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Something That I Didn’t Want To Know

Das Inter­net sorgt mit sei­ner stän­di­gen Ver­füg­bar­keit von unter­schied­lichs­ten Musi­ken bekannt­lich für eine immer stär­ke­re Indi­vi­dua­li­sie­rung des Musik­ge­schmacks. Der Ein­fluss der gro­ßen Plat­ten­fir­men geht zurück, jeder hört nur noch das, was ihm gefällt und was er irgend­wo ent­deckt hat. So weit die Theo­rie.

Wenn sich die Men­schen im Inter­net aber mal auf einen gemein­sa­men Song eini­gen kön­nen, dann rich­tig: Seit Wochen pos­ten mei­ne Face­book-Kon­tak­te jed­we­den Alters, Musik­ge­schmacks und jed­we­der sexu­el­ler Ori­en­tie­rung immer wie­der ein Musik­vi­deo. Gefühlt müs­sen alle aktu­ell 255 Freun­de den Clip min­des­tens zwei Mal „geteilt“ haben.

Da ich nicht jedes Video anschaue und jeden Song anhö­re, den irgend­je­mand bei Face­book gepos­tet hat, ging der Song anfangs an mir vor­bei. Gehört hab ich ihn tat­säch­lich das ers­te Mal im Radio, als alle ande­ren schon mit­sin­gen konn­ten, auch wenn ich Song und Video-Posts erst anschlie­ßend in Ver­bin­dung zuein­an­der set­zen konn­te:

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Ich mag „Some­bo­dy That I Used To Know“ von Gotye nicht beson­ders. 1 Den Refrain fin­de ich sehr anstren­gend und der ech­te Peter Gabri­el hät­te das schö­ner hin­be­kom­men. Aber ich will nicht aus­schlie­ßen, dass mei­ne Ableh­nung nicht allein auf dem Song selbst beruht, son­dern auch auf dem merk­wür­di­gen Hype, der ihn beglei­tet.

Ich habe näm­lich fest­ge­stellt, dass, wenn nur genug Men­schen in einem kur­zen Zeit­raum ein Video, einen Arti­kel oder ähn­li­ches, das ich noch nicht ken­ne, auf Face­book geteilt haben, ich kein Inter­es­se mehr dar­an habe, es über­haupt ken­nen­zu­ler­nen. Es ist qua­si ein inne­rer Back­lash, der eigent­lich ein Prelash ist. Ich nen­ne es: das „Videogames“-Paradox.

Denn auch Lana Del Reys Debüt­sin­gle hat einen der­ar­ti­gen Marsch durch alle Insti­tu­tio­nen hin­ter sich, dass mich Nach­fol­ge­sin­gles und Album gar nicht mehr inter­es­sie­ren – dabei moch­te ich den Song anfangs sogar.

Ich kann gar nicht erklä­ren, war­um sich man­che Lie­der so schnell „abnut­zen“, ande­re schon vor dem Hören ner­ven und wie­der ande­re mit jedem Mal bes­ser wer­den. „We Found Love“ von Rihan­na und Cal­vin Har­ris lie­be ich zum Bei­spiel umso mehr, je öfter ich es höre (und ich fand’s von Anfang an spit­zen­mä­ßig).

Bemer­kens­wert ist aber noch etwas: Auch wenn ich glau­be, dass sich Hits nicht mit letz­ter Gewiss­heit pla­nen las­sen, wenn ich zuge­be, dass „Some­bo­dy That I Used To Know“ und „Video­ga­mes“ bei­des sehr unwahr­schein­li­che Hits (Num­mer-Eins-Hits in Deutsch­land gar) sind, und ich aner­ken­ne, dass bei­de Songs in über­ra­schen­dem Maße alle Alters­grup­pen und sozia­len Schich­ten errei­chen – bei­de erschei­nen beim bei­na­he letz­ten exis­tie­ren­den Major­la­bel Uni­ver­sal.

  1. Das Video habe ich gera­de für die­sen Arti­kel tat­säch­lich zum ers­ten Mal gese­hen und ich mag es noch viel, viel weni­ger. Das sieht ja aus, als sei es von den ält­li­chen Haus­frau­en gedreht wor­den, die sonst Stepp­de­cken für die Wän­de von Pfarr­ge­mein­de­häu­sern und Arzt­pra­xen­war­te­zim­mern quil­ten![]
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Christian Wulff schockt Redakteure

So lang­sam wird es wirk­lich eng für Chris­ti­an Wulff. „Spie­gel Online“ kann heu­te mit einer wei­te­ren Ent­hül­lung auf­war­ten, die den Rück­halt des Bun­des­prä­si­den­ten wei­ter schmä­lern dürf­te.

Für wie bri­sant die Redak­teu­re die neu­es­te Geschich­te hal­ten, zeigt schon ihre Plat­zie­rung: Auf der Start­sei­te, direkt unter dem Auf­ma­cher.

Wulffs Verhältnis zu den Medien: "Manchmal schock ich Redakteure". Der Bundespräsident hat ein schwieriges Verhältnis zu den Medien, nicht erst seit dem Anruf beim "Bild"-Chef. Schon als Ministerpräsident wetterte Christian Wulff gegen kritische Berichterstattung. Selbst bei einem Auftritt mit Kindern gab es Schelte vom damaligen Landesvater.

Mei­ne Güte, der Mann schreckt aber auch vor nichts zurück:

Selbst bei einem Auf­tritt mit Kin­dern gab es Schel­te vom dama­li­gen Lan­des­va­ter.

Das klingt, als habe der ehe­ma­li­ge Traum-Schwie­ger­sohn Kin­der vor den Augen von Jour­na­lis­ten ver­dro­schen – und ist völ­li­ger Unsinn.

Zuge­tra­gen hat­te sich bei der „Kin­der-Pres­se­kon­fe­renz“ der „Braun­schwei­ger Zei­tung“ im Jahr 2008 laut „Spie­gel Online“ fol­gen­des:

Er sagt zwar, er kön­ne mit Kri­tik gut umge­hen, aber nur, wenn er sie für berech­tigt hal­te. „Wenn Kri­tik unbe­rech­tigt ist, bin ich genau­so ärger­lich wie jeder, der sich kri­ti­siert fühlt, das aber nicht ein­se­hen will.“ Und dann wen­det er sich an sein Publi­kum, die fra­ge­stel­len­den Kin­der, damit die ver­ste­hen, dass es beim Berufs­po­li­ti­ker Wulff und der Pres­se genau­so ist wie bei ihnen, wenn sie von ihren Eltern einen Rüf­fel bekom­men. Schließ­lich wür­den die Kin­der auch schmol­len und sich zurück­zie­hen, wenn die Eltern meckern. „Inso­fern bin ich bei Kri­tik, wenn sie unbe­rech­tigt ist, manch­mal sehr grim­mig“, so Wulff.

Noch 20 Jah­re spä­ter kön­ne er sich an unlieb­sa­me Bericht­erstat­tung erin­nern, prahlt Wulff, und erzählt dann, wie er Jour­na­lis­ten direkt ange­he: „Manch­mal schock‘ ich Redak­teu­re, die was geschrie­ben haben, und sage: Damals, ’81, lin­ke Spal­te, drit­te Sei­te – und das neh­men die mir manch­mal übel!“ Denn Wulff weiß: „Wenn Jour­na­lis­ten mal kri­ti­siert wer­den, dann kann ich euch sagen, dann ist was los.“ Das könn­ten die Jour­na­lis­ten näm­lich über­haupt nicht aus­hal­ten.

(Wenn Wulff „ich bin ärger­lich“ sagt, meint er damit, dass er ver­är­gert sei. So viel zum Gerücht, die Nie­der­sach­sen hät­ten kei­ne merk­wür­di­ge Spra­che.)

Die Behaup­tung, dass (eini­ge) Jour­na­lis­ten kei­ne Kri­tik ver­trü­gen, ist – ver­gli­chen mit Wulffs stra­te­gi­schem Ver­hält­nis zur Wahr­heit und sei­nen bemer­kens­wer­ten Inter­pre­ta­ti­on von Begrif­fen wie „markt­üb­lich“ – ein beto­nier­tes Fakt. Nicht häu­fig, aber häu­fi­ger als nie, bekom­men wir beim BILD­blog E‑Mails von Jour­na­lis­ten, denen wir Feh­lern nach­ge­wie­sen oder deren Arbeit wir kri­ti­siert haben, und nicht immer sind die­se Zuschrif­ten sach­lich. In sel­te­nen Fäl­len beschimp­fen uns Chef­re­dak­teu­re in viel­far­bi­gen Tira­den, wes­we­gen ich ganz froh bin, dass ich nicht weiß, wie man die Mail­box an mei­nem Han­dy ein­schal­ten kann.

Dass Wulff vor Kin­dern damit koket­tiert, wie nach­tra­gend er angeb­lich sein kön­ne, ist natür­lich etwas besorg­nis­er­re­gend, aber es spricht doch für sich. Dass Wulff gegen kri­ti­sche Bericht­erstat­tung „wet­ter­te“, wie „Spie­gel Online“ im Vor­spann voll­mun­dig ver­spricht, lässt sich aus die­sen Zita­ten nicht ein­mal mit viel schlech­tem Wil­len her­aus­le­sen.

Im Gegen­teil: Wulff hat es sogar men­scheln las­sen.

„Wir Poli­ti­ker wer­den ja stän­dig kri­ti­siert“, sagt Wulff, „wir haben ein ganz dickes Fell.“ Er wol­le aber auch, dass Men­schen mit dün­nem Fell in der Poli­tik sein kön­nen. Das jedoch sei schwie­rig, man lese ja jeden Tag was über sich in der Zei­tung. „Das ist nicht alles nur posi­tiv.“

Nun hat sich in den letz­ten Wochen der Ein­druck auf­ge­drängt, dass Wulffs Fell in etwa so dick ist wie das eines Nackt­mulls in der Mau­ser. Inso­fern kann der Rück­blick auf die­se harm­lo­se Ver­an­stal­tung – natür­lich beglei­tet von einem 37-sekün­di­gen Video mit Wer­bung – durch­aus loh­nens­wert sein.

Aber doch bit­te nicht der­art bemüht:

Doch selbst bei die­ser harm­lo­sen Ver­an­stal­tung, fast vier Jah­re vor sei­nem umstrit­te­nen Anruf beim „Bild“-Chefredakteur, zeig­te Wulff, wie sehr ihm Jour­na­lis­ten auf die Ner­ven gehen – und wie nach­tra­gend er bei kri­ti­scher Bericht­erstat­tung ist.

Im Übri­gen schafft es der Arti­kel, Wulffs Image zumin­dest bei mir wie­der ein biss­chen auf­zu­po­lie­ren: Ein Mann, der angibt, Tapi­re und Mana­tis zu mögen, kann kein ganz schlech­ter Mensch sein.

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Der größte Fehler des Christian Wulff

Ich habe ein biss­chen Angst, einen Blog­ein­trag über Chris­ti­an Wulff anzu­fan­gen, weil es bei der aktu­el­len Gemenge­la­ge denk­bar ist, dass der Mann schon nicht mehr Bun­des­prä­si­dent ist, bevor ich den Text das ers­te Mal Kor­rek­tur lesen kann.

Natür­lich kann Wulff sei­nen Ver­such fort­set­zen, gegen die gesam­te deut­sche Pres­se, aber mit dem deut­schen Volk im Amt zu blei­ben. Das hat zwar schon bei Karl-Theo­dor zu Gut­ten­berg nicht funk­tio­niert (und der hat­te immer­hin bis zum Schluss die „Bild“ auf sei­ner Sei­te), aber Wun­der gibt es immer wie­der.

Zwar war Wulffs Rück­halt in der Bevöl­ke­rung vor dem gest­ri­gen TV-Inter­view schon merk­lich gesun­ken (am Mitt­woch waren nur noch 47 Pro­zent dafür, dass Wulff im Amt blei­ben soll­te, am Mon­tag waren es noch 63 Pro­zent), aber viel­leicht hat Wulff das soge­nann­te ein­fa­che Volk mit sei­nem merk­wür­di­gen Auf­tritt bei ARD und ZDF bes­ser über­zeu­gen kön­nen als die Jour­na­lis­ten. Wahr­schein­lich ist dies aller­dings auch nicht.

Wie dem auch sei: So lan­ge die Affä­re Wulff die Titel­sei­ten füllt und wei­te Tei­le der Nach­rich­ten­sen­dun­gen aus­füllt, so lan­ge geht natür­lich unter, dass sich Euro­pa immer noch in einer gro­ßen Kri­se befin­det, dass sich die Stim­mung zwi­schen dem Iran und dem Rest der Welt täg­lich ver­schlech­tert. Und ich mei­ne das nicht in dem Sinn, mit dem Online-Kom­men­ta­to­ren „Habt Ihr denn sonst kei­ne Sor­gen?“ fra­gen.

Als Richard Nixon im Zuge der Water­ga­te-Affä­re sei­nen Rück­tritt als US-Prä­si­dent erklär­te, tat er dies mit den unsterb­li­chen Wor­ten:

I have never been a quit­ter.

To lea­ve office befo­re my term is com­ple­ted is abhor­rent to every instinct in my body. But as Pre­si­dent, I must put the inte­rests of Ame­ri­ca first.

Ame­ri­ca needs a full-time Pre­si­dent and a full-time Con­gress, par­ti­cu­lar­ly at this time with pro­blems we face at home and abroad.

Nun unter­schei­den sich die Befug­nis­se von US- und Bun­des­prä­si­dent fun­da­men­tal: Ver­mut­lich wür­de es nie­man­dem auf­fal­len, wenn Chris­ti­an Wulff die letz­ten drei­ein­halb Jah­re sei­ner Amts­zeit tat­säch­lich aus­schließ­lich mit der Beant­wor­tung der vie­len, vie­len Jour­na­lis­ten­an­fra­gen ver­bräch­te. Einen Voll­zeit­prä­si­den­ten hat­te und brauch­te Deutsch­land nie – wes­we­gen ich übri­gens den Vor­schlag von Fried­rich Küp­pers­busch aufs Hef­tigs­te begrü­ße, das Amt des haupt­be­ruf­li­chen Grüß­au­gusts abzu­schaf­fen und den Bun­des­tags­prä­si­den­ten zum Staats­ober­haupt zu machen.

Wulff lähmt viel­leicht noch nicht ein­mal die Poli­tik – Poli­ti­ker von Koali­ti­on und Oppo­si­ti­on, die sich wort­ge­wal­tig vor TV-Kame­ras um das Anse­hen des höchs­ten Amts im Staa­te sor­gen, kön­nen in die­ser Zeit kei­nen ande­ren Scha­den anrich­ten. Aber Wulff lähmt das öffent­li­che Leben in Deutsch­land: Die Medi­en beschäf­ti­gen sich seit Tagen mit kaum etwas ande­rem und wis­sen ver­mut­lich längst, was sie als nächs­tes noch alles auf­de­cken wer­den – als Fort­set­zungs­ro­man ver­kauft sich jeder Skan­dal bes­ser denn als abge­schlos­se­ne Erzäh­lung und wer hat denn gesagt, dass Sala­mi­tak­ti­ken nur etwas für Poli­ti­ker sind? Der volks­wirt­schaft­li­che Scha­den, der seit Tagen durch die vie­len Wulff-Wit­ze (seit ges­tern auch noch: Schaus­ten-Wit­ze) auf Face­book und Twit­ter ent­steht, die alle wäh­rend der Arbeits­zeit gele­sen und geteilt wer­den müs­sen, ist sicher auch nicht zu ver­ach­ten.

Chris­ti­an Wulff hat in dem gest­ri­gen Inter­view viel davon gespro­chen, dass er Freun­de und Fami­lie habe schüt­zen wol­len und sich des­halb mit Infor­ma­tio­nen zurück­ge­hal­ten habe. Es steht außer Fra­ge, dass die Redak­tio­nen noch genug Muni­ti­on haben, um den waid­wun­den Prä­si­den­ten abzu­schie­ßen (um mal eine mar­tia­li­sche Phra­se zu ver­mei­den). Die Chan­cen ste­hen gut, dass es dabei um wei­te­re Details aus sei­nem Freun­des- und Bekann­ten­kreis geht. Auch wenn ich nicht glau­be, dass die in den ver­gan­ge­nen Tagen mehr oder weni­ger offen kol­por­tier­ten Gerüch­te zutref­fen, so wäre Chris­ti­an Wulff doch gut bera­ten, sein Umfeld aus der Schuss­li­nie zu brin­gen.

Ande­rer­seits könn­te es sein, dass das nun auch nichts mehr bringt: Wulff hat ges­tern im Fern­se­hen erzählt, er habe „Bild“-Chefredakteur Kai Diek­mann auf des­sen Mail­box gebe­ten, „um einen Tag die Ver­öf­fent­li­chung zu ver­schie­ben, damit man dar­über reden kann, damit sie sach­ge­mäß aus­fal­len kann“. Diek­mann hielt heu­te dage­gen und bat Wulff öffent­lich um die Geneh­mi­gung, den Wort­laut des Anrufs ver­öf­fent­li­chen zu dür­fen. Allein für die­se Gele­gen­heit, dass sich Kai Diek­mann als mora­li­sche Instanz und flau­schi­ges Unschulds­lamm prä­sen­tie­ren kann, muss man Wulff ver­ach­ten. Jetzt hat Wulff abge­lehnt und damit mut­maß­lich die Pfor­ten zur Höl­le auf­ge­sto­ßen.

Der prä­si­dia­le Aus­ras­ter auf sei­ner Mail­box dürf­te kaum Diek­manns letz­ter Trumpf gewe­sen sein. Wahr­schein­lich ging er fest davon aus, dass Wulff sei­ne Bit­te zur Ver­öf­fent­li­chung nega­tiv beschei­den wür­de, und hat die Anfra­ge des­halb gleich öffent­lich gemacht. Diek­mann konn­te zwei Mal „im Sin­ne der von Ihnen ange­spro­che­nen Trans­pa­renz“ argu­men­tie­ren und hat den Prä­si­den­ten damit fak­tisch schach­matt gesetzt: Setzt man vor­aus, dass Diek­manns Ver­si­on der Geschich­te stimmt, wäre Wulff der Lüge über­führt gewe­sen und damit end­gül­tig untrag­bar. Setzt man vor­aus, dass Wulffs Ver­si­on stimmt, hat er jetzt immer noch das Pro­blem, nicht „im Sin­ne der Trans­pa­renz“ gehan­delt zu haben. Er konn­te nur noch ver­lie­ren.

Es ist leicht, auf einen Abzock­voll­pro­fi wie Kai Diek­mann rein­zu­fal­len, aber einem Spit­zen­po­li­ti­ker (auch wenn er „ohne Karenz­zeit, ohne Vor­be­rei­tungs­zeit“ in sein aktu­el­les Amt gekom­men ist) soll­te das nicht pas­sie­ren. Ich fän­de es depri­mie­rend, sagen zu müs­sen, dass man sich mit „Bild“ nicht anle­gen soll­te, und glau­be das auch nicht. Aber man muss schon wis­sen, wie man es macht – und dabei in einer etwas glück­li­che­ren Aus­gangs­po­si­ti­on sein, als Wulff es war.

Kaum jemand stol­pert, pri­vat oder beruf­lich, über einen ein­zel­nen gro­ßen Feh­ler. Meist ist es eine unglück­se­li­ge Ver­ket­tung vie­ler klei­ner und mitt­le­rer Feh­ler. Egal, was jetzt noch raus­kommt: Der größ­te Feh­ler, den Chris­ti­an Wulff in mei­nen Augen gemacht hat, war der, „Bild“ und Kai Diek­mann die Gele­gen­heit zu geben, sich als seriö­se, mora­li­sche Jour­na­lis­ten insze­nie­ren zu kön­nen, was ihnen die Men­schen viel­leicht mehr abkau­fen als Wulff sei­ne Rol­le als reu­iger Sün­der. Wulff hat „Bild“ die Macht zurück­ge­ge­ben, die die Zei­tung eigent­lich nicht mehr hat­te.

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Christian Wulff im Wortlaut

Sie kön­nen es heu­te über­all lesen: Bun­des­prä­si­dent Chris­ti­an Wulff hat „Bild“-Chefredakteur Kai Diek­mann mit dem „end­gül­ti­gen Bruch“ gedroht, falls die Zei­tung über sei­nen Pri­vat­kre­dit berich­te.

Eini­ge Zita­te vom Über­schrei­ten des „Rubi­kons“ und „Krieg füh­ren“ sind schon bekannt gewor­den, aber der genaue Wort­laut ist bis­her nicht kol­por­tiert.

Bis­her, denn Cof­fee And TV hat den Mit­schnitt von Kai Diek­manns Mail­box exklu­siv:

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Alben des Jahres 2011

Schnell auf „Pau­se“ gedrückt, noch ein­mal kurz zurück­ge­guckt und dann beschlos­sen, dass ich jetzt die defi­ni­ti­ve Lis­te mei­ner Lieb­lings­al­ben 2011 (Stand: 23. Dezem­ber, 13.59.42 Uhr) habe. Die Plät­ze 25 bis 8 sind heiß umkämpft und könn­ten auch eine ganz ande­re Rei­hen­fol­ge haben, die Plät­ze 5 bis 2 auch.

Aber jetzt ist es halt so:

25. Rival Schools – Pedals
Gera­de als der Ein­druck ent­stand, dass Wal­ter Schrei­fels end­gül­tig den Über­blick ver­lie­ren könn­te über all sei­ne Bands und Pro­jek­te, besann sich das Hard­core-Urge­stein auf sei­ne Band Rival Schools, mit der er vor immer­hin zehn Jah­ren mal ein Album auf­ge­nom­men hat­te. „Pedals“ reicht nicht an „United By Fate“ her­an, ist aber ein erfri­schend leben­di­ges Rock­al­bum für Men­schen, die sich unter „Rock“ dann doch noch etwas ande­res vor­stel­len als Nickel­back oder Sun­ri­se Ave­nue.

24. Foo Figh­ters – Was­ting Light
Leu­te, irgend­was stimmt da nicht: Dave Grohl ist (wie Wal­ter Schrei­fels auch) 42 Jah­re alt, was im Rock­busi­ness frü­her mal 90 Jah­ren im Schla­ger­ge­schäft ent­sprach. Und doch müs­sen die­se ver­dien­ten „alten“ Her­ren der Jugend zei­gen, wie man ordent­li­che Rock­mu­sik macht? Den Foo Figh­ters kann man jeden­falls nichts vor­wer­fen, außer, dass sie sich ein biss­chen aufs busi­ness as usu­al ver­legt haben. Aber dann hau­en die so Din­ger wie „Rope“, „White Limo“ und ganz am Ende „Walk“ raus und der Nach­wuchs steht irgend­wo in der Gegend rum und guckt betre­ten zu Boden. Das ist ja, als ob man sich in der ers­ten eige­nen Woh­nung von den Eltern die Ikea-Rega­le auf­bau­en las­sen muss!

23. Oh, Napo­le­on – Year­book
Was habe ich auf die­ses Album gewar­tet! Vor zwei Jah­ren. Doch bis Uni­ver­sal das Debüt end­lich auf den Markt gebracht hat­te, war der Span­nungs­bo­gen in sich zusam­men­ge­fal­len, und dann waren die bes­ten Songs aus­ge­rech­net die, die schon vor zwei Jah­ren auf der selbst­be­ti­tel­ten EP ent­hal­ten waren. Doch von die­sen (klei­nen) Ent­täu­schun­gen ab ist „Year­book“ ein wun­der­ba­res Pop­al­bum gewor­den. „To Have /​ To Lose“ und „A Book Ending“ haben nichts von ihrer erha­be­nen Schön­heit ein­ge­büßt und mit „Save Me“, „I Don’t Mind“ oder „Pick Some Roses“ sind auch genug Per­len unter den „neu­en“ Songs (die die Band seit Jah­ren live spielt). Deutsch­lands bes­te Nach­wuchs­bands kom­men halt nach wie vor vom Nie­der­rhein, aber eine Fra­ge hät­te ich noch: War­um läuft so schö­ne Musik nicht im Radio?

22. The Wom­bats – This Modern Glitch
„Tokyo (Vam­pi­res & Wol­ves)“, die (Weit-)Vorab-Single zum Zweit­werk der Wom­bats, war eine ver­dammt gro­ße Ansa­ge und mein Song des Jah­res 2010. „This Modern Glitch“ löst das Ver­spre­chen der Sin­gle weit­ge­hend ein: Cle­ve­rer Indie­rock mit viel Gele­gen­heit zum Mit­sin­gen und ‑tan­zen, der sich dank aus­ufern­dem Syn­thie-Ein­satz vom schlich­ten Jungs-mit-wil­den-Haa­ren-schau­keln-ihre-Gitar­ren-im-Ach­tel­takt-Gedöns abhebt.

21. The Decem­be­rists – The King Is Dead
Autos, die auf end­lo­sen stau­bi­gen ame­ri­ka­ni­schen High­ways Rich­tung Son­nen­un­ter­gang brau­sen. Jetzt haben Sie zumin­dest ein Bild von den Bil­dern, die „The King Is Dead“ in mir beim Hören aus­löst. Recht coun­try­las­tig ist es gewor­den, das sechs­te Album der Band um Colin Meloy, aber fern­ab des schreck­li­chen Kom­merz-Radio-Coun­try und fern­ab von Truck Stop. Wenn Sie mich jetzt ent­schul­di­gen, ich geh grad mei­nen LKW-Füh­rer­schein machen.

20. Yuck – Yuck
Die Neun­zi­ger sind zurück und mit ihnen die Shoe­ga­ze-Bands mit unschein­ba­ren Front­män­nern und Jeans­hem­den. „Yuck“ ent­hält zwölf char­man­te Pop­songs, die sich ein biss­chen hin­ter ver­zerr­ten Gitar­ren ver­ste­cken, und sich des­halb viel­leicht nicht immer sofort ent­fal­ten.

19. Fink – Per­fect Dark­ness
Ich habe nie eine Lis­te im Kopf gehabt, was wohl die bes­ten Kon­zer­te gewe­sen sein könn­ten, die ich in mei­nem Leben besucht habe. Dann habe ich Fink im Okto­ber in der Bochu­mer Zeche gese­hen und war mir sicher, dass er es gera­de min­des­tens in die bis­her nicht vor­han­de­ne Top 5 geschafft hat­te. Was für ein kla­rer Sound, was für gran­dio­se Songs, wie per­fekt dar­ge­bo­ten von Fin Green­all und sei­ner Band. Ich habe „Per­fect Dark­ness“ viel zu sel­ten gehört, weil es mir von der Stim­mung her meis­tens nicht pass­te, aber es ist ein sehr, sehr gutes Album, so viel ist klar.

18. Jack’s Man­ne­quin – Peo­p­le And Things
„The Glass Pas­sen­ger“, das zwei­te Album von Jack’s Man­ne­quin, war für mich per­sön­lich das wich­tigs­te Album der letz­ten fünf Jah­re, viel­leicht habe ich in mei­nem gan­zen Leben kein Album so oft gehört wie die­ses. Der Nach­fol­ger muss­te also gegen schier über­mensch­li­che Erwar­tun­gen ankämp­fen und konn­te nur ver­lie­ren. Tat­säch­lich waren die ers­ten fünf, sechs Durch­gän­ge eine Ent­täu­schung, ich war schon kurz davor, „Peo­p­le And Things“ ein­fach im Regal ver­schwin­den zu las­sen. Aber so lang­sam habe ich mich dann doch in die Songs rein­ge­hört. Sie sind zwar ins­ge­samt schon arg glatt gera­ten, aber ich kann Andrew McMa­hon ein­fach nicht wider­ste­hen, wenn er von den Her­aus­for­de­run­gen und Rück­schlä­gen des Lebens singt, die es zu meis­tern und zu über­win­den gilt. Das kann man alles ganz, ganz schreck­lich fin­den, aber ich fin­de es wun­der­bar.

17. Delay Trees – Delay Trees
„Kun­den, denen Band Of Hor­ses gefiel, kauf­ten auch Delay Trees“. Steht da merk­wür­di­ger­wei­se nicht, wür­de aber stim­men. Ich ken­ne das Debüt der fin­ni­schen Indie­band erst seit weni­gen Wochen, des­we­gen bin ich womög­lich ein biss­chen zu vor­sich­tig mit mei­nem Lob, aber allein der Ope­ner „Gold“ ist mit sei­ner ste­ti­gen Stei­ge­rung ein wah­res Meis­ter­werk. Die­se Mischung aus Melan­cho­lie und Eupho­rie hält an und lässt das gan­ze Album klin­gen wie den Sound­track zu dem Moment, in dem man sich nach einer durch­fei­er­ten Nacht und nach Son­nen­auf­gang ins Bett fal­len lässt.

16. Cold War Kids – Mine Is Yours
Manch­mal ist die Musik­welt schon rät­sel­haft: Wäh­rend die Kings Of Leon inzwi­schen rie­si­ge Are­nen fül­len, tre­ten die Cold War Kids nach wie vor in klei­nen Clubs auf. Dafür haben sie kei­nen Song über sexu­ell über­trag­ba­re Krank­hei­ten, der dank Dau­er­pe­ne­tra­ti­on in Clubs, Radi­os und Fuß­ball­sta­di­en inzwi­schen unhör­bar gewor­den ist, son­dern leicht ange­schmutz­te Rock­hym­nen wie den Titel­song oder „Lou­der Than Ever“.

15. R.E.M. – Col­lap­se Into Now
Das war es dann also, das letz­te Album die­ser leben­den Legen­den aus Athens, GA. Und alle kamen noch mal vor­bei, um ihre Auf­war­tung zu machen: Pat­ti Smith und Len­ny Kaye, Eddie Ved­der, Pea­ches und Joel Gibb von den Hid­den Came­ras. Es war ein wür­de­vol­ler Abschied, der nur einen Nach­teil hat­te: „Col­lap­se Into Now“ war bereits das fünf­zehn­te Album einer Band, die so vie­le Klas­si­ker geschaf­fen hat­te, dass jeder neue Song ein biss­chen sinn­los und unnö­tig wirk­te. Aber, mein Gott: Das ist Jam­mern auf aller­höchs­tem Niveau.

14. Jupi­ter Jones – Jupi­ter Jones
Kei­ner Band der Welt hab ich ihren spä­ten Erfolg so sehr gegönnt wie Jupi­ter Jones: Jah­re­lang hat sich die Trup­pe den Arsch abge­spielt, jetzt dür­fen sie end­lich den Lohn der Arbeit ein­fah­ren. Dass nach „Still“, im Früh­jahr die meist­ge­spiel­te deutsch­spra­chi­ge Sin­gle im Radio, jetzt auch Revol­ver­held-Hörer zu Hun­der­ten in die Kon­zer­te strö­men, ist völ­lig okay: Ers­tens ist das ein­fach ein groß­ar­ti­ger Song und zwei­tens ent­schä­digt die Fas­sungs­lo­sig­keit, die sich ein­stellt, wenn Jupi­ter Jones Songs aus ihrem Punk-Früh­werk aus­pa­cken, für alles. Den höhe­ren Preis eines erfolg­rei­chen Major-Acts muss die Band im Janu­ar zah­len, wenn „Jupi­ter Jones“ als „Delu­xe Edi­ti­on“ erneut auf den Markt geschmis­sen wird.

13. Dra­ke – Take Care
Es ist ein biss­chen trau­rig, dass in Rezen­sio­nen immer wie­der dar­auf hin­ge­wie­sen wer­den muss, dass es auch intel­li­gen­ten Hip-Hop gibt – zumal das dann gleich an den lang­wei­li­gen deut­schen „Stu­den­ten­rap“ erin­nert. Las­sen Sie es mich also so sagen: „Take Care“ ist ein sehr lan­ges, sehr zurück­ge­lehn­tes Album, das so unge­fähr das Gegen­teil von all dem Protz- und Blingbling-Rap dar­stellt, den man sonst (mut­maß­lich) im Musik­fern­se­hen sieht. Wenn Dra­ke über „bit­ches“ und sex („four times this week“) rappt, dann selbst­re­fle­xiv und ‑kri­tisch. Das Album ist ein acht­zig­mi­nü­ti­ger Emo-Kater, nach dem man alles wer­den möch­te, nur nicht erfolg­rei­cher Rap­per. Ande­rer­seits: Wenn dabei so gran­dio­se Musik her­um­kommt …

12. The Low Anthem – Smart Fle­sh
Beim Hald­ern 2010 stand ich mit offe­nem Mund im Spie­gel­zelt und konn­te mich nicht ent­schei­den, ob ich jetzt Gän­se­haut krie­gen, los­heu­len oder vor lau­ter Schön­heit ein­fach tot umfal­len soll­te. 2011 spiel­ten The Low Anthem dann auf der gro­ßen Büh­ne, aber das Publi­kum war fast stil­ler als im letz­ten Jahr. Was für ein berüh­ren­des, groß­ar­ti­ges Folk-Album!

11. The Moun­tain Goats – All Eter­nals Deck
Über Jah­re waren die Moun­tain Goats immer nur via Rock­ma­ga­zin-Sam­pler am Ran­de mei­ner Wahr­neh­mung auf­ge­taucht, bis mir eine Freun­din die­ses Jahr (genau genom­men: vor zwei Wochen) „Never Quite Free“ vor­spiel­te. Nach­dem ich den Song etwa zwei Dut­zend Mal auf You­Tube gehört hat­te, woll­te ich mehr und „All Eter­nals Deck“ hält viel davon bereit: Vom hin­ge­rotz­ten „Estate Sale Sign“ bis zu dunk­len Bal­la­den wie „The Age Of Kings“. Und natür­lich immer wie­der „Never Quite Free“.

10. Ade­le – 21
Über Wochen hat­te ich „Rol­ling In The Deep“ im Radio gehört und für „ganz gut“ befun­den, dann stand ich wäh­rend der Pro­ben zur Echo-Ver­lei­hung irgend­wo hin­ter der Büh­ne, guck­te auf einen der Kon­troll­mo­ni­to­re und dach­te „Wow!“ Trotz­dem brauch­te es noch acht Mona­te und gefühl­te zwan­zig Sin­gle­aus­kopp­lun­gen, bis ich mir „21“ end­lich gekauft habe. Was für ein tol­les Album das ist und wie unka­putt­bar die Songs selbst bei maxi­ma­ler Radio­ro­ta­ti­on sind! Mit Unter­stüt­zung von unter ande­rem Rick Rubin und Dan Wil­son (Semiso­nic) hat Frau Adkins hier ein Album geschaf­fen, das sicher in eini­gen Jah­ren als Klas­si­ker gel­ten wird. Und wer „Someone Like You“ unge­rührt über­steht, soll­te viel­leicht mal beim Arzt fest­stel­len las­sen, ob er nicht viel­leicht einen Eis­klotz im Brust­korb spa­zie­ren trägt.

9. Noah And The Wha­le – Last Night On Earth
Noah And The Wha­le waren für mich so eine typi­sche Hald­ern-Band: Hun­dert­mal auf Pla­ka­ten und im Pro­gramm­heft gele­sen, aber nie bewusst gese­hen. Dann habe ich „L.I.F.E.G.O.E.S.O.N.“ gehört, die­ses eben­so dreis­te wie gelun­ge­ne Bei­na­he-Kinks-Cover. Und was soll ich sagen? Auch das Album lohnt sich: Makel­lo­ser Indiepop mit schö­nen Melo­dien und durch­dach­ten Arran­ge­ments, der irgend­wie direkt in die Eupho­rie­steue­rung mei­nes Gehirns ein­greift.

8. Exam­p­le – Play­ing In The Shadows
Hip-Hop, House, Grime, Dub­step, Indie – alles, was heut­zu­ta­ge mehr oder weni­ger ange­sagt ist, ist in der Musik von Elli­ot Glea­ve ali­as Exam­p­le ent­hal­ten. Vom stamp­fen­den „Chan­ged The Way You Kissed Me“, das jedem Auto­scoo­ter gut zu Gesicht stün­de, über das fast brit­pop­pi­ge „Micro­pho­ne“ bis hin zum dra­ma­ti­schen „Lying To Yours­elf“: Exam­p­le rappt und singt sich durch die ver­schie­dens­ten Sti­le und schafft damit ein abwechs­lungs­rei­ches, aber in sich völ­lig schlüs­si­ges Album, das irgend­wie all das abdeckt, was ich im Moment gern hören möch­te.

7. Cold­play – Mylo Xylo­to
Es scheint unter Jour­na­lis­ten und ande­ren Indi­en­a­zis inzwi­schen zum guten Ton zu gehö­ren, Cold­play schei­ße zu fin­den. „Iiiih, sie sind erfolg­reich, ihre Kon­zer­te machen Band und Publi­kum Spaß und über­haupt: Ist das nicht U2?“, lau­tet der Tenor und tat­säch­lich kann ich vie­le Kri­tik­punk­te ver­ste­hen, aber nicht nach­voll­zie­hen. Auf „Mylo Xylo­to“ sind Cold­play so unge­stüm unter­wegs wie noch nie, ihre Songs sind über­dreht und uplif­ting und zwi­schen­durch schlie­ßen sie mit ruhi­gen Akus­tik­num­mern den Kreis zu ihrem ers­ten Album „Parach­u­tes“ aus dem Jahr 2000. Seit „A Rush Of Blood To The Head“ hat mich kein Album von Cold­play mehr so begeis­tert und womög­lich sind die vier Eng­län­der tat­säch­lich die letz­te gro­ße Band. Kaum eine ande­re Band schafft es, ihren Sound mit jedem Album so zu ver­än­dern und sich doch immer treu zu blei­ben. Wenn sie jetzt auf einem Album Alex Chris­ten­sen und Sigur Rós samplen und ein Duett mit Rihan­na sin­gen, dann ist das so kon­se­quent zu Ende gedach­te Pop­mu­sik, wie sie außer Lady Gaga kaum jemand hin­be­kommt. Und wenn das jetzt alle hören, soll­te man das fei­ern – es gibt ja nun wirk­lich Schlim­me­res.

6. Bright Eyes – The People’s Key
So rich­tig hohe Erwar­tun­gen hat­te wohl nie­mand mehr an die Bright Eyes. Zu egal waren Con­nor Obersts letz­te Lebens­zei­chen gewe­sen. Und dann kommt er ein­fach und haut ein Indierock­al­bum raus, zu dem man sogar tan­zen kann. Gut: Die Pas­sa­gen mit gespro­che­nem Text und Welt­raums­ounds muss man natür­lich aus­hal­ten, aber dafür bekommt man ein merk­wür­dig opti­mis­ti­sches Gesamt­werk und mit „Shell Games“ einen fast per­fek­ten Pop­song.

5. James Bla­ke – James Bla­ke
Nie in mei­nem Leben habe ich hef­ti­ge­re Bäs­se in mei­nem Kör­per vibrie­ren spü­ren als bei James Blakes Auf­tritt auf dem Hald­ern Pop. Es reg­ne­te leicht und die­se Sin­ger/­Song­wri­ter-Post-Dub­step-Songs zogen über das Publi­kum wie sehr gefähr­li­che Gewit­ter­wol­ken. Die­se düs­te­re und anstren­gen­de Musik ist nicht für die Beschal­lung von Din­ner­par­tys geeig­net, aber sie ist ver­dammt bril­lant.

4. The Pains Of Being Pure At Heart – Belong
Die Neun­zi­ger sind, wie gesagt, zurück und The Pains Of Being Pure At Heart haben ihr Shoe­ga­ze-Erfolgs­re­zept von vor zwei Jah­ren um mini­ma­le Grunge-Ein­spreng­sel erwei­tert. Das ist auf Plat­te eben­so schön wie live und beglei­tet mich jetzt seit Mai.

3. Jona­than Jere­mi­ah – A Soli­ta­ry Man
Auf dem Hald­ern Pop Fes­ti­val war ich so weit, dass ich dem nächs­ten Jun­gen mit Akus­tik­gi­tar­re sel­bi­ge über den Schä­del zie­hen woll­te. Dann hör­te ich „Hap­pi­ness“ von Jona­than Jere­mi­ah im Radio und war begeis­tert. Der Mann packt die See­le zurück in Soul – und alles Ande­re hab ich ja schon im August geschrie­ben.

2. Ed Sheeran – +
Na so was: Noch ein Jun­ge mit Gitar­re! Ed Sheeran war wäh­rend mei­nes Schott­land-Urlaubs im Sep­tem­ber das Hype-The­ma auf der Insel und er ist so etwas wie das feh­len­de Bin­de­glied zwi­schen Dami­en Rice und Jason Mraz, zwi­schen Get Cape. Wear Cape. Fly und Niz­lo­pi. Die ruhi­gen Songs sind erschre­ckend anrüh­rend, ohne jemals Gefahr zu lau­fen, kit­schig zu wer­den, und bei den schnel­le­ren Stü­cken kann der 21-Jäh­ri­ge (fuck it, I’m old) bewei­sen, dass er genau­so gut rap­pen wie sin­gen kann. „+“ ist ein phan­tas­ti­sches Album, das ich gar nicht oft genug hören kann. In Deutsch­land kommt es im neu­en Jahr raus.

1. Bon Iver – Bon Iver
Noch ein Jun­ge mit Gitar­re. Und noch zwei Gitar­ren. Und ein Bass. Syn­the­si­zer. Eine Blä­ser­sek­ti­on. Und nicht einer, son­dern gleich zwei Schlag­zeu­ger. Jus­tin Ver­non hat gut dar­an getan, sei­ne als Ein-Mann-Pro­jekt gestar­te­te Band zur Big­band aus­zu­bau­en, und einen deut­lich opu­len­te­ren Sound zu wäh­len als bei „For Emma, Fore­ver Ago“. So las­sen sich Debüt und Zweit­werk kaum ver­glei­chen und „Bon Iver“ kann ganz für sich selbst ste­hen mit sei­nen Tracks, die teil­wei­se eher Klang­räu­me sind als Songs, und die trotz­dem ganz natür­lich und kein Stück kal­ku­liert wir­ken. Vom anfäng­li­chen Zir­pen des Ope­ners „Perth“ bis zu den letz­ten Echos des viel dis­ku­tier­ten Schluss­songs „Beth/​Rest“ ist „Bon Iver“ ein Meis­ter­werk, an dem 2011 nichts und nie­mand vor­bei­kam.

Hin­weis: Bit­te hal­ten Sie sich beim Kom­men­tie­ren an die Regeln.

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Digital

Hut, Schweiß und Tränen

Ich kann schlecht beur­tei­len, ob sie jetzt kom­plett ver­rückt gewor­den sind bei „Spie­gel Online“, aber es wäre die nahe­lie­gends­te (und ehr­lich gesagt auch beru­hi­gends­te) Erklä­rung:

Gebot für Hemd: Scarlett Johansson schweiß, was sie will. Ein echter Entertainer macht selbst noch Ausdünstungen zu Geld: Hugh Jackman hat am Ende einer Show sein verschwitztes Unterhemd versteigert. Unter den Bietern war auch Scarlett Johansson - doch die hatte starke Konkurrenz.

Ja, ich weiß: Das tut sehr weh, wenn der Kopf nach der Lek­tü­re der Über­schrift auf die Tisch­plat­te trifft. Und ich arbei­te schon für zwei Blogs, die sich bei Über­schrif­ten für fast nichts zu scha­de sind.

Aber damit geht es erst los:

Er sang, unter­stützt von einem 18-köp­fi­gen Orches­ter. Er erzähl­te Anek­do­ten aus sei­nem Leben. Er grüß­te sei­ne Bekann­ten im Publi­kum. Und am Ende ver­stei­ger­te er sein ver­schwitz­tes Unter­hemd für einen guten Zweck: Hugh Jack­man hat mit einer unge­wöhn­li­chen Akti­on Geld für wohl­tä­ti­ge Zwe­cke gesam­melt. 30.000 Dol­lar brach­te der nas­se Fet­zen ein.

Gut, das recht­fer­tigt bis­her weder Über­schrift, noch Foto, aber macht mal wei­ter:

Der aus­tra­li­sche Schau­spie­ler („X‑Men“) nutz­te sei­ne Show am Broad­way für die unge­wöhn­li­che Akti­on. Mit dem letz­ten Gebot über­traf der glück­li­che Erstei­ge­rer eine Berühmt­heit: 30.000 Dol­lar waren zehn­mal so viel, wie Scar­lett Johans­son für Jack­mans Klei­dungs­stück gebo­ten hat­te. Am Ende des Abends soll die 27-Jäh­ri­ge laut einem Bericht der „New York Post“ auf die Büh­ne gegan­gen und 3000 Dol­lar für das Unter­hemd gebo­ten haben.

Okay: Scar­lett Johans­son „schweiß“, was sie will, aber sie kriegt es trotz­dem nicht. Trau­ri­ge Geschich­te, aber auch Hol­ly­wood­stars müs­sen hin und wie­der Ent­täu­schun­gen hin­neh­men.

Wer 30.000 Dol­lar dafür aus­gab, Jack­man wenigs­tens ein­mal indi­rekt haut­nah zu sein, ist nicht bekannt.

Das macht die Geschich­te jetzt auch nicht span­nen­der, aber: pfffft.

Johans­son dürf­te ihre Auk­ti­ons­nie­der­la­ge ver­schmer­zen. Laut „New York Post“ mach­te die 27-Jäh­ri­ge zwar nicht bei der Ver­stei­ge­rung, dafür aber ander­wei­tig eine gute Figur. Mit einem dicken Woll­pull­over, einem Hut und Bril­le habe die Schau­spie­le­rin sehr läs­sig aus­ge­se­hen, schrieb die Zei­tung.

Gut, an die­ser Stel­le wäre es aus­nahms­wei­se sogar mal sinn­voll, eine Bil­der­ga­le­rie ein­zu­set­zen, auf dass sich der geneig­te Leser (wer auch immer das sein mag) selbst ein Bild von der Läs­sig­keit Johans­sons machen kann. Scha­de, wenn es die­se Fotos nicht gibt und auch die „New York Post“ sich mit Schil­de­run­gen aus zwei­ter Hand begnü­gen muss:

(…) Johans­son, who spies said loo­ked stun­ning dres­sed down in a chun­ky swea­ter, wool­ly hat and glas­ses.

Über­haupt hat der Ori­gi­nal­ar­ti­kel etwa ein Drit­tel des Umfangs der Ver­si­on von „Spie­gel Online“ und ist nur eine von vie­len bun­ten Mel­dun­gen auf Sei­te 6, wäh­rend „Spie­gel Online“ – Sie ahn­ten es bereits – als Top-Mel­dung des „Panorama“-Ressorts auf der Start­sei­te ver­linkt hat.

Trotz­dem hat es die „New York Post“ geschafft, in die­ser Kür­ze noch eine wich­ti­ge Infor­ma­ti­on unter­zu­brin­gen, die „Spie­gel Online“ natür­lich auch noch irgend­wie wie­der­käu­en muss.

Und des­halb lau­tet der letz­te Satz des Arti­kels:

Im Publi­kum war auch Johans­sons Kol­le­gin Uma Thur­man („Kill Bill“).

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Musik

Nur noch kurz die Welt vernichten

Wie jeder geis­tig etwas spe­zi­ell gela­ger­te Musik­lieb­ha­ber ver­brin­ge ich gera­de mei­ne Tage damit, Bes­ten­lis­ten der Songs und Alben des Jah­res zu ersin­nen, zu ver­wer­fen und völ­lig neu zu bau­en. Es wird noch ein paar Tage dau­ern, bis ich hier mei­ne für exakt drei Mil­li­se­kun­den gül­ti­gen High­lights des Musik­jah­res 2011 depo­nie­ren wer­de.

Vor­her möch­te ich schon ein­mal die Gele­gen­heit nut­zen und mir den Unmut aus dem Leib schwäm­men, den eini­ge Songs die­ses Jahr bei mir ver­ur­sacht haben. Es ist gut mög­lich, dass ich das Schlimms­te über­hört habe, aber das, womit ich via Radio beläs­tigt wur­de, ist schlimm genug.

Fol­gen Sie mir also an den Ort, wo mini­ma­le Qua­li­tät auf maxi­ma­len Erfolg stößt:

5. Alex­an­dra Stan – Mr. Saxo­beat
Kla­mot­ten­lä­den und Radio ver­brei­ten die fro­he Kun­de: Das Neun­zi­ger-Revi­val gerät immer mehr in Fahrt. Eine Rück­kehr des Euro­dance hät­te es dafür nicht zwin­gend gebraucht, wobei „Mr. Saxo­beat“ vor allem dadurch zu ner­ven wuss­te, dass man dem Song schlicht nicht ent­ge­hen konn­te. Wenn die Ver­wer­tungs­ket­te bestehen bleibt, wird uns nächs­tes Jahr ein „Mr. Saxobeat“-Sample aus einem ame­ri­ka­ni­schen Hip-Hop-Song ansprin­gen, der dann über­ra­schend cool sein wird (vgl. O‑Zone -> T.I. und Had­da­way -> Emi­nem).

4. Nickel­back – When We Stand Tog­e­ther
Nun ja: Nickel­back halt. Der ein­fäl­ti­ge Rock­schla­ger über böse Regie­run­gen, Hun­ger und Armut auf der einen und das auf­rich­ti­ge, ein­fa­che Volk (inkl. kana­di­scher Rock-Mil­lio­nä­re) auf der ande­ren Sei­te hät­te zum Mot­to­lied von Ara­bi­schem Früh­ling und Occu­py-Bewe­gung wer­den können/​sollen, was er offen­sicht­lich nie gewor­den ist. Die­se Welt ist also viel­leicht doch gar nicht so schlecht.

3. Maroon 5 feat. Chris­ti­na Agui­lera – Moves Like Jag­ger
Eine Paa­rung, wie sie nur von den Mar­ke­ting­ab­tei­lun­gen gro­ßer Plat­ten­fir­men erdacht wer­den kann – wer sonst käme auf die Idee, eine bie­de­re Poprock­band, die ihre bes­ten Zei­ten hin­ter sich hat, mit einer Sän­ge­rin zu ver­ei­nen, die eben­falls den Zenit ihrer Kar­rie­re durch­schrit­ten hat? Die Span­nung zwi­schen den Inter­pre­ten knis­tert in etwa wie die Ero­tik zwi­schen Ange­la Mer­kel und David Came­ron, Beat und Hook­li­ne erin­nern in ihrer Schlicht­heit an das bereits ver­ris­se­ne „Mr. Saxo­beat“ und über­haupt hat der 68-jäh­ri­ge Mick Jag­ger ja wohl mal im klei­nen Zeh mehr Talent, Cha­ris­ma und Schwung als die­se ver­zwei­fel­te Reiß­brett-Num­mer, deren Erfolg die Ver­ant­wort­li­chen hof­fent­lich wenigs­tens ein biss­chen über­rascht und beschämt hat.

2. Sun­ri­se Ave­nue – Hol­ly­wood Hills
Eigent­lich fin­de ich ja, dass jede Band ihre Berech­ti­gung hat, wenn sie nur einen Hörer fin­det, dem die Musik etwas bedeu­tet. Sun­ri­se Ave­nue schaf­fen es immer wie­der, mei­ne libe­ra­le Welt­sicht in die­sem Punkt in Fra­ge zu stel­len. Ich mei­ne: Was soll das? Wie lang­wei­lig kann man einen „Rock­song“ spie­len? Und sind mit den „Hol­ly­wood Hills“ wirk­lich die chir­ur­gisch opti­mier­ten sekun­dä­ren Geschlechts­merk­ma­le jun­ger Ame­ri­ka­ne­rin­nen gemeint? Halt: Bit­te ant­wor­ten Sie der Hand, der Kopf will’s nicht hören.

1. Tim Bendz­ko – Nur noch kurz die Welt ret­ten
Vor­der­grün­dig hat hier jemand die Selbst­wahr­neh­mung der deut­schen Bun­des­kanz­le­rin ver­tont, tat­säch­lich ist die Debüt­sin­gle von Tim Bendz­ko die Sum­me all des­sen, was bei Singer/​Songwritern schief gehen kann: Über­af­fek­tier­ter Gesang, pein­li­cher, selbst­ver­lieb­ter Text und maxi­ma­le Mat­thi­as-Schweig­hö­fer-Gedenk-Wasch­lap­pen­haf­tig­keit in Vide­os und Inter­views. Bendz­ko sorgt dafür, dass ich Ele­fan­ten eigen­hän­dig auf das Dach des Burj Kha­li­fa schlep­pen und ihn damit von oben abwer­fen möch­te. Zumin­dest aber möch­te ich ihm ins Gesicht schrei­en: „Geh doch end­lich die ver­kack­te Welt ret­ten und hör ver­dammt noch mal auf zu sin­gen!“

Hach, das tat gut!

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Gesellschaft

Glühwein gegen den Hunger

Eines muss man der Poli­tik las­sen: Wir haben jah­re­lang unent­deck­te Rechts­ter­ro­ris­ten, eine sich täg­lich ver­schär­fen­de Euro­kri­se, den längs­ten Cas­tor-Trans­port aller Zei­ten und doch haben es die Poli­ti­ker geschafft, heim­lich still und lei­se die Hun­ger­ka­ta­stro­phe in Ost­afri­ka zu lösen. Zumin­dest hat man davon seit Mona­ten nichts mehr gehört und gele­sen.

Sar­kas­mus bei­sei­te: Die Hun­ger­ka­ta­stro­phe ist natür­lich noch nicht gelöst. Und da die Vor­weih­nachts­zeit ja eh die Hoch­pha­se der Cha­ri­ty-Events ist und unse­re Akti­on „Sau­fen gegen den Hun­ger“ im August in jeder Hin­sicht erfolg­reich ver­lau­fen ist, haben Jan und ich uns etwas neu­es ein­fal­len las­sen:

Die Regeln der Akti­on blei­ben denk­bar ein­fach:

Wir wer­de den glei­chen Betrag, den wir am Wochen­en­de (16. – 18.12) ver­fei­ern/­ver­kös­ti­gen/­ver­sau­fen/­weg-eska­lie­ren/nach der Par­ty ver­fres­sen für Afri­ka spen­den.

Wir haben uns wie­der für die­ses Pro­jekt ent­schie­den gera­de weil es momen­tan kom­plett aus den Medi­en ver­schwun­den ist und die Gut­ten­bergs und Co. wie­der alle Auf­merk­sam­keit auf sich zie­hen.

Also, für jeden Ein­tritt, jedes Bier, jeden Schnaps/​Sekt/​Döner/​sonstwas kommt der glei­che Betrag auf das Spen­den­kon­to der ARD.

Dann wirds zwar logi­scher­wei­se dop­pelt so teu­er, aber der Kater wird durch ein gutes Gewis­sen aus­ge­gli­chen…! (und wenn das nicht wirkt: Aspi­rin)

Wie beim ers­ten Mal kön­nen und wol­len wir nicht über­prü­fen, ob die Teil­neh­mer sich auch tat­säch­lich an die (recht vagen) Regeln hal­ten, aber wir glau­ben wei­ter­hin an das Gute im Men­schen.

Alles Wei­te­re zu „Glüh­wein gegen den Hun­ger“ erfah­ren Sie bei Face­book – und wenn Sie spen­den wol­len, ohne etwas zu trin­ken, kön­nen Sie das selbst­ver­ständ­lich auch tun.

Ob es auch eine Bene­fiz-Sin­gle zu dem Pro­jekt geben wird, ist noch nicht ent­schie­den.

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So viel Hitler war selten

Die Sen­sa­ti­ons­mel­dung des Jah­res ent­neh­men wir heu­te „RP Online“:

Hitler in bayerischer Höhle entdeckt

Dage­gen ver­blasst selbst die­se Schlag­zei­le auf der Titel­sei­te der heu­ti­gen „Bild“:

Schweighöfer küsst Hitler

Tat­säch­lich ver­hält es sich dann aber doch ein biss­chen anders:

Der Raben­fels bei Ren­nerts­ho­fen birgt seit rund 80 Jah­ren ein Geheim­nis, das nur weni­gen bekannt war. Wenn man weiß, dass der Berg einst den Zweit­na­men „Hit­ler­fel­sen“ hat­te, kann man erah­nen, wor­um es geht. 1933 mei­ßel­te ein Anhän­ger Hit­lers ein Por­trät des Füh­rers in den Stein – und das ist bis heu­te erhal­ten.

Fern jeder Selbst­er­kennt­nis berich­tet „RP Online“:

Anwoh­ner fürch­ten jetzt, der Fels kön­ne zu einer Wall­fahrts­stät­te der rech­ten Sze­ne wer­den.

Und Mat­thi­as Schweig­hö­fer? Der ver­klei­det sich in sei­nem neu­en Film als Frau und hat dann eine Sze­ne, in der er einen Schau­spie­ler küsst, der Adolf Hit­ler dar­stellt.

Die Über­schrift hab ich mir vom Kol­le­gen und Hit­ler-Blog­ger Dani­el Erk geborgt, des­sen neu­es Buch „So viel Hit­ler war sel­ten“ heißt.

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Digital Gesellschaft

Absolut nicht aussagekräftig

Es ist ein erschüt­tern­de Nach­richt, die „Spie­gel Online“ heu­te über­bringt:

Nir­gend­wo in Deutsch­land wer­den mehr rech­te Straf­ta­ten gezählt als in dem bevöl­ke­rungs­rei­chen Nord­rhein-West­fa­len.

Und nicht nur das: Auch die meis­ten Ver­kehrs­un­fäl­le, Ehe­schei­dun­gen und Ster­be­fäl­le wer­den im bevöl­ke­rungs­rei­chen Nord­rhein-West­fa­len gezählt. (Aber auch die meis­ten Ehe­schlie­ßun­gen und Gebur­ten.)

Tat­säch­lich bringt es erstaun­lich wenig, die abso­lu­ten Zah­len ver­schie­de­ner Bun­des­län­der zu irgend­ei­nem The­ma zu ver­glei­chen.

Im Ver­fas­sungs­schutz­be­richt 2010 (PDF) steht zum Bei­spiel:

Die – in abso­lu­ten Zah­len – meis­ten poli­tisch rechts moti­vier­ten Gewalt­ta­ten mit extre­mis­ti­schem Hin­ter­grund ereig­ne­ten sich mit 149 regis­trier­ten Delik­ten in Nord­rhein-West­fa­len, das aller­dings bezo­gen auf je 100.000 Ein­woh­ner im mitt­le­ren Feld der Sta­tis­tik liegt.

Jörg Diehl, Düs­sel­dor­fer Kor­re­spon­dent des Online-Maga­zins, ver­brei­tet die wenig erstaun­li­che Null­in­for­ma­ti­on schon län­ger:

Das Kli­schee besagt zwar, Skin­heads und Neo­na­zis trie­ben vor allem im Osten der Repu­blik ihr Unwe­sen, doch in Wahr­heit wer­den nir­gend­wo in Deutsch­land mehr rech­te Straf­ta­ten gezählt als in dem bevöl­ke­rungs­rei­chen Nord­rhein-West­fa­len.

(31. August 2011)

Das Kli­schee besagt zwar, Skin­heads und Neo­na­zis trie­ben vor allem im Osten der Repu­blik ihr Unwe­sen, doch in Wirk­lich­keit wer­den nir­gend­wo in Deutsch­land mehr rech­te Straf­ta­ten gezählt als in Nord­rhein-West­fa­len.

(15. Juni 2011)

Das Gute an Diehls aktu­el­lem Arti­kel aber ist, dass man bei der Lek­tü­re kaum bis zu dem unsin­ni­gen Satz durch­dringt – vor­her ist man näm­lich schon über den Ein­stieg gestol­pert und bewusst­los lie­gen geblie­ben:

Man hät­te mei­nen kön­nen, die Neo­na­zis hiel­ten sich erst ein­mal zurück. Man hät­te den­ken kön­nen, die all­ge­mei­ne Empö­rung über die der Zwi­ckau­er Zel­le zuge­schrie­be­nen Ver­bre­chen mach­te sie viel­leicht nach­denk­lich. Doch das Gegen­teil scheint der Fall zu sein: Wäh­rend die Repu­blik mit der bit­te­ren Erkennt­nis ringt, dass es hier­zu­lan­de tat­säch­lich rechts­ra­di­ka­le Ter­ro­ris­ten gibt, schla­gen die Glat­zen in Dort­mund wie­der zu.

Natür­lich: Bei all der „all­ge­mei­nen Empö­rung“ wer­den Neo­na­zis „nach­denk­lich“. Weil das, was die­se Leu­te jah­re­lang am Liebs­ten gemacht hät­ten, schon jah­re­lang gemacht wur­de.

Wer sei­ne Arti­kel in einer der­ar­ti­gen rhe­to­ri­schen und logi­schen Schief­la­ge eröff­net, kann sie auch so been­den. Bei Jörg Diehl liest sich das so:

Jetzt aller­dings könn­ten die Dort­mun­der Neo­na­zis mit Sven K. einen schlag­kräf­ti­gen Kader ver­lie­ren. Seit Sonn­tag sitzt der 24-Jäh­ri­ge in Unter­su­chungs­haft und schon macht in Jus­tiz­krei­sen ein Wort die Run­de, das eigent­lich auch von den lin­ken Akti­vis­ten sehr begrüßt wird. Es lau­tet: Siche­rungs­ver­wah­rung.

Offi­zi­ell indes mag sich die Staats­an­walt­schaft dazu nicht äußern. Noch nicht.

Lin­ke Akti­vis­ten begrü­ßen das Wort „Siche­rungs­ver­wah­rung“ (aber nur eigent­lich) und die Staats­an­walt­schaft mag sich dazu noch nicht äußern. Und das alles im bevöl­ke­rungs­rei­chen Nord­rhein-West­fa­len.

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Man hat sich entschuldigt

In unse­rer belieb­ten Rei­he „Öfter mal ‚man‘ sagen“ heu­te zu Gast: Karl-Theo­dor zu Gut­ten­berg, Ex-Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter und Ex-Dok­tor.

In dem ohne­hin hoch­gra­dig ver­stö­ren­den Gespräch, das „Zeit“-Chefredakteur Gio­van­ni di Loren­zo mit Gut­ten­berg geführt hat, ereig­net sich unter ande­rem fol­gen­der Dia­log:

ZEIT: Wel­che Fra­gen sind es denn, die Ihnen die Wohl­mei­nen­den stel­len?

Gut­ten­berg: Es ist vor allem die Fra­ge, wie es bei jeman­dem, des­sen poli­ti­sche Arbeit man sehr geschätzt hat, zu einer so unglaub­li­chen Dumm­heit wie die­ser Dok­tor­ar­beit kom­men konn­te. Und ich hat­te noch nicht die Mög­lich­keit, die­se Fra­gen in aller Offen­heit zu beant­wor­ten.

ZEIT: Was kön­nen Sie denn jetzt in aller Offen­heit sagen?

Gut­ten­berg: Es steht völ­lig außer Fra­ge, dass ich einen auch für mich selbst unge­heu­er­li­chen Feh­ler began­gen habe, den ich auch von Her­zen bedaue­re. Das ist in die­ser sehr hek­ti­schen Zeit damals auch ein Stück weit unter­ge­gan­gen. Eben­so, wie man sich damals bereits ent­schul­digt hat.

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Warum „Bild“ wohl über Herzog herzog?

Irgend­wann wird „Bild“ in der Rubrik „Ver­lie­rer des Tages“ mal über irgend­ei­ne Per­son schrei­ben: „XXX wur­de in einer gro­ßen deut­schen Bou­le­vard­zei­tung zum Ver­lie­rer des Tages erklärt. BILD meint: Zu Recht“

Bis es soweit ist, begnügt sich die Zei­tung mit sol­chen Vari­an­ten:

Verlierer: Kult-Regisseur Werner Herzog (69, "Fitzcarraldo") wurde in der Schule die Liebe zur Musik (vorerst) ausgetrieben. Fast eine Stunde habe der Lehrer ihn vor der Klasse stehen lassen, um ihn zum Singen zu zwingen. "Ich sang und schwor mir, nie wieder zu singen", verriet Herzog der "Zeit". BILD meint: Has(s)t du Töne?!

Das ergibt unge­fähr gar kei­nen Sinn. Nach der glei­chen Logik könn­te „Bild“ einem Kriegs­heim­keh­rer sein Kriegs­trau­ma vor­wer­fen oder einem Fern­seh­mo­de­ra­tor, des­sen ver­meint­li­ches Pri­vat­le­ben in der Bou­le­vard­pres­se aus­ge­brei­tet wur­de, des­sen Abnei­gung gegen­über der sel­bi­gen.

Es gibt auch kei­nen Anhalts­punkt, war­um „Bild“ Her­zog heu­te einen aus­wi­schen kön­nen woll­te: Im (hoch­gra­dig ver­stö­ren­den) „Zeit“-Artikel äußert sich der Regis­seur nicht über die Zei­tung oder Frie­de Sprin­ger, ja gera­de ges­tern war bei Bild.de anläss­lich des 20. Todes­ta­ges von Klaus Kin­ski noch ein Inter­view mit Her­zog erschie­nen.

Auch ein Blick ins „Bild“-Archiv macht nicht schlau­er, för­der­te aber eine schö­ne Bild­un­ter­schrift vom 23. April 2010 zuta­ge:

Alt-Bun­des­prä­si­dent Wer­ner Her­zog mit sei­ner Frau Alex­an­dra Frei­frau von Ber­li­chin­gen