Die Deutsche Presseagentur (dpa) vermeldete gestern, die Schauspielerin Charlize Theron habe sich öffentlich bewundernd über das beachtliche Gemächt geäußert, das ihr Kollege Michael Fassbender im Film „Shame“ mehrfach vor laufender Kamera entblößt.
Medien wie „Welt Online“ stehen damit vor einem Problem: Einerseits müssen sie ihre Leser natürlich über diesen Vorgang informieren – andererseits haben sie dann doch nicht die … äh: Eier, dieses Mitteilungsbedürfnis konsequent umzusetzen.
Und so entstehen dann Überschriften wie diese:
Kann natürlich auch sein, dass sie bei „Welt Online“ einfach Angst hatten, wegen einer möglichen falschen Terminologie Ärger mit den Sittenwäächtern von „Meedia“ zu bekommen.
Ich kann mit der Band Unheilig und ihrer Musik nichts anfangen, habe aber einen gewissen Respekt davor, wie der sogenannte Graf da seit Jahren sein Ding durchzieht und damit inzwischen auch große Erfolge feiert. Vergangenen Freitag erschien das neue Album „Lichter der Stadt“, das natürlich auf Platz 1 der Charts einsteigen wird.
Der Kollege Sebastian Dalkowski hat den Grafen für „RP Online“ getroffen und es ist das großartigste Interview mit dem König des Gothic-Schlagers, das ich je gelesen habe.
Gut: Es ist auch das bisher Erste, aber es ist trotzdem überraschend unterhaltsam.
Auf Ihren Konzerten und in Ihren Videos sind immer Kerzen zu sehen. Wo kaufen Sie die?
Das sind Altarkerzen. Meine ersten Kerzen habe ich, da ich aus Aachen komme, noch im Kerzenladen am Dom gekauft. Die haben sich natürlich gefreut, als ich 30 Stück genommen habe. Die Dinger sind schließlich schweineteuer. Damals war es noch richtig schwer, so viele auf einmal zu kaufen. Heute geht das alles übers Internet. Als ich mit Unheilig angefangen habe, war Internet noch nicht normal. Ich habe 1999 noch darüber nachgedacht: Sollste dir dieses Internet anschaffen?
Augen auf beim Kerzenkauf?
Man sollte die guten Kerzen kaufen. Die Kerzen werden auf Tour oft an- und ausgemacht. Und bei schlechten Kerzen wird der Docht dann immer kürzer und du bekommst sie nicht mehr an. Das kennen wir vom Adventskranz, wenn schon am zweiten Advent die Kerze vom ersten Advent nicht mehr brennen will. Da musst du dann das Schweizer Taschenmesser rausholen, um den Docht freizukratzen.
Eine Jury in New Jersey hat gestern den 20-jährigen Dharun Ravi für schuldig befunden, ein hate crime an seinem Mitbewohner Tyler Clementi begangen zu haben. „Spiegel Online“ beschreibt die Ausgangslage so:
Es war der 19. September, an dem Clementi laut Zeugenaussagen Ravi bat, den gemeinsamen Raum zu verlassen, er wolle einen Gast empfangen. Ravi twitterte: „Mitbewohner wollte den Raum bis Mitternacht haben. Ich bin in Mollys (eine Freundin, Anm. d. Redaktion) Zimmer gegangen und habe meine Webcam angeschaltet. Ich habe gesehen, wie er mit einem Kerl rummachte. Juhu.“
The case was a rare one in which almost none of the facts were in dispute. Mr. Ravi’s lawyers agreed that he had set up a webcam on his computer, and had then gone into a friend’s room and viewed Mr. Clementi kissing a man he met a few weeks earlier on a Web site for gay men. He sent Twitter and text messages urging others to watch when Mr. Clementi invited the man again two nights later, then deleted messages after Mr. Clementi killed himself.
That account had been established by a long trail of electronic evidence — from Twitter feeds and cellphone records, dormitory surveillance cameras, dining hall swipe cards and a “net flow” analysis showing when and how computers in the dormitory connected.
Die digitalen Beweise waren dann wohl auch ausschlaggebend für die sehr differenzierten Entscheidungen der Jury.
Ravis Anwälte hatten argumentiert, ihr Mandant sei „ein Kind“, das wenig Erfahrung mit Homosexualität habe und in eine Situation geraten sei, die ihn geängstigt habe. In entschuldigenden SMS-Nachrichten an Clementi habe Ravi geschrieben, dass er keine Probleme mit Homosexualität habe und sogar einen engen Freund habe, der schwul sei.
(At almost the exact moment he sent the apology, Mr. Clementi, 18, committed suicide after posting on Facebook, „jumping off the gw bridge sorry“).
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Der Selbstmord von Tyler Clementi war einer von mehreren im Spätsommer/Herbst 2010. Mindestens neun Schüler und Studenten zwischen 13 und 19 Jahren glaubten, keinen anderen Ausweg mehr zu haben, als ihrem Leben ein Ende zu setzen, weil sie Opfer von Diskriminierungen und Angriffen wurden, nur weil sie schwul waren oder man sie dafür hielt.
Als Reaktion auf diese Selbstmorde wurde das sehr bewegende Projekt „It gets better“ ins Leben berufen, bei der Prominente und Nichtprominente, Künstler und Politiker, TV-Moderatoren und Polizisten homosexuellen Jugendlichen – ach, eigentlich allen Jugendlichen – Mut machten, dass ihr Leben besser werde.
Dem Projekt ist vorgeworfen worden, gefährlich unterambitioniert zu sein, weil es nicht auf die Beseitigung der Ursachen von Diskriminierung zielt, sondern bloß ihre Opfer zum Überleben auffordert. Diese Kritik ist nachvollziehbar, aber sie trifft nicht. Zum einen hat Dan Savage recht, wenn er sagt, dass es zunächst einmal darum geht, akut bedrohten Jugendlichen unmittelbar Hoffnung zu geben und auf Ansprechpartner hinzuweisen. Zum anderen belassen es die Mitwirkenden keineswegs immer bei dem Versprechen, dass es nach der Schule, nach der Pubertät, überhaupt in Zukunft schon besser werden wird. Viele greifen, wie Ellen, den Skandal an, dass die Diskriminierung immer noch zugelassen wird. Dass es ein Klima der Intoleranz gibt, das die Verhöhnung von Schwulen zulässt und fördert.
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Die Chicagoer Band Rise Against hat einen Song über die „September’s Children“ geschrieben, mit dem die Musiker auch „It gets better“ unterstützen wollen, und Sie sollten sich das Video unbedingt in voller Länge ansehen:
Jedes Mal, wenn ich dieses Video sehe, denke ich vor der Marke von 3:05 Minuten: „Das können die nicht wirklich so zeigen“, und dann kommt dieser Bruch und ich habe jedes verdammte Mal wieder Gänsehaut und bin gerührt, aufgewühlt und völlig fertig. So ein Video hätte verdammt schief gehen können, aber ich finde, es ist der Band und ihrem Regisseur Marc Klasfeld erstaunlich gut gelungen.
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Im Text heißt es „What God would damn a heart? / And what God drove us apart? / What God could / Make it stop / Let this end“, und Religion rückt in den USA auch nach Dharun Ravis Schuldspruch in den Fokus.
There are many more Tyler Clementi tragedies waiting to unfold if we continue to close our minds to the harm caused by religious teaching’s bias and intimidation toward gay. lesbian bisexual and transgender individuals, especially youth and families.
The story of Tyler Clementi’s death has been one of the most publicized teen suicides in recent memory. Unfortunately, a review of media interviews and print news articles over the last 18 months produces only a few hints to the role religious teaching may have played in Clementi’s emotional and psychological distress.
Es ist für Europäer kaum zu verstehen, was für christliche Splittergruppen diese Evangelikalen, Methodisten, Presbyterianer und Lutheraner eigentlich sind, aber ihre Haltung zur Homosexualität lässt die meisten deutschen Kardinäle wie liberale Aktivisten aussehen. Und, was noch viel schlimmer ist, diese Gruppierungen werden von ihren Mitgliedern ernst genommen:
Nach dem Schuldspruch gab der Fernsehprediger Bill Keller dem CNN-Moderator Anderson Cooper, Rachel Maddow von CNBC, der Moderatorin Ellen DeGeneres, den Medien und den „feigen Priestern“ die Schuld am Tod von Tyler Clementi:
Suicide is a desperate and selfish act that is ultimately the sole responsibility of the person who made the choice to end their life. Everyone who commits suicide has reasons that led them to make such a horrible decision. The fact is, suicide is exponentially higher amongst those who choose the homosexual lifestyle, and while those in the media want to blame people like myself who take a Biblical stand on this issue, the fact is, they are the ones most responsible!
So einfach kann man sich das machen: Nicht die Atmosphäre voll Hass und Ablehnung ist schuld, in der junge Homosexuelle aufwachsen müssen, natürlich sowieso nicht diejenigen, die sich auf die Bibel berufen, sondern die, die sagen, dass es völlig okay sei, Menschen des selben Geschlecht zu lieben!
Ich habe die Hoffnung, dass Hassprediger wie Keller dereinst mit einem „Sorry, Du hast da was wahnsinnig missverstanden“ an der Himmelspforte abgewiesen werden.
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Kinder und Jugendliche waren immer schon grausam zueinander, aber die heutigen technischen Möglichkeiten bieten denen, die sich über andere erheben wollen, ganz neue Verbreitungswege und viel größere Zielgruppen – und letztlich ahmen die Jungen vor allem nach, was ihnen die Alten in der Gesellschaft vorleben. Es gibt unterschiedliche Meinungen, ob es eine gute Idee war, Ravi eines hate crimes für schuldig zu befinden, also einer aus Vorurteilen begangenen Straftat, oder ob sich die Jury nicht auf die anderen Anklagepunkte hätte beschränken sollen.
Ravi did not invent homophobia, but he is being scapegoated for it. Bias against gay people is, sadly, embedded in American culture. Until last year people were being kicked out of the military because they were homosexuals. None of the four leading presidential candidates – President Obama, Mitt Romney, Rick Santorum, Newt Gingrich – thinks that gay people should be allowed to get married. A better way to honor the life of Clementi would be for everyone to get off their high horse about a 20-year-old kid and instead think about how we can promote civil rights in our own lives.
Though a national conversation about civility and respect would have been better, as usual for social problems, we looked to the criminal justice system. The United States incarcerates more of its citizens than any country in the world. We are an extraordinarily punitive people.
Clementi died for America’s sins. And now, Ravi faces years in prison for the same reason.
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Nach dem Schuldspruch wandte sich Tyler Clementis Vater Joe mit einer Botschaft an die Öffentlichkeit:
To our college, high school and even middle-school youngsters, I would say this: You’re going to meet a lot of people in your lifetime. Some of these people you may not like. But just because you don’t like them, does not mean you have to work against them. When you see somebody doing something wrong, tell them, „That’s not right. Stop it.“
You can make the world a better place. The change you want to see in the world begins with you.
So wie es aussieht, wird es morgen in Bochum zu Großdemonstrationen mit mehr als 30.000 Teilnehmern kommen – und das liegt ausnahmsweise nicht daran, dass mal wieder irgendeine Produktionsstätte geschlossen werden soll. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan soll in der Bochumer Jahrhunderthalle aus den Händen von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder den sogenannten „Steiger Award“ in der Kategorie „Europa“ erhalten, „auch als deutliches Zeichen für gelebte deutsch-türkische Freundschaft“.
Nun könnte man einwenden, ein Ministerpräsident, der die Türken in Deutschland vor Assimilation warnt und den Völkermord der Türken an den Armeniern abstreitet, dessen Regierung die Pressefreiheit nicht sonderlich ernst nimmt und dessen Land unbequeme Journalisten einsperrt, so ein Ministerpräsident sollte vielleicht besser keinen Preis bekommen, da könnte man ja auch gleich Bushido mit einem Integrationspreis auszeichnen. Aber lassen Sie mich erst mal zu dem Preis selbst kommen.
In Deutschland werden viele merkwürdige Preise verliehen, von den meisten bekommt man allerdings nichts mit. Auch der „Steiger Award“ war bisher vor allem seinem Veranstalter, den lokalen Persönlichkeiten, die zur Verleihung eingeladen werden, und den Managern der Preisträger ein Begriff.
Der Steiger Award ist entstanden aus Privatinitiative und dem Wunsch der kulturellen, sozialen und gesellschaftlichen Förderung der Region.
Das Ruhrgebiet in der Mitte Europas sollte stärker in den Fokus rücken. Der Steiger Award ist Preis und Philosophie zugleich. Wir ehren Persönlichkeiten, die sich durch Geradlinigkeit, Offenheit, Menschlichkeit und Toleranz auszeichnen.
Der Begriff „Steiger“ stammt aus dem Bergbau und dient als Synonym für die Geradlinigkeit und Offenheit der Bergleute, der sogenannten „Steiger“. Jährlich entscheidet eine Jury darüber, wer die Auszeichnung in den Bereichen Film, Musik, Kunst, Sport, Charity, Umwelt, Toleranz und für sein Engagement zur Einigung Europas erhält.
Der Veranstalter, das ist Sascha Hellen, ein Mann Mitte 30, der das sogenannte Netzwerken zu seinem Beruf gemacht hat. Anders als Carsten Maschmeyer, der aktuell in „Bild“ erklärt, wie man Kontakte knüpft und nutzt, hat Hellen nichts mit dem Verkauf dubiosen Finanzdienstleistungen zu tun, denn er verkauft: nichts. Er vermittelt Redner, organisiert Veranstaltungen und sorgt so dafür, dass sich irgendwelche Leute und Vereine mit zu viel Geld im Licht von berühmten Leuten sonnen können, die auch schon sehr viel Geld haben, jetzt aber noch mehr, weil Hellen sie an diese Leute und Vereine vermittelt. Es ist eine Win-Win-Situation, die niemandem weh tut, mittelglamouröse Fotos für die Lokalzeitungen ab- und nur ganz am Rande die Frage aufwirft, zu was für absurden Auswüchsen so eine Menschheit eigentlich in der Lage ist.
Nun passen das Ruhrgebiet und Glamour-Veranstaltungen für die Oberen Zehntausend eher nicht zusammen, aber man kann natürlich mal versuchen, ob man den Leuten hier ihre generelle Skepsis gegenüber allem, was sie nicht kennen, nicht ein bisschen aberziehen kann. Die Oberbürgermeisterin hält den „Steiger Award“ dann auch aus unerfindlichen Gründen für ein Prestigeprojekt, das wichtig für das Ansehen Bochums sei – ganz so, als ob sich Shimon Peres, Bob Geldof oder Christopher Lee merken könnten, ob sie einen dieser merkwürdigen deutschen Preise auf ihrem Kaminsims jetzt in Bochum oder in Offenburg in Empfang genommen haben.
Vergangenes Jahr wollte Hellen den Bochumern einen Abend mit Josef Ackermann schenken – ausgerechnet im Bochumer Schauspielhaus, das sich traditionell eher den Arbeitern als irgendwelchen Bankdirektoren verpflichtet fühlt. Der frühere Intendant des Hauses, Frank-Patrick Steckel, protestierte öffentlich dagegen und irgendwann sagte Ackermann schließlich entnervt ab. Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz veröffentlichte eine gemeinsame Erklärung mit Veranstalter Sascha Hellen, in der sie sich „in aller Form für die unwürdige Diskussion“ entschuldigte.
Jetzt also soll Recep Tayyip Erdogan den „Steiger Award“ bekommen und unter Umständen könnte man den Quatschpreis Quatschpreis seien lassen, wenn die Schirmherrin der Veranstaltung nicht gerade Oberbürgermeisterin Scholz wäre. Vertreter der Landesregierung haben ihre Teilnahme inzwischen aus verschiedenen Gründen (Bundespräsidentenwahl, andere Termine) abgesagt. Von Gerhard Schröder ist eh kein Anstand zu erwarten, der hätte letztes Jahr schon den ebenso schwachsinnigen Quadriga-Preis an Wladimir Putin überreichen sollen, wenn die Veranstaltung nicht nach harscher Kritik und einem Ausstieg des Preiskomitees abgesagt worden wäre.
Die Kritik, die zunächst eherregional zu hören war, ist inzwischen bei den nationalen Nachrichtenagenturen angekommen: dpa, AFP und Reuters berichten über Ralph Giordano, den Deutschen Journalistenverband und CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt, die die Preisverleihung an Erdogan kritisiert haben (zugegebenermaßen nicht die seriösesten Kritiker, die ich mir vorstellen könnte), gestern erschien auch bei „Spiegel Online“ ein Artikel zu dem Thema.
Die Veranstalter melden sich seit Tagen mit immer staatstragenderen Beschwichtigungsschreiben zu Wort, in denen sie erklären, die Auszeichnung sei „ausdrücklich keine Bewertung der innen- und außenpolitischen Aktivitäten des türkischen Ministerpräsidenten“, der Preis sei „stellvertretend für 50 Jahre deutsch-türkische Freundschaft“ gemeint und die Auseinandersetzung mit Erdogans Politik solle „durch einen kritischen Diskurs erfolgen, nicht durch Ausgrenzung“. Dass der Protest solche Dimensionen annehme, damit habe er nicht gerechnet, sagte Hellen der „WAZ“.
Eine Person hat sich zu dem ganzen Dilemma noch gar nicht geäußert: Oberbürgermeisterin Dr. Ottilie Scholz, die Schirmherrin des „Steiger Awards“. Vermutlich wird sie sich erst morgen zu Wort melden, wenn sie sich bei Erdogan in aller Form entschuldigt.
Nachtrag, 17. März: Ministerpräsident Erdogan hat seine Teilnahme am „Steiger Award“ abgesagt. „Als Grund wurde der Absturz eines türkischen Militärhubschraubers in Afghanistan mit 17 Todesopfern genannt“, wie Reuters schreibt.
… über die eigene Partnerin zu schreiben, es sei „schon sehr beängstigend“ gewesen, „nicht zu wissen, wie die Leute und die Medien reagieren“, wenn man sich mit ihr „als Paar outen“ würde.
Seit heute ist offiziell, dass Markus Lanz die Nachfolger von Thomas Gottschalk als „Wetten, dass..?!“-Moderator antreten wird. Christopher Keil, Medienredakteur der „Süddeutschen Zeitung“, hat die Gelegenheit genutzt, am Sonntagabend schnell noch einen Text dazu im Internet zu deponieren, der vermutlich morgen auch gedruckt im Blatt erscheinen wird.
Sein Problem: Die Logik war noch im Wochenend-Kurzurlaub – und hatte die deutsche Sprache mitgenommen.
Er wird nicht mit einem Assistenten oder einer Assistentin arbeiten, so viel steht fest. Gottschalk, der mittlerweile versucht, für die ARD eine halbstündige Late Light Show vor der Tagesschau durchzusetzen, stand zuletzt die attraktive Schweizerin Michelle Hunziker zur Seite.
Gottschalk versucht, „Gottschalk live“ „durchzusetzen“? Nicht eher „auszusitzen“ oder so?
Keil weiter über Gottschalk:
Er war darin ein großer Entertainer, ein Virtuose des Mainstream, der „Wetten dass ..?“ als deutschen Staatszirkus mit blonder Laune und lockigem Humor führte.
Vielleicht könnte die Bundeswehr, wenn sie alle afghanischen Mohnfelder zerstört hat, kurz bei einem Einsatz im eigenen Land die Stilblütenwiesen des Christopher Keil umpflügen? Womöglich bliebe uns dann auch ein vollends rätselhafter Absatz wie dieser hier erspart:
Sehr schnell wurde die Frage gestellt, was „Wetten, dass ..?“ ohne ihn künftig wert und wer ihm als Nachfolger ebenbürtig sei. Viele meldeten sich und verkündeten, sie stünden nicht zur Verfügung – ohne je bedacht worden zu sein, und Günther Jauch war der Einzige, der es nicht ernst gemeint hatte. Über andere wie Nazan Eckes wurde spekuliert, dabei, das wird sie selbst am besten wissen, reichte es bei ihr nicht einmal zur Spekulation.
Es wirkt nicht so, als wüsste Keil um die Bedeutung des Verbs „bedenken“. Andererseits verblasst dieser Satz in seiner (nicht eben geringen) Merkwürdigkeit vollständig gegenüber dem nachfolgenden: Über Nazan Eckes wurde spekuliert, aber es reichte nicht einmal zur Spekulation? Also quasi die Spekulation interrupta, die sich auf dem Weg zu sich selbst verlaufen hatte?
Über Thomas Bellut, den designierten ZDF-Intendanten, an dessen 57. Geburtstag „das Treffen“ in einem italienischen Restaurant in Mainz stattgefunden hatte, weiß Keil immerhin zu berichten, dass der gebürtiger Niedersachse sei. Inwiefern das in einem Zusammenhang damit steht, dass Bellut „offenbar belastbar und auch durch Schlagzeilen nicht zu erschüttern“ sei, weiß wohl nur Christopher Keil. Oder – haha – Christian Wulff.
Vielleicht interessiert sich Keil aber privat auch einfach nur für Chaostheorien, weswegen er Schlussfolgerungen wie diese hier für sinnvoll hält:
Weil sich Lanz privat für die Polargebiete interessiert, könnte es aber sein, dass das ZDF ein Winter-„Wetten, dass ..?“ einführt und offenbar spricht das ZDF mit Lanz auch über eine Ausgabe Kinder-„Wetten, dass ..?“. Mit Gottschalk gab es eine Sommershow, die bevorzugt in der Stierkampf-Arena von Palma de Mallorca stattfand.
Woher Keil das mit der Kinder-Sendung weiß? Nun, er scheint einen charmanten, gut aussehenden Informanten zu haben:
Dass Lanz als Dritter gefragt wurde, bedeutet nicht, dass er dritte Wahl ist. In seinen Talkshows erfährt man vieles über Menschen, viel mehr als gerade bei den meisten, wenn auch viel Belangloses. Doch Lanz kennt seine Gäste, er lässt sich auf sie ein, bietet ihnen charmant die Stirn. Man darf sich von seinen guten Manieren, seinem guten Aussehen und seinem guten Ton, den er trifft, nicht täuschen lassen.
… denn in Wahrheit ist Lanz was? Ein gemeingefährlicher Irrer? Ein ungehobelter Rohling? Ein hässlicher Schiefsänger?
Stellt sich raus: In Wahrheit ist Lanz ein phantastischer Investigativjournalist.
Als neulich Vizekanzler Philipp Rösler bei ihm war, begrüßte ihn Lanz mit dem Lob: Er, der FDP-Boss Rösler, sei ja in seinen politischen Reden zuweilen komischer als Harald Schmidt. Rösler hat sich daraufhin für eine halbe Stunde sehr geliebt, hat bei der Wiedergabe des Streits mit der Bundeskanzlerin in der Frage Gauck jedes Maß für Vernunft und wohl auch Anstand verloren. Er erklärte noch einmal, was es mit seinem Gleichnis vom Frosch auf sich hatte, der nicht merkt, wie er gekocht wird, sofern man das kalte Wasser, in dem er sitzt, langsam erhitzt. Alle haben sehr über Rösler gelacht, auch Rösler über sich. Dass er der Frosch im Wasser war, den Lanz in aller Ruhe zum Kochen brachte, merkte er nicht.
Das deckt sich nicht ganz mit dem Eindruck, den ich oder sonstjemand von der Sendung gehabt hätte, in der Lanz als komplett distanzloser Märchenonkel vollends die Orientierung zwischen Unterwürfigkeit, Kumpelei und Überheblichkeit verloren hatte. Aber gut: Lanz hat den Frosch Philipp Rösler gekocht. Das wird er künftig nicht mehr können, denn Lanz „wird seine nächtlichen Gesprächsrunden im Zweiten weiterführen, seine Kochsendung am Freitag allerdings abgeben“.
Da staunte Honke Rambow, Sprecher des Bochumer Off-Theaters Rottstr 5 Theater, nicht schlecht, als er heute die Lokalausgabe der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ aufschlug!
Verzeihung, da ist mir der Einstieg jetzt doch eine Spur zu lokaljournalistisch geraten! Honke Rambow muss aber tatsächlich erstaunt gewesen sein, als er in der „WAZ“ ein Kurzinterview mit sich selbst las – hatte er der Zeitung doch gar keines gegeben.
Er schreibt mir:
Merkwürdig daran ist, dass die Person auf dem Foto ich bin, ich aber nicht mit dem Autor kommuniziert habe, weder telefonisch, noch per mail.
Er habe ihm lediglich im Auftrag der Filmemacher eine Pressemitteilung zugesandt – in der dann ziemlich genau all das steht, was der „WAZ“-Rambow auf die „WAZ“-Fragen antwortet. Lediglich ein paar Rechtschreibfehler habe der zuständige Redakteur in den Text eingebaut:
Pressemitteilung
„Interview“ in der „WAZ“
Noch nie wurde ein Text des indisch-britischen Autors Salman Rushdie verfilmt. Schon diese Tatsache macht den Kurzfilm DER GOLDENE ZWEIG von Drehbuchautor und Regisseur Matthias Zucker bemerkenswert.
Noch nie wurde ein Text des indisch-britischen Autors Salman Rushdie verfilmt. Schon diese Tatsache macht den Kurzfilm „Der goldene Zweig“ besonders. Was sind dessen Bochumer Bezüge?
Entstanden ist der 25minütige Film als Diplomarbeit des Kameramannes Etienne Kordys. Produziert wurde er von der Bochumer Produktionsfirma rougharts mit Unterstützung der Film und Medien Stiftung NRW und der Fachhochschule Dortmund. Die Dreharbeiten fanden in Dortmund, Bochum und Essen statt.
Rambow: Entstanden ist der 25minütige Film des Drehbuchautos und Regisseurs Matthias Zucker als Diplomarbeit des Kameramannes Etienne Kordys. Produziert wurde er von der BO-Produktionsfirma Rough Arts, wobei die Dreharbeiten in Dortmund, Bochum und Essen stattfanden, unter Beteiligung viele Bochumer Schauspieler wie Roland Riebeling, Arne Nobel, Katja Uffelmann, Andreas Bittl, Magdalena Helmig oder Martin Bretschneider.
Worum geht es?
DER GOLDENE ZWEIG erzählt nach der gleichnamigen Shortstory Rushdies die Geschichte von David Gularski, der verzweifelt einen neuen Job sucht. Nach monatelanger erfolgloser Suche, wird ihm klar, dass alle Bewerbungsgespräche stets von der gleichen Person geführt werden, die offensichtlich nur dazu da ist ihn abzulehnen. Gularski entscheidet, dass nur noch drastische Maßnahmen helfen können.
In der Kurzgeschichte „Der goldene Zweig“ erzählt Rushdie von David Gularski, der einen Job sucht. Nach monatelanger erfolgloser Suche, wird ihm klar, dass alle Bewerbungsgespräche stets von der gleichen Person geführt werden, die offensichtlich nur dazu da ist, ihn abzulehnen. Gularski entscheidet, dass nur noch drastische Maßnahmen helfen…
Die Darsteller dieser durchaus kafkaesken Story sind überwiegend als Schauspieler der Bochumer Theaterszene bekannt und spielen oder spielten sowohl am Schauspielhaus Bochum wie auch am Rottstr5Theater und am Prinz Regent Theater. Allen voran Alexander Ritter, der die Hauptrolle übernommen hat. Neben ihm sind unter anderen Roland Riebeling, Arne Nobel, Katja Uffelmann, Andreas Bittl, Magdalena Helmig und Martin Bretschneider zu sehen. Aus Film- und Fernsehproduktionen wie „Großstadtrevier“ und „SOKO Köln“ ist Dietrich Adam bekannt, Timur Isik spielte im Ensemble des Münchner Volkstheaters sowie Kino- und Fernsehproduktionen.
Die Darsteller dieser durchaus kafkaesken Story sind durch ihre Arbeit am Schauspielhaus, am Theater Rottstraße 5 und am Prinz Regent Theater bekannt. Allen voran Alexander Ritter in der Hauptrolle.
Wann läuft der Film an?
DER GOLDENE ZWEIG
Premiere Sonntag, 22.4., 12 Uhr Metropolis Kino Bochum, Kurt-Schumacher-Platz 1
Der Vorverkauf beginnt am 1.4.
Premiere ist am Sonntag, 22. April, um 12 Uhr im Metropolis Kino im Hauptbahnhof. Der Vorverkauf startet am 1. April.
Rambow erklärt weiter, dass er das abgedruckte Foto tatsächlich mal der WAZ zur Verfügung gestellt habe, „allerdings in einem völlig anderen Zusammenhang“.
„Eines Tages“, die bunte Resterampe für wiederaufbereitete Boulevardgeschichten bei „Spiegel Online“, nimmt den Tod von Schauspieler John Belushi heute vor 30 Jahren zum Anlass, das Thema „Tote Stars im Hotel“ in aller unappetitlicher Tiefe auszuleuchten.
Neben einem dahin geschluderten Artikel zu Belushis Drogenlaufbahn und deren Ende („Der Tod im Hotelzimmer, sonst wahlweise rebellischer Höhepunkt eines exzessiven Lebens oder aber tragischer Schlussakkord eines einsamen Karriere-Endes“) gibt es eine 24-teilige Bildergalerie zu all den berühmten Hoteltoten: Von Janis Joplin und Jimi Hendrix über Gustaf Gründgens und Oscar Wilde bis hin zur gerade erst verstorbenen Whitney Houston (dass Stephen Gately von Boyzone nicht in einem Hotelzimmer, sondern in seinem eigenen Apartment auf Mallorca gestorben ist, soll uns an dieser Stelle nicht weiter stören – das hat es die Klickstrecken-Macher von „Eines Tages“ ja auch nicht).
Das alles ließe sich ja noch gerade eben mit dem, der Popkultur innewohnenden Hang zum Morbiden rechtfertigen. Richtig schlimm wird es erst dort, wo dieser Zynismus auf den für „Spiegel Online“ typischen HangzumKalauer trifft:
In der URL des Artikels taucht übrigens auch noch die Formulierung „Kalter Auszug“ auf.
Es ist Samstagvormittag, eine halbe Autostunde außerhalb Manhattans, an einem der ersten Tage, die sich mehr nach Frühling als nach Winter anfühlen. Bruce Banner stellt sein Auto etwas zu schwungvoll auf dem Parkplatz einer Shopping Mall ab. Der renommierte Nuklearphysiker fliegt morgen zu einer Konferenz nach Kapstadt und muss vorher noch ein paar Bersorgungen machen. Vor allem braucht er eine neue Smoking-Hose: Die letzte sei ihm bei einem bedauerlichen Zwischenfall gerissen, erklärt der groß gewachsene Wissenschaftler mit einem entschuldigenden Schulterzucken.
Banner betritt das Einkaufszentrum durch einen Seiteneingang. Eigentlich möge er solche Orte nicht, sagt er, während er sich ein wenig hilflos umsieht: „Zu viele Menschen, zu viel Hektik!“ In der Innenstadt sei es aber noch anstrengender, einzukaufen: „Zu viele Touristen!“
Nach einem skeptischen Blick auf einen Lageplan weiß Banner zumindest, wo er hin muss: Das Geschäft von Brooks Brothers befindet sich im ersten Stock der Mall, etwa 400 Meter nach Süden. „Das sollte zu schaffen sein“, murmelt er und zieht sein Schritttempo etwas an. Wir schaffen es etwa 30 Meter weit, dann erreichen wir die Rolltreppen. Oder genauer: Wir erreichen sie erst mal nicht. Vor uns steht ein junges Pärchen in Multifunktionsjacken, das offenkundig unentschlossen ist, ob es die Rolltreppe nehmen soll oder nicht. Die Frau sagt mit leicht patzigem Unterton, sie wolle jetzt aber „da ho-hoch“, der Mann erweckt den Eindruck, als ob er das Einkaufszentrum am Liebsten fluchtartig verlassen wolle, die möglichen Auswirkungen auf die weitere Wochenendplanung ihn aber noch davon abhalten. Sekunden verstreichen, die sich wie Stunden anfühlen, dann treten die beiden erst einmal zur Seite. Ein Rentnerehepaar drängelt sich an uns vorbei, wir besteigen nach ihnen die Rolltreppe.
„Menschen sind die einzigen Lebewesen, die sich künstliche Umgebungen geschaffen haben, in denen sie sich so unwohl fühlen können wie Tiere, die von ihren Fressfeinden in die Enge getrieben werden“, beginnt Banner zu dozieren, muss dann aber abbrechen, weil die Rentner am Ende der Rolltreppe unvermittelt stehengeblieben sind und wir auf sie auffahren wie Fertigungsgüter in einer Fabrik, deren Produktionsablauf empfindlich gestört wurde. Banner flucht leise und drängelt sich zwischen Rentnerweibchen und ‑männchen hindurch.
Die nächsten Meter legt der aus Talkshows bekannte Forscher strammen Schrittes zurück, wobei er gelegentlich stehenden oder entgegenkommenden Konsumenten ausweichen muss. Er erledigt dies mit leicht tänzelnden Bewegungen, die bei einem Mann seiner Statur ein wenig fehl am Platze wirken, aber auf eine große Erfahrung schließen lassen. Fast drohe ich, den Anschluss zu verlieren.
Wortlos erreichen wir die Brooks-Brothers-Filiale. Hier ist es bedeutend ruhiger als in den großen Wandelgängen der Mall, das Licht ist gedämpft und auch die Temperatur liegt ein paar grad unter der im Einkaufszentrum. Außer uns ist nur ein einziger weiterer Kunde da, der aber die Aufmerksamkeit beider Verkäufer (ein Gentleman mit grauen, zurück gegelten Locken und eine hübsche Frau Anfang dreißig im Kostüm) zu binden scheint: „Auf dem Weg hierhin hab ich ’nen Klassenkameraden getroffen“, berichtet der Mann, der bestimmt schon achtzig ist, im Zungenschlag des nördlichen New Jersey. „Also: ehemaligen Klassenkameraden. William Fairbanks. Draußen auf dem Parkplatz. Bestimmt vierzig Jahre nicht gesehen, aber gleich wiedererkannt.“ Beide Verkäufer nicken höflich und ich merke, wie Bruce Banner neben mir laut durchschnauft.
„Entschuldigung“, sagt er und hebt zaghaft den rechten Zeigefinger. „Ich brauche eine Smoking-Hose!“ Die Verkäuferin blickt ihn an, macht eine entschuldigende Geste gegenüber dem alten Mann und kommt zu uns herüber geschwebt. „Verzeihung“, sagt sie, wiegt ihren Kopf leicht zur Seite und blickt uns mit einem erwartungsfrohen Lächeln an. „Eine Smoking-Hose“, wiederholt Banner, eine Spur zu barsch für die hier vorherrschende Atmosphäre. Ob er wisse, aus welcher Kollektion diese seien soll, fragt ihn die junge Frau ohne ein Anzeichen von Kränkung und führt Dr. Banner mit einer fließenden Bewegung in den hinteren Bereich des Ladenlokals. Ich bleibe vorne zurück, studiere die Inneneinrichtung und lausche noch ein wenig den Ausführungen des alten Mannes.
Nach zehn Minuten kommt Banner zurück, die neue Hose bereits bezahlt und in einer papierenen Tasche verstaut. „Eine Bundgröße mehr als beim letzten Mal“, brummelt er etwas ungehalten. „Schon wieder zugenommen!“ Wir verlassen das Geschäft und sind kurz von der Atmosphäre im Inneren der Shopping Mall überwältigt: Der Strom der Menschen scheint noch dichter geworden zu sein, das Gekreische der Kinder (und vereinzelter Ehefrauen) noch eine Spur schriller. Dem frisch neu eingekleideten Wissenschaftler entfährt ein leises Schnauben. „Lassen Sie uns zusehen, dass wir hier schnell rauskommen“, raunzt er mir zu, dann läuft ein kleines Mädchen gegen sein Bein und fällt auf ihren Hintern. Sie blickt sich kurz um, dann fängt sie an zu weinen. Banner seufzt, als eine leicht hysterisch wirkende Blondine, Sorte Trailer-Park-Schönheit, auf uns zustürzt.
„Was haben Sie meiner Tochter getan“, herrscht sie Banner in einer raspelnden Tonlage an. „Nichts“, murmelt Banner und lässt die Schultern hängen. „Wenn’s nichts wäre, würde sie ja wohl kaum heulen“, argumentiert die Frau und bückt sich, um ihre Tochter auf den Arm zu nehmen. „Was hat der böse Onkel gemacht, Janatha-Fay“, fragt sie das vielleicht dreijährige Kind, in dessen Ohrläppchen ich kleine Erdbeerohrstecker entdecke.
Das Wortgefecht geht noch ein wenig weiter, wobei Dr. Banner seine zunächst etwas defensive Haltung schnell aufgibt und die Frau schließlich anschreit, sie solle sich „mit ihrem verdammten Mistblag“ gefälligst „verpissen“. Das entspannt die Situation nicht wirklich, sorgt aber dafür, dass die ohnehin schon sehr langsam laufenden Kunden um uns herum nun schlicht stehen bleiben. Wir müssen uns durch eine Traube von Menschen kämpfen, von denen einige Banner kopfschüttelnd hinterherschauen.
„Kommen Sie hier lang“, sagt Banner zu mir und öffnet eine Tür, auf der „Notausgang“ steht. „Ich muss dringend eine rauchen!“ Während drinnen eine Alarmsirene losheult, stehen wir auf einem Gittergang und sehen uns um. Der Weg führt an der Außenwand des Einkaufszentrums entlang, in 50 Metern führt eine Metalltreppe nach unten. Am Horizont zeichnet sich die Skyline Manhattans ab. Dr. Banner klopft seine Jackentaschen ab, dann entfährt ihm ein Fluch: „Scheiße! Die Kippen sind im Auto!“ Er macht Geräusche wie ein Vulkan kurz vor der Eruption, dann stapft er langsam in Richtung der Treppe.
Wir erreichen Banners Auto im Laufschritt, wobei wir auf dem Weg dorthin fast noch von einem SUV überfahren worden wären – ein Zwischenfall, den der renommierte Forscher mit Worten und Gesten kommentierte, die an dieser Stelle nicht wiedergegeben werden sollen. Der Schweiß steht uns beiden auf der Stirn, auf Banners Kopf sind aber auch die Adern deutlich hervorgetreten. Er öffnet die Beifahrertür, schleudert die Tasche mit der Smoking-Hose (250 Dollar) auf die Rückbank und holt eine Packung Zigaretten aus dem Handschuhfach. Dann schlägt er die Tür wieder zu.
Banner steckt sich eine Zigarette („Marlboro Red“) in den Mundwinkel und hält mir die offene Schachtel hin, doch ich lehne dankend ab. Er wühlt in seinen Hosentaschen und holt ein Sturmfeuerzeug hervor, das er mit einer lässigen Bewegung aufklappen lässt. Er betätigt das Reibrad mit dem rechten Daumen, aber nichts passiert. „Scheißdinger“, brüllt Banner, „immer ist der verfickte Tank leer!“ Er schleudert das Feuerzeug mit einer ausladenden Bewegung von oberhalb seines Kopfes auf den Asphalt und tritt es mit dem Fuß weg. Das Feuerzeug fliegt ein paar Meter durch die Luft und zersplittert die Scheibe eines parkenden Mercedes, dessen Alarmanlage los kreischt.
„Zahlt die Versicherung“, bellt Banner, dessen Gesichtsfarbe auf mich inzwischen einen ungesunden Eindruck macht. Womöglich ist die Forscherlegende unterzuckert. Doch bevor ich ihm anbieten kann, eine Kleinigkeit zum Mittag zu essen, hat Banner schon wieder die Beifahrertür auf- und in diesem Fall auch: aus den Angeln gerissen. Er schwingt sich auf den Beifahrersitz und fuchtelt an der Mittelkonsole herum. Vorsichtig nähere ich mich seinem Auto und beobachte, wie er den Zigarettenanzünder fast aus der Innenausstattung herausreißt. Doch sein Griff scheint nicht fest genug: Für einen Moment wirkt es, als wolle Banner mit dem Zigarettenanzünder jonglieren, dann fällt ihm das Teil mit der glühenden Spirale voran auf den Schoß. Ich höre einen lauten Schrei – und das nächste, woran ich mich erinnern kann, ist, dass ein paar Autos durch die Luft fliegen.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich „Der Lorax“ sehen wollen würde, wenn er im Juli auch in Deutschland anläuft. Ich bin (wie wohl die meisten anderen Menschen in Deutschland) ohne die Werke von Dr. Seuss aufgewachsen und habe deshalb keine Kindheitserinnerungen, die ich mit einem Besuch des Films auffrischen oder bedienen könnte. Außerdem gehen mir 3D-Filme fürchterlich auf die Ketten.
Dennoch habe ich gerade durch Zufall auf der Website der „New York Times“ eine Kritik zu „The Lorax“ gelesen – und was soll ich sagen: So stelle ich mir einen ordentlichen Verriss vor.
The movie is a noisy, useless piece of junk, reverse-engineered into something resembling popular art in accordance with the reigning imperatives of marketing and brand extension.
Warten Sie, geht erst los:
The movie’s silliness, like its preachiness, is loud and slightly hysterical, as if young viewers could be entertained only by a ceaseless barrage of sensory stimulus and pop-culture attitude, or instructed by songs that make the collected works of Up With People sound like Metallica.
Das war dann die Stelle, wo bei mir tatsächliche Kindheitserinnerungen einsetzten und ich mir bei YouTube erst mal ein paar Songs von Up With People anhören musste. Erstaunlich, was einem mit zehn, elf Jahren alles gefällt, um dann über Jahre erfolgreich verdrängt zu werden, bis so ein verdammter Nebensatz in einer Filmkritik alles wieder hervorholt. Puh!
Aber zurück zu unserem Film und A.O. Scotts Abrechnung damit. Sie nimmt den Schluss vorweg (wahrscheinlich, was weiß ich?) und kulminiert in folgendem Satz:
There is an obvious metaphor here, but the movie is blind to it, and to everything else that is interesting or true in the story it tries to tell.
Ich glaube, ich möchte „The Lorax“ auf keinen Fall sehen.
Dafür, dass ich gelegentlich als „Medienjournalist“ bezeichnet werde, konsumiere ich vergleichsweise wenig Medien: Ich habe kein Abonnement einer Tageszeitung oder Zeitschrift, ich höre täglich etwa 20 Minuten Radio am Frühstückstisch und sehe außerhalb von Fußballübertragungen und „Wer wird Millionär?“ eigentlich kaum freiwillig fern.
Jetzt aber hatte ich außerplanmäßig einen beschäftigungsfreien Abend und weil etwaige Deadlines noch viel zu weit weg waren, um mich halbfertigen Projekten zu widmen, suchte ich mir eine Stelle, an der meine Couch noch nicht komplett durchgelegen ist, und schaltete den Fernseher ein. Das dauert bei meinem Digitalreceiver etwa 20 Sekunden und erklärt vielleicht, warum ich so ungern fernsehe.
Nach einer kurzen Zapping-Eingewöhnungsphase landete ich beim MDR, einem für mich hochgradig rätselhaften Sender. Ich geriet mitten hinein in „Echt – Das Magazin zum Staunen“, wo gerade ein paar Feuerwehrleute in ein Gebäude eindrangen und sofort bewusstlos zu Boden gingen. Alles an dieser Sendung wirkte wie das, was ich von RTL 2 in Erinnerung hatte: Die nachgestellten Szenen, die dazugehörige Tonspur mit dramatischer Musik und bedeutungsschwangerem Off-Sprecher, die Interviews mit Betroffenen – sogar das Aussehen der Bauchbinden, auf denen ihr Name stand. Alles schrie „Action“, und der Kontrast zu dem biederen MDR-Logo oben rechts hätte kaum größer sein können.
Traditionell spießiges Regionalfernsehen war Gottseidank nur einen Tastendruck entfernt, beim Hessischen Rundfunk, der gerade „Die Lieblingsgerichte der Hessen“ kürte. Dabei handelt es sich um eine dieser Listen-Sendungen mit „prominenten“ Stichwortgebern, die in den dritten Programme der ARD inzwischen alle anderen Formate ersetzen. Vom „Focus“ haben die Programmmacher gelernt, dass sich alles in absurden Rankings abbilden lässt, und das wird jetzt gnadenlos durchgezogen. Allein der HR hat im vergangenen Jahr 25 dieser Sendungen ausgestrahlt, die Erstausstrahlung der „Lieblingsgerichte“ liegt immerhin schon zweieinhalb Monate zurück. Ich kam gerade rechtzeitig, um u.a. den Komiker Bodo Bach, den ARD-Börsenexperten Frank Lehmann und andere, mir nicht bekannte Hessen bei der Lobpreisung der „Grünen Soße“ zu beobachten. Mit großer Ernsthaftigkeit sprachen sie über die Varietäten der Rezeptur, konnten mir das gezeigte Essen oder generell die hessische Lebensart dabei aber auch nicht schmackhafter machen.
Auf Eins Extra erwischte ich im Anschluss die Endausläufer einer Wiederholung von „Hart aber fair“, was ich eigentlich aus Prinzip nicht gucken kann. Im speziellen Fall sprach aber gerade Prof. Hellmuth Karasek über die Gemeinsamkeiten von Robert Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ und dem Internet, nachdem kurz zuvor der mir durch zahlreiche Telefongespräche bekannte Medienanwalt Ralf Höcker erklärt hatte, wie man unliebsame Informationen über sich aus dem Internet löschen lassen kann. „Was zum Henker ist denn da das Thema“, dachte ich und war auch schon gefangen genommen von Karasek, Höcker, Thomas Gottschalk, Ross Antony und Mirjam Weichselbraun, die die Frage verhandelten, wie viel Öffentlichkeit der Mensch vertrage. Derlei Fernsehdiskussionen sind ja in der Regel so ergiebig wie Diskussionen im Internet, also: gar nicht, und das war doch mal eine schöne Erkenntnis, dass das Internet, das Fernsehen und Robert Musil so viel gemeinsam haben. Außerdem musste ich durch Zufall die einzige Talkshow des Jahres erwischt haben, in der weder Peter Hintze noch Nikolaus Blome saßen. Nicht mal Richard David Precht war anwesend, dafür machte Karasek den ahnungslosen Frank Plasberg kurz mit der Radiotheorie des Bertolt Brecht bekannt.
Zeit für den ZDF Infokanal und den Mann, auf den ich schon den ganzen Abend gewartet hatte: Adolf Hitler. Irgendein Historiker oder Medienwissenschaftler wird sicher schon herausgefunden haben, dass Hitler dank der vielen Dokumentationen auf n‑tv, N24 und eben ZDF info fast 70 Jahre nach Kriegsende pro Tag mehr Sendezeit hat als zu Lebzeiten im staatlichen Rundfunk. Im konkreten Fall saß Hitler mal wieder im Bunker. Auf einen Spoiler-Alert kann ich glaub ich verzichten, aber eine digital animierte Kamerafahrt durch den Privatraum, in dem Hitler und Eva Braun starben, hatte ich noch nicht gesehen. Die anschließende Schilderung, wie ein Zeuge den Führer aufgefunden hatte, war dann leider nicht bebildert.
Nicht mit Animationen geizte auch die anschließende Dokumentation über den Vesuv und die Gefahr, die von ihm ausging. Als hätte Roland Emmerich Plinius den Jüngeren verfilmt, konnten die Zuschauer den kommenden Untergang Neapels beobachten, anmoderiert von drei armen Wissenschaftlern, die in einer Lagerhalle Spielszenenartig die Rahmenhandlung geben mussten. Zusammenfassend lässt sich wohl sagen, dass man so einem Vulkanausbruch besser aus dem Weg gehen sollte, wenn er sich denn so ereignen sollte, wie er „zumindest nicht unwahrscheinlich“ skizziert, ach was: in Öl gemalt wurde.
Da auch Umschalten bei meinem Receiver unanständig viel Zeit in Anspruch nimmt, blieb ich weiter beim ZDF Infokanal, wo sie im Anschluss einen PKW fernsteuerten. Na gut, dann vielleicht doch noch mal von vorne durchzappen. Im Ersten trafen sich inzwischen „Menschen bei Maischberger“ und nach dem irritierenden „Hart aber Fair“-Erlebnis war hier wieder alles wie erwartet: Da saßen fünf, sechs Leute in einer Sofalandschaft und schrieen sich an. Puh, schnell weiter. Im ZDF erklärte Harald Lesch, wir Menschen, „Sie, ich, wir alle“, würden zu 92 Prozent aus Sternenstaub bestehen. Das habe auch Novalis schon geschrieben, nur anders gemeint.
Promoter wäre auch kein Job für mich: Die meiste Zeit muss man versuchen, Bands, die niemand hören will, oder Produkte, die niemand braucht, in der Presse zu platzieren – also: Leute nerven. Hat man durch einen glücklichen Zufall etwas im Portfolio, um das sich die Journalisten prügeln würden (den angesagten Popstar, das neueste Smartphone, den Debütroman der Tochter eines berühmten Theatermannes), ist man zur Selektion gezwungen – und wieder hassen einen die Leute.
Im Wust der vielen Newsletter, die mich heute erreichten, war allerdings einer, der mich aufhorchen ließ:
Guten Tag,
Zum ersten Mal findet in Deutschland ein Festival statt, dessen Programm ausschließlich MusikerInnen präsentiert!
Von den „Women Of The World“-Konzerten, die im Umfeld der Frankfurter Musikmesse über die Bühne gehen, wollen wir zwei herausgreifen: Gabby Young & Frida Gold am 18. März sowie Jennifer Rostock & Guano Apes am 21.März.
Nun kann man sicher darüber streiten, ob ausgerechnet Jennifer Rostock, die Guano Apes und Frida Gold 1 dazu geeignet sind, das Ansehen von Musikerinnen (oder auch nur von Musik) zu steigern.
Aber das Problem steckt ganz woanders: „ein Festival, dessen Programm ausschließlich MusikerInnen präsentiert“?
Das Binnenmajuskel in „MusikerInnen“ steht eigentlich für „Musikerinnen und Musiker“ – und das ist, egal wie man es liest, Quatsch:
Wer, außer Musikerinnen und Musikern, sollte bei so einem Festival schon auftreten? Okay: Intersexuelle und Roboter vielleicht. Aber sonst?
„Ausschließlich Musikerinnen“ treten da auch nicht auf: Frida Gold, Jennifer Rostock und die Guano Apes haben jeweils ein weibliches Bandmitglied (die Sängerin), denen insgesamt zehn männliche gegenüberstehen.
Selbst wenn ausschließlich Musikerinnen auf der Bühne stünden, wäre das auch nicht „zum ersten Mal in Deutschland“ der Fall: Es gabundgibtjedeMenge„Ladyfeste“, bei denen teilweise nur Frauen oder wenigstens überwiegend Frauen auf der Bühne standen.
Aber folgen Sie mir doch gerade noch kurz in die Abgründe der PR:
Diese drei Beispiele aus der aktuellen deutschen Musikszene repräsentieren bei insgesamt 15 (primär international besetzten!) Konzerten stellvertretend eine ebenso nahe liegende wie innovative Idee: ausschließlich Frauenpower eine Bühne zu bieten! Die Veranstalter hoffen, dass die Premiere der Startschuss ist, um „Mainhattan“ mittelfristig als optimale Plattform für Shows von MusikerInnen der unterschiedlichsten Genres auf einem Festival zu etablieren.
Ich muss weiter: Hier ist grad der (tatsächlich) erste Newsletter der Menschheitsgeschichte angekommen, in dem zwar der Name „Dieter Gorny“ steht, das Wort „Kreativwirtschaft“ aber fehlt. Und das kann ja nun wirklich nicht sein!
Die Band mit der schrecklichen Jury-Frau aus „Unser Star für Baku“.[↩]
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