Woanders is’ auch scheiße

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 30. Januar 2012 2:00

Wenn ich Menschen aus dem Ausland erklären soll, wo ich herkomme, höre ich mich immer noch viel zu oft mit “near Cologne” antworten. Bei den meisten Amerikanern kann man ja froh sein, wenn sie davon mal gehört haben. Briten hingegen kennen, so sie denn minimal fußballinteressiert sind, natürlich Dortmund und Schalke, manchmal sogar Bochum. Die “Ruhr Area” allerdings ist eher was für Leute, die im Erdkundeunterricht gut aufgepasst haben, aber so würden eh nur die Wenigsten über ihre Heimat sprechen.

Bergbaumuseum Bochum

Das Verhältnis der “Ruhris” zum Ruhrgebiet ist ein zutiefst ambivalentes: Eine unheilvolle Mischung aus Lokalpatriotismus und Selbstverachtung, aus Stolz und Skepsis, Traditionsbewusstsein und Wurzellosigkeit führt dazu, dass sich im fünftgrößten Ballungsraum Europas niemand zuhause fühlt. Ein Zusammengehörigkeitsgefühl entsteht erst ganz langsam, Jahrzehnte nach der Blütezeit der Ruhrindustrie und auch recht widerwillig.

Konrad Lischka und Frank Patalong stammen auch aus dem Ruhrgebiet. Lischka ist 32 und in Essen aufgewachsen, Ptalaong 48 und aus Duisburg-Walsum. Heute arbeiten beide bei “Spiegel Online” in Hamburg, aber sie haben ein Buch geschrieben über die “wunderbare Welt des Ruhrpotts”: “Dat Schönste am Wein is dat Pilsken danach”.

Der Altersunterschied der beiden und ihre unterschiedliche Herkunft (Lischka kam mit seinen Eltern aus Polen ins Ruhrgebiet, Patalong ist Kind einer Arbeiterfamilie) machen den besonderen Reiz des Buches aus, denn ihre Hintergründe sind gerade unterschiedlich genug, um fast das ganze Ruhrgebiet an sich zu charakterisieren. Lischka ist (wie ich auch) ohne nennenswerte Schwerindustrie vor Augen aufgewachsen, bei Patalong konnte man die Wäsche traditionell nicht draußen trocknen lassen, weil sie dann schwarz geworden wäre. Sie beschreiben eine Region, die binnen kürzester Zeit von Menschen aus halb Europa besiedelt wurde, die jetzt alle in ihren eilig hochgezogenen Siedlungen hocken und feststellen, dass die Goldgräberzeit lange vorbei ist. Für die meisten endet die Welt immer noch an der Stadtteilgrenze, wofür Lischka das wunderschöne Wort “Lokalstpatriotismus” ersonnen hat. Entschuldigung, ich komm aus Eppinghoven, was soll ich da mit jemandem aus Hiesfeld?1

Das Buch ist geprägt von der so typischen Hassliebe der Ruhrgebietseinwohner zu ihrer … nun ja: Heimat, zusammengefasst im Ausspruch “Woanders is’ auch scheiße”. Menschen, die sich gottweißwas darauf einbilden, aus einer bestimmten Stadt zu stammen oder dort wenigstens “angekommen” zu sein, findet man vielleicht in Düsseldorf, München oder Hamburg, aber nicht im Ruhrgebiet. Wir sind nur froh, wenn man uns nicht mit Dingen wie einem “Kulturhauptstadtjahr” behelligt, und packen alle Möchtegern-Hipster mit Röhrenjeans, asymetrischem Haarschnitt und Jutebeutel in den nächsten ICE nach Berlin. Hier bitte keine Szene, hier bitte überhaupt nichts, Danke!2

Emschermündung bei Dinslaken

Ich fürchte, dass das Buch für Menschen, die keinerlei Verbindung zum Ruhrgebiet haben, deshalb in etwa so interessant ist wie eines über das Paarungsverhalten peruanischer Waldameisen. Es muss von einer völlig fremden Welt erzählen, in der Kinder auf qualmende Abraumhalden klettern, die Leute eine Art Blutpudding essen, der Panhas heißt, und in der eine Sprache gesprochen wird, die im Rest der Republik einfach als “falsches Deutsch” durchgeht.

Aber wer von hier “wech kommt”, der wird an vielen Stellen “ja, genau!” rufen — oder sich wundern, dass er die Gegend, in der er aufgewachsen ist, so ganz anders wahrgenommen hat, denn auch das ist typisch Ruhrgebiet. Frank Patalong erklärt an einer Stelle, welcher Ort im Ruhrgebiet bei ihm immer ein Gefühl von Nachhausekommen auslöst, und obwohl ich da noch nie drüber nachgedacht habe, bin ich in diesem Moment voll bei ihm: Auf der Berliner Brücke, der “Nord-Süd-Achse”, auf der die A 59 die Ruhr, den Rhein-Herne-Kanal und den Duisburger Hafen überspannt. Wenn wir früher aus dem Holland-Urlaub kamen, war dies der Ort, an dem wir wussten, dass wir bald wieder zuhause sind, und auch heute ist das auf dem Weg von Bochum nach Dinslaken der Punkt, wo ich meine Erwachsenenwelt des Ruhrgebiets verlasse und in die Kindheitswelt des Niederrheins zurückkehre.

Lischka und Patalong verklären nichts, sie sind mitunter für meinen Geschmack ein bisschen zu kritisch mit ihrer alten Heimat, aber dabei sprechen sie Punkte an, die mir als immer noch hier Lebendem in der Form wohl nie aufgefallen wären. Zum Beispiel das ständige Schimpfen auf “die da oben”, das bei den hiesigen Lokalpolitikern leider zu mindestens 80% berechtigt ist, das aber auch zu einer gewissen Kultur- und Intellektuellenfeindlichkeit geführt hat. Die Zeiten, in denen man sich als Arbeiterkind in seiner alten Umgebung rechtfertigen musste, weil man zur Uni ging, dürften vorbei sein, aber ein Blick in die Kommentare unter einem beliebigen Artikel beim Lokalrumpelportal “Der Westen” zeigt, dass Museen, Bibliotheken oder Theater zumindest für einige Einwohner des Ruhrgebiets immer noch “überflüssiger Schnickschnack” sind.

Graffito an der S-Bahn-Station Bochum-Ehrenfeld

Und während ich darüber nachdenke, dass die Arbeiter in Liverpool, Detroit oder New Jersey irgendwie sehr viel mehr für ihren Stolz berühmt sind und dann teilweise auch noch Bruce Springsteen haben, fällt mir auf, dass ich zumindest selbst natürlich wahnsinnig stolz bin auf diese Gegend. Ja, das, was an unseren Städten mal schön war, ist seit Weltkrieg und Wiederaufbau überwiegend weg, aber wir haben wahnsinnig viel Grün in den Städten3, ein schönes Umland und das beste Bier. Genau genommen isses hier gar nicht scheiße, sondern eigentlich nur woanders.

Und selbst wenn wir Ruhris innerlich ziemlich zerrissene Charaktere sind, die in ihren hässlichen Kleinstädten unterschiedlicher Größe stehen und gucken, wie aus den Ruinen unserer goldenen Vergangenheit irgendetwas neues entsteht: Es tut gut zu sehen, dass wir dabei nicht alleine sind. Willkommen im Pott!

Konrad Lischka & Frank Patalong – Dat Schönste am Wein is dat Pilsken danach
Bastei Lübbe, 271 Seiten
16,99 Euro.

  1. Beides sind Stadtteile von Dinslaken, was schon in Köln keiner mehr kennt. []
  2. Verzeihung, ich bin da etwas vom Thema abgekommen. Aber ich wohne in einem sogenannten “Szeneviertel” und werde da schnell emotional. []
  3. Im Buch verweist Lischka auf das sogenannte “Pantoffelgrün”, ein Wort, das außer ihm und dem Pressesprecher der Stadt Dinslaken glaube ich nie jemand verwendet hat. []

20 Kommentare

  1. gerrit
    30. Januar 2012, 2:43

    Wir haben Freunde in DU-Meiderich, für mich hätte die Brücke “Meidericher Brücke” geheissen. Wieder eine Bildungslücke geschlossen. Apropos Bildungslücke: minus s im das in der 3. Fussnote. Gern geschehen.

  2. Johannes
    30. Januar 2012, 7:35

    Ich als Immigrant aus dem patriotisch-stolzen Süden dieses Landes würde mir wünschen, dass die Menschen hier im Pott ab und zu mal ein bisschen mehr Selbstbewusstsein zeigen würden, nicht immer nur dieses vor melancholischer Lakonie triefende “Woanders is auch scheiße”…

    Habe ich vor einiger Zeit auch mal bei mir im Blog beschrieben: http://www.entdeckte-wirklichk.....im-westen/

  3. Matze
    30. Januar 2012, 8:26

    … und spätestens jetzt möchte ich (am rande des ruhrgebiets aufgewachsen) doch wieder zurück in die heimat.

    da ich mich über texte von herrn lischka auf spiegel online regelmäßig aufrege, glaube ich zwar nicht, dass das buch mir gefällt, so, wie es hier beschrieben ist, werde ich vielleicht trotzdem mal reinschauen – denn genau dieses ambivalente verhältnis zum pott habe ich auch: ich mag die direktheit der leute, sie ist mir aber auch schnell zu viel.

    vielleicht reicht es mir aber auch, diesen text hier gelesen zu haben.

  4. Alberto Green
    30. Januar 2012, 9:50

    Ihr nennt euch Ruhris?

  5. Paule
    30. Januar 2012, 14:21

    Also ich sach immer: Ich komm ausm Pott. Kennen in Berlin dann doch recht viele, vor allem die ganzen ausgesiedelten Hipsters! ;)
    Und wenn das nicht bekannt ist, helf ich mir mit “So ‘ne Weltstadt in der Nähe von Köln.”.
    Läuft.

  6. derwaechter
    30. Januar 2012, 15:05

    @Lukas. Ich verstehe nicht auf was Du da wahnsinnig Stolz sein kannst. Grün und Umland sind doch Pseudoargumente mit denen man sich die meisten hässlichen Städte schön zu reden versucht. Das Ruhrgebiet mag einen gewissen Charme haben ist und bleibt aber potthässlich.

    Und ich kann nicht erkennen warum das Umland schöner sein soll als z.B. um HH, Frankfurt oder München.

    Und das Bier wird ja Gott sei Dank auch exportiert.

    @ Matze: Also ich als ebenfalls am Rande des Ruhrgebiets aufgewachsener bin auch nach diesem Artikel froh nicht dort wohnen zu müssen.

  7. Lukas Heinser
    30. Januar 2012, 17:17

    Ich mag die bodenständige und gradlinige Art der Menschen hier und den kaputten Charme der Städte. Das mag es auch alles in anderen Regionen geben, aber das sind eben meine Menschen und meine Städte.

  8. janosch
    30. Januar 2012, 18:23

    Ihr wolltet nicht Kulturhauptstadt sein? Görlitz haette sich sehr drueber gefreut, glaube ich…

  9. Tim
    30. Januar 2012, 23:18

    Als überzeugter Oberhausener, der im Münchener Exil wohnt, werde ich mir das Buch sicherlich zulegen. Wenn ich früher von Berlin (wo ich vor München gewohnt habe) in den Pott gefahren bin, gibt es dort eine Stelle, wo die A2 ziemlich abschüssig ist und man in der Ferne einen guten Blick auf einen Förderturm (fragt mich jetzt nicht, welcher genau) hat. Das war immer mein Moment, wenn ich wusste, wieder daheim zu sein.

  10. Markus
    31. Januar 2012, 10:07

    Schöner Text. Trifft alles genau.

    Empfehlen kann ich übrigens zu dem Thema auch das Buch “Komma lecker bei mich bei” von Hennes Bender.

  11. derwaechter
    31. Januar 2012, 10:14

    @ Lukas
    Genau! Das ist nämlich das was das Ruhrgebiet ausmacht und nicht das bisschen Grün und das (mal ehrlich eher langweilige) Umland.

    Ich für meinen Teil habe gemerkt, dass ich auf Dauer unkaputten Charme, richtiges Grün (Wald und Berge)und weniger Proletentum lieber mag und bin glücklich weggezogen. Aber das ist natürlich Geschmackssache.

  12. DaW
    31. Januar 2012, 22:10

    Erklärt mich für verrückt, aber ich würde das Ruhrgebiet echt gern mal für eine Woche bereisen. Ich war bisher immer nur tageweise dort und immer nur in einzelnen Städten und habe das Gefühl, vieles verpasst zu haben. Beim “Tram Hopping” bin ich durch Zufall nach Duisburg-Marxloh gekommen, und ich fand es – nun halten mich sicher alle für verrückt – cool!

    Selbst die beschriebene Mentalität finde ich eigentlich sehr viel sympathischer als das Berliner “Wir sind Hauptstadt, Ihr seid NICHTS”-Getue. Zu eben dieser meiner Geburtsstadt habe ich ein ähnlich ambivalentes Verhältnis: Es ist die Stadt, in die ich meine Kindheit verbracht habe, mit der ich viele schöne Erinnerungen verbinde, aber die ich eben auch für eben jene Arroganz hasse (und inzwischen auch für ihre weiten Wege).

    Dabei ist ganz spannend, wer diese Arroganz verbreitet:
    1. Gebürtige Berliner, die noch nie länger als zwei Wochen außerhalb der Stadt verweilt haben, aber genau wissen, dass man WOANDERS nicht leben kann.
    2. Zugezogene, die loben, wie total individuell es sich hier leben lässt, aber nicht merken, dass sich in dieser Individualität alle gleichen.

    Das Schimpfen auf “Die da oben” ist aber keine Besonderheit des Ruhrgebiets. Bei tagesspiegel.de sprach neulich ein Nutzer unter einem Artikel zu “Gottschalk Live” von Gottschalk als “Showmaster einer degenerierten Elite” (allein den Begriff muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen!) und hat dafür auch noch Beifall bekommen.

    Aber gerade die beschriebene Ruhrgebiets-Mentalität, das Selbstmitleid, scheint auch zu einen. An meinem Duisburg-Tag begab sich folgendes: ein Blaumannträger blockierte die Lichtschranke der Straßenbahntür, damit ein heranrennender Schwarzer noch einsteigen konnte. Eigentlich ist es ziemlich traurig, dass mir das überhaupt auffiel – aber in Berlin könnte ich mir das nicht vorstellen.

    Übrigens gibt es im Süden Polens eine kleine Schwester des Ruhrgebiets, das Oberschlesische Industrierevier um Kattowitz. Zumindest, wenn man sich für Stadt-, Architektur- und Industriegeschichte interessiert, ist es ein ziemlich spannendes Reiseziel mit starken Gegensätzen (arm/reich, alt/neu usw.).

  13. Chris
    31. Januar 2012, 22:10

    Oh Gott, Ruhrpöttler…Westfalen…der natürliche Erzfeind des Rheinländers. “Hätzlischkeit” is zwo keen Pappnass im Jesisch, ävar immer nu besser wenn et direk anzosehe is! Dät soch isch dir! :)

  14. Links anne Ruhr (01.02.2012) » Pottblog
    1. Februar 2012, 5:43

    [...] Woanders is’ auch scheiße (Coffee And TV) – Zum Buch Die wunderbare Welt des Ruhrpotts – Dat schönste am Wein is dat Pilsken danach von Konrad Lischka und Frank Patalong. [...]

  15. gebimmel
    1. Februar 2012, 16:07

    nun ja..nicht jeder kann in berlin oder hamburg wohnen. die menschen des potts haben vorzüge, die man schätzen mag oder eben auch nicht. ich bin nach 5 jahren wien froh, wieder da zu sein.

  16. Guybrush
    1. Februar 2012, 18:29

    Vielleicht eine Geschenkidee für meinen Vater (aus Datteln). Ich als in Berlin geborener aber zwecks Verwandsschaft dem Pott verbunden, finde in der Mentalität ist der Ruhrpottler dem Berliner nicht fern.

    Das größte Kompliment eines Berliners ist ja auch: Kann man wirklich nicht meckern.

  17. jensen
    1. Februar 2012, 23:35

    Eine schönere Rezension kann sich ein Buch ja kaum wünschen.

  18. Links fürs Wochenende
    4. Februar 2012, 8:58

    [...] Woanders is’ auch scheiße [...]

  19. Andi
    5. Februar 2012, 14:32

    @Tim: Ich glaube, der Förderturm gehört zur Zeche Ewald in Herten. Mir ging es ähnlich, wenn ich am Wochenende von Paderborn zurück nach Dinslaken gefahren bin.
    Ansonsten ein sehr schöner Text zum Ruhrgebiet. Vielleicht passt hier ein Zitat eines anderen Ruhrpottlers, Herbert Grönemeyer: “Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl!”

  20. Der Druck steigt – Coffee And TV
    16. März 2012, 19:09

    [...] passen das Ruhrgebiet und Glamour-Veranstaltungen für die Oberen Zehntausend eher nicht zusammen, aber man kann [...]

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