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Politik Gesellschaft

#2013

Vor zwei Wochen habe ich mir ange­schaut, wie die Sen­dung „30 Jah­re RTL“ pro­du­ziert wird. Die Auf­zeich­nung dau­er­te nicht ganz so lan­ge, wie der Titel ver­sprach (aber fast), und wird am 3. Janu­ar aus­ge­strahlt.

Deut­lich schnel­ler ging die Pro­duk­ti­on eines eher namen­lo­sen Pod­casts von­stat­ten, zu der ich mich ges­tern mit Fried­rich Küp­pers­busch getrof­fen habe: 99 Tage nach der Bun­des­tags­wahl und 101 Tage nach dem letz­ten Tages­schaum haben wir über das Jahr 2013 medi­tiert – und das Ergeb­nis kön­nen Sie sich schon jetzt anhö­ren!

Mit dabei: Ange­la Mer­kel, Edward Snow­den, Hash­tags und Omma & Oppa.

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Kom­men Sie gut ins Neue Jahr!

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Musik

Nur noch kurz die Welt vernichten

Wie jeder geis­tig etwas spe­zi­ell gela­ger­te Musik­lieb­ha­ber ver­brin­ge ich gera­de mei­ne Tage damit, Bes­ten­lis­ten der Songs und Alben des Jah­res zu ersin­nen, zu ver­wer­fen und völ­lig neu zu bau­en. Es wird noch ein paar Tage dau­ern, bis ich hier mei­ne für exakt drei Mil­li­se­kun­den gül­ti­gen High­lights des Musik­jah­res 2011 depo­nie­ren wer­de.

Vor­her möch­te ich schon ein­mal die Gele­gen­heit nut­zen und mir den Unmut aus dem Leib schwäm­men, den eini­ge Songs die­ses Jahr bei mir ver­ur­sacht haben. Es ist gut mög­lich, dass ich das Schlimms­te über­hört habe, aber das, womit ich via Radio beläs­tigt wur­de, ist schlimm genug.

Fol­gen Sie mir also an den Ort, wo mini­ma­le Qua­li­tät auf maxi­ma­len Erfolg stößt:

5. Alex­an­dra Stan – Mr. Saxo­beat
Kla­mot­ten­lä­den und Radio ver­brei­ten die fro­he Kun­de: Das Neun­zi­ger-Revi­val gerät immer mehr in Fahrt. Eine Rück­kehr des Euro­dance hät­te es dafür nicht zwin­gend gebraucht, wobei „Mr. Saxo­beat“ vor allem dadurch zu ner­ven wuss­te, dass man dem Song schlicht nicht ent­ge­hen konn­te. Wenn die Ver­wer­tungs­ket­te bestehen bleibt, wird uns nächs­tes Jahr ein „Mr. Saxobeat“-Sample aus einem ame­ri­ka­ni­schen Hip-Hop-Song ansprin­gen, der dann über­ra­schend cool sein wird (vgl. O‑Zone -> T.I. und Had­da­way -> Emi­nem).

4. Nickel­back – When We Stand Tog­e­ther
Nun ja: Nickel­back halt. Der ein­fäl­ti­ge Rock­schla­ger über böse Regie­run­gen, Hun­ger und Armut auf der einen und das auf­rich­ti­ge, ein­fa­che Volk (inkl. kana­di­scher Rock-Mil­lio­nä­re) auf der ande­ren Sei­te hät­te zum Mot­to­lied von Ara­bi­schem Früh­ling und Occu­py-Bewe­gung wer­den können/​sollen, was er offen­sicht­lich nie gewor­den ist. Die­se Welt ist also viel­leicht doch gar nicht so schlecht.

3. Maroon 5 feat. Chris­ti­na Agui­lera – Moves Like Jag­ger
Eine Paa­rung, wie sie nur von den Mar­ke­ting­ab­tei­lun­gen gro­ßer Plat­ten­fir­men erdacht wer­den kann – wer sonst käme auf die Idee, eine bie­de­re Poprock­band, die ihre bes­ten Zei­ten hin­ter sich hat, mit einer Sän­ge­rin zu ver­ei­nen, die eben­falls den Zenit ihrer Kar­rie­re durch­schrit­ten hat? Die Span­nung zwi­schen den Inter­pre­ten knis­tert in etwa wie die Ero­tik zwi­schen Ange­la Mer­kel und David Came­ron, Beat und Hook­li­ne erin­nern in ihrer Schlicht­heit an das bereits ver­ris­se­ne „Mr. Saxo­beat“ und über­haupt hat der 68-jäh­ri­ge Mick Jag­ger ja wohl mal im klei­nen Zeh mehr Talent, Cha­ris­ma und Schwung als die­se ver­zwei­fel­te Reiß­brett-Num­mer, deren Erfolg die Ver­ant­wort­li­chen hof­fent­lich wenigs­tens ein biss­chen über­rascht und beschämt hat.

2. Sun­ri­se Ave­nue – Hol­ly­wood Hills
Eigent­lich fin­de ich ja, dass jede Band ihre Berech­ti­gung hat, wenn sie nur einen Hörer fin­det, dem die Musik etwas bedeu­tet. Sun­ri­se Ave­nue schaf­fen es immer wie­der, mei­ne libe­ra­le Welt­sicht in die­sem Punkt in Fra­ge zu stel­len. Ich mei­ne: Was soll das? Wie lang­wei­lig kann man einen „Rock­song“ spie­len? Und sind mit den „Hol­ly­wood Hills“ wirk­lich die chir­ur­gisch opti­mier­ten sekun­dä­ren Geschlechts­merk­ma­le jun­ger Ame­ri­ka­ne­rin­nen gemeint? Halt: Bit­te ant­wor­ten Sie der Hand, der Kopf will’s nicht hören.

1. Tim Bendz­ko – Nur noch kurz die Welt ret­ten
Vor­der­grün­dig hat hier jemand die Selbst­wahr­neh­mung der deut­schen Bun­des­kanz­le­rin ver­tont, tat­säch­lich ist die Debüt­sin­gle von Tim Bendz­ko die Sum­me all des­sen, was bei Singer/​Songwritern schief gehen kann: Über­af­fek­tier­ter Gesang, pein­li­cher, selbst­ver­lieb­ter Text und maxi­ma­le Mat­thi­as-Schweig­hö­fer-Gedenk-Wasch­lap­pen­haf­tig­keit in Vide­os und Inter­views. Bendz­ko sorgt dafür, dass ich Ele­fan­ten eigen­hän­dig auf das Dach des Burj Kha­li­fa schlep­pen und ihn damit von oben abwer­fen möch­te. Zumin­dest aber möch­te ich ihm ins Gesicht schrei­en: „Geh doch end­lich die ver­kack­te Welt ret­ten und hör ver­dammt noch mal auf zu sin­gen!“

Hach, das tat gut!

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Politik Gesellschaft

Die Bonner Republik

Das Land mei­ner Kind­heit exis­tiert nicht mehr. Es ist nicht ein­fach unter­ge­gan­gen wie die DDR, in der ein paar mei­ner Freun­de ihre ers­ten Lebens­jah­re ver­bracht haben, aber es ist auch nicht mehr da.

Frü­her, als in den Radio­nach­rich­ten noch die Orts­mar­ken vor­ge­le­sen wur­den, gab es die­ses Wort, das mehr als ein Wort oder ein Städ­te­na­me war: „Bonn.“ Damals braucht man in den Nach­rich­ten noch kei­ne Sound­tren­ner zwi­schen den ein­zel­nen Mel­dun­gen, denn es gab die­ses Wort, das wie ein Tren­ner klang, wie der Schlag mit einem Rich­ter­ham­mer. Bonn.

Bonn war die Haupt­stadt des Lan­des, in dem ich leb­te, und die Stadt, in der mei­ne Oma damals leb­te. Ich glau­be nicht, dass ich das eine mit dem ande­ren jemals in einen Zusam­men­hang gebracht habe, aber das Land, in dem ich leb­te, wur­de von alten, grau­en Män­nern in karier­ten Sak­kos regiert und ihre Ent­schei­dun­gen wur­den von glei­cher­ma­ßen alten, glei­cher­ma­ßen grau­en Män­nern in glei­cher­ma­ßen karier­ten Sak­kos ver­le­sen.

Wahr­schein­lich wuss­te ich damals noch nicht, was „regie­ren“ bedeu­tet und wel­che Funk­ti­on die letzt­ge­nann­ten Män­ner hat­ten (außer, dass man als Kind still sein muss­te, wenn sie zur Abend­brot­zeit über den Fern­se­her mei­ner Groß­el­tern flim­mer­ten), aber es gab einen dicken Mann mit lus­ti­gem Sprach­feh­ler, der immer da war und das war – neben Tho­mas Gott­schalk – der König von Deutsch­land.

Die Aus­wir­kun­gen, die die Exis­tenz Hel­mut Kohls auf gan­ze Gebur­ten­jahr­gän­ge hat­te, sind mei­nes Wis­sens bis heu­te nicht unter­sucht wor­den. Aber auch Leu­te, die in den ers­ten acht bis sech­zehn Jah­ren ihres Lebens kei­nen ande­ren Bun­des­kanz­ler ken­nen­ge­lernt haben, sind heu­te erfolg­rei­che Musi­ker, Fuß­bal­ler, Schau­spie­ler oder Autoren, inso­fern kann es nicht gar so ver­hee­rend gewe­sen sein.

Es pass­te fast dreh­buch­mä­ßig gut zusam­men, dass Kohls Regent­schaft ende­te, kurz bevor das ende­te, was er geprägt hat­te wie nur weni­ge ande­re alte Män­ner: die Bon­ner Repu­blik. Ger­hard Schrö­der wur­de Kanz­ler und plötz­lich wirk­te die gan­ze gemüt­li­che Bon­ner Bun­ga­low-Atmo­sphä­re ange­staubt. Schrö­der zog nach einem hal­ben Jahr in einen gro­tes­ken Protz­bau, den Hel­mut Kohl sich noch aus­ge­sucht hat­te, der aber magi­scher­wei­se von der Archi­tek­tur viel bes­ser zu Schrö­der pass­te. Bei Ange­la Mer­kel hat man häu­fig das Gefühl, sie säße lie­ber wie­der in einem holz­ver­tä­fel­ten Bon­ner Büro.

Die Ber­li­ner Repu­blik währ­te nur drei Som­mer. Das hat­te aus­ge­reicht für ein biss­chen Deka­denz und Fin de Siè­cle, für einen Kanz­ler mit Zigar­ren und Maß­an­zü­gen, einen schwu­len Regie­ren­den Bür­ger­meis­ter in Ber­lin und die voll­stän­di­ge Demon­ta­ge von Hel­mut Kohl und wei­ten Tei­len der CDU. In ganz Euro­pa herrsch­te Auf­bruch­stim­mung: Unter dem Ein­druck von New Labour war ganz Euro­pa in die Hän­de der soge­nann­ten Lin­ken und Sozia­lis­ten gefal­len, die Son­ne schien, alles war gut und nichts tat weh.

Dann kamen der 20. Juli und der 11. Sep­tem­ber 2001.

Bit­te? Sie wis­sen nicht, was am 20. Juli 2001 pas­sier­te? An jenem Tag starb Car­lo Giu­lia­ni auf den Stra­ßen Genu­as. Der 20. Juli hät­te der 2. Juni unse­rer Gene­ra­ti­on wer­den kön­nen, Giu­lia­ni war schon weni­ge Wochen spä­ter als Pos­ter­boy der auf­kom­men­den Anti-Glo­ba­li­sie­rungs-Bewe­gung auf der Titel­sei­te des „jetzt“-Magazins. Doch 53 Tage spä­ter flo­gen ent­führ­te Pas­sa­gier­flug­zeu­ge ins World Trade Cen­ter und Giu­lia­ni geriet der­art in Ver­ges­sen­heit, dass ich zu sei­nem 10. Todes­tag kei­ner­lei Bericht­erstat­tung beob­ach­ten konn­te. In Ber­lin tag­te nun das Sicher­heits­ka­bi­nett, das aber auch in Bonn hät­te tagen kön­nen, irgend­wo in der Nähe des atom­si­che­ren Bun­kers im Ahrtal.

Das, was die CDU-Par­tei­spen­den­af­fä­re von Hel­mut Kohl übrig gelas­sen hat­te, wird gera­de zer­legt – so zumin­dest die Mei­nung ver­schie­de­ner Jour­na­lis­ten. Zwei Bio­gra­phien, eine über Han­ne­lo­re Kohl, eine Auto- von Wal­ter Kohl, ent­hül­len, was nie­mand für mög­lich gehal­ten hät­te: Die gan­ze schö­ne Fas­sa­de der Fami­lie Kohl war nur … äh … Fas­sa­de.1

Die Fami­li­en­fo­tos der Kohls wei­sen eine erstaun­li­che, aber kaum über­ra­schen­de Deckungs­gleich­heit mit den Kind­heits­fo­tos mei­ner Eltern (und mut­maß­lich Mil­lio­nen ande­rer Fami­li­en­fo­tos) auf: Jungs in kur­zen Hosen, die Fami­lie am Früh­stücks­tisch, auf dem ein rot-weiß karier­tes Tisch­tuch ruht.2 Das alles in einer heu­te leicht ins Bräun­li­che chan­gie­ren­den Optik und obwohl die Anzahl von Gar­ten­zwer­gen objek­tiv betrach­tet auf den meis­ten Bil­dern bei Null liegt, hat man doch, sobald man nicht mehr hin­schaut, das Gefühl, min­des­tens einen Gar­ten­zwerg erblickt zu haben.3 Mei­ne Kind­heits­fo­tos sahen schon ein biss­chen anders aus, ver­folg­ten aber noch das glei­che Kon­zept. Auf heu­ti­gen Kin­der­fo­tos sieht man Drei­jäh­ri­ge im St.-Pauli-Trikot auf Surf­bret­tern ste­hen, Gar­ten­zwer­ge wer­den allen­falls von ihnen durch die Gegend getre­ten.

Die Gemüt­lich­keit der Bon­ner Repu­blik ist ver­schwun­den, obwohl ihre Bevöl­ke­rung immer noch da ist. Regel­mä­ßig ent­sorgt man die Kata­lo­ge von Bil­lig­mö­bel­häu­sern, die Schrank­wän­de Ver­sailler Aus­ma­ße und Patho­lo­gie-erprob­te Flie­sen­ti­sche anbie­ten, und regel­mä­ßig fragt man sich, wer außer den Aus­stat­tern von Pri­vat­fern­seh-Nach­mit­tags­re­por­ta­gen so etwas kauft. Dann klin­gelt man mal beim Nach­barn, weil die Regen­rin­ne leckt, und schon kennt man wenigs­tens einen Men­schen, der so was kauft. In Deutsch­land gibt es 40,3 Mil­lio­nen Haus­hal­te und Ikea kann nicht über­all sein. Ein Blick auf die Leser­brief­sei­te der „Bild“-Zeitung oder in die Kom­men­tar­spal­ten von Online-Medi­en beweist, dass auch die Auf­klä­rung noch nicht über­all sein kann.

Eigent­lich hat sich wenig geän­dert (oder alles, dann aber mehr­fach), aber Deutsch­land wird heu­te … Ent­schul­di­gung, ich woll­te gera­de „Deutsch­land wird heu­te von Ber­lin aus regiert“ schrei­ben, was völ­li­ger Unfug gewe­sen wäre, weil Deutsch­land nach­weis­lich nicht regiert wird. Die deut­sche Haupt­stadt ist also heu­te Ber­lin, eine Stadt, die eigent­lich gar nicht zum Rest Deutsch­lands passt: Eine Metro­po­le, von der vor allem Aus­län­der schwär­men, sie sei der Ort, an dem man jetzt sein müs­se. Gan­ze Land­stri­che in Schwa­ben und Ost­west­fa­len lie­gen ver­las­sen da, weil ihre Kin­der das Glück in der gro­ßen Stadt suchen. Von Bonn wur­de sol­ches nie berich­tet.

Am Sams­tag war ich nach rund zwan­zig Jah­ren mal wie­der in Bonn. Der ers­te Taxi­fah­rer, zu dem ich mich in Auto setz­te, konn­te nicht lesen und schrei­ben, was die Bedie­nung sei­nes Navi­ga­ti­ons­ge­räts schwie­rig mach­te. Der zwei­te muss­te sei­nen Kol­le­gen fra­gen, wo die gesuch­te Stra­ße lie­gen könn­te. Ich woll­te in eine Neu­bau­sied­lung, erstaun­lich, dass es das in Bonn gibt. Ich saß auf dem Bei­fah­rer­sitz in der freu­di­gen Erwar­tung eines Deutsch­land­bil­des vol­ler Bun­ga­lows und Gar­ten­zwer­ge, aber Bonn sah eigent­lich aus wie über­all. Für einen Moment fühl­te ich mich sehr zuhau­se.

  1. Und wie sehr das Pri­vat­le­ben von Poli­ti­kern ihr Ver­mächt­nis trü­ben kön­nen, sieht man ja etwa an John F. Ken­ne­dy und Wil­ly Brandt. []
  2. Es gab damals – was nur die Wenigs­ten wis­sen – ein Tisch­de­cken-Mono­pol in Deutsch­land: Alle wur­den in der Fabrik eines geschäfts­tüch­ti­gen, aber latent wahn­sin­ni­gen Fans des 1. FC Köln pro­du­ziert. Bit­te zitie­ren Sie mich dazu nicht. []
  3. Natür­lich ganz ordent­li­che Gar­ten­zwer­ge und nicht so ein pfif­fi­ges neu­mo­di­sches Exem­plar mit Mes­ser im Rücken oder ent­blöß­tem Geni­tal. []
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Print Politik

Verstrahlt

Für den „Wes­ten“, das in Abwick­lung befind­li­che Inter­net­por­tal der WAZ-Grup­pe, scheint der Wahl­kampf­auf­tritt von Ange­la Mer­kel in Unna das Ereig­nis des Tages gewe­sen zu sein. Immer­hin wur­de der Bericht dar­über zwi­schen­zeit­lich an obers­ter Stel­le auf der Start­sei­te ange­teasert:

Angela Merkel in Unna: Bundeskanzlerin sorgt für strahlende Gesichter. Unna. Nur strahlende Gesichter in der Unnaer Stadthalle. Der Auftritt von Bundeskanzlerin und CDU-Parteichefin Angela Merkel Samstagmittag im Rahmen des NRW-Landtagswahlkampfes war für die Unnaer Christdemokraten so etwas wie eine Krönungsmesse   weiterlesen...

Und wie die Gesich­ter gestrahlt haben:

  • Der loka­le Par­tei­vor­sit­zen­de Wer­ner Por­zy­bot strahl­te natür­lich.
  • Hubert Hüp­pe strahl­te.
  • Ganz beson­ders strahl­ten Han­na Kop­pel­mann, Alex­an­dra Gaber und Rabea Leh­mann in der nicht ganz voll besetz­ten Stadt­hal­le (rund 700 Besu­cher).
  • Strah­len­des Gesicht bei Stadt­hal­len-Chef Horst Bres­an: „Das war eine Punkt­lan­dung. Alles ist rei­bungs­los gelau­fen. Es hat über­haupt kei­ne Pro­ble­me gege­ben.“
  • Strah­len­des Ant­litz von Rudi Fröh­lich, Lei­tungs­kraft bei der Unnaer Poli­zei.

Das ist natür­lich ein sprach­li­ches Mit­tel, das die Men­schen da zu Beginn eines jeden Absat­zes strah­len lässt. Und letzt­lich ist so ein Wahl­kampf­auf­tritt ja nichts ande­res als eine Pro­dukt-Prä­sen­ta­ti­on, über die man auch nur schwer einen brauch­ba­ren, objek­ti­ven Text schrei­ben kann – man kann ja schlecht aus Grün­den der Aus­ge­wo­gen­heit bei allen ande­ren Par­tei­en nach­fra­gen, wie die eigent­lich den Besuch der Kanz­le­rin in ihrer Stadt fan­den. Und den­noch wirkt der Text über die „Regie­rungs-Che­fin (schwar­ze Hose, hell­brau­ner Bla­zer)“ gera­de­zu gro­tesk über­zeich­net. Die CDU-Mit­glie­der­zeit­schrift hät­te kaum ver­klä­ren­der über Ange­la Mer­kel schrei­ben kön­nen, als es Jens Schopp für die „West­fä­li­sche Rund­schau“ getan hat.

Da bekam „der Ex-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te von der Kanz­le­rin von der Red­ner­tri­bü­ne attes­tiert, er sei ‚der bes­te Behin­der­ten­be­auf­trag­ter der Bun­des­re­gie­rung, den man sich nur den­ken kön­ne‘ “, Schü­le­rin­nen haben es „tat­säch­lich geschafft, Ange­la Mer­kel eine klei­ne, töner­ne Frie­dens­tau­be samt Frie­dens­bot­schaft zu über­rei­chen“ und „selbst für Unnas Bür­ger­meis­ter und SPD-Mit­glied Wer­ner Kol­ter war es mehr als nur ein Pflicht­ter­min“. Die Bun­des­kanz­le­rin „gab sie sich staats­män­nisch“ und hol­te „nur gele­gent­lich“ „die Wahl­kampf­keu­le her­aus“. Fehlt eigent­lich nur noch, dass alle auf ihre Kos­ten kamen, immer­hin sag­te Mer­kel ja auch noch was „zur Erhei­te­rung des Audi­to­ri­ums“.

Jens Schopp ist offen­bar nicht, wie ich ursprüng­lich ange­nom­men hat­te, ein Schü­ler, der im Auf­trag der „West­fä­li­schen Rund­schau“ zur mit stau­nen­dem Blick von der ers­ten Poli­tik­ver­an­stal­tung sei­nes Lebens berich­tet: Er ist Redak­teur der Zei­tung.

Dass der­art brat­wurs­ti­ge Tex­te am Mon­tag in Unna in der gedruck­ten Zei­tung erschei­nen, ist das eine – Lokal­jour­na­lis­mus ist die Höl­le, ich wür­de nie im Leben dort­hin zurück­keh­ren und habe neben Mit­leid vor allem Respekt übrig für jene Jour­na­lis­ten, die sich in die Tie­fen von Ver­ei­nen und Klein­kunst und das Span­nungs­feld ver­schie­dens­ter Inter­es­sen­ver­bän­de bege­ben, die sofort mit der Kün­di­gung von Abos dro­hen. War­um man der­ar­ti­ge Arti­kel als Auf­ma­cher auf die Start­sei­te eines ambi­tio­nier­ten Nach­rich­ten­por­tals packt, ist mir aller­dings schlei­er­haft.

War­um man sol­che Kom­men­ta­re ste­hen lässt, aller­dings auch:

Sone Ostarschschlampe kann selbst die blöden paderborner Landbrotärsche begeistern ist ja sonst nix los bei den Flachmännern. Die würden sogar bei einem Wildschweinauftritt Hurra rufen! #1 von P:M:, vor 2 Stunden

Nach­trag, 28. März: Der „Wes­ten“ hat – mal mit, mal ohne Hin­weis – wüst in den Kom­men­ta­ren her­um­mo­de­riert und dabei auch den hier zitier­ten Kom­men­tar ent­fernt.

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Digital

Die eiserne Taifun-Lawine

Was halt so pas­siert, wenn man zu nacht­schla­fen­der Zeit (dienst­lich!) auf Bild.de rum­surft:

Man droht, in wil­den Meta­phern-Flu­ten zu ertrin­ken …

Odenwaldschule: Ex-Schüler: "Ich war im Zentrum des Taifuns" Eine Lawine von Missbrauchsfällen überrollt Deutschland. Durch die Berichte ehemaliger Schüler werden neue Details bekannt. mehr ...

… und stößt auf die viel­leicht bizarrs­te Gra­fik der letz­ten hun­dert Jah­re:

Steinhart, unbeugsam, wehrhaft: Angela Merkel (55, CDU) von BILD in die Pose des "Eisernen Kanzlers" Bismarck versetzt. So muss die Kanzlerin den EU-Regierungschefs derzeit vorkommen. Das Original-Bismarck-Denkmal steht übrigens in Hamburg Foto: dpa Picture-Alliance

Jetzt kann ich wie­der nicht schla­fen …

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Volles Vertrauen, hier in Deutschland

In der letz­ten Zeit habe ich mit meh­re­ren Radio­leu­ten gespro­chen, die sich beklag­ten, dass vie­le Bands heut­zu­ta­ge kein Inter­view­trai­ning mehr von den Plat­ten­fir­men bekä­men und des­halb im Gespräch oft etwas kon­fus rüber­kä­men und kei­ne guten O‑Töne lie­fer­ten.

Nun könn­te man ein­wen­den, Musi­ker müss­ten ja nicht pri­mär gescheit daher reden, son­dern vor allem schö­ne Musik machen. Anders ver­hält es sich da schon bei Poli­ti­kern: Noch bevor die neue Bun­des­re­gie­rung im Amt ist, haben eini­ge Kabi­netts­mit­glie­der schon durch außer­ge­wöhn­li­che Pres­se­kon­fe­ren­zen von sich reden gemacht.

Der desi­gnier­te Außen­mi­nis­ter Gui­do Wes­ter­wel­le wei­ger­te sich, eine eng­lisch­spra­chi­ge Fra­ge eines BBC-Repor­ters anzu­hö­ren und belehr­te die­sen, dass er sich in Deutsch­land befin­de. Bun­des­kanz­le­rin Ange­la Mer­kel kan­zel­te einen nie­der­län­di­schen Repor­ter ab, der Zwei­fel an der Kom­pe­tenz Wolf­gang Schäubles als Finanz­mi­nis­ter wegen des­sen Ver­stri­ckung in die CDU-Par­tei­spen­den­af­fä­re äußer­te.

Bei­de Ant­wor­ten hät­ten sich vor weni­gen Jah­ren noch ver­sen­det – heut­zu­ta­ge wur­den sie inner­halb weni­ger Stun­den ein paar Tau­send Mal auf You­Tube ange­schaut und via Inter­net wei­ter­ver­brei­tet. Für vie­le User scheint sich zu bestä­ti­gen, was die Illus­trier­te „Der Spie­gel“ heu­te aus der Kris­tall­ku­gel berich­tet: Schwarz/​Gelb wird ein Desas­ter.

Ich habe Fritz Goer­gen, der frü­her Stra­te­gie­be­ra­ter füh­ren­der FDP-Poli­ti­ker war und heu­te als frei­er Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­ra­ter arbei­tet, nach sei­ner Ein­schät­zung des The­mas gefragt und er war so freund­lich, einen klei­nen Gast­bei­trag zu ver­fas­sen:

Poli­tik? Bit­te inter­net­ter.

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Print Politik

Wir haben uns für die Erbsensuppe entschieden

Die gelern­te Natur­wis­sen­schaft­le­rin Mer­kel wird die­se Art Beweis­füh­rung zulas­sen müs­sen: Um ein unbe­kann­tes Ele­ment zu erfor­schen, kann es hilf­reich sein, die Dar­an­hef­ten­den und Drum­her­um­schwir­ren­den zu defi­nie­ren. Wenn sie zum stets in ihrer Nähe schlei­chen­den Pofalla blickt, nickt er meist sofort. Oder schüt­telt den Kopf. Was halt gera­de gewünscht wird. Sei­ne Grö­ße ist allein durch Unter­wer­fung bedingt.

Der Typus Pofalla wird nicht abge­sto­ßen von Mer­kel, anders als wider­stän­di­ge­re Cha­rak­te­re.

Ben­ja­min von Stuck­rad-Bar­re, das ver­gisst man ger­ne, hat ja nur einen Roman und eine Hand­voll fik­tio­na­ler Tex­te ver­öf­fent­licht. Den Groß­teil sei­nes Werks machen jour­na­lis­ti­sche Arbei­ten aus, beson­ders Repor­ta­gen.

Und die kann der Mann, der kürz­lich vom Maga­zin „Cice­ro“ sehr schön por­trä­tiert wur­de, auch immer noch schrei­ben – man kriegt davon nur nichts mit, weil sie in Zei­tun­gen wie der „Welt am Sonn­tag“ ver­öf­fent­licht wer­den.

Dass es über Mer­kel, je län­ger sie regiert, immer weni­ger Wit­ze gibt, ist auch merk­wür­dig. Wenn Oppo­si­ti­on, Her­aus­for­de­rer und Kom­men­ta­to­ren ihr man­geln­de Greif­bar­keit vor­hal­ten und queck­silb­ri­ge Posi­tio­nen, klingt das hilf­los. Wenn aber den Wit­ze­ma­chern zu ihr nichts mehr ein­fällt, müs­sen wir das viel­leicht ernst neh­men.

Sei­ne Repor­ta­ge über eine Zug­fahrt mit Ange­la Mer­kel kann ich Ihnen nur wärms­tens emp­feh­len, nicht zuletzt wegen des sagen­haf­ten Nicht-Inter­views, aus dem man mehr über die Kanz­le­rin erfährt als aus vier Jah­ren Regie­rungs­ver­ant­wor­tung:

Wenn Sie aus dem Zug schau­en, was für ein Land sehen Sie?

Ich sehe ein ziem­lich intak­tes Land, im Ver­gleich zu ande­ren Län­dern, in denen man schon so war.

(Man! Län­der, in denen man schon so war! Das ers­te, was einem ein Psy­cho­the­ra­peut bei­bringt: Sagen Sie nicht „man“, sagen Sie „ich“. Das ers­te, was man als Pro­fi­po­li­ti­ker wahr­schein­lich lernt: öfter mal „man“ sagen, dann kann nichts groß pas­sie­ren.)

„Wie war die Wurst?“ von Ben­ja­min von Stuck­rad-Bar­re bei welt.de.

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Digital Politik

Eine schrecklich nette Familie

Es ist eine erstaun­li­che Nach­richt, die „Spie­gel Online“ da fast bei­läu­fig zwi­schen den Zei­len raus­haut: Ange­la Mer­kel und José Manu­el Bar­ro­so sind ver­wandt.

Glau­ben Sie nicht?

Aber hal­lo:

Barrosos Wiederwahl: Senhor Mutlos ist am Ziel

Bundestagswahl-Blog: Countdown für Madame Mutlos

Mit Dank an Mut­lu.

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Rundfunk Politik Fernsehen

14 Millionen Schläfer

Ges­tern Abend hat­ten sie mich so weit, da war ich plötz­lich einer der vie­len Mil­lio­nen Deut­schen, die sich Gün­ther Jauch als Bun­des­kanz­ler wünsch­ten.

Zuge­ge­ben: Nach dem „TV-Duell“, des­sen VHS-Auf­zeich­nun­gen seit heu­te früh in Apo­the­ken als Mit­tel gegen Schlaf­lo­sig­keit zu haben sind (aller­dings nur auf Rezept!), hät­te ich auch Rein­hold Beck­mann noch als sprit­zig und sym­pa­thisch emp­fun­den. Aber das hat­te schon was, wie Jauch sich da in sei­ner ehe­ma­li­gen Bei­na­he-Sen­dung – die jetzt „Anne Will“ heißt – im Ses­sel fläz­te, gut­ge­launt das eben Durch­lit­te­ne in Wor­te fass­te, die auch an jedem Stamm­tisch hät­ten fal­len kön­nen, und dann als Zuga­be noch das aus­sprach, was ich zuvor auch gedacht hat­te: Schwarz-Rot macht jetzt noch zwei, drei Jah­re wei­ter, dann kommt der gro­ße Knall und das gro­ße Expe­ri­ment und dann ist Klaus Wowe­reit mit Hil­fe der Links­par­tei Kanz­ler.

Mit­ten in die­ser The­ra­pie­sit­zung der Selbst­hil­fe­grup­pe „Gro­ße Koali­ti­on“ hat­te sich eine Erin­ne­rung in mein Bewusst­sein geschli­chen, die da zum wirk­lich fal­schen Zeit­punkt kam: Ich muss­te ein Jahr zurück­den­ken, an den Wahl­kampf in den USA, an die Fern­seh­de­bat­ten, die cha­ris­ma­ti­schen Kan­di­da­ten auf bei­den Sei­ten, an die „Schick­sals­wahl“ und den zum Heils­brin­ger dekla­rier­ten Barack Oba­ma. Nach dem Beam­ten­mi­ka­do zur Prime­time hät­te auch Rudolf Schar­ping noch einen glaub­wür­di­gen Heils­brin­ger abge­ge­ben.

Anders als bei der Bun­des­tags­wahl vor sie­ben Jah­ren, wo „Stoi­ber ver­hin­dern“ noch eine Art von Sys­tem­kampf aus­ge­strahlt hat­te, geht es die­ses Jahr um nichts. Die Regie­rungs­ko­ali­ti­on ist uner­heb­lich, das Volk wird aus uner­find­li­chen Grün­den sowie­so der Mei­nung sein, dass Ange­la Mer­kel eine gute „Arbeit“ mache. Das Signal des gest­ri­gen „Duells“ (wer eine Aus­sa­ge trifft, hat ver­lo­ren) war ganz klar: Deutsch­land ist ein Land, das jeder füh­ren kann, der sich irgend­wann mal für die geho­be­ne Beam­ten­lauf­bahn qua­li­fi­ziert hat. Man muss kei­ne Ideen haben, für Deut­sche ist es völ­lig aus­rei­chend, wenn sie ver­wal­tet wer­den.

Zu scha­de, dass Gün­ther Jauch nicht antritt.

Alles Wich­ti­ge zum TV-Duell hat Peer im FAZ.net-Fernsehblog noch mal zusam­men­ge­fasst.

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Rundfunk Musik

Something evil’s lurking in the dark.

Ange­la Mer­kel ist end­lich sicher über den Teich, immer­hin ein Grund, kurz erleich­tert auf­zu­at­men und sich eines vagen Gefühls lan­ge nicht mehr ver­spür­ter „Sturmfrei!“-Euphorie hin­zu­ge­ben. Im Zuge die­ses nicht klei­nen Anteils tages­po­li­ti­schen Gesche­hens in die­ser Woche dis­ku­tiert im Augen­blick das Radio­Eins vom Rund­funk Ber­lin-Bran­den­burg mit wahr­nehm­ba­rer Erstaunt­heit dar­über, wie vie­le US-Ame­ri­ka­ner Ange­la Mer­kel „tat­säch­lich nicht ken­nen“. Das ist, wenn schon nicht dem Wort­sinn nach inter­es­sant, immer­hin etwas, womit man meh­re­re Minu­ten lee­re Sen­de­zeit, über die man sich in der Pro­gramm­sit­zung sicher­lich den Kopf zer­bro­chen hat, eini­ger­ma­ßen ele­gant fül­len kann. Zumin­dest ohne, dass schon wie­der empör­te Kla­gen über die inne­re Zer­set­zung des mora­li­schen Gewe­bes und des kul­tu­rel­len Gehalts  in den audio­vi­su­el­len Medi­en laut wer­den. Außer­dem wäre es gewiss hap­pi­ger gewe­sen, eine Dis­kus­si­on dar­über vom Zaun zu bre­chen, wie vie­le US-Ame­ri­ka­ner Micha­el Jack­son „tat­säch­lich nicht ken­nen“. Ihn kann man jeden­falls unge­mein schwie­ri­ger mit der Spre­che­rin des US-Reprä­sen­tan­ten­hau­ses Nan­cy Pelo­si ver­wech­seln als Frau Mer­kel.

Radio hören ist eine ner­ven­zeh­ren­de, mur­mel­tier­haf­te Ange­le­gen­heit. Wird man, wie ich, am Arbeits­platz nach­ge­ra­de dazu genö­tigt, stun­den­lan­ge Berie­se­lun­gen eines haus­in­ter­nen Sen­ders hin­zu­neh­men oder mög­lichst zu igno­rie­ren, erge­ben sich zwei Fol­gen, die in der Kom­bi­na­ti­on einen, wie man so sagt, hoch­gra­dig explo­si­ven Cock­tail fürs Ner­ven­kos­tüm dar­stel­len. Ers­tens: Die unver­meid­li­chen unge­woll­ten Ohr­wür­mer. Eine ein­stün­di­ge Heim­fahrt in der S‑Bahn mit einem quiet­schen­den Mäd­chen im Gehör­gang, das in gera­dem Rhyth­mus abwech­selnd ent­we­der „ah“, „ah“, oder „dance!“ sagt, dau­ert für die inne­re Uhr ein hal­bes Leben und resul­tiert ger­ne in ver­früh­tem Haar­aus­fall auf der Stirn­par­tie. Glau­ben Sie mir.

Das ande­re Phä­no­men ist, dass die­se Göre im Ohr nach­hal­tig mei­ne Lust auf jed­we­de Art von Musik für den Rest des Tages ver­nich­tet, im schlimms­ten Fall ver­brin­ge ich also mein kärg­li­ches Abend­essen, das dar­auf­fol­gen­de Zäh­ner­ei­ni­gen und das nicht gar so fried­li­che Ein­schlum­mern mit einer schril­len Stim­me im Kopf, die rück­sichts­los und bestän­dig dar­auf insis­tiert, dass ich doch end­lich zu tan­zen anfan­gen möge.

Wor­auf ich hin­aus will: Vor etwa hun­dert­zwan­zig Jah­ren oder so, als ich noch jung war, also vier­zehn, fand ich im hei­mi­schen Video­schrank, in dem sich sonst Dis­ney-Klas­si­ker tum­mel­ten (auch etwas, über das der­einst ein­mal irgend­je­mand etwas Tade­li­ges sagen soll­te), eine ein­zel­ne unbe­schrif­te­te Kas­set­te mit einer dün­nen Staub­schicht oben­drauf. In der puber­tä­ren Hoff­nung, es möge sich dabei doch bit­te um irgend etwas Schmud­de­li­ges hal­ten, oder zumin­dest um einen alters­be­schränk­ten Action­film, zog ich das Band irgend­wann in Abwe­sen­heit mei­ner Eltern aus der Ver­sen­kung und leg­te es in den Play­er.

Lei­der befan­den sich dar­auf  weder Action noch Schmud­del, son­dern die gesam­mel­ten Musik­vi­de­os von Micha­el Jack­son, von mei­nem Vater in müh­sa­mer Klein­ar­beit irgend­wann in den Neun­zi­ger Jah­ren des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts kom­pi­liert.  Ver­mut­lich in einer Trotz­re­ak­ti­on auf das ent­täu­schen­de Feh­len von auf­re­gen­de­ren Inhal­ten, und um viel­leicht doch noch irgend­ei­nen posi­ti­ven Effekt aus mei­nem Fund zu zie­hen, schau­te ich mir das gan­ze Band nicht nur ein­mal an, son­dern geschätz­te drei­ßig Mal, über eine Woche ver­teilt. Am häu­figs­ten von allen Clips sah ich mich gezwun­gen, das knapp 15-minü­ti­ge „Thril­ler“ wie­der und wie­der auf mich wir­ken zu las­sen.

Der buch­stäb­lich ein­zi­ge Effekt die­ser schlim­men, schlim­men Idee war nicht etwa, dass ich ein Jack­son-Fan wur­de, son­dern viel­mehr ein fürch­ter­lich hart­nä­cki­ger und genau­so nerv­tö­ten­der Ohr­wurm einer von Vin­cent Pri­ce vor­ge­tra­ge­nen Text­zei­le aus dem Rap-Teil die­ses so unheil­vol­len Lie­des: „Crea­tures crawl in search of blood /​ To ter­ro­ri­ze y’alls‘ neigh­bor­hood“. Was auf dem Papier so aus­sieht, als wür­de es sich rei­men, ist in Wahr­heit eine schreck­li­che pho­ne­ti­sche Ent­täu­schung, da lässt sich ja die etwas expres­sio­nis­ti­sche Anwen­dung der zwei­ten Per­son Plu­ral fast unbe­se­hen hin­neh­men.

Jeden­falls muss es an die­ser text­li­chen Unfein­heit gele­gen haben, dass ich von den Oster­fe­ri­en bis zu den dar­auf­fol­gen­den Pfingst­fe­ri­en des Jah­res 1999 brauch­te, um die­sen ver­ma­le­dei­ten Ohr­wurm wie­der los zu wer­den.

Und jetzt, zehn Jah­re spä­ter? Was wür­de ich dafür geben, mir sicher sein zu kön­nen, heu­te Nacht von „ah“, „ah“ oder „dance!“ in den Schlaf gesun­gen zu wer­den, anstatt wie­der für die nächs­ten sechs Wochen von Jacko und Pri­ce geplagt zu wer­den? Ich wür­de sogar öffent­lich zuge­ben, zu den US-Ame­ri­ka­nern zu gehö­ren, die Vin­cent Pri­ce tat­säch­lich nicht ken­nen!

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Digital Politik

Are we human or are we Merkel?

Flowers fordert Regierung Merkel heraus

Ja, ich gebe zu, für einen Moment habe ich gedacht: „Geil, die Kil­lers tre­ten zur Bun­des­tags­wahl an? Da weiß ich ja end­lich, wen ich wäh­len soll!“

Es ging dann aber doch um was ganz ande­res

Apro­pos The Kil­lers: Bei denen war­te ich ja schon län­ger dar­auf, dass end­lich mal jemand eine Umbe­nen­nung for­dert. Wo doch die Tier­schutz­or­ga­ni­sa­ti­on PETA schon die Pet Shop Boys auf­ge­for­dert hat, sich einen neu­en Namen zu suchen …

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Houston, wir haben eine Herausforderung

Manch­mal stol­pert man über Tex­te, die erschei­nen einem auf den ers­ten Blick wirr. Dann liest man sie noch­mal und fragt sich, was einem der Autor damit sagen woll­te. Beim drit­ten Lesen wüss­te man dann ger­ne, ob da nicht viel­leicht der Hus­ten­saft abge­lau­fen war.

Lesen Sie die fol­gen­den Zei­len also ruhig mehr­fach:

Die Kanz­le­rin spricht nicht von Welt­schmerz, dem schö­nen Begriff des baye­ri­schen Dich­ters Jean Paul. Sie wählt statt des Ger­ma­nis­mus’ den Angli­zis­mus „Her­aus­for­de­rung“. Alles, was für den Deut­schen ein Pro­blem ist, nennt der US-Ame­ri­ka­ner Her­aus­for­de­rung. Das ist die Wur­zel des „Yes-we-can“-Optimismus’ eines Barack Oba­ma. Der Deut­sche stellt sich natur­ge­mäß der Her­aus­for­de­rung, die ihm eben­so natür­lich zur Her­ku­les­auf­ga­be gerät. Das ist die Wur­zel des „No we can’t“-Pessimismus’ der deut­schen Kanz­le­rin.

Beim Ver­ständ­nis die­ser Pas­sa­ge ist weder der Kon­text hilf­reich noch die fol­gen­de Erklä­rung zur Per­son des Ver­fas­sers Georg Than­scheidt:

Der Autor ist stell­ver­tre­ten­der Chef­re­dak­teur der AZ

[via Bre­mer Sprach­blog]