Kategorien
Gesellschaft

Der Untergang des Abendbrotlandes

Schon immer kam alles Schlech­te aus den USA: Die Mei­nungs­frei­heit, das Frau­en­wahl­recht, der Rock’n’Roll und das Fast Food. Der neu­es­te (na ja: „neu­es­te“) Angriff auf die deut­sche Kul­tur ist ein Fest, das von denen, die es bege­hen wol­len, heu­te began­gen wird: Hal­lo­ween.

Eines vor­ab: Ich has­se es, mich zu ver­klei­den. Ich habe das als Kind mit gro­ßer Begeis­te­rung getan und mei­nen Vor­rat dabei offen­bar auf­ge­braucht. Wer sicher­ge­hen will, dass ich nicht zu sei­ner Geburts­tags­fei­er kom­me, rich­tet ein­fach eine Bad-Tas­te- oder Mot­to­par­ty aus. Es kos­tet mich schon Über­win­dung, einen Anzug zu tra­gen oder Hosen, die kei­ne Jeans sind. Als ich vor sechs Jah­ren den Herbst in Nord­ka­li­for­ni­en ver­brach­te, fand ich mich aller­dings plötz­lich in einem eilig aus grü­nen Filz­bah­nen zusam­men­geta­cker­ten Ampel­männ­chen-Kos­tüm wie­der – und hat­te gro­ßen Spaß. Nie­mand kann­te mich, alle waren sehr auf­wen­dig kos­tü­miert und es herrsch­te die­se fei­er­li­che ame­ri­ka­ni­sche Ernst­haf­tig­keit vor.

Wenn ich mir aller­dings einen ame­ri­ka­ni­schen Fei­er­tag für den Import aus­su­chen dürf­te, wäre es – neben einem Natio­nal­fei­er­tag im Som­mer – Thanks­gi­ving: Die Fest­lich­keit und Gesel­lig­keit von Weih­nach­ten ohne die­sen gan­zen Geschen­kestress – die Ame­ri­ka­ner ver­ste­hen es zu fei­ern. Hal­lo­ween ist ja doch eher was für Men­schen, die sich vom Kalen­der vor­schrei­ben las­sen, wann sie mal aus­ge­las­sen fei­ern gehen kön­nen, und denen Kar­ne­val zu spie­ßig ist. 1

Aber gut, muss jeder selbst wis­sen, wie er sei­ne Frei­zeit ver­bringt. Fähn­chen­schwen­kend durch das Pres­se­zen­trum bei Euro­vi­si­on Song Con­test zu ren­nen, fällt bei den meis­ten Leu­ten sicher auch eher unter „Spe­cial Inte­rest“. Wir sind ein frei­es Land. Wenn ich mir aber so anschaue, wie heu­te in mei­ner Face­book-Time­line west­li­che Kul­tur auf west­li­che Kul­tur trifft, fin­de ich, dass die Kon­tak­te mit der isla­mi­schen Welt im Gro­ßen und Gan­zen doch bei­na­he har­mo­nisch zu nen­nen sind.

Auf der einen Sei­te ste­hen die Leu­te, die Hal­lo­ween mit qua­si reli­giö­sem Eifer bege­hen. Auf der ande­ren jene, die sagen, heu­te sei doch Refor­ma­ti­ons­tag und mor­gen Aller­hei­li­gen. 2 Ja, stimmt. Heu­te ist auch Welt­spar­tag (außer in Deutsch­land, das für einen Welt-Irgend­was-Tag natür­lich wie­der eine Aus­nah­me brauch­te – übri­gens wegen des Refor­ma­ti­ons­tags) und mor­gen – für die, denen die Katho­li­sche Kir­che nicht ideo­lo­gisch genug ist – Welt­ve­gan­tag. Die ver­rück­tes­ten Geis­ter könn­ten sich nicht aus­den­ken, wel­che Gedenk‑, Fei­er- und Akti­ons­ta­ge es im Lau­fe des Jah­res so gibt, aber sie wer­den offen­bar alle began­gen – man­che nur von denen, die sie aus­ge­ru­fen haben, man­che von wei­ten Tei­len der Mensch­heit, wobei durch­aus Schnitt­men­gen von Per­so­nen mög­lich sind, die am 15. Okto­ber sowohl den „Tag des wei­ßen Sto­ckes“ als auch den „Inter­na­tio­na­len Tag der Frau in länd­li­chen Gebie­ten“ bege­hen. Solan­ge nie­mand einen Refor­ma­ti­ons­tags­got­tes­dienst stürmt, um „Süßes oder Sau­res“ zu rufen, klappt das auch ganz gut.

Der durch­schnitt­li­che Deut­sche, die Volks­see­le, der Michel, Otto Nor­mal­ver­brau­cher oder – wie ich ihn heu­te aus rei­ner Bos­haf­tig­keit nen­nen möch­te – Jür­gen Six­pack hat eine pani­sche Angst davor, dass ihm sei­ne kul­tu­rel­le Iden­ti­tät ver­lo­ren geht. Die Angst vor der „Über­frem­dung“ ist nicht auf den Islam oder Flücht­lin­ge aus Nord­afri­ka beschränkt, sie gilt auch – und ganz beson­ders – im Bezug auf die USA: Jung­ge­sel­len­ab­schie­de (bei denen ich mir tat­säch­lich staat­li­che Inter­ven­ti­on wünsch­te) statt Pol­ter­aben­de, „Han­dy“ statt „Mobil­te­le­fon“, der Weih­nachts­mann statt des Christ­kinds – Ame­ri­ka­ni­sie­rung lau­ert über­all. Oder genau­er: eine loka­le Inter­pre­ta­ti­on davon.

Mit der kul­tu­rel­len Iden­ti­tät ist das so: Man braucht etwas, wor­an man sich hal­ten kann, wes­we­gen der Fuß­ball – eine Sport­art, die ich lie­be, die ame­ri­ka­ni­sche Sport­fans aber als stil­los und banal betrach­ten – hier so schön iden­ti­täts­stif­tend Raum grei­fen kann. Ansons­ten sieht’s näm­lich so aus: Unse­re Städ­te sehen fast alle gleich trü­be und grau aus, so wie Städ­te eben aus­se­hen, wenn sie sehr schnell und bil­lig wie­der auf­ge­baut wer­den müs­sen, weil sie in Schutt und Asche lagen, nach­dem es Deutsch­land mit der kul­tu­rel­len Iden­ti­tät wirk­lich auf die Spit­ze getrie­ben hat­te. Unse­re Ein­kaufs­stra­ßen sehen gleich aus, weil sie mit den immer­glei­chen Filia­len deut­scher Groß­bä­cker, Dro­ge­rie- und Super­markt­ket­ten, bri­ti­scher Kör­per­pfle­ge­mit­tel­her­stel­ler, ame­ri­ka­ni­scher Fast­food­ver­füt­te­rer und schwe­di­scher Beklei­dungs­händ­ler voll­ge­stopft sind.

Woh­nun­gen welt­weit sind von der Schwe­den­ma­fia uni­for­miert wor­den und müss­ten theo­re­tisch alle gleich aus­se­hen, was sie dann aber über­ra­schen­der­wei­se doch nicht tun, weil da eben immer noch Per­sön­li­ches, Indi­vi­du­el­les mit rein­kommt. Die kul­tu­rel­le Iden­ti­tät des Ein­zel­nen, der gleich­zei­tig Stif­ter und Rezi­pi­ent der kul­tu­rel­len Iden­ti­tät einer Grup­pe ist.

Wer die Eröff­nungs- und Abschluss­fei­er der Olym­pi­schen Spie­le in Lon­don gese­hen hat, erleb­te dort einen bun­ten Rei­gen bri­ti­scher Geschich­te und – vor allem – Pop­kul­tur. Schier unend­lich der Fun­dus an aus Eng­land stam­men­den Welt­hits, Ever­greens und Meis­ter­wer­ken. Bei uns, so wur­de dann schnell geunkt, stün­den da Pur, Nena und Xavier Naidoo. 3 Das deut­sche Fern­seh­pro­gramm besteht ja auch über­wie­gend aus Kri­mi­se­ri­en und Quiz­shows (bei­des kei­ne genu­in deut­schen Pro­duk­te)

Die kul­tu­rel­le Iden­ti­tät Deutsch­lands nach dem zwei­ten Welt­krieg hat gleich zwei ampu­tier­te Bei­ne: Das mit dem Traum vom gro­ßen deut­schen Volk war gründ­lich schief gegan­gen, fand sei­ne Fort­set­zung aber in einer Art Light-Ver­si­on in Hei­mat­fil­men und Volks­tü­meln­dem Schla­ger, und die Leu­te, die Ber­lin in den 1920er Jah­ren zum kul­tu­rel­len Hot­spot gemacht hat­ten, waren alle ver­trie­ben oder gleich getö­tet wor­den. Bil­ly Wil­der präg­te im Kino flei­ßig das Ame­ri­ka­bild der Nach­kriegs­zeit, in Deutsch­land fei­er­te „Grün ist die Hei­de“ unglaub­li­che Erfol­ge. Die Jugend­be­we­gun­gen schwapp­ten in der Fol­ge­zeit fast alle aus den USA oder Groß­bri­tan­ni­en nach Deutsch­land und mit ihnen der seit­her andau­ern­de Unter­gang des Abend­lan­des – oder prä­zi­ser viel­leicht: des Abend­brot­lan­des.

Zuvor waren die einst heid­ni­schen Gebie­te des heu­ti­gen Deutsch­lands chris­tia­ni­siert wor­den. Die Gotik war aus Frank­reich gekom­men, die Renais­sance und der Barock aus Ita­li­en. Ohne die­se äuße­ren Ein­flüs­se hät­ten die Bom­ben der Alli­ier­ten allen­falls spät­mit­tel­al­ter­li­che Fach­werk­häu­ser, ver­mut­lich eher irgend­wel­che Stein­zeit­höh­len tref­fen kön­nen. Eine Zeit­lang galt es im Bür­ger­tum als aus­ge­spro­chen chic, Mas­ken­bäl­le vene­zia­ni­scher Prä­gung abzu­hal­ten. Geh­we­ge nann­te man „Trot­toir“, 4 Abor­te „Toi­let­te“.

Über­spitzt gesagt ist der Inbe­griff von Kul­tur in Deutsch­land immer noch Bay­reuth, dabei sind die Wag­ner-Fest­spie­le auch nur eine Art geho­be­ner Kar­ne­val: Men­schen, die allen­falls den Schluss­satz von Beet­ho­vens Neun­ter von Mozarts „Klei­ner Nacht­mu­sik“ aus­ein­an­der­hal­ten kön­nen, ver­klei­den sich einen Abend als kul­tur­in­ter­es­sier­te Bil­dungs­bür­ger.

85 Pro­zent mei­ner eige­nen kul­tu­rel­len Iden­ti­tät sind von angel­säch­si­scher Pop­kul­tur geprägt, der Rest von von angel­säch­si­scher Pop­kul­tur Gepräg­ten. Ja, ich mag kei­ne fran­zö­si­schen Fil­me und ein gut sor­tier­ter und gut gefüll­ter HMV löst in mir mehr Glücks­ge­füh­le aus als die Six­ti­ni­sche Kapel­le. Ich wür­de einen Urlaub im ver­reg­ne­ten Schott­land (und das dor­ti­ge Pub Food) jeder­zeit einem Aus­flug ans Mit­tel­meer vor­zie­hen.

Aber ich stei­ge nicht empört auf die Bar­ri­ka­den (fran­zö­si­sche Spe­zia­li­tät), wenn Men­schen Ita­lie­nisch­kur­se in der Volks­hoch­schu­le besu­chen, bei Aldi den etwas teu­re­ren Rot­wein kau­fen und ihren Urlaub in der Tos­ca­na ver­brin­gen wol­len.

  1. Mein in Rhein­land­nä­he auf­ge­wach­se­nes Herz hät­te bei­na­he geschrie­ben: die für Kar­ne­val zu fei­ge sind.[]
  2. Klei­ner Aus­fall­schritt zu Aller­hei­li­gen: Es kann mei­nes Erach­tens nicht sein, dass in einem Land, in dem die Tren­nung von Staat und Kir­che im Grund­ge­setz garan­tiert wird, soge­nann­te Tanz­ver­bo­te an kirch­li­chen Fei­er­ta­gen aus­ge­spro­chen wer­den. Und auch nicht, dass ein Land an zwei auf­ein­an­der­fol­gen­den Tagen volks­wirt­schaft­lich gelähmt wird, weil am einen Tag in fünf Bun­des­län­dern, am nächs­ten in fünf ande­ren kirch­li­cher Fei­er­tag ist. Die Katho­li­ken haben schon Fron­leich­nam (wenn auch nicht über­all), also wären hier mal die Pro­tes­tan­ten dran![]
  3. Na ja, oder halt Kraft­werk, die Erfin­der der moder­nen Pop­mu­sik, aber nun gut.[]
  4. Kein Mensch, der noch alle Tas­sen im Schrank hat, wür­de in einem deut­schen Satz das Wort „side­walk“ benut­zen.[]
Kategorien
Fernsehen Rundfunk

Fernsehen ohne Kaffee

Ges­tern Abend wur­den in Ber­lin die Echos ver­lie­hen. Der Ver­an­stal­ter, der Bun­des­ver­band Musik­in­dus­trie e.V., bezeich­net den Echo kon­se­quent als „einen der wich­tigs­ten Musik­prei­se der Welt“, nach wel­chen Kri­te­ri­en die Prei­se genau ver­lie­hen wer­den, weiß nie­mand so genau, ver­mut­lich nicht ein­mal Prof. Die­ter Gor­ny. Eine gro­ße Rol­le spie­len auf alle Fäl­le die Ver­kaufs­zah­len, wes­we­gen der Abend eini­ger­ma­ßen erwart­bar aus­ging. Ande­rer­seits: Nur ein Preis für Tim Bendz­ko, statt Revol­ver­held haben wenigs­tens Jupi­ter Jones gewon­nen und der Hip-Hop/Ur­ban-Preis ging immer­hin an den sym­pa­thi­schen Cas­per statt an den homo­pho­ben Bushi­do.

Die Preis­ver­lei­hung aber, bis vor vier Jah­ren bei RTL von Oli­ver Geis­sen und/​oder Frau­ke Ludo­wig asep­tisch weg­mo­de­riert, war der ARD dann doch erstaun­lich gut gelun­gen: Vom gro­ßen Ope­ning mit den fünf größ­ten Radio­hits des ver­gan­ge­nen Jah­res (Jupi­ter Jones, Fri­da Gold, Andre­as Bou­ra­ni, Tim Bendz­ko und Revol­ver­held – don’t get me star­ted), das noch ein biss­chen unt­erprobt wirk­te, in Zukunft aber funk­tio­nie­ren soll­te, über die ange­nehm kurz gehal­te­nen Zwi­schen­mo­de­ra­tio­nen von Ina Mül­ler und Bar­ba­ra Schö­ne­ber­ger bis hin zu den vie­len, vie­len Auf­trit­ten (Kraft­klub mit Cas­per, Tim Bendz­ko mit Shag­gy!) war das ein kurz­wei­li­ger, bun­ter Abend, der das bes­te aus dem raus­hol­te, was in Deutsch­land als Inven­tar der Unter­hal­tungs­in­dus­trie zur Ver­fü­gung steht. Und ich weiß, wie schwer das ist, ich habe es letz­tes Jahr als Co-Autor der Echo-Ver­lei­hung selbst ver­sucht.

* * *

Heu­te Abend wird der Adolf-Grim­me-Preis ver­lie­hen, die viel­leicht renom­mier­tes­te Aus­zeich­nung, die es in Deutsch­land für Fern­seh­sen­dun­gen gibt. Die Preis­über­ga­be fin­det mit ver­gleichs­wei­se wenig pyro­tech­ni­schem Ein­satz im Stadt­thea­ter Marl statt und die Chan­cen ste­hen hoch, dass Sie noch nie eine der gewür­dig­ten Sen­dun­gen gese­hen haben, weil die­se von den Sen­dern, die sie bestellt und finan­ziert haben, zu absur­des­ten Zei­ten ver­sen­det wur­den, auf dem alten Sen­de­platz des Test­bilds.

Selbst die Grim­me­preis­ver­lei­hung selbst, eher pro­tes­tan­ti­scher Ern­te­dank­got­tes­dienst als katho­li­sches Hoch­amt, wird von 22.25 Uhr bis 23.55 Uhr auf 3sat ver­klappt. Dabei kann man da wenigs­tens immer ein paar Minu­ten Aus­schnit­te aus den hoch­klas­si­gen, zumeist (aber nicht aus­schließ­lich) depri­mie­ren­den Fern­seh­spie­len und Doku­men­ta­tio­nen sehen, die man im Lau­fe des Jah­res so ver­passt hat.

* * *

Es ist also nicht so, dass es in Deutsch­land gar kein gutes Fern­se­hen gäbe, aber man muss danach suchen – und es wird selbst von den öffent­lich-recht­li­chen Sen­dern bewusst ver­hin­dert. Die brei­te Mas­se ist genau­so mut‑, belang- und lieb­los, wie das, was an deut­scher Pop­mu­sik im Radio oder halt beim Echo läuft.

Mal­te Wel­ding hat für die „Ber­li­ner Zei­tung“ eine gro­ße Abrech­nung mit dem deut­schen Fern­se­hen ver­fasst, die auch eine Abrech­nung mit dem gesam­ten Kul­tur­be­trieb, ja eigent­lich der gan­zen Bun­des­re­pu­blik ist.

Hier mal eine der mode­ra­te­ren Pas­sa­gen:

Was Chi­na im Fuß­ball, das ist Deutsch­land in der Unter­hal­tung. Ein Ent­wick­lungs­land. Ein Ent­wick­lungs­land aller­dings, des­sen Unter­hal­tungs­be­am­te sich gebär­den, als hät­ten sie den begeh­ba­ren Klei­der­schrank erfun­den, und das ein Schwei­negeld hat. Da wer­den Film­bäl­le gege­ben, die gera­de durch den Gla­mour­ver­such am Ende doch immer so aus­se­hen wie die Abi­fei­er der Jean-Sans-Terre-Ober­schu­le.

Das deut­sche Fern­se­hen steht so patsch­zu­frie­den im eige­nen Saft, dass es mit gro­ßer Fröh­lich­keit dar­in ersau­fen wird, in der Kar­ne­vals­brü­he aus Küs­ten­wa­chen­wie­der­ho­lun­gen und Seri­en mit Tie­ren in der Haupt­rol­le und Selbst­ver­si­che­rungs­ka­ba­retts­en­dun­gen und Redak­tio­nen nach Par­tei­pro­porz, die Polit­sen­dun­gen simu­lie­ren, und ist die Ren­te sicher und kippt der Euro und stirbt das Land? Ja, das Land stirbt. Vor Lan­ge­wei­le.

Mal­te Wel­ding: Stirbt das Land vor Lan­ge­wei­le?

Kategorien
Leben

Das Amt

Die aus­ge­klü­gel­te deut­sche Büro­kra­tie ist sicher nur erfun­den wor­den, damit Kolum­nis­ten und Kaba­ret­tis­ten sich dar­über auf­re­gen und Leh­rer mit Adolf-Sau­er­land-Bär­ten und Leder­wes­ten „ja, genau“ rufen kön­nen.

Anders gesagt: Ich brauch­te einen neu­en Rei­se­pass. Im Mai geht’s nach Aser­bai­dschan und der alte Pass ist im ver­gan­ge­nen Juli abge­lau­fen. Außer­dem brau­che ich einen Ort, wo ich mei­ne weit­ge­hend unge­nutz­te „Miles & More“-Karte der Luft­han­sa depo­nie­ren kann, und da hat sich der Rei­se­pass in der Ver­gan­gen­heit als guter Platz erwie­sen. Braucht man ja dann eh bei­des zusam­men.

Über Wochen habe ich mich aus zwei Grün­den um die­ses Vor­ha­ben gedrückt: Ers­tens mei­ne Abnei­gung gegen­über War­te­räu­men aller Art, zwei­tens das Pass­fo­to. „Viel­leicht doch erst zum Fri­seur“, habe ich gedacht, aber da hät­te ich unter Umstän­den wie­der war­ten müs­sen, also hab ich es gar nicht erst ver­sucht und ein­fach auf einen Good Hair Day gewar­tet. Die Son­ne schien, das Radio hat­te mich am Mor­gen mal nicht mit Nickel­back begrüßt, die Haa­re taten nach dem Duschen unge­fähr das, was ich von ihnen erwar­tet hät­te, kurz­um: Es war die Gele­gen­heit, die ver­damm­ten Fotos machen zu las­sen und den Rei­se­pass in Angriff zu neh­men.

Tat­säch­lich gelang es den Mit­ar­bei­tern im ört­li­chen Foto­gra­fie­fach­ge­schäft, ein bio­me­tri­sches Bild von mir anzu­fer­ti­gen, auf dem ich aus­nahms­wei­se nicht wie ein soeben fest­ge­nom­me­ner Seri­en­kil­ler oder Jour­na­list aus­se­he. Im Zwei­fels­fall könn­te ich die über­zäh­li­gen Pass­bil­der sogar mei­nen Groß­el­tern zu Weih­nach­ten schen­ken, wenn mir mal wie­der nichts ein­fällt. Im Prin­zip ist das aber eh egal, denn das schlimms­te Foto, das jemals von mir ange­fer­tigt wur­de, ziert eh mei­nen Füh­rer­schein, der nie erneu­ert wer­den muss.

Dann ging ich ins Rat­haus zum Bür­ger­bü­ro, zog eine Num­mer und längst ver­dräng­te Erin­ne­run­gen stie­gen in mir wie­der auf. Dar­an, wie ich vor acht Jah­ren bei mei­nem Umzug nach Bochum gefühl­te vier Stun­den hat­te war­ten müs­sen. Oder dar­an, wie ich bei der Bean­tra­gung eines neu­en Per­so­nal­aus­wei­ses nach ein­stün­di­ger War­te­zeit dar­über infor­miert wur­de, dass mein Pass­fo­to nicht den Anfor­de­run­gen ent­spre­chen wür­de. 1 Doch dies­mal war ich vor­be­rei­tet: Ich hat­te Buch und Kopf­hö­rer dabei und mich vor­her infor­miert, wo ich mich fuß­läu­fig mit Lebens­mit­teln, Geträn­ken und Bett­de­cken ver­sor­gen könn­te.

Ich has­se, wie gesagt, War­te­räu­me aller Art. Dabei ist es weit­ge­hend egal, ob am Ende der War­te­zeit eine zahn­ärzt­li­che Behand­lung, ein Lang­stre­cken­flug oder der Ver­such ansteht, einen Rei­se­pass zu bean­tra­gen. Beim War­ten den­ke ich die gan­ze Zeit dar­an, wie schön ich zur glei­chen Zeit zuhau­se vor mei­nem Com­pu­ter oder Fern­se­her (oder bei­dem) hocken und mei­ne Zeit nach eige­nem Ermes­sen ver­schwen­den könn­te. Außer­dem habe ich tief in mir eine laten­te Angst vor dem deut­schen Büro­kra­tie­ap­pa­rat. Ich male mir immer aus, dass ich beim letz­ten Umzug irgend­ein For­mu­lar falsch aus­ge­füllt haben könn­te und jetzt offi­zi­ell als tot gel­te, wobei auch noch eine mir unbe­kann­te Per­son Wit­wen­ren­te bezieht, weil die ihr For­mu­lar eben­falls nicht kor­rekt aus­ge­füllt hat­te und die Dame vom Amt dann noch irgend­was durch­ein­an­der­ge­bracht hat.

„Es war­ten 15 Per­so­nen vor Ihnen“, hat­te mich der Zet­tel mit mei­ner Num­mer drauf („Auf kei­nen Fall ver­lie­ren!“) infor­miert. Nach zwan­zig Minu­ten waren davon fünf auf­ge­ru­fen wor­den und ich such­te schon mal unauf­fäl­lig nach dem geeig­nets­ten Schlaf­platz in die­sem War­te­raum, der den Charme eines unter­ir­di­schen Eis­ca­fés ver­sprüh­te, des­sen Ein­rich­ter als ein­zi­ge Anwei­sung erhal­ten hat­ten, dass die Möbel auch bei einem even­tu­el­len Ein­satz als Schlag­waf­fe nicht kaputt­ge­hen und dar­über hin­aus leicht abzu­kär­chern sein soll­ten. Auf einem Flach­bild­schirm wur­den die Num­mern ange­zeigt und die Tische, an die man sich zu bege­ben hat­te, auf einem Flach­bild­schirm dane­ben lie­fen Bil­der vom schöns­ten Ort Bochums, dem West­park. Damit der Drang, sofort raus­zu­ren­nen, nicht zu groß wur­de, hat­te man die Auf­nah­men aber sicher­heits­hal­ber im Win­ter ange­fer­tigt, als die Bäu­me noch kahl waren. Gera­de als die Zufalls­wie­der­ga­be mei­nes Han­dys „Fickt das Sys­tem“ von Die Ster­ne spiel­te, leuch­te­te mei­ne Num­mer auf und ich mach­te mich unter Zuhil­fe­nah­me all mei­ner Jac­ques-Tati-Imi­ta­ti­ons­küns­te auf die Suche nach Tisch 6.

Ich trug der Sach­be­ar­bei­te­rin mein Anlie­gen vor und wäh­rend sie die nöti­gen Unter­la­gen aus­druck­te, stell­te ich wie­der mal fest, was für ein zyni­sches, men­schen­ver­ach­ten­des Kon­zept die­sen Bür­ger­bü­ros, die Ende der 1990er Jah­re über­all aus dem Boden gestampft wur­den, doch zugrun­de liegt: Wäh­rend ich in der Apo­the­ke mit Mar­kie­run­gen auf dem Boden auf­ge­for­dert wer­de, Dis­kre­ti­on zu wah­ren, sitzt hier in die­sem völ­lig offe­nen Bür­ger­bü­ro zwei Meter neben mir ein Mann, der sich in einer von Franz Kaf­ka höchselbst erson­ne­nen Logik­schlei­fe befin­det, und alle Umsit­zen­den krie­gen jedes Wort mit. Dass er sei­nen bean­trag­ten Per­so­nal­aus­weis nicht bezah­len kann, weil er kein Kon­to hat, aber kein Kon­to eröff­nen kann, weil er kei­nen gül­ti­gen Per­so­nal­aus­weis besitzt. Der dicke Sach­be­ar­bei­ter sag­te, er kön­ne da auch nichts machen, der Mann wur­de lau­ter und ver­ließ irgend­wann unter mit­tel­lau­tem Flu­chen das Bür­ger­bü­ro. Mei­ne Sach­be­ar­bei­te­rin warf mir einen viel­sa­gen­den Blick zu und ich schick­te spon­tan ein Stoß­ge­bet zum Lie­ben Gott, dass ich bit­te nie­mals eine Arbeits­agen­tur von innen sehen möge.

Dann muss­te ich For­mu­la­re aus­fül­len, wofür es unter ande­rem not­wen­dig war, dass ich mich erin­ner­te, ob ich den Streit­kräf­ten eines ande­ren Lan­des gedient hat­te. Da ich mir sicher war, den Dschun­gel-Ein­satz mit der Frem­den­le­gi­on nur geträumt zu haben, kreuz­te ich „Nein“ an. Dann muss­te ich auf einem Aus­druck unter­schrei­ben: „Sie kön­nen das gan­ze Feld nut­zen, aber nicht in den schwar­zen Bereich rein­schrei­ben!“ Zum Glück kann man das For­mu­lar offen­bar mehr­fach aus­dru­cken.

An einer Stel­le muss­te ich kurz auf mei­nem Han­dy nach­se­hen, ob wir tat­säch­lich das Jahr 2012 hat­ten, denn ich wur­de Zeu­ge eines beein­dru­cken­den Bei­spiels für die soge­nann­te Medi­en­kon­ver­genz: Die Sach­be­ar­bei­te­rin nahm das Foto, das der Mann vom Foto­la­den (nen­nen wir ihn Herrn Ärmel) zuvor mit einer Digi­tal­ka­me­ra von mir gemacht und auf Foto­pa­pier aus­ge­druckt hat­te, kleb­te es auf das Blatt Papier, auf dem ich gera­de unter­schrie­ben hat­te, und leg­te die­ses Blatt auf einen Scan­ner. Nach einer hal­ben Minu­te war mein Foto im Sys­tem, die Frau knib­bel­te es wie­der von dem Papier ab und gab es mir zurück. Ich hat­te 13 Euro für vier Fotos bezahlt, von denen ich nur eines brauch­te, und das auch nur für eine hal­be Minu­te.

Erstaun­li­cher­wei­se hol­te sie dann aber kein Stem­pel­kis­sen her­vor, um die Abdrü­cke mei­ner Zei­ge­fin­ger erst auf einem Blatt Papier zu neh­men und dann ein­zu­scan­nen – Nein! – zu ihrem Arbeits­platz gehört (wie zu mut­maß­lich allen ande­ren Arbeits­plät­zen in die­sem rie­si­gen Raum) ein Fin­ger­ab­druck­scan­ner, mit dem sie die Lini­en auf mei­nen Fin­ger­kup­pen direkt in ihr Sys­tem über­tra­gen konn­te. Die Abdrü­cke wür­den weder bei ihr noch in der Bun­des­dru­cke­rei dau­er­haft gespei­chert, spul­te sie die Daten­schutz­er­klä­rung ab, sie wür­den ledig­lich auf einem Chip im Pass gespei­chert. Ich nick­te und ver­zich­te­te auf den Scherz, dass ich mei­nen Pass als ers­tes in die Mikro­wel­le legen wür­de.

Es ging ans Zah­len und ich war froh, mir vor­ab auf der Inter­net­sei­te der Stadt Bochum die Preis­lis­te ange­schaut zu haben. 2 59 Euro kos­tet so ein Rei­se­pass für zehn Jah­re, dafür bekommt man in Oslo zum Bei­spiel ein Eis. In etwa drei Wochen muss ich wie­der hin und mei­nen Pass abho­len. Dafür muss ich dann „eine Sie­ben­hun­der­ter-Num­mer“ zie­hen, mit denen man direkt zur Abhol­stel­le vor darf.

  1. Ich ging am nächs­ten Tag ein­fach in eine Zweig­stel­le des Bür­ger­bü­ros, wo das sel­be Foto anstands­los akzep­tiert wur­de.[]
  2. Wie auch immer ich die gefun­den haben mag.[]
Kategorien
Print Politik Gesellschaft

Der größte Fehler des Christian Wulff

Ich habe ein biss­chen Angst, einen Blog­ein­trag über Chris­ti­an Wulff anzu­fan­gen, weil es bei der aktu­el­len Gemenge­la­ge denk­bar ist, dass der Mann schon nicht mehr Bun­des­prä­si­dent ist, bevor ich den Text das ers­te Mal Kor­rek­tur lesen kann.

Natür­lich kann Wulff sei­nen Ver­such fort­set­zen, gegen die gesam­te deut­sche Pres­se, aber mit dem deut­schen Volk im Amt zu blei­ben. Das hat zwar schon bei Karl-Theo­dor zu Gut­ten­berg nicht funk­tio­niert (und der hat­te immer­hin bis zum Schluss die „Bild“ auf sei­ner Sei­te), aber Wun­der gibt es immer wie­der.

Zwar war Wulffs Rück­halt in der Bevöl­ke­rung vor dem gest­ri­gen TV-Inter­view schon merk­lich gesun­ken (am Mitt­woch waren nur noch 47 Pro­zent dafür, dass Wulff im Amt blei­ben soll­te, am Mon­tag waren es noch 63 Pro­zent), aber viel­leicht hat Wulff das soge­nann­te ein­fa­che Volk mit sei­nem merk­wür­di­gen Auf­tritt bei ARD und ZDF bes­ser über­zeu­gen kön­nen als die Jour­na­lis­ten. Wahr­schein­lich ist dies aller­dings auch nicht.

Wie dem auch sei: So lan­ge die Affä­re Wulff die Titel­sei­ten füllt und wei­te Tei­le der Nach­rich­ten­sen­dun­gen aus­füllt, so lan­ge geht natür­lich unter, dass sich Euro­pa immer noch in einer gro­ßen Kri­se befin­det, dass sich die Stim­mung zwi­schen dem Iran und dem Rest der Welt täg­lich ver­schlech­tert. Und ich mei­ne das nicht in dem Sinn, mit dem Online-Kom­men­ta­to­ren „Habt Ihr denn sonst kei­ne Sor­gen?“ fra­gen.

Als Richard Nixon im Zuge der Water­ga­te-Affä­re sei­nen Rück­tritt als US-Prä­si­dent erklär­te, tat er dies mit den unsterb­li­chen Wor­ten:

I have never been a quit­ter.

To lea­ve office befo­re my term is com­ple­ted is abhor­rent to every instinct in my body. But as Pre­si­dent, I must put the inte­rests of Ame­ri­ca first.

Ame­ri­ca needs a full-time Pre­si­dent and a full-time Con­gress, par­ti­cu­lar­ly at this time with pro­blems we face at home and abroad.

Nun unter­schei­den sich die Befug­nis­se von US- und Bun­des­prä­si­dent fun­da­men­tal: Ver­mut­lich wür­de es nie­man­dem auf­fal­len, wenn Chris­ti­an Wulff die letz­ten drei­ein­halb Jah­re sei­ner Amts­zeit tat­säch­lich aus­schließ­lich mit der Beant­wor­tung der vie­len, vie­len Jour­na­lis­ten­an­fra­gen ver­bräch­te. Einen Voll­zeit­prä­si­den­ten hat­te und brauch­te Deutsch­land nie – wes­we­gen ich übri­gens den Vor­schlag von Fried­rich Küp­pers­busch aufs Hef­tigs­te begrü­ße, das Amt des haupt­be­ruf­li­chen Grüß­au­gusts abzu­schaf­fen und den Bun­des­tags­prä­si­den­ten zum Staats­ober­haupt zu machen.

Wulff lähmt viel­leicht noch nicht ein­mal die Poli­tik – Poli­ti­ker von Koali­ti­on und Oppo­si­ti­on, die sich wort­ge­wal­tig vor TV-Kame­ras um das Anse­hen des höchs­ten Amts im Staa­te sor­gen, kön­nen in die­ser Zeit kei­nen ande­ren Scha­den anrich­ten. Aber Wulff lähmt das öffent­li­che Leben in Deutsch­land: Die Medi­en beschäf­ti­gen sich seit Tagen mit kaum etwas ande­rem und wis­sen ver­mut­lich längst, was sie als nächs­tes noch alles auf­de­cken wer­den – als Fort­set­zungs­ro­man ver­kauft sich jeder Skan­dal bes­ser denn als abge­schlos­se­ne Erzäh­lung und wer hat denn gesagt, dass Sala­mi­tak­ti­ken nur etwas für Poli­ti­ker sind? Der volks­wirt­schaft­li­che Scha­den, der seit Tagen durch die vie­len Wulff-Wit­ze (seit ges­tern auch noch: Schaus­ten-Wit­ze) auf Face­book und Twit­ter ent­steht, die alle wäh­rend der Arbeits­zeit gele­sen und geteilt wer­den müs­sen, ist sicher auch nicht zu ver­ach­ten.

Chris­ti­an Wulff hat in dem gest­ri­gen Inter­view viel davon gespro­chen, dass er Freun­de und Fami­lie habe schüt­zen wol­len und sich des­halb mit Infor­ma­tio­nen zurück­ge­hal­ten habe. Es steht außer Fra­ge, dass die Redak­tio­nen noch genug Muni­ti­on haben, um den waid­wun­den Prä­si­den­ten abzu­schie­ßen (um mal eine mar­tia­li­sche Phra­se zu ver­mei­den). Die Chan­cen ste­hen gut, dass es dabei um wei­te­re Details aus sei­nem Freun­des- und Bekann­ten­kreis geht. Auch wenn ich nicht glau­be, dass die in den ver­gan­ge­nen Tagen mehr oder weni­ger offen kol­por­tier­ten Gerüch­te zutref­fen, so wäre Chris­ti­an Wulff doch gut bera­ten, sein Umfeld aus der Schuss­li­nie zu brin­gen.

Ande­rer­seits könn­te es sein, dass das nun auch nichts mehr bringt: Wulff hat ges­tern im Fern­se­hen erzählt, er habe „Bild“-Chefredakteur Kai Diek­mann auf des­sen Mail­box gebe­ten, „um einen Tag die Ver­öf­fent­li­chung zu ver­schie­ben, damit man dar­über reden kann, damit sie sach­ge­mäß aus­fal­len kann“. Diek­mann hielt heu­te dage­gen und bat Wulff öffent­lich um die Geneh­mi­gung, den Wort­laut des Anrufs ver­öf­fent­li­chen zu dür­fen. Allein für die­se Gele­gen­heit, dass sich Kai Diek­mann als mora­li­sche Instanz und flau­schi­ges Unschulds­lamm prä­sen­tie­ren kann, muss man Wulff ver­ach­ten. Jetzt hat Wulff abge­lehnt und damit mut­maß­lich die Pfor­ten zur Höl­le auf­ge­sto­ßen.

Der prä­si­dia­le Aus­ras­ter auf sei­ner Mail­box dürf­te kaum Diek­manns letz­ter Trumpf gewe­sen sein. Wahr­schein­lich ging er fest davon aus, dass Wulff sei­ne Bit­te zur Ver­öf­fent­li­chung nega­tiv beschei­den wür­de, und hat die Anfra­ge des­halb gleich öffent­lich gemacht. Diek­mann konn­te zwei Mal „im Sin­ne der von Ihnen ange­spro­che­nen Trans­pa­renz“ argu­men­tie­ren und hat den Prä­si­den­ten damit fak­tisch schach­matt gesetzt: Setzt man vor­aus, dass Diek­manns Ver­si­on der Geschich­te stimmt, wäre Wulff der Lüge über­führt gewe­sen und damit end­gül­tig untrag­bar. Setzt man vor­aus, dass Wulffs Ver­si­on stimmt, hat er jetzt immer noch das Pro­blem, nicht „im Sin­ne der Trans­pa­renz“ gehan­delt zu haben. Er konn­te nur noch ver­lie­ren.

Es ist leicht, auf einen Abzock­voll­pro­fi wie Kai Diek­mann rein­zu­fal­len, aber einem Spit­zen­po­li­ti­ker (auch wenn er „ohne Karenz­zeit, ohne Vor­be­rei­tungs­zeit“ in sein aktu­el­les Amt gekom­men ist) soll­te das nicht pas­sie­ren. Ich fän­de es depri­mie­rend, sagen zu müs­sen, dass man sich mit „Bild“ nicht anle­gen soll­te, und glau­be das auch nicht. Aber man muss schon wis­sen, wie man es macht – und dabei in einer etwas glück­li­che­ren Aus­gangs­po­si­ti­on sein, als Wulff es war.

Kaum jemand stol­pert, pri­vat oder beruf­lich, über einen ein­zel­nen gro­ßen Feh­ler. Meist ist es eine unglück­se­li­ge Ver­ket­tung vie­ler klei­ner und mitt­le­rer Feh­ler. Egal, was jetzt noch raus­kommt: Der größ­te Feh­ler, den Chris­ti­an Wulff in mei­nen Augen gemacht hat, war der, „Bild“ und Kai Diek­mann die Gele­gen­heit zu geben, sich als seriö­se, mora­li­sche Jour­na­lis­ten insze­nie­ren zu kön­nen, was ihnen die Men­schen viel­leicht mehr abkau­fen als Wulff sei­ne Rol­le als reu­iger Sün­der. Wulff hat „Bild“ die Macht zurück­ge­ge­ben, die die Zei­tung eigent­lich nicht mehr hat­te.

Kategorien
Musik

Ihr wollt ein Liebeslied, ihr kriegt ein liebes Lied

Ver­gan­ge­nen Don­ners­tag stand ich kurz davor, mir meh­re­re Glied­ma­ßen abzu­na­gen: Ich saß in einer Köl­ner Mehr­zweck­hal­le und als wäre das nicht schon schlimm genug, fand in die­ser Hal­le zu die­sem Zeit­punkt auch noch der Bun­des­vi­si­on Song Con­test statt. Ste­fan Raabs inner­deut­scher Grand Prix, der sich nicht so recht zwi­schen staats­tra­gen­dem Ges­tus und iro­ni­scher Distanz ent­schei­den kann, konn­te es in Sachen Show und Unter­hal­tung nicht mit dem euro­päi­schen Vor­bild auf­neh­men. Das war zu erwar­ten gewe­sen. Womit eher nicht zu rech­nen war: Dass der ESC dem BuVi­So­Co auch musi­ka­lisch über­le­gen sein wür­de.

Seit eini­ger Zeit füh­le ich mich, als stün­de ich an irgend­ei­nem Bahn­hof am Gleis und der pop­mu­si­ka­li­sche Zug sei ein­fach ohne mich wei­ter­ge­fah­ren, immer wei­ter in die Pro­vinz hin­ein. BuVi­So­Co-Sie­ger Tim Bendz­ko, Phil­ipp Poi­sel, der Rap­per Cas­per, der Tom­te-lose Thees Uhl­mann – ihre Plat­ten wer­den von vie­len Kri­ti­kern gelobt und von irr­sin­nig vie­len Men­schen gut gefun­den, denen ich sonst durch­aus Musik­ge­schmack unter­stel­len wür­de. Und ich ste­he fas­sungs­los dane­ben und füh­le mich, als wären plötz­lich Alle Fans des VfL Wolfs­burg.

Deutsch­spra­chi­ge Musik, so scheint es, zer­fällt die­ser Tage in zwei Extre­me: Auf der einen Sei­te der Dis­kurs­pop von Toco­tro­nic, Jochen Dis­tel­mey­er oder Ja, Panik, der von Zeit­schrif­ten wie „Spex“ und „Intro“ abge­fei­ert, aber so rich­tig dann doch von nie­man­dem ver­stan­den wird, auf der ande­ren die gefüh­li­gen Singer/​Songwriter, deren Songs die Musik­re­dak­tio­nen deut­scher Radio­sen­der vor zehn Jah­ren noch den Kol­le­gen von WDR 4 rüber­ge­scho­ben hät­ten. Indie ist nicht nur Main­stream gewor­den, son­dern in Tei­len auch zum Schla­ger geron­nen.

Als vor sie­ben, acht Jah­ren die „neu­es­te deut­sche Wel­le“ aus­ge­ru­fen wur­de, weil Bands wie Wir Sind Hel­den, Juli oder Sil­ber­mond plötz­lich in Sachen Absatz­zah­len und Air­play erfolg­reich waren, war schon zu befürch­ten, als was für eine Far­ce sich die Geschich­te wie­der­ho­len wür­de. So wie Anfang der Acht­zi­ger auf Kraft­werk, Ide­al und die Fehl­far­ben irgend­wann Mar­kus, Hubert Kah und Fräu­lein Men­ke gefolgt waren, wür­de auch dies­mal das gan­ze Sys­tem in sich zusam­men­stür­zen, bis nur noch ein paar One Hit Won­der für den Nach­fol­ger der „ZDF-Hit­pa­ra­de“ übrig blie­ben und dann wür­de über Jah­re kein Label mehr deutsch­spra­chi­ge Musi­ker unter Ver­trag neh­men und kein Radio­sen­der sie spie­len.

Doch es kam schlim­mer als befürch­tet: Der Erfolg von Bands wie Sil­ber­mond, Revol­ver­held oder Cul­cha Can­de­la erwies sich als eini­ger­ma­ßen nach­hal­tig und die gan­zen ver­zwei­fel­ten Nach­züg­ler-Sig­nings, die den Plat­ten­fir­men in den Acht­zi­gern irgend­wann um die Ohren geflo­gen waren, erwie­sen sich jetzt, in den Zei­ten ihrer schlimms­ten Kri­se, zumeist als gül­de­ne Glücks­grif­fe. Die ver­damm­te Bla­se woll­te ein­fach nicht mehr plat­zen!

Als Andrea Berg bei der dies­jäh­ri­gen Echo-Ver­lei­hung ein wenig pat­zig mehr als nur eine Schla­ger-Kate­go­rie beim deut­schen Musik­preis ein­for­der­te, brach­te das die ohne­hin schlech­te Stim­mung in der Hal­le nicht gera­de nach vor­ne. Dabei waren unter der Über­schrift „Album des Jah­res (natio­nal oder inter­na­tio­nal)“ fol­gen­de Wer­ke nomi­niert gewe­sen: „Gro­ße Frei­heit“ von Unhei­lig, „Schwe­re­los“ von Andrea Berg, das „Best Of“ von Hele­ne Fischer, „My Cas­set­te Play­er“ von Lena und „A Curious Thing“ von Amy Mac­do­nald. Es muss schon ein erstaun­li­cher gesell­schaft­li­cher Wan­del statt­ge­fun­den haben, wenn die jun­ge, weib­li­che Ant­wort auf Chris de Burgh und das Album der deut­schen ESC-Teil­neh­me­rin („Schla­ger-Grand-Prix“, wie man­che Men­schen heu­te noch sagen) die unschla­ger­haf­tes­ten Ver­tre­ter bei den meist­ver­kauf­ten Alben des Jah­res dar­stel­len.

Mode­ra­to­rin Ina Mül­ler hat­te bei der Ver­lei­hung des Volks­mu­sik-Echos an die Ami­gos laut­stark dazu auf­ge­ru­fen, die Wän­de zwi­schen den Schub­la­den ein­zu­rei­ßen, dabei woll­ten die anwe­sen­den coo­len und klatsch­fau­len Rock­stars und Plat­ten­fir­men­men­schen sich nur nicht ein­ge­ste­hen, dass das längst gesche­hen war. Quer durch alle Kate­go­rien nomi­niert waren ein zot­te­li­ger Gei­ger, der sich kom­mer­zi­ell erfolg­reich an der Inter­pre­ta­ti­on von Rock­songs ver­sucht hat­te; ein altern­der Chan­son­nier; ein jugend­li­cher Chan­son­nier; eine Opern­sän­ger-Boy­group, die Pop­songs nach­schmet­tert; der Erfin­der des Gothic-Schla­gers und nicht zuletzt Ina Mül­ler selbst, deren Songs von Frank Ramond geschrie­ben wer­den, der seit Jah­ren mit sei­nen augen­zwin­kern­den Wort­spie­le­rei­en für Annett Loui­san, Bar­ba­ra Schö­ne­ber­ger und Roger Cice­ro den Mas­sen­ge­schmack trifft wie kaum ein Zwei­ter.

Was uns zu Cas­per bringt, jenem „Kon­sens-Rap­per“, des­sen Album „XOXO“ über­ra­schend, ange­sichts des media­len „Geheimtipp“-Overkills im Vor­feld aber durch­aus kon­se­quen­ter­wei­se auf Platz 1 der Charts ein­ge­stie­gen war. Dies ist die Stel­le, an der ich fai­rer­wei­se erklä­ren soll­te, dass ich bis auf weni­ge Aus­nah­men mit deutsch­spra­chi­gem Hip­hop so rein gar nichts anfan­gen kann. Das war in den 1990ern noch ganz lus­tig, als alle wie die ame­ri­ka­ni­schen Vor­bil­der auf dicke Hose mach­ten, miss­fällt mir jetzt aber zuneh­mend. Dabei will ich nicht mal aus­schlie­ßen, dass man auch auf Deutsch hin­ter­grün­di­ge, wit­zi­ge und gute Tex­te rap­pen kann – allein man­gelt es den meis­ten Ver­tre­tern die­ses Gen­res schon an den dafür not­wen­di­gen Fer­tig­kei­ten, sprich: Skills. Es reicht mir nicht, wenn sich einer holp­rig durch die Sät­ze quält. Womög­lich fehlt mir das not­wen­di­ge Enzym oder Gen, aber in mei­nen Ohren fällt „Das war’s. Auf das, was war /​ Zwi­schen all den Ficks auf dem Tisch aus dem Glas /​ Und hätt‘ ich dich nie gekannt /​ Wär‘ der Ben bloß der Cas­per der rappt /​ Aber du wärst nur die Frau von der Bar“ (Cas­per) sprach­lich und inhalt­lich sogar noch hin­ter „Ver­piss dich /​ Ich weiß genau, Du ver­misst mich“ (Tic Tac Toe) zurück. 1 Wenn das „Stu­den­ten­rap“ sein soll (und Sie müs­sen sich das auch noch in Cas­pers Schiff­schau­kel­brem­ser­stim­me vor­stel­len), kann ich auf eine Begeg­nung mit „Son­der­schü­ler­rap“ bes­tens ver­zich­ten.

Doch die Ver­to­nung von Tage­buch­ein­trä­gen wird geschätzt. Es ist eine „neue“, womög­lich „scho­nungs­lo­se Offen­heit“. Klop­stock 2.0. Da ist es auch nicht ver­wun­der­lich, dass Tom­te-Sän­ger Thees Uhl­mann (der mit Cas­per bei gleich zwei Tracks koope­riert) auf sei­ner ers­ten Solo-Sin­gle tote Fische besingt.

Doch, tat­säch­lich: „Zum Lai­chen und Ster­ben zie­hen die Lach­se den Fluss hin­auf“ ver­kün­det er und preist auf sei­nem Album wie in zahl­rei­chen Inter­views das Dorf­le­ben. Bei Tom­te hat­te er noch davon gesun­gen, „sein Ver­sa­gen nicht län­ger Über­zeu­gung zu nen­nen“, auf sei­nem selbst­be­ti­tel­ten Solo­de­büt zele­briert er jetzt genau das. Von Jour­na­lis­ten lässt er sich dabei mit Bruce Springsteen ver­glei­chen – und wenn die es nicht tun, macht er es eben selbst. Zwar konn­te nicht ein­mal der Boss über eine Super­markt­kas­sie­re­rin sin­gen, ohne dass man vor Fremd­scham in einen Turm aus Kon­ser­ven­do­sen sprin­gen woll­te, aber das hält Uhl­mann nicht davon ab, die­ses Feld mit „Das Mäd­chen von Kas­se 2“ noch ein­mal zu beackern. Ich erken­ne den Ver­such an, den gesell­schaft­lich Über­se­he­nen ein Denk­mal bau­en zu wol­len, aber, Ent­schul­di­gung!, das konn­ten Pur bes­ser – und die muss­ten dafür zur Stra­fe im Stu­dio­ne­bel der „Hit­pa­ra­de“ ste­hen.

Über­haupt müs­sen wir Abbit­te leis­ten bei Pur, der Mün­che­ner Frei­heit, Rein­hard Mey, Wolf Maahn, Heinz-Rudolf Kun­ze, Klaus Lage, Bap, Pur­ple Schulz und vor allem bei Udo Jür­gens. 2 Von mir aus soll Tim Bendz­ko nur noch kurz die Welt ret­ten wol­len und Andre­as Bou­ra­ni (des­sen „Nur in mei­nem Kopf“ ich für ein paar Wochen sogar ziem­lich toll fand) wie ein Eis­berg glän­zen und schei­nen wol­len, aber dann kön­nen wir nicht mehr mit dem Fin­ger auf die Leu­te zei­gen, die ein paar Jahr­zehn­te zuvor das Glei­che gemacht haben.

Die Uhlmann’schen Hei­mat­me­lo­dien und die gan­zen wasch­lap­pi­gen Lie­bes­be­teue­run­gen der jun­gen Lie­der­ma­cher sind die pop­kul­tu­rel­le Rück­kehr zum Bie­der­mei­er. Sie lie­fern das „klei­ne biss­chen Sicher­heit“ in „die­ser schwe­ren Zeit“, das Sil­ber­mond schon vor zwei­ein­halb Jah­ren ein­ge­for­dert hat­ten. Die­ser Eska­pis­mus ins Inners­te zeig­te sich dann auch am Tref­fends­ten im Namen jener Band, die sich beim Bun­des­vi­si­on Song Con­test einen Moment wünsch­te, der „echt“ und „per­fekt“ ist: Glas­per­len­spiel. Her­mann Hes­se ist ja tat­säch­lich das, was uns am volks­wirt­schaft­li­chen Abgrund noch gefehlt hat: Wan­de­run­gen durch Indi­en, ein biss­chen Meta­phy­sik und dann hin­ein in die Selbst­aus­lö­schung. Die Bücher von Mar­got Käß­mann ver­kau­fen sich schon ver­däch­tig gut.

Gewiss, das alles sind Geschmacks­fra­gen. Und die kann man sich ja oft genug selbst nicht beant­wor­ten. Ich ver­ste­he zum Bei­spiel nicht, war­um ich das Debüt­al­bum von Gre­gor Meyle (Zwei­ter bei Ste­fan Raabs vor­letz­ter Cas­ting-Show) immer noch ganz char­mant fin­de, beim ähn­lich roman­tisch gela­ger­ten Phil­ipp Poi­sel aber immer kurz vor der Selbst­ent­lei­bung ste­he. 3

Viel­leicht hängt mei­ne Abnei­gung auch mit der Spra­che zusam­men, wobei Thees Uhl­mann gleich das bes­te Gegen­ar­gu­ment gegen die­se The­se ist, denn bei Tom­te waren sei­ne Tex­te ja über wei­te Tei­le noch unpein­lich bis groß­ar­tig. Ande­rer­seits: Eine Aus­sa­ge wie „Du hast die Art ver­än­dert, wie Du mich küsst“ wür­de man ohne zu Zögern dem Werk der Andrea Berg zuord­nen. Auf Eng­lisch taugt es beim Rap­per Exam­p­le zu einem der bes­ten Songs des Jah­res. Und irgend­wie war es gar nicht so schlimm, als Prin­ce oder Chris Mar­tin auf Eng­lisch san­gen, der Ver­flos­se­nen nie­mals Kum­mer berei­tet haben zu wol­len. Wenn jetzt einer singt, „Ich woll­te nie, dass Du weinst“, wünscht man sich doch drin­gend Ramm­stein her­bei, die bit­te das genaue Gegen­teil dekla­mie­ren sol­len, nur damit mal ein biss­chen Leben in der Bude ist.

„Kei­ner, wirk­lich kei­ner, braucht deut­sche Song­wri­ter“ singt Frie­de­mann Wei­se in sei­nem sehr unter­halt­sa­men Lied, das nur einen klei­nen Haken hat: Das ein­zi­ge, was noch schlim­mer ist als scho­nungs­lo­se Offen­heit in Lied­tex­ten, ist unge­hemm­te Iro­nie. Des­we­gen sind die Toten Hosen bei all ihrer Schlimm­heit immer noch den Ärz­ten vor­zu­zie­hen, die jed­we­den Hin­weis auf eine Hal­tung ver­mis­sen las­sen.

Die zen­tra­le Fra­ge jedoch bleibt: War­um sind heu­te Musi­ker mit Tex­ten erfolg­reich, die jun­ge Men­schen noch vor weni­gen Jah­ren rund­her­aus als kit­schig abge­lehnt hät­ten? Sind die Hörer sen­si­bler gewor­den oder nur tole­ran­ter? Und was hat das alles mit der WM 2006 zu tun?

Offen­le­gung: Ich habe an der dies­jäh­ri­gen Echo-Ver­lei­hung mit­ge­ar­bei­tet und bin mit eini­gen der hier gediss­ten Künst­ler per­sön­lich bekannt.

  1. „Aus“! „Dem“! „Glas“! Alter, was ist mit Dir nicht in Ord­nung?![]
  2. Nicht jedoch und unter kei­nen Umstän­den bei Mari­us Mül­ler-Wes­tern­ha­gen.[]
  3. Poi­sel hat aller­dings auch eine Stim­me, auf die ich mir kör­per­li­cher Abnei­gung reagie­re – wobei mir der nasa­le Gesang eines Bil­ly Cor­gan oder das Röh­ren eines Kel­ly Jones immer gut gefal­len hat.[]
Kategorien
Politik Gesellschaft

Die Bonner Republik

Das Land mei­ner Kind­heit exis­tiert nicht mehr. Es ist nicht ein­fach unter­ge­gan­gen wie die DDR, in der ein paar mei­ner Freun­de ihre ers­ten Lebens­jah­re ver­bracht haben, aber es ist auch nicht mehr da.

Frü­her, als in den Radio­nach­rich­ten noch die Orts­mar­ken vor­ge­le­sen wur­den, gab es die­ses Wort, das mehr als ein Wort oder ein Städ­te­na­me war: „Bonn.“ Damals braucht man in den Nach­rich­ten noch kei­ne Sound­tren­ner zwi­schen den ein­zel­nen Mel­dun­gen, denn es gab die­ses Wort, das wie ein Tren­ner klang, wie der Schlag mit einem Rich­ter­ham­mer. Bonn.

Bonn war die Haupt­stadt des Lan­des, in dem ich leb­te, und die Stadt, in der mei­ne Oma damals leb­te. Ich glau­be nicht, dass ich das eine mit dem ande­ren jemals in einen Zusam­men­hang gebracht habe, aber das Land, in dem ich leb­te, wur­de von alten, grau­en Män­nern in karier­ten Sak­kos regiert und ihre Ent­schei­dun­gen wur­den von glei­cher­ma­ßen alten, glei­cher­ma­ßen grau­en Män­nern in glei­cher­ma­ßen karier­ten Sak­kos ver­le­sen.

Wahr­schein­lich wuss­te ich damals noch nicht, was „regie­ren“ bedeu­tet und wel­che Funk­ti­on die letzt­ge­nann­ten Män­ner hat­ten (außer, dass man als Kind still sein muss­te, wenn sie zur Abend­brot­zeit über den Fern­se­her mei­ner Groß­el­tern flim­mer­ten), aber es gab einen dicken Mann mit lus­ti­gem Sprach­feh­ler, der immer da war und das war – neben Tho­mas Gott­schalk – der König von Deutsch­land.

Die Aus­wir­kun­gen, die die Exis­tenz Hel­mut Kohls auf gan­ze Gebur­ten­jahr­gän­ge hat­te, sind mei­nes Wis­sens bis heu­te nicht unter­sucht wor­den. Aber auch Leu­te, die in den ers­ten acht bis sech­zehn Jah­ren ihres Lebens kei­nen ande­ren Bun­des­kanz­ler ken­nen­ge­lernt haben, sind heu­te erfolg­rei­che Musi­ker, Fuß­bal­ler, Schau­spie­ler oder Autoren, inso­fern kann es nicht gar so ver­hee­rend gewe­sen sein.

Es pass­te fast dreh­buch­mä­ßig gut zusam­men, dass Kohls Regent­schaft ende­te, kurz bevor das ende­te, was er geprägt hat­te wie nur weni­ge ande­re alte Män­ner: die Bon­ner Repu­blik. Ger­hard Schrö­der wur­de Kanz­ler und plötz­lich wirk­te die gan­ze gemüt­li­che Bon­ner Bun­ga­low-Atmo­sphä­re ange­staubt. Schrö­der zog nach einem hal­ben Jahr in einen gro­tes­ken Protz­bau, den Hel­mut Kohl sich noch aus­ge­sucht hat­te, der aber magi­scher­wei­se von der Archi­tek­tur viel bes­ser zu Schrö­der pass­te. Bei Ange­la Mer­kel hat man häu­fig das Gefühl, sie säße lie­ber wie­der in einem holz­ver­tä­fel­ten Bon­ner Büro.

Die Ber­li­ner Repu­blik währ­te nur drei Som­mer. Das hat­te aus­ge­reicht für ein biss­chen Deka­denz und Fin de Siè­cle, für einen Kanz­ler mit Zigar­ren und Maß­an­zü­gen, einen schwu­len Regie­ren­den Bür­ger­meis­ter in Ber­lin und die voll­stän­di­ge Demon­ta­ge von Hel­mut Kohl und wei­ten Tei­len der CDU. In ganz Euro­pa herrsch­te Auf­bruch­stim­mung: Unter dem Ein­druck von New Labour war ganz Euro­pa in die Hän­de der soge­nann­ten Lin­ken und Sozia­lis­ten gefal­len, die Son­ne schien, alles war gut und nichts tat weh.

Dann kamen der 20. Juli und der 11. Sep­tem­ber 2001.

Bit­te? Sie wis­sen nicht, was am 20. Juli 2001 pas­sier­te? An jenem Tag starb Car­lo Giu­lia­ni auf den Stra­ßen Genu­as. Der 20. Juli hät­te der 2. Juni unse­rer Gene­ra­ti­on wer­den kön­nen, Giu­lia­ni war schon weni­ge Wochen spä­ter als Pos­ter­boy der auf­kom­men­den Anti-Glo­ba­li­sie­rungs-Bewe­gung auf der Titel­sei­te des „jetzt“-Magazins. Doch 53 Tage spä­ter flo­gen ent­führ­te Pas­sa­gier­flug­zeu­ge ins World Trade Cen­ter und Giu­lia­ni geriet der­art in Ver­ges­sen­heit, dass ich zu sei­nem 10. Todes­tag kei­ner­lei Bericht­erstat­tung beob­ach­ten konn­te. In Ber­lin tag­te nun das Sicher­heits­ka­bi­nett, das aber auch in Bonn hät­te tagen kön­nen, irgend­wo in der Nähe des atom­si­che­ren Bun­kers im Ahrtal.

Das, was die CDU-Par­tei­spen­den­af­fä­re von Hel­mut Kohl übrig gelas­sen hat­te, wird gera­de zer­legt – so zumin­dest die Mei­nung ver­schie­de­ner Jour­na­lis­ten. Zwei Bio­gra­phien, eine über Han­ne­lo­re Kohl, eine Auto- von Wal­ter Kohl, ent­hül­len, was nie­mand für mög­lich gehal­ten hät­te: Die gan­ze schö­ne Fas­sa­de der Fami­lie Kohl war nur … äh … Fas­sa­de. 1

Die Fami­li­en­fo­tos der Kohls wei­sen eine erstaun­li­che, aber kaum über­ra­schen­de Deckungs­gleich­heit mit den Kind­heits­fo­tos mei­ner Eltern (und mut­maß­lich Mil­lio­nen ande­rer Fami­li­en­fo­tos) auf: Jungs in kur­zen Hosen, die Fami­lie am Früh­stücks­tisch, auf dem ein rot-weiß karier­tes Tisch­tuch ruht. 2 Das alles in einer heu­te leicht ins Bräun­li­che chan­gie­ren­den Optik und obwohl die Anzahl von Gar­ten­zwer­gen objek­tiv betrach­tet auf den meis­ten Bil­dern bei Null liegt, hat man doch, sobald man nicht mehr hin­schaut, das Gefühl, min­des­tens einen Gar­ten­zwerg erblickt zu haben. 3 Mei­ne Kind­heits­fo­tos sahen schon ein biss­chen anders aus, ver­folg­ten aber noch das glei­che Kon­zept. Auf heu­ti­gen Kin­der­fo­tos sieht man Drei­jäh­ri­ge im St.-Pauli-Trikot auf Surf­bret­tern ste­hen, Gar­ten­zwer­ge wer­den allen­falls von ihnen durch die Gegend getre­ten.

Die Gemüt­lich­keit der Bon­ner Repu­blik ist ver­schwun­den, obwohl ihre Bevöl­ke­rung immer noch da ist. Regel­mä­ßig ent­sorgt man die Kata­lo­ge von Bil­lig­mö­bel­häu­sern, die Schrank­wän­de Ver­sailler Aus­ma­ße und Patho­lo­gie-erprob­te Flie­sen­ti­sche anbie­ten, und regel­mä­ßig fragt man sich, wer außer den Aus­stat­tern von Pri­vat­fern­seh-Nach­mit­tags­re­por­ta­gen so etwas kauft. Dann klin­gelt man mal beim Nach­barn, weil die Regen­rin­ne leckt, und schon kennt man wenigs­tens einen Men­schen, der so was kauft. In Deutsch­land gibt es 40,3 Mil­lio­nen Haus­hal­te und Ikea kann nicht über­all sein. Ein Blick auf die Leser­brief­sei­te der „Bild“-Zeitung oder in die Kom­men­tar­spal­ten von Online-Medi­en beweist, dass auch die Auf­klä­rung noch nicht über­all sein kann.

Eigent­lich hat sich wenig geän­dert (oder alles, dann aber mehr­fach), aber Deutsch­land wird heu­te … Ent­schul­di­gung, ich woll­te gera­de „Deutsch­land wird heu­te von Ber­lin aus regiert“ schrei­ben, was völ­li­ger Unfug gewe­sen wäre, weil Deutsch­land nach­weis­lich nicht regiert wird. Die deut­sche Haupt­stadt ist also heu­te Ber­lin, eine Stadt, die eigent­lich gar nicht zum Rest Deutsch­lands passt: Eine Metro­po­le, von der vor allem Aus­län­der schwär­men, sie sei der Ort, an dem man jetzt sein müs­se. Gan­ze Land­stri­che in Schwa­ben und Ost­west­fa­len lie­gen ver­las­sen da, weil ihre Kin­der das Glück in der gro­ßen Stadt suchen. Von Bonn wur­de sol­ches nie berich­tet.

Am Sams­tag war ich nach rund zwan­zig Jah­ren mal wie­der in Bonn. Der ers­te Taxi­fah­rer, zu dem ich mich in Auto setz­te, konn­te nicht lesen und schrei­ben, was die Bedie­nung sei­nes Navi­ga­ti­ons­ge­räts schwie­rig mach­te. Der zwei­te muss­te sei­nen Kol­le­gen fra­gen, wo die gesuch­te Stra­ße lie­gen könn­te. Ich woll­te in eine Neu­bau­sied­lung, erstaun­lich, dass es das in Bonn gibt. Ich saß auf dem Bei­fah­rer­sitz in der freu­di­gen Erwar­tung eines Deutsch­land­bil­des vol­ler Bun­ga­lows und Gar­ten­zwer­ge, aber Bonn sah eigent­lich aus wie über­all. Für einen Moment fühl­te ich mich sehr zuhau­se.

  1. Und wie sehr das Pri­vat­le­ben von Poli­ti­kern ihr Ver­mächt­nis trü­ben kön­nen, sieht man ja etwa an John F. Ken­ne­dy und Wil­ly Brandt.[]
  2. Es gab damals – was nur die Wenigs­ten wis­sen – ein Tisch­de­cken-Mono­pol in Deutsch­land: Alle wur­den in der Fabrik eines geschäfts­tüch­ti­gen, aber latent wahn­sin­ni­gen Fans des 1. FC Köln pro­du­ziert. Bit­te zitie­ren Sie mich dazu nicht.[]
  3. Natür­lich ganz ordent­li­che Gar­ten­zwer­ge und nicht so ein pfif­fi­ges neu­mo­di­sches Exem­plar mit Mes­ser im Rücken oder ent­blöß­tem Geni­tal.[]
Kategorien
Politik Digital

Am längeren Hebel der Empörungsmaschine

Ges­tern schrieb Chris­toph Schwen­ni­cke einen Kom­men­tar über die unter­schied­li­chen Reak­tio­nen auf die Anschlä­ge in Nor­we­gen eben­da und in Deutsch­land. Gegen den deut­schen Poli­ti­ker, so Schwen­ni­cke, sei der paw­low­sche Hund ein „ver­nunft­be­gab­tes Wesen, das den Mut auf­bringt, sich sei­nes Ver­stan­des zu bedie­nen“.

Er frag­te:

War­um muss Poli­tik in Deutsch­land so sein? War­um muss jeder und jede jede Gele­gen­heit nut­zen, das zu sagen, was er oder sie immer schon gesagt hat? War­um kann nicht ein­fach mal Ruhe sein?

Schwen­ni­ckes Kom­men­tar hat­te „Spie­gel Online“ einen Vor­spann vor­an­ge­stellt, in dem es hieß:

Nor­we­gen hat beson­nen und ohne vor­schnel­le Schuld­zu­wei­sun­gen auf die Atten­ta­te reagiert. In Ber­lin lief dage­gen sofort die Empö­rungs­ma­schi­ne an: Geset­ze ver­schär­fen, Neo­na­zis ver­bie­ten. Kann in der deut­schen Poli­tik nicht ein­fach mal Ruhe sein?

Elf Stun­den spä­ter stell­te sich her­aus: Auch bei „Spie­gel Online“ haben sie so eine Empö­rungs­ma­schi­ne – und Chris­toph Schwen­ni­cke hat offen­sicht­lich Zugang zu ihr.

Weil Hei­ner Geiß­ler bei der Vor­stel­lung des soge­nann­ten Stress­tests zum „Stutt­gart 21“-Plan die ver­sam­mel­ten Befür­wor­ter und Geg­ner des Pro­jekts gefragt hat­te, ob sie den tota­len Krieg woll­ten, und sich hin­ter­her par­tout nicht für die­ses Goeb­bels-Zitat (das natür­lich nicht als sol­ches gekenn­zeich­net war) ent­schul­di­gen woll­te, empört sich Schwen­ni­cke:

Er soll­te jetzt, bes­ser in den kom­men­den Minu­ten oder Stun­den als erst in den nächs­ten Tagen, zur Räson kom­men und sagen: Ich habe einen Feh­ler gemacht, und dann habe ich einen noch viel grö­ße­ren Feh­ler began­gen, als ich den ers­ten Feh­ler hane­bü­chen recht­fer­ti­gen woll­te.

Das fällt schwer. Aber das muss jetzt sein. Sonst gab es ein­mal einen gro­ßen Poli­ti­ker Hei­ner Geiß­ler.

Im Vor­spann ist dies­mal von „grau­en­haf­ten Wor­ten“ die Rede – als ob die ver­damm­ten Wor­te (oder gar ihre Buch­sta­ben) etwas für die Irren könn­ten, die sich ihrer bedie­nen. (Aber das haben wir ja schon mal bespro­chen.)

Was es zur Empö­rungs­ma­schi­ne in Sachen Geiß­ler-Goeb­bels zu sagen gibt, hat Vol­ker Strü­bing zusam­men­ge­fasst.

[via Peter B. und Sebas­ti­an F.]

Nach­trag, 21.10 Uhr: BILD­blog-Leser Juan L. weist dar­auf hin, dass Schwen­ni­ckes Geiß­ler-Kom­men­tar ursprüng­lich den fol­gen­den Satz ent­hielt:

Man hört sich die Audio-Datei wie­der und wie­der an und fragt sich, wie ein Mann von der poli­ti­schen und der Lebens­er­fah­rung eines Hei­ner Geiß­ler der­art Amok lau­fen kann.

Nach Kom­men­ta­ren im Forum wur­de der Satz dann sang- und klang­los geän­dert in:

Man hört sich die Audio-Datei wie­der und wie­der an und fragt sich, wie sich ein Mann von der poli­ti­schen Erfah­rung und der Lebens­er­fah­rung eines Hei­ner Geiß­ler eine der­ar­ti­ge Ent­glei­sung leis­ten kann.

Herr Schwen­ni­cke scheint sich für sei­ne grau­en­haf­ten Wor­te nir­gend­wo ent­schul­digt zu haben.

Kategorien
Musik Literatur

„Das ist keine Reisegruppe“
Ein Interview mit Sven Regener

Musik­jour­na­lis­ten erzäh­len häu­fi­ger, dass sie rela­tiv wenig Ambi­tio­nen hät­ten, ihre per­sön­li­chen Hel­den zu tref­fen. Zu groß ist die Angst, dass sich der über lan­ge Jah­re Bewun­der­te als lang­wei­lig oder – schlim­mer noch – unsym­pa­thisch her­aus­stellt, dass einem kei­ne guten Fra­gen ein­fal­len oder man ver­se­hent­lich die eige­nen Freun­de mit rein­zieht.

Vor Sven Rege­ner habe ich einen Hei­den­re­spekt: Die Musik sei­ner Band Ele­ment Of Crime beglei­tet mich schon län­ger, die letz­ten bei­den Alben habe ich rauf und run­ter gehört und sei­ne Roman­tri­lo­gie über Frank Leh­mann habe ich mit gro­ßem Gewinn gele­sen. Außer­dem muss ich immer an jenes legen­dä­re Inter­view mit der (inzwi­schen fast schon wie­der völ­lig ver­ges­se­nen) „Net­zei­tung“ den­ken.

Es hät­te also gute Grün­de gege­ben, sich nicht um ein Inter­view mit dem Mann zu bemü­hen, obwohl er mit Ele­ment Of Crime in Bochum war. Aber ein kur­ze Begeg­nung beim letzt­jäh­ri­gen Fest van Cleef hat­te mich so weit beru­higt, dass ich gewillt war, mich auf das Expe­ri­ment ein­zu­las­sen.

Element Of Crime (Archivfoto vom Fest van Cleef 2009)

Kurz bevor es los­ging sag­te er: „So, wir duzen uns. Ich bin Sven.“ Gut, dass das vor­ab geklärt ist, Respekts­per­so­nen wür­de man ja sonst auch sie­zen.

Wie das Gespräch dann lief, kön­nen Sie jetzt sel­ber hören und beur­tei­len. Zu den The­men zäh­len Sven Rege­ners Tour­blog, klei­ne­re Städ­te, „Romeo und Julia“, Cover­ver­sio­nen und Vor­bands.

Inter­view mit Sven Rege­ner
(Zum Her­un­ter­la­den rechts kli­cken und „Ziel spei­chern unter …“ wäh­len.)

Kategorien
Digital Gesellschaft Fernsehen

Auswärtsspiel: Einheitsbrei

Jah­re­lang war ich fest davon über­zeugt, dass mei­ne ältes­te Live-TV-Erin­ne­rung vom 9. Novem­ber 1989 stammt. Jeden­falls erin­ne­re ich mich dar­an, wie Men­schen mit Häm­mern auf eine bun­te Mau­er ein­schlu­gen. Im Ver­lauf des Erin­ne­rungs­over­kills in den ver­gan­ge­nen Wochen fiel mir aller­dings auf, dass ich als Kin­der­gar­ten­kind wohl kaum Abends nach 23 Uhr vor dem elter­li­chen Fern­se­her geses­sen haben dürf­te. (Genau genom­men möch­te ich ins Blaue hin­ein ein­fach mal bezwei­feln, dass es damals über­haupt Live­bil­der gab, denn um 23 Uhr stand doch sicher schon der Sen­de­schluss vor der Tür der drei Fern­seh­pro­gram­me.)

Jeden­falls war ich sehr ent­täuscht, als ich fest­stell­te, dass mei­ne ältes­te Live-TV-Erin­ne­rung dann wohl doch eher vom Sams­tag, 11. Novem­ber 1989 stammt und wahr­schein­lich noch nicht mal eine Live-TV-Erin­ne­rung ist.

JEDENFALLS: Der 6. Jahr­gangs der elec­tro­nic media school (ems) in Pots­dam hat zum gro­ßen Mau­er­fall-Jubi­lä­um die Inter­net­sei­te einheits-brei.de gestar­tet. Für die­ses Pro­jekt wur­den auch ein paar Blog­ger gefragt, wie ihnen die dies­jäh­ri­gen Fei­er­lich­kei­ten gefal­len hät­ten und was sie in fünf Jah­ren nicht wie­der sehen wol­len. Ich war einer der Befrag­ten und bin beim Ver­such, mich auf die gewünsch­ten „drei bis vier Sät­ze“ zu beschrän­ken, mal wie­der geschei­tert.

„So bit­te nicht mehr!“ auf einheits-brei.de

Kategorien
Fernsehen Rundfunk Politik

14 Millionen Schläfer

Ges­tern Abend hat­ten sie mich so weit, da war ich plötz­lich einer der vie­len Mil­lio­nen Deut­schen, die sich Gün­ther Jauch als Bun­des­kanz­ler wünsch­ten.

Zuge­ge­ben: Nach dem „TV-Duell“, des­sen VHS-Auf­zeich­nun­gen seit heu­te früh in Apo­the­ken als Mit­tel gegen Schlaf­lo­sig­keit zu haben sind (aller­dings nur auf Rezept!), hät­te ich auch Rein­hold Beck­mann noch als sprit­zig und sym­pa­thisch emp­fun­den. Aber das hat­te schon was, wie Jauch sich da in sei­ner ehe­ma­li­gen Bei­na­he-Sen­dung – die jetzt „Anne Will“ heißt – im Ses­sel fläz­te, gut­ge­launt das eben Durch­lit­te­ne in Wor­te fass­te, die auch an jedem Stamm­tisch hät­ten fal­len kön­nen, und dann als Zuga­be noch das aus­sprach, was ich zuvor auch gedacht hat­te: Schwarz-Rot macht jetzt noch zwei, drei Jah­re wei­ter, dann kommt der gro­ße Knall und das gro­ße Expe­ri­ment und dann ist Klaus Wowe­reit mit Hil­fe der Links­par­tei Kanz­ler.

Mit­ten in die­ser The­ra­pie­sit­zung der Selbst­hil­fe­grup­pe „Gro­ße Koali­ti­on“ hat­te sich eine Erin­ne­rung in mein Bewusst­sein geschli­chen, die da zum wirk­lich fal­schen Zeit­punkt kam: Ich muss­te ein Jahr zurück­den­ken, an den Wahl­kampf in den USA, an die Fern­seh­de­bat­ten, die cha­ris­ma­ti­schen Kan­di­da­ten auf bei­den Sei­ten, an die „Schick­sals­wahl“ und den zum Heils­brin­ger dekla­rier­ten Barack Oba­ma. Nach dem Beam­ten­mi­ka­do zur Prime­time hät­te auch Rudolf Schar­ping noch einen glaub­wür­di­gen Heils­brin­ger abge­ge­ben.

Anders als bei der Bun­des­tags­wahl vor sie­ben Jah­ren, wo „Stoi­ber ver­hin­dern“ noch eine Art von Sys­tem­kampf aus­ge­strahlt hat­te, geht es die­ses Jahr um nichts. Die Regie­rungs­ko­ali­ti­on ist uner­heb­lich, das Volk wird aus uner­find­li­chen Grün­den sowie­so der Mei­nung sein, dass Ange­la Mer­kel eine gute „Arbeit“ mache. Das Signal des gest­ri­gen „Duells“ (wer eine Aus­sa­ge trifft, hat ver­lo­ren) war ganz klar: Deutsch­land ist ein Land, das jeder füh­ren kann, der sich irgend­wann mal für die geho­be­ne Beam­ten­lauf­bahn qua­li­fi­ziert hat. Man muss kei­ne Ideen haben, für Deut­sche ist es völ­lig aus­rei­chend, wenn sie ver­wal­tet wer­den.

Zu scha­de, dass Gün­ther Jauch nicht antritt.

Alles Wich­ti­ge zum TV-Duell hat Peer im FAZ.net-Fernsehblog noch mal zusam­men­ge­fasst.

Kategorien
Politik Gesellschaft

Mein Protest-Problem

Um das Ver­hält­nis der Ruhr-Uni Bochum zu Stu­den­ten­pro­tes­ten zu ver­ste­hen, muss man wis­sen, dass es in Bochum eher die Aus­nah­me ist, wenn gera­de mal nicht irgend­wo wofür oder woge­gen demons­triert wird. Als vor drei Jah­ren das damals leer­ste­hen­de Quer­fo­rum West (erst Über­gangs­men­sa für die Zeit des Mens­aum­baus, heu­te Tuto­ri­en­zen­trum und für die­se Funk­ti­on denk­bar unge­eig­net) besetzt wur­de, belau­er­ten sich Uni-Ver­wal­tung und Beset­zer etwa acht Mona­te lang, bis das Gebäu­de dann doch von der Poli­zei geräumt wur­de.

Stu­den­ten­ver­tre­tung und Pro­test­ko­mi­tee – ein Wort, bei dem ich im Geis­te immer „Köl­ner Kar­ne­val“ ergän­zen will – schaf­fen es grund­sätz­lich nicht, der rie­si­gen Mehr­heit der Stu­den­ten­schaft ihre Anlie­gen zu erklä­ren. Auf den spär­lich besuch­ten Voll­ver­samm­lun­gen sprin­gen die Red­ner oft bin­nen weni­ger Sät­ze von der Kri­tik am Bil­dungs­sys­tem zur Abschaf­fung des Kapi­ta­lis­mus und dem Krieg in Afgha­ni­stan. Wäh­rend an ande­ren Unis die Pro­fes­so­ren und Dozen­ten ihre Stu­den­ten zur Teil­nah­me am Bil­dungs­streik ermu­ti­gen, haben in Bochum selbst die enga­gier­tes­ten Pro­fes­so­ren kei­ne Lust mehr, sich mit Pro­tes­ten aus­ein­an­der­zu­set­zen, und fra­gen, ob es nicht geeig­ne­te­re Metho­den gäbe, die durch­aus berech­tig­te Kri­tik an der desas­trö­sen Bil­dungs­po­li­tik der schwarz-gel­ben Lan­des­re­gie­rung zu arti­ku­lie­ren.

Heu­te Mor­gen dann wur­de die Uni-Brü­cke bela­gert. Die Pro­test­ler fleh­ten die her­an­strö­men­den Stu­den­ten fast schon an, sich doch ihre Argu­men­te und Zie­le anzu­hö­ren. Aber irgend­wie war die Idee, die Leu­te über und unter Absper­run­gen klet­tern zu las­sen, nicht geeig­net, die gewünscht Bot­schaft zu ver­mit­teln. Die Stu­den­ten waren genervt und mach­ten Wit­ze. Vor dem Zelt des Pro­tes­ko­mi­tees saßen Men­schen, für deren Beset­zung als Stu­den­ten­ver­tre­ter in einem Fern­seh­film man den zustän­di­gen Cas­ting­di­rek­tor wegen Kli­scheelas­tig­keit ent­las­sen hät­te. Und als schließ­lich etwa acht­zig Pro­test­ler die Hör­sä­le stürm­ten und „Soli­da­ri­sie­ren, Mit­mar­schie­ren!“ skan­dier­ten, wuss­te ich plötz­lich wie­der ganz genau, war­um mir das alles nicht gefällt: Ich mag ein­fach kein Gebrüll und kein Mar­schie­ren.

Vor drei Jah­ren war ich für CT das radio bei einer Demons­tra­ti­on gegen Stu­di­en­ge­büh­ren in Düs­sel­dorf und die­ser Tag hat mein Ver­hält­nis zu Pro­test­ak­tio­nen nach­hal­tig gestört: Wäh­rend am Stra­ßen­rand Pas­san­ten stan­den und sich ange­sichts der doch recht all­ge­mein gehal­te­nen Trans­pa­ren­te und Sprech­chö­re frag­ten, wor­um es eigent­lich gin­ge, kam ein Teil der Men­ge auf die Idee, zur Melo­die von „Einer geht noch, einer geht noch rein“ immer wie­der „Ohne Bil­dung wer’n wir Poli­zist“ zu grö­len, was ich auch rück­bli­ckend noch als empö­rens­wer­ten Aus­bruch von Arro­ganz und Men­schen­ver­ach­tung emp­fin­de.

Kaum waren die Absper­run­gen ent­lang der Bann­mei­le um den Land­tag erreicht, hielt es ein Teil der Demons­tran­ten offen­bar für gebo­ten, die­se als ers­tes zu Über­sprin­gen, was die Poli­zei zum Her­an­stür­men ver­an­lass­te. Ich floh der­weil mit einem Redak­ti­ons­nach­weis in der einen und mei­nem Jugend­pres­se­aus­weis in der ande­ren Hand hin­ter die Poli­zei­li­ni­en und tele­fo­nier­te auf­ge­regt in die Live­sen­dung, wäh­rend ein paar Meter wei­ter Chi­na­böl­ler in Rich­tung von Kin­dern und alten Frau­en flo­gen, die sich bizar­rer­wei­se im Park um den Land­tag auf­hiel­ten.

Demons­tran­ten schrien ande­re Demons­tran­ten an, sie soll­ten doch mit dem Scheiß auf­hö­ren. Poli­zis­ten bell­ten in ihre Funk­ge­rä­te, was für Idio­ten denn wohl ver­an­lasst hät­ten, die Men­ge auch noch mit Video­ka­me­ras zu fil­men – auf sol­che Pro­vo­ka­tio­nen kön­ne man ja wohl ver­zich­ten. Eine ande­re Hun­dert­schaft mach­te gera­de Mit­tags­pau­se in der Son­ne. Ich dach­te – und den­ke es gera­de ange­sichts der Mel­dun­gen aus Tehe­ran wie­der -, dass es viel­leicht im Gro­ßen und Gan­zen doch nicht so übel ist, in Deutsch­land zu leben.

Wenn heu­ti­ge Stu­den­ten jetzt von ’68 träu­men, legen sie damit immer­hin die für erfolg­rei­che Revo­lu­tio­nen benö­tig­te Welt­frem­de an den Tag. Zwar neigt Geschich­te dazu, in Abstän­den von etwa vier­zig Jah­ren ver­gleich­ba­re gesell­schaft­li­che Span­nun­gen zu durch­lau­fen, aber die Welt ist 2009 doch in fast jeder Hin­sicht eine ande­re als 1968. Oder: Zumin­dest Deutsch­land ist ein ande­res.

Auch wenn ich per­sön­lich mit mei­nem Stu­di­um ziem­lich zufrie­den bin, weiß ich von genug Leu­ten, bei denen die Bache­lor/­Mas­ter-Stu­di­en­gän­ge zu Desas­tern geführt haben. Ich glau­be in der Tat, dass bil­dungs­po­li­tisch eini­ges, wenn nicht alles, im Argen liegt. Aber mich über­zeu­gen die­se For­men des Pro­tests (zumin­dest die, dich ich bis­her mit­be­kom­men habe) nicht – ich hal­te sie viel eher für kon­tra­pro­duk­tiv. Dass Demons­tra­ti­ons­zü­ge ohne den nöti­gen Rück­halt in der Bevöl­ke­rung allen­falls Mit­leid erzeu­gen, kann man jeden Mon­tag­abend in der Bochu­mer Innen­stadt besich­ti­gen.

Fra­gen Sie mich nicht, wie ich das machen wür­de. Ich leis­te mir nach wie vor die Nai­vi­tät, an die Macht des Dia­logs zu glau­ben und an den Sieg der Ver­nunft. Auch hun­der­te Lan­des- und Bun­des­re­gie­run­gen wer­den mich nicht davon abbrin­gen kön­nen – und mit die­ser Welt­frem­de bin ich doch irgend­wie wie­der ganz bei den Pro­test­lern.

Musik!

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von YouTube.

Kategorien
Digital

Die wöchentliche Sendung

Ich wün­sche mir ja schon län­ger ein deut­sches Äqui­va­lent zur „Dai­ly Show“. Eine Sen­dung also, in der aktu­el­le Nach­rich­ten humor­voll kom­men­tiert wer­den und wo man viel­leicht auch noch ein biss­chen was lernt.

Die Behaup­tung, ein sol­ches Äqui­va­lent gefun­den zu haben, wäre irre­füh­rend: Die „Dai­ly Show“ läuft vier Mal in der Woche eine hal­be Stun­de, hat ein gro­ßes Autoren­team und etwa zwei Mil­lio­nen Zuschau­er.

„Das Nach­rich­ten“ läuft ein­mal in der Woche um die sechs Minu­ten auf You­Tube, hat (wenn ich das rich­tig sehe) zwei Autoren und die Zuschau­er­zah­len der ein­zel­nen Fol­gen lie­gen (noch) im drei­stel­li­gen Bereich.

Hin­ter „Das Nach­rich­ten“ ste­cken ONKeL fISCH, bekannt gewor­den durch sehr alber­ne, aber wie ich fin­de auch oft sehr gute Come­dy bei Eins Live und im WDR Fern­se­hen. Und die kom­men­tie­ren jetzt seit eini­gen Wochen die Mel­dun­gen der Woche und machen das mei­nes Erach­tens gar nicht schlecht:

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von YouTube.

[Direkt­link]

Es ist – um das noch mal zu sagen – etwas ande­res als die „Dai­ly Show“, aber ich fin­de sowohl die Idee als auch die Umset­zung sehr gelun­gen und habe herz­lich gelacht.

Den Gedan­ken, wel­cher Fern­seh­sen­der das wohl über­neh­men könn­te, habe ich übri­gens wie­der ver­wor­fen: Es braucht kei­nen Fern­seh­sen­der, es steht ja eh schon online.