Im April, zum Record Store Day, hatte das Hamburger Traditionslabel Grand Hotel van Cleef bekanntgegeben, dass Labelgründer und kettcar-Chef Marcus Wiebusch eine Solo-EP veröffentlichen werde. (Aufmerksame Beobachter von Wiebuschs Leben ’n‘ Werk wissen natürlich, dass es sich dabei nicht um seine „erste“ Solo-Veröffentlichung handelt.) Ich hab die Vinyl-Scheibe am Record Store Day nicht bekommen und das ganze dann völlig aus den Augen verloren.
Letzte Woche fiel mir dann wieder ein, dass ich die EP ja auch digital kaufen könnte – seitdem läuft „Nur einmal rächen“ bei mir auf Dauerrotation:
Mal davon ab, dass das neben „Safe And Sound“ die eingängigste Bläser-Hookline des Jahres sein dürfte, ist das auch textlich ein großer Wurf: Die Geschichte vom ewigen Nerd („Nur Einmal Rächen, Digger“), der es geschafft hat und jetzt auf die – schon bei R.E.M. zitierte – George-Herbert-Sentenz setzt, wonach ein gutes Leben die beste Rache sei. Das klingt schon beim zweiten Hören nicht mehr ganz so überzeugend und genau dieses Kippeln auf dem schmalen Grat macht den Reiz dieses Liedes aus.
Das dazugehörige Album soll, wie Marcus Wiebusch im April mitteilte, „bald“ erscheinen.
Schon das zweite Soloalbum veröffentlicht Thees Uhlmann, inzwischen dann wohl tatsächlich Ex-Sänger von Tomte und ein weiterer GHvC-Labelgründer. Mit dem Erstwerk „Thees Uhlmann“ bin ich ja nie so recht warm geworden und es spricht vieles dafür, dass mich der Nachfolger „#2“ noch kälter lassen wird.
Schönes Video, war sicher nicht billig, aber … puh.
Die Aussage, jemand könne „auch das Telefonbuch von Wuppertal vorsingen“ ist ja eher selten wörtlich zu nehmen und auf den Wikipedia-Eintrag zum 7. März zu übertragen.
Die Springer-Boulevardzeitung „B.Z.“ veröffentlicht heute den ersten Teil ihrer Bücher-Edition „Klassiker der Weltliteratur, mit Fleischwurst nachempfunden“:
Wenn Sie sich jetzt fragen: „Worum geht’s?“, hilft Ihnen die „B.Z.“ gerne mit einem rhetorischen Fragenkatalog weiter:
Worum geht es? Um Sex? Ja. Sex mit einer 16-Jährigen? Ja. Sex, auch mit einem verheirateten Mann? Ja. Sex im Kinderzimmer, während unten die kleinen Geschwister spielten? Ja.
Sex im Himmelbett und Satzbau aus der Hölle? Aber hallo!
Nichts davon ist so verboten, wie es sich anhört. Deutsches Recht.
Und nichts davon soll sich so sabbernd anhören, wie es ist. Deutscher Journalismus.
Im siebten Absatz sind die „B.Z.“-Autoren immer noch damit beschäftigt, ihr Thema weiträumig zu umfahren:
Es geht um eine Clique von Fußballprofis, die das Herz und den Körper einer 16-Jährigen untereinander tauschten wie Schulhof-Jungen ihre Panini-Bilder.
Die ersten Leser dürften an dieser Stelle bereits ausgestiegen sein, denn die „B.Z.“ hat da bereits erklärt, dass sie keine Namen nennen wird:
Wir müssen und wollen das Mädchen schützen. Wir dürfen die Hertha-Spieler nicht nennen – aus juristischen Gründen.
Die Fußballer heißen deshalb „Hertha-Spieler 1“, „Hertha-Spieler 2“ und „Hertha-Spieler 3“. „Einer ist verheiratet, einer hat eine Freundin.“
Die „B.Z.“ schreibt von einem „bizarren Reigen“, den sie mit genug schmutzigen Eckdaten anreichert, um den Leser bei der Stange zu halten, von dem sie sich aber auch immer wieder mit Wertungen („Macho-Stolz“) zu distanzieren versucht.
Und auch wenn die „B.Z.“ viele vermeintliche Details nennt („über Facebook zum Sex aufgefordert“, „1000 Euro für Oralsex“, „Es gibt einen Schreibtisch, eine Couch, ein Bett, einen großen Flachbildfernseher in der Ecke“), bleibt eine Frage übrig: Was ist das eigentlich für eine junge Frau, die mit drei Fußballprofis in die Kiste steigt – und dann mit dieser Geschichte zur „B.Z.“ rennt und den sympathischen Reportern „über 20 Seiten Text und neun Fotos“ zusteckt?
Diese Frage wird auch durch diese Kurzcharakterisierung nicht beantwortet, mit der die „B.Z.“ neben den skandalgeilen und den fußballgeilen Lesern offensichtlich auch noch ganz andere ansprechen will:
Zum Treffen mit der B.Z. kommt das Mädchen in Hotpants und Trägershirt. Es ist sich, keine Frage, seiner sexuellen Ausstrahlung voll bewusst – und wirkt dennoch wie ein Kind. Die verschiedenfarbig lackierten Finger- und Zehennägel, ihre Mädchenstimme.
„Mein Gott, ich höre mich an wie eine Schlampe“, sagt das Mädchen mitten im Interview und schlägt die Hände vor sein Gesicht. „Ich schäme mich dafür.“
Ich wäre versucht zu behaupten, das Rennen um den ekligsten Text des Jahres sei damit entschieden, aber:
Lesen Sie im nächsten Teil: Die Sache mit dem Mädchen spricht sich in Hertha-Kreisen herum. Immer mehr Spieler melden sich – mit eindeutigen Angeboten.
Nachtrag, 29. August: Die Fortsetzung der – offenbar komplett erfundenen – Geschichte gibt’s im BILDblog.
Beim Freihandelsabkommen, das die EU seit dieser Woche mit den USA auszuhandeln versucht, geht es – neben vielen anderen Dingen – auch um Kultur. Frankreich besteht darauf, dass diese unangetastet bleibt und in dem Land auch weiter diese wahlweise furchtbar deprimierenden oder herrlich augenzwinkernden Filme gedreht werden können, deretwegen ich beim Besuch im Programmkino immer gerne bis nach den Trailern warten würde, bis ich Platz nehme.
Gestern war ich nicht im Programmkino, sondern in „Ich, einfach unverbesserlich 2“ (zu dem es vielleicht auch noch einen Podcast geben wird, falls Herr Thelen sich den Film auch noch gibt), was bedeutete, dass ich statt französischer Arthouse-Vorschauen solche zu Kinderfilmen über mich ergehen lassen musste. Deutschen Kinderfilmen.
Da wäre zum Beispiel „V8 – Du willst der Beste sein“, das ich als „ ‚The Fast And The Furious‘ trifft auf ‚Die wilden Fußballkerle‘ “ bezeichnet hätte, wenn es nicht vom Erfinder des Letzteren gewesen wäre:
Auch nicht schön: „Systemfehler – Wenn Inge tanzt“, bei dem ich mich sehr wundern würde, wenn der Trailer nicht bereits die komplette Handlung vorwegnähme:
Jetzt sehe ich mich erstens in meinem Plan bestärkt, auswandern zu wollen, bevor ich eine Familie gründe, und betrachte zweitens das Konzept von „kultureller Ausnahme“ und Filmförderung doch eher kritisch.
Vergangene Woche hat der Internetversandhändler Amazon (bekannt für den Versand von Interneten) in Deutschland sein Angebot „AutoRip“ gestartet. Die Idee dahinter: Wer bei Amazon eine CD bestellt, kann sofort die MP3-Version des Albums herunterladen, schon bevor der eigentliche Tonträger per Post zugestellt wurde.
Keine ganz neue Idee, aber auch keine schlechte: Gerade der ehemalige Computerhersteller Apple ist ja inzwischen dazu übergegangen, seine Geräte ohne CD/DVD-Laufwerke auszuliefern, so dass man die Musik gar nicht mehr ohne weiteres auf den Rechner, den MP3-Player oder das Mobiltelefon bekommt.
Ich habe noch einen richtigen Computer (also einen mit Laufwerk), weswegen „AutoRip“ für mich eher einen theoretischen Nutzen hat. Mir greift das Konzept aber auch noch nicht weit genug – ich will das Gleiche für Bücher!
Ich gehe davon aus, dass ich mich niemals mit sogenannten E‑Book-Readern und Tablets anfreunden werde. Dafür mag ich Bücher einfach zu sehr. Aber Bücher sind leider nicht volltextdurchsuchbar.
Zwar ist mein Gehirn ganz gut darin, sich grob zu merken, was ich wo gelesen habe – aber die Suche nach der exakten Textstelle ist häufig anstrengend und nicht selten gar erfolglos. Wie praktisch wäre es da, alle Bücher, die ich im Regal habe, auch noch mal als PDF auf der Festplatte zu haben: Ich müsste nur noch wissen, nach welchen Wörtern ich suchen muss, und könnte die entsprechende Textstelle sekundenschnell finden und die entsprechende Passage sogar direkt per Copy & Paste weiterverarbeiten! Und wenn ich nicht mehr wüsste, in welchem der vielen Bücher von Douglas Adams oder Max Goldt diese oder jene Stelle jetzt vorkam, könnte ich buchübergreifend danach suchen! Das wäre mir bei Büchern ein bis zwei zusätzliche Euro wert!
Vergangene Woche feierte die Gurkenverordnung der EU ihren 25. Geburtstag. Es war ein trauriges Fest, denn die Verordnung weilt inzwischen nicht mehr unter uns. Dennoch ist sie zum Symbol geworden für den Regulierungswahn der Europäischen Union – und schuld daran, dass Journalisten und Bürger der EU wirklichjedenUnfugzutrauen.
Gesetzlich gänzlich ungeregelt ist allerdings eine der größten Alltagsgeißeln der Zivilisation: die Warteschlange. Man kennt sie in der Supermarkt-Variante aus dem Kleinkunst-Dauerbrenner „Die andere Schlange ist immer schneller“, als Nummernrevue aus dem Bürgerbüro und – in ihrer wildesten und unübersichtlichsten Form – aus der Bäckerei.
Der deutsche Durchschnittsbürger hat panische Angst davor, übergangen zu werden. Deshalb bildet er am Bahnsteig eine im Prinzip menschliche, aber meist eher an Zombies gemahnende Wand vor sich öffnenden Zugtüren – die Bahn könnte ja sonst ohne ihn losfahren. Deshalb bleibt er in der U‑Bahn stehen, sobald er eingestiegen ist – wenn er weiter durchginge und den ganzen Waggon ausnutzen würde, könnte er ja an seiner Zielhaltestelle unter Umständen nicht rechtzeitig aussteigen. Jeder ist sich selbst der Nächste, nur die Stärksten überleben.
Während das Klischee besagt, dass Briten sogar an jeder Bushaltestelle in Reih und Glied warten, lassen sich Deutsche, wiewohl stets zur Polonaise bereit, meist nur unter Einsatz von Waffen, mindestens aber von Gurtpfosten, zum korrekten Schlangestehen zwingen.
Als die Deutsche Post vor einigen Jahren das einzig sinnvolle Wartesystem, die zentrale Warteschlange, einführte, verglich die „Süddeutsche Zeitung“ diese mit dem „Prinzip Wursttheke“. Das mag zutreffen, solange es genau eine Bedienung hinter dieser Wursttheke gibt. Sind es aber zwei oder mehr, ist das Chaos vorprogrammiert – womit wir wieder in der Bäckerei wären.
Hinter der Theke stehen drei, vier, an Sonntagmorgen vielleicht sogar fünf Verkäuferinnen. Theoretisch nebeneinander, praktisch wuseln sie zwischen Mohnbrötchen, Croissants und Mehrkornbroten umher wie Ameisen in ihrem Bau – wie Ameisen wissen sie aber auch genau, was sie tun und wo sie hinmüssen. Womit sie sich grundlegend von ihren Kunden unterscheiden.
Die stehen auf der anderen Seite der Theke und versuchen, sich an den Positionen der aufgestellten Kassen oder den Verkäuferinnen zu orientieren, und bilden dabei drei, vier, fünf (die Anzahl kann auch schon mal die der Verkäuferinnen übersteigen) Mikroschlangen, die sich aber nicht im rechten Winkel zur Theke positionieren (das ist zumeist schon architektonisch ausgeschlossen), sondern parallel dazu. Dadurch bleibt für alle Beteiligten – wartende Kunden, Verkäuferinnen, neu eintretende Kunden, evtl. zu Hilfe eilende UN-Blauhelme – völlig unklar, wie viele Schlangen es gibt, und wer in welcher steht. Das Ergebnis: Neid, Missgunst, Zwietracht.
Wie oft habe ich es als Kind erlebt, dass ich beim samstäglichen Brötchenkauf schlicht übergangen wurde. Ich konnte ja noch nicht mal über die Theke schauen und dann waren da auch noch all diese alten Menschen, die sich einfach vorgedrängelt haben! Und wie froh ich war, als die Bäckerei in unserem niederländischen Urlaubsort eine Nummernausgabe einführte! Da konnte man abschätzen, wie lange man noch warten muss, bis man auch wirklich bedient wird – und in der Zwischenzeit schon mal einen halben Tag an den Strand gehen oder eine mittlere Fahrradtour unternehmen.
Auch heute sind es häufig noch Rentner, die glauben, schon „dran“ zu sein. Man kann ihnen da allerdings nur schwerlich Vorwürfe machen: Die Lage ist ja meistens fast so unübersichtlich wie in Syrien und nach einigen Jahren, in denen man dauernd übergangen wurde, gewöhnt man sich an, auf die leicht panische Frage der Verkäuferinnen, wer der Nächste sei, mit „Ich!“ zu antworten. Sind wir nicht alle ein bisschen FDP?
Es ist daher erstaunlich, dass die Grünen, die doch sonst alles regulieren wollen, in ihrem Wahlprogramm dem Konfliktherd in jeder Nachbarschaft keine einzige Zeile widmen. Eine Partei, die sich für eine sinnvolle Organisation von Bäckerei-Warteschlangen stark macht, hätte durchaus meine Sympathien.
Eines ist schon mal sicher: US-Präsident Barack Obama wird heute Nachmittag in Berlin eine historische Rede halten. Drunter geht nicht, sonst ist Kai Diekmann enttäuscht.
Es ist ein willkommener Anlass, mich einem Trauma zu widmen, das mich seit fast zwanzig Jahren verfolgt: Im Sommer 1994 hatten mir meine Eltern anlässlich der Fußballweltmeisterschaft in den USA erlaubt, während der großen Ferien einen Fernseher in meinem Kinderzimmer aufzustellen. 1 Da nicht die ganze Zeit Fußball lief, ich den Fernseher während der sechs Wochen aber ausgiebig nutzen wollte, musste ich mich auch an die anderen Inhalte der damals sechs frei empfangbaren Programme heranarbeiten. Ich sah also alle Folgen der Wiederholung der inzwischen völlig in Vergessenheit geratenen TV-Serie „Wenn die Liebe hinfällt“ mit Brigitte Mira, die RTL-Late-Night-Show von Thomas Koschwitz und auch ein eher trashiges ZDF-Format mit dem damaligen In-ein-Bananen-Mikrofon-Sprecher und heutigen Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen, das offenbar „Mondscheinshow“ hieß.
Ich erinnere mich an wenige Inhalte dieser Sendung, aber ich erinnere mich dunkel, dass ich sie schon als Zehnjähriger ziemlich doof fand. Fernsehproduzenten wären also gut beraten, die alten Bänder noch einmal rauszusuchen – die gleichen Inhalte kann man ja heute sicher noch mal auf die Zuschauer loslassen, wenn man sie nur milde überfordern will.
Jedenfalls fiel in diesen Sommer auch der Besuch von US-Präsident Bill Clinton in Berlin. Bei Koschwitz war ein Schülerzeitungsreporter zu Gast, der ein Interview mit Clinton geführt hatte, und in der „Mondscheinshow“ alberte sich Jebsen im Vorfeld durch Berlin und suchte nach deutschsprachigen Sätzen, die Clinton in der Tradition von Kennedys „Ich bin ein Berliner“ zum Besten geben könnte. 2
Die Idee, mit der er am Ende selbst ankam, hat sich seitdem in meinem Hirn festgefressen:
Berlin ist schön, so steht’s im Skript. Ich, Clinton, hab es nicht getippt!
Was macht eigentlich Oliver Pocher heute?
Die WM ist noch nicht das Trauma, aber nah dran.[↩]
Ich merke gerade: Die stets der Zukunft zugewandten Leute von der „Bild“-Zeitung haben sich offenbar die alten Bänder kommen lassen.[↩]
Erinnern Sie sich noch an die Zeit, kurz bevor und kurz nachdem Barack Obama zum US-Präsidenten gewählt wurde? Die Menschen in aller Welt waren von einer eigentümlichen Euphorie beseelt – und von einer schweren linguistischen Demenz, die sich als äußerst ansteckend erwies. Obamas Wiederwahl im vergangenen November wurde da schon in jeder Hinsicht reservierter aufgenommen.
Ich hatte mein Blog mit den gesammelten Obama-Trittbrettfahrten schon fast vergessen. Und dann kam gestern diese E‑Mail:
Liebe Bloggerinnen und Blogger,
Jugendliche aus der YouTube-Community waren in den letzten Wochen aufgefordert, ihre Bewerbungsvideos für die YouTube-Kanzlerschaft 2013 zu produzieren und online zu stellen. Über 5000 User haben jetzt gewählt und fünf Spitzenkandidaten ins Rennen geschickt. Bei der finalen Politik-Gameshow „Yes, You Kanzler!“ werden die Jugendlichen von namhaften Politiker/innen gecoacht; durch den Abend führt ProSieben-Moderatorin Hadnet Tesfai. Wir laden Blogger/innen herzlich ein über das große Wahlfinale zu berichten und persönlich vorbeizukommen.
Bei Interesse finden Sie weitere Information hier.
Als ich kürzlich bei meinen Eltern zu Besuch war, habe ich aus dem Kleiderschrank meines ehemaligen Jugendzimmers zwei popkulturelle Raritäten mitgenommen.
Da hätten wir zum Einen ein froschgrünes T‑Shirt in XXL – eine Größe, die ich vermutlich nie ausfüllen werde, wenn ich mir meine männlichen Vorfahren so anschaue:
Es ist das einzige Stück offizielles Merchandise, das je von etwas erschienen ist, an dem ich beteiligt war: Als wir im Dezember 2000 mit unserer „Punkband“ Zuchtschau das erste offizielle Konzert spielten, hatte das Kulturamt der Stadt Dinslaken im Vorfeld nicht nur einen Sampler mit den beteiligten Bands produzieren lassen, sondern auch größere Mengen dieses flippigen Kleidungsstücks in Auftrag gegeben. Ich bin mir nicht ganz sicher, was weniger Absatz fand.
Das andere T‑Shirt ist noch ein paar Monate älter und noch obskurer:
Als die Smashing Pumpkins im Herbst 2000 auf ihre Abschiedstour gingen (nur, damit Billy Corgan die Band sechs Jahre später mit neuem Personal wiederbeleben konnte), war ich beim Konzert in Oberhausen dabei.
Im Nachhinein nehme ich an, dass es sich bei dem damals von mir am Wegesrand erworbenen T‑Shirt nicht um ein Originalprodukt gehandelt haben könnte. Schließlich gab es die „Zero“-Shirts sonst nur in schwarz und meines Wissens auch nicht mit aktuellen Tourdaten.
Dafür kann mein Exemplar mit ein paar ganz besonderen Schreibweisen aufwarten, die mir seitdem das Leben und den Wortschatz versüßt haben:
Travis haben in Berlin die Aufnahmen zu ihrem siebten Album beendet. Bevor es die erste Single gibt, gibt es schon mal einen Teaser in Form eines Musikvideos, das die Band mit Wolfgang Becker („Good Bye, Lenin!“) gedreht hat:
Aber den Song „Another Guy“ können Sie in jedem Fall kostenlos herunterladen, wenn Sie auf travisonline.com kurz Ihre E‑Mail-Adresse hinterlassen.
Mich kickt das Lied auf Anhieb nicht so richtig, aber eine gewisse hypnotische Eingängigkeit entfaltet sich doch sofort und irgendwie ist es dann auch ganz schnell in meinem Kopf und meinem Herzen. Und die Stimme von Fran Healy ist natürlich immer noch großartig.
Wenn Sie eine Dreiviertelstunde Zeit und ein bisschen was für Musik übrig haben, sollten Sie sich diese Keynote ansehen, die Dave Grohl, „the unofficial Mayor of Rock ’n‘ Roll“ (Stephen Thompson), vergangene Woche beim South By Southwest Music Festival in Austin, TX gehalten hat:
Ich mag ja diese amerikanische Art, diese Mischung aus Lakonie und Pathos, und ich musste schon stark an mich halten, nicht sofort die E‑Gitarre einzustöpseln und meinen Nachbarn meine immer noch kläglichen Versuche, das „Monkey Wrench“-Riff nachzuspielen, um die Ohren zu hauen.
Und wenn Sie dann noch etwas Zeit haben und noch ein wenig mehr Inspirierendes über Musik zu sich nehmen wollen, dann lesen Sie bitte diesen Blogeintrag, den Anke Gröner vergangene Woche darüber geschrieben hat, was es für sie bedeutet, „Tosca“ 1 zu singen:
Ich habe einen ungeheuren Respekt vor dem Mann bzw. vor seinen Werken, und deswegen dauert es jede blöde Woche immer ein bisschen, bis ich mich wirklich traue, den ersten Ton von mir zu geben. Das ist so, als ob du als Riesen-Bieberista das erste Mal vor ihm stehst und nur „Hallo“ sagen willst, aber dich irgendwie nicht traust, denn man kann ja nicht einfach so als kleiner Fan dem Superstar „Hallo“ sagen. Im Kopf glaube ich immer, dass so ziemlich alle Töne, die ich singe, total schief sind und krächzig und schlimm und dass noch kein Fenster zersprungen ist, wenn ich das b“ singe, ist eh ein Wunder. Aber da ist plötzlich das „Hallo“: Ich kann das b“ nämlich singen. Und es strengt nicht mal an. Jedenfalls brauche ich keine Kraft dafür.
Ich werfe beide Texte, Dave Grohls Keynote und Anke Gröners Blogeintrag, jetzt einfach mal zusammen, was vielleicht ein bisschen unzulässig ist, aber letztlich geht es beide Male darum, seine Stimme und damit den eigenen Platz in der Welt zu finden. Und wenn Dave Grohl sagt, dass es nur darauf ankomme, wie man selbst seine Stimme finde, dann hat er verdammt recht. Es sollte Philipp Poisel, Max Herre oder Ben Howard sehr, sehr egal sein, dass ich mit ihren Stimmen so rein gar nichts anfangen kann. Selbst, dass ich ihre Songs nicht hören mag, sollte für sie völlig unerheblich sein. Ich habe da diese etwas hippiemäßige Einstellung, dass Musik ihre Berechtigung hat, wenn sie nur einer Person etwas bedeutet – einzige Ausnahme: Nazi-Rock.
Und natürlich hat Grohl des weiteren recht, wenn er sagt, man könne den „Wert“ von Musik nicht einfach so bestimmen – und als knackige Beispiele einfach mal „Gangnam Style“ und Atoms For Peace aufführt. Ich hatte auf meiner Liste der besten Songs 2012 ja an relativ prominenter Stelle „Call Me Maybe“ von Carly Rae Jepsen aufgeführt, wofür ich mir von manchen Freunden Fragen nach meinem Geisteszustand gefallen lassen musste. 2 Dabei liebe ich den Song noch heute und er bereitet mir deutlich mehr Freude, als irgendsoeine angesagte neue Indieband aus England. Und nur darum sollte es gehen: Welche Musik einem Freude bereitet, nicht, welche Musik man hören „sollte“, um irgendwo dazu zu gehören.
Ich möchte, weil ich einmal in Fahrt bin, nun völlig unzulässigerweise auch noch einen Text von Alexander Gorkow aus der heutigen „Süddeutschen Zeitung“ 3 hinzuziehen, der vordergründig von dem gescheiterten Interviewversuch von Hinnerk Baumgarten an Katja Riemann handelt. Es geht aber dann relativ schnell und auch relativ furios um sehr viel mehr, kurz um Clint Eastwood (auch „schwierig“) und dann um ungefähr alles:
Im Umgang vieler Medien mit unseren Künstlern nun aber offenbart sich eine überaus deutsche Betrachtung des Künstlertums an sich – und so eben auch des Künstlers oder der Künstlerin: Es regiert bei uns en gros eine mittelalterliche, mindestens kleinstaatliche, mitnichten renaissancehafte, geschweige denn aufklärerische Sehnsucht, wenn es um die Publikumskunst geht.
Es regiert stattdessen, gespeist durch alle Arten von Medien, vor allem aber durch die Unterhaltungsblätter und eben die TV-Sender, die urdeutsche Vorstellung vom Künstler als fahrendem Scharlatan, der mit Schnabelschuhen und Schellenmütze dafür zu sorgen hat, einer furchtbaren Ansammlung trüber, verblödeter Tassen – der sogenannten Bevölkerung – die Zeit bis zum Exitus zu vertreiben.
Es ist, gerade im darstellenden Gewerbe und befeuert von den großen auch öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten, der allerdümmste Eskapismus, der der Maxime zu folgen hat, dass jene Bevölkerung nicht zu überfordern sei. Die vielen sensationellen deutschen Schauspielerinnen und Schauspieler haben deshalb nicht etwa in erster Linie gut zu sein. Ginge es danach, wäre Veronica Ferres kein Star, sie würden auf einer Brettlbühne herumknödeln. Deutsche Schauspielerinnen und Schauspieler haben, zumal ihnen fast immer zu Unrecht unermesslicher materieller Reichtum angedichtet wird („die Reichen und die Schönen“), zu parieren.
Die Haltung dahinter lautet: Bring mir Freude, oder ich bring dich um.
Wie konnte es jetzt passieren, dass ich von den durchweg positiven Texten von Dave Grohl und Anke Gröner so schnell bei diesem kulturpessimistischen Wutanfall von Alexander Gorkow gelandet bin? Es sind wohl irgendwie zwei Seiten einer Medaille, der Spaß an der Kunst und deren mitunter unerfreuliche Rezeption auf der anderen Seite.
Da ich positiv enden möchte, hier einfach noch schnell ein Song einer meiner absoluten Lieblingsbands, dessen Botschaft meine linke Wade ziert!
Für alle, deren Musikzeitstrahl auch erst mit den Beatles beginnt: „Tosca“ ist laut Wikipedia eine Oper von Giacomo Puccini aus dem Jahr 1900.[↩]
Dabei müssten die doch am Besten wissen, wie ich so drauf bin.[↩]
Ihr Versagen kündigte sich stets mit einer bedrohlichen Stimme an: Waren die Batterien im Tchibo-Walkman im Begriff, leer zu gehen, so wurden die Hörspielkassetten langsamer und wo gerade noch Manfred Steffen aus Lönneberga berichtet hatte, sagte nun eine Grabesstimme: „uuuuund raaaaannteee iiiin deeen Schuuuuppööööön“.
Derart leergespielte Batterien reichte ich als Kind stets an meinen Vater weiter, der sie – so es sich um Akkus handelte – neu auflud oder sie in eine alte Tiefkühldose mit der Aufschrift „Alte Batterien (noch gut)“ legte, aus deren Beständen er die vielen Wanduhren und Wecker unseres Haushalts versorgte. Denn dafür reichte die Ladung der Batterien immer noch – teils jahrelang.
Zu Beginn meines Studiums hatte ich eine riesige Sammlung von „noch guten“ Batterien: Der Weg zur Uni und zurück forderte seinen Tribut, der Discman saugte Batterien leer wie Vampire unschuldige Mägde. Ich hätte eine Hotellobby, Börse oder Nachrichtenredaktion 1 versorgen können, kannte aber niemanden, der dort arbeitet.
Heute sieht die Welt ganz anders aus: MP3-Player und Mobiltelefon (seit einigen Jahren auch noch ein und dasselbe Gerät) haben einen internen Akku, der an guten Tagen den Weg von einer Steckdose zur nächsten überbrückt, und ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal Batterien in der Hand hatte, geschweige denn gekauft habe. Das ist blöd, wenn die Wanduhr in der Küche plötzlich nicht mehr nur nachgeht, sondern gleich ganz stehen bleibt. 2
Zunächst war ich überrascht, dass meine Wanduhr tatsächlich stehen bleiben kann. Ich habe das Gefühl, keine einzige Batterie ausgetauscht zu haben, seit ich in dieser Wohnung wohne. 3 In einer Kiste, in die ich kürzlich alle Inhalte eines Schrankes gepackt hatte, die ich beim nächsten Umzug unbedingt wegwerfen will, 4 und die ich jetzt immer sehr umständlich vom Regal nehmen muss, fand ich dann tatsächlich aber doch noch ein paar Batterien, die einem Fernsteuer‑K.I.T.T. beigelegen hatten, den mir die Betreiber irgendeines Online-Shops vor ein paar Jahren mal in der Hoffnung geschickt hatten, ich würde hier im Blog über ihr Unternehmen schreiben. 5
Kann man Batterien überhaupt noch im Laden kaufen oder sind die inzwischen genauso verschwunden wie Glühbirnen und ich muss einfach hoffen, dass sie alle ewig halten?
Also: die einzigen Orte, an denen mehrere Wanduhren nebeneinander hängen.[↩]
Dass die Wanduhr auf dem Küchentisch liegend tadellos weiterläuft, weil das Uhrwerk nicht mehr gegen die Schwerkraft arbeiten muss, hatte ich vor sechs Jahren schon mal thematisiert, wie mir gerade überraschend wieder einfiel.[↩]
Ich vermute laienhaft irgendwas mit Elektrosmog und Induktion als Grund.[↩]
Ich hab mir neulich ein Stück meiner Jugend gekauft, für 1,59 Euro im Gebrauchtwarenbereich von Amazon:
Myballoon müssen irgendwann im Jahr 2000 oder 2001 meine Aufmerksamkeit erregt haben, als ihr Debütalbum „Perfect View“ in der „Neuheiten“-Sektion der Dinslakener Stadtbibliothek stand – damals meine Hauptquelle für neue Musik, die über mein Taschengeldbudget hinausging. Sieben, acht Songs von „Perfect View“ fanden ihren Weg in meine MP3-Sammlung (für ganze Alben war der Speicherplatz damals noch zu teuer), wobei ihr „Hit“ „On My Way“ nicht dabei war, wie ich gerade bei der Wikipedia-Lektüre amüsiert festgestellt habe. Aber dafür Songs wie „Never Let You Go“, „Come Around“, „Great Big Days“ und vor allem „Happy“, die auf etlichen Mixtapes (für mich und andere) landeten und mich so durch Oberstufe und Zivildienst begleiteten. Im Sommer 2003, als die Finanznot der Kommunen noch nicht ganz so offensichtlich war, spielten Myballoon gar bei freiem Eintritt vor ca. 50 Besuchern auf dem Dinslakener Stadtfest.
Es war dieser Sound, wie es ihn damals tausendfach gab: Hymnische Popsongs mit ein bisschen Schmiss in der Instrumentierung, aber auch breiten Keyboardflächen und Chören im Hintergrund, mit etwas Melancholie und einem bisschen Pathos und mit eher egalen Texten. Es war die gute alte Zeit von Viva Zwei und „Visions“, von Bands wie Goo Goo Dolls, Third Eye Blind, Feeder, 3 Colours Red oder Vega4. In Deutschland gab es Bands wie Readymade und Miles und – die Wenigsten werden sich erinnern – Uncle Ho, Heyday, Hyperchild (Sänger: Axel Bosse), Re!nvented und – zu einem gewissen Grad – Reamonn.
Solche Musik wird heute nicht mehr gemacht. Das Hymnische ist an vielen Stellen dem Weinerlichen gewichen, die E‑Gitarren wurden ausgestöpselt und die Keyboards und Synthesizer werden heute anderswo eingesetzt. Eine Zeitlang klangen alle neuen Bands wie Franz Ferdinand und/oder The Strokes, dann fingen junge deutsche Musiker allesamt an, in ihrer Muttersprache zu singen.
Welche deutschen Bands singen denn heute noch auf Englisch? Wenn wir die Scorpions und The Boss Hoss mal außen vor lassen, sind die Beatsteaks die größte unter ihnen, dann kommen die Donots, dann vielleicht irgendwann Slut – alle sind sie seit über 15 Jahren dabei, der Nachwuchs ist nie nachgewachsen. Die letzte englischsprachige Band aus Deutschland, an die ich mich erinnern kann, waren Oh, Napoleon. Keine Ahnung, was aus denen geworden ist, aber der Schlagzeuger hat gerade sein Solodebüt veröffentlicht – auf Deutsch, natürlich. Da wirkt die Frage, warum Deutschland beim Eurovision Song Contest eigentlich immer nur auf Englisch singe, plötzlich gar nicht mehr so bescheuert.
Aber zurück zu Myballoon: „Perfect View“ ist nach heutigen Maßstäben natürlich kein dolles Album – das war es vermutlich nicht mal bei seinem Erscheinen vor 13 Jahren. Aber die Songs, die ich damals gehört habe und deren Klang sich unumkehrbar mit dem Eindruck von Sonnenuntergängen am Rhein und dem Geschmack von OhmeinGottzwingenSiemichnichtmichandenNamendieserGetränkezuerinnern verknüpft hat, die leuchten immer noch vor sich hin. Für 1,59 Euro jetzt auch in meinem Regal (zzgl. drei Euro Versandkosten).
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