Damit war nicht zu rechnen gewesen, als wir Dirk Elbers zwischen Weißwein (er) und Sekt (ich) ansprachen. Doch der Düsseldorfer Oberbürgermeister antwortete auf meine Frage, ob seine Stadt Eurovision Song Contest, Marathon und eine riesige Industriemesse gleichzeitig locker wegstecken könne, mit einem Satz, der als Glaubensbekenntnis aller Stadtoberen in latent größenwahnsinnigen Kommunen (also quasi überall) gelten kann: „Das ist eine Stadt, die das möchte!“
Nun ist Düsseldorf, eine Stadt, die es sich nicht mal nehmen lässt, einen verdammten Skilanglauf-Weltcup in ihrer Innenstadt auszurichten, ein Extrembeispiel jener Städte, die so gerne eine Metropole wären, aber eben doch nur rein verwaltungsrechtlich eine Großstadt sind – aber beileibe kein Einzelfall.
Zwischen April und Oktober gibt es quasi kein einziges Wochenende, an dem nicht mindestens ein, zwei Buslinien in der Bochumer Innenstadt umgelegt werden müssen, weil die eine oder andere Hauptstraße (oder gleich mehrere davon) gesperrt ist. Da ist natürlich Bochum Total („Europas größtes innerstädtisches Musikfestival“), aber auch der „Sparkassen-Giro“ (ein Radrennen), der „Bochumer Musiksommer“ (auch eine Art Musikfestival, aber mehr mit Weinbuden und angegrauten Lehrer-Ehepaaren als Zielgruppe), „Bochum kulinarisch“ (keine Musik, noch mehr Weinbuden und Lehrer) und am vergangenen Wochenende erstmalig der „Rewirpower-Halbmarathon“ (ein Halbmarathon). Hinzu kommen Veranstaltungen wie „Die Nordsee kommt – Das Weltnaturerbe Wattenmeer zu Gast in Bochum“, das „Kuhhirtenfest“, das Unifest, mehrere Flohmärkte, ein Fischmarkt, sowie diverse „Events“ in und um die innerstädtischen Einkaufszentren. Wer keinen Schrebergarten hat, kann eigentlich jedes Wochenende irgendwo hingehen, bevor dann im November endlich der Weihnachtsmarkt eröffnet. Und das alles gibt es in jeder Nachbarstadt hier im Ruhrgebiet selbstverständlich noch einmal.
Verantwortlich sind natürlich viele unterschiedliche Veranstalter. Oft ist das Stadtmarketing dabei, aber nicht immer. Es gibt viele unterschiedliche Zielgruppen und für sich genommen mag jede Veranstaltung ihre Berechtigung und ihren Charme haben. In der Summe gleicht es einer Fünfjährigen, die sich Muttis Schmuck umgehangen hat (und zwar den ganzen) und deren Gesicht unter einer zentimeterdicken Schminkschicht verschwunden ist. 1
Was uns zum vorläufigen Tiefpunkt bringt, der erreicht war, als „City Point“ und „Drehscheibe“ (die zuvor erwähnten innerstädtischen Einkaufszentren) kürzlich die „Living Doll 2011“ zu küren suchten. Da standen vor den einzelnen Geschäften Menschen, die Produkte aus den jeweiligen Läden trugen und sich nicht bewegen durften. Dazwischen standen andere Menschen, 2 die Karaoke sangen. „Nur ein Wort“ von Wir Sind Helden, zum Beispiel. Alles, aber auch wirklich alles muss schief gegangen sein, damit so etwas passiert.
Nun ist es natürlich nicht so, dass echte Metropolen völlig auf solcherlei Veranstaltungen verzichten würden. In New York ist an jedem Wochenende vermutlich mehr los, als in ganz NRW in einem halben Jahr. Aber die Stadt ist natürlich bedeutend größer, so dass nicht ständig die gleichen Straßen gesperrt werden müssen, und außerdem gibt es dort Touristen.
Andererseits hat der Veranstaltungswahn zumindest in Bochum den (politisch sicher so gewollten) Vorteil, dass man sich an den Wochenenden eher für das oft unansehnliche Ganze schämt, anstatt ständig für die eigene Stadtspitze. Immerhin hatte es unsere Oberbürgermeisterin für nötig gehalten, sich nach einer durchaus hitzigen öffentlichen Debatte darüber, ob Josef Ackermann im Bochumer Schauspielhaus reden soll (of all places), bei Herrn Dr. Ackermann persönlich „für die unwürdige Diskussion“ zu entschuldigen. 3
Jetzt aber ab heute und bis Sonntag „Bochumer Musiksommer“ und die nächste ganz große Peinlichkeit: Am Sonntag wird das Programm auf allen Bühnen von 14.46 Uhr bis 15.03 Uhr unterbrochen. Warum so krumm? Nun, in dieser Zeit läuten in der ganzen Stadt die Glocken zum Gedenken an die Opfer der Anschläge vom 11. September. 4 17 Minuten Betroffenheit bei Bratwurst und Aperol Spritz, dann geht’s weiter mit Musik.
Außerdem kann die kleine nicht richtig gehen, weil sie in übergroßen Pumps steckt.[↩]
Oder waren es die gleichen? Ich hatte mich abwenden müssen.[↩]
Nicht etwa für die Art der Diskussion, die natürlich als „weitgehend unsachliche Kritik, aber auch die überzogene Berichterstattung in Teilen der Lokalpresse“ gegeißelt wurde, sondern gleich für die ganze verdammte Diskussion an sich! Wer schreibt dieser Frau ihre Briefe und Presseerklärungen?![↩]
Warum man dafür den Zeitraum zwischen dem Einschlag des ersten und des zweiten Flugzeugs ins World Trade Center gewählt hat, die Abstürze ins Pentagon und in Shanksville und den Einsturz der Türme aber außen vorlässt, weiß vermutlich vor allem der Wind.[↩]
Das Land meiner Kindheit existiert nicht mehr. Es ist nicht einfach untergegangen wie die DDR, in der ein paar meiner Freunde ihre ersten Lebensjahre verbracht haben, aber es ist auch nicht mehr da.
Früher, als in den Radionachrichten noch die Ortsmarken vorgelesen wurden, gab es dieses Wort, das mehr als ein Wort oder ein Städtename war: „Bonn.“ Damals braucht man in den Nachrichten noch keine Soundtrenner zwischen den einzelnen Meldungen, denn es gab dieses Wort, das wie ein Trenner klang, wie der Schlag mit einem Richterhammer. Bonn.
Bonn war die Hauptstadt des Landes, in dem ich lebte, und die Stadt, in der meine Oma damals lebte. Ich glaube nicht, dass ich das eine mit dem anderen jemals in einen Zusammenhang gebracht habe, aber das Land, in dem ich lebte, wurde von alten, grauen Männern in karierten Sakkos regiert und ihre Entscheidungen wurden von gleichermaßen alten, gleichermaßen grauen Männern in gleichermaßen karierten Sakkos verlesen.
Wahrscheinlich wusste ich damals noch nicht, was „regieren“ bedeutet und welche Funktion die letztgenannten Männer hatten (außer, dass man als Kind still sein musste, wenn sie zur Abendbrotzeit über den Fernseher meiner Großeltern flimmerten), aber es gab einen dicken Mann mit lustigem Sprachfehler, der immer da war und das war – neben Thomas Gottschalk – der König von Deutschland.
Die Auswirkungen, die die Existenz Helmut Kohls auf ganze Geburtenjahrgänge hatte, sind meines Wissens bis heute nicht untersucht worden. Aber auch Leute, die in den ersten acht bis sechzehn Jahren ihres Lebens keinen anderen Bundeskanzler kennengelernt haben, sind heute erfolgreiche Musiker, Fußballer, Schauspieler oder Autoren, insofern kann es nicht gar so verheerend gewesen sein.
Es passte fast drehbuchmäßig gut zusammen, dass Kohls Regentschaft endete, kurz bevor das endete, was er geprägt hatte wie nur wenige andere alte Männer: die Bonner Republik. Gerhard Schröder wurde Kanzler und plötzlich wirkte die ganze gemütliche Bonner Bungalow-Atmosphäre angestaubt. Schröder zog nach einem halben Jahr in einen grotesken Protzbau, den Helmut Kohl sich noch ausgesucht hatte, der aber magischerweise von der Architektur viel besser zu Schröder passte. Bei Angela Merkel hat man häufig das Gefühl, sie säße lieber wieder in einem holzvertäfelten Bonner Büro.
Die Berliner Republik währte nur drei Sommer. Das hatte ausgereicht für ein bisschen Dekadenz und Fin de Siècle, für einen Kanzler mit Zigarren und Maßanzügen, einen schwulen Regierenden Bürgermeister in Berlin und die vollständige Demontage von Helmut Kohl und weiten Teilen der CDU. In ganz Europa herrschte Aufbruchstimmung: Unter dem Eindruck von New Labour war ganz Europa in die Hände der sogenannten Linken und Sozialisten gefallen, die Sonne schien, alles war gut und nichts tat weh.
Dann kamen der 20. Juli und der 11. September 2001.
Bitte? Sie wissen nicht, was am 20. Juli 2001 passierte? An jenem Tag starb Carlo Giuliani auf den Straßen Genuas. Der 20. Juli hätte der 2. Juni unserer Generation werden können, Giuliani war schon wenige Wochen später als Posterboy der aufkommenden Anti-Globalisierungs-Bewegung auf der Titelseite des „jetzt“-Magazins. Doch 53 Tage später flogen entführte Passagierflugzeuge ins World Trade Center und Giuliani geriet derart in Vergessenheit, dass ich zu seinem 10. Todestag keinerlei Berichterstattung beobachten konnte. In Berlin tagte nun das Sicherheitskabinett, das aber auch in Bonn hätte tagen können, irgendwo in der Nähe des atomsicheren Bunkers im Ahrtal.
Das, was die CDU-Parteispendenaffäre von Helmut Kohl übrig gelassen hatte, wird gerade zerlegt – so zumindest die Meinung verschiedenerJournalisten. Zwei Biographien, eine über Hannelore Kohl, eine Auto- von Walter Kohl, enthüllen, was niemand für möglich gehalten hätte: Die ganze schöne Fassade der Familie Kohl war nur … äh … Fassade. 1
Die Familienfotos der Kohls weisen eine erstaunliche, aber kaum überraschende Deckungsgleichheit mit den Kindheitsfotos meiner Eltern (und mutmaßlich Millionen anderer Familienfotos) auf: Jungs in kurzen Hosen, die Familie am Frühstückstisch, auf dem ein rot-weiß kariertes Tischtuch ruht. 2 Das alles in einer heute leicht ins Bräunliche changierenden Optik und obwohl die Anzahl von Gartenzwergen objektiv betrachtet auf den meisten Bildern bei Null liegt, hat man doch, sobald man nicht mehr hinschaut, das Gefühl, mindestens einen Gartenzwerg erblickt zu haben. 3 Meine Kindheitsfotos sahen schon ein bisschen anders aus, verfolgten aber noch das gleiche Konzept. Auf heutigen Kinderfotos sieht man Dreijährige im St.-Pauli-Trikot auf Surfbrettern stehen, Gartenzwerge werden allenfalls von ihnen durch die Gegend getreten.
Die Gemütlichkeit der Bonner Republik ist verschwunden, obwohl ihre Bevölkerung immer noch da ist. Regelmäßig entsorgt man die Kataloge von Billigmöbelhäusern, die Schrankwände Versailler Ausmaße und Pathologie-erprobte Fliesentische anbieten, und regelmäßig fragt man sich, wer außer den Ausstattern von Privatfernseh-Nachmittagsreportagen so etwas kauft. Dann klingelt man mal beim Nachbarn, weil die Regenrinne leckt, und schon kennt man wenigstens einen Menschen, der so was kauft. In Deutschland gibt es 40,3 Millionen Haushalte und Ikea kann nicht überall sein. Ein Blick auf die Leserbriefseite der „Bild“-Zeitung oder in die Kommentarspalten von Online-Medien beweist, dass auch die Aufklärung noch nicht überall sein kann.
Eigentlich hat sich wenig geändert (oder alles, dann aber mehrfach), aber Deutschland wird heute … Entschuldigung, ich wollte gerade „Deutschland wird heute von Berlin aus regiert“ schreiben, was völliger Unfug gewesen wäre, weil Deutschland nachweislich nicht regiert wird. Die deutsche Hauptstadt ist also heute Berlin, eine Stadt, die eigentlich gar nicht zum Rest Deutschlands passt: Eine Metropole, von der vor allem Ausländer schwärmen, sie sei der Ort, an dem man jetzt sein müsse. Ganze Landstriche in Schwaben und Ostwestfalen liegen verlassen da, weil ihre Kinder das Glück in der großen Stadt suchen. Von Bonn wurde solches nie berichtet.
Am Samstag war ich nach rund zwanzig Jahren mal wieder in Bonn. Der erste Taxifahrer, zu dem ich mich in Auto setzte, konnte nicht lesen und schreiben, was die Bedienung seines Navigationsgeräts schwierig machte. Der zweite musste seinen Kollegen fragen, wo die gesuchte Straße liegen könnte. Ich wollte in eine Neubausiedlung, erstaunlich, dass es das in Bonn gibt. Ich saß auf dem Beifahrersitz in der freudigen Erwartung eines Deutschlandbildes voller Bungalows und Gartenzwerge, aber Bonn sah eigentlich aus wie überall. Für einen Moment fühlte ich mich sehr zuhause.
Und wie sehr das Privatleben von Politikern ihr Vermächtnis trüben können, sieht man ja etwa an John F. Kennedy und Willy Brandt.[↩]
Es gab damals – was nur die Wenigsten wissen – ein Tischdecken-Monopol in Deutschland: Alle wurden in der Fabrik eines geschäftstüchtigen, aber latent wahnsinnigen Fans des 1. FC Köln produziert. Bitte zitieren Sie mich dazu nicht.[↩]
Natürlich ganz ordentliche Gartenzwerge und nicht so ein pfiffiges neumodisches Exemplar mit Messer im Rücken oder entblößtem Genital.[↩]
Gestern schrieb Christoph Schwennicke einen Kommentar über die unterschiedlichen Reaktionen auf die Anschläge in Norwegen ebenda und in Deutschland. Gegen den deutschen Politiker, so Schwennicke, sei der pawlowsche Hund ein „vernunftbegabtes Wesen, das den Mut aufbringt, sich seines Verstandes zu bedienen“.
Warum muss Politik in Deutschland so sein? Warum muss jeder und jede jede Gelegenheit nutzen, das zu sagen, was er oder sie immer schon gesagt hat? Warum kann nicht einfach mal Ruhe sein?
Schwennickes Kommentar hatte „Spiegel Online“ einen Vorspann vorangestellt, in dem es hieß:
Norwegen hat besonnen und ohne vorschnelle Schuldzuweisungen auf die Attentate reagiert. In Berlin lief dagegen sofort die Empörungsmaschine an: Gesetze verschärfen, Neonazis verbieten. Kann in der deutschen Politik nicht einfach mal Ruhe sein?
Elf Stunden später stellte sich heraus: Auch bei „Spiegel Online“ haben sie so eine Empörungsmaschine – und Christoph Schwennicke hat offensichtlich Zugang zu ihr.
Weil Heiner Geißler bei der Vorstellung des sogenannten Stresstests zum „Stuttgart 21“-Plan die versammelten Befürworter und Gegner des Projekts gefragt hatte, ob sie den totalen Krieg wollten, und sich hinterher partout nicht für dieses Goebbels-Zitat (das natürlich nicht als solches gekennzeichnet war) entschuldigen wollte, empört sich Schwennicke:
Er sollte jetzt, besser in den kommenden Minuten oder Stunden als erst in den nächsten Tagen, zur Räson kommen und sagen: Ich habe einen Fehler gemacht, und dann habe ich einen noch viel größeren Fehler begangen, als ich den ersten Fehler hanebüchen rechtfertigen wollte.
Das fällt schwer. Aber das muss jetzt sein. Sonst gab es einmal einen großen Politiker Heiner Geißler.
Im Vorspann ist diesmal von „grauenhaften Worten“ die Rede – als ob die verdammten Worte (oder gar ihre Buchstaben) etwas für die Irren könnten, die sich ihrer bedienen. (Aber das haben wir ja schon mal besprochen.)
Was es zur Empörungsmaschine in Sachen Geißler-Goebbels zu sagen gibt, hat Volker Strübing zusammengefasst.
[via Peter B. und Sebastian F.]
Nachtrag, 21.10 Uhr: BILDblog-Leser Juan L. weist darauf hin, dass Schwennickes Geißler-Kommentar ursprünglich den folgenden Satz enthielt:
Man hört sich die Audio-Datei wieder und wieder an und fragt sich, wie ein Mann von der politischen und der Lebenserfahrung eines Heiner Geißler derart Amok laufen kann.
Nach Kommentaren im Forum wurde der Satz dann sang- und klanglos geändert in:
Man hört sich die Audio-Datei wieder und wieder an und fragt sich, wie sich ein Mann von der politischen Erfahrung und der Lebenserfahrung eines Heiner Geißler eine derartige Entgleisung leisten kann.
Herr Schwennicke scheint sich für seine grauenhaften Worte nirgendwo entschuldigt zu haben.
Da hätte ja auch keiner mit rechnen können, dass das Thema „Promotionsverfahren an deutschen Hochschulen“ noch mal außerhalb der Hochschulrektorenkonferenz gesellschaftlich und medial ventiliert wird. Aber die Fälle, in denen deutsche Politiker ihre Doktorgrade wegen ausgiebigen Plagiats nachträglich wieder aberkannt bekommen, treten in den letzten Monaten derart vermehrt auf, dass man durchaus von einer Häufung oder einem Trend sprechen könnte.
Zuletzt hat es Silvana Koch-Mehrin erwischt, die Vorzeigefrau der FDP. Die Politikerin reagierte darauf mit dem durchaus humorvollen Einfall, ihren geplanten Wechsel als Vollmitglied in den Ausschuss für Industrie, Forschung (!) und Energie des Europäischen Parlaments knallhart durchzuziehen. Sie ersetzt dort ihren Parteikollegen Jorgo Chatzimarkakis, dessen Doktorarbeit derzeit ebenfalls – ich wünschte mir wirklich, ich würde mir das nur ausdenken – von der zuständigen Universität wegen Plagiatsverdachts überprüft wird. (Wenn Sie Ihrem Unmut über Frau Koch-Mehrins neue Aufgabe Ausdruck verleihen wollen, empfehle ich Ihnen die Zeichnung dieser kleinen Online-Petition.)*
Längst ist offensichtlich, was im Frühjahr eher verhalten geäußert wurde: Etwas ist faul im Staate Deutschland. 1 Die deutsche Bildungsministerin Annette Schavan reagierte auf die Situation, indem sie von den Universitäten „Selbstkritik“ forderte, was nun auch nicht unbedingt zu den zweihundert naheliegendsten Gedanken gezählt hätte. Dabei ist es ja gerade der desaströsen Hochschulpolitik der vergangenen tausend Jahre 2 zu verdanken, dass an den Unis die Absolventen und Doktoren gleichsam am Fließband produziert werden: Jeder zusätzliche von ihnen sorgt für mehr Punkte in den unsäglichen „Hochschul-Rankings“ und für mehr Drittmittel.
Kathrin Spoerr hat das hausgemachte Dilemma in ihrem Leitartikel in „Welt kompakt“ gut zusammengefasst:
Das Problem ist aber nicht, dass zu viele promovieren, sondern, dass die deutschen Universitäten von der Politik im Unklaren gelassen werden über ihren künftigen Sinn. Formelhaft wird an „Forschung und Lehre“ festgehalten, tatsächlich aber kommen immer weniger Professoren neben ihren vielen Pflichten rund ums Lehren dazu, forschen zu können. Sie halten Vorlesungen und Prüfungen, verschwenden in überflüssigen Gremien Arbeits- und Lebenszeit, und ein immer größer werdender Teil ihrer Energie muss in Stellungnahmen zu Studentenklagen investiert werden, die mit ihren Noten unzufrieden waren. Zeit und vor allem Ruhe für Forschung bleibt wenig.
Dabei, so Spoerr, beweise die Bereitschaft von Professoren, „auch Menschen zu promovieren, die nicht Wissenschaftler werden wollen“, „deutlich mehr Gespür für die Gesellschaft und ihre Anforderungen als die scheinheiligen Mahnungen von Schavan“. Womit wir beim eigentlichen Kern des Pudels3 Problems wären: Der Doktortitel ist eigentlich ein akademischer Grad und kein Ornat für Visitenkarten und Messingschilder.
Direkt zu Beginn meines Studiums gaben sich meine Dozenten größte Mühe, den Ball flach zu halten: Professoren wollten unter keinen Umständen mit „Herr Professor“ angesprochen oder angeschrieben werden und Doktoren stellten klar, dass ihr Titel nun einmal Teil ihrer Arbeit und eine Sprosse auf der akademischen (wohlgemerkt!) Karriereleiter sei. Ein Dozent sagte, er verwende seinen Doktortitel eigentlich nur, wenn ihm Ärzte oder Sprechstundenhilfen blöd kämen – mit einem Doktor (weiß ja keiner, welcher Profession) würden die dann gleich ganz anders sprechen.
Das war eine völlig neue Weltsicht für mich. Ich war es eher gewohnt, dass mein Großvater (an dem in Sachen Titelhuberei mindestens ein Österreicher verloren gegangen ist) selbst enge Freunde in deren Abwesenheit als „Professor“ bezeichnet und Geburtstagseinladungen an die Familie seines Schwiegersohns an „Familie Dr. med.“ adressiert. 4 In meiner Heimatstadt liefen Menschen rum, die sich ihren frisch erworbenen Doktortitel nachträglich mit der eigenen Schreibmaschine auf ihren Leihausweis der Stadtbibliothek setzten.
An diesem Punkt setzt der Gastbeitrag an, den Fritz Strack, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Würzburg, für „Spiegel Online“ geschrieben hat. Strack (für meinen Opa: „Professor Strack“) beginnt bei der in Deutschland üblichen, bei Licht betrachtet eher exotischen Tradition, den Doktortitel im Personalausweis zu vermerken.
Durch die wiederholte Verknüpfung von Namen und Grad wird die Anrede „Herr oder Frau Doktor“ als Höflichkeitsgebot obligatorisch, die dann demjenigen allmählich das Gefühl gibt, der Doktor sei doch Teil des eigenen Namens. Die Verwendung für den persönlichen Gebrauch auf Türschildern, Briefköpfen und beim Einträgen ins Telefonbuch werden zur Selbstverständlichkeit.
Damit werde der Doktorgrad zu „einer Art Adelstitel“, mit dessen Hilfe das gesellschaftliche Prestige „aus eigener Kraft erworben und für den persönlichen und beruflichen Vorteil genutzt werden“ könne.
Warum wohl wollten sonst so viele Leute promovieren? Es sind eben nicht nur Nachwuchswissenschaftler, die eine berufliche Tätigkeit in Forschung und Lehre anstreben. Viele sind einfach scharf auf das zusätzliche Geld und die Karrierechancen, die die Titelfunktion des faktischen Namenszusatzes mit sich bringen. Vor allem für den Aufstieg in Führungspositionen in Wirtschaft oder Politik ist ein sichtbarer Doktorgrad von unschätzbarem Vorteil.
Das unterscheidet diese Menschen von meinen bescheidenen Literaturwissenschaftlern an der Uni: Für sie ist der Doktorgrad ein Mittel zum Zweck, der ihnen Instant-Ansehen bringen soll. Dabei sollte die Doktorarbeit eigentlich Berufung und Hauptaufgabe im akademischen Alltag sein und nichts, was man über Jahre neben seiner „Berufs- und Abgeordnetentätigkeit als junger Familienvater in mühevollster Kleinarbeit“ (Ex-Doktor Karl-Theodor zu Guttenberg) zum eigenen Schmucke vorantreibt. Überspitzt gesagt ist die Doktorarbeit etwas, was einen am Hungertuch nagen lässt und einem außer Erkenntnisgewinn und Respekt in der Wissenschaftsgemeinde nichts einbringen sollte – zumindest keinen beschleunigten Aufstieg in Politik und Wirtschaft.
Strack leitet aus seinem Essay zwei Kernforderungen ab: Eine Änderung des deutschen Personalausweisgesetzes und eine Reformation der Promotionsregeln für Mediziner. Ich finde, das klingt nach einem guten Anfang.
In den Medien ist der Anteil der Doktoren übrigens eher überschaubar, weswegen man sich mit einem anderen Prestige-Generator zu behelfen versucht: Hier ist fast jeder Träger irgendeines Medienpreises.
*) Nachtrag, 26. Juni: Frau Koch-Mehrin verzichtet auf ihren Sitz im Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie.
Verballhornung des Ausspruchs „Etwas ist faul im Staate Dänemark“ („Something is rotten in the state of Denmark“) aus William Shakespeares Drama „Hamlet“ (Marcellus, Akt 1, Szene 4).[↩]
Anspielung auf den Slogan „Unter den Talaren: Muff von tausend Jahren“ der Studentenproteste in den späten 1960er Jahren.[↩]
Wohlfeiler Verweis auf den Ausruf „Das also war des Pudels Kern!“ in Johann Wolfgang Goethes Tragödie „Faust“ (Faust, Studierzimmerszene, Zeile 1323).[↩]
Wobei dieses Verhalten nicht auf schnöde Doktoren- und Professorentitel beschränkt ist: es gibt ja auch noch Diplom-Ingenieure, Stadtbauräte und Markscheider. Nur ich warte bisher vergeblich auf Post an Lukas Heinser, B.A. – was aber irgendwie auch ganz beruhigend ist.[↩]
Am Ende sind sie alle geschockt. Auf den Fernsehschirmen ist Adolf Hitler zu sehen, der „Führer“ ihrer Organisation. „Ja, ja, Ihr wärt alle gute Nazis gewesen“, sagt ihr Lehrer Ben Ross 1 und die Schüler in der vollbesetzten Aula schweigen betreten. Steht „Die Welle“ von Morton Rhue eigentlich immer noch auf dem Lehrplan von Englischkursen?
Es ist schwer zu sagen, woher ausgerechnet bei einer eher als unpolitisch gescholtenen Jugend plötzlich diese Begeisterung für einen einzelnen Minister herkommt – noch dazu für einen von der CSU, die sonst nicht unbedingt einen übermäßigen Zuspruch junger Wähler erfährt. Ist es wirklich „eine ganz natürliche Neigung der Menschen, nach einem Führer Ausschau zu halten, nach irgendjemandem, der alle Entscheidungen“ trifft, 2 oder fällt das Licht einer Massenhysterie hier eher zufällig auf einen Politiker?
Chuck Klosterman hat einmal geschrieben, 3 dass man wahrscheinlich alle Menschen außerhalb seines engsten Freundeskreises mit einem einzigen Satz beschreiben könne. In Wahrheit reicht vermutlich ein einziges Wort oder Gefühl aus: Der Typ, der auf dem Schulhof immer alleine rumstand? „Nerd“. Die Kellnerin aus dem Café um die Ecke? „Niedlich“. Stefan Effenberg? „Trottel“.
Wer das politische Tagesgeschäft nicht mal mindestens verfolgt, aber an Titelbildern wie „Der coole Baron“, „Die fabelhaften Guttenbergs“ oder „Wir finden die GUTT!“ vorübergeht, speichert den charismatischen Franken natürlich schnell unter „cool“ ab, so wie ich als Kind Helmut Kohl unter „dick und mit Sprachfehler“ abgespeichert hatte. Wenn Guttenbergs Karriere nicht ein jähes vorläufiges Endes gefunden hätte, wäre er bis zur Bundestagswahl 2013 sicher noch auf dem Cover des deutschen „Rolling Stone“ (Herausgeber: Ulf Poschardt) und der „Bravo“ aufgetaucht.
Im Prinzip ist Guttenberg für die jungen Leute also nichts anderes als Justin Bieber, Miley Cyrus oder Katy Perry – und genau auf diesem Level verteidigen die Fans ihr Idol auch. Doch während Diskussionen über musikalische Geschmäcker müßig sind (ich fand „Baby“ von Justin Bieber zum Beispiel gar nicht schlecht), folgen politische Diskussionen für gewöhnlich gewissen argumentativen Regeln. (Dieser Satz ist eine Arbeitshypothese, die bei jeder Bundestagsdebatte und jeder Polit-Talkshow widerlegt wird, aber anders kommen wir hier nie aus dem Quark.)
Wie soll man jetzt jemandem begegnen, der „DIE sind doch nur neidisch!“ für ein zwingendes Argument hält, einen Betrüger im Amt zu halten – noch dazu, wenn dieses „Argument“ auch von führenden Unionspolitikern vorgebracht wird? Was soll man jemandem entgegnen, der wahrscheinlich nicht einmal die Hälfte der Bundesminister namentlich benennen könnte, aber im Brustton der Überzeugung verkündet: „Er war einfach der beste minister von allen!!“? Und wie erklärt man Menschen, die noch nie eine Universität von innen gesehen haben oder – viel schlimmer! – ein hektisches Bachelor/Master-Studium zum Zwecke der schnellen Berufsqualifikation durchlaufen haben, wie erklärt man denen, was wissenschaftliche Ehre und Bildungsgedanken sind?
Insofern kann man der Anruferin, die sich in einer zehnminütigen Diskussion mit dem Radio-Fritz-Moderator Holger Klein wiederfand (von der sie vermutlich anschließend annahm, aus ihr als Siegerin hervorgegangen zu sein), sicher attestieren: „Du bist Deutschland!“
Der Fall Guttenberg war außerhalb des politischen Berlins auch eine Auseinandersetzung zwischen zwei Lagern: Auf der einen Seite die bürgerliche Presse und die entsetzten Akademiker, die den Ruf des Bildungsstandortes Deutschland in akuter Gefahr sahen, auf der anderen Seite „Bild“ und das einfache Volk. Oder, vom Volk abgegrenzt, wie Herder sagen würde: „der Pöbel auf den Gassen, der singt und dichtet niemals, sondern schreyt und verstümmelt.“ 4
Karl-Theodor zu Guttenberg hat viel falsch gemacht, aber Fans, die so etwas womöglich ernst meinen könnten, hat auch er nicht verdient:
Guttenberg ist der PERFEKTE Mensch! Sein selbstkritisches Auftreten, seine uneingeschränkte Ehrlichkeit sowie seine reichhaltige Kompetenz sind unübertroffen. Guttenberg ist der ERLÖSER!!! Er muss WELTHERRSCHER werden, dann würde es durch seine MENSCHLICHKEIT endlich WELTFRIEDEN geben!
Es sind halt Fans und Fans handeln – das weiß jeder, der schon einmal im Fußballstadion oder auf einem Rockkonzert war – nicht immer rational. Entweder, sie bleiben ihren Helden bis zur Selbstverleugnung treu, oder sie sind irgendwann so enttäuscht, dass sie sich gegen ihr Idol stellen.
Ich bin mir sicher, viele der Guttenberg-Fans fanden vor zwei, drei Jahren auch Barack Obama gut – einfach, weil er cool und anders war. Dabei wäre es doch irgendwie beruhigend zu wissen, dass die Menschen den heutigen US-Präsidenten in erster Linie verehren, weil sie seine Meinung teilen und seine Versuche bewundern, seiner Linie trotz allem treu zu bleiben. Dass er dabei unbestreitbar cool und einzigartig ist, kann ja dann gerne einer der weiteren Gründe für seine Beliebtheit sein.
Guttenberg ist dabei gar nicht der erste deutsche Nachkriegs-Politiker, der die Massen zu mobilisieren wusste: 1972 machten junge Leute, die noch lange nicht selbst wählen durften, unter dem Slogan „Willy wählen!“ Wahlkampf für Willy Brandt. Nur: Diese Leute unterstützten Brandt wegen seiner politischen Ansichten, wegen seiner Ostpolitik, ohne die Helmut Kohl nie zum „Kanzler der Einheit“ hätte werden können. Bei Guttenberg konnten nicht einmal aufmerksame Beobachter sagen, wofür er stand und was seine Linie war. Es war ja auch fast jeden Tag eine andere: Bei einer staatlichen Rettung von Opel mit Rücktritt drohen, dann doch im Amt bleiben; den Luftschlag von Kundus „angemessen“ nennen, dann „unangemessen“; in Sachen Gorch Fock keine schnellen Urteile fällen wollen, dann spontan (und im Beisein der „Bild“-Zeitung) den Kommandanten feuern. Und immer waren die Anderen schuld. Wer das ernsthaft als „gute Arbeit“ bezeichnet, den möchte ich nicht meine Heizung reparieren lassen – er könnte ja schon nächste Woche mit den montagebereiten Nachtspeicheröfen vor der Tür stehen.
Wenn Kai Diekmann jetzt vom „grauen Mittelmaß“ der Politiker schreibt, die nun wieder das politische Berlin beherrschten, und Nikolaus Blome die „politische Hygiene“ beklagt, möchte ich ihnen entgegen rufen: Meinetwegen können die Politiker so grau sein, wie sie wollen, sie sollen ihre verdammte Arbeit ordentlich machen und sich anständig verhalten! Politik ist nicht Teil des Showgeschäfts, auch wenn das seit dem Umzug der Bundesregierung nach Berlin immer mal wieder gern vergessen wird.
„Aber das Volk liebt ihn doch!“, wenden Diekmann und Blome dann unisono ein. Der Vorwurf, die Politik höre nicht auf das, was die Bevölkerung wolle, lenkt davon ab, dass selbst „Bild“ es nicht geschafft hat, Guttenberg im Amt zu halten, und damit weiter an Einfluss verloren hat. Stattdessen beklagen ihre Redakteure die weiter fortschreitende „Politikverdrossenheit“, die Journalisten seit 20 Jahren zu erkennen glauben. Dabei wäre es die verdammte Aufgabe von Journalisten, den Bürgern die Zusammenhänge zwischen der graue Politik und ihrem Leben aufzuzeigen und kritisch, aber nicht pauschal verurteilend, zu begleiten, was „die da oben“ eigentlich den ganzen Tag so machen. Die Aufgabe der Presse ist es jedenfalls nicht, Politglamour-Paare hochzuschreiben!
Warum sich das deutsche Volk (oder genauer: große Teile dessen) offenbar mehr als 90 Jahre nach Abschaffung des Adels in Deutschland ausgerechnet einen „Freiherrn“ ins Kanzleramt wünscht, lässt sich eigentlich nur damit erklären, dass die Deutschen zu oft beim Arzt und/oder Friseur sind und ob der Lektüre der dort ausliegenden Magazine eine gewisse Sehnsucht nach Blaublütern verspüren. Das ist irritierend, denn bisher haben wir im Geschichts- und Politikunterricht gelernt, dass die Massen gegen die Klassen kämpfen würden.
Eigentlich ist es den Leuten aber eh egal, zu wem sie aufschauen, so lange sie zu jemandem aufschauen können: Zu Lady Di, zum Papst oder eben zu „KT“ und seiner Stephanie. Die Guttenbergs boten die ölige Projektionsfläche für alle, die niemals König oder Königin von Deutschland werden würden: Ausgestattet mit einem ordentlichen Stammbaum, in einer Bilderbuchehe verheiratet, mit einem Privatvermögen im Rücken, dessentwegen man gar nicht arbeiten müsste. Die Idylle lockte wie ein alter Heimatfilm.
Guttenberg war die personifizierte Umkehr der Zeiten, als die Populärkultur politisch wurde: im Politbetrieb war er „Pop“, was der Kulturwissenschaftler Thomas Hecken als „Kürzel für mal glatte und oberflächliche, mal durchschlagende und intensive Reize“ beschreibt. 5
Ab einem bestimmten Punkt wird jede Bewegung zum Selbstläufer; die Masse findet gut, was beliebt und erfolgreich ist. So lässt sich der plötzliche unfassbare Charterfolg einer 17 Jahre alten Coverversion eines heute mehr als 70 Jahre alten Songs erklären, aber auch der schier unglaubliche Zulauf, den die Pro-Guttenberg-Seiten bei Facebook erfahren. Ich wüsste gerne, wie viele der Guttenberg-Jünger gleichzeitig auch Fans von Unheilig sind.
Nach dem selben Prinzip funktioniert dann auch die Argumentation: Die Leute plappern nach, was sie anderswo (also: bei Gleichgesinnten) schon gehört und nicht verstanden haben. Aber haltlose Behauptungen werden nicht wahrer, wenn sie hundertfach wiederholt werden – und das gilt für beide Seiten, wie die peinliche Geschichte mit dem angeblichen „Star Trek“-Zitat in Guttenbergs Rücktrittsrede beweist.
Dass man Verfehlungen nicht gegeneinander aufwiegt, lernt man normalerweise im Kindergarten. Offenbar wächst sich das mit der Zeit aber wieder raus:
Für mich ist des ne Lapalie!!! Andere sind immernoch im Amt und treiben viel schlimmer Sachen ich sage nur Berlusconi!!!! Dass das nicht ok ist mit dem Doktortitel ist klar aber des hatte nichts mit seiner Arbeit als Politiker zu tun!!!
Wenn nun also ernsthaft junge Menschen, die durchaus Abitur haben und studieren, fragen: „Was hat die gefälschte Doktorarbeit denn mit den politischen Fähigkeiten der Person zu tun?“, muss man erst mal kurz durchatmen und die Blutdruckhemmer einwerfen, bevor man in leicht verständlichen Worten zu erklären versucht, dass man persönlich für seinen Teil Menschen, die als Betrüger entlarvt seien, jetzt eher ungern in politischen Ämtern sähe. Das mit „Vorbildfunktion“ und „Bildungsrepublik“ lässt man lieber direkt weg.
Dann heißt es: „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“, 6 in dezenter Verkennung des Umstandes, dass Jesus das damals ziemlich konkret gemeint hat: Die Pharisäer wollten die Ehebrecherin nämlich steinigen. Nähme man die Geschichte aber als universellen Rechtsgrundsatz, wäre die Besetzung von Richterbänken und Staatsanwaltsposten eine unlösbare Aufgabe.
Ohne Sünde ist niemand (außer die Mutter Gottes in der Katholischen Kirche), aber bestimmte Sünden sorgen einfach dafür, dass man für bestimmte – oder gar alle – Ämter ungeeignet ist. (Die Ausnahme stellt auch hier wieder die CDU/CSU dar, wo man auch noch geschmeidig Verkehrsminister werden kann, nachdem man unter Alkoholeinfluss einen tödlichen Verkehrsunfall verschuldet hat, oder Finanzminister, wenn man sich nicht daran erinnern kann, einmal 100.000 DM in bar entgegengenommen zu haben.) Und dass „alle anderen Politiker auch Dreck am Stecken“ haben sollen, entpuppt sich spätestens dann als windschiefe Verteidigung, wenn der eigene Partner zu einem sagt: „Aber alle anderen gehen doch auch fremd, Schatz!“
Wenn irgendwelche Jungspunde bei Facebook jetzt also „Guttenberg for Reichskaiser“ fordern, können wir nur von Glück sprechen, dass Karl-Theodor zu Guttenberg zweifelsohne ein überzeugter Demokrat ist, und die Demagogen, die Deutschland in den letzten 65 Jahren hervorgebracht hat, allesamt unansehnlich oder rhetorisch überfordert waren – oder in den meisten Fällen gleich beides. Doch wehe, wenn jemand auftauchen sollte, der Pop-Appeal verströmt und nebenbei Volksverhetzung betreibt!
Eines noch zum Schluss: Die Frage „Gibt es denn nichts Wichtigeres auf der Welt?“ ist das dümmste aller dummen Null-Argumente. Denn es gibt ja auch „Wichtigeres als Steuerhinterziehung, Fahren im angetrunkenen Zustand, das Heraustelefonieren von Lustmädchen aus Untersuchungsgefängnissen durch Ministerpräsidenten, Vulgarität und was nicht noch alles“, wie es Jürgen Kaube in der „F.A.Z.“ formuliert hat. 7 Die Antwort lautet also in nahezu jedem Kontext: „Doch, natürlich gibt es Wichtigeres.“ Ginge es danach, müsste uns alles egal sein, was nicht direkt zur Schaffung des Weltfriedens beiträgt. Ich schlage vor, dass wir mit dem Ignorieren der Anzahl von Facebook-Fans anfangen.
Morton Rhue: Die Welle. Ravensburg, 2011 (11984), S. 176.[↩]
Zugegeben: In der Pressestelle des Bundesverteidigungsministeriums möchte man dieser Tage auch nicht arbeiten.
Heute stand der Start der Bundeswehrreform auf dem Programm, in den letzten Tagen gab es die eine oder andere unschöne Meldung über die wissenschaftliche Reputation des Ministers und dann berichtete die „Financial Times Deutschland“ auch noch, dass die Bundeswehr eine „große Werbekampagne“ bei „Bild“, „Bild am Sonntag“ und Bild.de schalten wolle.
Wegen dieser „FTD“-Meldung hatte ich einige BILDblog-Fragen an das Ministerium. Aus der Erfahrung weiß ich, dass ich bei Versuchen, den richtigen Ansprechpartner zu treffen, immer zunächst den falschen anrufe und es auch nie möglich ist, mich zu verbinden.
Doch so weit kam ich heute nicht. Als ich die Liste der Pressesprecher durchklickte, bot sich mir folgendes Bild:
Weil ich gerne den Wald vor lauter Bäumen nicht sehe, fragte ich Freunde und Kollegen, ob sie die Kontaktdaten der Sprecher irgendwo sähen. Nein, taten sie nicht.
Die Seiten mit den Ansprechpartnern sind alle auf dem Stand vom heutigen 24. Februar 2011. Im Google-Cache finden sich noch die Versionen von letzter Woche und die sahen beispielsweise so aus:
Die Übersichtsseite, auf der sonst immer die „Zentrale Servicenummer für Presseanfragen und Medienvertreter nach Dienst und am Wochenende“ angegeben war, wurde offenbar schon am Dienstag überarbeitet.
Alt:
Neu:
Ich habe jetzt mal nicht beim Ministerium nachgefragt, was das zu bedeuten hat.
Hinterher hat man es ja sowieso immer gewusst. Im Nachhinein ist jedem klar, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, die Loveparade 2009 in Bochum abzusagen. Aber was haben wir damals auf den Stadtoberen rumgehackt …
Gut, die Art und Weise der Absage war peinlich gewesen: Nach Monaten plötzlich festzustellen, dass die Stadt dann doch irgendwie zu klein ist, deutete entweder auf erstaunlich schwache Ortskenntnisse hin – oder auf einen besorgniserregenden „Das muss doch irgendwie zu schaffen sein“-Aktionismus, der die Augen vor der Realität verschließt. Letztlich haben sie es in Bochum noch gemerkt, die Schuld an der Absage der Deutschen Bahn in die Schuhe geschoben und Häme und Spott einfach ausgesessen. Dass der damalige Polizeipräsident, der sich lautstark gegen die Durchführung der Loveparade ausgesprochen hatte, neun Monate später in den vorzeitigen Ruhestand versetzt wurde, hatte ja ganz andere Gründe.
Erstaunlich aber: Von der Sicherheit war in all den Artikeln, Kommentaren und Pressemitteilungen kaum die Rede. Das kam nur am Rande zur Sprache:
Ganz andere Risiken bewegen Martin Jansen. Dem Leitenden Polizeidirektor wäre die Rolle zugefallen, den wohl größten Polizeieinsatz aller Zeiten in Bochum zu koordinieren. „Wir hätten die Loveparade nur unter Zurückstellung erheblicher Sicherheitsbedenken vertreten.“ Knackpunkt ist nach seiner Einschätzung der Bochumer Hauptbahnhof.
Aber um die Sicherheit der zu erwartenden Menschenmassen ging es auch im Vorfeld der Duisburger Loveparade öffentlich nie, immer nur um die Kosten:
Fritz Pleitgen, Vorsitzender und Geschäftsführer der Ruhr.2010, beobachtet mit großer Sorge, wie sehr die Auswirkungen der Finanzkrise den Städten der Metropole Ruhr zu schaffen machen. Besonders prägnant sei das aktuelle Beispiel Loveparade in Duisburg. „Hier müssen alle Anstrengungen unternommen werden, um dieses Fest der Szenekultur mit seiner internationalen Strahlkraft auf die Beine zu stellen.“
Dabei hätte das Argument „Menschenleben“ bestimmt auch Dampfplauderer wie Prof. Dieter Gorny beeindrucken können, der im Januar mal wieder das tat, was er am Besten kann, und groß tönte:
„Man muss sich an einen Tisch setzten und den Willen bekunden, die Loveparade durchzuführen, statt klein beizugeben.“ Die Politik müsse sich dahingehend erklären, dass sie sagt: „Wir wollen die Veranstaltung und alle Kraft einsetzen, sie zu retten!“
Gorny, der sonst keinen öffentlichen Auftritt auslässt, hat sich seit Samstagnachmittag zurückgezogen. Er sei „schwer erschüttert“, erklärte die Ruhr.2010 auf Anfrage, und fügte hinzu:
Wir haben beschlossen, dass für die Kulturhauptstadt ausschließlich Fritz Pleitgen als Vorsitzender der Geschäftsführung spricht und bitten, dies zu respektieren.
Aber es gibt ja immer noch die Journalisten, die sich spätestens seit der denkwürdigen Pressekonferenz am Sonntagmittag als Ermittler, Ankläger und Richter sehen. Und als Sachverständige:
„We were the only newspaper that said: ‚No. Stop it. The city is not prepared. We will not be able to cope with all these people,“
lässt sich Götz Middeldorf von der „Neuen Ruhr Zeitung“ in der „New York Times“ zitieren.
Bei „Der Westen“ forderte Middeldorf bereits am Sonntag lautstark den Rücktritt von Oberbürgermeister Sauerland und kommentierte:
Auf die Frage der NRZ, ob man nicht gesehen habe, dass Duisburg nicht geignet ist für die Loveparade ging der OB nicht ein, sprach von „Unterstellung“ und wies mögliches Mitverschulden der Stadt zurück.
Ich habe mich lange durch alte Artikel gewühlt, aber nichts dergleichen gefunden. Da das auch an der unfassbar unübersichtlichen Archivsuche bei „Der Westen“ liegen kann, habe ich Herrn Middeldorf gefragt, nach welchen Artikeln ich Ausschau halten sollte. Eine Antwort habe ich bisher nicht erhalten.
Wie kritisch die Duisburger Presse war, kann man zum Beispiel an Passagen wie dieser ablesen:
Die Organisatoren gaben sich am Dienstag allerdings sehr optimistisch, dass es kein Chaos geben werde. „Die eine Million Besucher wird ja nicht auf einmal, sondern über den Tag verteilt kommen“, so Rabe. Es sei zwar nicht auszuschließen, dass der Zugang während der zehnstündigen Veranstaltung kurzzeitig gesperrt werden müsse, aber derzeit gehe man nicht davon aus. Und wenn der Fall doch eintrete, „dann haben wir ganz unterschiedliche Maßnahmen, mit denen wir das problemlos steuern können“, verspricht der Sicherheitsdezernent – bei den Details wollte er sich nicht in die Karten schauen lassen.
(Kritisch ist da der letzte Halbsatz, nehme ich an.)
Artikel wie der Kommentar „Die Loveparade als Glücksfall“ vom 23. Juli oder die großspurigen Übertreibungen von Ordnungsdezernent Rabe und Veranstalter Lopavent die Kapazität des Festivalgeländes betreffend sind plötzlichoffline – „Technikprobleme“, wie mir der Pressesprecher der WAZ-Gruppe bereits am Dienstag erklärte.
Den (vorläufigen) Gipfel des Irrsinns erklomm aber Rolf Hartmann, stellvertretender Redaktionsleiter der „WAZ“ Bochum. Anders als seine Kollegen, die sich hinterher als aktive Mahner und Warner sahen, schaffte es Hartmann in seinem Kommentar am Dienstag, völlig hinter dem Thema zu verschwinden:
Meine Güte, war man Anfang 2009 über OB & Co hergefallen, als die Stadt Bochum die Loveparade 2009 in Bochum absagte.
Nachtrag, 1. August: Stefan Niggemeier hat in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ über das gleiche Thema geschrieben.
Ihm hat Götz Middeldorf auch geantwortet:
Auf Nachfrage räumt Middeldorf ein, dass Sicherheitsbedenken nicht das Thema waren. „Wir waren immer gegen die Loveparade, aber aus anderen Gründen.“ Dann muss die „International Herald Tribune“ ihn mit seinem Lob für die eigene, einzigartige Weitsichtigkeit wohl falsch verstanden haben? „Das vermute ich mal“, antwortet Middeldorf. „Das ist nicht ganz richtig.“ Er klingt nicht zerknirscht.
– Ein Gastbeitrag von Dr. Matthias Burchardt im Rahmen des Bildungsstreiks 2010 –
Ich schäme mich vor meinen Studierenden. Ich schäme mich, wenn ich Anwesenheitslisten herumgebe, dann fühle ich mich wie ein Blockwart. Ich schäme mich, wenn ich ihnen die vielen Leistungen des BA/MA-Studiums auferlege, die Portfolios, Protokolle, Ausarbeitungen, weil ich genau weiß, dass ich sie nur oberflächlich korrigieren kann, dass ich ihre Mühe und die kostbaren Gedanken kaum würdigen kann, im Andrang der unendlichen Dokumentationsaufgaben. Ich werde wütend, wenn ich die vielen begabten jungen Menschen sehe, die durch die Module gehetzt werden, so dass sie keine Zeit haben, eine Sache, für die sie sich leidenschaftlich interessieren, vertieft zu studieren. Die neuen Studiengänge sind ein Verbrechen an dieser Generation von Studierenden, und im Grunde weiß das jeder. Die wenigsten Abschlüsse der über 10.000 neuen Studiengänge sind tatsächlich berufsqualifizierend. Sie bieten auch keinen Raum zur persönlichen Bildung oder Perspektiven für gesellschaftliche Verantwortung. Sie überfordern in der Quantität und unterfordern in der Qualität, falls es so etwas noch geben sollte, in Zeiten, in denen Credit Points zur Maßeinheit des Studienerfolgs geworden sind. Was soll aus der „Generation Bologna“ werden? Flexible Projektnomaden, Bildungsprekariat in befristeten Beschäftigungsverhältnissen?
Ich schäme mich für mich selbst und meine Kollegen, dass wir so willfährig bereit waren, alle Fachansprüche zu verleugnen und gehorsam, diese bildungsfreien Studiengänge zu erarbeiten – immer mit einem Blick auf die Akkreditierungsagentur, die wir noch dafür bezahlen mussten, dass sie uns in unserer Zuständigkeit und Expertise entmündigt hat. Wie konnten wir Modulhandbücher schreiben, in denen der völlig unangemessene Kompetenzbegriff aus allen Zeilen wucherte? Welche jämmerlichen Sprachgebilde flossen aus unseren Federn, wo wir doch bislang immer so großen Wert, auf eine sachangemessen Diktion gelegt hatten, wo wir die „Arbeit des Begriffs“ zu unserm Lebenszweck machen wollten?
Jetzt produzierten wir verquaste Anglizismen, um durch Etikettenschwindel zu retten, was nicht mehr zu retten war. So sehr wir uns einredeten, in diesen schlimmen Zeiten, zumindest ein wenig der Fach- und Bildungskultur zu retten, konnten wir doch nicht vermeiden, zu trivialen Mitläufern des Bologna-Regimes zu werden, zu Totengräbern der Bildung. Ein Kollege sprach von der „Eichmannisierung“ der Akademiker. Ein drastischer Vergleich, dem man entschieden widersprechen muss, doch woher die Argumente nehmen? Wie konnten wir die Einführung der Hochschulräte, die Etablierung von Top-Down-Strukturen, die ökonomistische Transformation der Hochschulen zulassen? Jetzt heißt es Wettbewerb, wenn den Verlierern eine Wurst hingehalten wird, nach der sie sich alle strecken, sofort bereit, alle Solidarität fahren zu lassen, in der Hoffnung als Sieger aus der Krise des Akademischen hervorzugehen. ÜberlebenskämpferInnen, innere EmigrantenInnen, KrisengewinnlerInnen, SalonrevoluzzerInnen und natürlich diejenigen, die im neuen Ungeist ihre Bestimmung entdecken – die deutsche Intelligenz findet viele Wege, an Bologna zu scheitern …
Es ist Zeit, dass wir unsere Stimme erheben. Was wir jetzt preisgeben, haben wir auf Jahrzehnte verloren! Die „Kölner Erklärung“ ist ein Versuch, den Diskurs über das Selbstverständnis der Universität anzustoßen. Über 1300 Unterzeichner unterstützen das Anliegen einer Neubesinnung auf akademische Bildung. Als Initiator geht es mir nicht darum, meine eigenen Vorstellungen zu realisieren. Ich weiß, dass die Erklärung vor dem Hintergrund einer humanistischen Herkunft geschrieben ist, so dass Begründungsfiguren und sprachliche Wendungen möglicherweise anstößig klingen in den Ohren von VertreterInnen einer anderen Traditionslinie. Ich lade jedoch alle Mitglieder der Hochschulen ein, sich in einer gemeinsamen politischen Richtung zusammenzufinden. Damit wir überhaupt den produktiven Streit der vielfältigen Theorien um Erkenntnis und Bildung in sozialer Verantwortung führen können, brauchen wir einen Ort, der dies ermöglicht. Diesen Ort müssen wir zurückerobern, indem wir Bologna grundsätzlich als Irrweg zurückweisen!
Dr. Matthias Burchardt ist Akademischer Rat am Institut für Bildungsphilosophie, Anthropologie und Pädagogik der Lebensspanne der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln.
Für den „Westen“, das in Abwicklung befindliche Internetportal der WAZ-Gruppe, scheint der Wahlkampfauftritt von Angela Merkel in Unna das Ereignis des Tages gewesen zu sein. Immerhin wurde der Bericht darüber zwischenzeitlich an oberster Stelle auf der Startseite angeteasert:
Und wie die Gesichter gestrahlt haben:
Der lokale Parteivorsitzende Werner Porzybot strahlte natürlich.
Hubert Hüppe strahlte.
Ganz besonders strahlten Hanna Koppelmann, Alexandra Gaber und Rabea Lehmann in der nicht ganz voll besetzten Stadthalle (rund 700 Besucher).
Strahlendes Gesicht bei Stadthallen-Chef Horst Bresan: „Das war eine Punktlandung. Alles ist reibungslos gelaufen. Es hat überhaupt keine Probleme gegeben.“
Strahlendes Antlitz von Rudi Fröhlich, Leitungskraft bei der Unnaer Polizei.
Das ist natürlich ein sprachliches Mittel, das die Menschen da zu Beginn eines jeden Absatzes strahlen lässt. Und letztlich ist so ein Wahlkampfauftritt ja nichts anderes als eine Produkt-Präsentation, über die man auch nur schwer einen brauchbaren, objektiven Text schreiben kann – man kann ja schlecht aus Gründen der Ausgewogenheit bei allen anderen Parteien nachfragen, wie die eigentlich den Besuch der Kanzlerin in ihrer Stadt fanden. Und dennoch wirkt der Text über die „Regierungs-Chefin (schwarze Hose, hellbrauner Blazer)“ geradezu grotesk überzeichnet. Die CDU-Mitgliederzeitschrift hätte kaum verklärender über Angela Merkel schreiben können, als es Jens Schopp für die „Westfälische Rundschau“ getan hat.
Da bekam „der Ex-Bundestagsabgeordnete von der Kanzlerin von der Rednertribüne attestiert, er sei ‚der beste Behindertenbeauftragter der Bundesregierung, den man sich nur denken könne‘ “, Schülerinnen haben es „tatsächlich geschafft, Angela Merkel eine kleine, tönerne Friedenstaube samt Friedensbotschaft zu überreichen“ und „selbst für Unnas Bürgermeister und SPD-Mitglied Werner Kolter war es mehr als nur ein Pflichttermin“. Die Bundeskanzlerin „gab sie sich staatsmännisch“ und holte „nur gelegentlich“ „die Wahlkampfkeule heraus“. Fehlt eigentlich nur noch, dass alle auf ihre Kosten kamen, immerhin sagte Merkel ja auch noch was „zur Erheiterung des Auditoriums“.
Jens Schopp ist offenbar nicht, wie ich ursprünglich angenommen hatte, ein Schüler, der im Auftrag der „Westfälischen Rundschau“ zur mit staunendem Blick von der ersten Politikveranstaltung seines Lebens berichtet: Er ist Redakteur der Zeitung.
Dass derart bratwurstige Texte am Montag in Unna in der gedruckten Zeitung erscheinen, ist das eine – Lokaljournalismus ist die Hölle, ich würde nie im Leben dorthin zurückkehren und habe neben Mitleid vor allem Respekt übrig für jene Journalisten, die sich in die Tiefen von Vereinen und Kleinkunst und das Spannungsfeld verschiedenster Interessenverbände begeben, die sofort mit der Kündigung von Abos drohen. Warum man derartige Artikel als Aufmacher auf die Startseite eines ambitionierten Nachrichtenportals packt, ist mir allerdings schleierhaft.
Warum man solche Kommentare stehen lässt, allerdings auch:
Nachtrag, 28. März: Der „Westen“ hat – mal mit, mal ohne Hinweis – wüst in den Kommentaren herummoderiert und dabei auch den hier zitierten Kommentar entfernt.
Eine Nahtoderfahrung der besonderen Art machte ich vor einigen Jahren, als ich bei der Lektüre der Satireseite schandmaennchen.de derart heftig zu lachen begann, dass ich mich nach einigen Minuten nach Luft ringend auf meinem Teppichboden wälzte. (Einen Lustgewinn habe ich dabei allerdings nicht verspürt.) Grund war ein angebliches Zitat aus dem „Spiegel“ über Helmut Kohl, seine Büroleiterin Juliane Weber und Frühstückseier.
Über Jahre habe ich versucht, dieses Zitat zu verifizieren und den exakten Wortlaut zu finden. Irgendwie muss ich mich bei der Verwendung der „Spiegel“-Archivsuche sehr dämlich angestellt haben.
Gestern jedenfalls berichtete das NDR-Medienmagazin „Zapp“ über den uralten Artikel und jetzt kann ich Ihnen das Zitat endlich im Wortlaut präsentieren:
Ja, zugegeben: Brüllkomisch fand ich es jetzt auch nicht mehr.
Dafür hat der „Spiegel“ sich kürzlich an einer Neuauflage seiner Fips-Asmussen-Politkommentierung versucht und dabei die ohnehin schon niedrig liegende Latte gerissen:
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