Viel zu tun hatte ein Einbrecher, um alle Sicherungseinrichtungen zu beseitigen. Zunächst hebelte er die Haustür, dann die Zwischentür und schließlich eine Gittertür auf, um in ein Schuhgeschäft zu gelangen. Hier wurde der Kassenbereich durchwühlt und aus der Registrierkasse Bargeld im dreistelligen Bereich entwendet. Schuhe waren dabei offenbar völlig uninteressant, was die Frage nach dem Geschlecht des Einbrechers nahe legt. Die Ermittlungen werden es hoffentlich bald zeigen. Die Kripo hat die Ermittlungen aufgenommen. (FiA)
Verfasserin ist interessanterweise eine Frau. Aber immerhin müsste die inzwischen ehemalige „Bild“-Gerichtsreportagepraktikantin Alice Schwarzer ja wieder genügend Zeit haben, sich darüber ausgiebig aufzuregen.
Japan-Reisende, die derzeit spontan von Tokyo nach Deutschland fliegen möchten, müssen zurzeit viel Geld bezahlen – bis zu 8.200 Euro für ein Eco-Ticket. Das ergab eine Auswertung des größten deutschen Flugportals fluege.de (2 Mio. Nutzer im Monat, AGOF internet facts 2010-III). Wer Japans Katastrophe lieber stilvoll mit einem First-Class-Ticket entkommen möchte, der muss derzeit beispielsweise für einen Flug von Tokyo nach München sogar über 20.000 Euro bezahlen. (…)
Am Ende sind sie alle geschockt. Auf den Fernsehschirmen ist Adolf Hitler zu sehen, der „Führer“ ihrer Organisation. „Ja, ja, Ihr wärt alle gute Nazis gewesen“, sagt ihr Lehrer Ben Ross 1 und die Schüler in der vollbesetzten Aula schweigen betreten. Steht „Die Welle“ von Morton Rhue eigentlich immer noch auf dem Lehrplan von Englischkursen?
Es ist schwer zu sagen, woher ausgerechnet bei einer eher als unpolitisch gescholtenen Jugend plötzlich diese Begeisterung für einen einzelnen Minister herkommt – noch dazu für einen von der CSU, die sonst nicht unbedingt einen übermäßigen Zuspruch junger Wähler erfährt. Ist es wirklich „eine ganz natürliche Neigung der Menschen, nach einem Führer Ausschau zu halten, nach irgendjemandem, der alle Entscheidungen“ trifft, 2 oder fällt das Licht einer Massenhysterie hier eher zufällig auf einen Politiker?
Chuck Klosterman hat einmal geschrieben, 3 dass man wahrscheinlich alle Menschen außerhalb seines engsten Freundeskreises mit einem einzigen Satz beschreiben könne. In Wahrheit reicht vermutlich ein einziges Wort oder Gefühl aus: Der Typ, der auf dem Schulhof immer alleine rumstand? „Nerd“. Die Kellnerin aus dem Café um die Ecke? „Niedlich“. Stefan Effenberg? „Trottel“.
Wer das politische Tagesgeschäft nicht mal mindestens verfolgt, aber an Titelbildern wie „Der coole Baron“, „Die fabelhaften Guttenbergs“ oder „Wir finden die GUTT!“ vorübergeht, speichert den charismatischen Franken natürlich schnell unter „cool“ ab, so wie ich als Kind Helmut Kohl unter „dick und mit Sprachfehler“ abgespeichert hatte. Wenn Guttenbergs Karriere nicht ein jähes vorläufiges Endes gefunden hätte, wäre er bis zur Bundestagswahl 2013 sicher noch auf dem Cover des deutschen „Rolling Stone“ (Herausgeber: Ulf Poschardt) und der „Bravo“ aufgetaucht.
Im Prinzip ist Guttenberg für die jungen Leute also nichts anderes als Justin Bieber, Miley Cyrus oder Katy Perry – und genau auf diesem Level verteidigen die Fans ihr Idol auch. Doch während Diskussionen über musikalische Geschmäcker müßig sind (ich fand „Baby“ von Justin Bieber zum Beispiel gar nicht schlecht), folgen politische Diskussionen für gewöhnlich gewissen argumentativen Regeln. (Dieser Satz ist eine Arbeitshypothese, die bei jeder Bundestagsdebatte und jeder Polit-Talkshow widerlegt wird, aber anders kommen wir hier nie aus dem Quark.)
Wie soll man jetzt jemandem begegnen, der „DIE sind doch nur neidisch!“ für ein zwingendes Argument hält, einen Betrüger im Amt zu halten – noch dazu, wenn dieses „Argument“ auch von führenden Unionspolitikern vorgebracht wird? Was soll man jemandem entgegnen, der wahrscheinlich nicht einmal die Hälfte der Bundesminister namentlich benennen könnte, aber im Brustton der Überzeugung verkündet: „Er war einfach der beste minister von allen!!“? Und wie erklärt man Menschen, die noch nie eine Universität von innen gesehen haben oder – viel schlimmer! – ein hektisches Bachelor/Master-Studium zum Zwecke der schnellen Berufsqualifikation durchlaufen haben, wie erklärt man denen, was wissenschaftliche Ehre und Bildungsgedanken sind?
Insofern kann man der Anruferin, die sich in einer zehnminütigen Diskussion mit dem Radio-Fritz-Moderator Holger Klein wiederfand (von der sie vermutlich anschließend annahm, aus ihr als Siegerin hervorgegangen zu sein), sicher attestieren: „Du bist Deutschland!“
Der Fall Guttenberg war außerhalb des politischen Berlins auch eine Auseinandersetzung zwischen zwei Lagern: Auf der einen Seite die bürgerliche Presse und die entsetzten Akademiker, die den Ruf des Bildungsstandortes Deutschland in akuter Gefahr sahen, auf der anderen Seite „Bild“ und das einfache Volk. Oder, vom Volk abgegrenzt, wie Herder sagen würde: „der Pöbel auf den Gassen, der singt und dichtet niemals, sondern schreyt und verstümmelt.“ 4
Karl-Theodor zu Guttenberg hat viel falsch gemacht, aber Fans, die so etwas womöglich ernst meinen könnten, hat auch er nicht verdient:
Guttenberg ist der PERFEKTE Mensch! Sein selbstkritisches Auftreten, seine uneingeschränkte Ehrlichkeit sowie seine reichhaltige Kompetenz sind unübertroffen. Guttenberg ist der ERLÖSER!!! Er muss WELTHERRSCHER werden, dann würde es durch seine MENSCHLICHKEIT endlich WELTFRIEDEN geben!
Es sind halt Fans und Fans handeln – das weiß jeder, der schon einmal im Fußballstadion oder auf einem Rockkonzert war – nicht immer rational. Entweder, sie bleiben ihren Helden bis zur Selbstverleugnung treu, oder sie sind irgendwann so enttäuscht, dass sie sich gegen ihr Idol stellen.
Ich bin mir sicher, viele der Guttenberg-Fans fanden vor zwei, drei Jahren auch Barack Obama gut – einfach, weil er cool und anders war. Dabei wäre es doch irgendwie beruhigend zu wissen, dass die Menschen den heutigen US-Präsidenten in erster Linie verehren, weil sie seine Meinung teilen und seine Versuche bewundern, seiner Linie trotz allem treu zu bleiben. Dass er dabei unbestreitbar cool und einzigartig ist, kann ja dann gerne einer der weiteren Gründe für seine Beliebtheit sein.
Guttenberg ist dabei gar nicht der erste deutsche Nachkriegs-Politiker, der die Massen zu mobilisieren wusste: 1972 machten junge Leute, die noch lange nicht selbst wählen durften, unter dem Slogan „Willy wählen!“ Wahlkampf für Willy Brandt. Nur: Diese Leute unterstützten Brandt wegen seiner politischen Ansichten, wegen seiner Ostpolitik, ohne die Helmut Kohl nie zum „Kanzler der Einheit“ hätte werden können. Bei Guttenberg konnten nicht einmal aufmerksame Beobachter sagen, wofür er stand und was seine Linie war. Es war ja auch fast jeden Tag eine andere: Bei einer staatlichen Rettung von Opel mit Rücktritt drohen, dann doch im Amt bleiben; den Luftschlag von Kundus „angemessen“ nennen, dann „unangemessen“; in Sachen Gorch Fock keine schnellen Urteile fällen wollen, dann spontan (und im Beisein der „Bild“-Zeitung) den Kommandanten feuern. Und immer waren die Anderen schuld. Wer das ernsthaft als „gute Arbeit“ bezeichnet, den möchte ich nicht meine Heizung reparieren lassen – er könnte ja schon nächste Woche mit den montagebereiten Nachtspeicheröfen vor der Tür stehen.
Wenn Kai Diekmann jetzt vom „grauen Mittelmaß“ der Politiker schreibt, die nun wieder das politische Berlin beherrschten, und Nikolaus Blome die „politische Hygiene“ beklagt, möchte ich ihnen entgegen rufen: Meinetwegen können die Politiker so grau sein, wie sie wollen, sie sollen ihre verdammte Arbeit ordentlich machen und sich anständig verhalten! Politik ist nicht Teil des Showgeschäfts, auch wenn das seit dem Umzug der Bundesregierung nach Berlin immer mal wieder gern vergessen wird.
„Aber das Volk liebt ihn doch!“, wenden Diekmann und Blome dann unisono ein. Der Vorwurf, die Politik höre nicht auf das, was die Bevölkerung wolle, lenkt davon ab, dass selbst „Bild“ es nicht geschafft hat, Guttenberg im Amt zu halten, und damit weiter an Einfluss verloren hat. Stattdessen beklagen ihre Redakteure die weiter fortschreitende „Politikverdrossenheit“, die Journalisten seit 20 Jahren zu erkennen glauben. Dabei wäre es die verdammte Aufgabe von Journalisten, den Bürgern die Zusammenhänge zwischen der graue Politik und ihrem Leben aufzuzeigen und kritisch, aber nicht pauschal verurteilend, zu begleiten, was „die da oben“ eigentlich den ganzen Tag so machen. Die Aufgabe der Presse ist es jedenfalls nicht, Politglamour-Paare hochzuschreiben!
Warum sich das deutsche Volk (oder genauer: große Teile dessen) offenbar mehr als 90 Jahre nach Abschaffung des Adels in Deutschland ausgerechnet einen „Freiherrn“ ins Kanzleramt wünscht, lässt sich eigentlich nur damit erklären, dass die Deutschen zu oft beim Arzt und/oder Friseur sind und ob der Lektüre der dort ausliegenden Magazine eine gewisse Sehnsucht nach Blaublütern verspüren. Das ist irritierend, denn bisher haben wir im Geschichts- und Politikunterricht gelernt, dass die Massen gegen die Klassen kämpfen würden.
Eigentlich ist es den Leuten aber eh egal, zu wem sie aufschauen, so lange sie zu jemandem aufschauen können: Zu Lady Di, zum Papst oder eben zu „KT“ und seiner Stephanie. Die Guttenbergs boten die ölige Projektionsfläche für alle, die niemals König oder Königin von Deutschland werden würden: Ausgestattet mit einem ordentlichen Stammbaum, in einer Bilderbuchehe verheiratet, mit einem Privatvermögen im Rücken, dessentwegen man gar nicht arbeiten müsste. Die Idylle lockte wie ein alter Heimatfilm.
Guttenberg war die personifizierte Umkehr der Zeiten, als die Populärkultur politisch wurde: im Politbetrieb war er „Pop“, was der Kulturwissenschaftler Thomas Hecken als „Kürzel für mal glatte und oberflächliche, mal durchschlagende und intensive Reize“ beschreibt. 5
Ab einem bestimmten Punkt wird jede Bewegung zum Selbstläufer; die Masse findet gut, was beliebt und erfolgreich ist. So lässt sich der plötzliche unfassbare Charterfolg einer 17 Jahre alten Coverversion eines heute mehr als 70 Jahre alten Songs erklären, aber auch der schier unglaubliche Zulauf, den die Pro-Guttenberg-Seiten bei Facebook erfahren. Ich wüsste gerne, wie viele der Guttenberg-Jünger gleichzeitig auch Fans von Unheilig sind.
Nach dem selben Prinzip funktioniert dann auch die Argumentation: Die Leute plappern nach, was sie anderswo (also: bei Gleichgesinnten) schon gehört und nicht verstanden haben. Aber haltlose Behauptungen werden nicht wahrer, wenn sie hundertfach wiederholt werden – und das gilt für beide Seiten, wie die peinliche Geschichte mit dem angeblichen „Star Trek“-Zitat in Guttenbergs Rücktrittsrede beweist.
Dass man Verfehlungen nicht gegeneinander aufwiegt, lernt man normalerweise im Kindergarten. Offenbar wächst sich das mit der Zeit aber wieder raus:
Für mich ist des ne Lapalie!!! Andere sind immernoch im Amt und treiben viel schlimmer Sachen ich sage nur Berlusconi!!!! Dass das nicht ok ist mit dem Doktortitel ist klar aber des hatte nichts mit seiner Arbeit als Politiker zu tun!!!
Wenn nun also ernsthaft junge Menschen, die durchaus Abitur haben und studieren, fragen: „Was hat die gefälschte Doktorarbeit denn mit den politischen Fähigkeiten der Person zu tun?“, muss man erst mal kurz durchatmen und die Blutdruckhemmer einwerfen, bevor man in leicht verständlichen Worten zu erklären versucht, dass man persönlich für seinen Teil Menschen, die als Betrüger entlarvt seien, jetzt eher ungern in politischen Ämtern sähe. Das mit „Vorbildfunktion“ und „Bildungsrepublik“ lässt man lieber direkt weg.
Dann heißt es: „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“, 6 in dezenter Verkennung des Umstandes, dass Jesus das damals ziemlich konkret gemeint hat: Die Pharisäer wollten die Ehebrecherin nämlich steinigen. Nähme man die Geschichte aber als universellen Rechtsgrundsatz, wäre die Besetzung von Richterbänken und Staatsanwaltsposten eine unlösbare Aufgabe.
Ohne Sünde ist niemand (außer die Mutter Gottes in der Katholischen Kirche), aber bestimmte Sünden sorgen einfach dafür, dass man für bestimmte – oder gar alle – Ämter ungeeignet ist. (Die Ausnahme stellt auch hier wieder die CDU/CSU dar, wo man auch noch geschmeidig Verkehrsminister werden kann, nachdem man unter Alkoholeinfluss einen tödlichen Verkehrsunfall verschuldet hat, oder Finanzminister, wenn man sich nicht daran erinnern kann, einmal 100.000 DM in bar entgegengenommen zu haben.) Und dass „alle anderen Politiker auch Dreck am Stecken“ haben sollen, entpuppt sich spätestens dann als windschiefe Verteidigung, wenn der eigene Partner zu einem sagt: „Aber alle anderen gehen doch auch fremd, Schatz!“
Wenn irgendwelche Jungspunde bei Facebook jetzt also „Guttenberg for Reichskaiser“ fordern, können wir nur von Glück sprechen, dass Karl-Theodor zu Guttenberg zweifelsohne ein überzeugter Demokrat ist, und die Demagogen, die Deutschland in den letzten 65 Jahren hervorgebracht hat, allesamt unansehnlich oder rhetorisch überfordert waren – oder in den meisten Fällen gleich beides. Doch wehe, wenn jemand auftauchen sollte, der Pop-Appeal verströmt und nebenbei Volksverhetzung betreibt!
Eines noch zum Schluss: Die Frage „Gibt es denn nichts Wichtigeres auf der Welt?“ ist das dümmste aller dummen Null-Argumente. Denn es gibt ja auch „Wichtigeres als Steuerhinterziehung, Fahren im angetrunkenen Zustand, das Heraustelefonieren von Lustmädchen aus Untersuchungsgefängnissen durch Ministerpräsidenten, Vulgarität und was nicht noch alles“, wie es Jürgen Kaube in der „F.A.Z.“ formuliert hat. 7 Die Antwort lautet also in nahezu jedem Kontext: „Doch, natürlich gibt es Wichtigeres.“ Ginge es danach, müsste uns alles egal sein, was nicht direkt zur Schaffung des Weltfriedens beiträgt. Ich schlage vor, dass wir mit dem Ignorieren der Anzahl von Facebook-Fans anfangen.
Morton Rhue: Die Welle. Ravensburg, 2011 (11984), S. 176.[↩]
In der nicht enden wollenden Debatte über den Betrug Karl-Theodor zu Guttenbergs beim Verfassen seiner Doktorarbeit hat sich ein weiterer Experte zu Wort gemeldet: der Schauspieler und Regisseur Til Schweiger.
„Ich habe, als ich noch studiert habe, auch abgeschrieben“, sagte Schweiger im Radio-Hamburg-Interview. Deswegen jetzt Guttenbergs Rücktritt zu fordern, halte er für übertrieben, „weil ich finde, dass er eigentlich bis jetzt einen super Job gemacht hat als Verteidigungsminister“.
Nun möchte ich nicht verheimlichen, dass meine Meinung über Schweiger seit langem sehr viel schlechter ist als meine Meinung über Guttenberg nach den Ereignissen der letzten Tage. Bei allen Meinungsverschiedenheiten und Zweifeln an seinen Methoden wusste der Minister zumindest bisher wenigstens mit souveränen Auftritten zu überzeugen, bei denen ich dachte: „Ich mag diesen Kerl nicht, aber er macht das schon verdammt gut!“ Wann immer ich Til Schweiger sehe (und vor allem höre), verfluche ich den Tag, an dem Paul Nipkow das Fernsehgerät erfunden hat.
Jedenfalls ist es nicht das erste Mal, dass die Namen „Schweiger“ und „zu Guttenberg“ gemeinsam in der Presse stehen: Von diversen Preis-Verleihungen und „Ein Herz für Kinder“-Galas ab, ist vor allem das Pass-Spiel, das Schweiger seit einiger Zeit via „Bild“ mit Stephanie zu Guttenberg betreibt, bemerkenswert.
Als die Ministergattin sich im vergangenen Herbst als Gast-Moderatorin der umstrittenen RTL-2-Sendung „Tatort Internet“ versuchte und dafür viel Kritik erhielt, meldete sich Schweiger in „Bild“ zu Wort:
Til Schweiger, selbst Vater von vier Kindern, sagte BILD: „Ich verfolge seit 2 Wochen den medialen Aufschrei über das Format ‚Tatort Internet‘ und den Hohn und Spott, der über Frau zu Guttenberg ausgeschüttet wird, das macht mich erst sprachlos und dann vor allen Dingen wütend! In was für einer Gesellschaft leben wir denn?“
Der Schauspieler fragt: „Wo bleibt der Beifall? Wo ist der empörte Aufschrei über diese widerlichen, armseligen Schweine? Hab ich noch nichts von gelesen, ich lese nur von ‚an den Pranger stellen‘, ‚Hexenjagd‘ usw… Warum macht man sich mehr Gedanken um die Privatsphäre von einem Mann, der Kindern pornografische Fotos von sich schickt und sich dann mit ihnen verabredet? So naiv kann doch niemand sein, oder doch? All denen, die in den letzten zwei Wochen ihre hämischen Kommentare verfasst haben, rufe ich zu: Redet mit euren Kindern, klärt auf und warnt sie, denn es könnte euer Kind als nächstes betroffen sein!“
Das war schon eine ganz gute Generalprobe für Schweigers Stammtisch-Auftritt bei Markus Lanz, wo er sich über das „deutsche Gutmenschentum“ und „intellektuelle Menschen“ empörte und Sexualstraftätern ihre Menschenrechte absprechen wollte, was ihm das erwartbare Lob von „Bild“ einbrachte:
Aber nicht nur von „Bild“ selbst:
Auch Stephanie zu Guttenberg (34), Präsidentin der deutschen Sektion von „Innocence in Danger“, hat den TV-Auftritt von Til Schweiger (47) verfolgt. Guttenberg zu BILD: „Es ist toll, dass Til Schweiger unbequeme Wahrheiten ausspricht und seine Popularität dafür einsetzt, Menschen wachzurütteln! Ich weiß, dass ihm viele Menschen zu diesem Mut gratulieren.“
Doch die Ministergattin und der Kreativwirtschaftler kommunizieren nicht nur indirekt:
Schweiger: „(…) Sogar Stephanie zu Guttenberg hat mir eine SMS geschickt.“
BILD: Was hat die Ministergattin geschrieben?
Schweiger: „Sie hat sich bei mir bedankt!“
Falls Karl-Theodor zu Guttenberg doch noch seinen Hut nehmen muss, wäre Schweiger womöglich der Wunsch-Nachfolger der „Bild“-Redaktion. Wobei die Soldaten das vermutlich nicht so gut fänden …
In der aktuellen Debatte um akademische und wissenschaftliche Ehre ist mir eine Geschichte wieder in den Sinn gekommen, die sich vor einiger Zeit an meinem ehemaligen Gymnasium ereignet haben soll und an deren Wahrheitsgehalt ich keinen Grund zu Zweifeln habe:
In einem Englisch-LK war eine Schülerin am Tag der Klausur krank gewesen und musste diese nachschreiben. Wie allgemein üblich wurde sie dafür alleine in einen ungenutzten Raum (ich glaube, es war der Erdkunde-Kartenraum) gesetzt, wo ihr die Aufgabenstellungen vorgelegt wurden. Entgegen der üblichen Vorgehensweise und vermutlich auch entgegen zahlreicher Vorschriften gab ihr der Lehrer exakt die gleichen Arbeitsanweisungen, die er schon dem Rest der Klasse kurz zuvor bei der „echten“ Klausur ausgehändigt hatte.
Interessanterweise hatte die Schülerin in ihrem Rucksack die bereits korrigierte und zurückgegebene Klausur eines Mitschülers, die sie nun über die nächsten Stunden ausführlich abschrieb – entgegen aller schulischen Regeln und jedweder Moral, versteht sich.
Dem Lehrer scheint das Komplett-Plagiat nicht aufgefallen zu sein, jedenfalls wertete er die Klausur nicht als Täuschungsversuch, sondern korrigierte sie ganz normal. Oder: fast, denn er hatte die Original-Arbeit des Schülers deutlich besser (die genauen Details sind niemandem mehr erinnerlich, aber die Rede war von mindestens sechs Punkten, was zwei Noten entspräche) bewertet als die der Schülerin.
Die Schülerin, die sich die ganze Zeit von dem Lehrer ungerecht behandelt gefühlt hatte, konnte natürlich nicht zum Rektor gehen, um sich über ihre Note zu beschweren. Aber eine bemerkenswerte Geschichte war es doch.
„Was im wahren Leben der Mord, ist in der Wissenschaft das Plagiat!“, sagt der Dozent, für den ich vier Jahre lang an der Uni gearbeitet habe. Viele, viele Stunden meiner Tätigkeit als Studentische Hilfskraft habe ich damit zugebracht, verdutzt zu schauen, wenn ich Hausarbeiten oder Essays vorkorrigiert habe. Ob man Plagiate überhaupt erkennen könne, dachte ich. Vor vier Jahren stand ich relativ ratlos vor der Aufgabe, die mir zugeteilt wurde. „Vertrauen Sie auf ihr Gespür!“, wurde mir angeraten, und das war tatsächlich der beste Ratschlag in dieser Geschichte (wie in vielen anderen Geschichten übrigens auch). Das mit den Plagiaten verhielt sich nämlich so: Ein abgegebener Text holpert vor sich hin, und auf einmal wird er brillant. Huch? Google. Treffer.
Oder, wenn ich mich beleidigt fühlen sollte: Auf einmal änderten sich Schriftart oder gar Zeilenumbrüche. Flickarbeiten, Wikipedia-Zitate, hausarbeiten.de-Zitate; die Abgründe der Internetseiten, Seiten, die man nie besuchen würde, der wissenschaftliche Anspruch meistens mau, die Quellen, aus denen abgeschrieben wurde: kurios.
Den paar Malen, wenn ich Plagiate gefunden hatte und mich danach so schmutzig fühlte, dass ich mich am liebsten gehäutet hätte, folgten ernste Gespräche mit den Studierenden, geführt vom Dozenten selbst. Immer mit der Möglichkeit für die Studierenden, sich zu rechtfertigen, aber auch mit der Ansage, dass man diesen Fall auch an die Rechtsabteilung der Universität weiterleiten könne (was wir nie getan haben). Eben weil der Klau von Gedanken das schlimmste ist, was man in der Wissenschaft tun kann. Höchststrafe. Die Gespräche endeten immer mit Tränen auf Seiten der Studierenden, es folgte immer die Schilderung eines persönlichen Schicksals, das die Studierenden zum Plagiat getrieben hat. Auch hinter dem selbstherrlichsten, smartesten Grinsen steckten Tränen und Ratlosigkeit. Meistens war es Überforderung, die zum Plagiat getrieben hatte, das Gefühl, schlichtweg zu dumm zu sein für einen philosophischen Essay, das Gefühl, dass die eigenen Gedanken nicht ausreichten, dem Thema adäquat zu entsprechen. Und dann waren meistens noch Todesfälle und Krankheiten in der Familie aufgetreten, Scheidungen wurden angedroht und dergleichen mehr. All diese Fälle waren tragisch, all diese Fälle passieren täglich an der Universität.
Wenn nun in der Geschichte um Guttenberg abgewiegelt wird, dann empört mich das zunächst, weil ich in den letzten vier Jahren stets in die andere Richtung aufgewiegelt habe und dies für richtig hielt. Und natürlich ging es im Fall kleiner philosophischer Essays nicht um die Welt, meistens ja nicht mal um die Wahrheit, sondern um einen verdammten Schein. In Zeiten, in denen Erkenntnis durch Workload ersetzt wird, ist das Nachdenken den meisten nur lästig. Aber wenn dann ein Gespräch folgt, weil ein Plagiat gefunden wurde, dann wird den meisten auch klar, was ihnen an der Universität in dieser Zeit fehlt: Ein Sinn, warum sie ihre Zeit hier verbringen. Die meisten studieren, weil ihnen gesagt wird, dass es berufsqualifizierend ist, unter Berufsqualifizierung denken die meisten aber eher an Angebote, die (noch) eher an Berufsschulen und Volkhochschulen angeboten werden (deswegen auch die permanente Ersetzung des Wortes „Seminar“ durch „Kurs“ im Studenten-Jargon), es entsteht ein Loch der Sinnlosigkeit über die Zeit an der Universität, weil durch das viele Arbeiten auf 30 unterschiedlichen Baustellen keine Zeit bleibt, mal in Ruhe über ein Thema nachzudenken. Plagiate und Überforderung gab es schon immer, aber sie sind auch das, das durch die Ba/Ma-Reform befördert werden könnte.
Ich schreibe gerade meine Examensarbeit. Und ich weiß, wenn ich hier nicht Quellen korrekt angebe und dabei erwischt werde, dann kann ich mich nicht hinsetzen und weinen und sagen, dass ich mich überfordert fühle und dass es in meiner Familie einen Todesfall gab. Selbst wenn es zumindest im ersten Teil stimmten sollte: Natürlich fühle ich mich überfordert, natürlich habe ich beinahe jede Woche einen erneuten Quasi-Nervenzusammenbruch. So ist das Leben. Wenn ich bei einem Plagiat erwischt werde, folgt zumindest eine Nicht-Anerkennung meines Abschlusses, und, je nach Schwere der Tat, auch eine Strafanzeige, vielleicht die Unmöglichkeit der Verbeamtung. Das ist nicht der Hauptgrund, der gegen ein Plagiat spricht, aber von Ehre möchte ich an dieser Stelle gar nicht erst reden.
In meinem Fall geht es nur um ein Staatsexamen. Wenn Guttenberg seinen Doktor behalten darf, obwohl sich jeder selber ein Bild vom Ausmaß der Abkupferei schon in der Einleitung seiner Diss machen kann, dann ist das ungefähr das ungerechteste, was mir in meiner Zeit an der Universität untergekommen ist.
Ich habe mit dem von „Bild“ herbeigekreischten „Schwuchtel-Skandal“ bei der Kölner Stunksitzung, über den ich gestern im BILDblog geschrieben habe, verschiedene Probleme.
Da ist zunächst einmal ein germanistisches: Da stellt sich ein Kabarettist hin und sagt in seiner Rolle als Ex-Bischof Walter Mixa folgende Worte:
Aber der Höhepunkt war der Weltjugendtag hier in Köln: Benedikt und Joachim, der zum-Lachen-in-den-Keller-geht-Meisner, ließen sich wie zwei frischvermählte Schwuchteln über den Rhein schippern.
Nun wäre es verständlich, wenn sich Homosexuellenverbände über die Verwendung der despektierlichen Vokabel „Schwuchtel“ beklagten (wobei man nicht weiß, wie der echte Walter Mixa im privaten Rahmen über diese Bevölkerungsgruppe spricht), aber es würde wohl kaum jemand ausschließen, dass sich nicht irgendwo zwei Schwule finden ließen, die nach ihrer Verpartnerung in grotesken Gewändern auf einem Schiff feiern wollen.
Man muss schon Politiker sein, um aus dem obigen Vergleich etwas anderes zu machen, wie die Katholische Nachrichten Agentur (kna) zusammenfasst:
Die Darstellung von Papst und Kardinal als „Schwuchteln“ sei „niveaulos und absolut primitiv“, sagte Martin Lohmann, Chef des Arbeitskreises engagierter Katholiken in der CDU, der in Düsseldorf erscheinenden „Rheinischen Post“ (Dienstag).
Der frühere bayrische Wissenschaftsminister (!) Thomas Goppel geht gleich einen Schritt weiter und bemüht seinerseits einen Vergleich:
Der Sprecher der „Christsozialen Katholiken in der CSU“, Thomas Goppel, hatte den WDR vor einer Fernsehausstrahlung gewarnt. Den betroffenen Kabarettisten Bruno Schmitz nannte er einen „degoutanten Versager“, der sich „im geistigen Sinn wie die U‑Bahn-Randalierer“ verhalte. CSU-Rechtspolitiker Norbert Geis erklärte, der Karnevals-Beitrag sei ein „Ausdruck von Bosheit und Dummheit“. Das sei „nicht einmal unterstes Niveau: bodenlos,“ kritisierte Geis.
Immerhin: Mit Gewalt im öffentlichen Personennahverkehr verbindet die Bayern fast so eine lange Tradition wie mit der katholischen Kirche.
* * *
Was mich ebenfalls verwirrt ist die Empörung, die sich unter bislang eher unbekannten Vereinen und Verbänden Raum bricht:
Der Bundesverband der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung (KKV) hat den WDR aufgefordert, eine Papst Benedikt XVI. und Kardinal Joachim Meisner verunglimpfende Szene aus der „Stunksitzung“ nicht auszustrahlen. Der Sender solle Flagge zeigen und auf die Gefühle von Christen Rücksicht nehmen, forderte der KKV-Vorsitzende Bernd‑M. Wehner am Freitag in Köln. Diese machten „immerhin etwa zwei Drittel der Rundfunkgebührenzahler“ aus, sagte er.
An diesen Ausführungen ist so gut wie alles empörenswert: Zunächst einmal verbitte ich mir als Christ die Vereinnahmung und Entmündigung durch Herrn Wehner und seinen Verein. Als Protestant tangiert es meine religiösen Gefühle nullkommagarnicht, wenn irgendwelche Kardinäle und Bischöfe verspottet werden. Und das hat nichts mit der Konfession zu tun: Auch mögliche Witze über die Trunkenheitsfahrt von Margot Käßmann lassen meine religiösen Empfindungen unberührt. Ich mag sie schlecht und unlustig finden (wie den unsäglichen Käßmann-Standup von Harald Schmidt), aber sie richten sich gegen – Entschuldigung, liebe Katholiken – Menschen und nicht gegen meine Religion. Und selbst wenn, würde ich den Sketch gerne selbst sehen und mich notfalls von allein darüber echauffieren – eine Bevormundung durch den WDR im Namen irgendwelcher Verbände ist da wenig sachdienlich.
„Bild“ räumte Goppel in der Münchener Regionalausgabe ebenfalls Raum für seine Empörung ein und freute sich in der Kölner Ausgabe (zu früh, s. BILDblog), dass der WDR auf eine Ausstrahlung des Sketches verzichten werde. Dabei handelt es sich um die gleiche Zeitung, die Kurt Westergaard, den Zeichner der umstrittenen Mohammed-Karikaturen, als „mutig“ und Angela Merkels Laudatio auf ihn als „großes Bekenntnis zur Freiheit der Presse und der Meinungen“ bezeichnet hatte.
Ich bin mir sicher, dass ein guter Teil der Menschen, die nun den Mixa-Darsteller Bruno Schmitz beschimpfen und bedrohen, andererseits der Meinung sind, dass die Reaktionen auf Westergaards Zeichnungen in Teilen der muslimischen Welt völlig übertrieben und barbarisch waren. Da kann man ja noch froh sein, dass es im Islam keine kalendarisch verordneten Phasen der Witzigkeit gibt, in denen sich irgendwelche Menschen mit einem etwas anderen Humorverständnis über Jesus oder Maria lustig machen.
* * *
Damit sind wir bei einem Religionsverständnis angekommen, das mich als gläubiger Christ verwirrt und das auf einer rationalen Ebene allenfalls „irrational“ zu nennen ist: Mir ist völlig schleierhaft, warum Menschen, die an einen allmächtigen Gott glauben, meinen, diesen verteidigen zu müssen.
Wenn sich dieser Gott von Menschen beleidigt fühlt, sollte er doch selbst genug Möglichkeiten haben, dies den Betreffenden kurzfristig (Sintflut, beim Kacken vom Blitz getroffen) oder langfristig (an der Himmelspforte abgewiesen) mitzuteilen. Auf gar keinen Fall braucht er popelige Menschen, die in seinem Namen sauer sind und ihn somit entmündigen.
Ich mag mich da irren (und werde das sicher noch früh genug erfahren), aber ein Gott, der Wesen wie das Nilpferd, den Nasenbären oder Sarah Palin erschaffen hat, hat doch offenbar einen ziemlich guten Humor und bedarf demnach nicht der (mutmaßlich unverlangten) Fürsprache von humorfreien Menschen wie Eva Herman oder Thomas Goppel.
Liebe Autoren, Ihr könnt die Arbeit einstellen: Das Rennen um den dümmsten Text des Jahres ist entschieden. David Baum hat ihn vergangene Woche auf „The European“ veröffentlicht, einem konservativen Internetmagazin, dessen erklärtes Ziel es ist, innerhalb der nächsten Jahre so wichtig zu werden, wie es sich selbst seit dem ersten Tag nimmt.
In welche Richtung es gehen wird, erkennt man schon an der Frage, die Baum seiner „Kolumne“ vorangestellt hat: „Wie abartig ist eigentlich normal?“. Die Überschrift zeigt, dass hier einer die Kontroverse, die Provokation, das Brodern sucht: „Liebe NegerInnen“.
Doch was will Baum eigentlich sagen?
HÖREN SIE – sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren “und alle, die sich nicht mit diesen Kategorien identifizieren können oder wollen”: Ich komme mir manchmal vor wie Ronald Reagan, der versehentlich an den Nacktbadestrand des Woodstock-Festivals geraten ist.
Zum Beispiel, wenn ich diese inzwischen heiß umfehdete Rede des Chefs der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, lese, die er tatsächlich mit genau jener eben zitierten Anrede eingeleitet hat. Das erinnert mich an die hinreißend idiotische Afrikarede von Heinrich Lübke, bloß dass der zum Karnevalistischen neigende Bundespräsident heute nicht nur über die böse rassistische Formel stürzen würde, sondern auch noch, weil er nicht “liebe NegerInnen” gesagt hat.
Zugegeben: Das ist schon sehr viel zerschmetterter Satzbau und sehr viel Unfug für einen einzelnen Absatz. Aber wir kommen da durch. Zunächst also mal das Offensichtliche: In White Lake, NY gab es nach allem, was wir wissen, keinen Strand – also auch keinen „Nacktbadestrand des Woodstock-Festivals“. Was sollte man da auch schon sehen außer Schlamm?
Aber vielleicht ist das auch witzig gemeint. So wie die Anrede „liebe Neger“, die sehr wahrscheinlich frei erfunden ist und die Baum mit der Anrede in Thomas Krügers Rede beim Kongress „Das flexible Geschlecht. Gender, Glück und Krisenzeiten in der globalen Ökonomie.“ vergleicht wie andere Leute Äpfel mit Schraubenziehern: „Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger“ klingt für unsere Ohren, als ob es neben den Damen und Herren auch noch die „Neger“ gebe, die (ähnlich wie bei „liebe Kinder“) von den Damen und Herren abgegrenzt werden müssen, weil sie nicht dazugehören. Beim Kongress der Bundeszentrale für politische Bildung hingegen werden auch die Menschen adressiert, die sich selbst weder den Damen, noch den Herren zurechnen können oder wollen. Die dritte Kategorie versucht also eine Abgrenzung aufzuheben, nicht eine herzustellen.
Wie bei jedem ordentlichen Polemiker, der sich völlig in der Lebenswirklichkeit verfahren hat, ist man auch bei David Baum gut beraten, ihn zwecks Demontage ausgiebig zu zitieren:
Herr Krüger, der Mann, der samt Ehegattin und seinem ganzen Klüngel vom Staat gesponsert wird, “um interessierte Bürgerinnen und Bürger dabei zu unterstützen, sich mit Politik zu befassen”, doziert allzu gern über das Thema “Das flexible Geschlecht”. Er vertritt also jene launige These – die zur Folklore der heimischen Linksextremen gehört –, dass kein Mensch als Junge oder Mädchen geboren wird und deshalb die Kinderlein geschlechtsneutral aufwachsen sollen, um sich schließlich frei entscheiden zu können. Der Verweis auf gewachsene Geschlechtsorgane gilt in diesen Kreisen als lächerlicher Volksglaube aus der finsteren Vormoderne, denken sie erst gar nicht daran. Ich weiß nicht, was diese Kamarilla in den 70ern geraucht hat, jedenfalls macht es bis heute so high, dass sie die Unterscheidung von Mädchen und Jungen für eine zutiefst reaktionäre und rechtsradikale Angelegenheit hält.
Mal davon ab, dass es in Krügers Rede nur am Rande um jene „launige These“ und gar nicht um Geschlechtsorgane und Geschlechtsneutralität geht, offenbart sich in diesem Absatz auch wieder ein erschütternd schlichtes Weltbild: Mann oder Frau, schwarz oder weiß, dafür oder dagegen. Wenn Andersdenkende für David Baum „Linksextreme“ sind, müsste er in seiner eigenen bipolaren Welt ja eigentlich ein Rechtsradikaler sein. Das hat er natürlich selbst schon ausformuliert und womöglich witzig gemeint.
Aber ganz so einfach, wie es Baum gerne hätte mit Pimmel und Mumu, macht es ihm die Natur schon nicht. Hinzu kommt, dass er – wie so viele Andere an beiden Enden des politischen Spektrums – ausschließlich innerhalb bestehender Kategorien denken will.
Dazu ein kurzer Exkurs: Das Volk der Setswana in Afrika kennt nur wenige Farb-Grundwörter (im Prinzip nur schwarz, weiß, rot, und blau/grün, aber kein Wort für gelb, braun, orange, oder ähnliches), die Dani in Papua-Neuguinea haben (wie andere Sprachgemeinschaften auch) überhaupt nur zwei Farbwörter, die in etwa „hell“ und „dunkel“ bedeuten. Sie hätten bei der Beschreibung eines Regenbogens sicher einige Schwierigkeiten, aber der Regenbogen bliebe (für unsere Augen) der gleiche. Die Geschichte, nach der Eskimos hundert verschiedene Worte für Schnee hätten, ist zwar ungefähr genauso falsch wie Heinrich Lübkes berüchtigtes Zitat, aber die Idee dahinter ist ja einfach, dass man alles noch mal ausdifferenzieren kann.
Aber das ist natürlich nicht so geil krawallig wie die Formulierung „an den Schamhaaren herbei Gezogenes“ oder der Ruf nach dem Verfassungsschutz, um den „besonderen Schutz“ der Ehe und der Familie im Grundgesetz zu gewährleisten.
Und überhaupt:
Normalität gibt es ja nicht, wie der Mensch von morgen jetzt schon weiß.
Womöglich denkt Baum einfach nur vom falschen Ende aus, denn es geht in der Debatte ja gerade darum, Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender, usw. usf. nicht mehr als Exoten wahrzunehmen, die wahlweise lustig oder krank sind, sondern als normal.
Für Baum eine offenbar unerträgliche Vorstellung:
Das Ziel einer gesunden Gesellschaft sollte sein, Minderheiten zu schützen und ihnen zu ihren Rechten zu verhelfen. Aber jede Laune der Natur zum allgemeinen Leitbild zu erheben sicher nicht. Sie geht nämlich daran kaputt.
Das ist genau die Logik der Leute, die wollen, dass Muslime ihre Moscheen in irgendwelchen Hinterhöfen und Industriegebieten errichten, und die dann hinterher darüber schimpfen, wie schlecht „integriert“ diese Menschen in einer Gesellschaft seien, die sie selbst an den Rand gedrängt hat. Schwul ja, aber bitte nicht der eigene Sohn, nicht öffentlich und nicht mit den gleichen Rechten wie Hetero-Paare. Dekorative Andersartige in einer sonst uniformierten Gesellschaft. Aber immer betonen, dass man doch eigentlich („Jedem Tierchen sein Pläsierchen“) tolerant sei – was natürlich im Zweifelsfall auch wieder ironisch gemeint sein könnte.
All diese Ausbrüche Baums haben wenig bis gar nichts mit der Rede Thomas Krügers zu tun. Er will nichts „zum allgemeinen Leitbild erheben“, er will vielmehr bestehende Leitbilder abbauen:
Um Gerechtigkeit und einen Austausch auf Augenhöhe zu erreichen, kann die eigene Position, die eigene Erfahrung, der eigene Körper und die eigene Sexualität nicht länger zur Norm erklärt werden, von der alle anderen Versionen als minderwertige Abweichungen gelten, die es allenfalls zu tolerieren gilt.
Baum reißt einzelne Schlagworte aus dem Kontext der (zugegebenermaßen nicht ganz kurzen) Rede und erweckt so den Eindruck, Krüger und die Bundeszentrale wollten Sodom und Gomorrha als gesellschaftliches Ideal (oder gleich als Zwang) etablieren. Dabei geht es um ganz konkrete Lebenswirklichkeiten und Ungerechtigkeiten in ganz durchschnittlichen heterosexuellen Partnerschaften, wenn Krüger etwa die „klassische Ernährer-Ehe, an der sich immer noch steuerliche Privilegien festmachen“ kritisiert.
Aber das ist wohl alles zu viel für einen Mann wie David Baum, der die Grenze dessen, was nicht mehr „normal“ ist, unmittelbar hinter sich zieht.
Seit heute also sind 20 deutsche Städte endlich bei Google Street View online – oder das, was von ihnen übrige geblieben ist, nachdem mehr als 244.000 Haushalte (von 40,2 Millionen) Widerspruch gegen das Abfotografieren ihrer Fassade von einer öffentlichen Straße aus eingelegt haben. Anatol Stefanowitsch hat im Sprachlog eigentlich schon alles gesagt, was es zu den „eingetrübten Vier- und Vielecke, die einem alle paar Schritte die Sicht versperren“ zu sagen gibt.
Auch das Haus, in dem ich seit Januar wohne, ist verpixelt und das ist wenigstens ein netter Grund, mal wieder mit allen Nachbarn ins Gespräch zu kommen, um „Cluedo“-mäßig herauszufinden, wer auf diese Idee gekommen ist.
Doch damit nicht genug: Auch auf das Studentenwohnheim, in dem ich zuvor sechs Jahre lang gewohnt habe, muss ich auf meinem virtuellen Rundgang durch Bochum (bzw. durch das Bochum von vor zwei Jahren) verzichten:
Dabei wären so ein paar Fotos wohl kaum so detailliert gewesen wie die Informationen, die das Studentenwerk so liefert:
Ich bin vor acht Monaten umgezogen. Seit Anfang Juli haben sich in Wurfweite 1 meiner Wohnung folgende Dinge ereignet: Prof. Dieter Gorny gab eine Pressekonferenz zum Thema Kreativwirtschaft, Revolverheld spielten ein Konzert und heute kam das Team von „ ‚Bild‘ kämpft für Sie“ vorbei.
Es ist schwer, das nicht persönlich zu nehmen.
Ich war immer unfassbar schlecht im Schlagball-Weitwurf, aber ich bin sicher, dass Menschen mit körperlicher Koordination die Entfernung schaffen würden. Auf freier Fläche.[↩]
Hinterher hat man es ja sowieso immer gewusst. Im Nachhinein ist jedem klar, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, die Loveparade 2009 in Bochum abzusagen. Aber was haben wir damals auf den Stadtoberen rumgehackt …
Gut, die Art und Weise der Absage war peinlich gewesen: Nach Monaten plötzlich festzustellen, dass die Stadt dann doch irgendwie zu klein ist, deutete entweder auf erstaunlich schwache Ortskenntnisse hin – oder auf einen besorgniserregenden „Das muss doch irgendwie zu schaffen sein“-Aktionismus, der die Augen vor der Realität verschließt. Letztlich haben sie es in Bochum noch gemerkt, die Schuld an der Absage der Deutschen Bahn in die Schuhe geschoben und Häme und Spott einfach ausgesessen. Dass der damalige Polizeipräsident, der sich lautstark gegen die Durchführung der Loveparade ausgesprochen hatte, neun Monate später in den vorzeitigen Ruhestand versetzt wurde, hatte ja ganz andere Gründe.
Erstaunlich aber: Von der Sicherheit war in all den Artikeln, Kommentaren und Pressemitteilungen kaum die Rede. Das kam nur am Rande zur Sprache:
Ganz andere Risiken bewegen Martin Jansen. Dem Leitenden Polizeidirektor wäre die Rolle zugefallen, den wohl größten Polizeieinsatz aller Zeiten in Bochum zu koordinieren. „Wir hätten die Loveparade nur unter Zurückstellung erheblicher Sicherheitsbedenken vertreten.“ Knackpunkt ist nach seiner Einschätzung der Bochumer Hauptbahnhof.
Aber um die Sicherheit der zu erwartenden Menschenmassen ging es auch im Vorfeld der Duisburger Loveparade öffentlich nie, immer nur um die Kosten:
Fritz Pleitgen, Vorsitzender und Geschäftsführer der Ruhr.2010, beobachtet mit großer Sorge, wie sehr die Auswirkungen der Finanzkrise den Städten der Metropole Ruhr zu schaffen machen. Besonders prägnant sei das aktuelle Beispiel Loveparade in Duisburg. „Hier müssen alle Anstrengungen unternommen werden, um dieses Fest der Szenekultur mit seiner internationalen Strahlkraft auf die Beine zu stellen.“
Dabei hätte das Argument „Menschenleben“ bestimmt auch Dampfplauderer wie Prof. Dieter Gorny beeindrucken können, der im Januar mal wieder das tat, was er am Besten kann, und groß tönte:
„Man muss sich an einen Tisch setzten und den Willen bekunden, die Loveparade durchzuführen, statt klein beizugeben.“ Die Politik müsse sich dahingehend erklären, dass sie sagt: „Wir wollen die Veranstaltung und alle Kraft einsetzen, sie zu retten!“
Gorny, der sonst keinen öffentlichen Auftritt auslässt, hat sich seit Samstagnachmittag zurückgezogen. Er sei „schwer erschüttert“, erklärte die Ruhr.2010 auf Anfrage, und fügte hinzu:
Wir haben beschlossen, dass für die Kulturhauptstadt ausschließlich Fritz Pleitgen als Vorsitzender der Geschäftsführung spricht und bitten, dies zu respektieren.
Aber es gibt ja immer noch die Journalisten, die sich spätestens seit der denkwürdigen Pressekonferenz am Sonntagmittag als Ermittler, Ankläger und Richter sehen. Und als Sachverständige:
„We were the only newspaper that said: ‚No. Stop it. The city is not prepared. We will not be able to cope with all these people,“
lässt sich Götz Middeldorf von der „Neuen Ruhr Zeitung“ in der „New York Times“ zitieren.
Bei „Der Westen“ forderte Middeldorf bereits am Sonntag lautstark den Rücktritt von Oberbürgermeister Sauerland und kommentierte:
Auf die Frage der NRZ, ob man nicht gesehen habe, dass Duisburg nicht geignet ist für die Loveparade ging der OB nicht ein, sprach von „Unterstellung“ und wies mögliches Mitverschulden der Stadt zurück.
Ich habe mich lange durch alte Artikel gewühlt, aber nichts dergleichen gefunden. Da das auch an der unfassbar unübersichtlichen Archivsuche bei „Der Westen“ liegen kann, habe ich Herrn Middeldorf gefragt, nach welchen Artikeln ich Ausschau halten sollte. Eine Antwort habe ich bisher nicht erhalten.
Wie kritisch die Duisburger Presse war, kann man zum Beispiel an Passagen wie dieser ablesen:
Die Organisatoren gaben sich am Dienstag allerdings sehr optimistisch, dass es kein Chaos geben werde. „Die eine Million Besucher wird ja nicht auf einmal, sondern über den Tag verteilt kommen“, so Rabe. Es sei zwar nicht auszuschließen, dass der Zugang während der zehnstündigen Veranstaltung kurzzeitig gesperrt werden müsse, aber derzeit gehe man nicht davon aus. Und wenn der Fall doch eintrete, „dann haben wir ganz unterschiedliche Maßnahmen, mit denen wir das problemlos steuern können“, verspricht der Sicherheitsdezernent – bei den Details wollte er sich nicht in die Karten schauen lassen.
(Kritisch ist da der letzte Halbsatz, nehme ich an.)
Artikel wie der Kommentar „Die Loveparade als Glücksfall“ vom 23. Juli oder die großspurigen Übertreibungen von Ordnungsdezernent Rabe und Veranstalter Lopavent die Kapazität des Festivalgeländes betreffend sind plötzlichoffline – „Technikprobleme“, wie mir der Pressesprecher der WAZ-Gruppe bereits am Dienstag erklärte.
Den (vorläufigen) Gipfel des Irrsinns erklomm aber Rolf Hartmann, stellvertretender Redaktionsleiter der „WAZ“ Bochum. Anders als seine Kollegen, die sich hinterher als aktive Mahner und Warner sahen, schaffte es Hartmann in seinem Kommentar am Dienstag, völlig hinter dem Thema zu verschwinden:
Meine Güte, war man Anfang 2009 über OB & Co hergefallen, als die Stadt Bochum die Loveparade 2009 in Bochum absagte.
Nachtrag, 1. August: Stefan Niggemeier hat in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ über das gleiche Thema geschrieben.
Ihm hat Götz Middeldorf auch geantwortet:
Auf Nachfrage räumt Middeldorf ein, dass Sicherheitsbedenken nicht das Thema waren. „Wir waren immer gegen die Loveparade, aber aus anderen Gründen.“ Dann muss die „International Herald Tribune“ ihn mit seinem Lob für die eigene, einzigartige Weitsichtigkeit wohl falsch verstanden haben? „Das vermute ich mal“, antwortet Middeldorf. „Das ist nicht ganz richtig.“ Er klingt nicht zerknirscht.
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