Man kennt das: Da möchte man in großer Runde auf eines der sommerlichen Musikfestivals fahren und dann zerstreitet sich kurz vorher die Gruppe, es wird jemand krank oder schwanger, das Wetter ist so scheiße wie befürchtet oder es passiert sonst irgendetwas Dummes.
In jedem Fall sitzt man am Ende auf viel zu viel Dosenbier, das man so alleine und in einer normalen, zivilen Umgebung auch nicht konsumieren mag, und packt es erst einmal in den Keller, wo es dem Haltbarkeitsdatum entgegengammelt. Ein Jahr später entdeckt man neben einer leeren (oder drei vollen) Gaskartuschen und leicht angeschimmeltem Campinggeschirr die abgelaufenen Bierdosen, darauf kein Pfand. Was nun?
Mit elf Jahren stand ich auf dem Neutorplatz in Dinslaken und hielt einem älteren Herren einen Kugelschreiber unter die Nase. Der Mann hieß Heiner Geißler und ich wusste, dass er Politiker und irgendwie berühmt war, also wollte ich seine Unterschrift haben. Meine Autogrammsammlung umfasste anschließend vier Exponate: Geißler, Willy Brandt (damals schon tot, von einem Kollegen meines Vaters geschenkt bekommen), Franz Beckenbauer (den mein Großvater gegen Unterschrift auf dem Golfplatz hatte vorbeiziehen lassen) und Klaus Staeck. Ich war in meinem Leben öfter auf Autorenlesungen und Ausstellungseröffnungen gewesen als im Stadion – und das niemals gegen meinen Willen. Man muss viel Liebe aufwenden, um das irgendwie als „niedlich“ betrachten zu können. „Cool“ war es im Leben nicht.
Als ich 16 Jahre alt war, lief in den Kinos „American Pie“ an. Ich ging alleine ins Kino (meine Freunde hatten den Film schon alle gesehen) und fand den Film maximal halblustig. Am lautesten (und einsamsten) gelacht habe ich, als in der Szene, in der Stifler’s Mom Finch verführte, „Mrs. Robinson“ erklang – dabei hatte ich die „Reifeprüfung“ damals noch nie gesehen, sondern nur darüber gelesen. Der Soundtrack zu „American Pie“ wurde trotzdem zum Soundtrack meiner Jugend: Ich glaube, fast jeder dieser 13 Songs der ersten elf Songs ist auf mindestens einem Mixtape gelandet. Es handelte sich dabei, so erfuhr ich, überwiegend um sogenannten Fun-Punk, der nach Sommer, Sonne, Skateboards und Schwachsinntreiben klang. Eine der dort vertretenen Bands hieß Blink-182.
Ich hatte „Enema Of The State“, das Durchbruchsalbum von Blink-182 in Deutschland, nie selbst auf CD, aber die Hits kannte ich, sogar mit den dazugehörigen Videos. Zum Beispiel das, in dem die Bandmitglieder nackt durch die Straßen einer amerikanischen Stadt liefen. Mit 16 fand ich das peinlich und pubertär. „All The Small Things“ hingegen, wovon auch immer es handeln sollte, fand ich toll. Wir haben es sogar mal mit unserer „Punkband“ „gecovert“. 1
Am Nachfolgealbum „Take Off Your Pants And Jacket“ störte mich schon der Titel (pubertär!), während mein damals 12jähriger Bruder das Album rauf und runter laufen ließ. Spannend fand ich die Band erst wieder, als sie für ihr selbstbetiteltes Album mit Robert Smith (kredibel!) zusammenarbeitete. 2
Nach „Blink-182“, das ich über die Jahre richtig lieb gewonnen hatte, war lange erst mal Schluss mit der Band: Tom DeLonge machte mit Angels & Airwaves weiter, Mark Hoppus und Travis Barker mit +44 – beides gute Bands, aber trotz meiner eigentlich gar nicht so engen Beziehung zu Blink nicht das selbe.
Inzwischen habe ich meine Pubertät nachgeholt, habe bedeutend mehr Rockmusiker- als Politikerautogramme und bin mir für kaum einen Pimmelwitz zu schade. Und weil die Popkultur beruhigenderweise in Zyklen verläuft, kommen alle die, die es damals nicht wirklich zu den Helden meiner Jugend geschafft haben, jetzt noch einmal vorbei, damit wir uns gemeinsam (noch mal) jung fühlen können: Im April war ich auf einem Konzert, auf dem Andrew W.K. (den ich mit 18 total doof fand) sein grandioses Partyepos „I Get Wet“ zur Aufführung brachte, eine Woche später lief „American Pie – Das Klassentreffen“ in den deutschen Kinos an, auf den ich mich tatsächlich mehr gefreut hatte als auf mein eigenes zehnjähriges Abiturtreffen. 3
Und am Montag dann endlich Blink-182. Deren Comebackalbum „Neighborhoods“ hatte ich zwar maximal drei Mal gehört, aber darum ging es ja gar nicht, sondern um die Songs von früher. Die Essener Grugahalle, berüchtigt für ihre spezielle Atmosphäre, war gut gefüllt mit Menschen Mitte, Ende Zwanzig, nur wenige waren jünger – das dann aber gleich gründlich. So viele T‑Shirts der auftretenden Band sieht man vermutlich sonst nur bei den Toten Hosen. Die beiden Vorgruppen (Royal Republic und The All American Rejects) wurden freundlich empfangen, aber es war klar, weswegen alle hier waren: Blink-182.
Als die dann mit „Feeling This“ loslegten, war die Stimmung sofort auf dem Siedepunkt, wie man als Lokaljournalist schreiben würde. Es war wie damals in den Jugendzentren und Partykellern – oder, in meinem Fall: so, wie ich annehme, dass es damals in den Jugendzentren und Partykellern war. Die an ein öffentliches Schwimmbad gemahnende Architektur der Grugahalle verschwand hinter den glücklichen, verschwitzten Gesichtern wild durch die Gegend hüpfender junger (ja: junger!) Menschen.
Und dann: „All The Small Things“. Mit den Freunden einen Kreis bilden und hüpfen. Hüpfen, bis man das Gefühl hat, in der Luft stehen zu bleiben. Die Welt und mit ihr die Halle mit den Tausenden Menschen darin, der Bühne und der Band, drehen sich weiter, doch dieser Moment hier ist jetzt und für immer. Nana nana na nanana nana, nana nana na nanana nana. Wäre es übertrieben, zu behaupten, dass ich zwölf Jahre darauf gewartet habe? Nein. Ich wusste es nur damals noch nicht.
Dann weiter: Minutenlange, atemberaubende Schlagzeugsoli von Travis Barker, Zugaben und am Ende ein Papierschnipselregen. Ein Fest.
Auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden wir von der EVAG, dem vermutlich schlechtesten Nahverkehrsanbieter in einer europäischen Großstadt: Um Zwanzig nach Elf fährt die letzte U‑Bahn Richtung Innenstadt und die vielen, vielen Konzertbesucher ohne Auto passen dort nicht hinein. Das heißt: Zunächst passen die Allermeisten doch hinein, aber die Bahn kann über zehn Minuten nicht losfahren. Wir steigen wieder aus, überirdisch fährt ein Krankenwagen vor.
Und so gehen wir die drei Kilometer bis zum Hauptbahnhof zu Fuß, durch das um Viertel vor Zwölf schon völlig verwaiste „Szeneviertel“ Rüttenscheid. Immerhin der Supermarkt hat noch auf, wir kaufen Bier für den weiteren Weg. So wie die anderen Kinder das mit 16 vermutlich schon gemacht haben.
Man kann dem Herrgott gar nicht oft genug danken, dass wir in einer Zeit aufwachsen durfen, als noch nicht jeder eine Videokamera in seinem Mobiltelefon hatte. Die Video-8-Aufnahmen, die von dem „Auftritt“ existierten, sind hoffentlich schon lange zerfallen.[↩]
Als ich Thees Uhlmann in Düsseldorf zu jenem Interview traf, in dessen Verlauf auch eine Kilians-Demo-CD den Besitzer wechseln sollte, trug er einen Blink-182-Kapuzenpullover, für den er sich zu Beginn des Gesprächs entschuldigte.[↩]
Das offensichtlich auch nicht stattfinden wird.[↩]
Neulich war ich auf einer Journalistentagung. Ich konnte das vor mir selbst rechtfertigen, indem ich auf dem Podium sagte, dass ich keine Journalistentagungen (und keine Bloggertreffen) mag. Die anwesenden Journalisten waren anschließend so nett, mir noch einmal zu erklären, warum das eigentlich so ist.
Ich saß im Publikum einer Diskussion über das Urheberrecht, die ganz außergewöhnlich kuschelig zu werden drohte, weil niemand, der vorher irgendwelche Aufrufe zur Rettung des Urheberrechts (vor wem auch immer) unterzeichnet hatte, an der Diskussion teilnehmen wollte. (Oder konnte – vielleicht fand zeitgleich das Jahrestreffen der Offene-Briefe-zur-Rettung-des-Urhebberrechts-Unterzeichner statt, wer weiß schon, was Menschen, die offene Briefe unterzeichnen, so in ihrer Freizeit machen.)
JEDENFALLS: Ein Vertreter der Piratenpartei erklärte gerade, dass es ja durchaus viele Menschen gebe, die für Inhalte zahlen würden, diese Bezahlung in vielen Fällen aber unmöglich sei. Die populäre Fernsehserie „Game Of Thrones“ etwa werde vom Sender HBO ausschließlich über ihren Bezahlkabelkanal vertrieben und ein Jahr nach Ausstrahlung der Staffel auf DVD veröffentlicht. Wer die Serie zeitnah sehen wolle (etwa, um im Freundeskreis mitreden zu können), werde quasi in die Illegalität gezwungen, selbst wenn er eigentlich bereit wäre, gutes Geld für einen legalen Zugang zu zahlen.
Tatsächlich ist diese HBO/„Game of Thrones“-Geschichte ein bemerkenswerter Fall, denn eine neue Zugangsmöglichkeit zu den HBO-Serien würde das eigentliche Geschäftsmodell des Senders, den Absatz seiner Kabelpakete, gefährden. Statt dieses Risiko einzugehen, nimmt HBO die weltweite Verbreitung der Serie durch Dritte einigermaßen billigend in Kauf – und hofft offenbar darauf, dass die Fans dann schon noch anschließend die DVDs kaufen werden.
Über all das wurde bei der Podiumsdiskussion nicht gesprochen, denn es erhob sich ein Mann (wie ich annehmen muss: ein Journalist) im Publikum und fing lautstark zu schimpfen an: Wo wir denn da hinkämen, wenn der Konsument plötzlich bestimmen würde, auf welchem Weg und zu welchen Konditionen er das Produkt geliefert bekomme?! Wenn der Sender die Serie nicht anders verkaufen wolle, müsse man halt warten. Man würde ja auch nicht beim Bäcker sagen: „Du willst zwanzig Cent für die Brötchen, aber ich geb‘ Dir nur zehn!“ (Ich kann mich nicht an den genauen Wortlaut erinnern, aber die Brötchenpreise waren definitiv nicht zeitgemäß.)
Mal davon ab, dass seine Wortmeldung vergleichsweise weit am eigentlichen Punkt vorbeiging und ich ob seines Geschreis ganz dringend aus dem Veranstaltungsraum fliehen musste, blieb mir der Mann im Gedächtnis.
Was, so dachte ich, muss bei einem Autor falsch gelaufen sein, damit er seine Texte mit Brötchen vergleicht?
Gestern dann verfolgte ich im Internet eine weitere Podiumsdiskussion und wieder fing irgendein Chefredakteur an, von Brötchen zu reden. Da dämmerte mir: So wird das nichts mehr mit dem Journalismus in Deutschland.
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Das Backhandwerk ist ein ehrenwertes Gewerbe, vor dem ich – wie vor allen Handwerken – größten Respekt haben. Wer möchte schon mitten in der Nacht aufstehen, um Mehlstaub einzuatmen und seine Hände in eine klebrige Masse zu drücken? Darüber hinaus ist es eine hohe Kunst: Es ist außerhalb Deutschlands nahezu unmöglich, ein gescheites Brot zu finden, und wirklich gute Brötchen findet man nirgendwo mehr, seit die Bäckerei Hallen in Dinslaken ihre Pforten hat schließen müssen.
Damit wir uns des weiteren nicht falsch verstehen: Auch ich möchte für meine Arbeit, in diesem Fall das Erstellen von Texten und lustigen Videos, angemessen entlohnt werden.
ABER: Meine Texte sind keine Brötchen! Niemandes Texte sind das!
Werden oft verwechselt: Text (links, über den Eurovision Song Contest in Baku) und Brötchen (rechts, mit Kürbiskernen).
Zwar scheinen manche Journalisten und die meisten Verleger überzeugt, dass ihre Texte für die Menschheit so wichtig sind wie das tägliche Brot, aber das macht sie noch nicht zur Backware.
Man könnte das natürlich durchspielen und augenzwinkernd feststellen, dass die Leute anscheinend auf Marie-Antoinette gehört haben und jetzt einfach Kuchen essen statt Brot. Dafür müsste man sich noch überlegen, was in dieser Metapher jetzt der Kuchen wäre (Blogs? Google?), aber das Bild würde mit jedem Gedanken schiefer. Texte sind keine Brötchen!
Texte werden nicht gebacken, man kann sie nicht nach fünf Tagen kleinhobeln und mit ihnen Schnitzel panieren und vor allem werden Texte nicht an Leser verkauft, sondern an Verleger. (Dass die dann sagen, sie würden gerne aber nur die Hälfte des Preises zahlen wollen, ist das eigentliche Problem für die Journalisten.)
Das ganze Themenfeld „geistiges Eigentum“ ist vermint mit hinkenden Vergleichen, aus dem Boden von Fässern herausgeschlagenen Kronen, verunfallten Metaphern, falschen oder wenigstens überholten Annahmen und unglücklichen Begriffen. Ja, „geistiges Eigentum“ ist schon ein solcher unglücklicher Begriff, weil der Geist ja eben so erfrischend unkörperlich ist. Das überfordert viele Vorstellungskräfte, weswegen die Katholische Kirche den Heiligen Geist kurzerhand in eine Taube gepackt hat. Das ist auch nur ein Bild, liebe Journalisten (wenn auch weit weniger bescheuert als gebackene Texte): Wenn Euch eine Taube auf den Kopf kackt, ist das in den seltensten Fällen ein Zeichen Gottes.
Wir können über alles diskutieren (ach, das tut Ihr ja schon seit 15 Jahren): über die Möglichkeit, einzelne Texte zu bezahlen; darüber, dass die Werbekunden ins Internet abwandern; über die schlechten Arbeitsbedingungen von Journalisten und die teils ekligen Verträge, die ihnen die Verlage vorlegen; darüber, dass guter Journalismus natürlich bezahlt werden muss, und über vieles mehr.
Aber wenn Menschen, die ausschließlich von der Kraft ihrer Gedanken leben, Texte mit Brötchen vergleichen, dann sehe ich für alle weiteren Gesprächsansätze ausgesprochen schwarz.
Am Sonntagabend schaute ich mir das auf DVD an, von dem ich annahm, dass es die letzte Folge „Skins“ sein würde: Die zehnte Folge der sechsten Staffel, die dritte Generation der Hauptcharaktere ist durch. Es war, nach einer schwer enttäuschenden fünften, eine erstaunlich gute Staffel, die Zeitanzeige näherte sich der 45-Minuten-Marke und dann lief zur großen Abschlussmontage ein Lied, das ich auf Anhieb liebte.
Ich habe noch nicht viele Serien komplett durchgeguckt, aber ich erinnere mich noch gut an das Finale von „Scrubs“ 1 und wie ich danach tagelang nur „The Book Of Love“ von Peter Gabriel hören konnte.
Wie auch bei „Scrubs“ wird es bei „Skins“ noch weitergehen: Eine finale Staffel, in der die Charaktere aus allen drei Generationen auftauchen werden, wird im kommenden Jahr laufen, was ich aber erst hinterher gelesen habe. Und wie auch bei „Scrubs“ hatte ich anschließend das Problem, dass ich diesen großen, bedeutenden, magischen Song nicht kaufen konnte.
„Don’t Go“ der erst 19-jährigen Singer/Songwriterin Rae Morris ist bei Warner Music UK erschienen und bisher nur im britischen iTunes-Store und bei amazon.co.uk zu kaufen – das macht es mir als deutschem Hörer quasi unmöglich, 2 diesen Song legal zu erwerben.
Dabei wäre ich durchaus bereit, mehr als die 99 bzw. 89 Pence dafür zu bezahlen, ich würde glatt zehn Pfund dafür hinblättern, dieses Lied endlich auf meiner Festplatte zu haben. Aber es geht nicht. Und so bekommt die junge Frau, die dieses für mich so bedeutende Lied geschrieben hat, jetzt eben kein Geld von mir – oder nur die paar Centbruchstücke, die es abwirft, dass ich den Song seit zwei Tagen gefühlte hundert Male auf ihrer Soundcloud-Seite gehört habe.
Dieser Eintrag ist womöglich ein Beitrag zur Urheberrechtsdebatte.
Also das eigentliche Finale von „Scrubs“, nicht die Unzumutbarkeiten der neuen Folgen.[↩]
Ja, ich weiß: Es gibt Tricks und natürlich hätte ich mir bei meinem letzten Besuch im Vereinigten Königreich einfach mal einen britischen iTunes-Gutschein kaufen können …[↩]
Ich weiß nicht, mit welchem Computerprogramm die Leute bei stylebook.de („Powered by Bild.de“) ihre Texte so aus dem Englischen übertragen lassen, aber irgendetwas sagt mir, dass es aus der Schweiz stammt:
Jeden Freitag veröffentlicht Christoph Dallach eine Popmusik-Kolumne auf „Spiegel Online“. Heute widmet er sich zum Beispiel inhaltlich missverstandenen Liedtexten:
Immer wieder passiert es Menschen, die des Englischen nicht ganz so mächtig sind, dass sie Liedtexte anders deuten, als die Autoren sie gemeint haben. Aber auch, wer Englisch als Muttersprache gelernt hat, bekommt mitunter nicht mit, was ein Song wirklich bedeutet. Acht Parade-Beispiele für häufig falsch verstandene Liedtexte hat nun das Blog Divine Caroline zusammengetragen.
Ferner geht es um Paul McCartneys Sohn James, der in einem Interview mit der BBC unvorsichtigerweise gesagt hatte, er könne sich vorstellen, gemeinsam mit Sean Lennon, Dhani Harrison und Jason Starkey Musik zu machen. Die Geschichte ging als „Next Generation Beatles“ umdieWelt.
Dallach schreibt:
Dummerweise entpuppte sich auch dieser Plan letztlich als Niederlage: Von der Online-Ausgabe des „Guardian“ befragt, ob Interesse an so einer B‑Beatles-Gang bestünde, antworteten 82,8 Prozent der User: Nein danke. Let it be!
Blöd, dass „Let It Be“ nicht bei den acht „Parade-Beispielen für häufig falsch verstandene Liedtexte“ dabei war, gilt es inzwischen doch als einigermaßensicher, dass „let it be“ nicht im Sinne von „lass es bleiben“, sondern als „lass es geschehen“ gemeint ist.
Paul McCartney jedenfalls hat die Inspiration zum Song wie folgt beschrieben:
One night during this tense time I had a dream I saw my mum, who’d been dead ten years or so. And it was great to see her because that’s a wonderful thing about dreams, you actually are reunited with that person for a second… In the dream she said, ‚It’ll be alright.‘ I’m not sure if she used the words ‚Let it be‘ but that was the gist of her advice, it was ‚Don’t worry too much, it will turn out okay.‘ It was such a sweet dream I woke up thinking, ‚Oh, it was really great to visit with her again.‘ I felt very blessed to have that dream.
Aber es passiert halt immer wieder Menschen, die des Englischen nicht ganz so mächtig sind, dass sie Liedtexte anders deuten, als die Autoren sie gemeint haben.
Die Toten Hosen haben die Tracklist ihres neuen Albums „Ballast der Republik“ veröffentlicht und dabei kam raus: Lied Nr. 14 wird „Oberhausen“ heißen.
Ein gefundenes Fressen 1 für die Lokalmedien: „Bild“ brachte heute einen kleinen Artikel über den „noch geheimen“ Song, aber das ist nichts im Vergleich zu dem, was die „WAZ“ gestern in Oberhausen veranstaltet hat.
Wenn Anfang Mai die neue CD „Ballast der Republik“ der Düsseldorfer Punk-Rocker „Die Toten Hosen“ erscheint, ist das Revier offenbar dabei: Ein Song trägt den Titel „Oberhausen“ – über den Inhalt wird noch gerätselt.
Das mit dem Rätseln ist durchaus wörtlich zu verstehen – und der Ort dieses Rätselns ist die „WAZ“. Man kann den Redakteuren allerdings nicht vorwerfen, da nur selbst in der Teeküche drüber gegrübelt zu haben:
Selbst szenekundige Musiker zeigten sich davon völlig überrascht.
Fürwahr: Die „WAZ“ hat keine Kosten und Mühen gescheut und so ziemlich alles, was in der lokalen Musikszene Rang und Namen hat, mit dem Thema behelligt.
„Das ist eine Riesenüberraschung“, sagt etwa Kevin Kerndl von der hiesigen Musikvereinigung „RockO“. Auch wenn der blanke Songtext für den Organisator des Festivals „Olgas Rock“ angesichts des Albumtitels „Ballast der Republik“ zunächst eher negativ wirkt. „Da muss man abwarten, aber das wird für die hiesige Musikszene auf jeden Fall interessant.“
(Lassen Sie sich nicht verwirren: Mit dem „blanken Songtext“ ist nicht etwa der … äh: Songtext gemeint, der ist ja – wir erinnern uns – immer noch unbekannt.)
Tim Kleinrensing von der Punkband Sondaschule erklärt:
„Ich könnte mir vorstellen, dass dies im Geiste des Punk-Rocks ein Lobgesang auf die Stadt mit der höchsten Verschuldung wird.“
Und:
„Ironie ist im Genre nicht selten – da kann alles kommen!“
Na, dann kann die „WAZ“ ja auch ihre Assoziationsmaschine anschmeißen:
Oberhausen und die „Toten Hosen“ – die Verbindung ist nicht aus der Luft gegriffen: Die Band hat mehrere große Auftritte in der Arena gespielt – und die Halle unlängst zu einem ihrer Lieblingsplätze geadelt. Zuvor absolvierten die Düsseldorfer im Sterkrader „Old Daddy“ in den frühen 80er Jahren die ersten Konzerte ihrer Karriere überhaupt.
Und überhaupt:
Fragt man auf der Straße nach, vermuten die Oberhausener hinter dem Hosen-Song gar ein Cover des wohl bekanntesten Oberhausen-Liedes: der Missfits.
Ja, ich hab an der Stelle auch kurz gedacht, wann zum Henker Glenn Danzig oder einer von den anderen jemals über Oberhausen gesungen haben soll. Es stellte sich dann aber raus, dass das auch kein Schreibfehler war und tatsächlich das regional bekannte Frauenkabarett-Duo „Missfits“ gemeint war.
Und weil Lokalpolitiker natürlich jede Chance wahrnehmen, ihren Namen in der Zeitung lesen zu können, 2 hat auch der Oberbürgermeister der „WAZ“ auf Anfrage nicht erklärt, da müsse man doch erst mal abwarten, da könne man noch nichts sagen und überhaupt sei das nicht seine Aufgabe, sondern:
OB Klaus Wehling möchte von „tote Hose“ in Oberhausen natürlich nichts wissen, will sich das Lied aber trotzdem anhören. „Das gehört doch zum Pflichtenheft eines Oberbürgermeisters.“ Auch wenn Wehling gesteht: „Die gesamte CD wird es wohl nicht werden.“
Jetzt wissen die „WAZ“-Leser in Oberhausen (geschätztes Durchschnittsalter: 55) also, dass die Toten Hosen ein Lied über ihre Stadt geschrieben haben. Also: mutmaßlich. Vielleicht geht’s auch um was ganz anderes, man weiß es ja noch nicht. Aber wenigstens, man hat schon mal ’ne Seite damit gefüllt.
Weitere Titel von „Ballast der Republik“ sind übrigens „Traurig einen Sommer lang“, „Altes Fieber“, „Europa“, „Draußen vor der Tür“ und „Vogelfrei“. Was man da bis zur Veröffentlichung am 4. Mai noch für Artikel drüber schreiben kann!
Ich hätte gewettet, dass es ein Hosen-Lied oder ‑Album namens „Gefundenes Fressen“ gibt, das scheint aber nicht der Fall zu sein.[↩]
Außer natürlich, es geht mal um was Wichtiges.[↩]
Der Frühling ist da: Die Sonne scheint vom wolkenlosen Himmel, Vögel und Mädchen sind aus dem Winterschlaf erwacht und es ist wieder an der Zeit, eines meiner absoluten Lieblingsalben zu hören.
Das war Quatsch: Es ist natürlich immer an der Zeit, eines meiner absoluten Lieblingsalben zu hören, aber im Moment macht es noch viel mehr Spaß.
Das Album, um das es geht, stammt von der britischen Band A (ein Name aus der Zeit, als Bandnamen noch nicht suchmaschinenoptimiert waren), heißt „Hi-Fi Serious“ und ist vor ziemlich genau zehn Jahren erschienen. Theoretisch müsste ich die Band damals auch bei der Osterrocknacht in der Düsseldorfer Philipshalle gesehen haben, aber ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern.
Damals hatte ich zunächst allerdings auch nur ein, zwei MP3s von dem Album, wie man das in Zeiten von sogenannten Netzwerktreffen und Tauschbörsen damals eben so hatte. Einer dieser Songs, „Pacific Ocean Blue“, war allerdings auf meinem Mixtape „05/02“, das ich mir nach den letzten schriftlichen Abiturprüfungen aufgenommen hatte und dann ständig gehört habe. Mit Zeilen wie „And the summer is forever / It’s the endless summer“ passte der Song allerdings auch wie der sprichwörtliche Arsch auf Eimer zu den naiven Allmachtsphantasien, die man als junger Mensch eben hat, wenn man sechs bis acht Wochen keinen anderen Grund zum Aufstehen hat, außer sich mit seinen Freunden zu treffen, um wahlweise Schwimmen, Grillen oder Trinken zu gehen. 1
Das ganze Album hatte ich dann erst zwei Jahre später und vielleicht liegt es daran, dass auch damals grad Frühling war, aber „Hi-Fi Serious“ ist seitdem mein allerliebstes Sonnenscheinalbum. Schon bei den ersten Takten von „Nothing“ möchte ich sofort losgehen und mir ein Skateboard kaufen. 2 Ich könnte über jeden einzelnen Song schreiben, über das verknallte „Something’s Going On“, die niedliche Konsumkritik von „Starbucks“ und über „Going Down“, das die letzten Minuten an Bord eines abstürzenden Flugzeugs beschreibt, 3 oder über das wütende „W.D.Y.C.A.I.“, aber es ist das Album in seiner Gesamtheit, das so großartig ist.
„Hi-Fi Serious“ ist ein musikgewordener Sommernachmittag. Ich liebe die positive Energie und die hörbare Spielfreude, die einem aus den Liedern entgegenschlägt und die ich an Künstlern wie The Hold Steady, Andrew W.K. oder eben A so sehr schätze. Die Musik sorgt dafür, dass ich bei fast jedem Song (ein paar ruhigere sind ja auch dabei) durch die Gegend und am Liebsten mit einem lebensgefährlichen Stunt in den nächsten Swimming Pool hüpfen möchte.
Natürlich sind während meiner Jugend musikalisch anspruchsvollere, historisch bedeutsamere Alben erschienen – aber kein Album dieser Welt erinnert mich so daran, wie es sich anfühlt, jung zu sein, wie „Hi-Fi Serious“ von A. In den Liner Notes schreibt Sänger Jason Perry über „Pacific Ocean Blue“, für ihn hätten die Beach Boys den Sommer erfunden. Für mich waren es A.
Theoretisch ist auch alles drei gleichzeitig möglich, aber ich bin am Niederrhein aufgewachsen und der liegt – nun ja – am Rhein.[↩]
Ich habe mir mein erstes Skateboard mit 19 gekauft, als ich nach dem Zivildienst wieder nichts zu tun hatte. Nach einigen Fahrversuchen mit meinen gleichaltrigen, etwa gleich talentierten Freunden, die wir alle immerhin unverletzt überstanden, hat sich mein kleiner Bruder das Ding gezockt und ich habe es seitdem nicht mehr probiert.[↩]
Auch kein Thema, was man im Frühjahr 2002 zwingend in einem Rocksong erwartet hätte.[↩]
Gestern Abend wurden in Berlin die Echos verliehen. Der Veranstalter, der Bundesverband Musikindustrie e.V., bezeichnet den Echo konsequent als „einen der wichtigsten Musikpreise der Welt“, nach welchen Kriterien die Preise genau verliehen werden, weiß niemand so genau, vermutlich nicht einmal Prof. Dieter Gorny. Eine große Rolle spielen auf alle Fälle die Verkaufszahlen, weswegen der Abend einigermaßen erwartbar ausging. Andererseits: Nur ein Preis für Tim Bendzko, statt Revolverheld haben wenigstens Jupiter Jones gewonnen und der Hip-Hop/Urban-Preis ging immerhin an den sympathischen Casper statt an den homophoben Bushido.
Die Preisverleihung aber, bis vor vier Jahren bei RTL von Oliver Geissen und/oder Frauke Ludowig aseptisch wegmoderiert, war der ARD dann doch erstaunlich gut gelungen: Vom großen Opening mit den fünf größten Radiohits des vergangenen Jahres (Jupiter Jones, Frida Gold, Andreas Bourani, Tim Bendzko und Revolverheld – don’t get me started), das noch ein bisschen unterprobt wirkte, in Zukunft aber funktionieren sollte, über die angenehm kurz gehaltenen Zwischenmoderationen von Ina Müller und Barbara Schöneberger bis hin zu den vielen, vielen Auftritten (Kraftklub mit Casper, Tim Bendzko mit Shaggy!) war das ein kurzweiliger, bunter Abend, der das beste aus dem rausholte, was in Deutschland als Inventar der Unterhaltungsindustrie zur Verfügung steht. Und ich weiß, wie schwer das ist, ich habe es letztes Jahr als Co-Autor der Echo-Verleihung selbst versucht.
* * *
Heute Abend wird der Adolf-Grimme-Preis verliehen, die vielleicht renommierteste Auszeichnung, die es in Deutschland für Fernsehsendungen gibt. Die Preisübergabe findet mit vergleichsweise wenig pyrotechnischem Einsatz im Stadttheater Marl statt und die Chancen stehen hoch, dass Sie noch nie eine der gewürdigten Sendungen gesehen haben, weil diese von den Sendern, die sie bestellt und finanziert haben, zu absurdesten Zeiten versendet wurden, auf dem alten Sendeplatz des Testbilds.
Selbst die Grimmepreisverleihung selbst, eher protestantischer Erntedankgottesdienst als katholisches Hochamt, wird von 22.25 Uhr bis 23.55 Uhr auf 3sat verklappt. Dabei kann man da wenigstens immer ein paar Minuten Ausschnitte aus den hochklassigen, zumeist (aber nicht ausschließlich) deprimierenden Fernsehspielen und Dokumentationen sehen, die man im Laufe des Jahres so verpasst hat.
* * *
Es ist also nicht so, dass es in Deutschland gar kein gutes Fernsehen gäbe, aber man muss danach suchen – und es wird selbst von den öffentlich-rechtlichen Sendern bewusst verhindert. Die breite Masse ist genauso mut‑, belang- und lieblos, wie das, was an deutscher Popmusik im Radio oder halt beim Echo läuft.
Malte Welding hat für die „Berliner Zeitung“ eine große Abrechnung mit dem deutschen Fernsehen verfasst, die auch eine Abrechnung mit dem gesamten Kulturbetrieb, ja eigentlich der ganzen Bundesrepublik ist.
Hier mal eine der moderateren Passagen:
Was China im Fußball, das ist Deutschland in der Unterhaltung. Ein Entwicklungsland. Ein Entwicklungsland allerdings, dessen Unterhaltungsbeamte sich gebärden, als hätten sie den begehbaren Kleiderschrank erfunden, und das ein Schweinegeld hat. Da werden Filmbälle gegeben, die gerade durch den Glamourversuch am Ende doch immer so aussehen wie die Abifeier der Jean-Sans-Terre-Oberschule.
Das deutsche Fernsehen steht so patschzufrieden im eigenen Saft, dass es mit großer Fröhlichkeit darin ersaufen wird, in der Karnevalsbrühe aus Küstenwachenwiederholungen und Serien mit Tieren in der Hauptrolle und Selbstversicherungskabarettsendungen und Redaktionen nach Parteiproporz, die Politsendungen simulieren, und ist die Rente sicher und kippt der Euro und stirbt das Land? Ja, das Land stirbt. Vor Langeweile.
Vor ein paar Wochen ging ein Video durchs Internet, auf dem fünf Menschen auf einer Gitarre ein Lied spielen. Das war kunsthandwerklich recht beeindruckend, aber das Lied war leider „Somebody That I Used To Know“ von Gotye, das sich in meiner persönlichen Gunst inzwischen von „mag ich nicht“ zu „hasse ich so sehr, dass ich noch meinen Kindern und Kindeskindern mehrstündige Litaneien über die Unzulänglichkeit dieses Machwerks angedeihen lassen werde“ verschlechtert hat. (Das ist vielleicht etwas übertrieben. Ich will ja auch nicht zu viel Lebensenergie auf Sachen verwenden, die ich nicht mag – gerade, wo das Wetter gerade so toll ist. Aber das Radio schalte ich schon jedes Mal aus, wenn der Song läuft.)
JEDENFALLS: Fünf Leute und eine Gitarre kann ja jeder. Drei Leute an einem Flügel, das ist doch mal was anderes!
Enno Bunger haben offenbar die Ben-Folds-Schule für Piano-Manipulation besucht, bevor sie bei „TV noir“ auftraten, um den Song „Regen“ von ihrem neuen Album „Wir sind vorbei“ dort aufwendig zu interpretieren:
Diese Website verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Services erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. VerstandenMehr erfahren
Privacy & Cookies Policy
Privacy Overview
This website uses cookies to improve your experience while you navigate through the website. Out of these, the cookies that are categorized as necessary are stored on your browser as they are essential for the working of basic functionalities of the website. We also use third-party cookies that help us analyze and understand how you use this website. These cookies will be stored in your browser only with your consent. You also have the option to opt-out of these cookies. But opting out of some of these cookies may affect your browsing experience.
Necessary cookies are absolutely essential for the website to function properly. This category only includes cookies that ensures basic functionalities and security features of the website. These cookies do not store any personal information.
Any cookies that may not be particularly necessary for the website to function and is used specifically to collect user personal data via analytics, ads, other embedded contents are termed as non-necessary cookies. It is mandatory to procure user consent prior to running these cookies on your website.