Geht ja bald wieder los mit diesem Karneval.
Bei „Spiegel Online“ schon heute:

Tataaa!
Vor etwa vier Wochen habe ich auf Facebook ein Video entdeckt, das ich seitdem etwa eine Million mal angeschaut habe.
Hier mal die Version von YouTube, wo das Video seit März 2009 zu sehen ist:
Die ersten zwanzig, dreißig Male habe ich anschließend vor Lachen keine Luft mehr bekommen, aber inzwischen geht’s.
So ungefähr alles an diesem Video ist rätselhaft — und damit meine ich nicht einmal die Frage, ob es irgendjemanden auf diesem Planeten gibt, der sagt: „Hey, rutschfeste Küchenbretter! Das hab ich mir immer gewünscht! Komisch, dass es die erst jetzt gibt.“
Ich meine: Was macht der Mann da? Wer im Sportunterricht mal Geräteturnen auf dem Lehrplan hatte, weiß, wie schwer es ist, über einen Kasten oder einen Bock zu kommen. Jerry Knoll (so, haben meine Recherchen ergeben, heißt der Mann) fliegt aus dem Stand über die halbe Theke und zieht sich dann, einem Rodler gleich, nach vorne.
In diesem Clip, den QVC im vergangenen Dezember veröffentlicht hat, sieht man es noch besser:
Eine mögliche Erklärung für diesen Move wäre die Fernbedienung in der Hand von Christine Marks: Sekunden, bevor Knoll abhebt, sendet diese Fernbedienung offenbar irgendein Signal aus, jedenfalls leuchtet sie vorne. Was will die Frau in einer Sendung für Kochgeräte überhaupt mit einer Fernbedienung — außer, ihren Gast mithilfe eines kleinen Katapults, eines Traktorstrahls oder irgendeiner anderen Vorrichtung über die Theke zu schleudern?
Und woher nimmt der Kameramann, der ja bis zu diesem Moment eine eher behäbige Präsentation von Küchenutensilien eingefangen hat, die Geistesgegenwart, in diesem Moment aufzuziehen, und den Stunt somit in voller Schönheit in die heimischen Wohnzimmer voller Tiffany-Lampen, Porzellanpuppen und Schminkutensilien zu übertragen?
All das ist merkwürdig, meisterhaft aber ist Knolls Ausruf: „Uargh, die Bretter!“, den er während des Falls absetzt und mit einem „Da sind sie!“ abschließt, das viele Internetkommentatoren an Gollum aus „Der Herr der Ringe“ erinnerte.
Ich habe einen guten Teil der letzten vier Wochen damit zugebracht, diesen Ausruf in seiner rheinischen Färbung genauestens zu studieren und nachzuahmen. Mit ein wenig Konzentration ist es mir auch gelungen, mich derart zu konditionieren, dass ich mittlerweile ohne nachzudenken „Uargh, die Bretter!“ ausrufe, wann immer mir etwas runterfällt — also etwa 40 Mal am Tag.
Hier iirrt „Meedia“:

Man kann „Bild“ ja vieles vorwerfen, aber Recherche ist erfahrungsgemäß selten dabei.
2012 hat sich offenbar dazu entschlossen, musikalisch „mein“ Jahr zu werden. Nicht nur, dass die Kilians ihr drittes Album aufnehmen, auch Ben Folds Five haben sich nach über 12 Jahren wieder zusammengetan, um gemeinsam eine Platte einzuspielen, und als reiche das alles noch nicht, erwartet mich auch noch ein neues Werk der Lieblingsband meiner Tweenager-Jahre.
Jawohl: East 17 sind zurück! Mal wieder. Anders als beim letzten Comeback ist diesmal Tony Mortimer wieder an Bord, dafür fehlt Brian Harvey (der es immerhin fertig gebracht hat, von seinem eigenen Mercedes überfahren zu werden, während er am Steuer saß).
Im vergangenen Herbst gab es schon mal eine neue Single mit Kurzzeit-Bandmitglied Blair Dreelan, die das Allerallerallerschlimmste befürchten ließ, und jetzt gibt es den neuen Song mit dem dämlichen Titel „I Can’t Get You Off My Mind (Crazy)“, der … äh … also …
Sehen Sie selbst:
East 17 mit Band! Tony Mortimer mit E‑Gitarre! Und der Song könnte auch von Snow Patrol sein, ist aber noch ein bisschen langweiliger. (Ich kann Ihnen aber versprechen, dass Sie den Refrain ab dem vierten Mal Hören nur schwer wieder loswerden.)
Gut, die Reaktionen des Publikums wirken ein bisschen übertrieben, aber dafür zeigt John Hendy einen interessanten Autoscooter-Tanzmove – wobei die angedeuteten Lenkbewegungen natürlich auch ein Verweis auf Brian Harveys Mercedes-Zwischenfall sein könnten.
Insgesamt ist das alles weitgehend verstörend, aber auch irgendwie einladend auf ’ne Art. Ich bin jetzt jedenfalls tatsächlich ein kleines bisschen gespannt auf „Dark Light“, das im April erscheinen soll.
Die Songtitel klingen jedenfalls alle schon mal sehr … vielversprechend:
1. I Can’t Get You Off My Mind (Crazy)
2. Crazy Fool
3. Nightlife
4. Counting Clouds
5. Break Ur Heart
6. Friday Night
7. Kiss Of Winter
8. Broken Valentine
9. Where Does Love Go
10. You Must Be An Angel
Wir schalten kurz nach Oberlohberg, wo unser Außenreporter Simon den Hartog ein paar Breaking News zu verkünden hat:
Eine neue Website gibt es auch – und wenn es nach dem Logo geht, wird die neue Platte wohl ein Konzeptalbum über Michael Knight und sein Auto:

Wenn ich Menschen aus dem Ausland erklären soll, wo ich herkomme, höre ich mich immer noch viel zu oft mit „near Cologne“ antworten. Bei den meisten Amerikanern kann man ja froh sein, wenn sie davon mal gehört haben. Briten hingegen kennen, so sie denn minimal fußballinteressiert sind, natürlich Dortmund und Schalke, manchmal sogar Bochum. Die „Ruhr Area“ allerdings ist eher was für Leute, die im Erdkundeunterricht gut aufgepasst haben, aber so würden eh nur die Wenigsten über ihre Heimat sprechen.

Das Verhältnis der „Ruhris“ zum Ruhrgebiet ist ein zutiefst ambivalentes: Eine unheilvolle Mischung aus Lokalpatriotismus und Selbstverachtung, aus Stolz und Skepsis, Traditionsbewusstsein und Wurzellosigkeit führt dazu, dass sich im fünftgrößten Ballungsraum Europas niemand zuhause fühlt. Ein Zusammengehörigkeitsgefühl entsteht erst ganz langsam, Jahrzehnte nach der Blütezeit der Ruhrindustrie und auch recht widerwillig.
Konrad Lischka und Frank Patalong stammen auch aus dem Ruhrgebiet. Lischka ist 32 und in Essen aufgewachsen, Ptalaong 48 und aus Duisburg-Walsum. Heute arbeiten beide bei „Spiegel Online“ in Hamburg, aber sie haben ein Buch geschrieben über die „wunderbare Welt des Ruhrpotts“: „Dat Schönste am Wein is dat Pilsken danach“.
Der Altersunterschied der beiden und ihre unterschiedliche Herkunft (Lischka kam mit seinen Eltern aus Polen ins Ruhrgebiet, Patalong ist Kind einer Arbeiterfamilie) machen den besonderen Reiz des Buches aus, denn ihre Hintergründe sind gerade unterschiedlich genug, um fast das ganze Ruhrgebiet an sich zu charakterisieren. Lischka ist (wie ich auch) ohne nennenswerte Schwerindustrie vor Augen aufgewachsen, bei Patalong konnte man die Wäsche traditionell nicht draußen trocknen lassen, weil sie dann schwarz geworden wäre. Sie beschreiben eine Region, die binnen kürzester Zeit von Menschen aus halb Europa besiedelt wurde, die jetzt alle in ihren eilig hochgezogenen Siedlungen hocken und feststellen, dass die Goldgräberzeit lange vorbei ist. Für die meisten endet die Welt immer noch an der Stadtteilgrenze, wofür Lischka das wunderschöne Wort „Lokalstpatriotismus“ ersonnen hat. Entschuldigung, ich komm aus Eppinghoven, was soll ich da mit jemandem aus Hiesfeld? 1
Das Buch ist geprägt von der so typischen Hassliebe der Ruhrgebietseinwohner zu ihrer … nun ja: Heimat, zusammengefasst im Ausspruch „Woanders is‘ auch scheiße“. Menschen, die sich gottweißwas darauf einbilden, aus einer bestimmten Stadt zu stammen oder dort wenigstens „angekommen“ zu sein, findet man vielleicht in Düsseldorf, München oder Hamburg, aber nicht im Ruhrgebiet. Wir sind nur froh, wenn man uns nicht mit Dingen wie einem „Kulturhauptstadtjahr“ behelligt, und packen alle Möchtegern-Hipster mit Röhrenjeans, asymetrischem Haarschnitt und Jutebeutel in den nächsten ICE nach Berlin. Hier bitte keine Szene, hier bitte überhaupt nichts, Danke! 2

Ich fürchte, dass das Buch für Menschen, die keinerlei Verbindung zum Ruhrgebiet haben, deshalb in etwa so interessant ist wie eines über das Paarungsverhalten peruanischer Waldameisen. Es muss von einer völlig fremden Welt erzählen, in der Kinder auf qualmende Abraumhalden klettern, die Leute eine Art Blutpudding essen, der Panhas heißt, und in der eine Sprache gesprochen wird, die im Rest der Republik einfach als „falsches Deutsch“ durchgeht.
Aber wer von hier „wech kommt“, der wird an vielen Stellen „ja, genau!“ rufen – oder sich wundern, dass er die Gegend, in der er aufgewachsen ist, so ganz anders wahrgenommen hat, denn auch das ist typisch Ruhrgebiet. Frank Patalong erklärt an einer Stelle, welcher Ort im Ruhrgebiet bei ihm immer ein Gefühl von Nachhausekommen auslöst, und obwohl ich da noch nie drüber nachgedacht habe, bin ich in diesem Moment voll bei ihm: Auf der Berliner Brücke, der „Nord-Süd-Achse“, auf der die A 59 die Ruhr, den Rhein-Herne-Kanal und den Duisburger Hafen überspannt. Wenn wir früher aus dem Holland-Urlaub kamen, war dies der Ort, an dem wir wussten, dass wir bald wieder zuhause sind, und auch heute ist das auf dem Weg von Bochum nach Dinslaken der Punkt, wo ich meine Erwachsenenwelt des Ruhrgebiets verlasse und in die Kindheitswelt des Niederrheins zurückkehre.
Lischka und Patalong verklären nichts, sie sind mitunter für meinen Geschmack ein bisschen zu kritisch mit ihrer alten Heimat, aber dabei sprechen sie Punkte an, die mir als immer noch hier Lebendem in der Form wohl nie aufgefallen wären. Zum Beispiel das ständige Schimpfen auf „die da oben“, das bei den hiesigen Lokalpolitikern leider zu mindestens 80% berechtigt ist, das aber auch zu einer gewissen Kultur- und Intellektuellenfeindlichkeit geführt hat. Die Zeiten, in denen man sich als Arbeiterkind in seiner alten Umgebung rechtfertigen musste, weil man zur Uni ging, dürften vorbei sein, aber ein Blick in die Kommentare unter einem beliebigen Artikel beim Lokalrumpelportal „Der Westen“ zeigt, dass Museen, Bibliotheken oder Theater zumindest für einige Einwohner des Ruhrgebiets immer noch „überflüssiger Schnickschnack“ sind.

Und während ich darüber nachdenke, dass die Arbeiter in Liverpool, Detroit oder New Jersey irgendwie sehr viel mehr für ihren Stolz berühmt sind und dann teilweise auch noch Bruce Springsteen haben, fällt mir auf, dass ich zumindest selbst natürlich wahnsinnig stolz bin auf diese Gegend. Ja, das, was an unseren Städten mal schön war, ist seit Weltkrieg und Wiederaufbau überwiegend weg, aber wir haben wahnsinnig viel Grün in den Städten 3, ein schönes Umland und das beste Bier. Genau genommen isses hier gar nicht scheiße, sondern eigentlich nur woanders.
Und selbst wenn wir Ruhris innerlich ziemlich zerrissene Charaktere sind, die in ihren hässlichen Kleinstädten unterschiedlicher Größe stehen und gucken, wie aus den Ruinen unserer goldenen Vergangenheit irgendetwas neues entsteht: Es tut gut zu sehen, dass wir dabei nicht alleine sind. Willkommen im Pott!
Konrad Lischka & Frank Patalong – Dat Schönste am Wein is dat Pilsken danach
Bastei Lübbe, 271 Seiten
16,99 Euro.
Als Blogger erhält man erfahrungsgemäß viel unaufgeforderte Post. Manchmal tatsächlich per Post, meistens per E‑Mail.
Häufig werden wir hier von Firmen angeschrieben, die irgendwas mit Kaffee machen oder verkaufen wollen – passt ja zum Namen. Beim BILDblog sind wir inzwischen im Verteiler von mindestens drei Promoagenturen aus dem Musikbereich, was angesichts der inhaltlichen Ausrichtung dort auch eher gewagt ist.
Gestern nun bekam ich wieder eine solche Spam-Mail an die Coffee-And-TV-Adresse:
Hallo Lukas,
bei meiner Suche nach tollen Blogs bin ich auf Deinen Blog „Coffee and TV“ aufmerksam geworden und mir gefallen Deine Lifestyle & TV Bilder sehr.
Das fand ich alleine schon steil genug – immerhin sind wir hier graphisch ungefähr so abwechslungsreich wie die Titelseite der „FAZ“ vor ihrem Relaunch.
Aber die E‑Mail war so ähnlich auch an meine BILDblog-Adresse gegangen:
Hallo Lukas,
bei meiner Suche nach tollen Blogs bin ich auf Deinen Blog „Bildblog“ aufmerksam geworden und mir gefallen Deine News & Lifestyle Bilder sehr.
Zur Erinnerung: Hier eines unserer aktuellen „News & Lifestyle Bilder“:

Im vergangenen Jahr habe ich für BILDblog über Monate die Nennung des Produktnamens Aperol in deutschsprachigen Medien dokumentiert. Ungefähr ab September wurde ich nachts wach, weil ich dachte, jemand hätte „Aperol“ gesagt. Die Antworten der Kollegen auf meine Bitte, sie mögen mir doch sagen, wenn sie das Gefühl hätten, ich würde mich da in etwas verrennen, wurden immer ausweichender. Am 24. Dezember erschien dann endlich der Artikel und ich konnte den Google Alert auf „Aperol“ endlich abstellen.
Doch das vielleicht bizarrste Product Placement der Journalismusgeschichte habe ich erst jetzt entdeckt. Der Frankfurter „Bild“-Gerichtsreporter Kolja Gärtner hat es im vergangenen Oktober in seinem Artikel „150-Kilo-Metzger-Sohn erstickt Nachbarn“ untergebracht:
Verteidigerin Daniela Palmer: „Der Getötete stand vor meinem Mandanten, schrie und fuchtelte mit den Armen. Mein Mandant verpasste ihm einen Faustschlag, zog ihm eine Rewe-Plastiktüte über den Kopf. Er wollte ihn nicht töten, sondern ihm eine Lektion erteilen. (…)“
In den letzten Tagen sind zwei Dinge passiert: Ich habe den viel diskutierten Artikel „Die Schmerzensmänner“ aus der „Zeit“ gelesen, in dem die Autorin Nina Pauer die Verweichlichung der (also offensichtlich: aller) Männer beklagt, und ich habe zum ersten Mal Max Prosa gehört, den gerade aufgehenden Stern am deutschsprachigen Singer/Songwriter-Himmel, der von „Flügeln aus Beton“ singt.
Dann guckte mich meine Gitarre an und sagte: „Typ, dat kannze auch!“, und ich sagte: „Die Wette gilt!“ Zwanzig Minuten später …
Nun ja: Ladies and Gentlemen, I present you the gefühlvolle Lied to end all gefühlvolle Lieder.
Seit Tagen wurde ich von Freunden darauf hingewiesen, dass am gestrigen Samstag auf arte die endgültige Demaskierung von Lena Meyer-Landrut zu bestaunen sei. Die sei nämlich doof, zickig und wahnsinnig anstrengend, so war es vorab in den Medien zu lesen.
Die „Spex“ verkündete:
Dabei knüpft Lena an die fragwürdigen Dauerinterviews rund um ihre gescheiterten Titelverteidigung in diesem Jahr an, als das Bild vom ganz natürlichen Liebling der Nation erste Risse bekam.
Und die „Visions“ nutzte die Gelegenheit, auf dem doofen, doofen Mainstream-Publikum rumzuhacken:
Bleibt nur zu hoffen, dass die Episode von „Durch die Nacht mit“ das Bild von Lena als süßes, keckes Mädchen in den Köpfen der tumben Masse relativiert.
Beides sind keine Medien, in denen Lena sonst groß stattfindet, und vielleicht hatten beide das Bedürfnis, den anderen Teilnehmer von „Durch die Nacht mit“ beschützen zu müssen: den Indie-Liebling Casper, mit dessen Musik ich nach wie vor nicht viel anfangen kann, den ich in Interviews aber oft sehr sympathisch finde.
Ich hatte es vorher schon geahnt und tatsächlich bestätigte die fertige Sendung, dass alles so schlimm nicht werden würde. Im Gegenteil: Es war eine hochvergnügliche Tour durch Berlin, die (im Gegensatz zu anderen im Vorfeld hochgejazzten Sendungen) durchaus das Zeug zum Klassiker hat – nur halt ganz anders als gedacht.
Der Start ist tatsächlich kein guter: Lena kommt in Caspers Wohnung, beide stehen ein bisschen krampfig rum und Lena sagt: „Ja, schön. Schön eingerichtet, schön dreckig auch!“ Damit bricht sie erst mal so ziemlich alle zwischenmenschlichen Konventionen, die so in den vergangenen Jahrhunderten zum Thema Höflichkeit entwickelt wurden. Vielleicht würde man den Privatbesuch, der einem so etwas sagt, auf der Stelle achtkantig wieder rausschmeißen – aber zu Beginn einer Fernsehsendung ist das doch ein spannender Auftakt, der das Gegenüber aus der Reserve holen könnte. Könnte, denn hier klappt es nicht.
Nach dem missglückten Auftakt sieht es erst mal nicht gut aus: Lena und Casper haben nicht den gleichen Geschmack bei Tattoomotiven (können sich aber darauf einigen, dass Leute, die dem Tättowierer ihre Lebensgeschichte erzählen, bestimmt super-anstrengend sind), bei Musik, bei der Abendplanung. Casper sitzt erst mal ziemlich nervös neben ihr, was aber auch sehr sympathisch wirkt. Lenas „Du malst jetzt echt ’ne Katze und so’n Kack, ne?“ liest sich transkribiert nach großer Boshaftigkeit, kommt im O‑Ton in der Situation dann aber doch deutlich kumpelig-flapsiger rüber.
Tatsächlich gibt es zahlreiche harmonische Momente, zum Beispiel die Szene, in der beide erzählen, dass sie nicht in einem Raum bleiben könnten, in dem ihre eigene Musik läuft, und Lena dann kurz zu Höchstleistungen aufläuft:
[sublimevideo class=„sublime“ poster=““ src1=„http://www.coffeeandtv.de/wp-content/uploads/2012/01/haltsmaul.m4v“ width=„540“ height=„304“]
Das hier ist dann wieder nicht so gut:

Grandios aber auch die Szene, wo die beiden in einem futuristischen Wohnraumkonzept voller riesiger aufgeblasener Plastikkugeln sitzen und Casper anfängt: „Wenn man sich das jetzt als Wohnung der Zukunft vorstellt …“, bevor Lena das ganze intellektuelle Künstler-Konzept mit einem „… isses scheiße!“ kurz und knapp hinrichtet. So jemanden wie Lena braucht man in den Galerien, Konzertsälen und bei Poetry Slams, die von Leuten besucht werden, die mal gehört haben, dass sie dort Kunst erwarte.
Wirklich menscheln kann’s dann zum Beispiel in dem Moment, wo Lena „pinkeln“ ist und Casper sich nett und ungezwungen mit zwei Museumsbediensteten unterhalten kann: „Wir halten doch die Menschen von ihrem Feierabend ab!“ Lena wird ihm anschließend auf verstörend abgeklärte Art erklären, die beiden Mädchen seien total verliebt in ihn gewesen, was Casper überrascht zurückweist und ich weiß, das hört sich jetzt nicht spektakulär an, aber ich saß davor und rief entzückt „ist das toll!“ in den sonst menschenleeren Raum.
Irgendwann haben die beiden dann eine Ebene gefunden, auf der sie sich durchaus humorvoll gegenseitig angehen können: „Ich würd‘ Dir noch ’n Alster austun, wenn Du magst!“ – „Austun?!“, „Ist das Deine echte Schrift?!“, „Na, das ist ja jetzt scheiße!“ – „Wieso ist das scheiße? Du bist scheiße!“ – „Du bist scheiße!“. Man muss das natürlich sehen und hören, denn in Schriftform taugt es tatsächlich zu der Skandalisierung, die die Medien im Vorfeld versucht hatten. Besorgniserregenderweise klangen ausgerechnet die Redakteure der Musikzeitschriften dabei wie ihre eigenen Großeltern, aber vielleicht sind das halt so Veganer, die zum Lachen in den Keller gehen und bei YouTube immer verzweifelt nach dem einen geilen Indie-Song suchen müssen, der noch nicht mehr als 34 Views hat. Lena und Casper zuzusehen ist jedenfalls, wie mit meinen Freunden unterwegs zu sein: hart, aber doch durchaus herzlich.
Nachdem die beiden Nachts durch die leeren Flure der Deutschen Popakademie (gähn!) gelaufen sind und in ein Zimmer mit Instrumenten gesperrt wurden, spielen sie Galgenmännchen. Das allein ist ja schon großartig abwegig, aber dann wird Frau Meyer-Landrut wieder gehässig, Herr Casper zickt zurück und herein platzt der wahnsinnig umtriebige Mann von der Popakademie, der von der „Lounge“ erzählt, die „das Herzstück der Akademie“ sei. Eigentlich ist es ein Wunder, dass in diesem Moment niemand vierhundert Arosa schlitzverstärkt mit kurzem Arm bestellen will, aber dann sitzen sie halt in dieser „Lounge“, trinken Mineralwasser und führen ein (wie Casper und Lena hinterher offen zugeben) eher zähes Gespräch mit Studenten. Jeder Versuch des Akademie-Manns, sich und seine tolle Institution irgendwie ins Gespräch einzubringen, prallt grandios ab und das geschieht ihm in diesem Moment ehrlich gesagt ganz recht.
Dass eine Frau eine andere beim ersten Händedruck vor allen Leuten fragt, ob die Wimpern echt oder angeklebt seien, verstößt mal wieder gegen so ziemlich alle zwischenmenschlichen Konventionen – aber es ist eben auch genau diese Authentizität, für die Lena mal eine kurze Zeit von den Medien geliebt wurde. Lena liefert nicht das, was die Medien bei ihr bestellen. Der Beobachtereffekt, der eigentlich zwangsläufig alle Natürlichkeit zerstört, sobald eine Fernsehkamera dabei ist, bleibt aus, stattdessen fragt man sich ständig, ob sie das jetzt grad wirklich wieder gesagt hat. Doch, hat sie: Der Frau mit den „natürlich echten“ Wimpern sagt sie zum Abschied: „Ich finde, Du könntest mir ’n bisschen was von Deinen Brüsten abgeben!“
Was die Medien vorab nicht für erwähnenswert hielten, ist etwa die Szene, in der die beiden im Auto voller Hingabe „Son Of A Preacher Man“ oder „Big In Japan“ singen, wobei sie die Texte von einem iPhone-Display ablesen müssen, oder die, wo sie sich Pommes essend über Fans beklagen, die Promis in privaten Situationen behelligen, und Lena dann unvermittelt und mit verklärtem Blick über Turnschuhe zu sprechen beginnt.
Das heißt: „Welt Online“ hat das erwähnt, fasste es aber als Unprofessionalität auf und bölkte:
Offensichtlich wird an diesem Abend, dass die beiden mit ihrer Rolle als Prominente noch überfordert sind.
Natürlich war „Durch die Nacht mit Liza Minnelli und Fritz Wepper“ schön, weil da zwei Vollprofis, die sich ewig kennen, formvollendet miteinander umgingen, aber das andere Ende des Spektrums kann ja genauso spannend sein, wenn man sich denn drauf einlassen will.
Man kann sich doch nicht einerseits über die ganzen stromlinienförmigen Popsternchen, Fußballer und Politiker der Gegenwart beklagen und dann andererseits sofort Zeter und Mordeo schreien, wenn mal jemand vorbeikommt, der unkonventionell und anders ist. Man muss das ja noch nicht mal als Natürlichkeit preisen und sich darüber freuen, man muss Lena oder Casper nicht mal mögen, aber man könnte doch zumindest mal anerkennen, wenn da plötzlich „Stars“ auftauchen, die anders sind. Die müssen dann natürlich nicht „Liebling der Nation“ sein, aber wer würde das auch wollen?
Ich hab in letzter Zeit von mehreren Kollegen gehört, dass Lena anstrengender und weniger locker geworden sei. Von Casper heißt es, dass er sich nach dem Abend regelrecht ausgeheult bzw. ausgekotzt haben soll. Das mag alles sein, nur die dabei entstandene Sendung taugt nicht zum Beleg. Ja: Lena hat offensichtlich keine große Lust auf die ganze Sache, sie zickt rum und Casper zickt zurück – aber das kann doch niemand, der in den letzten zwanzig Jahren mal mit jungen Menschen zu tun hatte, ernst nehmen! Man muss sich doch als Musikmagazin nicht dem Skandalisierungswahn der anderen Medien anschließen und wie die „Spex“ „fast die Eskalation“ herbeischreiben!
Selbst der Abschied der beiden voneinander oszilliert vielfarbig zwischen Neid, Gehässigkeit und schlichter Freude an exakt dieser Situation. Natürlich gibt es Szenen, in denen man ahnt, welche Leistung Cutter Martin Eberle erbracht haben muss, um aus vielen schwierigen Situationen einen erträglichen Film zu schneiden, aber es ist ihm gelungen.
„Durch die Nacht mit Lena und Casper“ ist noch bis nächsten Samstag in der arte-Mediathek verfügbar.
Offenlegung: Ich bin Frau Meyer-Landrut ein paar Mal begegnet und finde sie recht sympathisch.
Bevor 2012 richtig Fahrt aufnimmt oder ich meine Liste komplett verworfen habe, hier noch schnell meine Songs des Jahres 2011 (die Alben gibt’s hier):
25. Andreas Bourani – Nur in meinem Kopf
Na, da überrasch ich mich doch mal selbst und fang mit einem deutschsprachigen Singer/Songwriter an! „Nur in meinem Kopf“ hab ich geliebt, als ich es das erste Mal im Radio gehört habe, und auch massive Rotationen konnten dem Lied nicht viel anhaben. Es wirkt aber zugegebenermaßen auch wie für mich am Reißbrett entworfen: Pianointro, Four-To-The-Floor-Beat, galoppierende Beats, gerade so viel U2-Anleihen, wie ich ertrage, und dann noch die großartige Zeile von wegen „alles kaputthauen“. Schöne Stimme übrigens und sehr schönes Video, auch!
24. Death Cab For Cutie – You Are A Tourist
„Codes And Keys“, das letztjährige Album von Death Cab For Cutie, hat mich nie so richtig packen können. Kein schlechtes Album, gewiss, aber die Band hatte schon bessere und mein Indie-Müdigkeit macht sich einmal mehr bemerkbar. Die spektakulärste Meldung im Bezug auf die Band im vergangenen Jahr war die Nachricht, dass sich Sänger Ben Gibbard und Zooey Deschanel scheiden lassen (und ich mich nicht entscheiden kann, wen von beiden ich lieber heiraten würde). ANYWAY: „You Are A Tourist“ ist ein schöner Song mit einem sehr spannenden Groove, der auf der Tanzfläche noch bedeutend mitreißender ist, als vor dem heimischen Plattenspieler.
23. Lady GaGa – The Edge Of Glory
Wenn man in ein‑, zweihundert Jahren ein Buch über die Geschichte des Pop schreiben wird, wird man an Lady Gaga nicht vorbeikommen. Die Frau schafft es meisterhaft, sowohl den intellektuellen Hintergrund des Begriffs „Pop“ auszufüllen, als auch Songs am Fließband rauszuhauen, die genau das sind: Pop. Wenn „Spex“-Leser und Schützenfestbesucher zur gleichen Musik tanzen können, ist das eine Leistung, die zumindest die Nominierung für den Friedensnobelpreis nach sich ziehen sollte. Weiteres Argument für „The Edge Of Glory“: Es ist die letzte veröffentlichte Aufnahme von E‑Street-Band-Saxophonist Clarence Clemons vor dessen Tod. Gerade noch rechtzeitig, damit eine ganz neue Generation von Musikfans den „Big Man“ ins Herz schließen konnte.
22. James Blake – The Wilhelm Scream
„Songs“ sind die wenigsten Tracks auf James Blakes phantastischem Debütalbum, Radio-Singles gibt es eigentlich keine. Aber wenn überhaupt, dann ist „The Wilhelm Scream“ das poppigste und zugänglichste Stück. Am ausschließlich in musikjournalistischen Texten verwendeten Verb „pluckern“ führt kaum ein Weg vorbei, aber es dröhnt, rauscht, zirpt und echot auch ganz gewaltig unter und über Blakes Falsettgesang. Musik wie ein verstörender, aber doch sehr erholsamer Traum.
21. Jupiter Jones – Still
Das Einmal-zu-oft-gehört-Phänomen im neuen Gewand: Wenn „Still“ im Radio anfängt, bin ich ein bisschen genervt. Wenn ich den Song selber auflege ist es aber immer noch wie im ersten Moment: Wow! Allein diese Bassline, die gleichermaßen Schlag in die Magengrube wie Schulterklopfen ist! Jupiter Jones hatten vielleicht schon bessere, wütendere oder verzweifeltere Trennungslieder, aber „Still“ ist auf seine Art schon sehr besonders – und besonders wahr. Die schönste Version ist natürlich die mit Ina Müller.
20. Rihanna feat. Calvin Harris – We Found Love
Für Rihanna gilt ähnliches wie das, was ich gerade über Lady GaGa geschrieben habe. Sie arbeitet zwar nicht so aktiv selbst an ihrem Gesamtkunstwerk mit, aber sie ist einer der bestimmenden Superstars unserer Zeit. Allein die Liste ihrer Kollaborationen deckt die gegenwärtige Popmusik sehr gut ab: Jay‑Z, Kanye West, David Guetta, Eminem, will.i.am, Justin Timberlake, Ne-Yo und Coldplay stehen da zum Beispiel drauf. Diesmal also mit Calvin Harris, der ein House-Feuerwerk abbrennt, während Rihanna einen Song von erhabener Schönheit singt. Ja: „We Found Love“ ist nicht nur cool/geil/whatever, sondern auch schön und sollte jedem einsamen Menschen „in a hopeless place“ zwischen Dinslaken und Bitterfeld Hoffnung machen.
19. Noah And The Whale – Tonight’s The Kind Of Night
„Last Night On Earth“, das aktuelle Album von Noah And The Whale, hatte ich schon bei den Alben gelobt. „Tonight’s The Kind Of Night“ ist ein perfektes Beispiel für diesen Technicolor-Pop mit seinen treibenden Rhythmen und euphorisierenden Chören. Und sagt man sich nicht jeden Abend „Tonight’s the kind of night where everything could change“? Eben! Muss ja nicht, aber könnte!
18. Foster The People – Pumped Up Kicks
Einmal Indiepop-Sommerhit zum Mitnehmen, bitte! „Pumped Up Kicks“ hat einen schlichten Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Der Song lief merkwürdigerweise nie in der Werbung eines Mobilfunkanbieters (was eigentlich sein natürlicher Lebensraum gewesen wäre), hat eine Saison länger zum Hit gebraucht als angenommen und hat darüber hinaus noch einen milde gewaltverherrlichenden Text, der dem amerikanischen MTV zu viel war – aber davon ab ist es auch einfach ein sehr schöner Song.
17. Jack’s Mannequin – My Racing Thoughts
Hatte ich schon mal erwähnt, dass keine Band in den letzten fünf Jahren eine so große Bedeutung für mich hatte wie Jack’s Mannequin? Gut. So richtig genau kann ich nämlich auch nicht erklären, warum mir „My Racing Thoughts“ so gut gefällt, beim ersten Hören fand ich es nämlich regelrecht cheesy. Jetzt aber mag ich es, weil es ein harmloser, erbaulicher Popsong ist. Und dieser „she can read my, she can read my“-Part ist toll!
16. Rival Schools – Wring It Out
Nein, ein zweites „Used For Glue“ ist auf dem zweiten Rival-Schools-Album nicht enthalten. Aber fast. „I wanna wring it out / Every ounce / I wanna do the right thing, when the right thing counts“ sind doch genau die Zeilen, die man zum Beginn eines Jahres hören möchte. Und dann einfach rein ins Leben, die richtigen Dinge tun, die falschen Dinge tun, aber in jedem Fall jede Unze rausquetschen. Was für eine Hymne!
15. Maritime – Paraphernalia
Das vierte Maritime-Album „Human Hearts“ ist irgendwie komplett an mir vorbeigegangen, aber die Vorab-Single, die hat mich das ganze Jahr über begleitet. Indierock, der nicht nervt, weil er nicht ach so cool sein will, sondern beschwingt unterhält. So einfach ist das manchmal.
14. Adele – Rolling In The Deep
Die Geschichte mit der Echo-Verleihung hab ich ja blöderweise schon bei den Alben erzählt. Muss ich mir jetzt was neues ausdenken? Ach was! Großer Song, bleibt groß! Punkt.
13. Example – Stay Awake
Auf „Playing In The Shadows“ sind fünf, sechs Songs, die alle in dieser Liste hätten auftauchen können. „Stay Awake“ ist es letztlich geworden, weil die stampfenden House-Elemente (manche würden auch sagen: „die Kirmes-Elemente“) sonst ein wenig unterrepräsentiert gewesen wären. Und dann dieser Refrain: „If we don’t kill ourselves we’ll be the leaders of a messed-up generation / If we don’t kid ourselves will they believe us if we tell them the reasons why“ und der Kontrast zwischen dem Four-To-The-Floor-Refrain und den zitternden Dubstep-Strophen! Hach, jetzt ’n Autoscooter …
12. The Naked And Famous – Young Blood
Vielleicht hab ich mich vertan und es war gar nicht „Pumped Up Kicks“ der Indiepop-Sommerhit, sondern „Young Blood“. Immerhin war der Song Jingle-Musik bei Viva und WDR 2 (!) und lief in gefühlt jeder TV-Sendung. Egal, sie können’s ja auch beide gewesen sein, wobei „Young Blood“ ganz klar überdrehter und charmanter und … äh: lauter ist. Wegen maximaler Penetration kurz vor nervig, aber eben nur vor.
11. Twin Atlantic – Make A Beast Of Myself
Dieser Break nach zwei Sekunden! Dieses Brett von Gitarrengeschrammel! Diese entspannt vor sich hin groovenden Strophen, die sich in diesen Orkan von Refrain entladen! Und, vor allem: Dieser niedliche schottische Akzent, vor allem beim Wort „universe“! Mein Punkrock-Song des Jahres!
10. Patrick Wolf – The City
Dieser Song hätte unter Umständen der britische Beitrag zum Eurovision Song Contest sein können – und wäre damit einer der besten in der Geschichte des Wettbewerbs gewesen. Nun ist es „nur“ ein dezent überdrehter Indiepop-Song mit Handclaps, Saxophon, verzerrten Stimmen und hypnotischen Beats.
9. Coldplay – Every Teardrop Is A Waterfall
Sie haben’s schon bemerkt: Wir sind in dem Teil der Liste angekommen, wo ich die vorgeblich rationalen Argumente weggepackt habe und mehr mit hilflosen Emotionalitäten und „Hach„s um mich werfe. Hier toll: Das absurde Sample, die Rhythmusgitarre, die Leadgitarre, die grandiose Schlagzeugarbeit von Will Champion, der Text und der Moment nach drei Minuten, wenn sich alles aufeinander türmt. Hüpfen! Tanzen! Hach!
8. Jonathan Jeremiah – Happiness
Mein Jahr 2011 lässt sich in zwei Teile teilen: den vor Jonathan Jeremiah und den danach. Mit „Happiness“ fühlt sich mein Leben an wie eine britische Komödie mit Hugh Grant. I’m going home where my people live.
7. Imaginary Cities – Hummingbird
Der Weakerthans-Livegitarrist Rusty Matyas hat mit Sängerin Marti Sarbit die Band Imaginary Cities gegründet, deren Debütalbum „Temporary Resident“ im letzten Jahr auf Grand Hotel van Cleef erschienen ist. So viel zur Theorie. Die Praxis … ach, hören Sie einfach selbst! Was für ein Song!
6. Cold War Kids – Finally Begin
Früher, als ich noch mit dem Fahrrad durch die Stadt meiner Jugend gefahren bin, hab ich manchmal auf dem Heimweg die Arme ausgebreitet, die Augen zugemacht und bin zur Musik aus meinem Walkman quasi durch die Nacht geflogen. Glücklicherweise nie auf die Fresse, aber das ist schon recht gefährlich, Kinder. Jedenfalls: „Finally Begin“ wäre ein Song für genau solche Flugmanöver. Diese Gitarren! Diese Harmonien, die offenbar direkt die Endorphinausschüttung im Hirn anwerfen können! Und dieser Text über überwundene Bindungsangst! Für eine Nacht noch mal 16 sein in Dinslaken, bitte!
5. The Mountain Goats – Never Quite Free
Wie gesagt: „Never Quite Free“ wurde Anfang Dezember innerhalb von 48 Stunden zu einem der meist gehörten Songs des Jahres. Wer braucht schon das Strophe/Refrain-Schema? Wenn ich Ihre Aufmerksamkeit auf diese Stelle nach ziemlich exakt zwei Minuten lenken darf, wo das Schlagzeug richtig losscheppert und der Schellenkranz einsetzt: für solche Momente wird Musik gemacht und für solche Momente höre ich Musik.
4. The Pains Of Being Pure At Heart – Heart In Your Heartbreak
Gerade beim Tippen festgestellt: Wenn man für jedes „heart“ in Bandnamen und Songtitel einen Schnaps trinken würde, wäre das ein schöner Start in den Abend. Schöner würde der natürlich, wenn der Song auch liefe, denn es ist ein herrlicher Song, der übrigens auch in der (ansonsten etwas freudlosen) fünften Staffel von „Skins“ zu hören war. (Radio-)DJs hassen die beunruhigend lange Pause nach 2:42 Minuten, aber ansonsten kann man diesen Song natürlich nur lieben.
3. Ed Sheeran – The A Team
„+“, das großartige Debüt-Album von Ed Sheeran, das Sie bald auch in Deutschland kaufen können (und sollten!), habe ich mir im September im Schottland-Urlaub gekauft, weil Plattenfirma und HMV mich mit ihrer Platzierungspolitik geradezu gewaltsam dazu gedrängt haben. Auf dem Weg zum Flughafen habe ich es zum ersten Mal gehört und ich war nicht direkt verzaubert, was aber auch an dem schottischen Landregen gelegen haben mag, mit dem ich auf meinem Fußmarsch noch zu kämpfen hatte. Beim zweiten Mal jedoch: Was für ein Album! Und was für ein Opener! Zärtlich, ohne weinerlich zu sein! Schmusig, ohne zu langweilen. Vergleiche mit deutschen Singer/Songwritern verbieten sich, aber vielleicht kommt ja auch mal ein Ed-Sheeran-Äquivalent daher.
2. Bon Iver – Calgary
Zugegeben: Das war beim ersten Hören schon etwas verwirrend mit diesen ganzen Keyboardflächen. Aber nur kurz! Justin Vernon könnte auch das Telefonbuch von Milwaukee singen (und manchmal habe ich ehrlich gesagt den Verdacht, er würde es zwischendurch zumindest mal versuchen) und ich würde immer noch eine Gänsehaut bekommen.
1. Bright Eyes – Shell Games
Anfang April schrieb ich, dass der Popsong des Jahres, wenn in den verbleibenden neun Monaten nicht noch ein Wunder geschehe, „Shell Games“ sein würde, und ich sollte Recht behalten. Es wirkt ein bisschen, als habe sich Conor Oberst die Pop-Blaupause eines Gregg Alexander vorgenommen und nur noch ein paar persönliche Sonderheiten reingeworfen. Zur Bilder-des-Jahres-Montage in meinem Kopf läuft dieser Song, der auch das Liedzitat 2011 bereit hält: „My private life is an inside joke / No one will explain it to me“.
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