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#2013

Vor zwei Wochen habe ich mir ange­schaut, wie die Sen­dung „30 Jah­re RTL“ pro­du­ziert wird. Die Auf­zeich­nung dau­er­te nicht ganz so lan­ge, wie der Titel ver­sprach (aber fast), und wird am 3. Janu­ar aus­ge­strahlt.

Deut­lich schnel­ler ging die Pro­duk­ti­on eines eher namen­lo­sen Pod­casts von­stat­ten, zu der ich mich ges­tern mit Fried­rich Küp­pers­busch getrof­fen habe: 99 Tage nach der Bun­des­tags­wahl und 101 Tage nach dem letz­ten Tages­schaum haben wir über das Jahr 2013 medi­tiert – und das Ergeb­nis kön­nen Sie sich schon jetzt anhö­ren!

Mit dabei: Ange­la Mer­kel, Edward Snow­den, Hash­tags und Omma & Oppa.

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Kom­men Sie gut ins Neue Jahr!

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„Sein“ oder nicht „sein“

Am 21. August wur­de die ehe­ma­li­ge Sol­da­tin Chel­sea Man­ning, die der Whist­le­b­lower-Platt­form Wiki­leaks gehei­me Doku­men­te zuge­spielt hat­te, von einem US-Mili­tär­ge­richt zu 35 Jah­ren Haft ver­ur­teilt.

Wobei: Das stimmt so nicht. Damals hieß Chel­sea in der Öffent­lich­keit noch Brad­ley Man­ning und galt als Mann. Erst einen Tag spä­ter ließ sie ein State­ment ver­öf­fent­li­chen, in dem es hieß:

As I tran­si­ti­on into this next pha­se of my life, I want ever­yo­ne to know the real me. I am Chel­sea Man­ning. I am a fema­le. Given the way that I feel, and have felt sin­ce child­hood, I want to begin hor­mo­ne the­ra­py as soon as pos­si­ble. I hope that you will sup­port me in this tran­si­ti­on. I also request that, start­ing today, you refer to me by my new name and use the femi­ni­ne pro­no­un (except in offi­ci­al mail to the con­fi­ne­ment faci­li­ty).

Wer glei­cher­ma­ßen auf­ge­klärt wie naiv ist, hät­te anneh­men kön­nen, dass das The­ma damit schnell been­det war: Chel­sea Man­ning ist eine Frau, die in einem männ­li­chen Kör­per gebo­ren wur­de und einen männ­li­chen Vor­na­men getra­gen hat, jetzt aber expli­zit dar­um bit­tet, mit ihrem weib­li­chen Vor­na­men bezeich­net zu wer­den.

Die „New York Times“ erklär­te dann auch in einem Blog­ein­trag, mög­lichst schnell den Namen Chel­sea Man­ning und die weib­li­chen Pro­no­mi­na ver­wen­den und zum bes­se­ren Ver­ständ­nis für die Leser auf die Umstän­de die­ser Namens­än­de­rung zu ver­wei­sen. Der „Guar­di­an“ leg­te den Schal­ter von „Brad­ley“ auf „Chel­sea“ um und schrieb für­der­hin nur noch von „ihr“.

Aber so ein­fach war das alles natür­lich nicht.

Die „Ber­li­ner Zei­tung“ fass­te das ver­meint­li­che Dilem­ma am 24. August ein­drucks­voll zusam­men:

Brad­ley Man­ning möch­te fort­an als Frau leben und Chel­sea genannt wer­den. […] Der 25 Jah­re alte Sol­dat ließ erklä­ren, er habe sich seit sei­ner Kind­heit so gefühlt. Von nun an wol­le er nur noch mit sei­nem neu­en Namen ange­spro­chen wer­den. Auch sol­le künf­tig aus­schließ­lich das weib­li­che Pro­no­men „sie“ ver­wen­det wer­den, wenn über Man­ning gespro­chen wer­de. Eine ope­ra­ti­ve Geschlechts­um­wand­lung strebt Man­ning zunächst wohl nicht an.

Mit die­sem Wunsch hat Man­ning, der gut 700000 Geheim­do­ku­men­te an die Ent­hül­lungs­platt­form Wiki­leaks wei­ter­gab, Jour­na­lis­ten in den USA ver­wirrt und vor gro­ße Her­aus­for­de­run­gen gestellt. In den Mel­dun­gen über Man­nings Erklä­rung war ein­mal von „ihm“ die Rede, dann wie­der von Brad­ley Man­ning, „die“ nun eine Frau sein wol­le. Die einen ver­mie­den es pein­lich, Per­so­nal­pro­no­men zu ver­wen­den. Die ande­ren erklär­ten, sie wür­den solan­ge von „ihm“ spre­chen, wie Man­ning aus­se­he wie ein Mann.

Wie es die „Ber­li­ner Zei­tung“ selbst hält, wur­de in den fol­gen­den Wochen deut­lich:

5. Sep­tem­ber:

Die von Matthew H. 2009 besuch­te Ver­an­stal­tung des Cha­os Com­pu­ter Clubs war immer­hin öffent­lich. Sein Anteil an der Ver­ur­tei­lung des Whist­le­b­lo­wers Brad­ley Man­ning ist unklar. Und auch wenn der Umgang mit Man­ning nicht unse­ren Vor­stel­lun­gen ent­spricht: Er hat mili­tä­ri­sche Geheim­nis­se ver­ra­ten. Das ist auch deut­schen Sol­da­ten ver­bo­ten.

6. Sep­tem­ber:

Wie in letz­ter Zeit in Ber­lin häu­fi­ger der Fall, ste­hen mal wie­der lee­re Stüh­le auf der Büh­ne, dies­mal nicht für den mit Aus­rei­se­ver­bot beleg­ten Fil­me­ma­cher Jafar Panahi, son­dern für Edward Snow­den und Brad­ley Man­ning, die Ulrich Schrei­ber gern dabei­ge­habt hät­te. Lei­der sind sie aus bekann­ten Grün­den ver­hin­dert.

Bei der „Süd­deut­schen Zei­tung“ gibt es offen­bar auch kei­ne Emp­feh­lun­gen und Richt­li­ni­en wie bei der „New York Times“ – und noch nicht mal eine kla­re Linie. Am 2. Sep­tem­ber schrieb die „SZ“:

Auf Trans­pa­ren­ten for­dern die Teil­neh­mer, dass US-Prä­si­dent Barack Oba­ma sei­nen Frie­dens­no­bel­preis an die Geheim­da­ten-Ent­hül­ler Chel­sea Man­ning und Edward Snow­den abtre­ten sol­le.

Und eine Woche spä­ter:

Anders gefragt: Hät­ten ame­ri­ka­ni­sche Diens­te eine sol­che Anfra­ge zuge­las­sen, wenn ein deut­scher Dienst sich um Hin­ter­grün­de zum Trei­ben eines bekann­ten ame­ri­ka­ni­schen Jour­na­lis­ten inter­es­siert hät­te? Da kön­nen, trotz aller Nar­re­tei­en und Ver­här­tun­gen der ame­ri­ka­ni­schen Poli­tik im Kampf gegen Whist­le­b­lower wie Brad­ley Man­ning oder Edward Snow­den ame­ri­ka­ni­sche Behör­den emp­find­sam reagie­ren.

Am 7. Okto­ber nun wie­der:

Schließ­lich, so schrei­ben eini­ge, sei er ein Visio­när, gleich­zu­set­zen mit der Wiki­leaks-Infor­man­tin Chel­sea Man­ning oder dem NSA-Whist­le­b­lower Edward Snow­den .

„Bild“ hat­te in ganz weni­gen Zei­len klar­ge­macht, wie wenig sich die Redak­ti­on um die Bit­te von Chel­sea Man­ning schert: In ihren „Fra­gen der Woche“ am 24. August frag­te die Bou­le­vard­zei­tung „Kommt Man­ning in den Frau­en­knast?“ und ant­wor­te­te:

Nein! Obwohl der zu 35 Jah­ren Gefäng­nis ver­ur­teil­te Wiki­leaks-Infor­mant Brad­ley Man­ning (25) ab sofort als Frau namens Chel­sea leben und sich einer Hor­mon­be­hand­lung unter­zie­hen will (BILD berich­te­te), kam er in das Män­ner­ge­fäng­nis Fort Lea­ven­worth (US-Staat Kan­sas). Ein Armee­spre­cher sag­te, dass dort weder Hor­mon­the­ra­pien noch chir­ur­gi­sche Ein­grif­fe zur Geschlechts­um­wand­lung bezahlt wer­den.

Der Unter­schied zum „Spie­gel“ ist da aller­dings mar­gi­nal:

Man­ning fühlt sich schon län­ger als Frau, nach sei­ner Ver­ur­tei­lung will er auch so leben. […] Am Mitt­woch ver­ur­teil­te ihn ein Mili­tär­ge­richt dafür zu 35 Jah­ren Gefäng­nis, abzu­sit­zen in Fort Lea­ven­worth, Kan­sas. Zwar kann Man­ning auf vor­zei­ti­ge Ent­las­sung hof­fen – doch bis dahin steht ihm eine har­te Zeit bevor: Sei­ne Mit­in­sas­sen sind aus­nahms­los Män­ner, eine Ver­le­gung in ein Frau­en­ge­fäng­nis ist nicht geplant.

Die Deut­sche Pres­se-Agen­tur tat sich anfangs noch schwer mit dem Geschlecht. Am 4. Sep­tem­ber schrieb die dpa:

Die Mis­si­on des angeb­li­chen US-Agen­ten soll dem Bericht zufol­ge öffent­lich gewor­den sein, nach­dem er im Juni die­ses Jah­res als Zeu­ge im Pro­zess gegen den Whist­le­b­lower Brad­ley Man­ning vor einem ame­ri­ka­ni­schen Mili­tär­ge­richt in Mary­land auf­ge­tre­ten sei. Man­ning wur­de spä­ter zu 35 Jah­ren Haft ver­ur­teilt, weil er Wiki­Leaks rund 800.000 Geheim­do­ku­men­te über­ge­ben hat­te. Der Ex-Sol­dat war eine Art Zeu­ge der Ankla­ge der Mili­tär­staats­an­wäl­te.

Im Rah­men ihrer Bericht­erstat­tung zum Frie­dens­no­bel­preis letz­te Woche schrieb die dpa dann:

Unter den bekann­ten Kan­di­da­ten in die­sem Jahr ist auch Chel­sea Man­ning (frü­her Brad­ley Man­ning). Dem eins­ti­gen US-Whist­le­b­lower räumt der Prio-Direk­tor aber wenig Chan­cen ein. „Es gibt kei­nen Zwei­fel, dass die Ent­hül­lun­gen sehr zur inter­na­tio­na­len Debat­te über Über­wa­chung bei­getra­gen haben“, sagt Harp­vi­ken. Ethisch und mora­lisch reflek­tie­re Man­ning aber zu wenig, was sie getan habe.

Tat­säch­lich hat­te die Agen­tur in der Zwi­schen­zeit die Ent­schei­dung getrof­fen, zukünf­tig immer von „Wiki­leaks-Infor­man­tin Chel­sea Man­ning“ zu schrei­ben und im wei­te­ren Text­ver­lauf mög­lichst schnell zu erklä­ren, dass Chel­sea als Brad­ley Man­ning vor Gericht gestan­den habe. Wie mir ihr Spre­cher Chris­ti­an Röwekamp auf Anfra­ge erklär­te, hat die dpa nach Abstim­mung mit ande­ren Agen­tu­ren am 6. Sep­tem­ber eine ent­spre­chen­de Pro­to­koll­no­tiz in ihr Regel­werk „dpa-Kom­pass“ auf­ge­nom­men, in dem sonst etwa die Schreib­wei­sen bestimm­ter Wör­ter gere­gelt wer­den.

Der Evan­ge­li­sche Press­dienst epd war da offen­bar nicht dabei. Er schrieb am 11. Okto­ber:

Gute Chan­cen auf den Frie­dens­no­bel­preis wur­den auch dem frü­he­ren US-Prä­si­den­ten Bill Clin­ton, dem Wiki­Leaks-Infor­man­ten Brad­ley Man­ning und der afgha­ni­schen Men­schen­recht­le­rin Sima Samar ein­ge­räumt.

Wie ein­fach es eigent­lich geht, hat­te die „FAZ“ am 9. Sep­tem­ber bewie­sen:

Der Umgang mit Chel­sea (vor­mals Brad­ley) Man­ning, die Cau­sa Snow­den mit trans­at­lan­ti­scher Sip­pen­haft gegen ihn unter­stüt­zen­de Jour­na­lis­ten und der Umgang mit den Geheim­dienst- und Mili­tär-Whist­le­b­lo­wern ins­ge­samt zeigt über­deut­lich, welch unkon­trol­lier­te Macht der „deep sta­te“ der Diens­te mitt­ler­wei­le hat und wie unbe­rührt von öffent­li­chem Pro­test er agiert.

Am 5. Okto­ber schrieb die „FAZ“ dann aller­dings wie­der:

Ohne die von Brad­ley Man­ning an die Ent­hül­lungs­platt­form Wiki­leaks gelie­fer­ten gehei­men Regie­rungs­do­ku­men­te hät­te Maz­zet­ti man­che Zusam­men­hän­ge nicht rekon­stru­ie­ren kön­nen.

Nun zäh­len die The­men­fel­der Trans­gen­der und Trans­se­xua­li­tät im Jahr 2013 immer noch zu den etwas außer­ge­wöhn­li­che­ren, sind aber zumin­dest immer mal wie­der in Sicht­wei­te des Main­streams. Bali­an Busch­baum etwa, der als Yvonne Busch­baum eine erfolg­rei­che Stab­hoch­sprin­ge­rin war, ist häu­fi­ger in Talk­shows zu Gast und wird dort mehr oder weni­ger augen­zwin­kernd angel­anzt, wie das denn jetzt so sei mit einem … hihi: Penis. Der Ame­ri­ka­ner Tho­mas Bea­tie durf­te als „schwan­ge­rer Mann“ die Kurio­si­tä­ten­ka­bi­net­te der Bou­le­vard­me­di­en fül­len. Mina Capu­to wur­de mal Keith genannt und war als Sän­ger von Life Of Ago­ny bekannt und Lau­ra Jane Grace von der Band Against Me! begann ihre Kar­rie­re als Tom Gabel – was die Komi­ker von „Spie­gel Online“ sei­ner­zeit zu der pie­tät­vol­len Über­schrift „Gabel unterm Mes­ser“ inspi­riert hat­te.

Vie­le haben in ihrem Bekann­ten­kreis kei­ne Trans­men­schen (oder wis­sen nichts davon) und wis­sen nicht, wie sie mit einem umge­hen soll­ten. Für Jour­na­lis­ten, die aus der Fer­ne über sie schrei­ben, ist es aber mei­nes Erach­tens erst ein­mal nahe­lie­gend, die Namen und Per­so­nal­pro­no­mi­na zu ver­wen­den, die sich die betref­fen­den Per­so­nen erbe­ten haben. Und Chel­sea Man­ning hat dies expli­zit getan.

In ver­gleichs­wei­se all­täg­li­chen Situa­tio­nen schei­nen Jour­na­lis­ten übri­gens weni­ger über­for­dert: Muham­mad Ali und Kareem Abdul-Jab­bar waren schon bekann­te Sport­ler, als sie zum Islam kon­ver­tier­ten und ihre neu­en Namen annah­men. Durch Ehe­schlie­ßun­gen und ‑schei­dun­gen wech­sel­ten Schau­spie­le­rin­nen wie Robin Wright, Poli­ti­ke­rin­nen wie Kris­ti­na Schrö­der und Schmuck­de­si­gne­rin­nen wie Ales­san­dra Pocher ihre Namen und die Pres­se zog mit. Und der Fern­seh­mo­de­ra­tor Max Moor hieß bis zum Früh­jahr die­ses Jah­res Die­ter, was – nach einem kur­zen Moment des Nase­rümp­fens und Drü­ber­lus­tig­ma­chens – inzwi­schen auch kei­nen mehr inter­es­siert.

Hof­fent­lich braucht es weni­ger als 35 Jah­re, bis Chel­sea Man­nings Bit­te von den deut­schen Medi­en erhört wird.

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Schwarz-grün ist die Haselnuss

Ja, es war die Halb­zeit­pau­se des Fuß­ball­län­der­spiels Schwe­den – Deutsch­land, in die das „Heu­te Jour­nal“ ges­tern Abend hin­ein­sen­den muss­te. 9,3 Mil­lio­nen saßen vor dem Fern­se­her (oder, rea­lis­ti­scher: lie­ßen den Fern­se­her an, als sie gera­de erst zum Klo und dann zum Kühl­schrank gin­gen) und soll­ten sich jetzt, nach einer aus deut­scher Sicht eher ent­täu­schen­den ers­ten Halb­zeit, auf so kna­cki­ge The­men und Fremd­wör­ter wie „Son­die­rungs­ge­sprä­che“ ein­las­sen.

Mari­et­ta Slom­ka tat also lie­ber mal so, als wür­de sie mit einem Erst­kläss­ler spre­chen, des­sen Ent­wick­lung noch etwas hin­ter der sei­ner Alters­ge­nos­se hin­ter­her­hinkt. Bei den Gesprä­chen zwi­schen Uni­on und SPD am Mon­tag wur­de, so Frau Slom­ka, „nicht mehr mit Wat­te­bäusch­chen gewor­fen – es soll sogar rich­tig laut gewor­den sein“. Das mache die heu­ti­gen Son­die­rungs­ge­sprä­che mit den Grü­nen „natür­lich noch inter­es­san­ter“.

Es sei auf jeden Fall „eine span­nen­de Par­tie“, augen­zwin­ker­te Mari­et­ta Slom­ka noch. Dann ging’s los:

Hin­ter den zuge­zo­ge­nen Vor­hän­gen sit­zen sie noch immer: Schwar­ze und Grü­ne. Ein Spiel dau­ert 90 Minu­ten, heißt es, Koali­ti­ons­son­die­run­gen aber viel, viel län­ger.

Es sah ein biss­chen so aus, als wür­den zwei Mann­schaf­ten den Platz betre­ten. Vor über vier Stun­den, vor dem, ja: Ent­schei­dungs­spiel über eine mög­li­che schwarz-grü­ne Koali­ti­on.

Als würden zwei Mannschaften den Platz betreten (Screenshots: ZDF).

Wahr­schein­lich muss man froh sein, dass das „Heu­te Jour­nal“ ges­tern nicht in der Ring­pau­se eines Box­kampfs oder zwi­schen zwei Fol­gen irgend­ei­ner skan­di­na­vi­schen Kri­mi­se­rie lief. Aber das macht es ja nicht bes­ser.

Ob Absicht oder nicht: Das Fuß­ball-Fee­ling wur­de noch ver­stärkt durch einen lei­der nicht unter­ti­tel­ten O‑Ton des baye­ri­schen Grü­nen-Poli­ti­kers Anton Hof­rei­ter, von dem man als Nicht-Bay­er ent­spre­chend wenig ver­stand.

Also wei­ter im Off-Text:

Die Chan­cen, dass die Grü­nen­spit­ze sich für eine schwarz-grü­ne Koali­ti­on aus­spricht, sind indes gering. Zu groß die Unter­schie­de zur Uni­on, etwa bei der Kli­ma­po­li­tik, beim Umgang mit Flücht­lin­gen. Auf bei­den Sei­ten aber will sich nie­mand dem Vor­wurf aus­set­zen, die neue Macht­paa­rung nicht wirk­lich geprüft zu haben.

Klingt soweit meta­phern-unver­däch­tig, wenn ZDF-Repor­ter Tho­mas Reich­art beim Wort „Macht­paa­rung“ nicht die Anfüh­rungs­zei­chen, die Kur­siv­set­zung und Fet­tung aus dem Skript mit­ge­spro­chen hät­te.

Dann schwang er sich wie­der auf sein von vor­ne her­ein ziem­lich ange­schla­ge­nes Meta­phern-Pferd:

Bei den Grü­nen gehen sie trotz­dem davon aus, dass es am Ende wohl zur Gro­ßen Koali­ti­on kommt, auch wenn Scharz und Rot ges­tern mit­ein­an­der ein eher rup­pi­ges Spiel hat­ten.

Das Werk schließt mit den Wor­ten:

Solan­ge die Vor­hän­ge zuge­zo­gen sind, ist schwarz-grün noch im Spiel. Es hat aber: nur noch Außen­sei­ter­chan­cen.

Das „Heu­te Jour­nal“ in der ZDF-Media­thek.

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No Meat Today

Ich weiß, das The­ma ist alt und eigent­lich längst … geges­sen, aber gera­de popp­te in mei­nem Gehirn dann doch noch eine Fra­ge zum soge­nann­ten „Veggie Day“ auf:

War­um wäre es eigent­lich empö­rend, wenn der Staat uns vor­schrie­be, was wir (oder: Men­schen, die in einer Kan­ti­ne essen müs­sen) an einem Wochen­tag nicht essen sol­len, aber es ist über­haupt nicht empö­rend, wenn eine Fir­ma, die bei der Aus­schrei­bung des Kan­ti­nen­be­triebs am bil­ligs­ten war, uns vor­schreibt, was wir an allen Tagen essen sol­len?

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Rundfunk Politik

Ich bin ein Kalauer

Eines ist schon mal sicher: US-Prä­si­dent Barack Oba­ma wird heu­te Nach­mit­tag in Ber­lin eine his­to­ri­sche Rede hal­ten. Drun­ter geht nicht, sonst ist Kai Diek­mann ent­täuscht.

Es ist ein will­kom­me­ner Anlass, mich einem Trau­ma zu wid­men, das mich seit fast zwan­zig Jah­ren ver­folgt: Im Som­mer 1994 hat­ten mir mei­ne Eltern anläss­lich der Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft in den USA erlaubt, wäh­rend der gro­ßen Feri­en einen Fern­se­her in mei­nem Kin­der­zim­mer auf­zu­stel­len. 1 Da nicht die gan­ze Zeit Fuß­ball lief, ich den Fern­se­her wäh­rend der sechs Wochen aber aus­gie­big nut­zen woll­te, muss­te ich mich auch an die ande­ren Inhal­te der damals sechs frei emp­fang­ba­ren Pro­gram­me her­an­ar­bei­ten. Ich sah also alle Fol­gen der Wie­der­ho­lung der inzwi­schen völ­lig in Ver­ges­sen­heit gera­te­nen TV-Serie „Wenn die Lie­be hin­fällt“ mit Bri­git­te Mira, die RTL-Late-Night-Show von Tho­mas Koschwitz und auch ein eher tra­shi­ges ZDF-For­mat mit dem dama­li­gen In-ein-Bana­nen-Mikro­fon-Spre­cher und heu­ti­gen Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker Ken Jeb­sen, das offen­bar „Mond­schein­show“ hieß.

Ich erin­ne­re mich an weni­ge Inhal­te die­ser Sen­dung, aber ich erin­ne­re mich dun­kel, dass ich sie schon als Zehn­jäh­ri­ger ziem­lich doof fand. Fern­seh­pro­du­zen­ten wären also gut bera­ten, die alten Bän­der noch ein­mal raus­zu­su­chen – die glei­chen Inhal­te kann man ja heu­te sicher noch mal auf die Zuschau­er los­las­sen, wenn man sie nur mil­de über­for­dern will.

Jeden­falls fiel in die­sen Som­mer auch der Besuch von US-Prä­si­dent Bill Clin­ton in Ber­lin. Bei Koschwitz war ein Schü­ler­zei­tungs­re­por­ter zu Gast, der ein Inter­view mit Clin­ton geführt hat­te, und in der „Mond­schein­show“ alber­te sich Jeb­sen im Vor­feld durch Ber­lin und such­te nach deutsch­spra­chi­gen Sät­zen, die Clin­ton in der Tra­di­ti­on von Ken­ne­dys „Ich bin ein Ber­li­ner“ zum Bes­ten geben könn­te. 2

Die Idee, mit der er am Ende selbst ankam, hat sich seit­dem in mei­nem Hirn fest­ge­fres­sen:

Ber­lin ist schön, so steht’s im Skript. Ich, Clin­ton, hab es nicht getippt!

Was macht eigent­lich Oli­ver Pocher heu­te?

  1. Die WM ist noch nicht das Trau­ma, aber nah dran.[]
  2. Ich mer­ke gera­de: Die stets der Zukunft zuge­wand­ten Leu­te von der „Bild“-Zeitung haben sich offen­bar die alten Bän­der kom­men las­sen.[]
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Digital Politik

Alles Könner

Erin­nern Sie sich noch an die Zeit, kurz bevor und kurz nach­dem Barack Oba­ma zum US-Prä­si­den­ten gewählt wur­de? Die Men­schen in aller Welt waren von einer eigen­tüm­li­chen Eupho­rie beseelt – und von einer schwe­ren lin­gu­is­ti­schen Demenz, die sich als äußerst anste­ckend erwies. Oba­mas Wie­der­wahl im ver­gan­ge­nen Novem­ber wur­de da schon in jeder Hin­sicht reser­vier­ter auf­ge­nom­men.

Ich hat­te mein Blog mit den gesam­mel­ten Oba­ma-Tritt­brett­fahr­ten schon fast ver­ges­sen. Und dann kam ges­tern die­se E‑Mail:

Lie­be Blog­ge­rin­nen und Blog­ger,

Jugend­li­che aus der You­Tube-Com­mu­ni­ty waren in den letz­ten Wochen auf­ge­for­dert, ihre Bewer­bungs­vi­de­os für die You­Tube-Kanz­ler­schaft 2013 zu pro­du­zie­ren und online zu stel­len. Über 5000 User haben jetzt gewählt und fünf Spit­zen­kan­di­da­ten ins Ren­nen geschickt. Bei der fina­len Poli­tik-Game­show „Yes, You Kanz­ler!“ wer­den die Jugend­li­chen von nam­haf­ten Politiker/​innen gecoacht; durch den Abend führt Pro­Sie­ben-Mode­ra­to­rin Had­net Tes­fai. Wir laden Blogger/​innen herz­lich ein über das gro­ße Wahl­fi­na­le zu berich­ten und per­sön­lich vor­bei­zu­kom­men.

Bei Inter­es­se fin­den Sie wei­te­re Infor­ma­ti­on hier.

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Rundfunk Politik

Gefahr für den Euro — Hoffnung für die Mark

Sei­en wir ehr­lich: Inzwi­schen ver­steht ver­mut­lich kein Mensch auf die­sem Pla­ne­ten mehr, wor­um es bei den immer neu­en Kri­sen­gip­feln, Ret­tungs­pa­ke­ten- und Schir­men geht, die zum Erhalt des Euro abge­hal­ten, geschnürt und auf­ge­spannt wer­den.

Dabei ist es nicht so, als ob die Fra­ge, ob Euro­pa auf der Kip­pe steht, eine neue sei.

Es ist genau genom­men eine fast 16 Jah­re alte:

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Politik Gesellschaft

Liebe ist …

… über die eige­ne Frau zu sagen, man habe sie „als eine über­zeu­gen­de Reprä­sen­tan­tin eines mensch­li­chen und eines moder­nen Deutsch­lands wahr­ge­nom­men“.

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Digital Politik

Christian Wulff schockt Redakteure

So lang­sam wird es wirk­lich eng für Chris­ti­an Wulff. „Spie­gel Online“ kann heu­te mit einer wei­te­ren Ent­hül­lung auf­war­ten, die den Rück­halt des Bun­des­prä­si­den­ten wei­ter schmä­lern dürf­te.

Für wie bri­sant die Redak­teu­re die neu­es­te Geschich­te hal­ten, zeigt schon ihre Plat­zie­rung: Auf der Start­sei­te, direkt unter dem Auf­ma­cher.

Wulffs Verhältnis zu den Medien: "Manchmal schock ich Redakteure". Der Bundespräsident hat ein schwieriges Verhältnis zu den Medien, nicht erst seit dem Anruf beim "Bild"-Chef. Schon als Ministerpräsident wetterte Christian Wulff gegen kritische Berichterstattung. Selbst bei einem Auftritt mit Kindern gab es Schelte vom damaligen Landesvater.

Mei­ne Güte, der Mann schreckt aber auch vor nichts zurück:

Selbst bei einem Auf­tritt mit Kin­dern gab es Schel­te vom dama­li­gen Lan­des­va­ter.

Das klingt, als habe der ehe­ma­li­ge Traum-Schwie­ger­sohn Kin­der vor den Augen von Jour­na­lis­ten ver­dro­schen – und ist völ­li­ger Unsinn.

Zuge­tra­gen hat­te sich bei der „Kin­der-Pres­se­kon­fe­renz“ der „Braun­schwei­ger Zei­tung“ im Jahr 2008 laut „Spie­gel Online“ fol­gen­des:

Er sagt zwar, er kön­ne mit Kri­tik gut umge­hen, aber nur, wenn er sie für berech­tigt hal­te. „Wenn Kri­tik unbe­rech­tigt ist, bin ich genau­so ärger­lich wie jeder, der sich kri­ti­siert fühlt, das aber nicht ein­se­hen will.“ Und dann wen­det er sich an sein Publi­kum, die fra­ge­stel­len­den Kin­der, damit die ver­ste­hen, dass es beim Berufs­po­li­ti­ker Wulff und der Pres­se genau­so ist wie bei ihnen, wenn sie von ihren Eltern einen Rüf­fel bekom­men. Schließ­lich wür­den die Kin­der auch schmol­len und sich zurück­zie­hen, wenn die Eltern meckern. „Inso­fern bin ich bei Kri­tik, wenn sie unbe­rech­tigt ist, manch­mal sehr grim­mig“, so Wulff.

Noch 20 Jah­re spä­ter kön­ne er sich an unlieb­sa­me Bericht­erstat­tung erin­nern, prahlt Wulff, und erzählt dann, wie er Jour­na­lis­ten direkt ange­he: „Manch­mal schock‘ ich Redak­teu­re, die was geschrie­ben haben, und sage: Damals, ’81, lin­ke Spal­te, drit­te Sei­te – und das neh­men die mir manch­mal übel!“ Denn Wulff weiß: „Wenn Jour­na­lis­ten mal kri­ti­siert wer­den, dann kann ich euch sagen, dann ist was los.“ Das könn­ten die Jour­na­lis­ten näm­lich über­haupt nicht aus­hal­ten.

(Wenn Wulff „ich bin ärger­lich“ sagt, meint er damit, dass er ver­är­gert sei. So viel zum Gerücht, die Nie­der­sach­sen hät­ten kei­ne merk­wür­di­ge Spra­che.)

Die Behaup­tung, dass (eini­ge) Jour­na­lis­ten kei­ne Kri­tik ver­trü­gen, ist – ver­gli­chen mit Wulffs stra­te­gi­schem Ver­hält­nis zur Wahr­heit und sei­nen bemer­kens­wer­ten Inter­pre­ta­ti­on von Begrif­fen wie „markt­üb­lich“ – ein beto­nier­tes Fakt. Nicht häu­fig, aber häu­fi­ger als nie, bekom­men wir beim BILD­blog E‑Mails von Jour­na­lis­ten, denen wir Feh­lern nach­ge­wie­sen oder deren Arbeit wir kri­ti­siert haben, und nicht immer sind die­se Zuschrif­ten sach­lich. In sel­te­nen Fäl­len beschimp­fen uns Chef­re­dak­teu­re in viel­far­bi­gen Tira­den, wes­we­gen ich ganz froh bin, dass ich nicht weiß, wie man die Mail­box an mei­nem Han­dy ein­schal­ten kann.

Dass Wulff vor Kin­dern damit koket­tiert, wie nach­tra­gend er angeb­lich sein kön­ne, ist natür­lich etwas besorg­nis­er­re­gend, aber es spricht doch für sich. Dass Wulff gegen kri­ti­sche Bericht­erstat­tung „wet­ter­te“, wie „Spie­gel Online“ im Vor­spann voll­mun­dig ver­spricht, lässt sich aus die­sen Zita­ten nicht ein­mal mit viel schlech­tem Wil­len her­aus­le­sen.

Im Gegen­teil: Wulff hat es sogar men­scheln las­sen.

„Wir Poli­ti­ker wer­den ja stän­dig kri­ti­siert“, sagt Wulff, „wir haben ein ganz dickes Fell.“ Er wol­le aber auch, dass Men­schen mit dün­nem Fell in der Poli­tik sein kön­nen. Das jedoch sei schwie­rig, man lese ja jeden Tag was über sich in der Zei­tung. „Das ist nicht alles nur posi­tiv.“

Nun hat sich in den letz­ten Wochen der Ein­druck auf­ge­drängt, dass Wulffs Fell in etwa so dick ist wie das eines Nackt­mulls in der Mau­ser. Inso­fern kann der Rück­blick auf die­se harm­lo­se Ver­an­stal­tung – natür­lich beglei­tet von einem 37-sekün­di­gen Video mit Wer­bung – durch­aus loh­nens­wert sein.

Aber doch bit­te nicht der­art bemüht:

Doch selbst bei die­ser harm­lo­sen Ver­an­stal­tung, fast vier Jah­re vor sei­nem umstrit­te­nen Anruf beim „Bild“-Chefredakteur, zeig­te Wulff, wie sehr ihm Jour­na­lis­ten auf die Ner­ven gehen – und wie nach­tra­gend er bei kri­ti­scher Bericht­erstat­tung ist.

Im Übri­gen schafft es der Arti­kel, Wulffs Image zumin­dest bei mir wie­der ein biss­chen auf­zu­po­lie­ren: Ein Mann, der angibt, Tapi­re und Mana­tis zu mögen, kann kein ganz schlech­ter Mensch sein.

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Der größte Fehler des Christian Wulff

Ich habe ein biss­chen Angst, einen Blog­ein­trag über Chris­ti­an Wulff anzu­fan­gen, weil es bei der aktu­el­len Gemenge­la­ge denk­bar ist, dass der Mann schon nicht mehr Bun­des­prä­si­dent ist, bevor ich den Text das ers­te Mal Kor­rek­tur lesen kann.

Natür­lich kann Wulff sei­nen Ver­such fort­set­zen, gegen die gesam­te deut­sche Pres­se, aber mit dem deut­schen Volk im Amt zu blei­ben. Das hat zwar schon bei Karl-Theo­dor zu Gut­ten­berg nicht funk­tio­niert (und der hat­te immer­hin bis zum Schluss die „Bild“ auf sei­ner Sei­te), aber Wun­der gibt es immer wie­der.

Zwar war Wulffs Rück­halt in der Bevöl­ke­rung vor dem gest­ri­gen TV-Inter­view schon merk­lich gesun­ken (am Mitt­woch waren nur noch 47 Pro­zent dafür, dass Wulff im Amt blei­ben soll­te, am Mon­tag waren es noch 63 Pro­zent), aber viel­leicht hat Wulff das soge­nann­te ein­fa­che Volk mit sei­nem merk­wür­di­gen Auf­tritt bei ARD und ZDF bes­ser über­zeu­gen kön­nen als die Jour­na­lis­ten. Wahr­schein­lich ist dies aller­dings auch nicht.

Wie dem auch sei: So lan­ge die Affä­re Wulff die Titel­sei­ten füllt und wei­te Tei­le der Nach­rich­ten­sen­dun­gen aus­füllt, so lan­ge geht natür­lich unter, dass sich Euro­pa immer noch in einer gro­ßen Kri­se befin­det, dass sich die Stim­mung zwi­schen dem Iran und dem Rest der Welt täg­lich ver­schlech­tert. Und ich mei­ne das nicht in dem Sinn, mit dem Online-Kom­men­ta­to­ren „Habt Ihr denn sonst kei­ne Sor­gen?“ fra­gen.

Als Richard Nixon im Zuge der Water­ga­te-Affä­re sei­nen Rück­tritt als US-Prä­si­dent erklär­te, tat er dies mit den unsterb­li­chen Wor­ten:

I have never been a quit­ter.

To lea­ve office befo­re my term is com­ple­ted is abhor­rent to every instinct in my body. But as Pre­si­dent, I must put the inte­rests of Ame­ri­ca first.

Ame­ri­ca needs a full-time Pre­si­dent and a full-time Con­gress, par­ti­cu­lar­ly at this time with pro­blems we face at home and abroad.

Nun unter­schei­den sich die Befug­nis­se von US- und Bun­des­prä­si­dent fun­da­men­tal: Ver­mut­lich wür­de es nie­man­dem auf­fal­len, wenn Chris­ti­an Wulff die letz­ten drei­ein­halb Jah­re sei­ner Amts­zeit tat­säch­lich aus­schließ­lich mit der Beant­wor­tung der vie­len, vie­len Jour­na­lis­ten­an­fra­gen ver­bräch­te. Einen Voll­zeit­prä­si­den­ten hat­te und brauch­te Deutsch­land nie – wes­we­gen ich übri­gens den Vor­schlag von Fried­rich Küp­pers­busch aufs Hef­tigs­te begrü­ße, das Amt des haupt­be­ruf­li­chen Grüß­au­gusts abzu­schaf­fen und den Bun­des­tags­prä­si­den­ten zum Staats­ober­haupt zu machen.

Wulff lähmt viel­leicht noch nicht ein­mal die Poli­tik – Poli­ti­ker von Koali­ti­on und Oppo­si­ti­on, die sich wort­ge­wal­tig vor TV-Kame­ras um das Anse­hen des höchs­ten Amts im Staa­te sor­gen, kön­nen in die­ser Zeit kei­nen ande­ren Scha­den anrich­ten. Aber Wulff lähmt das öffent­li­che Leben in Deutsch­land: Die Medi­en beschäf­ti­gen sich seit Tagen mit kaum etwas ande­rem und wis­sen ver­mut­lich längst, was sie als nächs­tes noch alles auf­de­cken wer­den – als Fort­set­zungs­ro­man ver­kauft sich jeder Skan­dal bes­ser denn als abge­schlos­se­ne Erzäh­lung und wer hat denn gesagt, dass Sala­mi­tak­ti­ken nur etwas für Poli­ti­ker sind? Der volks­wirt­schaft­li­che Scha­den, der seit Tagen durch die vie­len Wulff-Wit­ze (seit ges­tern auch noch: Schaus­ten-Wit­ze) auf Face­book und Twit­ter ent­steht, die alle wäh­rend der Arbeits­zeit gele­sen und geteilt wer­den müs­sen, ist sicher auch nicht zu ver­ach­ten.

Chris­ti­an Wulff hat in dem gest­ri­gen Inter­view viel davon gespro­chen, dass er Freun­de und Fami­lie habe schüt­zen wol­len und sich des­halb mit Infor­ma­tio­nen zurück­ge­hal­ten habe. Es steht außer Fra­ge, dass die Redak­tio­nen noch genug Muni­ti­on haben, um den waid­wun­den Prä­si­den­ten abzu­schie­ßen (um mal eine mar­tia­li­sche Phra­se zu ver­mei­den). Die Chan­cen ste­hen gut, dass es dabei um wei­te­re Details aus sei­nem Freun­des- und Bekann­ten­kreis geht. Auch wenn ich nicht glau­be, dass die in den ver­gan­ge­nen Tagen mehr oder weni­ger offen kol­por­tier­ten Gerüch­te zutref­fen, so wäre Chris­ti­an Wulff doch gut bera­ten, sein Umfeld aus der Schuss­li­nie zu brin­gen.

Ande­rer­seits könn­te es sein, dass das nun auch nichts mehr bringt: Wulff hat ges­tern im Fern­se­hen erzählt, er habe „Bild“-Chefredakteur Kai Diek­mann auf des­sen Mail­box gebe­ten, „um einen Tag die Ver­öf­fent­li­chung zu ver­schie­ben, damit man dar­über reden kann, damit sie sach­ge­mäß aus­fal­len kann“. Diek­mann hielt heu­te dage­gen und bat Wulff öffent­lich um die Geneh­mi­gung, den Wort­laut des Anrufs ver­öf­fent­li­chen zu dür­fen. Allein für die­se Gele­gen­heit, dass sich Kai Diek­mann als mora­li­sche Instanz und flau­schi­ges Unschulds­lamm prä­sen­tie­ren kann, muss man Wulff ver­ach­ten. Jetzt hat Wulff abge­lehnt und damit mut­maß­lich die Pfor­ten zur Höl­le auf­ge­sto­ßen.

Der prä­si­dia­le Aus­ras­ter auf sei­ner Mail­box dürf­te kaum Diek­manns letz­ter Trumpf gewe­sen sein. Wahr­schein­lich ging er fest davon aus, dass Wulff sei­ne Bit­te zur Ver­öf­fent­li­chung nega­tiv beschei­den wür­de, und hat die Anfra­ge des­halb gleich öffent­lich gemacht. Diek­mann konn­te zwei Mal „im Sin­ne der von Ihnen ange­spro­che­nen Trans­pa­renz“ argu­men­tie­ren und hat den Prä­si­den­ten damit fak­tisch schach­matt gesetzt: Setzt man vor­aus, dass Diek­manns Ver­si­on der Geschich­te stimmt, wäre Wulff der Lüge über­führt gewe­sen und damit end­gül­tig untrag­bar. Setzt man vor­aus, dass Wulffs Ver­si­on stimmt, hat er jetzt immer noch das Pro­blem, nicht „im Sin­ne der Trans­pa­renz“ gehan­delt zu haben. Er konn­te nur noch ver­lie­ren.

Es ist leicht, auf einen Abzock­voll­pro­fi wie Kai Diek­mann rein­zu­fal­len, aber einem Spit­zen­po­li­ti­ker (auch wenn er „ohne Karenz­zeit, ohne Vor­be­rei­tungs­zeit“ in sein aktu­el­les Amt gekom­men ist) soll­te das nicht pas­sie­ren. Ich fän­de es depri­mie­rend, sagen zu müs­sen, dass man sich mit „Bild“ nicht anle­gen soll­te, und glau­be das auch nicht. Aber man muss schon wis­sen, wie man es macht – und dabei in einer etwas glück­li­che­ren Aus­gangs­po­si­ti­on sein, als Wulff es war.

Kaum jemand stol­pert, pri­vat oder beruf­lich, über einen ein­zel­nen gro­ßen Feh­ler. Meist ist es eine unglück­se­li­ge Ver­ket­tung vie­ler klei­ner und mitt­le­rer Feh­ler. Egal, was jetzt noch raus­kommt: Der größ­te Feh­ler, den Chris­ti­an Wulff in mei­nen Augen gemacht hat, war der, „Bild“ und Kai Diek­mann die Gele­gen­heit zu geben, sich als seriö­se, mora­li­sche Jour­na­lis­ten insze­nie­ren zu kön­nen, was ihnen die Men­schen viel­leicht mehr abkau­fen als Wulff sei­ne Rol­le als reu­iger Sün­der. Wulff hat „Bild“ die Macht zurück­ge­ge­ben, die die Zei­tung eigent­lich nicht mehr hat­te.

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Christian Wulff im Wortlaut

Sie kön­nen es heu­te über­all lesen: Bun­des­prä­si­dent Chris­ti­an Wulff hat „Bild“-Chefredakteur Kai Diek­mann mit dem „end­gül­ti­gen Bruch“ gedroht, falls die Zei­tung über sei­nen Pri­vat­kre­dit berich­te.

Eini­ge Zita­te vom Über­schrei­ten des „Rubi­kons“ und „Krieg füh­ren“ sind schon bekannt gewor­den, aber der genaue Wort­laut ist bis­her nicht kol­por­tiert.

Bis­her, denn Cof­fee And TV hat den Mit­schnitt von Kai Diek­manns Mail­box exklu­siv:

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Man hat sich entschuldigt

In unse­rer belieb­ten Rei­he „Öfter mal ‚man‘ sagen“ heu­te zu Gast: Karl-Theo­dor zu Gut­ten­berg, Ex-Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter und Ex-Dok­tor.

In dem ohne­hin hoch­gra­dig ver­stö­ren­den Gespräch, das „Zeit“-Chefredakteur Gio­van­ni di Loren­zo mit Gut­ten­berg geführt hat, ereig­net sich unter ande­rem fol­gen­der Dia­log:

ZEIT: Wel­che Fra­gen sind es denn, die Ihnen die Wohl­mei­nen­den stel­len?

Gut­ten­berg: Es ist vor allem die Fra­ge, wie es bei jeman­dem, des­sen poli­ti­sche Arbeit man sehr geschätzt hat, zu einer so unglaub­li­chen Dumm­heit wie die­ser Dok­tor­ar­beit kom­men konn­te. Und ich hat­te noch nicht die Mög­lich­keit, die­se Fra­gen in aller Offen­heit zu beant­wor­ten.

ZEIT: Was kön­nen Sie denn jetzt in aller Offen­heit sagen?

Gut­ten­berg: Es steht völ­lig außer Fra­ge, dass ich einen auch für mich selbst unge­heu­er­li­chen Feh­ler began­gen habe, den ich auch von Her­zen bedaue­re. Das ist in die­ser sehr hek­ti­schen Zeit damals auch ein Stück weit unter­ge­gan­gen. Eben­so, wie man sich damals bereits ent­schul­digt hat.