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Digital

Hund, Katze, Maus, Elefant, …

Die Deut­sche Pres­se­agen­tur (dpa) ver­mel­de­te ges­tern, die Schau­spie­le­rin Char­li­ze The­ron habe sich öffent­lich bewun­dernd über das beacht­li­che Gemächt geäu­ßert, das ihr Kol­le­ge Micha­el Fass­ben­der im Film „Shame“ mehr­fach vor lau­fen­der Kame­ra ent­blößt.

Medi­en wie „Welt Online“ ste­hen damit vor einem Pro­blem: Einer­seits müs­sen sie ihre Leser natür­lich über die­sen Vor­gang infor­mie­ren – ande­rer­seits haben sie dann doch nicht die … äh: Eier, die­ses Mit­tei­lungs­be­dürf­nis kon­se­quent umzu­set­zen.

Und so ent­ste­hen dann Über­schrif­ten wie die­se:

Charlize Theron schwärmt von Fassbenders ...

Kann natür­lich auch sein, dass sie bei „Welt Online“ ein­fach Angst hat­ten, wegen einer mög­li­chen fal­schen Ter­mi­no­lo­gie Ärger mit den Sit­ten­wääch­tern von „Mee­dia“ zu bekom­men.
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Musik Digital

Man sollte die guten Kerzen kaufen

Ich kann mit der Band Unhei­lig und ihrer Musik nichts anfan­gen, habe aber einen gewis­sen Respekt davor, wie der soge­nann­te Graf da seit Jah­ren sein Ding durch­zieht und damit inzwi­schen auch gro­ße Erfol­ge fei­ert. Ver­gan­ge­nen Frei­tag erschien das neue Album „Lich­ter der Stadt“, das natür­lich auf Platz 1 der Charts ein­stei­gen wird.

Der Kol­le­ge Sebas­ti­an Dal­kow­ski hat den Gra­fen für „RP Online“ getrof­fen und es ist das groß­ar­tigs­te Inter­view mit dem König des Gothic-Schla­gers, das ich je gele­sen habe.

Gut: Es ist auch das bis­her Ers­te, aber es ist trotz­dem über­ra­schend unter­halt­sam.

Auf Ihren Kon­zer­ten und in Ihren Vide­os sind immer Ker­zen zu sehen. Wo kau­fen Sie die?

Das sind Altar­ker­zen. Mei­ne ers­ten Ker­zen habe ich, da ich aus Aachen kom­me, noch im Ker­zen­la­den am Dom gekauft. Die haben sich natür­lich gefreut, als ich 30 Stück genom­men habe. Die Din­ger sind schließ­lich schwei­ne­teu­er. Damals war es noch rich­tig schwer, so vie­le auf ein­mal zu kau­fen. Heu­te geht das alles übers Inter­net. Als ich mit Unhei­lig ange­fan­gen habe, war Inter­net noch nicht nor­mal. Ich habe 1999 noch dar­über nach­ge­dacht: Solls­te dir die­ses Inter­net anschaf­fen?

Augen auf beim Ker­zen­kauf?

Man soll­te die guten Ker­zen kau­fen. Die Ker­zen wer­den auf Tour oft an- und aus­ge­macht. Und bei schlech­ten Ker­zen wird der Docht dann immer kür­zer und du bekommst sie nicht mehr an. Das ken­nen wir vom Advents­kranz, wenn schon am zwei­ten Advent die Ker­ze vom ers­ten Advent nicht mehr bren­nen will. Da musst du dann das Schwei­zer Taschen­mes­ser raus­ho­len, um den Docht frei­zu­krat­zen.

„Kauft kei­ne schlech­ten Ker­zen!“ bei „RP Online“

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Gesellschaft

Septemberkinder

Eine Jury in New Jer­sey hat ges­tern den 20-jäh­ri­gen Dha­run Ravi für schul­dig befun­den, ein hate crime an sei­nem Mit­be­woh­ner Tyler Cle­men­ti began­gen zu haben. „Spie­gel Online“ beschreibt die Aus­gangs­la­ge so:

Es war der 19. Sep­tem­ber, an dem Cle­men­ti laut Zeu­gen­aus­sa­gen Ravi bat, den gemein­sa­men Raum zu ver­las­sen, er wol­le einen Gast emp­fan­gen. Ravi twit­ter­te: „Mit­be­woh­ner woll­te den Raum bis Mit­ter­nacht haben. Ich bin in Mol­lys (eine Freun­din, Anm. d. Redak­ti­on) Zim­mer gegan­gen und habe mei­ne Web­cam ange­schal­tet. Ich habe gese­hen, wie er mit einem Kerl rum­mach­te. Juhu.“

So fing es an. Am Ende war Cle­men­ti tot.

Die „New York Times“ führt wei­ter aus:

The case was a rare one in which almost none of the facts were in dis­pu­te. Mr. Ravi’s lawy­ers agreed that he had set up a web­cam on his com­pu­ter, and had then gone into a friend’s room and view­ed Mr. Cle­men­ti kis­sing a man he met a few weeks ear­lier on a Web site for gay men. He sent Twit­ter and text mes­sa­ges urging others to watch when Mr. Cle­men­ti invi­ted the man again two nights later, then dele­ted mes­sa­ges after Mr. Cle­men­ti kil­led hims­elf.

That account had been estab­lished by a long trail of elec­tro­nic evi­dence — from Twit­ter feeds and cell­pho­ne records, dor­mi­t­ory sur­veil­lan­ce came­ras, dining hall swi­pe cards and a “net flow” ana­ly­sis show­ing when and how com­pu­ters in the dor­mi­t­ory con­nec­ted.

Die digi­ta­len Bewei­se waren dann wohl auch aus­schlag­ge­bend für die sehr dif­fe­ren­zier­ten Ent­schei­dun­gen der Jury.

Ravis Anwäl­te hat­ten argu­men­tiert, ihr Man­dant sei „ein Kind“, das wenig Erfah­rung mit Homo­se­xua­li­tät habe und in eine Situa­ti­on gera­ten sei, die ihn geängs­tigt habe. In ent­schul­di­gen­den SMS-Nach­rich­ten an Cle­men­ti habe Ravi geschrie­ben, dass er kei­ne Pro­ble­me mit Homo­se­xua­li­tät habe und sogar einen engen Freund habe, der schwul sei.

Die „New York Times“ notiert:

(At almost the exact moment he sent the apo­lo­gy, Mr. Cle­men­ti, 18, com­mit­ted sui­ci­de after pos­ting on Face­book, „jum­ping off the gw bridge sor­ry“).

* * *

Der Selbst­mord von Tyler Cle­men­ti war einer von meh­re­ren im Spätsommer/​Herbst 2010. Min­des­tens neun Schü­ler und Stu­den­ten zwi­schen 13 und 19 Jah­ren glaub­ten, kei­nen ande­ren Aus­weg mehr zu haben, als ihrem Leben ein Ende zu set­zen, weil sie Opfer von Dis­kri­mi­nie­run­gen und Angrif­fen wur­den, nur weil sie schwul waren oder man sie dafür hielt.

Als Reak­ti­on auf die­se Selbst­mor­de wur­de das sehr bewe­gen­de Pro­jekt „It gets bet­ter“ ins Leben beru­fen, bei der Pro­mi­nen­te und Nicht­pro­mi­nen­te, Künst­ler und Poli­ti­ker, TV-Mode­ra­to­ren und Poli­zis­ten homo­se­xu­el­len Jugend­li­chen – ach, eigent­lich allen Jugend­li­chen – Mut mach­ten, dass ihr Leben bes­ser wer­de.

Ste­fan Nig­ge­mei­er hat damals geschrie­ben:

Dem Pro­jekt ist vor­ge­wor­fen wor­den, gefähr­lich unter­am­bi­tio­niert zu sein, weil es nicht auf die Besei­ti­gung der Ursa­chen von Dis­kri­mi­nie­rung zielt, son­dern bloß ihre Opfer zum Über­le­ben auf­for­dert. Die­se Kri­tik ist nach­voll­zieh­bar, aber sie trifft nicht. Zum einen hat Dan Sava­ge recht, wenn er sagt, dass es zunächst ein­mal dar­um geht, akut bedroh­ten Jugend­li­chen unmit­tel­bar Hoff­nung zu geben und auf Ansprech­part­ner hin­zu­wei­sen. Zum ande­ren belas­sen es die Mit­wir­ken­den kei­nes­wegs immer bei dem Ver­spre­chen, dass es nach der Schu­le, nach der Puber­tät, über­haupt in Zukunft schon bes­ser wer­den wird. Vie­le grei­fen, wie Ellen, den Skan­dal an, dass die Dis­kri­mi­nie­rung immer noch zuge­las­sen wird. Dass es ein Kli­ma der Into­le­ranz gibt, das die Ver­höh­nung von Schwu­len zulässt und för­dert.

* * *

Die Chi­ca­go­er Band Rise Against hat einen Song über die „September’s Child­ren“ geschrie­ben, mit dem die Musi­ker auch „It gets bet­ter“ unter­stüt­zen wol­len, und Sie soll­ten sich das Video unbe­dingt in vol­ler Län­ge anse­hen:

Hier kli­cken, um den Inhalt von Vimeo anzu­zei­gen.
Erfah­re mehr in der Daten­schutz­er­klä­rung von Vimeo.

Rise Against – Make It Stop (September’s Child­ren) from LGBTQI Geor­gia on Vimeo.

Die Namen, die Front­mann Tim McIl­rath nennt, sind neben Tyler Cle­men­ti die von Bil­ly Lucas, Har­ri­son Cha­se Brown, Cody J. Bar­ker und Seth Walsh.

Jedes Mal, wenn ich die­ses Video sehe, den­ke ich vor der Mar­ke von 3:05 Minu­ten: „Das kön­nen die nicht wirk­lich so zei­gen“, und dann kommt die­ser Bruch und ich habe jedes ver­damm­te Mal wie­der Gän­se­haut und bin gerührt, auf­ge­wühlt und völ­lig fer­tig. So ein Video hät­te ver­dammt schief gehen kön­nen, aber ich fin­de, es ist der Band und ihrem Regis­seur Marc Klas­feld erstaun­lich gut gelun­gen.

* * *

Im Text heißt es „What God would damn a heart? /​ And what God dro­ve us apart? /​ What God could /​ Make it stop /​ Let this end“, und Reli­gi­on rückt in den USA auch nach Dha­run Ravis Schuld­spruch in den Fokus.

Brent Child­res schreibt im Reli­gi­ons-Blog der „Washing­ton Post“:

The­re are many more Tyler Cle­men­ti tra­ge­dies wai­ting to unfold if we con­ti­nue to clo­se our minds to the harm cau­sed by reli­gious teaching’s bias and inti­mi­da­ti­on toward gay. les­bi­an bise­xu­al and trans­gen­der indi­vi­du­als, espe­ci­al­ly youth and fami­lies.

The sto­ry of Tyler Clementi’s death has been one of the most publi­ci­zed teen sui­ci­des in recent memo­ry. Unfort­u­na­te­ly, a review of media inter­views and print news artic­les over the last 18 months pro­du­ces only a few hints to the role reli­gious tea­ching may have play­ed in Clementi’s emo­tio­nal and psy­cho­lo­gi­cal distress.

Es ist für Euro­pä­er kaum zu ver­ste­hen, was für christ­li­che Split­ter­grup­pen die­se Evan­ge­li­ka­len, Metho­dis­ten, Pres­by­te­ria­ner und Luthe­ra­ner eigent­lich sind, aber ihre Hal­tung zur Homo­se­xua­li­tät lässt die meis­ten deut­schen Kar­di­nä­le wie libe­ra­le Akti­vis­ten aus­se­hen. Und, was noch viel schlim­mer ist, die­se Grup­pie­run­gen wer­den von ihren Mit­glie­dern ernst genom­men:

Grace Church of Rid­ge­wood, New Jer­sey, is the church that Tyler Cle­men­ti atten­ded with his fami­ly. It was not an affir­ming and wel­co­ming place for a young per­son pro­ces­sing a same-sex sexu­al ori­en­ta­ti­on, accor­ding to some pas­tors in that com­mu­ni­ty. The church is a mem­ber of the Wil­low Creek Asso­cia­ti­on, a group of churches hea­ded by Bill Hybels, who as recent­ly as last year said that God desi­gned sexu­al inti­ma­cy to be bet­ween a man and a woman in mar­ria­ge and any­thing out­side of that is sexu­al impu­ri­ty in God’s eyes. The gay youth hears in tho­se words that they are dir­ty, unclean and some­thing for which they should be asha­med. […]

In an Octo­ber 2010 artic­le pos­ted on a church blog at St. Ste­phen Church, [Rev. Clar­ke] Olson-Smith wro­te „In the con­gre­ga­ti­on Tyler grew up in and his par­ents still belong to, the­re was no ques­ti­on. To be gay was to be cut off from God.“

Nach dem Schuld­spruch gab der Fern­seh­pre­di­ger Bill Kel­ler dem CNN-Mode­ra­tor Ander­son Coo­per, Rachel Mad­dow von CNBC, der Mode­ra­to­rin Ellen DeGe­ne­res, den Medi­en und den „fei­gen Pries­tern“ die Schuld am Tod von Tyler Cle­men­ti:

Sui­ci­de is a despe­ra­te and sel­fi­sh act that is ulti­m­ate­ly the sole respon­si­bi­li­ty of the per­son who made the choice to end their life. Ever­yo­ne who com­mits sui­ci­de has reasons that led them to make such a hor­ri­ble decis­i­on. The fact is, sui­ci­de is expo­nen­ti­al­ly hig­her among­st tho­se who choo­se the homo­se­xu­al life­style, and while tho­se in the media want to bla­me peo­p­le like mys­elf who take a Bibli­cal stand on this issue, the fact is, they are the ones most respon­si­ble!

So ein­fach kann man sich das machen: Nicht die Atmo­sphä­re voll Hass und Ableh­nung ist schuld, in der jun­ge Homo­se­xu­el­le auf­wach­sen müs­sen, natür­lich sowie­so nicht die­je­ni­gen, die sich auf die Bibel beru­fen, son­dern die, die sagen, dass es völ­lig okay sei, Men­schen des sel­ben Geschlecht zu lie­ben!

Ich habe die Hoff­nung, dass Hass­pre­di­ger wie Kel­ler der­einst mit einem „Sor­ry, Du hast da was wahn­sin­nig miss­ver­stan­den“ an der Him­mels­pfor­te abge­wie­sen wer­den.

* * *

Kin­der und Jugend­li­che waren immer schon grau­sam zuein­an­der, aber die heu­ti­gen tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten bie­ten denen, die sich über ande­re erhe­ben wol­len, ganz neue Ver­brei­tungs­we­ge und viel grö­ße­re Ziel­grup­pen – und letzt­lich ahmen die Jun­gen vor allem nach, was ihnen die Alten in der Gesell­schaft vor­le­ben. Es gibt unter­schied­li­che Mei­nun­gen, ob es eine gute Idee war, Ravi eines hate cri­mes für schul­dig zu befin­den, also einer aus Vor­ur­tei­len began­ge­nen Straf­tat, oder ob sich die Jury nicht auf die ande­ren Ankla­ge­punk­te hät­te beschrän­ken sol­len.

Der Jura-Pro­fes­sor Paul But­ler schreibt bei CNN.com:

Ravi did not invent homo­pho­bia, but he is being scape­goa­ted for it. Bias against gay peo­p­le is, sad­ly, embedded in Ame­ri­can cul­tu­re. Until last year peo­p­le were being kicked out of the mili­ta­ry becau­se they were homo­se­xu­als. None of the four lea­ding pre­si­den­ti­al can­di­da­tes – Pre­si­dent Oba­ma, Mitt Rom­ney, Rick San­torum, Newt Ging­rich – thinks that gay peo­p­le should be allo­wed to get mar­ried. A bet­ter way to honor the life of Cle­men­ti would be for ever­yo­ne to get off their high hor­se about a 20-year-old kid and ins­tead think about how we can pro­mo­te civil rights in our own lives.

Though a natio­nal con­ver­sa­ti­on about civi­li­ty and respect would have been bet­ter, as usu­al for social pro­blems, we loo­ked to the cri­mi­nal jus­ti­ce sys­tem. The United Sta­tes inc­ar­ce­ra­tes more of its citi­zens than any coun­try in the world. We are an extra­or­di­na­ri­ly puni­ti­ve peo­p­le.

Cle­men­ti died for America’s sins. And now, Ravi faces years in pri­son for the same reason.

* * *

Nach dem Schuld­spruch wand­te sich Tyler Cle­men­tis Vater Joe mit einer Bot­schaft an die Öffent­lich­keit:

To our col­lege, high school and even midd­le-school youngs­ters, I would say this: You’­re going to meet a lot of peo­p­le in your life­time. Some of the­se peo­p­le you may not like. But just becau­se you don’t like them, does not mean you have to work against them. When you see some­bo­dy doing some­thing wrong, tell them, „That’s not right. Stop it.“

You can make the world a bet­ter place. The chan­ge you want to see in the world beg­ins with you.

Es könn­te bes­ser wer­den. Es muss!

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Gesellschaft

Der Druck steigt

So wie es aus­sieht, wird es mor­gen in Bochum zu Groß­de­mons­tra­tio­nen mit mehr als 30.000 Teil­neh­mern kom­men – und das liegt aus­nahms­wei­se nicht dar­an, dass mal wie­der irgend­ei­ne Pro­duk­ti­ons­stät­te geschlos­sen wer­den soll. Der tür­ki­sche Minis­ter­prä­si­dent Recep Tayyip Erdo­gan soll in der Bochu­mer Jahr­hun­dert­hal­le aus den Hän­den von Ex-Bun­des­kanz­ler Ger­hard Schrö­der den soge­nann­ten „Stei­ger Award“ in der Kate­go­rie „Euro­pa“ erhal­ten, „auch als deut­li­ches Zei­chen für geleb­te deutsch-tür­ki­sche Freund­schaft“.

Nun könn­te man ein­wen­den, ein Minis­ter­prä­si­dent, der die Tür­ken in Deutsch­land vor Assi­mi­la­ti­on warnt und den Völ­ker­mord der Tür­ken an den Arme­ni­ern abstrei­tet, des­sen Regie­rung die Pres­se­frei­heit nicht son­der­lich ernst nimmt und des­sen Land unbe­que­me Jour­na­lis­ten ein­sperrt, so ein Minis­ter­prä­si­dent soll­te viel­leicht bes­ser kei­nen Preis bekom­men, da könn­te man ja auch gleich Bushi­do mit einem Inte­gra­ti­ons­preis aus­zeich­nen. Aber las­sen Sie mich erst mal zu dem Preis selbst kom­men.

In Deutsch­land wer­den vie­le merk­wür­di­ge Prei­se ver­lie­hen, von den meis­ten bekommt man aller­dings nichts mit. Auch der „Stei­ger Award“ war bis­her vor allem sei­nem Ver­an­stal­ter, den loka­len Per­sön­lich­kei­ten, die zur Ver­lei­hung ein­ge­la­den wer­den, und den Mana­gern der Preis­trä­ger ein Begriff.

Der Ver­an­stal­ter beschreibt sein Anlie­gen so:

Der Stei­ger Award ist ent­stan­den aus Pri­vat­in­itia­ti­ve und dem Wunsch der kul­tu­rel­len, sozia­len und gesell­schaft­li­chen För­de­rung der Regi­on.

Das Ruhr­ge­biet in der Mit­te Euro­pas soll­te stär­ker in den Fokus rücken. Der Stei­ger Award ist Preis und Phi­lo­so­phie zugleich. Wir ehren Per­sön­lich­kei­ten, die sich durch Gerad­li­nig­keit, Offen­heit, Mensch­lich­keit und Tole­ranz aus­zeich­nen.
Der Begriff „Stei­ger“ stammt aus dem Berg­bau und dient als Syn­onym für die Gerad­li­nig­keit und Offen­heit der Berg­leu­te, der soge­nann­ten „Stei­ger“. Jähr­lich ent­schei­det eine Jury dar­über, wer die Aus­zeich­nung in den Berei­chen Film, Musik, Kunst, Sport, Cha­ri­ty, Umwelt, Tole­ranz und für sein Enga­ge­ment zur Eini­gung Euro­pas erhält.

Der Ver­an­stal­ter, das ist Sascha Hel­len, ein Mann Mit­te 30, der das soge­nann­te Netz­wer­ken zu sei­nem Beruf gemacht hat. Anders als Cars­ten Maschmey­er, der aktu­ell in „Bild“ erklärt, wie man Kon­tak­te knüpft und nutzt, hat Hel­len nichts mit dem Ver­kauf dubio­sen Finanz­dienst­leis­tun­gen zu tun, denn er ver­kauft: nichts. Er ver­mit­telt Red­ner, orga­ni­siert Ver­an­stal­tun­gen und sorgt so dafür, dass sich irgend­wel­che Leu­te und Ver­ei­ne mit zu viel Geld im Licht von berühm­ten Leu­ten son­nen kön­nen, die auch schon sehr viel Geld haben, jetzt aber noch mehr, weil Hel­len sie an die­se Leu­te und Ver­ei­ne ver­mit­telt. Es ist eine Win-Win-Situa­ti­on, die nie­man­dem weh tut, mit­tel­g­la­mou­rö­se Fotos für die Lokal­zei­tun­gen ab- und nur ganz am Ran­de die Fra­ge auf­wirft, zu was für absur­den Aus­wüch­sen so eine Mensch­heit eigent­lich in der Lage ist.

Nun pas­sen das Ruhr­ge­biet und Gla­mour-Ver­an­stal­tun­gen für die Obe­ren Zehn­tau­send eher nicht zusam­men, aber man kann natür­lich mal ver­su­chen, ob man den Leu­ten hier ihre gene­rel­le Skep­sis gegen­über allem, was sie nicht ken­nen, nicht ein biss­chen aberzie­hen kann. Die Ober­bür­ger­meis­te­rin hält den „Stei­ger Award“ dann auch aus uner­find­li­chen Grün­den für ein Pres­ti­ge­pro­jekt, das wich­tig für das Anse­hen Bochums sei – ganz so, als ob sich Shi­mon Peres, Bob Geldof oder Chris­to­pher Lee mer­ken könn­ten, ob sie einen die­ser merk­wür­di­gen deut­schen Prei­se auf ihrem Kamin­sims jetzt in Bochum oder in Offen­burg in Emp­fang genom­men haben.

Ver­gan­ge­nes Jahr woll­te Hel­len den Bochu­mern einen Abend mit Josef Acker­mann schen­ken – aus­ge­rech­net im Bochu­mer Schau­spiel­haus, das sich tra­di­tio­nell eher den Arbei­tern als irgend­wel­chen Bank­di­rek­to­ren ver­pflich­tet fühlt. Der frü­he­re Inten­dant des Hau­ses, Frank-Patrick Ste­ckel, pro­tes­tier­te öffent­lich dage­gen und irgend­wann sag­te Acker­mann schließ­lich ent­nervt ab. Ober­bür­ger­meis­te­rin Otti­lie Scholz ver­öf­fent­lich­te eine gemein­sa­me Erklä­rung mit Ver­an­stal­ter Sascha Hel­len, in der sie sich „in aller Form für die unwür­di­ge Dis­kus­si­on“ ent­schul­dig­te.

Jetzt also soll Recep Tayyip Erdo­gan den „Stei­ger Award“ bekom­men und unter Umstän­den könn­te man den Quatsch­preis Quatsch­preis sei­en las­sen, wenn die Schirm­her­rin der Ver­an­stal­tung nicht gera­de Ober­bür­ger­meis­te­rin Scholz wäre. Ver­tre­ter der Lan­des­re­gie­rung haben ihre Teil­nah­me inzwi­schen aus ver­schie­de­nen Grün­den (Bun­des­prä­si­den­ten­wahl, ande­re Ter­mi­ne) abge­sagt. Von Ger­hard Schrö­der ist eh kein Anstand zu erwar­ten, der hät­te letz­tes Jahr schon den eben­so schwach­sin­ni­gen Qua­dri­ga-Preis an Wla­di­mir Putin über­rei­chen sol­len, wenn die Ver­an­stal­tung nicht nach har­scher Kri­tik und einem Aus­stieg des Preis­ko­mi­tees abge­sagt wor­den wäre.

Die Kri­tik, die zunächst eher regio­nal zu hören war, ist inzwi­schen bei den natio­na­len Nach­rich­ten­agen­tu­ren ange­kom­men: dpa, AFP und Reu­ters berich­ten über Ralph Giord­a­no, den Deut­schen Jour­na­lis­ten­ver­band und CSU-Gene­ral­se­kre­tär Alex­an­der Dob­rindt, die die Preis­ver­lei­hung an Erdo­gan kri­ti­siert haben (zuge­ge­be­ner­ma­ßen nicht die seriö­ses­ten Kri­ti­ker, die ich mir vor­stel­len könn­te), ges­tern erschien auch bei „Spie­gel Online“ ein Arti­kel zu dem The­ma.

Die Ver­an­stal­ter mel­den sich seit Tagen mit immer staats­tra­gen­de­ren Beschwich­ti­gungs­schrei­ben zu Wort, in denen sie erklä­ren, die Aus­zeich­nung sei „aus­drück­lich kei­ne Bewer­tung der innen- und außen­po­li­ti­schen Akti­vi­tä­ten des tür­ki­schen Minis­ter­prä­si­den­ten“, der Preis sei „stell­ver­tre­tend für 50 Jah­re deutsch-tür­ki­sche Freund­schaft“ gemeint und die Aus­ein­an­der­set­zung mit Erdo­gans Poli­tik sol­le „durch einen kri­ti­schen Dis­kurs erfol­gen, nicht durch Aus­gren­zung“. Dass der Pro­test sol­che Dimen­sio­nen anneh­me, damit habe er nicht gerech­net, sag­te Hel­len der „WAZ“.

Eine Per­son hat sich zu dem gan­zen Dilem­ma noch gar nicht geäu­ßert: Ober­bür­ger­meis­te­rin Dr. Otti­lie Scholz, die Schirm­her­rin des „Stei­ger Awards“. Ver­mut­lich wird sie sich erst mor­gen zu Wort mel­den, wenn sie sich bei Erdo­gan in aller Form ent­schul­digt.

Nach­trag, 17. März: Minis­ter­prä­si­dent Erdo­gan hat sei­ne Teil­nah­me am „Stei­ger Award“ abge­sagt. „Als Grund wur­de der Absturz eines tür­ki­schen Mili­tär­hub­schrau­bers in Afgha­ni­stan mit 17 Todes­op­fern genannt“, wie Reu­ters schreibt.

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Gesellschaft

Liebe ist …

… über die eige­ne Part­ne­rin zu schrei­ben, es sei „schon sehr beängs­ti­gend“ gewe­sen, „nicht zu wis­sen, wie die Leu­te und die Medi­en reagie­ren“, wenn man sich mit ihr „als Paar outen“ wür­de.

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Rundfunk Print

Der charmante Froschkoch mit der blonden Laune

Seit heu­te ist offi­zi­ell, dass Mar­kus Lanz die Nach­fol­ger von Tho­mas Gott­schalk als „Wet­ten, dass..?!“-Moderator antre­ten wird. Chris­to­pher Keil, Medi­en­re­dak­teur der „Süd­deut­schen Zei­tung“, hat die Gele­gen­heit genutzt, am Sonn­tag­abend schnell noch einen Text dazu im Inter­net zu depo­nie­ren, der ver­mut­lich mor­gen auch gedruckt im Blatt erschei­nen wird.

Sein Pro­blem: Die Logik war noch im Wochen­end-Kurz­ur­laub – und hat­te die deut­sche Spra­che mit­ge­nom­men.

Er wird nicht mit einem Assis­ten­ten oder einer Assis­ten­tin arbei­ten, so viel steht fest. Gott­schalk, der mitt­ler­wei­le ver­sucht, für die ARD eine halb­stün­di­ge Late Light Show vor der Tages­schau durch­zu­set­zen, stand zuletzt die attrak­ti­ve Schwei­ze­rin Michel­le Hun­zi­ker zur Sei­te.

Gott­schalk ver­sucht, „Gott­schalk live“ „durch­zu­set­zen“? Nicht eher „aus­zu­sit­zen“ oder so?

Keil wei­ter über Gott­schalk:

Er war dar­in ein gro­ßer Enter­tai­ner, ein Vir­tuo­se des Main­stream, der „Wet­ten dass ..?“ als deut­schen Staats­zir­kus mit blon­der Lau­ne und locki­gem Humor führ­te.

Viel­leicht könn­te die Bun­des­wehr, wenn sie alle afgha­ni­schen Mohn­fel­der zer­stört hat, kurz bei einem Ein­satz im eige­nen Land die Stil­blü­ten­wie­sen des Chris­to­pher Keil umpflü­gen? Womög­lich blie­be uns dann auch ein voll­ends rät­sel­haf­ter Absatz wie die­ser hier erspart:

Sehr schnell wur­de die Fra­ge gestellt, was „Wet­ten, dass ..?“ ohne ihn künf­tig wert und wer ihm als Nach­fol­ger eben­bür­tig sei. Vie­le mel­de­ten sich und ver­kün­de­ten, sie stün­den nicht zur Ver­fü­gung – ohne je bedacht wor­den zu sein, und Gün­ther Jauch war der Ein­zi­ge, der es nicht ernst gemeint hat­te. Über ande­re wie Nazan Eckes wur­de spe­ku­liert, dabei, das wird sie selbst am bes­ten wis­sen, reich­te es bei ihr nicht ein­mal zur Spe­ku­la­ti­on.

Es wirkt nicht so, als wüss­te Keil um die Bedeu­tung des Verbs „beden­ken“. Ande­rer­seits ver­blasst die­ser Satz in sei­ner (nicht eben gerin­gen) Merk­wür­dig­keit voll­stän­dig gegen­über dem nach­fol­gen­den: Über Nazan Eckes wur­de spe­ku­liert, aber es reich­te nicht ein­mal zur Spe­ku­la­ti­on? Also qua­si die Spe­ku­la­ti­on inter­rupta, die sich auf dem Weg zu sich selbst ver­lau­fen hat­te?

Über Tho­mas Bel­lut, den desi­gnier­ten ZDF-Inten­dan­ten, an des­sen 57. Geburts­tag „das Tref­fen“ in einem ita­lie­ni­schen Restau­rant in Mainz statt­ge­fun­den hat­te, weiß Keil immer­hin zu berich­ten, dass der gebür­ti­ger Nie­der­sach­se sei. Inwie­fern das in einem Zusam­men­hang damit steht, dass Bel­lut „offen­bar belast­bar und auch durch Schlag­zei­len nicht zu erschüt­tern“ sei, weiß wohl nur Chris­to­pher Keil. Oder – haha – Chris­ti­an Wulff.

Viel­leicht inter­es­siert sich Keil aber pri­vat auch ein­fach nur für Cha­os­theo­rien, wes­we­gen er Schluss­fol­ge­run­gen wie die­se hier für sinn­voll hält:

Weil sich Lanz pri­vat für die Polar­ge­bie­te inter­es­siert, könn­te es aber sein, dass das ZDF ein Winter-„Wetten, dass ..?“ ein­führt und offen­bar spricht das ZDF mit Lanz auch über eine Aus­ga­be Kinder-„Wetten, dass ..?“. Mit Gott­schalk gab es eine Som­mer­show, die bevor­zugt in der Stier­kampf-Are­na von Pal­ma de Mal­lor­ca statt­fand.

Woher Keil das mit der Kin­der-Sen­dung weiß? Nun, er scheint einen char­man­ten, gut aus­se­hen­den Infor­man­ten zu haben:

Dass Lanz als Drit­ter gefragt wur­de, bedeu­tet nicht, dass er drit­te Wahl ist. In sei­nen Talk­shows erfährt man vie­les über Men­schen, viel mehr als gera­de bei den meis­ten, wenn auch viel Belang­lo­ses. Doch Lanz kennt sei­ne Gäs­te, er lässt sich auf sie ein, bie­tet ihnen char­mant die Stirn. Man darf sich von sei­nen guten Manie­ren, sei­nem guten Aus­se­hen und sei­nem guten Ton, den er trifft, nicht täu­schen las­sen.

… denn in Wahr­heit ist Lanz was? Ein gemein­ge­fähr­li­cher Irrer? Ein unge­ho­bel­ter Roh­ling? Ein häss­li­cher Schief­sän­ger?

Stellt sich raus: In Wahr­heit ist Lanz ein phan­tas­ti­scher Inves­ti­ga­ti­v­jour­na­list.

Als neu­lich Vize­kanz­ler Phil­ipp Rös­ler bei ihm war, begrüß­te ihn Lanz mit dem Lob: Er, der FDP-Boss Rös­ler, sei ja in sei­nen poli­ti­schen Reden zuwei­len komi­scher als Harald Schmidt. Rös­ler hat sich dar­auf­hin für eine hal­be Stun­de sehr geliebt, hat bei der Wie­der­ga­be des Streits mit der Bun­des­kanz­le­rin in der Fra­ge Gauck jedes Maß für Ver­nunft und wohl auch Anstand ver­lo­ren. Er erklär­te noch ein­mal, was es mit sei­nem Gleich­nis vom Frosch auf sich hat­te, der nicht merkt, wie er gekocht wird, sofern man das kal­te Was­ser, in dem er sitzt, lang­sam erhitzt. Alle haben sehr über Rös­ler gelacht, auch Rös­ler über sich. Dass er der Frosch im Was­ser war, den Lanz in aller Ruhe zum Kochen brach­te, merk­te er nicht.

Das deckt sich nicht ganz mit dem Ein­druck, den ich oder sonst jemand von der Sen­dung gehabt hät­te, in der Lanz als kom­plett distanz­lo­ser Mär­chen­on­kel voll­ends die Ori­en­tie­rung zwi­schen Unter­wür­fig­keit, Kum­pe­lei und Über­heb­lich­keit ver­lo­ren hat­te. Aber gut: Lanz hat den Frosch Phil­ipp Rös­ler gekocht. Das wird er künf­tig nicht mehr kön­nen, denn Lanz „wird sei­ne nächt­li­chen Gesprächs­run­den im Zwei­ten wei­ter­füh­ren, sei­ne Koch­sen­dung am Frei­tag aller­dings abge­ben“.

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Apropos kafkaesk

Drei Fragen an: Honke RambowDa staun­te Hon­ke Ram­bow, Spre­cher des Bochu­mer Off-Thea­ters Rott­str 5 Thea­ter, nicht schlecht, als er heu­te die Lokal­aus­ga­be der „West­deut­schen All­ge­mei­nen Zei­tung“ auf­schlug!

Ver­zei­hung, da ist mir der Ein­stieg jetzt doch eine Spur zu lokal­jour­na­lis­tisch gera­ten! Hon­ke Ram­bow muss aber tat­säch­lich erstaunt gewe­sen sein, als er in der „WAZ“ ein Kurz­in­ter­view mit sich selbst las – hat­te er der Zei­tung doch gar kei­nes gege­ben.

Er schreibt mir:

Merk­wür­dig dar­an ist, dass die Per­son auf dem Foto ich bin, ich aber nicht mit dem Autor kom­mu­ni­ziert habe, weder tele­fo­nisch, noch per mail.

Er habe ihm ledig­lich im Auf­trag der Fil­me­ma­cher eine Pres­se­mit­tei­lung zuge­sandt – in der dann ziem­lich genau all das steht, was der „WAZ“-Rambow auf die „WAZ“-Fragen ant­wor­tet. Ledig­lich ein paar Recht­schreib­feh­ler habe der zustän­di­ge Redak­teur in den Text ein­ge­baut:

Pres­se­mit­tei­lung
„Inter­view“ in der „WAZ“
Noch nie wur­de ein Text des indisch-bri­ti­schen Autors Sal­man Rush­die ver­filmt. Schon die­se Tat­sa­che macht den Kurz­film DER GOLDENE ZWEIG von Dreh­buch­au­tor und Regis­seur Mat­thi­as Zucker bemer­kens­wert. Noch nie wur­de ein Text des indisch-bri­ti­schen Autors Sal­man Rush­die ver­filmt. Schon die­se Tat­sa­che macht den Kurz­film „Der gol­de­ne Zweig“ beson­ders. Was sind des­sen Bochu­mer Bezü­ge?
Ent­stan­den ist der 25minütige Film als Diplom­ar­beit des Kame­ra­man­nes Eti­en­ne Kor­dys. Pro­du­ziert wur­de er von der Bochu­mer Pro­duk­ti­ons­fir­ma roug­harts mit Unter­stüt­zung der Film und Medi­en Stif­tung NRW und der Fach­hoch­schu­le Dort­mund. Die Dreh­ar­bei­ten fan­den in Dort­mund, Bochum und Essen statt. Ram­bow: Ent­stan­den ist der 25minütige Film des Dreh­buch­au­tos und Regis­seurs Mat­thi­as Zucker als Diplom­ar­beit des Kame­ra­man­nes Eti­en­ne Kor­dys. Pro­du­ziert wur­de er von der BO-Pro­duk­ti­ons­fir­ma Rough Arts, wobei die Dreh­ar­bei­ten in Dort­mund, Bochum und Essen statt­fan­den, unter Betei­li­gung vie­le Bochu­mer Schau­spie­ler wie Roland Rie­be­l­ing, Arne Nobel, Kat­ja Uffel­mann, Andre­as Bittl, Mag­da­le­na Hel­mig oder Mar­tin Bret­schnei­der.
  Wor­um geht es?
DER GOLDENE ZWEIG erzählt nach der gleich­na­mi­gen Short­sto­ry Rush­dies die Geschich­te von David Gular­ski, der ver­zwei­felt einen neu­en Job sucht. Nach mona­te­lan­ger erfolg­lo­ser Suche, wird ihm klar, dass alle Bewer­bungs­ge­sprä­che stets von der glei­chen Per­son geführt wer­den, die offen­sicht­lich nur dazu da ist ihn abzu­leh­nen. Gular­ski ent­schei­det, dass nur noch dras­ti­sche Maß­nah­men hel­fen kön­nen. In der Kurz­ge­schich­te „Der gol­de­ne Zweig“ erzählt Rush­die von David Gular­ski, der einen Job sucht. Nach mona­te­lan­ger erfolg­lo­ser Suche, wird ihm klar, dass alle Bewer­bungs­ge­sprä­che stets von der glei­chen Per­son geführt wer­den, die offen­sicht­lich nur dazu da ist, ihn abzu­leh­nen. Gular­ski ent­schei­det, dass nur noch dras­ti­sche Maß­nah­men hel­fen…
Die Dar­stel­ler die­ser durch­aus kaf­ka­es­ken Sto­ry sind über­wie­gend als Schau­spie­ler der Bochu­mer Thea­ter­sze­ne bekannt und spie­len oder spiel­ten sowohl am Schau­spiel­haus Bochum wie auch am Rottstr5Theater und am Prinz Regent Thea­ter. Allen vor­an Alex­an­der Rit­ter, der die Haupt­rol­le über­nom­men hat. Neben ihm sind unter ande­ren Roland Rie­be­l­ing, Arne Nobel, Kat­ja Uffel­mann, Andre­as Bittl, Mag­da­le­na Hel­mig und Mar­tin Bret­schnei­der zu sehen. Aus Film- und Fern­seh­pro­duk­tio­nen wie „Groß­stadt­re­vier“ und „SOKO Köln“ ist Diet­rich Adam bekannt, Timur Isik spiel­te im Ensem­ble des Münch­ner Volks­thea­ters sowie Kino- und Fern­seh­pro­duk­tio­nen. Die Dar­stel­ler die­ser durch­aus kaf­ka­es­ken Sto­ry sind durch ihre Arbeit am Schau­spiel­haus, am Thea­ter Rott­stra­ße 5 und am Prinz Regent Thea­ter bekannt. Allen vor­an Alex­an­der Rit­ter in der Haupt­rol­le.
  Wann läuft der Film an?
DER GOLDENE ZWEIG
Pre­mie­re Sonn­tag, 22.4., 12 Uhr Metro­po­lis Kino Bochum, Kurt-Schu­ma­cher-Platz 1

Der Vor­ver­kauf beginnt am 1.4.

Pre­mie­re ist am Sonn­tag, 22. April, um 12 Uhr im Metro­po­lis Kino im Haupt­bahn­hof. Der Vor­ver­kauf star­tet am 1. April.

Ram­bow erklärt wei­ter, dass er das abge­druck­te Foto tat­säch­lich mal der WAZ zur Ver­fü­gung gestellt habe, „aller­dings in einem völ­lig ande­ren Zusam­men­hang“.

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Digital

Einloggen, durchlesen, auskotzen

„Eines Tages“, die bun­te Res­te­ram­pe für wie­der­auf­be­rei­te­te Bou­le­vard­ge­schich­ten bei „Spie­gel Online“, nimmt den Tod von Schau­spie­ler John Belu­shi heu­te vor 30 Jah­ren zum Anlass, das The­ma „Tote Stars im Hotel“ in aller unap­pe­tit­li­cher Tie­fe aus­zu­leuch­ten.

Neben einem dahin geschlu­der­ten Arti­kel zu Belushis Dro­gen­lauf­bahn und deren Ende („Der Tod im Hotel­zim­mer, sonst wahl­wei­se rebel­li­scher Höhe­punkt eines exzes­si­ven Lebens oder aber tra­gi­scher Schluss­ak­kord eines ein­sa­men Kar­rie­re-Endes“) gibt es eine 24-teil­i­ge Bil­der­ga­le­rie zu all den berühm­ten Hotel­to­ten: Von Janis Jop­lin und Jimi Hen­drix über Gus­taf Gründ­gens und Oscar Wil­de bis hin zur gera­de erst ver­stor­be­nen Whit­ney Hous­ton (dass Ste­phen Gate­ly von Boy­zo­ne nicht in einem Hotel­zim­mer, son­dern in sei­nem eige­nen Apart­ment auf Mal­lor­ca gestor­ben ist, soll uns an die­ser Stel­le nicht wei­ter stö­ren – das hat es die Klick­stre­cken-Macher von „Eines Tages“ ja auch nicht).

Das alles lie­ße sich ja noch gera­de eben mit dem, der Pop­kul­tur inne­woh­nen­den Hang zum Mor­bi­den recht­fer­ti­gen. Rich­tig schlimm wird es erst dort, wo die­ser Zynis­mus auf den für „Spie­gel Online“ typi­schen Hang zum Kalau­er trifft:

Tote Stars im Hotel: Einchecken, ausrasten, ableben. Exzesse bis zum Exitus: Als John Belushi vor 30 Jahren im Hotel "Chateau Marmont" starb, war Amerika schockiert. Denn bald kam heraus, dass der Komiker sich selbst nur auf Koks und Heroin lustig fand. einestages über Stars, die in Hotelzimmern starben - und ihre einsamen letzten Nächte.

In der URL des Arti­kels taucht übri­gens auch noch die For­mu­lie­rung „Kal­ter Aus­zug“ auf.

[via Ste­fan]

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Literatur

Bruce Banner kauft sich eine neue Hose, geht aber nicht mit mir essen

Es ist Sams­tag­vor­mit­tag, eine hal­be Auto­stun­de außer­halb Man­hat­tans, an einem der ers­ten Tage, die sich mehr nach Früh­ling als nach Win­ter anfüh­len. Bruce Ban­ner stellt sein Auto etwas zu schwung­voll auf dem Park­platz einer Shop­ping Mall ab. Der renom­mier­te Nukle­ar­phy­si­ker fliegt mor­gen zu einer Kon­fe­renz nach Kap­stadt und muss vor­her noch ein paar Ber­sor­gun­gen machen. Vor allem braucht er eine neue Smo­king-Hose: Die letz­te sei ihm bei einem bedau­er­li­chen Zwi­schen­fall geris­sen, erklärt der groß gewach­se­ne Wis­sen­schaft­ler mit einem ent­schul­di­gen­den Schul­ter­zu­cken.

Ban­ner betritt das Ein­kaufs­zen­trum durch einen Sei­ten­ein­gang. Eigent­lich möge er sol­che Orte nicht, sagt er, wäh­rend er sich ein wenig hilf­los umsieht: „Zu vie­le Men­schen, zu viel Hek­tik!“ In der Innen­stadt sei es aber noch anstren­gen­der, ein­zu­kau­fen: „Zu vie­le Tou­ris­ten!“

Nach einem skep­ti­schen Blick auf einen Lage­plan weiß Ban­ner zumin­dest, wo er hin muss: Das Geschäft von Brooks Brot­hers befin­det sich im ers­ten Stock der Mall, etwa 400 Meter nach Süden. „Das soll­te zu schaf­fen sein“, mur­melt er und zieht sein Schritt­tem­po etwas an. Wir schaf­fen es etwa 30 Meter weit, dann errei­chen wir die Roll­trep­pen. Oder genau­er: Wir errei­chen sie erst mal nicht. Vor uns steht ein jun­ges Pär­chen in Mul­ti­funk­ti­ons­ja­cken, das offen­kun­dig unent­schlos­sen ist, ob es die Roll­trep­pe neh­men soll oder nicht. Die Frau sagt mit leicht pat­zi­gem Unter­ton, sie wol­le jetzt aber „da ho-hoch“, der Mann erweckt den Ein­druck, als ob er das Ein­kaufs­zen­trum am Liebs­ten flucht­ar­tig ver­las­sen wol­le, die mög­li­chen Aus­wir­kun­gen auf die wei­te­re Wochen­end­pla­nung ihn aber noch davon abhal­ten. Sekun­den ver­strei­chen, die sich wie Stun­den anfüh­len, dann tre­ten die bei­den erst ein­mal zur Sei­te. Ein Rent­ner­ehe­paar drän­gelt sich an uns vor­bei, wir bestei­gen nach ihnen die Roll­trep­pe.

„Men­schen sind die ein­zi­gen Lebe­we­sen, die sich künst­li­che Umge­bun­gen geschaf­fen haben, in denen sie sich so unwohl füh­len kön­nen wie Tie­re, die von ihren Fress­fein­den in die Enge getrie­ben wer­den“, beginnt Ban­ner zu dozie­ren, muss dann aber abbre­chen, weil die Rent­ner am Ende der Roll­trep­pe unver­mit­telt ste­hen­ge­blie­ben sind und wir auf sie auf­fah­ren wie Fer­ti­gungs­gü­ter in einer Fabrik, deren Pro­duk­ti­ons­ab­lauf emp­find­lich gestört wur­de. Ban­ner flucht lei­se und drän­gelt sich zwi­schen Rent­ner­weib­chen und ‑männ­chen hin­durch.

Die nächs­ten Meter legt der aus Talk­shows bekann­te For­scher stram­men Schrit­tes zurück, wobei er gele­gent­lich ste­hen­den oder ent­ge­gen­kom­men­den Kon­su­men­ten aus­wei­chen muss. Er erle­digt dies mit leicht tän­zeln­den Bewe­gun­gen, die bei einem Mann sei­ner Sta­tur ein wenig fehl am Plat­ze wir­ken, aber auf eine gro­ße Erfah­rung schlie­ßen las­sen. Fast dro­he ich, den Anschluss zu ver­lie­ren.

Wort­los errei­chen wir die Brooks-Brot­hers-Filia­le. Hier ist es bedeu­tend ruhi­ger als in den gro­ßen Wan­del­gän­gen der Mall, das Licht ist gedämpft und auch die Tem­pe­ra­tur liegt ein paar grad unter der im Ein­kaufs­zen­trum. Außer uns ist nur ein ein­zi­ger wei­te­rer Kun­de da, der aber die Auf­merk­sam­keit bei­der Ver­käu­fer (ein Gen­tle­man mit grau­en, zurück gegel­ten Locken und eine hüb­sche Frau Anfang drei­ßig im Kos­tüm) zu bin­den scheint: „Auf dem Weg hier­hin hab ich ’nen Klas­sen­ka­me­ra­den getrof­fen“, berich­tet der Mann, der bestimmt schon acht­zig ist, im Zun­gen­schlag des nörd­li­chen New Jer­sey. „Also: ehe­ma­li­gen Klas­sen­ka­me­ra­den. Wil­liam Fair­banks. Drau­ßen auf dem Park­platz. Bestimmt vier­zig Jah­re nicht gese­hen, aber gleich wie­der­erkannt.“ Bei­de Ver­käu­fer nicken höf­lich und ich mer­ke, wie Bruce Ban­ner neben mir laut durch­schnauft.

„Ent­schul­di­gung“, sagt er und hebt zag­haft den rech­ten Zei­ge­fin­ger. „Ich brau­che eine Smo­king-Hose!“ Die Ver­käu­fe­rin blickt ihn an, macht eine ent­schul­di­gen­de Ges­te gegen­über dem alten Mann und kommt zu uns her­über geschwebt. „Ver­zei­hung“, sagt sie, wiegt ihren Kopf leicht zur Sei­te und blickt uns mit einem erwar­tungs­fro­hen Lächeln an. „Eine Smo­king-Hose“, wie­der­holt Ban­ner, eine Spur zu barsch für die hier vor­herr­schen­de Atmo­sphä­re. Ob er wis­se, aus wel­cher Kol­lek­ti­on die­se sei­en soll, fragt ihn die jun­ge Frau ohne ein Anzei­chen von Krän­kung und führt Dr. Ban­ner mit einer flie­ßen­den Bewe­gung in den hin­te­ren Bereich des Laden­lo­kals. Ich blei­be vor­ne zurück, stu­die­re die Innen­ein­rich­tung und lau­sche noch ein wenig den Aus­füh­run­gen des alten Man­nes.

Nach zehn Minu­ten kommt Ban­ner zurück, die neue Hose bereits bezahlt und in einer papie­re­nen Tasche ver­staut. „Eine Bund­grö­ße mehr als beim letz­ten Mal“, brum­melt er etwas unge­hal­ten. „Schon wie­der zuge­nom­men!“ Wir ver­las­sen das Geschäft und sind kurz von der Atmo­sphä­re im Inne­ren der Shop­ping Mall über­wäl­tigt: Der Strom der Men­schen scheint noch dich­ter gewor­den zu sein, das Gekrei­sche der Kin­der (und ver­ein­zel­ter Ehe­frau­en) noch eine Spur schril­ler. Dem frisch neu ein­ge­klei­de­ten Wis­sen­schaft­ler ent­fährt ein lei­ses Schnau­ben. „Las­sen Sie uns zuse­hen, dass wir hier schnell raus­kom­men“, raunzt er mir zu, dann läuft ein klei­nes Mäd­chen gegen sein Bein und fällt auf ihren Hin­tern. Sie blickt sich kurz um, dann fängt sie an zu wei­nen. Ban­ner seufzt, als eine leicht hys­te­risch wir­ken­de Blon­di­ne, Sor­te Trai­ler-Park-Schön­heit, auf uns zustürzt.

„Was haben Sie mei­ner Toch­ter getan“, herrscht sie Ban­ner in einer ras­peln­den Ton­la­ge an. „Nichts“, mur­melt Ban­ner und lässt die Schul­tern hän­gen. „Wenn’s nichts wäre, wür­de sie ja wohl kaum heu­len“, argu­men­tiert die Frau und bückt sich, um ihre Toch­ter auf den Arm zu neh­men. „Was hat der böse Onkel gemacht, Jana­tha-Fay“, fragt sie das viel­leicht drei­jäh­ri­ge Kind, in des­sen Ohr­läpp­chen ich klei­ne Erd­bee­rohr­ste­cker ent­de­cke.

Das Wort­ge­fecht geht noch ein wenig wei­ter, wobei Dr. Ban­ner sei­ne zunächst etwas defen­si­ve Hal­tung schnell auf­gibt und die Frau schließ­lich anschreit, sie sol­le sich „mit ihrem ver­damm­ten Mist­blag“ gefäl­ligst „ver­pis­sen“. Das ent­spannt die Situa­ti­on nicht wirk­lich, sorgt aber dafür, dass die ohne­hin schon sehr lang­sam lau­fen­den Kun­den um uns her­um nun schlicht ste­hen blei­ben. Wir müs­sen uns durch eine Trau­be von Men­schen kämp­fen, von denen eini­ge Ban­ner kopf­schüt­telnd hin­ter­her­schau­en.

„Kom­men Sie hier lang“, sagt Ban­ner zu mir und öff­net eine Tür, auf der „Not­aus­gang“ steht. „Ich muss drin­gend eine rau­chen!“ Wäh­rend drin­nen eine Alarm­si­re­ne los­heult, ste­hen wir auf einem Git­ter­gang und sehen uns um. Der Weg führt an der Außen­wand des Ein­kaufs­zen­trums ent­lang, in 50 Metern führt eine Metall­trep­pe nach unten. Am Hori­zont zeich­net sich die Sky­line Man­hat­tans ab. Dr. Ban­ner klopft sei­ne Jacken­ta­schen ab, dann ent­fährt ihm ein Fluch: „Schei­ße! Die Kip­pen sind im Auto!“ Er macht Geräu­sche wie ein Vul­kan kurz vor der Erup­ti­on, dann stapft er lang­sam in Rich­tung der Trep­pe.

Wir errei­chen Ban­ners Auto im Lauf­schritt, wobei wir auf dem Weg dort­hin fast noch von einem SUV über­fah­ren wor­den wären – ein Zwi­schen­fall, den der renom­mier­te For­scher mit Wor­ten und Ges­ten kom­men­tier­te, die an die­ser Stel­le nicht wie­der­ge­ge­ben wer­den sol­len. Der Schweiß steht uns bei­den auf der Stirn, auf Ban­ners Kopf sind aber auch die Adern deut­lich her­vor­ge­tre­ten. Er öff­net die Bei­fah­rer­tür, schleu­dert die Tasche mit der Smo­king-Hose (250 Dol­lar) auf die Rück­bank und holt eine Packung Ziga­ret­ten aus dem Hand­schuh­fach. Dann schlägt er die Tür wie­der zu.

Ban­ner steckt sich eine Ziga­ret­te („Marl­bo­ro Red“) in den Mund­win­kel und hält mir die offe­ne Schach­tel hin, doch ich leh­ne dan­kend ab. Er wühlt in sei­nen Hosen­ta­schen und holt ein Sturm­feu­er­zeug her­vor, das er mit einer läs­si­gen Bewe­gung auf­klap­pen lässt. Er betä­tigt das Reib­rad mit dem rech­ten Dau­men, aber nichts pas­siert. „Scheiß­din­ger“, brüllt Ban­ner, „immer ist der ver­fick­te Tank leer!“ Er schleu­dert das Feu­er­zeug mit einer aus­la­den­den Bewe­gung von ober­halb sei­nes Kop­fes auf den Asphalt und tritt es mit dem Fuß weg. Das Feu­er­zeug fliegt ein paar Meter durch die Luft und zer­split­tert die Schei­be eines par­ken­den Mer­ce­des, des­sen Alarm­an­la­ge los kreischt.

„Zahlt die Ver­si­che­rung“, bellt Ban­ner, des­sen Gesichts­far­be auf mich inzwi­schen einen unge­sun­den Ein­druck macht. Womög­lich ist die For­scher­le­gen­de unter­zu­ckert. Doch bevor ich ihm anbie­ten kann, eine Klei­nig­keit zum Mit­tag zu essen, hat Ban­ner schon wie­der die Bei­fah­rer­tür auf- und in die­sem Fall auch: aus den Angeln geris­sen. Er schwingt sich auf den Bei­fah­rer­sitz und fuch­telt an der Mit­tel­kon­so­le her­um. Vor­sich­tig nähe­re ich mich sei­nem Auto und beob­ach­te, wie er den Ziga­ret­ten­an­zün­der fast aus der Innen­aus­stat­tung her­aus­reißt. Doch sein Griff scheint nicht fest genug: Für einen Moment wirkt es, als wol­le Ban­ner mit dem Ziga­ret­ten­an­zün­der jon­glie­ren, dann fällt ihm das Teil mit der glü­hen­den Spi­ra­le vor­an auf den Schoß. Ich höre einen lau­ten Schrei – und das nächs­te, wor­an ich mich erin­nern kann, ist, dass ein paar Autos durch die Luft flie­gen.

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A noisy, useless piece of junk

Ich bin mir nicht sicher, ob ich „Der Lorax“ sehen wol­len wür­de, wenn er im Juli auch in Deutsch­land anläuft. Ich bin (wie wohl die meis­ten ande­ren Men­schen in Deutsch­land) ohne die Wer­ke von Dr. Seuss auf­ge­wach­sen und habe des­halb kei­ne Kind­heits­er­in­ne­run­gen, die ich mit einem Besuch des Films auf­fri­schen oder bedie­nen könn­te. Außer­dem gehen mir 3D-Fil­me fürch­ter­lich auf die Ket­ten.

Den­noch habe ich gera­de durch Zufall auf der Web­site der „New York Times“ eine Kri­tik zu „The Lorax“ gele­sen – und was soll ich sagen: So stel­le ich mir einen ordent­li­chen Ver­riss vor.

The movie is a noi­sy, use­l­ess pie­ce of junk, rever­se-engi­nee­red into some­thing resembling popu­lar art in accordance with the reig­ning impe­ra­ti­ves of mar­ke­ting and brand exten­si­on.

War­ten Sie, geht erst los:

The movie’s sil­li­ne­ss, like its prea­chi­ness, is loud and slight­ly hys­te­ri­cal, as if young view­ers could be enter­tai­ned only by a cea­se­l­ess bar­ra­ge of sen­so­ry sti­mu­lus and pop-cul­tu­re atti­tu­de, or ins­truc­ted by songs that make the coll­ec­ted works of Up With Peo­p­le sound like Metal­li­ca.

Das war dann die Stel­le, wo bei mir tat­säch­li­che Kind­heits­er­in­ne­run­gen ein­setz­ten und ich mir bei You­Tube erst mal ein paar Songs von Up With Peo­p­le anhö­ren muss­te. Erstaun­lich, was einem mit zehn, elf Jah­ren alles gefällt, um dann über Jah­re erfolg­reich ver­drängt zu wer­den, bis so ein ver­damm­ter Neben­satz in einer Film­kri­tik alles wie­der her­vor­holt. Puh!

Aber zurück zu unse­rem Film und A.O. Scotts Abrech­nung damit. Sie nimmt den Schluss vor­weg (wahr­schein­lich, was weiß ich?) und kul­mi­niert in fol­gen­dem Satz:

The­re is an obvious meta­phor here, but the movie is blind to it, and to ever­y­thing else that is inte­res­t­ing or true in the sto­ry it tri­es to tell.

Ich glau­be, ich möch­te „The Lorax“ auf kei­nen Fall sehen.

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Fernsehen Rundfunk

Ein Abend mit Soße

Dafür, dass ich gele­gent­lich als „Medi­en­jour­na­list“ bezeich­net wer­de, kon­su­mie­re ich ver­gleichs­wei­se wenig Medi­en: Ich habe kein Abon­ne­ment einer Tages­zei­tung oder Zeit­schrift, ich höre täg­lich etwa 20 Minu­ten Radio am Früh­stücks­tisch und sehe außer­halb von Fuß­ball­über­tra­gun­gen und „Wer wird Mil­lio­när?“ eigent­lich kaum frei­wil­lig fern.

Jetzt aber hat­te ich außer­plan­mä­ßig einen beschäf­ti­gungs­frei­en Abend und weil etwa­ige Dead­lines noch viel zu weit weg waren, um mich halb­fer­ti­gen Pro­jek­ten zu wid­men, such­te ich mir eine Stel­le, an der mei­ne Couch noch nicht kom­plett durch­ge­le­gen ist, und schal­te­te den Fern­se­her ein. Das dau­ert bei mei­nem Digi­tal­re­cei­ver etwa 20 Sekun­den und erklärt viel­leicht, war­um ich so ungern fern­se­he.

Nach einer kur­zen Zap­ping-Ein­ge­wöh­nungs­pha­se lan­de­te ich beim MDR, einem für mich hoch­gra­dig rät­sel­haf­ten Sen­der. Ich geriet mit­ten hin­ein in „Echt – Das Maga­zin zum Stau­nen“, wo gera­de ein paar Feu­er­wehr­leu­te in ein Gebäu­de ein­dran­gen und sofort bewusst­los zu Boden gin­gen. Alles an die­ser Sen­dung wirk­te wie das, was ich von RTL 2 in Erin­ne­rung hat­te: Die nach­ge­stell­ten Sze­nen, die dazu­ge­hö­ri­ge Ton­spur mit dra­ma­ti­scher Musik und bedeu­tungs­schwan­ge­rem Off-Spre­cher, die Inter­views mit Betrof­fe­nen – sogar das Aus­se­hen der Bauch­bin­den, auf denen ihr Name stand. Alles schrie „Action“, und der Kon­trast zu dem bie­de­ren MDR-Logo oben rechts hät­te kaum grö­ßer sein kön­nen.

Tra­di­tio­nell spie­ßi­ges Regio­nal­fern­se­hen war Gott­sei­dank nur einen Tas­ten­druck ent­fernt, beim Hes­si­schen Rund­funk, der gera­de „Die Lieb­lings­ge­rich­te der Hes­sen“ kür­te. Dabei han­delt es sich um eine die­ser Lis­ten-Sen­dun­gen mit „pro­mi­nen­ten“ Stich­wort­ge­bern, die in den drit­ten Pro­gram­me der ARD inzwi­schen alle ande­ren For­ma­te erset­zen. Vom „Focus“ haben die Pro­gramm­ma­cher gelernt, dass sich alles in absur­den Ran­kings abbil­den lässt, und das wird jetzt gna­den­los durch­ge­zo­gen. Allein der HR hat im ver­gan­ge­nen Jahr 25 die­ser Sen­dun­gen aus­ge­strahlt, die Erst­aus­strah­lung der „Lieb­lings­ge­rich­te“ liegt immer­hin schon zwei­ein­halb Mona­te zurück. Ich kam gera­de recht­zei­tig, um u.a. den Komi­ker Bodo Bach, den ARD-Bör­sen­ex­per­ten Frank Leh­mann und ande­re, mir nicht bekann­te Hes­sen bei der Lob­prei­sung der „Grü­nen Soße“ zu beob­ach­ten. Mit gro­ßer Ernst­haf­tig­keit spra­chen sie über die Varie­tä­ten der Rezep­tur, konn­ten mir das gezeig­te Essen oder gene­rell die hes­si­sche Lebens­art dabei aber auch nicht schmack­haf­ter machen.

Auf Eins Extra erwisch­te ich im Anschluss die End­aus­läu­fer einer Wie­der­ho­lung von „Hart aber fair“, was ich eigent­lich aus Prin­zip nicht gucken kann. Im spe­zi­el­len Fall sprach aber gera­de Prof. Hell­muth Kara­sek über die Gemein­sam­kei­ten von Robert Musils „Die Ver­wir­run­gen des Zög­lings Tör­leß“ und dem Inter­net, nach­dem kurz zuvor der mir durch zahl­rei­che Tele­fon­ge­sprä­che bekann­te Medi­en­an­walt Ralf Höcker erklärt hat­te, wie man unlieb­sa­me Infor­ma­tio­nen über sich aus dem Inter­net löschen las­sen kann. „Was zum Hen­ker ist denn da das The­ma“, dach­te ich und war auch schon gefan­gen genom­men von Kara­sek, Höcker, Tho­mas Gott­schalk, Ross Ant­o­ny und Mir­jam Weich­sel­braun, die die Fra­ge ver­han­del­ten, wie viel Öffent­lich­keit der Mensch ver­tra­ge. Der­lei Fern­seh­dis­kus­sio­nen sind ja in der Regel so ergie­big wie Dis­kus­sio­nen im Inter­net, also: gar nicht, und das war doch mal eine schö­ne Erkennt­nis, dass das Inter­net, das Fern­se­hen und Robert Musil so viel gemein­sam haben. Außer­dem muss­te ich durch Zufall die ein­zi­ge Talk­show des Jah­res erwischt haben, in der weder Peter Hint­ze noch Niko­laus Blo­me saßen. Nicht mal Richard David Precht war anwe­send, dafür mach­te Kara­sek den ahnungs­lo­sen Frank Plas­berg kurz mit der Radio­theo­rie des Ber­tolt Brecht bekannt.

Zeit für den ZDF Info­ka­nal und den Mann, auf den ich schon den gan­zen Abend gewar­tet hat­te: Adolf Hit­ler. Irgend­ein His­to­ri­ker oder Medi­en­wis­sen­schaft­ler wird sicher schon her­aus­ge­fun­den haben, dass Hit­ler dank der vie­len Doku­men­ta­tio­nen auf n‑tv, N24 und eben ZDF info fast 70 Jah­re nach Kriegs­en­de pro Tag mehr Sen­de­zeit hat als zu Leb­zei­ten im staat­li­chen Rund­funk. Im kon­kre­ten Fall saß Hit­ler mal wie­der im Bun­ker. Auf einen Spoi­ler-Alert kann ich glaub ich ver­zich­ten, aber eine digi­tal ani­mier­te Kame­ra­fahrt durch den Pri­vat­raum, in dem Hit­ler und Eva Braun star­ben, hat­te ich noch nicht gese­hen. Die anschlie­ßen­de Schil­de­rung, wie ein Zeu­ge den Füh­rer auf­ge­fun­den hat­te, war dann lei­der nicht bebil­dert.

Nicht mit Ani­ma­tio­nen geiz­te auch die anschlie­ßen­de Doku­men­ta­ti­on über den Vesuv und die Gefahr, die von ihm aus­ging. Als hät­te Roland Emme­rich Pli­ni­us den Jün­ge­ren ver­filmt, konn­ten die Zuschau­er den kom­men­den Unter­gang Nea­pels beob­ach­ten, anmo­de­riert von drei armen Wis­sen­schaft­lern, die in einer Lager­hal­le Spiel­sze­nen­ar­tig die Rah­men­hand­lung geben muss­ten. Zusam­men­fas­send lässt sich wohl sagen, dass man so einem Vul­kan­aus­bruch bes­ser aus dem Weg gehen soll­te, wenn er sich denn so ereig­nen soll­te, wie er „zumin­dest nicht unwahr­schein­lich“ skiz­ziert, ach was: in Öl gemalt wur­de.

Da auch Umschal­ten bei mei­nem Recei­ver unan­stän­dig viel Zeit in Anspruch nimmt, blieb ich wei­ter beim ZDF Info­ka­nal, wo sie im Anschluss einen PKW fern­steu­er­ten. Na gut, dann viel­leicht doch noch mal von vor­ne durch­zap­pen. Im Ers­ten tra­fen sich inzwi­schen „Men­schen bei Maisch­ber­ger“ und nach dem irri­tie­ren­den „Hart aber Fair“-Erlebnis war hier wie­der alles wie erwar­tet: Da saßen fünf, sechs Leu­te in einer Sofa­land­schaft und schrie­en sich an. Puh, schnell wei­ter. Im ZDF erklär­te Harald Lesch, wir Men­schen, „Sie, ich, wir alle“, wür­den zu 92 Pro­zent aus Ster­nen­staub bestehen. Das habe auch Nova­lis schon geschrie­ben, nur anders gemeint.

Das reich­te. Ich konn­te nicht mehr.

Musik!

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Moby – We Are All Made Of Stars von EMI_​Music

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WunderInnen gibt es immer wieder

Pro­mo­ter wäre auch kein Job für mich: Die meis­te Zeit muss man ver­su­chen, Bands, die nie­mand hören will, oder Pro­duk­te, die nie­mand braucht, in der Pres­se zu plat­zie­ren – also: Leu­te ner­ven. Hat man durch einen glück­li­chen Zufall etwas im Port­fo­lio, um das sich die Jour­na­lis­ten prü­geln wür­den (den ange­sag­ten Pop­star, das neu­es­te Smart­phone, den Debüt­ro­man der Toch­ter eines berühm­ten Thea­ter­man­nes), ist man zur Selek­ti­on gezwun­gen – und wie­der has­sen einen die Leu­te.

Im Wust der vie­len News­let­ter, die mich heu­te erreich­ten, war aller­dings einer, der mich auf­hor­chen ließ:

Guten Tag,

Zum ers­ten Mal fin­det in Deutsch­land ein Fes­ti­val statt, des­sen Pro­gramm aus­schließ­lich Musi­ke­rIn­nen prä­sen­tiert!

Von den „Women Of The World“-Konzerten, die im Umfeld der Frank­fur­ter Musik­mes­se über die Büh­ne gehen, wol­len wir zwei her­aus­grei­fen: Gab­by Young & Fri­da Gold am 18. März sowie Jen­ni­fer Ros­tock & Gua­no Apes am 21.März.

Nun kann man sicher dar­über strei­ten, ob aus­ge­rech­net Jen­ni­fer Ros­tock, die Gua­no Apes und Fri­da Gold 1 dazu geeig­net sind, das Anse­hen von Musi­ke­rin­nen (oder auch nur von Musik) zu stei­gern.

Aber das Pro­blem steckt ganz woan­ders: „ein Fes­ti­val, des­sen Pro­gramm aus­schließ­lich Musi­ke­rIn­nen prä­sen­tiert“?

Das Bin­nen­ma­jus­kel in „Musi­ke­rIn­nen“ steht eigent­lich für „Musi­ke­rin­nen und Musi­ker“ – und das ist, egal wie man es liest, Quatsch:

  • Wer, außer Musi­ke­rin­nen und Musi­kern, soll­te bei so einem Fes­ti­val schon auf­tre­ten? Okay: Inter­se­xu­el­le und Robo­ter viel­leicht. Aber sonst?
  • „Aus­schließ­lich Musi­ke­rin­nen“ tre­ten da auch nicht auf: Fri­da Gold, Jen­ni­fer Ros­tock und die Gua­no Apes haben jeweils ein weib­li­ches Band­mit­glied (die Sän­ge­rin), denen ins­ge­samt zehn männ­li­che gegen­über­ste­hen.
  • Selbst wenn aus­schließ­lich Musi­ke­rin­nen auf der Büh­ne stün­den, wäre das auch nicht „zum ers­ten Mal in Deutsch­land“ der Fall: Es gab und gibt jede Men­ge „Lady­fes­te“, bei denen teil­wei­se nur Frau­en oder wenigs­tens über­wie­gend Frau­en auf der Büh­ne stan­den.

Aber fol­gen Sie mir doch gera­de noch kurz in die Abgrün­de der PR:

Die­se drei Bei­spie­le aus der aktu­el­len deut­schen Musik­sze­ne reprä­sen­tie­ren bei ins­ge­samt 15 (pri­mär inter­na­tio­nal besetz­ten!) Kon­zer­ten stell­ver­tre­tend eine eben­so nahe lie­gen­de wie inno­va­ti­ve Idee: aus­schließ­lich Frau­en­power eine Büh­ne zu bie­ten! Die Ver­an­stal­ter hof­fen, dass die Pre­mie­re der Start­schuss ist, um „Main­hat­tan“ mit­tel­fris­tig als opti­ma­le Platt­form für Shows von Musi­ke­rIn­nen der unter­schied­lichs­ten Gen­res auf einem Fes­ti­val zu eta­blie­ren.

Aber gut: Das „Women of the World“-Festival sei hier­mit ange­kün­digt.

Ich muss wei­ter: Hier ist grad der (tat­säch­lich) ers­te News­let­ter der Mensch­heits­ge­schich­te ange­kom­men, in dem zwar der Name „Die­ter Gor­ny“ steht, das Wort „Krea­tiv­wirt­schaft“ aber fehlt. Und das kann ja nun wirk­lich nicht sein!

  1. Die Band mit der schreck­li­chen Jury-Frau aus „Unser Star für Baku“.[]