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Musik

Auf der anderen Seite

Wenn wir über deutsch­spra­chi­ge Musik im Jahr 2017 spre­chen, kön­nen wir natür­lich von den wei­chen Zie­len, den pop cul­tu­re pun­ching bags reden wie Max Gie­sin­ger, Mark Fors­ter oder Julia Engel­mann. So, wie man US-ame­ri­ka­ni­sche Musik an Shania Twa­in, Ima­gi­ne Dra­gons und den Chains­mo­kers fest­ma­chen könn­te. Wäre natür­lich nur Quatsch.

Es reicht eigent­lich, wenn man nur weni­ge Mil­li­me­ter vom Main­stream abbiegt – schon hat man Künst­ler und Bands, die tat­säch­lich etwas zu sagen haben. Die­ses Jahr z.B. Schrott­gren­ze, kett­car und Cas­per.

Heu­te haben Toco­tro­nic den sog. ers­ten Vor­bo­ten ihres kom­men­den Albums „Die Unend­lich­keit“ (VÖ: 26. Janu­ar 2018) raus­ge­hau­en:

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Mal davon ab, dass ich bei dem jun­gen Mann in wei­ßer Klei­dung und mit lan­gen schwar­zen Haa­ren die gan­ze Zeit an Andrew W.K. den­ken muss­te: gutes Video, das die ame­ri­ka­ni­sche Vor­stadt­höl­le 1:1 ins Deut­sche über­setzt (so, wie es die Stadt­pla­ner auch schon getan haben), beein­dru­cken­der Song, Hal­tung.

Auch schön: Auf dem aktu­el­len Band­fo­to geht Arne Zank als Ste­ven Spiel­berg und Rick McPhail als J Mascis.

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Musik

Beim Heimwerken von den Esten lernen

Viel­leicht erin­nern Sie sich ja noch an den ESC 2011 in Düs­sel­dorf und an die est­ni­sche Teil­neh­me­rin:

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Get­ter Jaa­ni hat in die­sem Jahr einen Ver­trag mit Uni­ver­sal Music Bal­tics unter­schrie­ben und die­ser nord­eu­ro­päi­sche Außen­pos­ten der letz­ten größ­ten Plat­ten­fir­ma der Welt hat offen­bar Grö­ße­res vor.

Die ers­te Ver­öf­fent­li­chung war im Som­mer die Sin­gle „Some­thing Good“, zu der es jetzt auch ein Video gibt:

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Ich mag den Song: Die Stro­phen ver­spre­chen ein biss­chen mehr, als der Refrain dann ein­lö­sen kann, aber es klingt abso­lut zeit­ge­mäß und nur ein biss­chen wie ein Lied, das Tay­lor Swift und Sele­na Gomez dan­kend abge­lehnt haben.

Das Video lässt mich aller­dings etwas rät­selnd zurück: Erle­ben die jun­gen Zuschau­er über­haupt noch den Anfang des Songs, wenn davor erst mal 35 Sekun­den nichts pas­siert? Ist dies das ers­te Musik­vi­deo, des­sen Sto­ry­board aus­schließ­lich aus dem Pin­te­rest-Board „Alt­bau­woh­nung in 20 Minu­ten selbst sanie­ren, damit sie voll hyg­ge aus­sieht“ bestand? Sehen Musik­vi­de­os im Jahr 2017 wirk­lich aus wie Insta­gram-Ver­sio­nen eines Wer­be­spots für Bau­spar­kas­sen? Und, apro­pos Wer­be­spot: Get­ter Jaa­ni hat offen­sicht­lich einen Deal mit Nike – aber auch mit Chi­qui­ta? War der Sport­ar­ti­kel­her­stel­ler am Ende schlecht bera­ten, Turn­schu­he für ein paar Hun­dert Euro geschickt zu haben, wäh­rend der Bana­nen-Händ­ler ein­fach nur durch den Umstand, dass man sei­ne Kar­tons auch wahn­sin­nig gut für Umzü­ge zweck­ent­frem­den kann, fast die glei­che air time bekommt?

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Gesellschaft Digital

Straßenbahn des Todes

Dies ist kein Abschied, denn ich war nie will­kom­men
Will auf und davon und nie wie­der­kom­men
Kein Lebe­wohl, will euch nicht ken­nen
Die Stadt muss bren­nen

(Cas­per – Im Asche­re­gen)

Ich hab in die­sem Jahr schon mehr­fach Social-Media-Pau­sen gemacht, die „digi­tal detox“ zu nen­nen ich mich scheue: Als mein Sohn Kita-Feri­en hat­te, wenn wir mal übers Wochen­en­de oder etwas län­ger weg­ge­fah­ren sind, hab ich Face­book und Twit­ter ein­fach aus­ge­las­sen. Zum einen, weil die iPho­nes-Apps im Ver­gleich zur rich­ti­gen Nut­zung (ich bin ver­mut­lich der ein­zi­ge Mensch Mit­te Drei­ßig, für den ein Com­pu­ter mit Bild­schirm, Tas­ta­tur und Brow­ser die „rich­ti­ge“ Anwen­dung ist und ein Smart­phone maxi­mal eine hilf­rei­che Krü­cke für unter­wegs, aber das ist mir – wie so vie­les – egal) ein­fach noch unprak­ti­scher sind (und das will schon was hei­ßen), zum ande­ren, weil ich gemerkt habe, dass Social Media mir schlecht Lau­ne macht.

Jetzt war ich übers Wochen­en­de am Meer, hab gera­de wie­der den Lap­top auf­ge­klappt, kurz in Face­book rein­ge­guckt und schon wäre die gan­ze wun­der­ba­re Erho­lung (Strah­lend blau­er Him­mel, knal­len­de Son­ne und 24 Grad Mit­te Okto­ber! 17 Grad Was­ser­tem­pe­ra­tur! In der Nord­see!) fast wie­der weg gewe­sen.

Und dann traf mich die Erkennt­nis und ich hat­te end­lich einen Ver­gleich bzw. eine Meta­pher für das gefun­den, was mich an Social Media so sehr nervt, dass ich gera­de­zu von „krank machen“ spre­chen wür­de: Es ist, als säße man in der Stra­ßen­bahn und könn­te die Gedan­ken jedes ein­zel­nen Men­schen mit­hö­ren. Da sitzt ein Mann, der gera­de sei­nen Job ver­lo­ren hat und nicht weiß, wie es wei­ter­ge­hen soll. Dort ist eine Frau, die gera­de auf dem Weg in die Kli­nik ist: Ihre Mut­ter hat Krebs im End­sta­di­um. Hier sitzt ein 16-jäh­ri­ges Mäd­chen, des­sen Freund, ihre ers­te gro­ße Lie­be, gera­de Schluss gemacht hat und schon mit einer ande­ren zusam­men ist. Und da drü­ben ein klei­ner Jun­ge, des­sen Hams­ter ges­tern gestor­ben ist.

Natür­lich sit­zen da auch wel­che, denen es gut geht: Eine Fami­lie auf dem Weg in den Zoo. Ein alter Mann, der gera­de sei­nen neu­ge­bo­re­nen Uren­kel besucht hat und sich gleich eine Dose Lin­sen­sup­pe warm­ma­chen wird, sein Leib­ge­richt. Eine jun­ge Frau auf dem Weg zum ers­ten Date – sie weiß es noch nicht, aber sie wird den Mann spä­ter hei­ra­ten und eine glück­li­che Fami­lie mit ihm grün­den. Doch ihre Gedan­ken sind nicht so laut, weil sie nicht immer nur um das eine schlech­te Ding krei­sen, son­dern sie ent­spannt und glück­lich in sich ruhen. Eher das Schnur­ren einer zufrie­de­nen Kat­ze – und damit unhör­bar im Ver­gleich zu dem Geschrei einer Metall­stan­ge, die sich in einem sehr gro­ßen Getrie­be ver­kan­tet hat.

Aber mehr noch: Nicht nur ich kann all die­se Gedan­ken hören – alle kön­nen ein­an­der hören. Und die, die selbst schon völ­lig durch sind, schrei­en dann die ande­ren an: „Sie sind eh unfä­hig, völ­lig klar, dass Sie ent­las­sen wur­den!“, „Inter­es­siert mich nicht mit Dei­ner Mut­ter, jeder muss mal ster­ben!“, „Dum­me Schlam­pe! Was lässt Du Dich auch mit so einem Typen ein? Schlech­ter Män­ner­ge­schmack und kei­ner­lei Men­schen­kennt­nis!“, „Hams­ter sind eh häss­lich und dumm!“

Das ist kein Ort, an dem ich ger­ne wäre. Da möch­te ich nicht mal feh­len.

Und doch set­ze ich mich dem regel­mä­ßig frei­wil­lig aus – oder glau­be, es tun zu müs­sen. Weil ich beruf­lich wis­sen muss, „was das Netz so sagt“. Bei Face­book sieht die Wahr­heit eher so aus: Jour­na­lis­ten­kol­le­gen berich­ten Jour­na­lis­ten­kol­le­gen, was in der Welt so Schlech­tes los ist. „Nor­ma­le“ Men­schen aus mei­nem Umfeld pos­ten schon kaum noch bei Face­book. Und, klar: Es ist die Auf­ga­be von Jour­na­lis­ten, zu berich­ten – auch und vor allem über Schlech­tes. Aber dann doch viel­leicht in einem Medi­um? Face­book war mal als digi­ta­les Wohn­zim­mer gestar­tet, inzwi­schen weiß nie­mand mehr, was es genau sein soll/​will, nur, dass es so gefähr­lich ist, dass es mut­maß­lich durch exter­ne Mani­pu­la­ti­on die US-Wahl mit ent­schie­den haben könn­te. Die wenigs­ten Din­ge star­ten als leicht schram­me­li­ge Wohn­zim­mer-Couch und lan­den als Atom­bom­be.

Und natür­lich: Es sind extre­me Zei­ten. Der Brexit, die US-Wahl, der Auf­stieg der AfD, jetzt die Wahl in Öster­reich – wenn die Offen­ba­rung von der Redak­ti­on des „Eco­no­mist“ geschrie­ben wor­den wäre, kämen dar­in ver­mut­lich weni­ger Scha­fe und Sie­gel vor und mehr von sol­chen Schlag­zei­len. Die letz­ten Tage waren geprägt von immer neu­en Ent­hül­lun­gen über den ehe­ma­li­gen Film­pro­du­zen­ten und hof­fent­lich ange­hen­den Straf­ge­fan­ge­nen Har­vey Wein­stein, des­sen Umgangs­for­men gegen­über Frau­en allen­falls mit denen des amtie­ren­den US-Prä­si­den­ten zu ver­glei­chen sind. Nach zahl­rei­chen Frau­en, die von Wein­stein beläs­tigt oder gar ver­ge­wal­tigt wur­den, mel­den sich jetzt auch vie­le zu Wort, die in ande­ren Situa­tio­nen Opfer von beschis­se­nem Ver­hal­ten wider­li­cher Män­ner gewor­den sind. Und, Spoi­ler-Alert: Es sind vie­le. Ver­dammt vie­le. Mut­maß­lich ein­fach alle.

Auf­tritt wei­te­re Arsch­lö­cher: „PR-Akti­on!“, „Dich wür­de doch eh nie­mand anpa­cken!“, „Habt Ihr doch vor vier Jah­ren schon gepos­tet, #auf­schrei!“ Und wäh­rend man sich mit der Hoff­nung ret­ten kann, dass sich dies­mal viel­leicht wirk­lich etwas ändern könn­te (eini­ges deu­tet dar­auf hin, dass Har­vey Wein­stein tat­säch­lich von jener Hol­ly­wood-Gesell­schaft aus­ge­schlos­sen wer­den könn­te, die sich all­zu­lang in sei­nem Licht gesonnt hat­te), kom­men die nächs­ten Kom­men­ta­re rein und man zwei­felt dar­an, ob da über­haupt noch irgend­wo irgend­was zu ret­ten ist.

Nimm einen ganz nor­ma­len Typen, so wie er im Buche steht
Gib die­sem Typen Anony­mi­tät
Gib ihm Publi­kum, das nicht weiß, wer er ist
Du kriegst das dümms­te Arsch­loch, das man nicht ver­gisst

(Mar­cus Wie­busch – Haters Gon­na Hate)

Es gibt ver­dien­te Kol­le­gen wie Sebas­ti­an Dal­kow­ski, die sich wirk­lich die Mühe machen, denen, die sich nicht für Fak­ten inter­es­sie­ren, wei­ter­hin Fak­ten ent­ge­gen­zu­set­zen. Die all den klei­nen und gro­ßen Scheiß, den die so apo­stro­phier­ten Besorg­ten Bür­ger und ihre media­len Für­spre­cher so von sich geben, gegen­che­cken – und dafür wie­der nur Hass und Spott ern­ten. Für Men­schen wie ihn haben kett­car „Den Revol­ver ent­si­chern“ geschrie­ben, den klu­gen Schluss­song des gran­dio­sen neu­en Albums „Ich vs. Wir“, in dem sie auch die viel­leicht zen­trals­te Fra­ge unse­rer Zeit stel­len: „What’s so fun­ny about peace, love, and under­stan­ding?“

Aber selbst, wenn Sebas­ti­an ein oder zwei Men­schen über­zeu­gen soll­te (was ich, so viel Opti­mis­mus ist durch­aus noch da, ein­fach mal hof­fe), muss ich jeden Mor­gen bei ihm lesen, wel­che Sau jene Leu­te, die Voka­beln wie „Gut­men­schen“ und „Ban­hofs­klat­scher“ ver­wen­den, um damit Men­schen zu bezeich­nen, die noch nicht ganz so viel Welt­hass, Pes­si­mis­mus und Mis­an­thro­pen­tum in ihren Her­zen tra­gen wie sie selbst, jetzt wie­der durchs Dorf getrie­ben haben. Und ich weiß, dass man es als „igno­rant“ und „unpro­fes­sio­nell“ abtun kann, wenn ich all das nicht mehr hören und lesen will, aber: krank und ver­bit­tert nüt­ze ich der Welt noch weni­ger. Ich hab sechs Jah­re BILD­blog gemacht – wenn ich heu­te wis­sen will, was in Juli­an Rei­chelts Kopf wie­der schief gelau­fen ist, kann ich das bei den Kol­le­gen nach­le­sen, die unse­re Arbeit dan­kens­wer­ter­wei­se immer noch wei­ter­füh­ren. Ich muss das nicht zwi­schen den ver­ein­zel­ten Kin­der­fo­tos ent­fern­ter Bekann­ter in mei­nem Face­book-Feed haben. Das gute Leben fin­det inzwi­schen eh bei Insta­gram statt.

Ich woll­te nie gro­ße Ansa­gen machen wie „Ich hab mich jetzt bei Twit­ter abge­mel­det“ – muss ja jeder selbst wis­sen, kann ja jeder hal­ten, wie er/​sie will, wirkt auch immer ein biss­chen eitel. Nur: Face­book und Twit­ter haben mitt­ler­wei­le eine Macht, die ihren Erfin­dern kaum klar ist. Sie kom­men nicht mehr klar mit dem Irr­sinn, der dort abgeht. Und dazu kommt noch der gan­ze Quatsch, dass rich­ti­ge Medi­en ihre Inhal­te dort abkip­pen, um wenigs­tens ein paar Krü­mel abzu­be­kom­men. Natür­lich inter­es­siert es Face­book und Twit­ter kein biss­chen, wenn ihnen ein unbe­deu­ten­der Blog­ger aus Bochum alle ver­füg­ba­ren Mit­tel­fin­ger zeigt, aber: Hey, immer­hin bin ich Blog­ger! Immer­hin hab ich hier ein Zuhau­se im Inter­net. Und wenn mir einer auf den Tep­pich pisst, kann ich ihn acht­kan­tig raus­wer­fen.

Ich weiß, dass Tei­le der Welt immer schlecht waren, sind und sein wer­den – ich brau­che nicht die täg­li­che Bestä­ti­gung. Wie kön­nen es uns hier so gemüt­lich machen, wie es in die­ser Welt (die übri­gens auch ganz vie­le wun­der­vol­le Tei­le hat) eben geht. Und dann hab ich ja auch noch mei­nen News­let­ter.

Ich hab ein Kind zu erzieh’n,
Dir einen Brief zu schrei­ben
Und ein Fuß­ball Team zu sup­port­en.

(Thees Uhl­mann – 17 Wor­te)

PS: Am Meer war es übri­gens wirk­lich wun­der­schön, das kriegt kein Social Media die­ser Welt kaputt!

Gestern am Strand von Scheveningen

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Leben

In memoriam Renate Erichsen

Ich schrei­be jetzt seit über 25 Jah­ren: Schul­auf­sät­ze, Lied­tex­te, Dreh­bü­cher, Rezen­sio­nen, Arti­kel, Semi­nar­ar­bei­ten, Blog­ein­trä­ge, Vor­trä­ge, Wit­ze, Mode­ra­tio­nen, News­let­ter, Tweets, … 

Letz­te Woche gab es eine Pre­mie­re, auf die ich auch noch ein paar Jah­re hät­te ver­zich­ten kön­nen: Ich habe mei­ne ers­te Trau­er­re­de geschrie­ben und gehal­ten – auf mei­ne Oma, die heu­te vor einem Monat im Alter von 84 Jah­ren gestor­ben ist.

Ich habe lan­ge dar­über nach­ge­dacht, ob ich dar­über etwas schrei­ben soll, weil es ja nicht nur um mein Pri­vat­le­ben geht, son­dern auch um das mei­ner Oma und mei­ner Fami­lie, des­we­gen will ich nicht ins Detail gehen, aber ande­rer­seits war mei­ne Oma medi­al bis zuletzt fit, hat mein Blog (und ande­re) gele­sen, „Lucky & Fred“ gehört (wes­we­gen ich ihren Tod auch in der letz­ten Fol­ge the­ma­ti­siert habe) und mit uns Enkeln per Tele­gram kom­mu­ni­ziert (Whats­App lief nicht auf ihrem iPad). Außer­dem gab es ja sonst kei­ne Nach­ru­fe auf sie und mut­maß­lich wird man auch kei­ne Stra­ßen nach ihr benen­nen oder ihr Sta­tu­en errich­ten.

Rena­te Erich­sen, die für uns nur Omi Nate war, wur­de 1932 in Ber­lin gebo­ren, wäh­rend des Krie­ges floh ihre Fami­lie nach Feh­marn und ließ sich dann spä­ter in Dins­la­ken (of all places) nie­der. Sie war, wohl auch des­halb, poli­tisch und gesell­schaft­lich sehr inter­es­siert und woll­te von ihren Enke­lin­nen und Enkeln immer wis­sen, wie wir über bestimm­te Din­ge den­ken. 

Die Rena­tio­na­li­sie­run­gen, die in der EU – aber nicht nur dort – in den letz­ten Jah­ren zu beob­ach­ten waren, berei­te­ten ihr gro­ße Sor­gen, poli­ti­sche Strö­mun­gen wie AfD und Donald Trump auch. „Das habe ich alles schon mal erlebt“, sag­te sie dann und es gab kei­ne Zwei­fel dar­an, dass sie das nicht noch mal haben muss­te — und auch nie­man­dem sonst wünsch­te.

Bei einem unse­rer Tele­fon­ge­sprä­che nach dem Brexit-Refe­ren­dum im ver­gan­ge­nen Jahr beklag­te sie sich dar­über, dass so weni­ge jun­ge Men­schen zur Wahl gegan­gen waren — aber auch und vor allem, dass so vie­le alte Men­schen über die Zukunft der Jun­gen abge­stimmt und ihnen damit die Zukunft ver­baut hät­ten. Obwohl sie, wie sie oft erwähn­te, eine klei­ne Ren­te hat­te, stimm­te sie bei Wah­len lie­ber so ab, wie sie es für „die jun­gen Leu­te“ (also: uns) für rich­tig hielt.

All das und eini­ge ande­re Din­ge habe ich ver­sucht, in mei­ne Rede ein­zu­bau­en und dabei fest­ge­stellt, dass das auf ein paar Sei­ten Text gar nicht so ein­fach ist. Klar: Auch in mei­nen jour­na­lis­ti­schen Arbei­ten ist nie Platz für alles, aber die füh­len sich nicht an, als müss­ten sie ein The­ma (oder in die­sem Fall: ein Leben) qua­si „abschlie­ßend“ ver­han­deln.

Vor der Trau­er­fei­er war es auch so, dass ich haupt­säch­lich an mei­ne Rede gedacht habe, was sich einer­seits total ego­is­tisch und fehl am Plat­ze anfühl­te, ande­rer­seits aber eine ganz gute emo­tio­na­le Ablen­kung war — und ich woll­te ja auch, dass die Rede eini­ger­ma­ßen gut und vor allem ange­mes­sen wird.

Ich habe des­halb auch noch mal die Rede gegoo­gelt, die Thees Uhl­mann von Tom­te im Febru­ar 2004 (Wahn­sinn, wie lang das schon wie­der her ist!) auf der Beer­di­gung von Roc­co Clein gehal­ten hat — für mei­ne Zwe­cke nur bedingt hilf­reich, aber auch all die Jah­re spä­ter immer noch groß, gewal­tig und trös­tend. Und bei der Suche bin ich auch auf ein Dop­pel­in­ter­view mit Thees und Ben­ja­min von Stuck­rad-Bar­re gesto­ßen, das letz­tes Jahr im „Musik­ex­press“ erschie­nen ist. Die bei­den lie­gen mir ja eh sehr am Her­zen (im Sin­ne von: ich wür­de ohne die bei­den ver­mut­lich gar nicht schrei­ben — oder zumin­dest nicht so, wie ich es jetzt – auch hier, gera­de in die­sem Moment – tue), aber es ist auch so ein schö­nes Gespräch, in dem es auch um beson­de­re Men­schen geht.

Und so erschien mir der Rück­weg aus Dins­la­ken nach Trau­er­fei­er, Urnen­bei­set­zung, Kaf­fee­trin­ken und sehr engem fami­liä­ren Bei­sam­men­sein dann auch der rich­tig Zeit­punkt, um nach Jah­ren mal wie­der „Hin­ter all die­sen Fens­tern“ zu hören, das Album mit dem Tom­te damals in mein Leben gekracht waren und das ich damals ganz oft im Zug von Dins­la­ken nach Bochum und zurück gehört hat­te.

Es war sicher­lich auch den beson­de­ren Umstän­den geschul­det, dass mich das Album noch ein­mal mit­ten ins Herz traf: „Schreit den Namen mei­ner Mut­ter, die mich hielt“, „Das war ich, der den weg­brach­te, den Du am längs­ten kennst“, „Es könn­te Trost geben, den es gilt zu sehen, zu erken­nen, zu buch­sta­bie­ren“, „Von den Men­schen berührt, die an dem Fried­hof stan­den, am Ende eines Lebens“ — ich hät­te mir sofort das gesam­te Album täto­wie­ren las­sen kön­nen.

Die­ses Gefühl, dass da jemand vor inzwi­schen 15 Jah­ren ein paar Tex­te geschrie­ben hat, die etwas mit sei­nem dama­li­gen Leben zu tun hat­ten, und dass die­se Tex­te dann zu ver­schie­de­nen Zeit­punk­ten im eige­nen Leben in einem genau die wun­den Stel­len tref­fen und gleich­zei­tig weh­tun und beim Hei­len hel­fen: Wahn­sinn! Immer wie­der aufs Neue!

Und dann noch mal die liner notes zum Album lesen und immer wie­der nicken und sich ver­stan­den füh­len. Mei­ne Oma hat Zeit ihres Lebens alle Lite­ra­tur ver­schlun­gen, derer sie hab­haft wer­den konn­te — „ich habe mehr durch Musik gelernt, als durch Biblio­the­ken“, sang wie­der­um Thees Uhl­mann auf der fina­len Tom­te-Plat­te.

Im Übri­gen hat sich her­aus­ge­stellt, dass so ein Tod (zumin­dest, wenn er nach einem lan­gen und erfüll­ten Leben kam und die Ver­stor­be­ne sich ange­mes­sen ver­ab­schie­den konn­te) ein viel­leicht etwas absei­ti­ger, aber zuver­läs­si­ger Gesprächs­mo­tor ist. Ich habe jeden­falls in den letz­ten Wochen vie­le sehr gute Gesprä­che mit engen Freun­den, aber auch ganz ande­ren Men­schen geführt.

Die­ser Text erschien ursprüng­lich in mei­nem News­let­ter „Post vom Ein­hein­ser“, für den man sich hier anmel­den kann.

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Film Rundfunk Politik

Abgang nach Maas

Sie haben es ver­mut­lich schon mit­be­kom­men: Ali­ce Wei­del, Spit­zen­kan­di­da­tin einer Par­tei, die sich „Alter­na­ti­ve für Deutsch­land“ nennt, hat ges­tern eine Polit-Talk­show im ZDF ver­las­sen:

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Die­ser Abgang ist his­to­risch. Nicht, weil er irgend­ei­nen berech­tig­ten Anlass gehabt hät­te; auch nicht, weil er heu­te wie­der für ganz vie­le Schlag­zei­len und Fra­gen wie „Spie­len wir das Spiel der AfD mit, wenn wir dar­über dis­ku­tie­ren?“ gesorgt hat. Son­dern, weil Wei­dels Empö­rung so unglaub­lich unglaub­wür­dig war.

Sie wirk­te wie eine Ober­stu­fen­schü­le­rin, die kei­nen Bock hat, Teil der Abizei­tungs-AG zu sein, aber aus Grün­den ihrer sozia­len Stel­lung inner­halb der Stu­fe das nicht ein­fach zuge­ben kann, und des­we­gen ver­zwei­felt ver­sucht, irgend­ei­nen Grund zu fin­den, Papie­re in die Luft zu wer­fen und kopf­schüt­telnd den Ober­stu­fen­raum zu ver­las­sen, um dann anschlie­ßend melo­dra­ma­tisch augen­rol­lend in der Rau­cher­ecke an ihrer Ziga­ret­te zu zie­hen.

Kom­men wir des­halb nun zu unse­rer neu­en Rubrik „Men­schen, die bes­se­re Schau­spie­ler sind als Ali­ce Wei­del“. Die Lis­te umfasst rund 7,1 Mil­li­ar­den Men­schen, des­we­gen hier nur die fünf Erst­plat­zier­ten:

5. Til Schwei­ger

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4. Donald Trump

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3. Pepe

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2. Cris­tia­no Ronal­do

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1. Ber­ti Vogts

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Print Digital

Furchtbar

Durch Umstän­de, die dies­mal nichts zur Sache tun, bin ich gera­de über eine rund zwei­ein­halb Jah­re alte Über­schrift auf bunte.de gestol­pert:

Kai Wiesinger: "Es ist furchtbar!"

Im Vor­spann steht:

Der Tod von Chan­tal de Freitas im Som­mer 2013 war über­ra­schend. Die damals 45-jäh­ri­ge Schau­spie­le­rin und getrennt leben­de Ehe­frau von Kai Wie­sin­ger starb plötz­lich und uner­war­tet. Zurück blie­ben ihre zwei Töch­ter – und ein trau­ern­der Kai Wie­sin­ger …

Und das kann man sich ja gut vor­stel­len, dass eine sol­che Situa­ti­on furcht­bar ist.

Allein – wenn man den dazu­ge­hö­ri­gen Arti­kel auf bunte.de kom­plett liest, stellt man fest, dass das Zitat in der Schlag­zei­le viel­leicht ein biss­chen … nen­nen wir es mal: aus dem Zusam­men­hang geris­sen ist:

"Es ist furchtbar, wie Medien ein falsches Bild von jemandem erschaffen können" Chantal de Freitas hinterließ zwei Töchter aus ihrer Ehe mit Kai Wiesinger. Im Interview mit dem Magazin "DONNA"​ spricht der 48-Jährige jetzt über die schwere Zeit. "Es ist furchtbar, wie Medien durch aus dem Zusammenhang gerissene Zitate ein falsches Bild von jemandem erschaffen können. Es ist sehr schwer, so etwas auszuhalten und dabei öffentlich keine Stellung zu beziehen."

Womög­lich braucht man gar nicht viel mehr als die­ses Bei­spiel, um das Wesen von Bou­le­vard­jour­na­lis­mus zu erklä­ren.

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Musik

The District Sleeps Alone Tonight

Guten Mor­gen,

mein Name ist Lukas und ich soll­te eigent­lich längst schla­fen. Aber dann hab ich bei You­Tube ein Video ent­deckt:

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Einer mei­ner Lieb­lings­mu­si­ker covert einen mei­ner Lieb­lings­songs von einer mei­ner Lieb­lings­bands! Das muss ich natür­lich noch gucken und dann …

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Okay: Frank Tur­ner covert noch einen Song von The Hold Ste­ady, aber dies­mal mit einem Band­mit­glied von The Hold Ste­ady! Aber danach kann ich ja …

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Okay: „Con­s­truc­ti­ve Sum­mer“ mag ich aus per­sön­li­chen Grün­den noch ein biss­chen mehr, aber danach soll­te ich …

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What the … ? Frank Tur­ner covert einen Song einer mei­ner ande­ren Lieb­lings­bands!

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Und noch einen! („Plea From A Cat Named Virt­ute“ hal­te ich per­sön­lich ja für einen der bes­ten Tex­te, der je geschrie­ben wur­de – was um so bemer­kens­wer­ter ist, wenn man bedenkt, was mit ande­ren Men­schen pas­siert ist, die Tex­te aus der Sicht einer Kat­ze geschrie­ben haben.)

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ARGH! Gibt es irgend­ei­nen mei­ner Lieb­lings­songs, den Frank Tur­ner nicht geco­vert hat?

Ich muss jetzt wirk­lich aus­ma­chen, aber weil sich der Kreis hier so wun­der­bar schließt:

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Noch ein Song von The Pos­tal Ser­vice, geco­vert von einem noch abso­lut­e­ren Lieb­lings­mu­si­ker.

Gute Nacht!

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Musik

Nevermind Gonna Give You Up

Wir hat­ten Rick Ast­ley letz­tes Jahr im „ARD Mor­gen­ma­ga­zin“ zu Gast – am Mor­gen nach dem schreck­li­chen Anschlag in Niz­za. Wir dach­ten „Acht­zi­ger-Schnul­zen­sän­ger“, „Inter­net-Pun­ching­bag“, aber über­ra­schen­der­wei­se war 1. sein neu­er Song super und 2. er genau der rich­ti­ge Gast, um so eine doo­fe, trau­ri­ge Drei­ein­halb-Stun­den-Sen­dung zu über­ste­hen.

Hier ist er also am Wochen­en­de in Japan mit den Foo Figh­ters, wie er – natür­lich – „Never Gon­na Give You Up“ singt, das erstaun­li­cher­wei­se wie ein Nir­va­na-Song klingt:

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[via Spin]

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Komm, Welt, lass Dich umarmen

Der ers­te Spiel­tag der neu­en Bun­des­li­ga­sai­son ist rum, Glad­bach hat 1:0 gegen den 1. FC Köln gewon­nen.

Zeit, noch ein­mal nost­al­gisch an mei­ne aller­ers­te Sai­son als Fan zurück­zu­den­ken und an das Lied, das für mich auf ewig die Glad­ba­cher Tor­hym­ne sein wird:

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Falls ich den Song jemals in vol­ler Län­ge gehört haben soll­te, ist das sicher über zwan­zig Jah­re her. Es ist natür­lich ein Song, des­sen natür­li­cher Lebens­raum schon bei Uwe Hüb­ner in der „ZDF-Hit­pa­ra­de“ liegt, aber man muss die­sen gan­zen Schla­ger­sän­gern der 1980er und 1990er gegen­über ja Abbit­te leis­ten, denn so viel schlim­mer als das Aller­meis­te, was aktu­ell im Radio läuft, war das ja nun wirk­lich nicht. Und die Stim­me ist schon geil, oder? (Sie kommt viel­leicht noch ein biss­chen bes­ser rüber in die­sem Auf­tritt, der auch noch kom­plett stil­echt von Die­ter-Tho­mas Heck anmo­de­riert und ‑gewun­ken wird.)

Mario Jor­dan (fra­gen Sie mich bit­te nicht, war­um mein Gehirn die­sen Namen sofort griff­be­reit hat­te!) hieß, wie ich der Wiki­pe­dia ent­neh­me, eigent­lich Mario Leh­ner und ist lei­der schon vor sie­ben Jah­ren gestor­ben.

Das Lied ken­nen Sie natür­lich auch, wenn Sie nie im Bökel­berg­sta­di­on waren, denn es war sei­ner­zeit auch der Wer­be­song einer sym­pa­thi­schen nie­der­rhei­ni­schen Braue­rei, die damals Tri­kot­spon­sor von Borus­sia Mön­chen­glad­bach war – und das Lied ver­mut­lich gleich mit­ge­bracht hat.

(Kur­zer Exkurs: Die Braue­rei Die­bels war bis zum Jahr 2011 auch Geträn­ke­part­ner des Hald­ern Pop Fes­ti­vals, was bedeu­te­te, dass man – sym­pa­thisch und nie­der­rhei­nisch hin oder her – dort lan­ge nur Alt­bier trin­ken konn­te. Ab 2005 brau­te Die­bels dann auch (wie­der) Pils, das aber seit 2010 schon nicht mehr in Fäs­sern ange­bo­ten wur­de. Die Web­site des Unter­neh­mens wirkt selt­sam ver­waist und der aktu­el­len Bericht­erstat­tung ent­neh­me ich, dass der welt­größ­te Brau­kon­zern Anheu­ser-Busch Inbev – „sym­pa­thisch“ und „nie­der­rhei­nisch“ – die Mar­ke offen­bar drin­gend los­wer­den will. Wenn also irgend­je­mand über­haupt nicht vom aktu­el­len Craft­beer-Trend pro­fi­tiert hat, dann das Alt-Bier. Und Haus­ge­tränk der soge­nann­ten Alt-Right-Bewe­gung will man ja auch nicht sein. Exkurs Ende.)

Die legen­dä­ren Die­bels-Wer­be­spots sind übri­gens auch der Grund dafür, war­um ich „Welch ein Tag“ auch jedes Mal im Ohr habe, wenn ich ein Ket­ten­ka­rus­sell sehe:

(Ich hat­te den Spot übri­gens so in Erin­ne­rung, dass da zwei Men­schen gemein­sam auf dem Karus­sell fah­ren und sich dort zupros­ten. Alter Roman­ti­ker, ich.)

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One More Night

Es ist jetzt fast auf den Tag genau 15 Jah­re her, dass ich mein Abi-Zeug­nis aus­ge­hän­digt bekam und ins soge­nann­te Erwach­se­nen­le­ben ent­las­sen wur­de. Ein Abi­tref­fen ist nicht ange­setzt (zumin­dest weiß ich nichts davon) und so wer­de ich auch wei­ter nicht wis­sen, was die frü­he­ren Klas­sen­clowns, Ska­ter, Traum­frau­en und Ner­ven­sä­gen heu­te machen – zumin­dest die­je­ni­gen, deren Eltern mei­ne Mut­ter nicht regel­mä­ßig in Dins­la­ken auf dem Wochen­markt trifft. Das ist aber auch okay, denn Nost­al­gie ist ein Gefühl, das ich (wie die meis­ten ande­ren Gefüh­le auch) am Liebs­ten in den eige­nen vier Wän­den aus­le­be.

Oder eben in der aus­ver­kauf­ten Köln­are­na, wo Phil Coll­ins die­se Woche nicht ein, nicht zwei, nicht drei, nicht vier, son­dern fünf Kon­zer­te spielt. Coll­ins ist, wie ich schon ein­mal in einem eher unge­len­ken Blog-Ein­trag zu beschrei­ben ver­sucht habe, der auch erst kna­cki­ge zehn Jah­re alt ist, ein Held mei­ner Kind­heit. Jah­re­lang ging ich als eif­ri­ger, aber fremd­sprach­lich unter­ent­wi­ckel­ter Schlag­zeug-Schü­ler davon aus, der drum fill, also jene Akzen­tu­ie­rung, die einen Über­gang von einem Song­teil (z.B. Stro­phe) zum nächs­ten (z.B. Refrain) mar­kiert, sei nach Phil Coll­ins benannt.

Als Coll­ins die Kon­zer­te (zunächst waren für Köln zwei geplant) im ver­gan­ge­nen Jahr ankün­dig­te, habe ich den Gedan­ken nach kur­zer Über­le­gung ver­wor­fen – hat­te ich mir doch geschwo­ren, dass die 80,40 Euro, die ich im Jahr 2011 für Paul McCart­ney gezahlt hat­te, mei­ne teu­ers­te Kon­zert­kar­te jemals blei­ben soll­ten. Dann saß ich letz­te Woche mit einer Freun­din zusam­men, wir spra­chen über die Kon­zer­te, guck­ten nach wie­der ver­füg­ba­ren Kar­ten und sag­ten uns mit grö­ßen­wahn­sin­ni­ger Selbst­ver­ständ­lich­keit: „Klar, 100 Euro, war­um auch nicht?!“

Erst als wir auf der Auto­bahn Rich­tung Köln sind und die größ­ten Phil-Coll­ins-Hits (also: die, die in eine sieb­zig­mi­nü­ti­ge Auto­fahrt pas­sen) aus den Boxen schal­len, wird mir rich­tig klar, wor­auf wir uns hier ein­ge­las­sen haben: eine pop­kul­tu­rel­le Rück­füh­rung in ein frü­he­res Leben – eines, wo man Kind war, auf dem Wohn­zim­mer­tep­pich lie­gend das hör­te, was die Eltern hör­ten, und Musik noch nicht dem Distink­ti­ons­ge­winn dien­te, son­dern aus­schließ­lich der Unter­hal­tung.

Bereich Arena ab ca. 18 Uhr hohes Verkehrsaufkommen - PHIL COLLINS -

Rund um die Köln­are­na herrscht schon um 18 Uhr gro­ßer Andrang: In lan­gen Schlan­gen ste­hen die Men­schen, um recht­zei­tig … äh, ja: auf ihren num­me­rier­ten Plät­zen sit­zen zu kön­nen. Die größ­te Über­ra­schung ist die, dass wir nicht die Jüngs­ten sind. Ticket­über­ga­be, dann in der angren­zen­den Sys­tem­gas­tro­no­mie essen. Ich füh­le mich wie­der wie 16, als man frei­tags­abends mit Freun­den ins Mul­ti­plex­ki­no am Ein­kaufs­zen­trum der nächs­ten grö­ße­ren Stadt gehen durf­te. (Das kos­tet ja inzwi­schen bestimmt auch genau­so viel.)

Unse­re Plät­ze lie­gen so, dass sie den Ein­druck, hun­dert Euro wert zu sein, ziem­lich gut erwe­cken kön­nen. Auf den LED-Wän­den links und rechts der Büh­ne und auf der Gaze vor der Büh­ne lau­fen Fotos aus allen Lebens- und Schaf­fens­pe­ri­oden des Künst­lers und ich den­ke zum wie­der­hol­ten Male, dass die Ähn­lich­keit zwi­schen ihm und Fran Hea­ly zu jeder Zeit gege­ben war.

Schlag Acht geht die Wer­bung auf dem Video­wür­fel unter der Hal­len­de­cke aus, kurz dar­auf auch die Saal­be­leuch­tung und schließ­lich schlurft der leib­haf­ti­ge, 66-jäh­ri­ge Phil Coll­ins mit einem Krück­stock auf die Büh­ne und setzt sich, wäh­rend sich wei­te Tei­le des Publi­kums erho­ben haben, auf einen Stuhl am Büh­nen­rand. An der Stirn hat er ein gro­ßes Pflas­ter, nach­dem er letz­te Woche in Lon­don im Hotel­zim­mer gestürzt war und zwei Kon­zer­te ver­schie­ben muss­te. „My back hurts, my leg is fucked“, erklärt er, und eigent­lich habe er das alles nicht mehr machen wol­len: „But I missed you so much!“ Das könn­te man jetzt unter klas­si­schem Kon­zert­ge­schmei­chel abtun, aber dann denkt man dar­an, dass der Mann nach sei­ner „Pen­sio­nie­rung“ in sei­nem Schwei­zer Domi­zil vor lau­ter Lan­ge­wei­le ein Alko­hol­pro­blem ent­wi­ckelt hat­te, und man will, nein: muss ihm ein­fach glau­ben!

In die­sen Aus­tausch von Herz­lich­kei­ten hin­ein per­len die ers­ten Kla­vier­tö­ne und es wird direkt klar: Hier wer­den heu­te Abend kei­ne Gefan­ge­nen gemacht, hier wird gleich mal mit dem Rie­sen­hit „Against All Odds“ eröff­net. Die Band steht, für das Publi­kum immer noch unsicht­bar, hin­ter der Gaze und als das Schlag­zeug ein­setzt, wird der Drum­mer von hin­ten so ange­strahlt, dass sein Schat­ten rie­sen­groß über dem sit­zen­den Phil Coll­ins erscheint – was als irgend­wie ver­dreh­te Meta­pher ganz, ganz wun­der­voll ist, denn der Drum­mer ist des­sen 16-jäh­ri­ger Sohn Nicho­las.

Dann geht der Vor­hang hoch, man sieht die Band und die Mess­lat­te wird mit „Ano­ther Day In Para­di­se“ noch mal ein biss­chen höher gelegt. Die­ser Song ist – neben Tina Tur­ners „The Best“ und Miles Davis‘ „Human Nature“-Cover – für mich der Klang elter­li­cher Geburts­ta­ge, an denen wir lan­ge auf­blei­ben und den Erwach­se­nen mit unse­rer Anwe­sen­heit auf die Ner­ven gehen durf­ten. Ja, ich habe Paul McCart­ney „Hey Jude“ sin­gen gese­hen, Rob­bie Wil­liams „Angels“ und a‑ha „Take On Me“, aber das war alles höchs­tens das Warm-Up für die emo­tio­na­le Über­for­de­rung, die nun ein­setzt, und der ich nur zu begeg­nen weiß, indem ich schnell den Refrain auf dem iPho­ne mit­fil­me und an mei­ne gan­ze Fami­lie schi­cke.

Die Stim­mung wird ein wenig run­ter­ge­kühlt mit „One More Night“ und „Wake Up Call“, einem Song aus dem Spät­werk „Testi­fy“, das, wie eine Akkla­ma­ti­on in der Hal­le ergibt, fünf oder sechs Men­schen gekauft haben – „but don’t worry: I did­n’t buy your records, eit­her!“ Und dann: „Fol­low You Fol­low Me“, der gro­ße Gene­sis-Hit. Auf den LED-Wän­den sind Sze­nen aus allen Epo­chen der Band (inkl. Peter Gabri­el) zu sehen und es fühlt sich ein biss­chen beru­hi­gend an, dass ich nicht zur Mehr­heit der Men­schen hier in der Hal­le gehö­re, die die­ser Song jetzt an die damals so genann­ten „Feten“ in den Kel­lern ihrer Eltern­häu­ser erin­nert, son­dern ich ihn schon auf einem Oldie-Sam­pler ken­nen­ge­lernt habe.

Die nächs­ten Minu­ten ver­brin­ge ich damit, mir eine Mei­nung über das zu bil­den, was bei einem Kon­zert in gewis­ser Wei­se das Wich­tigs­te sein könn­te: die Musik. Man­che Songs klin­gen tight und per­fekt ein­ge­spielt (wei­te Tei­le der Band spie­len schon min­des­tens dop­pelt so lan­ge mit Phil Coll­ins, wie Drum­mer Nicho­las auf der Welt ist), ande­re schlep­pen und zer­fa­sern so, dass sie fast aus­ein­an­der zu fal­len dro­hen. Akus­tisch macht die Köln­are­na ihrem schlech­ten Ruf wie­der alle Ehre: kennt man den Text eines Songs, geht’s, kennt man ihn nicht, ver­steht man kein Wort.

Aus mir per­sön­lich nicht ver­ständ­li­chen Grün­den singt Coll­ins auch „Sepa­ra­te Lives“, einen Song, der sei­nen Ruf als pop cul­tu­re pun­ching bag mit­be­grün­det haben dürf­te: chee­sy, auf das aus­ge­legt, was unse­re Eltern „Klam­mer­blues“ nann­ten, und bei aller Lie­be einer sei­ner schlimms­ten Songs – und das, obwohl er ihn gar nicht selbst geschrie­ben hat. Nach „Only You Know And I Know“ geht’s in die zwan­zig­mi­nü­ti­ge Pau­se: „You might need to go the bath­rooms and we will do the same!“

Mei­ne Beglei­tung nutzt die Zeit, um das Mer­chan­di­se zu inspi­zie­ren: T‑Shirts für 30 und Pull­over für 50 Euro erschei­nen einem für ein Are­na-Kon­zert bei­na­he ange­mes­sen.
„Kei­ne Drum­sticks?“, fra­ge ich ent­täuscht. „Für Phil Coll­ins signa­tu­re drum­sticks wür­de ich heu­te Abend jeden Preis bezah­len!“
Schnitt: Zwei jun­ge Frau­en keh­ren in unse­ren Block zurück, in ihren Hän­den jeweils ein Paar Drum­sticks.

Ich fra­ge mich, ob Nicho­las Coll­ins auch mit den Stö­cken trom­meln muss, auf denen die Unter­schrift sei­nes Vaters prangt. Nach der Pau­se darf er in einem aus­führ­li­chen Duett mit Per­cus­sio­nist Luis Con­te jeden­falls noch mal ohne jedes Bei­werk zei­gen, was er so drauf hat. Das hät­te ich ver­mut­lich auch nicht hin­be­kom­men, wenn ich mei­nen Schlag­zeug­un­ter­richt damals ernst genom­men hät­te. Aber wenn ich mei­nen Bio­lo­gie­un­ter­richt ernst genom­men hät­te, könn­te ich jetzt etwas über „Ver­er­bungs­leh­re“ schrei­ben.

Bei „You Know What I Mean“ beweist Nicho­las, dass ein Coll­ins natür­lich mehr als nur ein Instru­ment beherrscht: er spielt die Bal­la­de am Kla­vier, sein Vater, der ver­mut­lich nie mehr irgend­ein Instru­ment wird spie­len kön­nen, sitzt dane­ben und singt und als Nic Phil danach im tosen­den Applaus umarmt und auf die Glat­ze küsst, muss ich mich weg­dre­hen und zu den Wor­ten „Ent­schul­di­gung, ich hab auch einen Sohn“ hek­tisch vor mei­nem Gesicht her­um­we­deln.

Über­haupt kann man sich an die­sem Abend ja kein Stück frei­ma­chen von der gan­zen sto­ry, die hier per­ma­nent mit­schwingt: dass das hier eben Come­back und Abschied zugleich ist, weil es – zumin­dest Stand heu­te Abend – eher unwahr­schein­lich erscheint, dass Phil Coll­ins sich das alles noch mal antun wird. Er ist zwar „Not Dead Yet“, wie Tour und Auto­bio­gra­phie hei­ßen, aber eben auch eher das Gegen­teil eines Mick Jag­ger, der mit 182 Jah­ren immer noch über die Büh­ne gockelt. Man ver­zeiht ihm des­halb, wenn die Stim­me mal nicht mehr ganz so frisch klingt (was aber sel­ten pas­siert), wenn die Band einen tau­send Mal gehör­ten Hit eine Spur zu lang­sam anstimmt, und auch, dass sich die Pro­du­zen­ten der Show in der zwei­ten Hälf­te dafür ent­schie­den haben, auf der Büh­ne eine Art „Wet­ten, dass..?“-Atmosphäre (aus den Frank-Elst­ner-Jah­ren) zu simu­lie­ren: Hin­ter der Büh­ne weht ein ocker­ner Vor­hang, der so ver­mut­lich immer noch in der Stadt­hal­le Böb­lin­gen hängt, die Lich­ter strah­len in Oran­ge und Gelb.

Und dann, nach all den Hits, end­lich der Hit: ange­schlos­sen an ein gefühlt acht­mi­nü­ti­ges Intro beginnt der Roland CR-78 zu zir­pen und der Saal atmet tief durch. „In The Air Tonight“. Alle sin­gen mit, fast alle ste­hen und natür­lich war­ten alle nur auf die­sen einen Moment, der auf der Album­ver­si­on nach 3:41 Minu­ten kommt – der ver­mut­lich berühm­tes­te drum break aller Zei­ten. Es ist dann letzt­lich: ein Takt, zehn Schlä­ge, wahn­sin­nig viel Licht – und es geht wei­ter. Manch­mal kommt es in der Pop­mu­sik, wie im Leben, aber auf die­sen einen Moment an.

Danach bewegt sich – um mal eine beson­ders schie­fe Meta­pher zu ver­wen­den – das Hit-Feu­er­werk auf die Ziel­ge­ra­de: „You Can’t Hur­ry Love“, „Dance Into The Light“, „Invi­si­ble Touch“, „Easy Lover“ und „Sus­su­dio“, dem man an die­sem Abend ein­fach mal ver­zeiht, dass es ein ziem­lich dum­mer Song ist; im Wesent­li­chen ein schlecht umla­ckier­tes „1999“ von Prin­ce, des­sen Fahr­ge­stell­num­mer nur not­dürf­tig raus­ge­feilt wur­de. Dafür gibt es bun­tes Kon­fet­ti und alle tan­zen!

Zur ers­ten Zuga­be, dem Vera-Lynn-Cover „If You Love (Real­ly Love Me)“ steht Coll­ins ange­lehnt ans Kla­vier, danach schließt der Abend mit einem aus­gie­bi­gen „Take Me Home“. Als die Hal­len­be­leuch­tung angeht, ist es 22.47 Uhr. Die Drum­sticks kos­ten 20 Euro – ein nicht völ­lig absur­der Preis, den ich hier und jetzt natür­lich ger­ne zah­le. Wir brau­chen ewig, um zu unse­rem Auto zu kom­men, und noch län­ger, um damit das Park­haus zu ver­las­sen. Heu­te waren wir fünf Jah­re alt. Und 16. Und erwach­sen.

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Musik

Nah dran

Ich bin jetzt in einem Alter, in dem die meis­ten Men­schen neue Musik nur noch über das Radio wahr­neh­men. Beruf und Fami­lie ver­hin­dern eine nähe­re Aus­ein­an­der­set­zung und man muss auch erken­nen, dass das bei vie­len Leu­ten eigent­lich nie anders war: Die haben halt immer schon gehört, was in den Charts war oder was die Peer Group gehört hat – und das ist ja auch total okay, denn wenn sich alle Leu­te der­art in Musik und Pop­kul­tur ver­lie­ren wür­den, käme ja nie­mand mehr zum Arbei­ten und Kin­der erzie­hen.

Obwohl ich mich bemü­he, mit den allen aktu­el­len Ver­öf­fent­li­chun­gen mit­zu­hal­ten, höre ich dann doch meis­tens nur die neu­en Alben der Künst­ler, die mich schon lan­ge beglei­ten: Mei­ne meist­ge­hör­ten CDs im letz­ten Jahr waren die neu­en von Weezer und Jim­my Eat World. Die­ses Jahr habe ich mit Sam­pha und Storm­zy immer­hin schon zwei Debüt­al­ben gehört, aber aktu­ell auf hoher Rota­ti­on ist ein Künst­ler, der mich seit fast 15 Jah­ren beglei­tet: Andrew McMa­hon.

Andrew McMahon In The Wilderness - Zombies On Broadway (Albumcover)Ich habe schon ange­sichts des ers­ten Andrew-McMa­hon-In-The-Wil­der­ness-Albums ver­sucht, das beson­de­re Ver­hält­nis zu beschrei­ben, dass ich zu ihm und sei­ner Musik – zuvor in den Bands Some­thing Cor­po­ra­te und Jack’s Man­ne­quin – habe. Andrew McMa­hon könn­te auch ein Album vol­ler Wea­ther-Chan­nel-Jin­gles ver­öf­fent­li­chen und ich wür­de es rauf und run­ter hören – was ganz prak­tisch ist, denn „Zom­bies On Broad­way“ ist bei­na­he ein Album vol­ler Wea­ther-Chan­nel-Jin­gles gewor­den.

Offen­bar hat er viel mit sei­nen Kum­pels von fun. rum­ge­han­gen, denn „Zom­bies“ setzt noch mehr auf gro­ßen, gro­ßen Pop als die Ver­öf­fent­li­chun­gen davor: Key­board­flä­chen, Chö­re, pro­gram­mier­te Beats, vie­le Pau­ken (aber weni­ge Trom­pe­ten). Unge­fähr jeder der zehn Songs auf dem Album klingt, als wol­le sich Andrew McMa­hon als ESC-Kom­po­nist bewer­ben – im Posi­ti­ven, wie im Nega­ti­ven. Nur wenig erin­nert noch an Some­thing-Cor­po­ra­te-Kra­cher wie „Only Ashes“ oder „If You C Jor­dan“ oder einen Jack’s‑Mannequin-Song wie „The Mixed Tape“ (gut: da hat auch Tom­my Lee getrom­melt) – außer natür­lich Andys Stim­me (die über die Jah­re deut­lich siche­rer und vol­ler gewor­den ist), die unwi­der­steh­li­chen Melo­dien und die sanf­te Melan­cho­lie, die in jedem Song irgend­wo durch­scheint.

Der Sprech­ge­sang des Ope­ners „Brook­lyn, You’­re Kil­ling Me“ klopft bei Twen­ty One Pilots an, ohne deren Ori­gi­na­li­tät und Viel­sei­tig­keit zu errei­chen. „Don’t Speak For Me“, des­sen Intro gar an die schreck­li­chen Chains­mo­kers erin­nert, war laut Andys Aus­sa­ge ursprüng­lich für eine/​n andere/​n Künstler/​In gedacht – und es ist ange­sichts des Sounds nicht ganz abwe­gig, dass das jemand wie Tay­lor Swift oder Sele­na Gomez hät­ten sein sol­len (ohne jetzt irgend­was gegen die bei­den sagen zu wol­len). „Love And Gre­at Buil­dings“ klingt nicht nur im Intro wie Owl City, son­dern ver­läuft sich auch genau­so zwi­schen den Bild­spen­dern sei­ner Meta­phern: „Love and gre­at buil­dings will sur­vi­ve /​ Strong hearts and con­cre­te stay ali­ve /​ Through the gre­at depres­si­ons /​ Yeah, the best things are desi­gned to stand the test of time“. Ja, schon klar: das kann man unglaub­lich chee­sy, schreck­lich und schlimm fin­den, aber ich mag’s – aber ich moch­te ja auch „Fire­f­lies“.

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Mein High­light „So Clo­se“ ist ein groß­ar­ti­ges Lie­bes­lied, das in den Stro­phen noch am ehes­ten an die alten Band-Sachen erin­nert, um im Refrain dann irgend­wo zwi­schen „Hap­py“ und „Can’t Stop The Fee­ling“ her­um­zu­tan­zen, und die Vor­ab­sin­gle „Fire Escape“ macht akus­tisch das gro­ße Fass der Chö­re und Trom­meln auf, das auf dem Album fast zum Über­lau­fen kommt.

Wie beim letz­ten Album gilt: Ich kann total ver­ste­hen, wenn man zu die­sem Radio­pop – der in den USA jetzt tat­säch­lich mal im Radio läuft – kei­nen Zugang fin­det und lie­ber zu Twen­ty One Pilots, Tay­lor Swift oder Owl City greift (die Chains­mo­kers blei­ben natür­lich indis­ku­ta­bel). Und wenn man mit dem Alter­na­ti­ve Rock von Some­thing Cor­po­ra­te auf­ge­wach­sen ist, kos­tet es schon etwas Über­win­dung, die­sen musi­ka­li­schen Weg mit­ge­hen zu wol­len.

Andrew McMa­hon fin­det dazu wie immer die pas­sen­den Wor­te: „And the­se could be the best or dar­kest days /​ The lines we walk are paper thin /​ And we could pull this off or push away /​ Cau­se you and me have always been“ – um dann ganz oft die Wor­te „so clo­se“ zu wie­der­ho­len.

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Politik Gesellschaft

Wieder die Political Correctness!

Seit Donald Trump auf­grund eines sehr kom­pli­zier­ten Wahl­sys­tems als nach Wäh­ler­stim­men klar unter­le­ge­ner Kan­di­dat zum US-Prä­si­den­ten gewählt wur­de, tobt die gro­ße feuil­le­to­nis­ti­sche Debat­te dar­über, wie das pas­sie­ren konn­te, was sich ändern muss und war­um Men­schen eigent­lich jeman­den wäh­len, der per­ma­nent lügt, sei­ne Mei­nung ändert und sexis­ti­sche und ras­sis­ti­sche Sprü­che in Men­gen unters Volk haut, die bei Son­der­an­ge­bo­ten im Super­markt nicht mehr unter den Begriff „haus­halts­üb­lich“ fal­len wür­den.

Das Schö­ne an die­ser welt­wei­ten Debat­te ist, dass sich die Dis­ku­tan­ten über die Fra­ge, ob und wie man jetzt mit die­sen Men­schen spre­chen müss­te, der­art gegen­sei­tig selbst zer­flei­schen, dass sie sicher sein kön­nen, auf abseh­ba­re Zeit nicht mit die­sen Men­schen spre­chen zu müs­sen. Will­kom­men im größ­ten SoWi-LK der Welt!

Immer wie­der hört man, die „Poli­ti­cal Cor­rect­ness“ sei schuld. Wenn wei­ße Män­ner in den bes­ten Jah­ren, die einen Arbeits­platz und eine gesun­de Fami­lie haben, nicht mehr „Neger“ sagen und frem­den Frau­en an den Hin­tern fas­sen dür­fen, wäh­len sie die AfD. (Wei­ße Män­ner in den bes­ten Jah­ren, die Kolum­nen gegen „Polit­cal Cor­rect­ness“ schrei­ben, wür­den in ihrer bekannt jovia­len Art ver­mut­lich hin­zu­fü­gen wol­len, dass Män­ner in den bes­ten Jah­ren auch AfD wäh­len, weil „ihre Alte sie nicht mehr ran­lässt“, hät­ten dann aber wahr­schein­lich doch zu viel Angst vor den Reak­tio­nen zuhau­se.)

Die Kolum­ne von Mely Kiyak bei „Zeit Online“ ist der 792. Text, den ich seit dem 9. Novem­ber zu die­sem The­ma gele­sen habe, aber da steht noch ein­mal viel Klu­ges drin. Zum Bei­spiel:

Wenn Poli­ti­ker in Zei­ten von bren­nen­den Asyl­hei­men und Angrif­fen auf Min­der­hei­ten for­dern, es müs­se erlaubt sein, offen Pro­ble­me der Inte­gra­ti­on zu benen­nen, dann wird es düs­ter und unver­schämt: Wir haben in Deutsch­land vie­le Pro­ble­me, aber sicher kei­nes damit, dass man sich nicht jeder­zeit ras­sis­tisch, wider­wär­tig und pri­mi­tiv im öffent­li­chen Raum äußern dür­fe. Die öffent­li­chen Talk­shows wären ohne die per­ma­nen­te Infra­ge­stel­lung von Min­der­hei­ten und ihrer angeb­li­chen Inte­gra­ti­ons­fä­hig­keit auf­ge­schmis­sen.

Immer wie­der hört man ja seit Jahr­zehn­ten den Satz „Das wird man ja wohl noch sagen dür­fen!“ und jedes Mal möch­te man ant­wor­ten: „Man darf es sogar sagen. Das ist ja das Tol­le an der Mei­nungs­frei­heit! Du darfst es sagen, Dei­ne Freun­de kön­nen Dich dafür fei­ern, aber sei dar­auf vor­be­rei­tet, dass es viel­leicht nicht jeder gut fin­det und eini­ge lie­ber nichts mit Dir zu tun haben wol­len!“ Die­se Men­schen wol­len ja aber gar kei­ne Mei­nungs­frei­heit – jeden­falls nicht für die, die ande­rer Mei­nung sind als sie.

In der aktu­el­len „Zeit“ gibt es einen Text über den aktu­el­len Zustand des Femi­nis­mus von Eli­sa­beth Raether, der, so Raether, immer stil­ler wird:

Statt sich mit all sei­nem Gewicht am Kampf der frei­en Gesell­schaf­ten gegen die rasend schnell wach­sen­den auto­ri­tä­ren Bewe­gun­gen zu betei­li­gen, lie­fert er sich amü­san­te Wort­ge­fech­te mit Kolum­nis­ten wie Jan Fleisch­hau­er und Harald Mar­ten­stein – Män­nern, von denen doch eine eher über­schau­ba­re Gefahr aus­geht.

Ja, könn­te man so sehen.

Das sind jetzt nur zufäl­li­ger­wei­se genau sol­che wei­ßen Män­ner in den bes­ten Jah­ren, die Kolum­nen gegen „Polit­cal Cor­rect­ness“ schrei­ben, und damit jenen wei­ßen Män­ner in den bes­ten Jah­ren, die einen Arbeits­platz und eine gesun­de Fami­lie haben, aber nicht mehr „Neger“ sagen und frem­den Frau­en an den Hin­tern fas­sen dür­fen, aus dem Her­zen spre­chen. Auch wenn man dort beim Spre­chen ver­mut­lich sei­nen eige­nen Atem sieht.

Es fol­gen eini­ge Absät­ze, in denen auch ein rich­ti­ge Gedan­ken ste­cken, und dann das hier:

Das Jahr 2013 haben Femi­nis­tin­nen damit ver­bracht, dem FDP-Poli­ti­ker Rai­ner Brü­der­le auf klein­lichs­te Wei­se ein miss­lun­ge­nes Kom­pli­ment vor­zu­hal­ten. Herbst 2016: Ein Mann wird ins Wei­ße Haus gewählt, für den sexu­el­le Gewalt eine aus­ge­fal­le­ne Flirt­tech­nik ist.

Doch jetzt ist die Spra­che der Moral auf­ge­braucht. Der Vor­wurf des Sexis­mus wur­de so oft gemacht, dass es inzwi­schen ein Leich­tes ist, ihn zu rela­ti­vie­ren. Löst man so oft Fehl­alarm aus, wird einem nicht mehr geglaubt, wenn das Haus wirk­lich brennt. Nicht nur das Wort Femi­nis­mus hat sei­nen Schre­cken ver­lo­ren – dem Begriff Sexis­mus ist sei­ne mora­li­sche Kraft abhan­den­ge­kom­men und damit die Schutz­funk­ti­on, die er mal hat­te.

Ja, könn­te man so sehen.

Man könn­te sich aber auch kurz an die seli­gen Zei­ten des Jah­res 2013 erin­nern, als wir glaub­ten, ernst­haft Grund zu der Annah­me zu haben, Rai­ner Brü­der­le sei ein Sexis­mus-Dino­sau­ri­er: Ein leicht schmie­ri­ger, leicht unbe­hol­fe­ner Onkel-Typ, dem man kurz das 21. Jahr­hun­dert erklä­ren müss­te, des­sen Art aber ohne­hin bald weg ist. Viel­leicht brann­te nicht das Haus, aber wenn man bei einem Schwel­brand die Feu­er­wehr ruft, ist das kein Fehl­alarm. Man kann ja nicht ahnen, dass drei Jah­re spä­ter eine Feu­er­wal­ze apo­ka­lyp­ti­schen Aus­ma­ßes auf das Haus zuhal­ten wird.

(Glei­ches gilt übri­gens auch für Ras­sis­mus: Nur weil es Donald Trump gibt, wird das „Jim Knopf“-Blackfacing bei „Wet­ten dass..?“ im sel­ben Jahr 2013 ja nicht weni­ger schlimm.)

Da kom­men wir aber auch wie­der zu einem Dif­fe­ren­zie­rungs­pro­blem, über das seit Jah­ren dis­ku­tiert wird: Ist jeder, der etwas sexis­ti­sches sagt, ein Sexist? Jeder, der etwas ras­sis­ti­sches sagt, ein Ras­sist? Je nach Tages­form und kon­kre­tem Fall habe ich da sehr unter­schied­li­che Mei­nun­gen.

Über etwas ande­res kann es aber kaum unter­schied­li­che Mei­nun­gen geben: Wenn eine Frau nicht auf eine bestimm­te Art ange­spro­chen, ange­guckt oder gar ange­fasst wer­den will, soll­te man als Mann – je nach eige­ner Dis­po­si­ti­on – wahl­wei­se vor Scham im Boden ver­sin­ken oder wenigs­tens die Klap­pe hal­ten. Ana­log bei ras­sis­ti­schen Vor­komm­nis­sen. „Ich fin­de das aber wit­zig“, ist ein Aus­druck von Mei­nungs­plu­ra­li­tät, aber kein Argu­ment.

„Poli­ti­cal Cor­rect­ness“ ist letzt­lich auch nur ein ande­res Wort für „Anstand“ oder „Höf­lich­keit“, was mich zum drit­ten Text bringt, den ich heu­te zu die­sem The­men­kom­plex gele­sen habe: einer Kolum­ne von Jago­da Mari­nic bei süddeutsche.de.

Ihr The­ma ist die Höf­lich­keit:

Mag sein, dass Höf­lich­keit ein gest­ri­ger Wert ist, aber es ist einer, auf den wir schon viel zu lan­ge ver­zich­ten, ohne uns gegen sein Ver­schwin­den zur Wehr zu set­zen. Statt­des­sen bah­nen sich Men­schen den Weg in die Öffent­lich­keit, die Unver­schämt­heit für eine rhe­to­ri­sche Leis­tung hal­ten. Unver­schämt­heit ist jedoch nichts wei­ter als ein aus den Fes­seln gera­te­nes Ego.

Die­se Ent­fes­se­lung des unver­schäm­ten Egos hat nicht in der Sphä­re der Poli­tik begon­nen, son­dern in der Fern­seh­welt, genannt Unter­hal­tung. Die TV-Macher woll­ten raus aus den lang­wei­li­gen Fami­li­en­sen­dun­gen wie „Wet­ten, dass ..?“ und erfan­den statt­des­sen die Talent­su­che, in der Spott über man­geln­des Talent für mehr Quo­te sorgt als die Freu­de an Talent.

Die­ter Boh­len ist das deut­sche Aus­hän­ge­schild die­ses Geha­bes. Der Erfolg gibt ihm recht, heißt es, wenn man das ver­ba­le Aus­tei­len der Jury kri­ti­siert. Eine wei­te­re Vari­an­te die­ses Spot­tens sind Fern­seh-Teams, die sich über die Unwis­sen­heit von Pas­san­ten in Ein­kaufs­pas­sa­gen belus­ti­gen.

Ich ver­tre­te schon län­ger die Theo­rie, dass Simon Cowell, Juror und Pro­du­zent bei „Ame­ri­can Idol“, „X Fac­tor“ und „Britain’s Got Talent“, und sein deut­sches Pen­dant Die­ter Boh­len einen Stein ins Rol­len gebracht haben, der am Ende Donald Trump mit einem Erd­rutsch (hier stimmt die For­mu­lie­rung aus­nahms­wei­se mal, wenn man dar­un­ter eine Bewe­gung gro­ßer Gesteins­mas­sen in Fol­ge von Nie­der­schlä­gen ver­steht, die mit sehr viel Schmutz und Dreck ein­her­geht) ins Wei­ße Haus gebracht hat: Da saßen im Fern­se­hen (und Trumps Popu­la­ri­tät begann ja erst so rich­tig mit „The App­ren­ti­ce“) die­se wei­ßen Män­ner in den bes­ten Jah­ren, die Din­ge sag­ten, die ande­re wei­ße Män­ner in den bes­ten Jah­ren sich nicht („mehr“) zu sagen trau­ten. Roger Wil­lem­sen, Die­ter Boh­len – so hat jeder sei­ne Role Models.

Dass aus­ge­rech­net Mul­ti­mil­lio­nä­re, die in der aller-aller­künst­lichs­ten Atmo­sphä­re einer „Reality“-Fernsehsendung hoff­nungs­vol­le, nor­ma­le Men­schen run­ter­put­zen, als authen­tisch, volks­nah und ver­trau­ens­wür­dig gel­ten, sagt ent­we­der viel über die Sozi­al- und Medi­en­kom­pe­tenz der Zuschau­er aus oder über die Außen­wir­kung hart arbei­ten­der Fach­leu­te in der Poli­tik. Viel­leicht auch über bei­des, aber dar­über schrei­be ich dann beim nächs­ten Mal.