewür­dig­ten Sen­dun­gen gese­hen haben, weil die­se von den Sen­dern, die sie bestellt und finan­ziert haben, zu absur­des­ten Zei­ten ver­sen­det wur­den, auf dem alten Sen­de­platz des Test­bilds.

Selbst die Grim­me­preis­ver­lei­hung selbst, eher pro­tes­tan­ti­scher Ern­te­dank­got­tes­dienst als katho­li­sches Hoch­amt, wird von 22.25 Uhr bis 23.55 Uhr auf 3sat ver­klappt. Dabei kann man da wenigs­tens immer ein paar Minu­ten Aus­schnit­te aus den hoch­klas­si­gen, zumeist (aber nicht aus­schließ­lich) depri­mie­ren­den Fern­seh­spie­len und Doku­men­ta­tio­nen sehen, die man im Lau­fe des Jah­res so ver­passt hat.

* * *

Es ist also nicht so, dass es in Deutsch­land gar kein gutes Fern­se­hen gäbe, aber man muss danach suchen – und es wird selbst von den öffent­lich-recht­li­chen Sen­dern bewusst ver­hin­dert. Die brei­te Mas­se ist genau­so mut‑, belang- und lieb­los, wie das, was an deut­scher Pop­mu­sik im Radio oder halt beim Echo läuft.

Mal­te Wel­ding hat für die „Ber­li­ner Zei­tung“ eine gro­ße Abrech­nung mit dem deut­schen Fern­se­hen ver­fasst, die auch eine Abrech­nung mit dem gesam­ten Kul­tur­be­trieb, ja eigent­lich der gan­zen Bun­des­re­pu­blik ist.

Hier mal eine der mode­ra­te­ren Pas­sa­gen:

Was Chi­na im Fuß­ball, das ist Deutsch­land in der Unter­hal­tung. Ein Ent­wick­lungs­land. Ein Ent­wick­lungs­land aller­dings, des­sen Unter­hal­tungs­be­am­te sich gebär­den, als hät­ten sie den begeh­ba­ren Klei­der­schrank erfun­den, und das ein Schwei­negeld hat. Da wer­den Film­bäl­le gege­ben, die gera­de durch den Gla­mour­ver­such am Ende doch immer so aus­se­hen wie die Abi­fei­er der Jean-Sans-Terre-Ober­schu­le.

Das deut­sche Fern­se­hen steht so patsch­zu­frie­den im eige­nen Saft, dass es mit gro­ßer Fröh­lich­keit dar­in ersau­fen wird, in der Kar­ne­vals­brü­he aus Küs­ten­wa­chen­wie­der­ho­lun­gen und Seri­en mit Tie­ren in der Haupt­rol­le und Selbst­ver­si­che­rungs­ka­ba­retts­en­dun­gen und Redak­tio­nen nach Par­tei­pro­porz, die Polit­sen­dun­gen simu­lie­ren, und ist die Ren­te sicher und kippt der Euro und stirbt das Land? Ja, das Land stirbt. Vor Lan­ge­wei­le.

Mal­te Wel­ding: Stirbt das Land vor Lan­ge­wei­le?

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Musik

Ein Klavier, ein Klavier!

Vor ein paar Wochen ging ein Video durchs Inter­net, auf dem fünf Men­schen auf einer Gitar­re ein Lied spie­len. Das war kunst­hand­werk­lich recht beein­dru­ckend, aber das Lied war lei­der „Some­bo­dy That I Used To Know“ von Gotye, das sich in mei­ner per­sön­li­chen Gunst inzwi­schen von „mag ich nicht“ zu „has­se ich so sehr, dass ich noch mei­nen Kin­dern und Kin­des­kin­dern mehr­stün­di­ge Lita­nei­en über die Unzu­läng­lich­keit die­ses Mach­werks ange­dei­hen las­sen wer­de“ ver­schlech­tert hat. (Das ist viel­leicht etwas über­trie­ben. Ich will ja auch nicht zu viel Lebens­en­er­gie auf Sachen ver­wen­den, die ich nicht mag – gera­de, wo das Wet­ter gera­de so toll ist. Aber das Radio schal­te ich schon jedes Mal aus, wenn der Song läuft.)

JEDENFALLS: Fünf Leu­te und eine Gitar­re kann ja jeder. Drei Leu­te an einem Flü­gel, das ist doch mal was ande­res!

Enno Bun­ger haben offen­bar die Ben-Folds-Schu­le für Pia­no-Mani­pu­la­ti­on besucht, bevor sie bei „TV noir“ auf­tra­ten, um den Song „Regen“ von ihrem neu­en Album „Wir sind vor­bei“ dort auf­wen­dig zu inter­pre­tie­ren:

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Gut, text­lich ist das Geschmacks­sa­che, aber schon toll, was man mit so einem Instru­ment alles anstel­len kann.

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Digital

Hund, Katze, Maus, Elefant, …

Die Deut­sche Pres­se­agen­tur (dpa) ver­mel­de­te ges­tern, die Schau­spie­le­rin Char­li­ze The­ron habe sich öffent­lich bewun­dernd über das beacht­li­che Gemächt geäu­ßert, das ihr Kol­le­ge Micha­el Fass­ben­der im Film „Shame“ mehr­fach vor lau­fen­der Kame­ra ent­blößt.

Medi­en wie „Welt Online“ ste­hen damit vor einem Pro­blem: Einer­seits müs­sen sie ihre Leser natür­lich über die­sen Vor­gang infor­mie­ren – ande­rer­seits haben sie dann doch nicht die … äh: Eier, die­ses Mit­tei­lungs­be­dürf­nis kon­se­quent umzu­set­zen.

Und so ent­ste­hen dann Über­schrif­ten wie die­se:

Charlize Theron schwärmt von Fassbenders ...

Kann natür­lich auch sein, dass sie bei „Welt Online“ ein­fach Angst hat­ten, wegen einer mög­li­chen fal­schen Ter­mi­no­lo­gie Ärger mit den Sit­ten­wääch­tern von „Mee­dia“ zu bekom­men.
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Musik Digital

Man sollte die guten Kerzen kaufen

Ich kann mit der Band Unhei­lig und ihrer Musik nichts anfan­gen, habe aber einen gewis­sen Respekt davor, wie der soge­nann­te Graf da seit Jah­ren sein Ding durch­zieht und damit inzwi­schen auch gro­ße Erfol­ge fei­ert. Ver­gan­ge­nen Frei­tag erschien das neue Album „Lich­ter der Stadt“, das natür­lich auf Platz 1 der Charts ein­stei­gen wird.

Der Kol­le­ge Sebas­ti­an Dal­kow­ski hat den Gra­fen für „RP Online“ getrof­fen und es ist das groß­ar­tigs­te Inter­view mit dem König des Gothic-Schla­gers, das ich je gele­sen habe.

Gut: Es ist auch das bis­her Ers­te, aber es ist trotz­dem über­ra­schend unter­halt­sam.

Auf Ihren Kon­zer­ten und in Ihren Vide­os sind immer Ker­zen zu sehen. Wo kau­fen Sie die?

Das sind Altar­ker­zen. Mei­ne ers­ten Ker­zen habe ich, da ich aus Aachen kom­me, noch im Ker­zen­la­den am Dom gekauft. Die haben sich natür­lich gefreut, als ich 30 Stück genom­men habe. Die Din­ger sind schließ­lich schwei­ne­teu­er. Damals war es noch rich­tig schwer, so vie­le auf ein­mal zu kau­fen. Heu­te geht das alles übers Inter­net. Als ich mit Unhei­lig ange­fan­gen habe, war Inter­net noch nicht nor­mal. Ich habe 1999 noch dar­über nach­ge­dacht: Solls­te dir die­ses Inter­net anschaf­fen?

Augen auf beim Ker­zen­kauf?

Man soll­te die guten Ker­zen kau­fen. Die Ker­zen wer­den auf Tour oft an- und aus­ge­macht. Und bei schlech­ten Ker­zen wird der Docht dann immer kür­zer und du bekommst sie nicht mehr an. Das ken­nen wir vom Advents­kranz, wenn schon am zwei­ten Advent die Ker­ze vom ers­ten Advent nicht mehr bren­nen will. Da musst du dann das Schwei­zer Taschen­mes­ser raus­ho­len, um den Docht frei­zu­krat­zen.

„Kauft kei­ne schlech­ten Ker­zen!“ bei „RP Online“

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Gesellschaft

Septemberkinder

Eine Jury in New Jer­sey hat ges­tern den 20-jäh­ri­gen Dha­run Ravi für schul­dig befun­den, ein hate crime an sei­nem Mit­be­woh­ner Tyler Cle­men­ti began­gen zu haben. „Spie­gel Online“ beschreibt die Aus­gangs­la­ge so:

Es war der 19. Sep­tem­ber, an dem Cle­men­ti laut Zeu­gen­aus­sa­gen Ravi bat, den gemein­sa­men Raum zu ver­las­sen, er wol­le einen Gast emp­fan­gen. Ravi twit­ter­te: „Mit­be­woh­ner woll­te den Raum bis Mit­ter­nacht haben. Ich bin in Mol­lys (eine Freun­din, Anm. d. Redak­ti­on) Zim­mer gegan­gen und habe mei­ne Web­cam ange­schal­tet. Ich habe gese­hen, wie er mit einem Kerl rum­mach­te. Juhu.“

So fing es an. Am Ende war Cle­men­ti tot.

Die „New York Times“ führt wei­ter aus:

The case was a rare one in which almost none of the facts were in dis­pu­te. Mr. Ravi’s lawy­ers agreed that he had set up a web­cam on his com­pu­ter, and had then gone into a friend’s room and view­ed Mr. Cle­men­ti kis­sing a man he met a few weeks ear­lier on a Web site for gay men. He sent Twit­ter and text mes­sa­ges urging others to watch when Mr. Cle­men­ti invi­ted the man again two nights later, then dele­ted mes­sa­ges after Mr. Cle­men­ti kil­led hims­elf.

That account had been estab­lished by a long trail of elec­tro­nic evi­dence — from Twit­ter feeds and cell­pho­ne records, dor­mi­t­ory sur­veil­lan­ce came­ras, dining hall swi­pe cards and a “net flow” ana­ly­sis show­ing when and how com­pu­ters in the dor­mi­t­ory con­nec­ted.

Die digi­ta­len Bewei­se waren dann wohl auch aus­schlag­ge­bend für die sehr dif­fe­ren­zier­ten Ent­schei­dun­gen der Jury.

Ravis Anwäl­te hat­ten argu­men­tiert, ihr Man­dant sei „ein Kind“, das wenig Erfah­rung mit Homo­se­xua­li­tät habe und in eine Situa­ti­on gera­ten sei, die ihn geängs­tigt habe. In ent­schul­di­gen­den SMS-Nach­rich­ten an Cle­men­ti habe Ravi geschrie­ben, dass er kei­ne Pro­ble­me mit Homo­se­xua­li­tät habe und sogar einen engen Freund habe, der schwul sei.

Die „New York Times“ notiert:

(At almost the exact moment he sent the apo­lo­gy, Mr. Cle­men­ti, 18, com­mit­ted sui­ci­de after pos­ting on Face­book, „jum­ping off the gw bridge sor­ry“).

* * *

Der Selbst­mord von Tyler Cle­men­ti war einer von meh­re­ren im Spätsommer/​Herbst 2010. Min­des­tens neun Schü­ler und Stu­den­ten zwi­schen 13 und 19 Jah­ren glaub­ten, kei­nen ande­ren Aus­weg mehr zu haben, als ihrem Leben ein Ende zu set­zen, weil sie Opfer von Dis­kri­mi­nie­run­gen und Angrif­fen wur­den, nur weil sie schwul waren oder man sie dafür hielt.

Als Reak­ti­on auf die­se Selbst­mor­de wur­de das sehr bewe­gen­de Pro­jekt „It gets bet­ter“ ins Leben beru­fen, bei der Pro­mi­nen­te und Nicht­pro­mi­nen­te, Künst­ler und Poli­ti­ker, TV-Mode­ra­to­ren und Poli­zis­ten homo­se­xu­el­len Jugend­li­chen – ach, eigent­lich allen Jugend­li­chen – Mut mach­ten, dass ihr Leben bes­ser wer­de.

Ste­fan Nig­ge­mei­er hat damals geschrie­ben:

Dem Pro­jekt ist vor­ge­wor­fen wor­den, gefähr­lich unter­am­bi­tio­niert zu sein, weil es nicht auf die Besei­ti­gung der Ursa­chen von Dis­kri­mi­nie­rung zielt, son­dern bloß ihre Opfer zum Über­le­ben auf­for­dert. Die­se Kri­tik ist nach­voll­zieh­bar, aber sie trifft nicht. Zum einen hat Dan Sava­ge recht, wenn er sagt, dass es zunächst ein­mal dar­um geht, akut bedroh­ten Jugend­li­chen unmit­tel­bar Hoff­nung zu geben und auf Ansprech­part­ner hin­zu­wei­sen. Zum ande­ren belas­sen es die Mit­wir­ken­den kei­nes­wegs immer bei dem Ver­spre­chen, dass es nach der Schu­le, nach der Puber­tät, über­haupt in Zukunft schon bes­ser wer­den wird. Vie­le grei­fen, wie Ellen, den Skan­dal an, dass die Dis­kri­mi­nie­rung immer noch zuge­las­sen wird. Dass es ein Kli­ma der Into­le­ranz gibt, das die Ver­höh­nung von Schwu­len zulässt und för­dert.

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Die Chi­ca­go­er Band Rise Against hat einen Song über die „September’s Child­ren“ geschrie­ben, mit dem die Musi­ker auch „It gets bet­ter“ unter­stüt­zen wol­len, und Sie soll­ten sich das Video unbe­dingt in vol­ler Län­ge anse­hen:

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Rise Against – Make It Stop (September’s Child­ren) from LGBTQI Geor­gia on Vimeo.

Die Namen, die Front­mann Tim McIl­rath nennt, sind neben Tyler Cle­men­ti die von Bil­ly Lucas, Har­ri­son Cha­se Brown, Cody J. Bar­ker und Seth Walsh.

Jedes Mal, wenn ich die­ses Video sehe, den­ke ich vor der Mar­ke von 3:05 Minu­ten: „Das kön­nen die nicht wirk­lich so zei­gen“, und dann kommt die­ser Bruch und ich habe jedes ver­damm­te Mal wie­der Gän­se­haut und bin gerührt, auf­ge­wühlt und völ­lig fer­tig. So ein Video hät­te ver­dammt schief gehen kön­nen, aber ich fin­de, es ist der Band und ihrem Regis­seur Marc Klas­feld erstaun­lich gut gelun­gen.

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Im Text heißt es „What God would damn a heart? /​ And what God dro­ve us apart? /​ What God could /​ Make it stop /​ Let this end“, und Reli­gi­on rückt in den USA auch nach Dha­run Ravis Schuld­spruch in den Fokus.

Brent Child­res schreibt im Reli­gi­ons-Blog der „Washing­ton Post“:

The­re are many more Tyler Cle­men­ti tra­ge­dies wai­ting to unfold if we con­ti­nue to clo­se our minds to the harm cau­sed by reli­gious teaching’s bias and inti­mi­da­ti­on toward gay. les­bi­an bise­xu­al and trans­gen­der indi­vi­du­als, espe­ci­al­ly youth and fami­lies.

The sto­ry of Tyler Clementi’s death has been one of the most publi­ci­zed teen sui­ci­des in recent memo­ry. Unfort­u­na­te­ly, a review of media inter­views and print news artic­les over the last 18 months pro­du­ces only a few hints to the role reli­gious tea­ching may have play­ed in Clementi’s emo­tio­nal and psy­cho­lo­gi­cal distress.

Es ist für Euro­pä­er kaum zu ver­ste­hen, was für christ­li­che Split­ter­grup­pen die­se Evan­ge­li­ka­len, Metho­dis­ten, Pres­by­te­ria­ner und Luthe­ra­ner eigent­lich sind, aber ihre Hal­tung zur Homo­se­xua­li­tät lässt die meis­ten deut­schen Kar­di­nä­le wie libe­ra­le Akti­vis­ten aus­se­hen. Und, was noch viel schlim­mer ist, die­se Grup­pie­run­gen wer­den von ihren Mit­glie­dern ernst genom­men:

Grace Church of Rid­ge­wood, New Jer­sey, is the church that Tyler Cle­men­ti atten­ded with his fami­ly. It was not an affir­ming and wel­co­ming place for a young per­son pro­ces­sing a same-sex sexu­al ori­en­ta­ti­on, accor­ding to some pas­tors in that com­mu­ni­ty. The church is a mem­ber of the Wil­low Creek Asso­cia­ti­on, a group of churches hea­ded by Bill Hybels, who as recent­ly as last year said that God desi­gned sexu­al inti­ma­cy to be bet­ween a man and a woman in mar­ria­ge and any­thing out­side of that is sexu­al impu­ri­ty in God’s eyes. The gay youth hears in tho­se words that they are dir­ty, unclean and some­thing for which they should be asha­med. […]

In an Octo­ber 2010 artic­le pos­ted on a church blog at St. Ste­phen Church, [Rev. Clar­ke] Olson-Smith wro­te „In the con­gre­ga­ti­on Tyler grew up in and his par­ents still belong to, the­re was no ques­ti­on. To be gay was to be cut off from God.“

Nach dem Schuld­spruch gab der Fern­seh­pre­di­ger Bill Kel­ler dem CNN-Mode­ra­tor Ander­son Coo­per, Rachel Mad­dow von CNBC, der Mode­ra­to­rin Ellen DeGe­ne­res, den Medi­en und den „fei­gen Pries­tern“ die Schuld am Tod von Tyler Cle­men­ti:

Sui­ci­de is a despe­ra­te and sel­fi­sh act that is ulti­m­ate­ly the sole respon­si­bi­li­ty of the per­son who made the choice to end their life. Ever­yo­ne who com­mits sui­ci­de has reasons that led them to make such a hor­ri­ble decis­i­on. The fact is, sui­ci­de is expo­nen­ti­al­ly hig­her among­st tho­se who choo­se the homo­se­xu­al life­style, and while tho­se in the media want to bla­me peo­p­le like mys­elf who take a Bibli­cal stand on this issue, the fact is, they are the ones most respon­si­ble!

So ein­fach kann man sich das machen: Nicht die Atmo­sphä­re voll Hass und Ableh­nung ist schuld, in der jun­ge Homo­se­xu­el­le auf­wach­sen müs­sen, natür­lich sowie­so nicht die­je­ni­gen, die sich auf die Bibel beru­fen, son­dern die, die sagen, dass es völ­lig okay sei, Men­schen des sel­ben Geschlecht zu lie­ben!

Ich habe die Hoff­nung, dass Hass­pre­di­ger wie Kel­ler der­einst mit einem „Sor­ry, Du hast da was wahn­sin­nig miss­ver­stan­den“ an der Him­mels­pfor­te abge­wie­sen wer­den.

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Kin­der und Jugend­li­che waren immer schon grau­sam zuein­an­der, aber die heu­ti­gen tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten bie­ten denen, die sich über ande­re erhe­ben wol­len, ganz neue Ver­brei­tungs­we­ge und viel grö­ße­re Ziel­grup­pen – und letzt­lich ahmen die Jun­gen vor allem nach, was ihnen die Alten in der Gesell­schaft vor­le­ben. Es gibt unter­schied­li­che Mei­nun­gen, ob es eine gute Idee war, Ravi eines hate cri­mes für schul­dig zu befin­den, also einer aus Vor­ur­tei­len began­ge­nen Straf­tat, oder ob sich die Jury nicht auf die ande­ren Ankla­ge­punk­te hät­te beschrän­ken sol­len.

Der Jura-Pro­fes­sor Paul But­ler schreibt bei CNN.com:

Ravi did not invent homo­pho­bia, but he is being scape­goa­ted for it. Bias against gay peo­p­le is, sad­ly, embedded in Ame­ri­can cul­tu­re. Until last year peo­p­le were being kicked out of the mili­ta­ry becau­se they were homo­se­xu­als. None of the four lea­ding pre­si­den­ti­al can­di­da­tes – Pre­si­dent Oba­ma, Mitt Rom­ney, Rick San­torum, Newt Ging­rich – thinks that gay peo­p­le should be allo­wed to get mar­ried. A bet­ter way to honor the life of Cle­men­ti would be for ever­yo­ne to get off their high hor­se about a 20-year-old kid and ins­tead think about how we can pro­mo­te civil rights in our own lives.

Though a natio­nal con­ver­sa­ti­on about civi­li­ty and respect would have been bet­ter, as usu­al for social pro­blems, we loo­ked to the cri­mi­nal jus­ti­ce sys­tem. The United Sta­tes inc­ar­ce­ra­tes more of its citi­zens than any coun­try in the world. We are an extra­or­di­na­ri­ly puni­ti­ve peo­p­le.

Cle­men­ti died for America’s sins. And now, Ravi faces years in pri­son for the same reason.

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Nach dem Schuld­spruch wand­te sich Tyler Cle­men­tis Vater Joe mit einer Bot­schaft an die Öffent­lich­keit:

To our col­lege, high school and even midd­le-school youngs­ters, I would say this: You’­re going to meet a lot of peo­p­le in your life­time. Some of the­se peo­p­le you may not like. But just becau­se you don’t like them, does not mean you have to work against them. When you see some­bo­dy doing some­thing wrong, tell them, „That’s not right. Stop it.“

You can make the world a bet­ter place. The chan­ge you want to see in the world beg­ins with you.

Es könn­te bes­ser wer­den. Es muss!

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Der Druck steigt

So wie es aus­sieht, wird es mor­gen in Bochum zu Groß­de­mons­tra­tio­nen mit mehr als 30.000 Teil­neh­mern kom­men – und das liegt aus­nahms­wei­se nicht dar­an, dass mal wie­der irgend­ei­ne Pro­duk­ti­ons­stät­te geschlos­sen wer­den soll. Der tür­ki­sche Minis­ter­prä­si­dent Recep Tayyip Erdo­gan soll in der Bochu­mer Jahr­hun­dert­hal­le aus den Hän­den von Ex-Bun­des­kanz­ler Ger­hard Schrö­der den soge­nann­ten „Stei­ger Award“ in der Kate­go­rie „Euro­pa“ erhal­ten, „auch als deut­li­ches Zei­chen für geleb­te deutsch-tür­ki­sche Freund­schaft“.

Nun könn­te man ein­wen­den, ein Minis­ter­prä­si­dent, der die Tür­ken in Deutsch­land vor Assi­mi­la­ti­on warnt und den Völ­ker­mord der Tür­ken an den Arme­ni­ern abstrei­tet, des­sen Regie­rung die Pres­se­frei­heit nicht son­der­lich ernst nimmt und des­sen Land unbe­que­me Jour­na­lis­ten ein­sperrt, so ein Minis­ter­prä­si­dent soll­te viel­leicht bes­ser kei­nen Preis bekom­men, da könn­te man ja auch gleich Bushi­do mit einem Inte­gra­ti­ons­preis aus­zeich­nen. Aber las­sen Sie mich erst mal zu dem Preis selbst kom­men.

In Deutsch­land wer­den vie­le merk­wür­di­ge Prei­se ver­lie­hen, von den meis­ten bekommt man aller­dings nichts mit. Auch der „Stei­ger Award“ war bis­her vor allem sei­nem Ver­an­stal­ter, den loka­len Per­sön­lich­kei­ten, die zur Ver­lei­hung ein­ge­la­den wer­den, und den Mana­gern der Preis­trä­ger ein Begriff.

Der Ver­an­stal­ter beschreibt sein Anlie­gen so:

Der Stei­ger Award ist ent­stan­den aus Pri­vat­in­itia­ti­ve und dem Wunsch der kul­tu­rel­len, sozia­len und gesell­schaft­li­chen För­de­rung der Regi­on.

Das Ruhr­ge­biet in der Mit­te Euro­pas soll­te stär­ker in den Fokus rücken. Der Stei­ger Award ist Preis und Phi­lo­so­phie zugleich. Wir ehren Per­sön­lich­kei­ten, die sich durch Gerad­li­nig­keit, Offen­heit, Mensch­lich­keit und Tole­ranz aus­zeich­nen.
Der Begriff „Stei­ger“ stammt aus dem Berg­bau und dient als Syn­onym für die Gerad­li­nig­keit und Offen­heit der Berg­leu­te, der soge­nann­ten „Stei­ger“. Jähr­lich ent­schei­det eine Jury dar­über, wer die Aus­zeich­nung in den Berei­chen Film, Musik, Kunst, Sport, Cha­ri­ty, Umwelt, Tole­ranz und für sein Enga­ge­ment zur Eini­gung Euro­pas erhält.

Der Ver­an­stal­ter, das ist Sascha Hel­len, ein Mann Mit­te 30, der das soge­nann­te Netz­wer­ken zu sei­nem Beruf gemacht hat. Anders als Cars­ten Maschmey­er, der aktu­ell in „Bild“ erklärt, wie man Kon­tak­te knüpft und nutzt, hat Hel­len nichts mit dem Ver­kauf dubio­sen Finanz­dienst­leis­tun­gen zu tun, denn er ver­kauft: nichts. Er ver­mit­telt Red­ner, orga­ni­siert Ver­an­stal­tun­gen und sorgt so dafür, dass sich irgend­wel­che Leu­te und Ver­ei­ne mit zu viel Geld im Licht von berühm­ten Leu­ten son­nen kön­nen, die auch schon sehr viel Geld haben, jetzt aber noch mehr, weil Hel­len sie an die­se Leu­te und Ver­ei­ne ver­mit­telt. Es ist eine Win-Win-Situa­ti­on, die nie­man­dem weh tut, mit­tel­g­la­mou­rö­se Fotos für die Lokal­zei­tun­gen ab- und nur ganz am Ran­de die Fra­ge auf­wirft, zu was für absur­den Aus­wüch­sen so eine Mensch­heit eigent­lich in der Lage ist.

Nun pas­sen das Ruhr­ge­biet und Gla­mour-Ver­an­stal­tun­gen für die Obe­ren Zehn­tau­send eher nicht zusam­men, aber man kann natür­lich mal ver­su­chen, ob man den Leu­ten hier ihre gene­rel­le Skep­sis gegen­über allem, was sie nicht ken­nen, nicht ein biss­chen aberzie­hen kann. Die Ober­bür­ger­meis­te­rin hält den „Stei­ger Award“ dann auch aus uner­find­li­chen Grün­den für ein Pres­ti­ge­pro­jekt, das wich­tig für das Anse­hen Bochums sei – ganz so, als ob sich Shi­mon Peres, Bob Geldof oder Chris­to­pher Lee mer­ken könn­ten, ob sie einen die­ser merk­wür­di­gen deut­schen Prei­se auf ihrem Kamin­sims jetzt in Bochum oder in Offen­burg in Emp­fang genom­men haben.

Ver­gan­ge­nes Jahr woll­te Hel­len den Bochu­mern einen Abend mit Josef Acker­mann schen­ken – aus­ge­rech­net im Bochu­mer Schau­spiel­haus, das sich tra­di­tio­nell eher den Arbei­tern als irgend­wel­chen Bank­di­rek­to­ren ver­pflich­tet fühlt. Der frü­he­re Inten­dant des Hau­ses, Frank-Patrick Ste­ckel, pro­tes­tier­te öffent­lich dage­gen und irgend­wann sag­te Acker­mann schließ­lich ent­nervt ab. Ober­bür­ger­meis­te­rin Otti­lie Scholz ver­öf­fent­lich­te eine gemein­sa­me Erklä­rung mit Ver­an­stal­ter Sascha Hel­len, in der sie sich „in aller Form für die unwür­di­ge Dis­kus­si­on“ ent­schul­dig­te.

Jetzt also soll Recep Tayyip Erdo­gan den „Stei­ger Award“ bekom­men und unter Umstän­den könn­te man den Quatsch­preis Quatsch­preis sei­en las­sen, wenn die Schirm­her­rin der Ver­an­stal­tung nicht gera­de Ober­bür­ger­meis­te­rin Scholz wäre. Ver­tre­ter der Lan­des­re­gie­rung haben ihre Teil­nah­me inzwi­schen aus ver­schie­de­nen Grün­den (Bun­des­prä­si­den­ten­wahl, ande­re Ter­mi­ne) abge­sagt. Von Ger­hard Schrö­der ist eh kein Anstand zu erwar­ten, der hät­te letz­tes Jahr schon den eben­so schwach­sin­ni­gen Qua­dri­ga-Preis an Wla­di­mir Putin über­rei­chen sol­len, wenn die Ver­an­stal­tung nicht nach har­scher Kri­tik und einem Aus­stieg des Preis­ko­mi­tees abge­sagt wor­den wäre.

Die Kri­tik, die zunächst eher regio­nal zu hören war, ist inzwi­schen bei den natio­na­len Nach­rich­ten­agen­tu­ren ange­kom­men: dpa, AFP und Reu­ters berich­ten über Ralph Giord­a­no, den Deut­schen Jour­na­lis­ten­ver­band und CSU-Gene­ral­se­kre­tär Alex­an­der Dob­rindt, die die Preis­ver­lei­hung an Erdo­gan kri­ti­siert haben (zuge­ge­be­ner­ma­ßen nicht die seriö­ses­ten Kri­ti­ker, die ich mir vor­stel­len könn­te), ges­tern erschien auch bei „Spie­gel Online“ ein Arti­kel zu dem The­ma.

Die Ver­an­stal­ter mel­den sich seit Tagen mit immer staats­tra­gen­de­ren Beschwich­ti­gungs­schrei­ben zu Wort, in denen sie erklä­ren, die Aus­zeich­nung sei „aus­drück­lich kei­ne Bewer­tung der innen- und außen­po­li­ti­schen Akti­vi­tä­ten des tür­ki­schen Minis­ter­prä­si­den­ten“, der Preis sei „stell­ver­tre­tend für 50 Jah­re deutsch-tür­ki­sche Freund­schaft“ gemeint und die Aus­ein­an­der­set­zung mit Erdo­gans Poli­tik sol­le „durch einen kri­ti­schen Dis­kurs erfol­gen, nicht durch Aus­gren­zung“. Dass der Pro­test sol­che Dimen­sio­nen anneh­me, damit habe er nicht gerech­net, sag­te Hel­len der „WAZ“.

Eine Per­son hat sich zu dem gan­zen Dilem­ma noch gar nicht geäu­ßert: Ober­bür­ger­meis­te­rin Dr. Otti­lie Scholz, die Schirm­her­rin des „Stei­ger Awards“. Ver­mut­lich wird sie sich erst mor­gen zu Wort mel­den, wenn sie sich bei Erdo­gan in aller Form ent­schul­digt.

Nach­trag, 17. März: Minis­ter­prä­si­dent Erdo­gan hat sei­ne Teil­nah­me am „Stei­ger Award“ abge­sagt. „Als Grund wur­de der Absturz eines tür­ki­schen Mili­tär­hub­schrau­bers in Afgha­ni­stan mit 17 Todes­op­fern genannt“, wie Reu­ters schreibt.

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Liebe ist …

… über die eige­ne Part­ne­rin zu schrei­ben, es sei „schon sehr beängs­ti­gend“ gewe­sen, „nicht zu wis­sen, wie die Leu­te und die Medi­en reagie­ren“, wenn man sich mit ihr „als Paar outen“ wür­de.