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Bedeutungsverschiebungen

Da das Wort „Zen­sur“ im Zuge der Yahoo/Flickr-Dis­kus­si­on der­zeit immer wie­der fällt, habe ich doch noch mal kurz des­sen Bedeu­tung nach­ge­schla­gen:

3) Publi­zis­tik: staat­li­che Über­wa­chung und Unter­drü­ckung von Ver­öf­fent­li­chun­gen in Print- und audio­vi­su­el­len Medi­en (Vor­zen­sur und Nach­zen­sur), um die Publi­zis­tik im Sinn der Staats­füh­rung oder der herr­schen­den Par­tei oder Klas­se zu beein­flus­sen. Eine Zen­sur gab es ins­be­son­de­re im Abso­lu­tis­mus. In frei­heit­lich-demo­kra­ti­schen Staa­ten ist die Zen­sur abge­schafft; auto­ri­tä­re und tota­li­tä­re Staa­ten dage­gen arbei­ten mit einem Zen­sur­ap­pa­rat oder mit lizen­zier­ten bezie­hungs­wei­se ver­staat­lich­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­sys­te­men.

(Quel­le: Mey­ers Lexi­kon Online, Her­vor­he­bun­gen von mir)

Zen­sur (cen­su­ra) ist ein Ver­fah­ren eines Staa­tes, einer ein­fluss­rei­chen Orga­ni­sa­ti­on oder eines Sys­tem­trä­gers, um durch Medi­en ver­mit­tel­te Inhal­te zu kon­trol­lie­ren, uner­wünsch­te Aus­sa­gen zu unter­drü­cken bzw. dafür zu sor­gen, dass nur erwünsch­te Aus­sa­gen in Umlauf kom­men.

(Quel­le: Wiki­pe­dia, Her­vor­he­bung von mir)

Das, was Yahoo bei Flickr gemacht hat, ist also kei­ne Zen­sur, son­dern wohl „nur“ eine Mischung aus Angst, Ahnungs­lo­sig­keit und völ­li­ger Unter­schät­zung der eige­nen Kun­den, die viel­leicht noch am ehes­ten unter dem Begriff „Bevor­mun­dung“ ein­sor­tiert wer­den kann.

Das, was Yahoo (aber auch Goog­le und Micro­soft) in Chi­na ver­an­stal­tet, dürf­te hin­ge­gen zwei­fels­oh­ne Bei­hil­fe zur Zen­sur sein. Und in mei­nen Augen schwächt man die­se Ver­ge­hen ab, wenn man bei der (zuge­ge­ben uner­freu­li­chen und dum­men) Sper­rung von Fotos gleich „Zen­sur!“ brüllt.

(Und das soll auch wirk­lich mein ein­zi­ger Bei­trag zu dem The­ma sein. Es geht mir um Spra­che und nicht um das Unter­neh­men, des­sen Name schon viel zu oft gefal­len ist. Und schon gar nicht geht es mir dar­um, was Drit­te davon hal­ten, wenn Vier­te die­sem Unter­neh­men Wer­be­flä­chen ver­kau­fen – da emp­feh­le ich schlicht­weg Adblock Plus.)

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Bochum-Total-Tagebuch (Tag 2)

Bochum im Regen

Bei dem Wet­ter und dem mich nicht unbe­dingt anspre­chen­den heu­ti­gen Pro­gramm bin ich dann doch lie­ber zuhau­se geblie­ben. Mor­gen dann Sugar­plum Fairy und Toco­tro­nic.

Bis­her habe ich beim Bochum Total immer nur gutes Wet­ter erlebt, es muss dem­nach damit zusam­men­hän­gen, dass zeit­gleich Hur­ri­ca­ne und Glas­ton­bu­ry statt­fin­den – und bei denen gibt es ja eine Unwet­ter­ga­ran­tie aufs Ticket.

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Bochum-Total-Tagebuch (Tag 1)

In die Bochu­mer Innen­stadt soll­te man der­zeit bes­ser nicht mit dem Auto fah­ren wol­len (wobei: soll­te man eigent­lich bes­ser eh nie), denn es ist Bochum Total, das größ­te Umsonst-und-drau­ßen-Fes­ti­val-Euro­pas (Gerüch­ten zufol­ge dankt man in Bochum immer noch all­jähr­lich der Pop­komm für ihren Umzug nach Ber­lin und das dar­aus resul­tie­ren­de Ende des Köl­ner Ring­fests). Ich tu mir das als guter Lokal­pa­tri­ot natür­lich mit Freu­den an, zumal das Line-Up in die­sem Jahr beson­ders gut ist.

Kili­ans (Eins-Live-Büh­ne)
Kilians beim Bochum Total 2007Ach, die schon wie­der. Zwei Kon­zer­te einer Band inner­halb von 19 Stun­den – das hat­te ich auch noch nicht. Das Wet­ter mein­te es nicht gut mit der Band, über die ich schon bei­na­he alles geschrie­ben habe. Aber sie waren wie­der sehr, sehr gut. Der Voll­stän­dig­keit hal­ber (und um „Schiebung!“-Rufe ent­we­der zu unter­bin­den oder erst anzu­sta­cheln) sei noch erwähnt, dass sie mir ein Lied gewid­met haben. Die Süßen!

Kar­pa­ten­hund (Eins-Live-Büh­ne)
Bei plötz­li­cher Tro­cken­heit und auf­kom­men­dem Son­nen­schein gab es das deutsch­spra­chi­ge Indie-Ding die­ses Jah­res mit tat­kräf­ti­ger Unter­stüt­zung und okay­er Sin­gle. Nicht mein Ding, aber in der Run­de, in der ich den Auf­tritt mehr an mir vor­bei­strö­men ließ, als ihn wirk­lich zu ver­fol­gen, war auch eher das Aus­se­hen der Front­frau das beherr­schen­de The­ma. (Zwi­schen­ruf: „Das war jetzt aber ein sau­dum­mer Chau­vi-Spruch!“ Ant­wort: „Schon, aber lei­der auch der Wahr­heit. Heu­te ist aber eigent­lich eh ohne Zwi­schen­ru­fe.“)

Jupi­ter Jones (Ring-Büh­ne)
Hal­lo, lie­be Emo-Kin­der, jetzt beschüt­tet Euch doch mal nicht gegen­sei­tig mit Bier, son­dern kon­zen­triert Euch auf die Band da vor­ne! Die schrei­ben Tex­te, die Euch sicher sehr ent­ge­gen­kom­men, und rocken wie Schmitz‘ Kat­ze. Wie, „Life goes on und irgend­wie schaff ich das schon“ ist kein Text für Euch? Na, dann eben nicht.
Da fällt mir ein: ich brau­che drin­gend noch das neue Album mit dem fan­tas­ti­schen Titel „Ent­we­der geht die­se scheuß­li­che Tape­te – oder ich“.

Vir­gi­nia Jetzt! (Eins-Live-Büh­ne)
Ich mag die ja. Zum einen, weil ihr sehr char­man­tes Debüt-Album 2003 ein treu­er Beglei­ter war, zum ande­ren, weil Gitarrist/​Keyboarder/​Songschreiber Tho­mas Dör­schel und ich uns irgend­wann noch um den Titel „Größ­ter Ben-Folds-Fan Deutsch­lands“ prü­geln müs­sen (wobei ich mir sicher bin, das kei­ner von bei­den ernst­haft kämp­fen wür­de). Vir­gi­nia Jetzt! sind aber auch ein­fach eine ver­dammt gute Live­band, die sehr schö­ne Songs haben und eine unge­heu­re Spiel­freu­de an den Tag legen. Fol­gen­de Songs wur­den daher im Lau­fe des Sets ange­spielt: „The Sweet Escape“ von Gwen Ste­fa­ni, „Eye Of The Tiger“ von Sur­vi­vor, „No Limits“ von 2Unlimited, „Jump“ von Van Halen und „Seven Nati­on Army“ von den White Stripes.

Nach dem Ope­ner „Mein sein“ gab es als zwei­ten Song „Lie­bes­lie­der“ und mir däm­mer­te, dass die gro­ße Dis­kus­si­on, die die­ses Lied vor drei Jah­ren über „deutsch­tü­me­li­ge Lied­zei­len“ („Das ist mein Land, mei­ne Men­schen, das ist die Welt, die ich ver­steh“) aus­ge­löst hat­te, noch alber­ner war als so manch aktu­el­le Dis­kus­si­on in der Blogo­sphä­re. Mei­nen aus die­sem Gedan­ken ent­sprun­ge­nen Essay „Wer sich wor­über auf­regt, ist eigent­lich egal, Haupt­sa­che, es hört irgend­je­mand zu“ hof­fe ich zu einem spä­te­ren Zeit­punkt in der Wochen­zei­tung „Frei­tag“ prä­sen­tie­ren zu kön­nen – sonst erscheint er als Book on demand.

Im Lau­fe des Sets kam so ziem­lich alles an neu­en und älte­ren Songs vor, was man sich wün­schen konn­te, und als der Tag Schlag 22 Uhr („die Nach­barn, die Nach­barn …“) ende­te, war ich froh, dass ich mich nicht von dem biss­chen Wol­ken­bruch am Nach­mit­tag hat­te auf­hal­ten las­sen. So lief ich zwar vier Stun­den in einer Regen­ho­se durch die Gegend (das nur als Ant­wort auf die Fra­ge, was das uncools­te Klei­dungs­stück ist, was ich mir spon­tan vor­stel­len könn­te), aber ers­tens hat­te die mich zuvor weit­ge­hend tro­cken gehal­ten und zwei­tens shall the geek ja bekannt­lich inhe­rit the earth.

Das ver­wen­de­te Foto stammt von Kath­rin. Hier hat sie noch mehr vom Bochum Total.

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Musik

Heimspiel

Manch­mal ist es erstaun­lich, Freun­de nach eini­ger Zeit wie­der­zu­se­hen: Man fühlt sich dann wie die eige­nen Groß­tan­ten, die einem als Kind immer in die Backe knif­fen und „Du bist aber groß gewor­den!“ rie­fen. Denn ges­tern habe ich mei­ne Freun­de von den Kili­ans nach fast einem Jahr zum ers­ten Mal wie­der live auf der Büh­ne gese­hen. Und wäre ich nicht ein Fan der aller­ers­ten Stun­de, ich wäre ges­tern einer gewor­den.

Doch der Rei­he nach: Im Rah­men der sym­pa­thi­schen Ver­an­stal­tungs­rei­he Fan­tas­ti­val, die sich seit vie­len Jah­ren erfolg­reich bemüht, ein­mal im Jahr Kul­tur in mei­ne Hei­mat­stadt zu holen, fand in die­sem Jahr ein „School’s Out“-Festival statt, für das die Ver­an­stal­ter neben den Lokal­ma­ta­do­ren Kili­ans auch Rear­view und Mas­sen­de­fekt gebucht hat­ten – zwei Bands, von denen ich offen gestan­den vor­her noch nie etwas gehört hat­te. Nach­dem der Kar­ten­preis von 16 auf taschen­geld­freund­li­che­re fünf Euro gesenkt wor­den war, lief auch der Vor­ver­kauf ganz ordent­lich und da Jugend­li­che in ihrer eige­nen Stadt lie­ber an die Abend­kas­se gehen, war das his­to­ri­sche Burg­thea­ter dann auch ganz gut gefüllt.

Eröff­net wur­de der Rei­gen von Wit­hout Wax aus Wesel, die die­sen Auf­tritt bei einer Art Talent­wett­be­werb im Vor­feld gewon­nen hat­te. Deren Gig habe ich lei­der prompt ver­passt, weil ich grund­sätz­lich immer zu spät los­kom­me, aber Erzäh­lun­gen glaub­haf­ter Quel­len zufol­ge war die Band „jün­ger als Tokio Hotel“ und musi­ka­lisch sehr gut.

Dann ging es wei­ter mit Rear­view, einer Band aus Ver­damm­tich­fin­dek­ei­ne­Stadt­in­der­Pres­se­info, die anfangs ein biss­chen klan­gen, als sei Dia­na Ross mit Rage Against The Machi­ne als Back­ing Band auf Tour (doch, das geht!) und sich danach irgend­wo zwi­schen Kre­zip und Skunk Anan­sie ein­sor­tier­ten. Gar nicht mal so schlecht, aber als deut­sche Band Ansa­gen auf Eng­lisch machen und das Publi­kum belei­di­gen gibt Abzü­ge in der B‑Note.

Es folg­ten nicht Mas­sen­de­fekt (wg. Krank­heit, wie man hör­te), wes­we­gen ich immer noch nicht weiß, wie die­se Band klingt. Wobei ich es mir auf­grund des Band­na­mens irgend­wie vor­stel­len kann. Ich hat­te unter­des­sen mei­ne Posi­ti­on als Bier­trin­ken­der Kon­zert­be­su­cher gegen die der Bier­trin­ken­den Aus­hil­fe am Kili­ans-Merch-Stand ein­ge­tauscht und ver­kauf­te klei­nen Kin­dern (wirk­lich klei­nen Kin­dern) Band-T-Shirts in Grö­ße S und ihre ver­mut­lich ers­te CD ever (wel­che sich spä­ter in Knei­pen­ge­sprä­chen und Musik­zeit­schrift-Fra­ge­bö­gen natür­lich ungleich bes­ser macht als, sagen wir mal: die Light­house Fami­ly). Zu abso­lut Schul­kin­der­freund­li­cher Zeit (und das am letz­ten Schul­tag!) enter­ten die Kili­ans des­halb schon gegen halb neun die Büh­ne und das Publi­kum, das Rear­view noch so bru­tal teil­nahms­los gegen eine Wand aus Sitz­bän­ken hat­te anro­cken las­sen, geriet in Wal­lung.

Nun muss man zwei Din­ge wis­sen: Ers­tens steht die Büh­ne im Dins­la­ke­ner Burg­thea­ter auf einer Empo­re, zu der eini­ge sehr hohe Stu­fen hin­auf­füh­ren, und zwei­tens ist die ört­li­che Dorf­ju­gend dafür bekannt, sich auch bei lieb­li­chen Indie­kon­zer­ten auf­zu­füh­ren, als sei man gera­de auf einem jener Hard­core-Kon­zer­te, zu denen einen Mami und Papi nie hin­fah­ren las­sen. Ich hal­te Mos­hen bei Rock­kon­zer­ten eh für über­aus unhöf­lich gegen­über den Kon­zert­be­su­chern, die sich das Kon­zert genuss­voll und ohne kör­per­li­che Beein­träch­ti­gung anse­hen wol­len, – wil­des Her­um­ge­schub­se auf den Trep­pen­stu­fen und eine Wall Of Death (na ja: eher ein Mäu­er­chen of Unwohl­sein) bei einem Kili­ans-Kon­zert sind aber auch bei ver­ständ­nis­volls­ter Aus­le­gung von Spaß fehl am Plat­ze.

Nach nur weni­gen Lie­dern hat­ten die über­rasch­ten Ver­an­stal­ter auch schon bemerkt, was da vor sich ging (wer sonst Götz Als­mann, die Neue Phil­har­mo­nie West­fa­len und Musi­cal­stars auf­tre­ten lässt, mag vom Ver­hal­ten der loka­len Jugend in der Tat auf dem fal­schen Fuß erwischt wor­den sein) und trieb die kri­ti­sche Mas­se mit Flat­ter­band die Trep­pe hin­un­ter. Ein Jugend­li­cher wur­de, nach­dem er trotz­dem vor der Büh­ne wei­ter­ge­tanzt und sich gegen die Ord­ner zur Wehr gesetzt hat­te, von zwei Secu­ri­ty­kräf­ten aus dem Burg­thea­ter geschleift und es ist alles in allem bei­na­he beru­hi­gend, dass nur ein Kon­zert­be­su­cher mit einer blu­ti­gen Nase ins Kran­ken­haus (wie es hieß) muss­te. Für Sekun­den­bruch­tei­le schos­sen mir näm­lich auch – sicher völ­lig über­trie­ben – Bil­der vom Wald­büh­nen­kon­zert der Rol­ling Stones 1965 durch den Kopf.

Aber reden wir nicht von dum­men Kin­dern und unvor­be­rei­te­ten Ver­an­stal­tern, reden wir von der Band, der ich aus tiefs­ter Über­zeu­gung zutraue, neben den Beat­steaks eine der wich­tigs­ten eng­lisch­spra­chi­gen Indie-Bands Deutsch­lands zu wer­den: den Kili­ans. (Zwi­schen­ruf: „Wel­che eng­lisch­spra­chi­gen Indie-Bands gibt es denn in Deutsch­land über­haupt noch neben den Beat­steaks?“ Ant­wort: „Slut, Pale, The Robo­cop Kraus und bestimmt noch ein paar wei­te­re, die mir gera­de par­tout nicht ein­fal­len wol­len. Dan­ke!“) Die Kili­ans jeden­falls haben im letz­ten Jahr der­art viel Live-Erfah­rung gesam­melt, dass sie fast nicht wie­der­zu­er­ken­nen waren: Waren sie Anfangs eine sehr gute, aber mit­un­ter etwas unbe­hol­fen wir­ken­de Live­band, sind sie inzwi­schen rich­ti­ge Pro­fis. Auch ohne mei­ne per­sön­li­che Bezie­hung zu der Band wür­de ich sie für eine der bes­ten des Lan­des hal­ten.

<mode=„lokalzeitung“>Und so folg­te ein Hit dem nächs­ten und wenn die Band gera­de nicht rock­te, unter­hielt Sän­ger Simon den Har­tog, der gera­de sein Abitur gemacht hat, das Publi­kum mit lau­ni­gen Ansagen.</mode=„lokalzeitung“>

Im Ernst: Das macht er inzwi­schen ganz toll und das ein­zi­ge, was man ihm dabei vor­wer­fen könn­te ist, dass er viel­leicht ein­mal zu oft mit dem Band-Zieh­pa­pa Thees Uhl­mann von Tom­te rum­ge­han­gen und sich einen Tacken zu viel von des­sen Büh­nen­prä­senz abge­schaut hat – wobei es da sicher auch bedeu­tend schlim­me­re Vor­bil­der gäbe. Sie haben eini­ge neue Songs gespielt, die ich noch gar nicht kann­te, und die (neben den stets zu erwäh­nen­den Strokes) unter ande­rem nach The Coo­per Temp­le Clau­se, The Smit­hs und Radio­head klan­gen. Und dazu natür­lich die gan­zen schon bekann­ten Über­songs wie „Jea­lous Lover“, „Insi­de Out­side“, „Diz­zy“, „Take A Look“ und die Sin­gle „Fight The Start“. Wenn man ein Kili­ans-Kon­zert beschrei­ben will, will man sich fast an den ekli­gen Rock­jour­na­lis­ten­vo­ka­beln „tight“ und „erdig“ ver­grei­fen, aber man kann sich ja in die weni­ger schreck­li­chen Gefil­de der Fan­spra­che flüch­ten und das gan­ze ein­fach „toll“ nen­nen.

Wer die Kili­ans in die­sem Som­mer noch live erle­ben will, hat dazu zahl­rei­che Gele­gen­hei­ten, die man alle auf der Band­sei­te nach­le­sen kann. In knapp einer Stun­de wer­de ich sie schon auf dem Bochum Total wie­der­se­hen – im strö­men­den Regen, wie es im Moment aus­sieht.

Nach­trag 22. Juni: Jetzt ist das mit der Lokal­zei­tungs-Vor­her­sa­ge schon wie­der schief­ge­gan­gen. Dafür erfah­ren wir aus der NRZ, dass der Ver­letz­te meh­re­re Zäh­ne ver­lo­ren hat, und es gibt ein klei­nes Logi­krät­sel um die Kon­junk­ti­on „denn“:

Die NRZ (Lokalseite Dinslaken) über die Kilians

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Musik Film Rundfunk Fernsehen

Ein halber TV-Tipp

Heu­te Abend zeigt das ZDF „Kei­ne Lie­der über Lie­be“. Wenn ich die Hand­lung noch rich­tig erin­ne­re, geht es um einen Doku­men­tar­fil­mer (der groß­ar­ti­ge Flo­ri­an Lukas), der die Band sei­nes Bru­ders (Jür­gen Vogel) auf Tour beglei­ten will – und irgend­wie ent­spinnt sich dann eine Drei­ecks­ge­schich­te mit Hei­ke Makat­sch.

War­um ich mir einen Film, der aus­schließ­lich mit Hand­ka­me­ra gedreht ist, der eine ver­wor­re­ne und pes­si­mis­ti­sche Hand­lung hat und in dem nicht viel mehr pas­siert, als das Men­schen mit­ein­an­der reden (oder bes­ser noch: sich anschwei­gen), kurz: war­um ich mir einen jun­gen deut­schen Film über­haupt ange­se­hen habe, liegt an der Band, der Jür­gen Vogel vor­steht: Es han­delt sich um die Grand-Hotel-van-Cleef-All­star-Kapel­le Han­sen Band mit Mar­cus Wie­busch (kett­car) und Thees Uhl­mann (Tom­te) an den Gitar­ren, Felix Geb­hardt (Home Of The Lame) am Bass und Max Mar­tin Schrö­der (Tom­te, Olli Schulz & der Hund Marie, Der Hund Marie) am Schlag­zeug. Jür­gen Vogel singt (sehr schön, das muss man ihm las­sen) die Lie­der, die ihm sei­ne Back­ing Band geschrie­ben hat, und das Album der Han­sen Band ist nach wie vor zu emp­feh­len.

Lei­der ist „Kei­ne Lie­der über Lie­be“ weder „This Is Spi­nal Tap“ noch „Almost Famous“ und so die­nen Musik und Band allen­falls als Hin­ter­grund für eine melo­dra­ma­ti­sche Lie­bes­ge­schich­te, die von den Betei­lig­ten zwar gut vor­ge­tra­gen wird (der gan­ze Film ist impro­vi­siert), aber trotz­dem nicht so recht über 101 Minu­ten tra­gen will.

Wer also „Kei­ne Lie­der über Lie­be“ noch nie gese­hen hat, kann ihn sich heu­te Abend um 22:45 Uhr im ZDF anse­hen. Ich bin ganz froh, dass ich schon was bes­se­res vor­hab.

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Digital Leben

Keine seriöse Presse ohne kaffeetrinkende Rockstar-Freundinnen

Es ist natür­lich rei­ner Zufall, dass am glei­chen Tag, an dem auf Pro­Sie­ben eine Serie star­tet, die eine C‑Prominente und ihren Ver­lob­ten auf dem Wege zur Hoch­zeits­vor­be­rei­tun­gen zei­gen (und die in der ers­ten Live-Hoch­zeit im deut­schen Fern­se­hen mün­den soll), der Bun­des­ge­richts­hof ent­schei­det, dass die „Bun­te“ kein Recht hat, Fotos der Lebens­ge­fähr­tin von Her­bert Grö­ne­mey­er abzu­dru­cken. Aber es sind die­se klei­nen Zufäl­le, die das Leben so unter­halt­sam machen.

Wäh­rend also Gül­can Karahan­ci und Sebas­ti­an Kamps die Mensch­heit aus frei­en Stü­cken und gegen gutes Geld an ihrem Pri­vat­le­ben teil­ha­ben las­sen wol­len, bekommt die Grö­ne­mey­er-Freun­din höchst­rich­ter­lich bestä­tigt, dass sie es nicht hin­neh­men muss, dass frem­de Men­schen (die natür­lich auch nur ihren Job machen und ihre Fami­li­en ernäh­ren müs­sen) Fotos von ihr und ihrem zufäl­li­ger­wei­se pro­mi­nen­ten Part­ner bei nicht-offi­zi­el­len Ter­mi­nen machen und die­se dann abge­druckt wer­den.

Es folgt mein Lieb­lings-Satz­an­fang: Ich bin zwar kein Jurist, aber es erscheint mir voll­kom­men nahe lie­gend, dass so ent­schie­den wur­de. Ich habe nie ver­stan­den, mit wel­cher Begrün­dung sog. Per­so­nen der Zeit­ge­schich­te auf Schritt und Tritt von Papa­raz­zi ver­folgt wer­den soll­ten. Mich inter­es­siert nicht, wie Brit­ney Spears beim Ein­kau­fen aus­sieht, und es hat eigent­lich auch nie­man­den sonst zu inter­es­sie­ren.

Nun ist es natür­lich so, dass vie­le Stars die Pres­se für die eige­ne Kar­rie­re­pla­nung nut­zen. Bit­te: Wer so däm­lich ist, sich und sei­ne unbe­tei­lig­te Fami­lie für sog. Home Sto­ries zur Ver­fü­gung zu stel­len, ist selbst schuld und soll von mir aus an unge­ra­den Wochen­ta­gen zwi­schen 11:30 Uhr und 19:00 Uhr (Zei­ten ver­han­del­bar) beim Ver­zehr von Mett­bröt­chen, beim Erwerb von Fuß­bett­s­an­da­len oder bei son­stir­gend­et­was unin­ter­es­san­tem foto­gra­fiert wer­den, das in kei­nem Zusam­men­hang mit der beruf­li­chen Tätig­keit und der Pro­mi­nenz des Foto­gra­fier­ten steht.

Her­bert Grö­ne­mey­er aber hat sein Pri­vat­le­ben (bis auf eini­ge Sät­ze in Inter­views) sehr bewusst von der Öffent­lich­keit abge­schirmt. Spie­gel Online ist da offen­bar ande­rer Mei­nung und dreht mal wie­der an der Logik­schrau­be:

Der Fall Grö­ne­mey­er ist für die Pres­se gra­vie­rend. Der wohl berühm­tes­te Sän­ger Deutsch­lands hat­te die Trau­er über den Tod sei­ner Frau im Jahr 1998 immer wie­der öffent­lich ver­ar­bei­tet: in sei­nem Best­sel­ler-Album „Mensch“, aber auch in zahl­rei­chen Inter­views, und noch im SPIE­GEL-Gespräch im Febru­ar 2003 hat­te er frei­mü­tig bekannt: „Ich war immer eine nicht­öf­fent­li­che Per­son. Durch den Tod mei­ner Frau bin ich jetzt genau das Gegen­teil.“

Ja, was hat er denn da „frei­mü­tig bekannt“? Dass er eine öffent­li­che Per­son ist? Ja. Dass die Öffent­lich­keit Anteil genom­men hat am Schick­sal sei­ner Fami­lie? Gut mög­lich. Wenn Grö­ne­mey­er aber aus die­ser Posi­ti­on per­ma­nen­te Kame­ra­über­wa­chung für sich und sein Umfeld ein­ge­for­dert haben soll­te, so geht das aus dem Zitat (das betref­fen­de Inter­view ist natür­lich nicht frei ver­füg­bar) aber in kei­ner Wei­se her­vor. Außer, man inter­pre­tiert es her­ein, weil es einem gera­de in den Kram passt.

Ein Spie­gel-Online-Arti­kel kommt bekannt­lich nur schwer ohne den Abge­sang aufs Abend­land auf den Qua­li­täts­jour­na­lis­mus aus, des­halb folgt die­ser auf dem Fuße:

Künf­tig dürf­ten auch Medi­en wie der SPIEGEL oder die „Süd­deut­sche Zei­tung“ etwa in einem Fea­ture über Tod und Trau­er-Ver­ar­bei­tung zwar über die ergrei­fen­den Lie­der von Grö­ne­mey­er berich­ten, aber nicht mit Bil­dern illus­trie­ren, dass Trau­er-Vor­bild Grö­ne­mey­er sei­nen Schmerz offen­bar über­wun­den hat.

Ja, Him­mel, war­um soll­ten sie denn auch? Erst ein­mal möch­te ich den­je­ni­gen Leser sehen, der in einem Fea­ture über Tod und Trau­er-Ver­ar­bei­tung Bil­der von Her­bert Grö­ne­mey­er und des­sen Freun­din erwar­tet. Er wür­de sich doch hof­fent­lich einen gut recher­chier­ten und geschrie­be­nen Text wün­schen, wenn Betrof­fe­ne oder Exper­ten zu Wort kom­men, soll­ten die­se viel­leicht mit einem Por­trät­fo­to vor­ge­stellt wer­den, damit man sich beim Lesen ein bes­se­res Bild machen kann, und von mir aus kann man das „Fea­ture“ (es könn­te „Arti­kel“ oder „Text“ hei­ßen, aber who cares?) noch mit Sym­bol­bil­dern von Kreu­zen, Son­nen­un­ter­gän­gen und Auen im Win­ter auf­hüb­schen, wenn es denn unbe­dingt eye can­dy braucht. Ein Foto eines ver­wit­we­ten Pop­mu­si­kers mit sei­ner neu­en Lebens­ge­fähr­tin ist aber auch bei gewag­tes­ter Kon­struk­ti­on sicher nicht das, was dem Fea­ture noch zum Pulit­zer-Preis gefehlt hät­te.

Das per­fi­des­te ist aber nicht, dass Spie­gel Online so einen Blöd­sinn ein­for­dert. Das per­fi­des­te ist, wie die Leser auf die eige­ne Sei­te geholt und gegen die Betrof­fe­nen auf­ge­bracht wer­den sol­len:

Aber kann sich die Freun­din oder Lebens­ge­fähr­tin einer natio­na­len Berühmt­heit wie Her­bert Grö­ne­mey­er auch dage­gen weh­ren, in eigent­lich unver­fäng­li­chen Situa­tio­nen abge­bil­det zu wer­den? Zumal wenn die Fotos in aller Öffent­lich­keit auf­ge­nom­men wur­den, ein­mal auf der Stra­ße, das ande­re mal zwar im Café, aber gewis­ser­ma­ßen auf dem Prä­sen­tier­tel­ler sit­zend hin­ter Glas­tü­ren, die zu einer Stra­ße oder Pas­sa­ge weit geöff­net sind?

Was soll denn die­se Wort­wahl? „In eigent­lich unver­fäng­li­chen Situa­tio­nen“ – soll­ten es wenigs­tens abar­ti­ge, kom­pro­mit­tie­ren­de Bil­der sein, wenn die­se läs­ti­gen Pro­mi­nen­ten und ihre Part­ner, die ihr sog. Pri­vat­le­ben par­tout vor Spie­gel Online und den ande­ren Klatsch­blät­ter geheim­hal­ten wol­len, schon dage­gen vor­ge­hen müs­sen? Soll jeder, in des­sen Umfeld es jeman­den gibt, der auf­grund sei­nes Beru­fes in der Öffent­lich­keit steht, in Zukunft zuhau­se blei­ben, wenn er nicht in der „Bun­ten“ abge­druckt oder von Spie­gel Online bloß­ge­stellt wer­den will?

Ich bin kein Jurist, aber auf­re­gen könn­te ich mich da schon.

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Wer zu früh kommt, braucht für den Spott nicht zu sorgen

Deutschland verliert gegen Argentinien bei tagesschau.de
(Screen­shot: tagesschau.de am 30. Juni 2006)

Eigent­lich woll­te ich das Bild ja erst am ers­ten Jah­res­tag des „Bit­te­ren Vier­tel­fi­nal-Aus“ pos­ten, aber es scheint mir gera­de so pas­send. Manch­mal ist das aber auch wirk­lich eine Seu­che mit den vor­be­rei­te­ten Online-Inhal­ten, die sich sel­ber ins Netz stel­len und dann auch noch gese­hen wer­den …

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Gesellschaft

Lektionen in Unmut

Wenn man sich sel­ber zwei Mit­be­woh­ner aus­su­chen darf, deren ein­zi­ge Vor­aus­set­zung man mit „Nicht­rau­cher“ fest­legt, soll­te man sich nicht wun­dern, wenn man nach weni­gen Wochen fest­stellt, dass man vor lau­ter Fokus­sie­rung auf das Nicht­rau­chen so Aus­schluss­kri­te­ri­en wie „Ein­zel­kin­der“ („räu­men nie auf und kön­nen nicht put­zen“) über­se­hen hat­te.

Wenn die­se Mit­be­woh­ner aber zwei Jah­re spä­ter stän­dig rau­chend auf dem Bal­kon vor dem eige­nen Zim­mer ste­hen und einen so auch bei som­mer­li­chem Wet­ter zum Geschlos­sen­hal­ten der Fens­ter zwin­gen, dann hat ent­we­der die Ziga­ret­ten­in­dus­trie erheb­li­che Erfol­ge bei der Akqui­rie­rung neu­er Kun­den­schich­ten erzielt („Was für eine bril­lan­te Idee: unse­re neue Ziel­grup­pe sind die Nicht­rau­cher!“) oder man muss sich vor­wer­fen las­sen, in Sachen Men­schen­kennt­nis irgend­wie noch Nach­hol­be­darf zu haben …

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Rundfunk Digital

„Hoffentlich sieht das keiner!“

Lie­bes ZDF,

da macht Ihr schon mal eine neue Talk­show mit zwei Mode­ra­to­ren, die ich nicht nur ertra­ge, son­dern wirk­lich gut fin­de, und dann erfah­re ich erst am Mor­gen nach der Aus­strah­lung bei Spie­gel Online davon, dass es die­se Sen­dung über­haupt gege­ben hat.

Wenn Ihr „Roche & Sco­bel“ jetzt wegen schlech­ter Quo­te ein­stellt, kom­me ich per­sön­lich in Mainz vor­bei und erklär Euch das mit der Wer­bung noch mal. So lan­ge könn­tet Ihr mal über­le­gen, ob Ihr eine Talk­show, die live im Inter­net über­tra­gen und erst danach im Fern­se­hen gezeigt wur­de, nicht viel­leicht auch anschlie­ßend in Eurer „ZDF-Media­thek“ zur Ver­fü­gung stel­len soll­tet …

Ich beglück­wün­sche Euch zu die­sem offen­sicht­lich inter­es­san­ten Sen­de­kon­zept und bit­te um Benach­rich­ti­gung vor der zwei­ten Aus­ga­be.

Vie­le Grü­ße,
Lukas

Nach­trag 18. Juni, 13:05 Uhr: Wie uns das ZDF höchst­selbst in den Kom­men­ta­ren mit­ge­teilt hat, kann man die Sen­dung nun online schau­en. Und zwar hier.

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Fernsehen Rundfunk Gesellschaft

The Geek (Must Be Destroyed)

Uni-Semi­na­re über Mas­sen­kul­tur haben den Vor­teil, dass man sich „im Auf­trag der Wis­sen­schaft“ Fern­seh­se­ri­en anschau­en kann, deren Kennt­nis man ansons­ten vehe­ment abstrei­ten wür­de. Ich habe also die ers­te Fol­ge von „Das Model und der Freak“ gese­hen und geriet dar­über in eine schwe­re Grü­be­lei.

Das Kon­zept der Serie lau­tet: Zwei mir völ­lig unbe­kann­te Models (Gott­sei­dank, es ist Pro­Sie­ben, da kön­nen es kei­ne „Top­mo­dels“ sein, denn das sind die Sie­ger von Hei­di Klums Cas­ting Show) sol­len zwei „Freaks“ in „Top­män­ner“ ver­wan­deln. „Freaks“, das sind in der Welt von Pro­Sie­ben Leu­te, die Ten­nis­so­cken, alte Sweat­shirts und unmo­di­sche Fri­su­ren tra­gen, an Com­pu­tern her­um­schrau­ben und viel­leicht auch noch bei ihrer Mut­ti woh­nen. Vor weni­gen Jah­ren, vor dem Sie­ges­zug der Metro­se­xua­li­tät, hät­te man sie schlicht „Män­ner“ genannt.

Die­se Män­ner, die der Off-Spre­cher mit ekel­er­re­gen­der Pene­tranz als „Freaks“ bezeich­net, wer­den zunächst ein biss­chen öffent­lich vor­ge­führt, dann machen die Models mit ihnen ein „Selbst­be­wusst­seins­trai­ning“, das jeder Hei­zungs­mon­teur glaub­wür­di­ger hin­be­kom­men hät­te, und schließ­lich wer­den sie „umge­stylt“.

Zuge­ge­ben: Nach ihren Fri­seur­be­su­chen sahen die bei­den Kan­di­da­ten wirk­lich deut­lich anspre­chen­der aus und wirk­ten auch gleich ganz anders – eine Sze­ne, die mich doch dar­über nach­den­ken ließ, mein Gestrub­bel auch mal wie­der von denen rich­ten zu las­sen, die das kön­nen, was nur Fri­seu­re kön­nen. Mög­li­cher­wei­se war das, was man bei Tobi­as (21) und Tho­mas (27) sah, sogar ech­te Selbst­si­cher­heit, die da plötz­lich auf­keim­te. Ich wür­de es ihnen wün­schen, denn die bei­den wirk­ten sehr sym­pa­thisch (und auch am Ende noch recht natür­lich).

Zuvor hat­ten die bei­den aber mehr­fach mei­nen Beschüt­zer­instinkt geweckt und in mir das Bedürf­nis auf­kom­men las­sen, den Zynis­mus die­ser bun­ten Fern­seh­welt zu gei­ßeln. Was für eine „Moral“ soll das denn bit­te­schön sein, wenn jun­ge Fern­seh­zu­schau­er, die gesell­schaft­lich aus was für Grün­den auch immer außen ste­hen und die wir „Nerds“, „Geeks“ oder „Infor­ma­ti­ker“ nen­nen wol­len (Pro­Sie­ben nennt sie bekannt­lich „Freaks“), ver­mit­telt bekom­men, man müs­se sich nur auf Kos­ten eines Fern­seh­sen­ders ein biss­chen her­aus­put­zen las­sen und schon lernt man die Frau fürs Leben ken­nen oder kann end­lich von Mut­ti weg­zie­hen?

Da mache ich ger­ne mal einen auf Evan­ge­li­sche Lan­des­kir­che, oder wie haupt­be­ruf­li­che Beden­ken­trä­ger sonst hei­ßen, und stel­le ein paar Voka­beln zur Selbst­mon­ta­ge einer laut­star­ken Empö­rung zur Ver­fü­gung: „zynisch“, „men­schen­ver­ach­tend“, „ober­fläch­lich“, „inne­re Wer­te“, „mate­ria­lis­ti­sche Gesell­schaft“, „geschmack­los“, „Gleich­schal­tung“, „öffent­li­che Zur­schau­stel­lung“, …

Im Ernst: Ich weiß nicht, was ich von die­ser Sen­dung hal­ten soll. Wenn sich die Kan­di­da­ten am Ende wirk­lich wohl in ihrer Haut und den frem­den Kla­mot­ten füh­len, war es für sie viel­leicht ein Erfolg. Ande­rer­seits besteht die Gefahr, dass man auch auf die optisch gere­launch­ten Män­ner zei­gen wird, wenn man sie in der Stadt erblickt, und sagen wird: „Mut­ti, sieh mal: Da ist der Freak aus dem Fern­se­hen!“ Die Auf­ma­chung der Sen­dung ist mit „grenz­wer­tig“ ganz gut cha­rak­te­ri­siert und das (nicht mal neue) Kon­zept dahin­ter viel zu schwarz/​weiß.

Ich bin jetzt Wir-Sind-Hel­den-Hören: „The geek shall inhe­rit the earth“.

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Unterwegs Gesellschaft

Nicht mehr jung und noch nicht alt

Das Miss­trau­en, das ich gegen jeg­li­che Form von Gene­ra­tio­nen­be­zeich­nung hege, wird nur noch von dem Miss­trau­en über­bo­ten, das ich Leu­ten ent­ge­gen­brin­ge, die von der „Jugend von heu­te“ reden. Per­so­nen, die mir lau­nig erzäh­len wol­len, alle Men­schen mei­ner Alters­stu­fe sei­en bei­spiels­wei­se gemein­schaft­lich unhöf­lich, kann man natür­lich nur schwer mit Argu­men­ten kom­men. Man kann aber (trotz hef­ti­gen Wider­wil­lens) freund­lich zu ihnen sein, was sie im Ide­al­fall ihren ver­all­ge­mei­nern­den Kul­tur­pes­si­mis­mus über­den­ken lässt.

Ich nei­ge dazu, nicht anwe­sen­de Kin­der und Jugend­li­che gegen­über älte­ren Men­schen zu ver­tei­di­gen – weil sie es gera­de selbst nicht kön­nen und weil ich Jugend­li­chen durch­aus noch eine gewis­se Unrei­fe zuge­ste­he, die sich in unser bei­der Inter­es­se am Tage ihres acht­zehn­ten Geburts­tags in Wohl­ge­fal­len auf­lö­sen möge. Und auch wenn ich es natür­lich in kei­ner Wei­se gut­hei­ßen möch­te, dass sich Min­der­jäh­ri­ge in der Öffent­lich­keit bis zur Bewusst­lo­sig­keit betrin­ken und die Fla­schen, aus denen sie ihren bil­li­gen Rausch geso­gen haben, danach auf Rad­we­gen und Wie­sen zer­trüm­mern, bin ich doch zumin­dest mil­de über­rascht über Kom­mu­nen, die Pres­se­mel­dun­gen wie die­se ver­öf­fent­li­chen:

Radfahren ja, Alkohol nein

Nicht nur, dass das Wort „Alko­hohl“ so ziem­lich zum pein­lichs­ten gehö­ren dürf­te, was einer Pres­se­stel­le pas­sie­ren kann: Der gan­ze Beschluss wird natür­lich auch nur dafür sor­gen, dass die Jugend­li­chen ihrem Hob­by nun nicht mehr im Stadt­park, son­dern an ande­ren Orten frö­nen. Und im ange­trun­ke­nen Zustand von der Innen­stadt-Knei­pe nach hau­se zu kom­men, ohne die zen­tra­le Park­an­la­ge zu betre­ten, dürf­te vie­le auch vor logis­ti­sche Schwie­rig­kei­ten stel­len. Ich möch­te dar­über­hin­aus zu einem Ideen­wett­be­werb „Die schöns­ten Unar­ten, die Rück­sicht auf Mit­bür­ger ver­mis­sen las­sen“ auf­ru­fen.

Aber bei allem (mög­li­cher­wei­se reich­lich nai­vem) Ver­trau­en in die Jugend und bei aller Ableh­nung gegen­über den apo­ka­lyp­ti­schen Phan­ta­sien von Men­schen, die Jugend­kul­tur nur vom Weg­drü­cken im Fern­se­hen ken­nen: Die letz­ten Tage haben mich nach­denk­lich zurück­ge­las­sen.

  • Am Frei­tag fuhr ich in einem Regio­nal­ex­press, in dem auch zwei jun­ge Damen von viel­leicht fünf­zehn Len­zen abwech­selnd gemein­sam für MySpace-Pro­fil­fo­tos posier­ten – der einen fiel zwi­schen­durch ihre (beklei­de­te) Ober­wei­te aus dem Hemd – und bil­li­gen Tof­fee-Likör und Schnäp­se in sich hin­ein­schüt­te­ten. Kurz vor dem Duis­bur­ger Haupt­bahn­hof war das eine Gör nach eige­nen Anga­ben so weit, dass sie „gleich kot­zen“ müs­se und ich war froh, als die bei­den aus­stie­gen.
  • Heu­te saß ich in der Bochu­mer U‑Bahn und in der Sitz­grup­pe neben mir saß ein Mäd­chen, das gera­de mit einem Feu­er­zeug dabei war, die Innen­ver­klei­dung des Zugs abzu­fläm­men. Ich glotz­te, sah mich hil­fe­su­chend nach Erwach­se­nen um und begriff dann, dass ich end­lich alt genug war, die Rol­le des son­der­li­chen alten Man­nes zu ein­zu­neh­men: „Was soll das wer­den, wenn’s fer­tig ist?“, frag­te ich denk­bar unau­to­ri­tär. Das Kind setz­te kurz ab und schmor­te dann wei­ter mun­ter vor sich hin. „Kannst Du das bit­te las­sen?“, setz­te ich nach und guck­te unsi­cher, ob die Leu­te schon über mich tuschel­ten. „Mit wem reden Sie?“, mur­mel­te das ver­zo­ge­ne Blag, ohne mich auch nur anzu­se­hen. „Mit Dir“, blaff­te ich zurück, ehe wir bei­de aus­stie­gen. Immer­hin: Genug Auto­ri­tät für ein „Sie“ gestand mir der Satans­bra­ten zu.
  • Als ich dann von der Uni nach Hau­se ging, stan­den an den Müll­con­tai­nern des Nach­bar­hau­ses zwei etwa zwölf­jäh­ri­ge Jun­gen und ein bedeu­tend jün­ge­rer. Die älte­ren hiel­ten Ziga­ret­ten in ihren Hän­den und paff­ten die­se so denk­bar uncool, wie es nur Schü­ler kön­nen, die end­lich mal was ver­bo­te­nes aus­pro­bie­ren wol­len. Ich guck­te kurz, ob sie dem klei­nen Jun­gen („Ja, Kevin, Du darfst raus, aber nimm bit­te den Patrick mit!“) auch eine Ziga­ret­te gege­ben hat­ten. Sie hat­ten nicht und ich schritt fort.

Und jetzt fragt der auf­merk­sa­me Leser: „Wie­so haben Sie denn das unschul­di­ge Mäd­chen, das nur eine Ver­schö­ne­rung der häss­li­chen U‑Bahn vor­neh­men woll­te, so denk­bar schroff behan­delt, nicht aber die bei­den Grup­pen zukünf­ti­ger Rausch­gift­ab­hän­gi­ger?“

„Tja“, wer­de ich ant­wor­ten, „Sach­be­schä­di­gung gehört für mich nicht zu den Din­gen, die man als Jugend­li­cher mal aus­pro­biert haben soll­te, um sei­nen Kör­per bes­ser ken­nen zu ler­nen. Und was mit den Lebern und Lun­gen der ande­ren ist, kann uns in dem Moment doch reich­lich egal sein.“

„Na, das ist aber eine ziem­lich ego­is­ti­sche Ein­stel­lung.“

Stimmt.

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Fernsehen Digital Leben

Jenseits von Eden

Ges­tern war also die zwei­te pl0gbar in Bochum und wenn ich eines gelernt habe, dann dass man hin­ter­her dar­über blog­gen soll­te. Zum Bei­spiel, um sich selbst und den ande­ren noch mal zu ver­si­chern, was für ein net­ter Abend es war (war es wirk­lich), und um nie­der­zu­schrei­ben, wie die The­men lau­te­ten, über die man gespro­chen hat­te: Die gol­de­ne Fleisch­wurst der Fie­ge-Braue­rei, diver­se Auf­trit­te Anwe­sen­der in den sog. „alten Medi­en“ (ich hab mal lie­ber nicht erzählt, dass ich mal bei einer Auf­zeich­nung der Vox-Sen­dung „Koch­du­ell“ zuge­gen und auch groß im Bild war), die schöns­ten Lie­der bei „Sing­star“, sowie die Viva-Mode­ra­to­rin Gül­can Karahan­ci, die man lie­ber nicht in der Nähe einer Fle­der­maus­ko­lo­nie spre­chen las­sen soll­te, die aber bald einen Fern­se­her hei­ra­tet (oder irgend­wie sowas).

Neben die­sem The­men-Pot­pour­ri wur­de auch immer wie­der kurz über die mög­li­che Orga­ni­sa­ti­on eines sog. „Bar­camps“ in Bochum gespro­chen, aber was das genau ist, hab ich auch nach län­ge­ren Erklä­rungs­ver­su­chen noch nicht ganz ver­stan­den. Klang aber ein biss­chen wie eine Mischung aus Infor­ma­tik­un­ter­richt und Kir­chen­tag. Gesun­gen wur­de ges­tern schon – aber nur am Neben­tisch.

Und hier noch die Nach­klapps bei die stän­di­ge Rei­se, Pott­blog, Tales from the Mac Hell und Ich den­ke nicht….