Beiträge vom Oktober, 2009

Positive Jam

Von Lukas Heinser am Mittwoch, 28. Oktober 2009 13:23
Kategorie: Mr. Writer, Rock'n'Roll High School, This Is My Hollywood

Ich dachte ja schon, es wäre die Krönung in Sachen Helden-Kollaboration, dass Ben Folds und Nick Hornby gemeinsam an einem Album arbeiten (Coffee And TV berichtete).

Jetzt lese ich, dass Craig Finn, der Sänger der von mir hochverehrten The Hold Steady, gemeinsam mit dem langjährigen David-Letterman-Autoren Tom Ruprecht an einer Kinoadaption von Chuck Klostermans “Fargo Rock City” arbeitet.

Zwar kann ich mir im Moment noch nicht ganz vorstellen, wie aus einem Buch, das zu weiten Teilen aus dem Theoretisieren von Heavy Metal, Hair Metal und Hard Rock besteht, eine Filmkomödie werden könnte, aber ich vertraue den beiden Autoren, die den Film zusammen mit Klosterman produzieren, da voll. Außerdem werden hierzulande alberne Quatsch-Ratgeber wie “Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken” zu Kinoproduktionen geprügelt, da ist eine Coming-of-age-Geschichte im ländlichen North Dakota mit ganz viel Musik sicher der naheliegendere Stoff.

Aber was für popkulturelle Mashups mit meinen persönlichen Helden finden als nächstes statt? Nehmen Thees Uhlmann und Max Goldt ein gemeinsames Album auf? Vertont Fran Healy die “Calvin & Hobbes”-Comics von Bill Watterson? Nimmt sich Ben Gibbard ein Buch von Jack Kerouac vor?

Oh.

Hauptschul Musical

Von Lukas Heinser am Dienstag, 27. Oktober 2009 16:33
Kategorie: My Shared Folder, This Is My Hollywood

Apropos Oh, Napoleon: Die sind mit ihrem Song “Lovers In Your Head” auch auf einem aktuellen Filmsoundtrack vertreten.

Der Film heißt “Gangs” und der Höher-schneller-weiter-Trailer verspricht, ganz nach dem schönen Motto “LASS LIEBER ALLES ANZÜNDEN!”, mehr. Von allem:

Motorräder!
Masken!
Scratches!
Ballett!
Jimi Blue Ochsenknecht!
Wilson Gonzales Ochsenknecht!
Liebe!
Cabrios!
Hunde!
Kriminelle!
Konflikte!
Brüder!
Verfolgungsjagden!
Oneliner!
Pinkelwitze!
Kalauer!
Donots!

Isses nich doll? Diese Mischung aus “West Side Story” und “Die wilden Kerle”, aus “Die fetten Jahre sind vorbei” und “James Bond — Der Morgen stirbt nie”? Das muss ja ein Hit werden.

Und trotzdem hat der Film – wohl, weil die Altersfreigabe ab 12 Jahren die Kernzielgruppe aussiebt – nach drei Wochen eher enttäuschende 345.359 Zuschauer.

Nichts mit Waterloo

Von Lukas Heinser am Dienstag, 27. Oktober 2009 9:36
Kategorie: Rock'n'Roll High School

Das Maß, in dem britische Nachwuchsbands häufig gehypt werden, ist für Deutsche oft überraschend. Aber in Großbritannien gibt es eben relevante Musikzeitschriften, die noch dazu teils wöchentlich erscheinen und deshalb viel mehr Künstler aufs Cover packen können, und man hat eh ein anderes Verhältnis zur Popkultur.

Oh, Napoleon live

Dass eine deutsche Nachwuchsband schon renommierte internationale Acts supporten darf, bevor sie selbst auch nur irgendwas veröffentlicht hat, kommt dagegen eher selten vor. Oh, Napoleon1 haben schon mehrfach vor Portugal. The Man und Starsailor (bei denen ich sie auch entdeckt habe) gespielt, ihre erste EP ist aber erst vor elf Tagen erschienen.

Gut, man sollte an dieser Stelle vielleicht erwähnen, dass die Band von Marc Liebscher (Sportfreunde Stiller) gemanagt wird, einen Vertrag mit Universal hat und auch sonst über einige wichtige Förderer verfügt. Das macht die Sache mit den Support-Slots vielleicht einfacher, aber solche Hintergründe nützen auch nicht viel, wenn die Musik nicht stimmt.

Oh, Napoleon liveAber wie die Musik stimmt: Fand ich die Band live schon ziemlich gut, vermisste aber so ein bisschen die Spannung, hat mir die selbstbetitelte Debüt-EP vom ersten Moment an die Schuhe ausgezogen. Der Sound, für den Produzent Oliver Zülch (noch so ein großer Name: The Notwist, Slut, Die Ärzte, Juli, …) verantwortlich zeichnet, ist glasklar. Die Gitarren, das Klavier und die Rhythmusgruppe bilden eine sehr gute Grundlage für die – Hilfe, ich muss schon wieder eine ausgelutschte Musikjournalistenvokabel benutzen! – ausdrucksstarke Stimme der Sängerin Katrin Biniasch.

Die vier Songs erinnern an Kathleen Edwards,2 die Cardigans in ihrer “Long Gone Before Daylight”-Phase und diverse amerikanische Singer/Songwriterinnen, die man vor allem aus dem Soundtrack von “Dawson’s Creek” kennt. Folkpop im besten Sinne, ideal für den Herbst und sicherlich auch voll radiotauglich.

Der Opener “To Have (To Lose)” ist schwungvoll, danach geht es entspannt zu. In den Texten geht es um Beziehungsenden, Einsamkeit und Liebe, “K” ist mit seinem etwas repetitiven Refrain bei mir am nachdrücklichsten hängen geblieben. Und wenn die Männerstimmen in “A Book Ending” nicht mehr nur formvollendete “Uuuuuh”-Chöre bilden, sondern mit eigenem Text und Gesangslinie in den Lead-Gesang reingrätschen,3 ist das noch mal ein ganz großer Gänsehautmoment.

Seit langem (also: seit First Aid Kit im Februar) hat mich kein Newcomer so sehr begeistert wie Oh, Napoleon. War Krefeld musikalisch bisher nur durch Blind Guardian und Andrea Berg aufgefallen,4 könnte sich das Dank dieser fünf unverschämt jungen Musiker schon bald ändern. Ich weiß nicht, ob es in Deutschland einen Markt für solche Musik gibt,5 aber ich denke schon, dass Oh, Napoleon sehr schnell den Status des Geheimtipps loswerden dürften. Im Frühjahr 2010 soll das Album erscheinen — bis dahin werde ich die EP vermutlich ein paar hundert Mal gehört haben.

Oh, Napoleon - Oh, Napoleon EP (Cover)
Oh, Napoleon bei MySpace
Oh, Napoleon bei Vertigo
EP hören bei last.fm

Livefotos: © Martina Drignat.

  1. Bandnamen, die Satzzeichen enthalten, stören den Lesefluss leider immer ein bisschen (vgl. Therapy?, WHY?, Get Cape. Wear Cape. Fly, Portugal. The Man oder Loney, Dear) — aber schöner als der vorherige Bandname Your Dumb Invention ist Oh, Napoleon auf alle Fälle. Außerdem gibt es einen Song von The Acorn, der “Oh Napoleon” heißt. []
  2. Ja ja, zugegeben: Ich hab auch ewig gebraucht, um Regina Spektor zu entdecken. Aber wie kann es denn sein, dass Kathleen Edwards hierzulande derart übersehen wird? []
  3. Na ja, vielleicht schmiegen sie sich auch eher an den Lead-Gesang an. Gegrätscht wird bei Oh, Napoleon nicht. []
  4. Parallelen zu anderen niederrheinischen Städten mit berühmten Popschlagerinterpreten und Nachwuchsbands deuten sich am Horizont an. []
  5. Und ob man auf dem nicht ein ähnliches Schicksal erleiden könnte wie das One-Hit-Wonder Bell, Book And Candle. []

Volles Vertrauen, hier in Deutschland

Von Lukas Heinser am Montag, 26. Oktober 2009 13:05
Kategorie: Digital Ist Besser, Political Science

In der letzten Zeit habe ich mit mehreren Radioleuten gesprochen, die sich beklagten, dass viele Bands heutzutage kein Interviewtraining mehr von den Plattenfirmen bekämen und deshalb im Gespräch oft etwas konfus rüberkämen und keine guten O-Töne lieferten.

Nun könnte man einwenden, Musiker müssten ja nicht primär gescheit daher reden, sondern vor allem schöne Musik machen. Anders verhält es sich da schon bei Politikern: Noch bevor die neue Bundesregierung im Amt ist, haben einige Kabinettsmitglieder schon durch außergewöhnliche Pressekonferenzen von sich reden gemacht.

Der designierte Außenminister Guido Westerwelle weigerte sich, eine englischsprachige Frage eines BBC-Reporters anzuhören und belehrte diesen, dass er sich in Deutschland befinde. Bundeskanzlerin Angela Merkel kanzelte einen niederländischen Reporter ab, der Zweifel an der Kompetenz Wolfgang Schäubles als Finanzminister wegen dessen Verstrickung in die CDU-Parteispendenaffäre äußerte.

Beide Antworten hätten sich vor wenigen Jahren noch versendet — heutzutage wurden sie innerhalb weniger Stunden ein paar Tausend Mal auf YouTube angeschaut und via Internet weiterverbreitet. Für viele User scheint sich zu bestätigen, was die Illustrierte “Der Spiegel” heute aus der Kristallkugel berichtet: Schwarz/Gelb wird ein Desaster.

Ich habe Fritz Goergen, der früher Strategieberater führender FDP-Politiker war und heute als freier Kommunikationsberater arbeitet, nach seiner Einschätzung des Themas gefragt und er war so freundlich, einen kleinen Gastbeitrag zu verfassen:

Politik? Bitte internetter.

Auswärtsspiel: “Und, wie war das damals bei dir?”

Von Lukas Heinser am Samstag, 24. Oktober 2009 0:24
Kategorie: Digital Ist Besser

Holger Frohloff betreibt das Blog 5minutenpause, in dem er gerade die Serie “Und, wie war das damals bei dir?” gestartet hat. Ja, ich hab anfangs auch gedacht, dass das was mit Dr.-Sommer-Themen zu tun hätte, aber darum geht’s gar nicht.

Im ersten Teil erklärt Holger selbst, wie sein erster Kontakt mit dem Internet war, im zweiten Teil darf ich ran.

Lesen Sie, wofür 12-Jährige im Jahr 1996 das Internet nutzen, wie meine Eltern mich jahrelang mit einem arschlangsamen Internetzugang quälten und warum ich heute noch vor die Tür gehe.

Das alles exklusiv auf 5minutenpause.com

No matter what the end is

Von Lukas Heinser am Donnerstag, 22. Oktober 2009 0:54
Kategorie: Living In A Magazine, Social Distortion

Richard Wagner ist Redakteur bei der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” und hat am vergangenen Sonntag in seiner Kolumne “Das war’s” folgenden … Nachruf verfasst:

Rätselhaft blieb, warum der unappetitliche Tod des höchstens mittelmäßigen sogenannten Sängers Stephen Gately der längst abgehalfterten sogenannten Boygroup “Boyzone” auf der in noch anderer Hinsicht unappetitlichen Insel Mallorca den Weg in die respektable Öffentlichkeit fand.

[via Stefan Niggemeier]

Wenn man mal von den ganzen Unverschämtheiten Zynismen Adjektiven absieht,1 steht da eine gar nicht mal so uninteressante Frage: Warum verschaffte sein Tod Stephen Gately eine Aufmerksamkeit, die er – wenn überhaupt – zuletzt vor zehn Jahren bekommen hatte, als er in der “Sun” sein (milde erzwungenes) Coming Out hatte?

Ganz banal gesagt fängt es natürlich mit der Öffentlichkeit – das Wort “respektabel” muss Wagner beim wahllosen Adjektiv-Einsetzen reingerutscht sein – an, die größer ist als je zuvor. Was früher Gesprächsthema auf dem Pausenhof oder in der Teeküche war, findet jetzt für jeden wahrnehmbar im Internet statt. Es gibt Twitter, Blogs, Pinnwände bei Facebook, MySpace und last.fm und Boulevardzeitungen, die quasi rund um die Uhr erscheinen. Alles bekommt heute mehr Aufmerksamkeit als vor zehn Jahren — vielleicht mit Ausnahme einiger wichtiger Dinge, aber darüber sollen Kulturpessimisten wie Richard Wagner nachgrübeln.

Eine andere pragmatische Antwort wäre: Weil die Frauen, die heute die “People”-Ressorts und Online-Redaktionen rund um den Erdball besetzen, mit Boyzone aufgewachsen sind. Die Antwort ist aber so schlicht, dass man sie Wagner tatsächlich anbieten würde, wenn man ihn irgendwo zwischen Tür und Angel träfe.

Aber man kann ja mal versuchen, ein bisschen tiefer zu gehen: Erst einmal erzeugt ja der Tod eines Prominenten2 immer mediale Aufmerksamkeit — je vorzeitiger, desto größer. Es gilt, was Nada Surf 1999 in “River Phoenix”3 sangen:

We didn’t know Jackie O
She was one of the people that we did not know
Nor did we care about her hair
Her pillbox hat and her savoir faire
But still we thought we knew

Man nimmt halt irgendwie am Leben von Personen des öffentlichen Lebens teil — heute noch sehr viel mehr als vor zehn Jahren: Stephen Gately hatte einen Twitter-Account, der ja als das Symbol der Annäherung zwischen Stars und ihren Fans gilt.

Als Anna Nicole Smith, eine Frau, die aus sehr viel schlichteren Gründen berühmt war als Stephen Gately, im Februar 2007 starb, erklärten einige Menschen aus meinem Umfeld etwas irritiert, dass sie dieser Todesfall doch irgendwie betroffen mache — und ich war ganz froh, dass es nicht nur mir so ging. Fünf Monate zuvor hatte Smith ihre Tochter zur Welt gebracht, ihr Sohn Daniel war beim Besuch am Kindsbett gestorben. Das wünscht man keinem, auch keiner grotesken Medienfigur, deren Leben von Anfang an unsternverfolgt schien.

Ein weiterer wichtiger Grund, warum sich die Öffentlichkeit und die Medien so sehr auf Gatelys Tod stürzten, sind die “unappetitlichen” Umstände — oder das, was die Klatschjournalisten gerne darin sehen wollten: Erst hieß es, er sei an seinem eigenen Erbrochenen4 erstickt, was ja Rockstartod #1 wäre (vgl. Jimi Hendrix, Bon Scott). Die Rede war von einer wilden Partynacht mit seinem eingetragenen Lebenspartner und einem dritten Mann.

Denn, machen wir uns nichts vor: Die Tatsache, dass Gately schwul war, gibt der Geschichte natürlich noch mal eine gewisse Würze. Einerseits verleiht es der Aufstiegsgeschichte vom Arbeitersohn zum Popstar ein gewisses tragisches Moment, dass sich Gately jahrelang verstellen musste, andererseits gibt es den völlig Enthirnten Gelegenheit zu Überschriften wie “Homo-Sänger erstickt am eigenen Erbrochenen”. Und dann dieser 25-jährige bulgarische “Partyboy”,5 der beim Paar in der Wohnung war — da ist natürlich der Phantasie zahlreicher Redakteure und Leser freie Bahn gelassen.

Dabei spricht wenig dafür, dass Gately ein exzessives Leben geführt hat. Personen aus seinem Umfeld werden damit zitiert, dass er nur selten Alkohol trank und auch sonst nicht ständig auf Party aus war. Aber solche Aussagen taugen längst nicht für so knallige Schlagzeilen — und wenn man schon kaum etwas über sein Privatleben weiß und die Seriosität der Quellen eh nicht einschätzen kann, dann bezieht man sich natürlich lieber auf die Erzählungen, die skandalöser wirken und beim geneigten Leser zur Schlussfolgerung “Selbst schuld, der Herr Popstar!” führen.

Aber all das reicht natürlich nicht zum Popstartod des Jahres, nicht im Jahr 2009. Hätte man am 20. Juni mit “Beat It” allenfalls ein paar besonders Tanzwütige zum Beineschütteln bewegen können, waren die Tanzflächen eine Woche später voll, als die ersten Takte erklangen. Die Anteilnahme – auch die eigene – am Tode Michael Jacksons dürfte die meisten Menschen überrascht haben. Wie ernst es wirklich war, merkte ich, als meine Großeltern, deren größte Annäherung an die Popkultur sonst im “Tatort”-Gucken am Sonntagabend besteht,6 mich fragten, was ich denn zum Tod von Michael Jackson sagen würde. Ja, was sagt man da?

Jackson hatte halt irgendwie irgendwann einmal das Leben von fast jedem Menschen auf diesem Planeten berührt — und wenn sich das bei manchen nur in der Ansicht niederschlug, Jackson sei wahnsinnig und (s.o.) an allem selbst schuld. Aber obwohl Jackson eigentlich spätestens seit seinem Prozess wegen Kindesmissbrauchs im Jahr 2005 als Witzfigur galt, war das bei den Meisten – natürlich nicht bei den Medien – schnell vergessen und es stand nur noch die Musik und die Tragik seines Lebens im Vordergrund.

Und tragisch im eigentlichen Sinne sind in solchen Fällen ja meist das Leben des Verstorbenen (Jackson), der Zeitpunkt (noch mal Jackson, so kurz vor dem geplanten Comeback) oder die weiteren Umstände (verfolgt von Paparazzi wie Prinzessin Diana) des Todes — die Todesfälle selbst sind fast allesamt banal. Mehr Chemie im Körper, als der verarbeiten kann, führt zu schlichtem Funktionsversagen. Wenn ein betrunkener Fahrer viel zu schnell durch einen Tunnel rast, kann das zur Kollision mit einem Tunnelpfeiler führen, eine Geschwindigkeitsübertretung unter Alkoholeinfluss auf dem Heimweg schnell zum Abflug, wie bei Jörg Haider.

Nur akzeptieren will die Öffentlichkeit natürlich nie, dass ein Star letztlich menschlich und damit sterblich ist. Deswegen müssen Erklärungsversuche unternommen werden, und seien sie noch so abwegig und absurd. Dann war es halt die Mafia, ein Geheimdienst oder irgendwelche Verschwörer. Wenigstens ein Selbstmord, damit es nicht einfach ein alltäglicher Unfall war! Nur in seltenen Glücksfällen wird ein erfolgreicher, junger Politiker, der eine hübsche Frau und süße Kinder hat, aber Hollywoodstars und Sekretärinnen vögelt, unter völlig unerklärlichen Umständen in aller Öffentlichkeit erschossen — wobei man nun wirklich nicht behaupten kann, dass dieser Fall frei von Verschwörungstheorien sei.

Der Unterschied zwischen bekannten und unbekannten Sterblichen besteht lediglich in der Reaktion auf den Tod: Aus allen vorgenannten Gründen erzeugt der Tod eines Prominenten eine mediale Aufmerksamkeit, die den Verstorbenen überdauern kann. Spätestens, wenn der nächste Prominente unter Umständen stirbt, die nicht “Krebs” oder “Alter” heißen, wird Stephen Gatelys Name wieder in irgendeiner Liste (wahrscheinlicher, natürlich: in einer Bildergalerie) auftauchen und den Musiker damit überleben. Ob man als Fußnote unsterblich werden will, ist allerdings fraglich.

  1. Ebenfalls absehen sollte man natürlich von dem Umstand, dass da ein Bandname in Anführungszeichen gesetzt ist, was mich einfach immer wahnsinnig macht. Aber das mag ein persönliches Problem sein. []
  2. “eines sogenannten Prominenten” für Richard Wagner. []
  3. Benannt nach dem Schauspieler, der 1993 im Alter von 23 Jahren an einer Überdosis Heroin und Kokain verstarb. []
  4. Völlig bizarr wäre natürlich, mal von jemandem zu lesen, der an fremdem Erbrochenen erstickt ist. Man könnte aber wohl auch gut drauf verzichten. []
  5. Wobei man über das Wort “Partyboy” ja schon fast froh und dankbar sein muss — irgendetwas sagt mir, dass da vor kurzem noch “Stricher” gestanden hätte. []
  6. Eine Zeit lang dachte mein Großvater, er wisse, was eine Rapperin sei — es war die Phase, in der Boris Becker mit Sabrina Setlur liiert war. []

Wenn-Dehälse

Von Lukas Heinser am Dienstag, 20. Oktober 2009 16:17
Kategorie: Digital Ist Besser

Die folgende Überschriften-Sammlung von “RP Online” ist sicher unvollständig:

Wenn Cheerleader zu Models werden
Wenn die Schweinegrippe das Büro erreicht
Wenn Harald Schmidt Brause leckt
Wenn Zebrafische Modell sitzen
Wenn Sportler weinen
Wenn der Fiskus zu viel zahlt
Wenn Videospiele auf Filme treffen
Wenn zwei Stars zu einem verschmelzen
Wenn der Chef die Muskeln spielen lässt
Wenn Marken siegen
Python erwürgt Halter: Wenn Tiere Menschen gefährlich werden
Wenn der Westwind weht
Chronik: Wenn Eltern ihre Kinder töten
Wenn Bulldoggen Zigarre rauchen
Wenn Menschen der Blitz trifft
Wenn Mama und Papa sich trennen
Wenn der Headhunter anruft
Wenn der Lanz powert
Wenn eine Bank ihr Geld verschenkt
Wenn das Burnout-Syndrom zuschlägt
Wenn Promis nackt für Tiere protestieren
Wenn Klimaanlagen Bakterien schleudern
Wenn aus Promi-Kerlen Mädels werden
Wenn Tiere Liebe machen
Wenn die Büro-Gerüchteküche brodelt
Wenn es mit dem Chef Zoff gibt
"Körperwelten": Wenn Leichen Fußball spielen
Wenn die Wohnung krank macht
Wenn Juristen Hartz IV brauchen
Wenn ältere Männer junge Frauen lieben
Wenn ältere Frauen junge Männer lieben

… das ist schon einen Asbach Uralt wert.

A Room Of One’s Own

Von Lukas Heinser am Sonntag, 18. Oktober 2009 22:23
Kategorie: Somebody Told Me

Ich habe heute das getan, was Max Goldt “nach Wohnungen gucken” nennt. Ich lief also durch die Gegend und guckte nach Straßen und Häusern, in denen ich gern wohnen würde, in der vagen Hoffnung, dass auch tatsächlich irgendwo irgendwas frei sein könnte. Ich bin nämlich mit mir übereingekommen, dass die Zeit, in der ich Abflussrohre von andererleuts Fußnägeln befreie, so schnell wie möglich enden soll. (Entschuldigung, vor diesen eingeschobenen Halbsatz hätte ich natürlich auch ein “Achtung, eklig!” setzen können. Nu isses zu spät!)

Als latent fauler Mensch hatte ich natürlich zunächst angenommen, zur Wohnungssuche auf das Instrument zurückgreifen zu können, dass mir für mich schon die Erschließung und Pflege von Sozialkontakten, sämtliche Finanztransaktionen und die Versorgung mit aktueller Musik übernommen hat: das Internet.

Genau genommen sind aber kryptische Anzeigen in Spam-Zeitungen, die Hinweise wie “KDB” oder “WBS” enthalten, den etwas ausführlicheren Schilderungen in Online-Portalen vorzuziehen. Die kleinen Texte inmitten der Bleiwüsten erwecken nämlich noch nicht mal den Eindruck, irgendetwas auszusagen. Im Internet gibt es zwar Fotos, aber fast immer nur solche, die nichts erklären. Kürzlich sah ich das Bild einer Wohnung, in der von der Küche aus ein gefliester Raum zu erahnen war, der durch eine Falttür zugänglich war. Ich fragte zwei Freunde, ob es sich dabei wohl um die Speisekammer oder um das Bad handele, und beide antworteten wortgleich: “Ich fürchte letzteres.” Genau konnte man das dem Foto und den Beschreibungen nicht entnehmen, aber mein Interesse, das vor Ort zu untersuchen, war erloschen.

Auch die Beschreibungen sind nicht immer hilfreich. Ein Anbieter, dem offenbar zwei Drittel aller Mietimmobilien in Bochum gehören, hält es für sinnvoll, bei jeder Wohnung die Entfernung zum nächsten Flughafen anzugeben (und zwar mit einer Stelle hinterm Komma), schweigt sich aber stets darüber aus, ob die das zur Wohnung gehörende Badezimmer über eine Badewanne oder eine Dusche verfügt. Dafür wird man mit jener Geheimsprache behelligt, die ausschließlich von Maklern und Wirtschaftsjournalisten verstanden wird. “verkehrsgünstig gelegene, städtische Straße” heißt vermutlich “es fühlt sich an, als ob der Verkehr direkt durchs Wohnzimmer knattert”, aber: Weiß man’s?

Ein bisschen was lernt man natürlich auch. Ich weiß jetzt, dass ein “Gefangener Raum” nur durch ein anderes Zimmer zugänglich ist und nicht direkt vom Flur aus. (Schlechte Scherze über österreichische Keller schrauben Sie sich bitte bei Bedarf selbst zusammen, die sind mir nun wirklich zu blöd.) Eine Pantry-Küche ist ein Schrank, in dem eine Minibar, eine Munddusche, eine Heizplatte und Platz für eine Packung Nudeln untergebracht sind — also das Smartphone unter den Küchen, nur noch ein bisschen nutzloser.

Als ich mich für eine Wohnung beworben habe, wollte die vermietende Wohngenossenschaft von mir Kontodaten und Personalausweisnummer wissen und interessierte sich auch dafür, welche Musikinstrumente ich denn so spiele — mutmaßlich nicht, um ein Wohnungsblock-Orchester zusammenzustellen.

Natürlich ist der Zeitpunkt, die Veränderung der Wohnsituation jetzt aber mal wirklich anzugehen (und zwar “sowas von”), unglücklich gewählt: Zum Semesterbeginn kann man auch Abstellkammern (so es sich dabei nicht um das Bad innerhalb der Küche handelt) meistbietend vermieten. Da muss man schon so dreist sein und erzählen, man habe “den ganzen Kram” direkt unten im Auto und müsse sonst unter der Brücke nächtigen — und selbst dann ist nicht garantiert, dass man auch den Zuschlag bekommt.

Anspruchsvoll bin ich ja auch: Erdgeschoss geht nicht, weil ich Gardinen hasse, aber auch nicht über die niederländische Staatsbürgerschaft verfüge — ich will nicht, dass mir jeder auf den Esstisch gucken kann, also muss ich weiter rauf. Mehr als eine, maximal zwei Treppen möchte ich aber auch nur ungern steigen müssen, besonders beim Umzug. Und wie um diesen Punkt zu untermauern, habe ich mir neulich ein Ledersofa schenken lassen, das nur sehr umständlich zu bewegen ist und sicher nicht durch jedes Treppenhaus passt. “Möbliert” ist übrigens ein Reizwort, denn wenn schon hässlich, dann bitte nach meinem Willen!

Ich bin also weiter auf der Suche, aber mein Optimismus ist ungebrochen. Beim heutigen Rundgang bin ich nämlich auf ein Objekt gestoßen, das meine Begeisterung fürs etwas andere und meinen heimwerklichen Ehrgeiz gleichermaßen angesprochen hat:

Abrisshaus in Bochum.

Rasende Reporter

Von Lukas Heinser am Samstag, 17. Oktober 2009 14:18
Kategorie: Living In A Magazine

Alle paar Monate muss ich über meinen Schatten springen und die “Rheinische Post” loben. Ich tue es gern angesichts der Jugendbeilage (falls Sie da noch mal schnell ein Wort für hätten, das weniger nach Achtziger Jahren und Hanni-und-Nanni-Starschnitt klingt …) “Herzrasen”, die der Zeitung heute beiliegt.

Darin unter anderem: Kreative Bastelideen von thereifixedit.com werden mit einem Experten von der Handwerkskammer besprochen, eine Reportage über die “demokratischste Cola der Welt” und ein Rollentausch für eine Samstagnacht, bei dem sich der verehrte Kollege Sebastian Dalkowski in der Düsseldorfer Altstadt vergnügen soll, während seine Kollegin Gesa Evers zuhause vor dem Fernseher hockt.

Der Text ist online leider nicht verfügbar (Och, bitte, bitte …), daher müssen Sie mit diesen Kostproben vorlieb nehmen:

Als ich das Oberbayern betrete, denke ich: Wer volljährig ist, kommt hier nur nicht rein, wenn er mit einem Maschinengewehr kommt. Gefühlte 75 Prozent der Gäste gehören zu einem der Junggesellenabschiede, sie trinken bunten Alkohol aus Eimern oder Toilettenschüsseln. [...]

Ich sehe viele Menschen, die fortgehen, mit Gesichtern, die nichts mehr ausdrücken. Wer jetzt noch niemanden gefunden hat, findet niemanden mehr. Falls doch, wird es richtig bitter.

Falls Sie sich irgendwie in der Nähe von Duisburg befinden, können Sie heute Abend ab 20 Uhr zur “Herzrasen-Party” ins Café Steinbruch gehen, wo zunächst Herr Dalkowski ein paar seiner Texte vorlesen wird, dann musiziert der Singer/Songwriter Daniel Benjamin und anschließend ist Party.

Und um diesen Lobpreisungs- und Werbeeintrag (für den ich – bisher – noch nicht mal ein Bier bekommen habe) jetzt abzurunden, erkläre ich diese Bildunterschrift aus der Party-Ankündigung zu meinem Liebling des Monats:

Lampe in Anlehnung an Daniel Benjamin.

Und jetzt ist aber bis Weihnachten auch erst mal wieder gut …

Nachtrag, 19. Oktober: Das gesamte “Herzrasen”-Magazin kann man nun kostenlos als PDF herunterladen.

Fran Healy unplugged

Von Lukas Heinser am Samstag, 17. Oktober 2009 13:18
Kategorie: My Shared Folder, Rock'n'Roll High School

Ein Bekannter meinte mal, bei Travis habe doch auch schon der “Chris-de-Burgh-Effekt” eingesetzt: “Nur noch in Deutschland erfolgreich.”

Nun ja: Die ganz großen Erfolgszeiten der vier Schotten sind vorbei. Coldplay füllen weltweit Stadien, während sich die Veranstaltungsorte bei Travis langsam aber sicher von “Hallen” in Richtung “Clubs” zu verschieben scheinen. Chris Martin ist wenigstens anständig genug zu erklären, dass es seine Band ohne Travis nie gegeben hätte.

Man könnte mutmaßen, dass es vor allem wirtschaftliche Gründe hat, wenn im Moment nicht Travis als Band mit Tour-Keyboarder und Livecrew die USA bereisen, sondern Fran Healy und Andy Dunlop allein mit ihren Akustikgitarren unterwegs sind. Aber selbst wenn dem so wäre, würde ich einiges dafür geben, mir die beiden in richtig kleinen Clubs anschauen zu können.

Screenshot: Spin.com

Einen kleinen Einblick kann man auch als Europäer bekommen, denn Fran Healy war in der Redaktion von “Spin” zu Gast und hat den Mitarbeitern drei Songs vorgesungen, die jetzt als Videos im Internet stehen.

Los geht’s mit “20″, jener “All I Want To Do Is Rock”-B-Seite, die einst fester Bestandteil im Liveset war. Es folgt “Writing To Reach You”, bei dessen Anblick mir schlagartig wieder einfiel, warum ich vor neuneinhalb Jahren angefangen hatte, mir selbst das Gitarrenspiel beizubringen. Zu guter letzt gibt es “The Little Things In Life”, ein Cover der eher unbekannten Band Green On Red. Alles tadellos gespielt und gesungen und mit ein paar netten Worten anmoderiert.

Fran Healy unplugged bei Spin.com
Das Video funktioniert bei mir nicht im Firefox, versuchen Sie’s zur Not mal mit einem anderen Browser.

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