That’s When I Reach For My Revolver

Von Lukas Heinser, 14. Juli 2010 0:15

Auf der einen Seite: Liberalismus. Die Idee, dass jede Band, deren Musik auch nur einer einzigen Person etwas bedeutet, ihre Existenzberechtigung hat. Die Erinnerung, dass selbst die „Punkband“, in der ich vor zehn Jahren in Dinslaken Schlagzeug gespielt habe, Fans hatte — und wenn es nur dicke Kinder aus dem Nachbardorf waren.

Auf der anderen Seite: Revolverheld. Eine Band, die für mich alles verkörpert, was in der Musikindustrie falsch gelaufen ist. Ein Synonym für spießiges Rockbeamtentum, für Musik, die von Leuten gehört wird, die sich nicht für Musik interessieren.

Was macht man also, wenn man einen Rucksack voller Vorurteile spazieren trägt? Man lässt sie sich eins zu eins im Real Life bestätigen. Zum Start der U20-Frauen-Fußball-WM, die zu einem erheblichen Teil im Bochumer Ruhrstadion stattfindet, spielten die Hamburger Chartstürmer ein kostenloses Konzert in der Bochumer Innenstadt — was die Regenerationszeit für Anwohner und Gastronomen zwischen dem Finale der Herren-Fußball-WM und dem Bochum Total (ab Donnerstag) auf ein absolutes Minimum reduziert. Der Konzertort in Wurfweite meiner Wohnung hatte den Vorteil, in direkter Nachbarschaft meiner Stammkneipe zu liegen, so dass ich nach einem kurzen Gang durch das Publikum (keine Menschen mit Hörnern oder Ziegenfüßen gesehen) den Auftritt aus sicherer Entfernung und in bester Gesellschaft verfolgen konnte.

Aber so sehr ich mich auch um Unvoreingenommenheit bemühte: Schon während der ersten zwei Songs hatte Sänger Johannes Strate das ganze Anbiederungs-Arsenal von „Bochum, seid Ihr da?“ und „Ich will Eure Hände sehen!“ abgefeuert, auf das er im Verlauf des Abends aber gerne noch mal zurückgriff. Und das bei Liedern, deren Egalheit munter zwischen Spätneunziger-Dreistreifenmetal und deutschem Schlager oszilliert.

Aus der Ferne war die Demarkationslinie zwischen echten Fans (die – um das noch mal zu betonen – um Himmels Willen ihren Spaß an derlei Musik haben sollen) und Mitnahmementalisten gut zu erkennen: Da, wo die Arme nicht mehr wie beim Banküberfall dauerhaft erhoben waren und im Takt wogten, da begannen die, die sich das einfach nur mal anschauen wollten. Vorne wurde mitgesungen („Und jetzt alle!“) und es kam zum Einsatz von Seifenblasenflüssigkeit.

Es war schlimm. Ungefähr nach einer halben Stunde hätte ich mir eine Lesung vogonischer Dichtkunst herbeigewünscht — oder alternativ irgendjemandes Hände, deren Fingernägel ich auch noch hätte abnagen können. Revolverheld sind eine Band, die mit ihrer naiv-dumpfen Pennälerlyrik und ihrer musikalischen Simplizität selbst Silbermond progressiv erscheinen lassen. Der Umstand, dass sich solche Musik besser verkauft als die von Tomte oder kettcar, könnte dem deutschen Volk dereinst vor irgendeinem internationalen Gerichtshof noch zum Nachteil gereichen. Und dann kamen die ganzen Hits (also der Kram, dem man im Radio nicht ausweichen kann) auch noch geballt zum Schluss.

Als die Band dann auch noch „Was geht“ anstimmten, eine Tribute-Album-erprobte Reminiszenz an die Fantastischen Vier (die ja selbst auf dem besten Weg Richtung Revolverheld sind), war bei uns am Tisch alles vorbei: Hektisch wurde in Mobiltelefonen und Taschenkalendern überprüft, ob wir tatsächlich das Jahr 2010 schrieben. Erinnerungen an Bands wie Such A Surge wurden geweckt wie schlafende Hunde. Dann irgendwann endlich „Freunde bleiben“ und Abgang. Hat man das auch mal erlebt.

29 Kommentare

  1. Tim
    14. Juli 2010, 1:09

    Erst schäme ich mich ein bisschen für meine diebische Freude beim Lesen dieses Textes. Aber dann finde ich es natürlich super, dass da jemand für mich hingeht und es dann glaubhaft beschrieben wirklich so schlimm ist, wie ich mir das vorstelle. Dass diese jungen Leute alle keine anständige Junge-Leute-Musik mehr hören.

    Dann frage ich mich kurz, was sie denn lieber hören sollten – kenn mich da ja auch nicht mehr so aus. Ach, steht ja da: Tomte oder Kettcar. So ähnlich würde wahrscheinlich auch mein gut gemeinter Ratschlag lauten. Ist dann letztendlich wohl doch nicht der wildeste Tipp füe diese jungen Dinger. Da muss es doch noch mehr geben als das eine oder das andere.

  2. Federkissen
    14. Juli 2010, 7:46

    Oh ja, Revolverheld sind schon schlimm. Die braven Schwiegermutterträume. Silbermond sind aber auch kein bissel besser ;)

  3. Nummer Neun
    14. Juli 2010, 7:51

    Bei Silberheld versuche ich ja die Daseinsberechtigung immer an der hübschen Sängerin fest zu machen, aber bei Revolvermond? Ist ja vielleicht dann eher was für die jungen Mädchen. Äh halt… wie heißen die alle nochmal?

    Dieses Anbiederungsgequatsche ist bei allen Konzerten nervig, dass läßt man den Atzen vielleicht noch durchgehen, aber jede Band, die ernsthaft Musik macht, sollte so etwas lassen. Überhaupt die Moderation zwischen den Songs bei Konzerten, oft ist es besser, sich da kurz zu fassen. Gruß an die Killians ;)

  4. Su
    14. Juli 2010, 9:15

    Danke dafür! Das spricht einem aus der Seele. Mir zumindest. Bei all diesen retrograden WirsindSilbermondJuliRevolverhelden fehlt mir immer wieder die Kraft soviel zu essen wie ich kotzen könnte. Volksmusik mit Bassdrum und E-Gitarre ..

  5. archeophyt
    14. Juli 2010, 10:17

    Danke für den Artikel und vor allem für die schöne Überschrift. Aber Tomte? Die mochte ich, bis ich sie vor ein paar Jahren mal auf dem Southside gesehen habe und sich Thees Uhlmann als der unsympathischste Frontmann ever entpuppte. Sauertöpfisch, überheblich und egoman. Das war mir so unangenehm, dass ich nach wenigen Songs das Weite suchen musste.

  6. SvenR
    14. Juli 2010, 10:27

    Natürlich hast Du recht. Nicht alles, was erfolgreich ist, ist gut, und nicht alles, was gut ist, ist erfolgreich. Güte und Erfolg sind leider nicht proportional. Wobei das natürlich auch ein großes Stück weit mit Geschmack und Sozialisierung zu tun hat.

    Wenn ich als Musiker – der davon leben will/muss – aus Scheiße Gold machen könnte mit weniger Gutem mehr Erfolg haben könnte, würde ich es wahrscheinlich machen. Und würde es bestimmt für gar nicht so schlecht halten.

    Was sich reimt, ist gut! *g*

  7. jottpunkt
    14. Juli 2010, 11:54

    Die kluge Band von heut‘ denkt mit und spielt erst ganz zum Schluss den Hit // Den ganzen Abend steh’n im Saal und diesen Lärm wäre ne Qual // Wir denken auch das Maß ist voll, deswegen Schluss mit Rock`n`Roll!

    Zumindest in diesem Fall *haha*

    Ich hab Revolverheld 2007 bei Rock am Ring (!!!) gesehen und mich damals schon gefragt, was die eigentlich da zu suchen hatten. Ich rätsel noch immer.

    Zum „Anbiederungs-Arsenal“ (“Bochum, seid Ihr da?”, “Ich will Eure Hände sehen!” etc.) – okay, klar. Schon irgendwie peinlich. Aber solche Phrasendrescherei gibt es doch fast von jeder Band, so oder in abgewandelter Form. Und gerade, wenn man nicht (nur) vor Fans spielt, muss man ja irgendwie für vermeintliche „Stimmung“ sorgen. Ich kann schon verstehen, dass man da solche Sprüche kloppt. Oder vielleicht kanalisiert man damit Nervosität? Das sollte man den Johannes mal fragen ;)

    Und ein letzter Punkt: Der „Musik für Leute, die sich nicht für Musik interessieren“-Spruch ist toll. Den hab ich irgendwann schonmal im Zusammenhang mit Jack Johnson gehört (ich weiß aber nicht mehr, von wem). Aber egal jetzt. Ansonsten große Zustimmung zum Geschriebenen.

  8. Julia
    14. Juli 2010, 12:06

    Also mir sagen alle Bands nicht ganz so viel, da ich wohl in anderen Genres rumkrebse. Aber: Deine Beschreibung liest sich köstlich. Ich glaube ich hätte Dich und Deine Mitstreiter gerne bei dem letzten Lied gesehen… Dableiben müssen/wollen und doch einen Rettungsanker suchen aus dieser Musikzange. :) Danke dafür!

  9. the spirit passes by this way... » textfresser
    14. Juli 2010, 14:24

    […] spirit passes by this way… Lukas Heinser liefert einen 1A-Verriß von Deutschlands vielleicht überflüssigster »Rock«band: Revolverheld. […]

  10. Fabian W.
    14. Juli 2010, 17:05

    Schöner Verriss, aber bei der Überschrift kannst du dich gleich selbst auf deine Hitler-Vergleich-Liste packen. Just sayin’…

  11. Lukas Heinser
    14. Juli 2010, 17:12

    Ein Aufruf zum Mitklatschen kann schon okay sein — bei The Hold Steady passte es ganz wunderbar. Vielleicht hängt es auch von der Einstellung ab, die so ein Sänger so vermittelt.

    @Fabian W.: Hitler hat bei Mission Of Burma gesungen? Das war mir neu.

  12. Fabian W.
    14. Juli 2010, 17:19

    Hitler nicht, aber der dicke Göring offenbar schon. Oder so.
    Vielleicht ist es mir auch nur aufgefallen, weil Tuli Kupferberg von den Fugs gestorben ist. Der hat ja in einem seiner letzten YouTube-Videos aus dem Göring-Zitat das umdrehende „When I hear the word gun, I reach for my culture“ gemacht. Großer Mann. Wahrscheinlich bin ich deswegen nur ein bisschen überempfindlich.

  13. Benny
    14. Juli 2010, 17:35

    Ein Beitrag wie aus dem tiefsten meiner Seele!
    Den Satz „Musik, die von Leuten gehört wird, die sich nicht für Musik interessieren“ muss ich mir unbedingt merken, denn er passt abersowasvon!

    Schon komisch, wie oft ich in letzter Zeit sagen musste „ich hasse diese Band“ und auf einmal kommt das hier :-D

  14. Polli
    14. Juli 2010, 19:34

    Danke dir, du rettest meinen Tag :)

  15. stefan
    14. Juli 2010, 20:59

    Ich habe letzten Freitag „Sommernachtsmusik mit David Garrett“ im ZDF geguckt.

  16. kikilotta
    14. Juli 2010, 21:59

    Deinem Artikel stimme ich mehr als zu. Schön auch das mit der Vogonen-Lesung :)
    Revolverheld gehören zum von mir selbst wie folgt definierten Genre „Rock für Nachbarn“:
    massenkompatibler, pathetisch-facettenloser Softrock.
    Bsp.: Bon Jovi, Nickelback, 3 Doors Down, Simple Plan, Maroon 5, Matchbox Twenty.
    Deutsche Vertreter: Reamonn, Stanfour, Revolverheld.

  17. Kathi
    14. Juli 2010, 22:21

    Ist jetzt ein wenig offtopic, aber ich wo ich gerade “Sommernachtsmusik mit David Garrett” lese – bin ich die einzige, die den ständig mit David Guetta verwechselt?

  18. Lukas Heinser
    14. Juli 2010, 22:39

    Vom Aussehen und vom Namen her: Okay. Aber David Guetta ist für die vierzehnjährigen Frauen, David Garrett für die Vierzigjährigen …

  19. Fabian W.
    14. Juli 2010, 23:31

    Da fällt mir ein:
    http://www.youtube.com/watch?v=F4HeggEv_l8

  20. ellebil
    14. Juli 2010, 23:48

    Um #19 weiterzuführen fällt mir auch noch das hier ein. Bei guten Musikern klauen, um dass dann massenkompatibel unterzubringen:
    http://www.boehmermann.de/?p=467

  21. Jens
    15. Juli 2010, 1:54

    So prima du auch oft zu schreiben vermagst: Revolverheld-Bashing ist irgendwie sehr…sagen wir…2007 oder so. Deine anfängliche geplante „Unvoreingenommenheit“ in Ehren, aber ich verstehe nicht, warum du überhaupt hingehst. Mir ist die Band vollkommen wurscht, aber sich darüber aufzuregen, dass es da eine Band gibt, die einem selbst nicht zusagt, impliziert auch immer ein „Wie kann man so einen Schrott hören? Ich hingegen höre viel geilere Musik, die sicher sonst niemand kennt“. ;-) Du lobst z.B. die Kilians monatlich mindestens 3mal über den Klee – und die mag ja auch nicht jeder. Na und?

  22. Links anne Ruhr (15.07.2010) » Pottblog
    15. Juli 2010, 5:24

    […] That’s When I Reach For My Revolver (Coffee And TV) – Über das Revolverheld-Konzert im Rahmen des "Kick Offs" von Bochum […]

  23. Ali
    15. Juli 2010, 8:52

    So schlimm? Revolverheld ist für mich halt eine Band, von der absolut nichts hängen bleibt, wenn die Musik aus ist. ^^

  24. Musik macht Spaß. Und YouTube auch wieder. Dank Steve Moore (»Rick K. & The Allnighters«) & DJ der guten Laune « a c h t m i l l i a r d e n . c o m
    15. Juli 2010, 10:32

    […] K. & The Allnighters: Die langweiligste Band der Welt? Schlimmer als Revolverheld? Nö. Zumindest nicht, sobald Drummer Steve Moore loslegt. Über seine Mucker-Karriere und […]

  25. Krümel
    15. Juli 2010, 11:01

    Danke für die Worte, die das, was mir durch den Kopf geistert treffen!

    Habe einen vielleicht doch zu langen Zeitraum mit einem Menschen verbracht, der meinte „rockige Musik“ wären Bon Jovi und Revolverheld. Regelmäßig auf dem Heimweg AFI, Linkin Park und Co gehört, zwecks Neutralisierung.
    Eine Nachwirkung dieser harten Phase ist, dass ich lieber ohne Musik durch die Gegend kurve, weil ich das Radio ausstelle, wenn diese Softies angespielt werden.

    Im übrigen bleibt mir nur zu erwähnen, dass Bielefeld Haupt- und Finalspielort der FIFA U20 Frauen WM ist.

  26. Linkin Quark
    16. Juli 2010, 0:41

    „Regelmäßig auf dem Heimweg AFI, Linkin Park und Co gehört (…)“.

    Linkin Park! m)

  27. Lutz
    16. Juli 2010, 10:03

    Wir sind Silberjuli und Revolvervier!

  28. Kunar
    26. Juli 2010, 19:14

    Den Vergleich mit Den Haag bringe ich bei schrecklicher Musik auch immer. Sehr beruhigend!

    Es gibt aber auch das Phänomen, dass ich die Musik ok bis schön finde, mich bei den Pausenansagen das kalte Grausen packt. So geschehen bei Klee. Wenn man hört, was und wie die Sängerin zwischen den Stücken redet… unglaublich.

    Ich habe allerdings schon mal das Gegenteil vom hier Beschriebenen erlebt. War „All We Hate“ beim Dong Open Air 2007. Da hat der Sänger über die abgelutschten Sprüche und die Mitmachaufforderungen abgelästert.

  29. Coffee And TV: » Wer kann am längsten?
    20. August 2010, 17:07

    […] Ich fand’s nicht gut, aber auch zu egal, um mich darüber aufzuregen, solange es noch Revolverheld […]

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