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Rundfunk Gesellschaft

Nicht lustig

Viel­leicht ist es ein grund­sätz­li­cher Feh­ler, sich mit „TV Total“ über­haupt aus­ein­an­der­set­zen zu wol­len. Die­ser allen­falls noch lau­war­men Mischung aus Res­te­ver­wer­tung und Cross­pro­mo­ti­on, die inzwi­schen in etwa so schlimm ist wie das Unter­schich­ten­fern­se­hen, das beim Start der Sen­dung vor neun­ein­halb Jah­ren noch in den Ein­spie­lern zu sehen war. Die­ser Show, die zuletzt Auf­merk­sam­keit erreg­te, weil sich ein Kan­di­dat ins Stu­dio erbrach. Aber weil ich die Sen­dung ges­tern Abend ver­se­hent­lich gese­hen habe, will ich mich doch mal kurz auf­re­gen:

Vor­ges­tern wur­den die Spiel­or­te für die Frau­en­fuß­ball-WM 2011 in Deutsch­land bekannt gege­ben – und Mön­chen­glad­bach und Bochum sind dabei!

Das The­ma Frau­en­fuß­ball fin­den die Gag-Autoren (und ich habe lan­ge über­legt, ob ich das Wort in Gän­se­füß­chen packen soll, fand das dann aber zu Leser­brief-mäßig) von „TV Total“ sowie­so total lus­tig, weil sie da immer ihre Les­ben-Wit­ze, die Hans-Wer­ner Olm und Jür­gen von der Lip­pe seit Mit­te der Acht­zi­ger unbe­se­hen zurück­ge­hen las­sen, unter­brin­gen kön­nen. Für ges­tern hat­te man sich aber fol­gen­des aus­ge­dacht: Raab, der sei­ne Witz­chen wie immer mit einer „Scheißegal“-Haltung, bei der Harald Schmidt nei­disch wür­de, von Pap­pen abzu­le­sen ver­such­te, soll­te immer wie­der auf die Mel­dung zu spre­chen kom­men, aber bevor er die Spiel­or­te vor­stel­len konn­te, soll­te immer irgend­ei­ne „total wich­ti­ge Eil­mel­dung“ von der Sor­te „Sack Reis in Chi­na umge­fal­len“ ein­ge­scho­ben wer­den. So unwich­tig ist Frau­en­fuß­ball näm­lich, ha ha. Zusätz­lich wur­den zwei häss­li­che Män­ner als Manns­wei­ber kos­tü­miert, „Bir­git Prinz“ und „Kers­tin Garef­re­kes“ genannt und immer wie­der für spä­ter als Gäs­te ange­kün­digt, wobei für ihren Auf­tritt am Ende – ha ha – natür­lich kei­ne Zeit mehr blieb.

Dass die deut­sche Fuß­ball­na­tio­nal­mann­schaft der Frau­en seit 1997 fünf inter­na­tio­na­le Titel gewon­nen hat (zum Ver­gleich: die der Män­ner im glei­chen Zeit­raum null) – geschenkt. Es geht mir auch noch nicht mal um den unver­ho­le­nen Sexis­mus, der sol­che Aktio­nen durch­weht (der dis­qua­li­fi­ziert die Macher der Sen­dung selbst laut genug). Es ist nur ein­fach so, dass sol­che Ein­la­gen nicht mal lus­tig wären, wenn Raab sie in einem Clown­kos­tüm und einem auf die Stirn geta­cker­ten Schild mit der Auf­schrift „Lus­tig! Lachen“ vor­tra­gen wür­de.

Allein zur Mel­dung, dass in den Sta­di­en von Borus­sia Mön­chen­glad­bach und dem VfL Bochum Fuß­ball­län­der­spie­le statt­fin­den sol­len, fie­len mir als Glad­bach-Fan und Bochum-Sym­pa­thi­sant ein Halb­dut­zend Wit­ze über die der­zei­ti­ge Situa­ti­on bei den bei­den Mann­schaf­ten ein. Auch die Spiel­or­te Augs­burg, Dres­den, Lever­ku­sen, Sins­heim und Wolfs­burg böten genug Mög­lich­keit, sich wenigs­tens über die Städ­te lus­tig zu machen, wenn man schon doof irgend­was bashen will. Sich irgend­was Wit­zi­ges zu dem The­ma aus­zu­den­ken, ist ers­tens nicht schwer und zwei­tens Auf­ga­be von einem Hau­fen von Gag-Autoren.

Und dann die Num­mer mit den „ver­ges­se­nen Gäs­ten“, die jeg­li­ches Timing ver­mis­sen ließ: Natür­lich ist die auch noch schlecht geklaut, denn der Gag bei Jim­my Kim­mel besteht ja dar­in, einen Welt­star zu „ver­ges­sen“ und nicht nach­ge­bau­te Ver­tre­te­rin­nen einer Sport­art, die medi­al sowie­so nicht gera­de über­re­prä­sen­tiert ist. Wenn die Num­mer über­haupt zu irgend­was taug­te, dann als abschre­cken­des Bei­spiel.

Aber es sind ja nicht nur die Autoren. Die kön­nen sich viel erlau­ben, weil es in Deutsch­land sowie­so kei­ne guten Come­dy-Shows als Kon­kur­renz gibt und der Humor der Deut­schen nicht umsonst welt­wei­ten Spott genießt. Es ist auch der Mode­ra­tor, dem sei­ne eige­ne Sen­dung so völ­lig egal ist, dass die bes­ten Lacher in dem Moment ent­ste­hen, wenn es ihm selbst auf­fällt. Ste­fan Raab ist sicher ein ver­dienst­vol­ler TV-Schaf­fen­der (ver­mut­lich der Wich­tigs­te in die­sem Jahr­zehnt), aber „TV Total“ ist ein völ­li­ges Desas­ter.

Alles, wirk­lich alles an der Sen­dung ist schlimm: der Stan­dup; die Aus­schnit­te, die inzwi­schen weit­ge­hend unkom­men­tiert und reflek­tiert abge­nu­delt wer­den; die Ein­spie­ler mit lus­ti­gen Stra­ßen­in­ter­views, die ers­tens soooo 1998 sind und bei denen zwei­tens die Fra­gen in der Nach­be­ar­bei­tung von die­sem Mann mit der ach-so-lus­ti­gen Stim­me vor­ge­le­sen wer­den; die Gäs­te, die Raab völ­lig egal sind, und über die er die Hin­ter­grund-Infos allen­falls wäh­rend der Show liest.

Alle paar Wochen, wenn Tie­re zu Gast sind oder die Her­stel­ler von Elek­tro­rol­lern, ist Raab bei der Sache. Dann macht es ihm Spaß und mit ein wenig Glück kom­men dabei wirk­lich lus­ti­ge, bis­wei­len bril­lan­te Aktio­nen rum. Wenn irgend­ein Redak­teur Wert dar­auf legen wür­de, unter­halt­sa­mes Fern­se­hen zu pro­du­zie­ren, wür­de er an genau der Stel­le anset­zen. Aber so lan­ge Pro­Sie­ben die Ver­trä­ge trotz sin­ken­der Quo­ten ver­län­gert, schei­nen alle zufrie­den zu sein. Und wenn die ein­zi­ge „Kon­kur­renz“ unge­fähr drei Mal im Jahr unter dem Titel „Schmidt & Pocher“ ver­sen­det wird, ist das sogar fast nach­zu­voll­zie­hen. Zuschau­er, die ech­te Late-Night-Unter­hal­tung wol­len, sehen sich eh die US-Ori­gi­na­le im Inter­net an.

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Musik

Enduring Freedom

Auf die Idee muss man erst mal kom­men: aus­ge­rech­net eines der wider­lichs­ten, prä­ten­tiö­ses­ten Lie­der deut­scher Spra­che aus der Gruft der Acht­zi­ger-Jah­re-Deutschro­cker zu schlei­fen und im Jahr 2008 als Sam­ple ein­zu­set­zen.

Der Rap­per Cur­se, der seit lan­gem mit Xavier Naidoo um den Titel als prä­ten­tiö­ses­ter Musi­ker deut­scher Zun­ge ringt, hat sich also „Frei­heit“ vor­ge­nom­men, Wes­tern­ha­gens besorg­nis­er­re­gen­den Pathos-Schla­ger, des­sen auf ewig archi­vier­te Live-Dar­bie­tung in der Dort­mun­der West­fa­len­hal­le den anbie­dernds­ten Moment bun­des­re­pu­bli­ka­ni­scher Deutschrock­ge­schich­te („So wie wir heu­te Abend hier!“) ent­hält.

Das dabei ent­stan­de­ne Werk hört eben­falls auf den Namen „Frei­heit“ und muss wohl als gelun­ge­ner Ver­such betrach­tet wer­den, gleich­zei­tig Gän­se­haut und Brech­reiz aus­zu­lö­sen. Man hört die­ses Lied und fragt sich, ob nati­ve spea­k­er des Eng­li­schen eigent­lich genau­so lei­den müs­sen, wenn sie die Tex­te von U2 oder Cold­play hören. Ver­mut­lich nicht.

Und weil ich mich jetzt gera­de durch die­se grau­en­haf­te Null­num­mer gequält habe, lade ich Sie herz­lich ein, es mir unter die­sem Link gleich­zu­tun.

Den­ken Sie immer dar­an: Frei­heit heißt vor allem, jeder­zeit auf die Stop-Tas­te drü­cken zu kön­nen.

[via Visions.de]

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Print Digital

Improve Your Importance!

Das Peo­p­le-Maga­zin „Vani­ty Fair“ (also des­sen tra­gi­scher deut­scher Able­ger) unter­nimmt zur Zeit mal wie­der einen Ver­such, Rele­vanz zu gene­rie­ren. Dies­mal nicht mit der belieb­ten Serie „Fried­man und die Nazis“, son­dern mit einer gro­ßen Abstim­mung:

Die 100 wichtigsten Deutschen: Stimmen Sie ab!  Sie geben unserem Land Profil, ziehen an den Strippen, sorgen für Kultur, Fortschritt und kontroverse Debatten: 100 Persönlichkeiten, die unsere Gegenwart prägen. Wählen Sie mit uns die wichtigsten Deutschen des Jahres! Unterschätzt oder überschätzt? Starten Sie die Top 100 und klicken Sie auf den entsprechenden Button. Jede Stimme zählt. Ihr Favorit ist nicht dabei? In unserem Forum können Sie ihn gerne nachnommieren. Klicken Sie hier, um sich für das Forum anzumelden.

Man wun­dert sich ein biss­chen, wer es so alles in die (aktu­el­le) Lis­te geschafft hat – über man­che Per­so­nen ärgert man sich, bei ande­ren hält man es für ver­dient und muss zuge­ben, dass man sie selbst ver­ges­sen hät­te.

Beson­ders ange­tan hat es den Machern und Nach­rei­chern der Lis­te offen­bar die Füh­rungs­eta­ge von „Spie­gel Online“ bzw. „Spiel­gel Online“:

65: Wolfgang Büchner - Geschäftsführer Spielgel Online

66: Rüdiger Ditz - Geschäftsführer Spiegel Online

91: Rüdiger Dietz

(Der Mann, der sich zwei Mal mit unter­schied­li­cher Schreib­wei­se, aber glei­chem Foto in der Lis­te fin­det, heißt kor­rekt übri­gens Rüdi­ger Ditz.)

Vor­ne wer­den die Plät­ze natür­lich vor allem von mobi­li­sier­ten Fan­clubs ver­ge­ben (es gibt kei­ne IP-Sper­re, jeder kann so oft abstim­men, wie er mag): Hape Ker­ke­ling, Tokio Hotel, Ange­la Mer­kel, Bushi­do, Bene­dikt XVI., Hel­mut Schmidt, Sido, …

Da stefan-niggemeier-fans.de.vu ver­mut­lich noch eini­ge Zeit auf sich war­ten las­sen wird, dach­te ich mir, ich könn­te ja ersatz­wei­se mal hier im Blog Stim­mung für mei­nen Chef machen – gera­de, wo sich die Ver­ant­wort­li­chen von vanityfair.de die Mühe gemacht haben, mal ein ande­res Foto von ihm zu fin­den.

Also: Kli­cket zuhauf!

PS: Sie tun vanityfair.de damit auch noch was Gutes, denn jeder Klick gilt als page impres­si­on und treibt damit deren Anzei­gen­prei­se in die Höhe.

Nach­trag, 30. August, 02:04 Uhr: Zum The­ma Ditz/​Dietz schick­te David M. die­sen schö­nen Screen­shot:

Außer­dem:

1: Stefan Niggemeier, Medienjournalist und Blogger

Nach­trag, 2. Sep­tem­ber: vanityfair.de hat auf die denk­bar unsou­ve­räns­te Wei­se reagiert und den Coun­ter für Ste­fan Nig­ge­mei­er (und offen­sicht­lich nur für ihn) ein­fach zurück­ge­setzt.

Unab­hän­gig davon bin ich der Mei­nung, dass die­se pein­li­che Abstim­mung inzwi­schen genug Auf­merk­sam­keit abbe­kom­men hat, und möch­te Sie des­halb bit­ten, mit vanityfair.de das zu tun, was man mit vanityfair.de am Bes­ten tut, und den Quatsch für­da­hin ein­fach zu igno­rie­ren.

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Rundfunk Sport

Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten!

Nun ist die­se Fuß­ball-EM also auch schon wie­der vor­bei. Deutsch­land hat sie nicht gewon­nen (was zu erwar­ten war), ist aber Zwei­ter gewor­den (was nicht zu erwar­ten war).

Somit ist es Zeit für den Cof­fee-And-TV-EM-Rück­blick:

Die Gast­ge­ber
Legen wir aus­nahms­wei­se mal, was wir bei der Hym­ne nie tun wür­den, die Hand aufs Herz: Schwei­zer und Öster­rei­cher gel­ten den Deut­schen ja irgend­wie als die etwas welt­fer­nen Stief­cou­sins. Die, die so ähn­lich wie wir reden, aber doch anders, und die, die beru­hi­gen­der­wei­se immer noch schlech­ter Fuß­ball spie­len als die Deut­schen.

Ent­spre­chend war es dann auch das ers­te wich­ti­ge Tur­nier, bei dem alle Gast­ge­ber die Vor­run­de nicht über­stan­den, was wohl auch die Stim­mung vor Ort etwas trüb­te. Von Öster­reich und der Schweiz bekam man im Fern­se­hen lei­der viel zu wenig mit, die Bil­der aus den Innen­städ­ten hät­ten auch in Dres­den, Han­no­ver oder einer ande­ren deut­schen Stadt, in der ich noch nie war, gedreht sein kön­nen. Doch ges­tern nach dem Fina­le wur­de klar: die Gast­ge­ber waren die beschei­de­nen klei­nen Brü­der von Deutsch­land 2006. Alles war ein biss­chen gedämpf­ter, stil­vol­ler.

Die Favo­ri­ten
Ja, das war etwas merk­wür­dig: Mein Euro­pa­meis­ter­tipp Tsche­chi­en über­stand die Vor­run­de eben­so­we­nig wie mei­ne Lieb­lings­mann­schaft Schwe­den, die Ita­lie­ner ret­te­ten sich mit Mühe und Not gegen die dann aus­ge­schie­de­nen Fran­zo­sen über die Grup­pen­pha­se, und Grie­chen­land bewies end­lich, dass der Gewinn der EM vor vier Jah­ren wirk­lich nur ein Betriebs­un­fall der Fuß­ball­ge­schich­te gewe­sen war. Vor­her hat­ten sie uns aller­dings mit dem 0:2 gegen Schwe­den eines der grau­en­haf­tes­ten Spie­le des Pro­fi­sports gebo­ten.

Nach­dem sie in der Vor­run­de den Welt­meis­ter, den Vize­welt­meis­ter und schließ­lich mit einer B‑Mannschaft auch noch die Rumä­nen in Grund und Boden gede­mü­tigt hat­ten, gal­ten die Hol­län­der als kla­rer Favo­rit, was sich als­bald als die bei die­sem Tur­nier unlieb­sams­te Rol­le her­aus­stell­te: Zack!, bra­chen sie gegen die Rus­sen ein wie eine labb­ri­ge Frit­te im Nord­see­sturm. Von allen Grup­pen­ers­ten schaff­te es gera­de mal Spa­ni­en, sich nach einem freud­lo­sen Spiel gegen die Ita­lie­ner durch­zu­set­zen – aber auch nur, weil deren Elf­me­ter­glück nach dem Ber­li­ner WM-Fina­le bis min­des­tens 2044 auf­ge­braucht ist. Por­tu­gal schei­ter­te an den Deut­schen, die zur Über­ra­schung aller ein gutes Spiel ablie­fer­ten, die Kroa­ten, die wirk­ten als hät­te man ihnen das mit Elf­me­ter­schie­ßen erst nach Ende der Ver­län­ge­rung erklärt, schei­ter­ten letzt­lich an der unfass­ba­ren Last-Minu­te-Macht der Tür­ken.

Um die dem Tur­nier inne­woh­nen­de Tra­gik auf die Spit­ze zu trei­ben, erwisch­te es im Halb­fi­na­le aus­nahms­wei­se mal die Tür­kei in der letz­ten Minu­te, wor­auf­hin Deutsch­land ver­se­hent­lich im Fina­le stand, in das am Fol­ge­tag die Spa­ni­er ein­zo­gen. Auch Guus Hidd­inks Rus­sen, die sich im ers­ten Grup­pen­spiel gegen Spa­ni­en trick­reich tot­ge­stellt und danach alles domi­niert hat­ten, konn­ten die Ibe­rer (Sport­jour­na­lis­mus geht nicht ohne The­sau­rus) nicht mehr stop­pen.

Im Fina­le muss­te Spa­ni­en nur noch Deutsch­land schla­gen, was dann auch kein Pro­blem mehr war, weil die Deut­schen neben Phil­ipp Lahm und Jens Leh­mann aus­schließ­lich Dop­pel­gän­ger ihrer Stamm­elf auf­ge­stellt hat­ten. Beim ein­zi­gen Gegen­tor kamen sich kon­se­quen­ter­wei­se Lahm und Leh­mann in die Que­re.

Dies Spa­ni­er wur­den völ­lig ver­dient Euro­pa­meis­ter und bewie­sen bei der Pokal­über­ga­be auch noch, dass sie deut­lich bes­ser erzo­gen sind als die Ita­lie­ner, die sich den Cup vor zwei Jah­ren ein­fach selbst ver­lie­hen hat­ten. Michel Pla­ti­ni wirk­te wie ein Leh­rer auf Klas­sen­fahrt, als er inmit­ten der spa­ni­schen Spie­ler die am wenigs­ten häss­li­che Sport­tro­phäe der Welt (man ist ja schon für Klei­nig­kei­ten dank­bar) Iker Cas­il­las in die Hand drück­te.

Deutsch­land
Die eigent­li­che Sen­sa­ti­on ereig­ne­te sich bereits am 8. Juni: Deutsch­land gewann ein EM-Spiel. Viel mehr hat­ten sich Joa­chim Löw und sei­ne Mann­schaft wohl nicht vor­ge­nom­men, wes­we­gen man im dar­auf­fol­gen­den Spiel gegen Kroa­ti­en ein­fach mal alles (außer dem eige­nen Harn) lau­fen ließ. Ich habe glück­li­cher­wei­se die zwei­te Halb­zeit ver­schla­fen und wur­de erst pünkt­lich zur roten Kar­te gegen Bas­ti­an Schwein­stei­ger wie­der wach. Ver­mut­lich zum letz­ten Mal in der Natio­nal­mann­schaft gese­hen haben wir David Odon­kor, bei Mario Gomez wird sehr, sehr viel Auf­bau­ar­beit nötig sein.

Gegen Öster­reich erleb­te man end­lich wie­der die klas­si­sche deut­sche Tur­nier­mann­schaft wie bei der EM ’96 oder der WM 2002: schwach spie­len, hin­ten sau­ber hal­ten, vor­ne eine Stan­dard­si­tua­ti­on aus­nut­zen, wei­ter­kom­men. Gegen Por­tu­gal sieg­te dann Bas­ti­an Schwein­stei­ger im Allein­gang, wie er das jetzt offen­bar immer gegen Por­tu­gal machen will, und gegen die Tür­kei war Deutsch­land so unfass­bar schlecht, dass es ein­zig und allein dem grund­sym­pa­thi­schen Phil­ipp Lahm und des­sen Sieg­tor zu ver­dan­ken war, dass ich mir das Fina­le über­haupt anse­hen woll­te. Das Trau­ma des Halb­fi­nals, dass man sich über einen völ­lig unver­dien­ten Sieg freu­en soll­te, wie­der­hol­te sich ges­tern Abend dann zum Glück nicht: Nach zehn Minu­ten Fuß­ball woll­te das Deut­sche Team auch mal „was mit Rasen“ machen und ser­vier­te den Spa­ni­ern die Tor­chan­cen auf einem Sil­ber­ta­blett mit Pla­tin­in­tar­si­en. Wenn man der spa­ni­schen Mann­schaft einen Vor­wurf machen kann, dann den, dass ihre Chan­cen­aus­beu­te genau­so schlecht war wie bei allen ande­ren Mann­schaf­ten ab dem Vier­tel­fi­na­le. Ich möch­te hier­mit die neue Regel vor­schla­gen, dass, wenn zwei Mann­schaf­ten es nicht schaf­fen, inner­halb von 120 Minu­ten wenigs­tens ein Tor zu schie­ßen, ein­fach bei­de aus dem Tur­nier aus­schei­den.

Nicht uner­wähnt blei­ben soll­te Ange­la Mer­kel, die im Sta­di­on nicht nur die wich­tigs­te Ent­schei­dung ihrer bis­he­ri­gen Amts­zeit traf (Bas­ti­an Schwein­stei­ger moti­vie­ren), son­dern auf der Tri­bü­ne und im Inter­view ein­mal mehr ihren Fuß­ball­sach­ver­stand bewies. Ich möch­te sie hier­mit ganz ehr­lich als kom­men­de DFB-Prä­si­den­tin vor­schla­gen, was sicher auch im Hin­blick auf 2011 ein schö­nes Signal wäre.

Regeln & Schieds­rich­ter
Die schon län­ger bestehen­de Rege­lung, dass in der Grup­pen­pha­se bei Punkt­gleich­heit der direk­te Ver­gleich zäh­le, sorg­te dank des gut aus­ge­ar­bei­te­ten Spiel­plans dafür, dass gleich drei Grup­pen­sie­ger schon vor dem letz­ten Spiel fest­stan­den, wes­we­gen sie ent­spre­chend mit einer B- bis C‑Mannschaft (Oma der Nach­ba­rin des Bus­fah­rers) auf­lie­fen. Ande­rer­seits gab es so in jeder Grup­pe ein End­spiel um den zwei­ten Tabel­len­platz. Das zwi­schen der Tür­kei und Tsche­chi­en schrieb Fuß­ball­ge­schich­te, als die Tsche­chen es in den letz­ten Spiel­mi­nu­ten nicht schaff­ten, den Ball auch nur in die Nähe des tür­ki­schen Tores zu schla­gen, in dem seit der roten Kar­te gegen den tür­ki­schen Tor­wart ein Feld­spie­ler stand. Außer­dem gab es noch eine gel­be Kar­te für einen Ersatz­spie­ler auf der Bank.

Die WM 2006 hat­te den unver­dien­ten Elf­me­ter der Ita­lie­ner (ja, ich weiß, dass das ein Pleo­nas­mus ist) gegen die Aus­tra­li­er und die drei gel­ben Kar­ten gegen Josip Simu­nic in einem Spiel, ist mir aber sonst nicht durch grö­ße­re Schieds­rich­ter-Inkom­pe­ten­zen in Erin­ne­rung geblie­ben. Dies­mal war es anders: die Fehl­ent­schei­dun­gen häuf­ten sich und bei man­chen Sze­nen frag­te man sich, ob man – so das wirk­lich die Eli­te der euro­päi­schen Unpar­tei­ischen sein soll­te – in Zukunft bei einer EM nicht bes­ser Kol­le­gen aus Tri­ni­dad und Toba­go ein­flie­gen soll­te. Gab es vor Spie­len Geschrei um die Natio­na­li­tät eines Schieds­rich­ters (der Deut­sche bei Spa­ni­en – Ita­li­en, der Schwei­zer bei Deutsch­land – Tür­kei, der Ita­lie­ner im Fina­le), gaben sich die­se größ­te Mühe, die Beden­ken zu zer­streu­en, in dem sie kon­se­quent gegen die von ihnen ver­meint­lich bevor­zug­te Mann­schaft pfif­fen. Nur beim Hand­spiel Leh­manns an der Straf­raum­li­nie bei erschöpf­tem Aus­wech­sel­kon­tin­gent zwan­zig Minu­ten vor Schluss kam den Deut­schen mal die Inkom­pe­tenz des Schi­ri-Gespanns ent­ge­gen.

Der Tief­punkt war da frei­lich schon lan­ge erreicht gewe­sen: die Ver­ban­nung bei­der Trai­ner auf die Tri­bü­ne im Spiel Öster­reich – Deutsch­land war eine gefähr­li­che Mischung aus den Ego-Pro­ble­men des soge­nann­ten vier­ten Offi­zi­el­len und der Unent­spannt­heit des spa­ni­schen Schieds­rich­ters. Die UEFA bewies Humor, indem sie bei­de Trai­ner für je ein Spiel sperr­te und eben jenen Spa­ni­er im Vier­tel­fi­na­le gegen Por­tu­gal als vier­ten Mann auf­stell­te. Wo er dann auch kurz davor stand, wenigs­tens den por­tu­gie­si­schen Trai­ner auf die Tri­bü­ne schi­cken zu las­sen.

Immer­hin eine Schieds­rich­ter-Ent­schei­dung blieb posi­tiv in Erin­ne­rung: im Spiel Hol­land – Ita­li­en wuss­te der Schieds­rich­ter, dass das ver­meint­li­che Abseits­tor kei­nes war (also kein Abseits, ein Tor war es ja sehr wohl).

Fern­se­hen
Schlim­mer als Schieds­rich­ter und Deut­sche waren immer­hin noch die Leu­te, die uns den Fuß­ball ins Haus brin­gen: es ging gar nichts. Nichts.

Béla Réthy, von den Print­kol­le­gen merk­wür­di­ger­wei­se immer über den grü­nen Klee gelobt, nervt nur. Er redet in einem fort, nur als im Halb­fi­na­le plötz­lich das Bild aus­fiel und man auf sein Gequas­sel ange­wie­sen war, wur­den sei­ne Sät­ze knap­per. Tom Bartels kann selbst Fuß­ball­kri­mis zum Sand­männ­chen degra­die­ren, so dass man ges­tern Angst haben muss­te, die deut­schen Spie­ler hät­ten ver­se­hent­lich sei­nen Kom­men­tar aufs Ohr bekom­men und sei­en des­halb so müde. Stef­fen Simon ist einer die­ser Men­schen, die beim Ita­lie­ner „brusket­ta“ und „jnok­ki“ bestel­len, weil sie mal ein Semes­ter in der Volks­hoch­schu­le waren. Beson­ders pein­lich wur­de es immer dann, wenn er einen aus­län­di­schen Namen zum gefühlt hun­derts­ten Mal vor­ge­turnt hat­te, und man anschlie­ßen den mut­ter­sprach­li­chen Sta­di­on­spre­cher etwas ähn­li­ches, aber doch ganz ande­res sagen hör­te. Wie wohl­tu­end boden­stän­dig war dage­gen Wolf-Die­ter Posch­mann, der alles so aus­sprach wie man’s schreibt.

Beck­mann und Ker­ner gehen per se nicht, in kei­ner Rol­le und auf kei­nem Sen­der, mit Net­zer und Del­ling soll­te lang­sam auch mal gut sein, Jür­gen Klopp ist mir unsym­pa­thisch. Urs Mey­er geht, der groß­ar­ti­ge Meh­met Scholl kam bei Beck­mann (s.o.) nicht wirk­lich zur Ent­fal­tung. Moni­ka Lier­haus wirk­te bei den Trai­ner­in­ter­views immer wie Kai Diek­mann bei der Papst­au­di­enz (außer in dem unpas­sen­den Moment, wo sie end­lich mal jour­na­lis­tisch wir­ken woll­te) und Kat­rin Mül­ler-Hohen­stein … ach ja. Als ich es ein­mal nicht mehr aus­hielt mit Béla Réthy und im Radio wei­ter­hö­ren woll­te, war dort grad Sabi­ne Töp­per­wi­en am Mikro­fon und rela­ti­vier­te wie­der eini­ges, wenn auch nicht alles, was ich schlechts über Réthy zu sagen hät­te.

Es sei an die­ser Stel­le nur noch ein­mal dar­auf hin­ge­wie­sen: die­se Kom­men­ta­to­ren, Mode­ra­to­ren und sons­ti­gen Sport­jour­na­lis­ten­dar­stel­ler wer­den von uns allen bezahlt. Gutes Per­so­nal ist halt schwer zu fin­den.

Die Fans
Was soll das eigent­lich mit die­sem „Schland“ und wann und wo hat das ange­fan­gen? An die Beflag­gung von Wohn­häu­sern und Auto­mo­bi­len hat man sich zwei Jah­re nach der Geburt des „posi­ti­ven Patrio­tis­mus“ inzwi­schen gewöhnt, die Reichs­par­tei­tags­ver­wei­se sind längst nur noch Brauch­tum und Iro­nie.

Wie undog­ma­tisch die Deut­schen sind zeig­te sich immer wie­der, wenn die glei­chen Leu­te, die mor­gens beim „Bild“-Kauf über die Ben­zin­prei­se jam­mer­ten, Abends beim Auto­kor­so (nach dem Öster­reich-Spiel!) den Gegen­wert eines Final­ti­ckets in den Innen­städ­ten ver­brann­ten. Auch die Bou­le­vard­pres­se schaff­te die­sen Spa­gat, indem sie vor dem Halb­fi­na­le gegen die Tür­kei gleich­zei­tig zu Frei­heit, Gleich­heit, Brü­der­lich­keit auf­rief und für die kom­men­de Nacht bür­ger­kriegs­ähn­li­che Zustän­de vor­aus­sag­te.

Das Cof­fee-And-TV-Redak­ti­ons­team bewies sei­ne gro­ße Fuß­ball­kom­petnz, indem es sich vor dem Eröff­nungs­spiel mit Fah­nen ein­deck­te, die alle­samt zum Ende der Vor­run­de ein­ge­holt wer­den konn­ten: Schwe­den, Grie­chen­land und die Schweiz spiel­ten unge­fähr so gut, wie wir tipp­ten. In der fami­li­en­in­ter­nen Tipp­run­de muss­te ich mich nicht nur mei­nem Bru­der, son­dern auch mei­nen Eltern und mei­ner Schwes­ter geschla­gen geben. Aber als Borus­sia-Mön­chen­glad­bach-Fan ist man lei­den gewohnt.

So geht’s wei­ter …
Am 9./10. August star­tet der DFB-Pokal, eine Woche spä­ter die Bun­des­li­ga. Mön­chen­glad­bach ist wie­der da, wo es hin­ge­hört, der MSV Duis­burg auch.

Die Natio­nal­mann­schaft wird sich für die WM 2010 qua­li­fi­zie­ren und wenn sie da plötz­lich die Leis­tun­gen aus so man­chen Qua­li­fi­ka­ti­ons­spie­len und dem EM-Vier­tel­fi­na­le wie­der­ho­len, könn­te das schon was wer­den. Außer­dem spricht 2006: 3., 2008: 2. für 2010: 1. Die ein­zi­ge Alter­na­ti­ve wäre eine gol­de­ne Gene­ra­ti­on im deut­schen Team: wie die Por­tu­gie­sen immer schön spie­len und Favo­rit sein, es dann aber nie schaf­fen. Die Rol­le des ewig erfolg­lo­sen Geheim­fa­vo­ri­ten ist seit ges­tern Abend unbe­setzt.

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Rundfunk Gesellschaft

Herdenprämie

Frü­her, als Fuß­bäl­le noch aus Schwei­ne­bla­sen her­ge­stellt wur­den und das ein­zi­ge Bild­schirm­emp­fangs­ge­rät einer Gemein­de in der ört­li­chen Gast­stät­te stand, traf sich die Dorf­ge­mein­schaft zu wich­ti­gen Ereig­nis­sen wie dem Gewinn einer Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft in der voll­ge­qualm­ten Gast­stu­be und schau­te sich die Über­tra­gung im Kol­lek­tiv und im Schwarz-Weiß-Fern­se­her an. Spä­ter hat­ten immer mehr Men­schen einen eige­nen Fern­se­her, der sogar Farb­bil­der dar­stel­len konn­te, und man guck­te den Gewinn von Welt- und Euro­pa­meis­ter­schaf­ten im hei­mi­schen Wohn­zim­mer.

Vor zwei Jah­ren fin­gen die Deut­schen dann wie­der an, sich in gro­ßen Grup­pen auf öffent­li­chen Plät­zen zu ver­sam­meln und ihre Natio­nal­flag­ge zu schwen­ken. Sehr zur Freu­de der rest­li­chen Welt ver­zich­te­ten sie dabei aber auf die gan­zen ande­ren Ele­men­te ihres merk­wür­di­gen Brauch­tums. Statt­des­sen guck­ten sie auf eine Groß­bild­lein­wand und lausch­ten sogar den Aus­füh­run­gen der Sport­jour­na­lis­ten­dar­stel­ler Rein­hold Beck­mann, Johan­nes B. Ker­ner und Bèlá Rêthý, ohne dadurch zum maro­die­ren­den Mob zu wer­den. Vor allem das muss man den Deut­schen sehr hoch anrech­nen.

Die­ses öffent­li­che Gucken nann­ten die glei­chen Mar­ke­ting­ex­per­ten, die sich so genia­le phan­ta­sie­sprach­li­che For­mu­lie­run­gen wie „Han­dy“, „Powered by emo­ti­on“ oder jetzt „We love the new“ aus der Nase gezo­gen haben, „Public Vie­w­ing“. Zyni­ker über­setz­ten das mit „Völ­ki­scher Beob­ach­ter“, ande­re wuss­ten zu berich­ten, dass man die öffent­li­che Auf­bah­rung von Toten in den USA so nen­ne (was natür­lich stimmt, aber genau­so wie das gemein­sa­me Fern­se­hen nur einen klei­nen Teil der Bedeu­tung des Begriffs aus­macht).

Im Vor­feld der Fuß­ball-Euro­pa­meis­ter­schaft bat der Jugend­ra­dio­sen­der Eins­li­ve sei­ne Hörer um Alter­na­tiv­vor­schlä­ge zum Begriff „Public Vie­w­ing“ und bekam eini­ges an Zusen­dun­gen. In einer Abstim­mung ent­schied sich das Publi­kum für den Begriff „Rudel­gu­cken“, der seit­dem bei Eins­li­ve mit an Bru­ta­li­tät gren­zen­der Vehe­menz pro­mo­tet wird. Irgend­wie mag ich den Klang des Wor­tes nicht – es erin­nert pho­ne­tisch viel zu sehr an „Rudel­bum­sen“ und hat auch sonst einen nega­ti­ven Bei­klang.

Ana­tol vom sehr emp­feh­lens­wer­ten Bre­mer Sprach­blog fasst die­sen ganz gut in Wor­te:

da klingt doch über­all die Ver­ach­tung der­je­ni­gen durch, die Fuß­ball lie­ber gepflegt zu Hau­se, oder, noch bes­ser, gar nicht gucken.

Das wirk­lich Inter­es­san­te ist aber: im Gegen­satz zu den pein­li­chen Aktio­nen, die die gru­se­li­ge „Stif­tung deut­sche Spra­che“ regel­mä­ßig durch­führt (im Moment sucht sie übri­gens ein deut­sches Pen­dant für … äh: „Public Vie­w­ing“) scheint der Begriff „Rudel­gu­cken“ sofort Ein­zug in die All­tags­spra­che vie­ler (vor allem jun­ger) Men­schen gefun­den zu haben. Goog­le fin­det der­zeit 71.000 Such­ergeb­nis­se, fragt aber auch, ob man nicht „rudel gur­ken“ gemeint haben könn­te. Die­ser Vor­gang ist durch die geziel­te Plat­zie­rung durch einen Radio­sen­der zwar eini­ger­ma­ßen unna­tür­lich, aber das war die Ver­brei­tung von „Public Vie­w­ing“ ja auch.

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Musik

„Ich hab 29 Jahre dafür gearbeitet“: Interview mit Gregor Meyle

Am Sams­tag spiel­te Gre­gor Meyle, Zweit­plat­zier­ter bei Ste­fan Raabs Cas­ting­show „SSDSDSSWEMUGABRTLAD“, im Bochu­mer Riff. Nach­dem der Sup­port­act, Ste­ve Sava­ge von den sehr emp­feh­lens­wer­ten Beggars For­tu­ne, schon vom Publi­kum begeis­tert gefei­ert wur­de, leg­ten Gre­gor Meyle und Band noch einen drauf und bescher­ten mir – im Ernst – eines der schöns­ten Kon­zer­te ever. Der Zwi­schen­ruf „Bes­ser als kett­car!“ war so abwe­gig nicht.

Dass Gre­gor Meyle nicht nur ein tol­ler Song­schrei­ber und Musi­ker, son­dern auch ein sehr sym­pa­thi­scher Gesprächs­part­ner ist, hat er vor dem Kon­zert bewie­sen, als er uns im Schat­ten des Bahn­damms ein Inter­view gab.

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Unterwegs

Mein Berlin

Weil ich ja eh schon mal mit der Video­ka­me­ra in Ber­lin war und in den ver­gan­ge­nen Jah­ren tou­ris­tisch schon wirk­lich alles abge­klap­pert hat­te, was da war, habe ich mir dies­mal gedacht: Sei doch ein biss­chen altru­is­tisch und gib dei­nen Lesern, die viel­leicht noch nie in Ber­lin waren, viel­leicht nächs­te Woche hin­wol­len, auch etwas mit.

Her­aus­ge­kom­men ist ein klei­ner Film, der völ­lig unprä­ten­ti­ös „Mein Ber­lin“ heißt und den man sich bei You­Tube anse­hen kann. Oder gleich hier:

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Gesellschaft

„Grüß dich ins Knie!“

Tho­mas Knü­wer schrieb heu­te Mor­gen über Star­bucks, die Hass­lie­be jedes auf­rech­ten Kof­fe­in-Jun­kies, und den dor­ti­gen Ser­vice. Es dau­er­te exakt vier Kom­men­ta­re, bis sich die Ers­te über „die­se dröh­nen­de Supi-ich-hab-dich-lieb-Kun­de-Fröh­lich­keit“ beklag­te, und obwohl ich nach wie vor nicht viel von Bezeich­nun­gen wie „typisch deutsch“ hal­te, wuss­te ich augen­blick­lich, dass ich mal wie­der auf ein klas­sisch deut­sches Dilem­ma gesto­ßen war: Freund­lich­keit macht den Deut­schen miss­trau­isch. Edu­ard Zim­mer­mann und Ali­ce Schwar­zer haben ihre jewei­li­gen Lebens­wer­ke dar­auf ver­wen­det, dass man in Deutsch­land immer damit rech­net, gleich über­fal­len oder ver­ge­wal­tigt zu wer­den, sobald mal jemand freund­lich zu einem ist.

Spricht man mit Men­schen über die Dienst­leis­tungs­men­ta­li­tät in Deutsch­land (führt also eine eher hypo­the­ti­sche Dis­kus­si­on), wird man häu­fig von der „auf­ge­setz­ten Freund­lich­keit der Ame­ri­ka­ner“ hören. Wie so oft bei anti­ame­ri­ka­ni­schen Vor­ur­tei­len ver­ste­hen die Kri­ti­ker ame­ri­ka­ni­schen Umgangs­for­men nicht und/​oder waren selbst noch nie in den USA. Und, zuge­ge­ben: Als ich im letz­ten Jahr drei Mona­te in San Fran­cis­co leb­te, war ich anfangs auch genervt von „Hi, how are you?“ und „Have a nice day“, bis mir däm­mer­te, dass die­se Freund­lich­kei­ten tat­säch­lich mei­ner Lau­ne zuträg­lich waren. Der Vor­wurf „Das inter­es­siert doch kei­nen, wie es einem geht“, mag ja stim­men, nur inter­es­siert das in Deutsch­land auch nie­man­den. Auch auf die Gefahr hin, Sie schwer zu ent­täu­schen: Solan­ge es sich nicht um Ihre bes­ten Freun­de, aus­ge­wähl­te Fami­li­en­mit­glie­der oder Ihren The­ra­peu­then han­delt, inter­es­siert es kei­ne Sau, wie es Ihnen geht. Also machen Sie sich nicht die Mühe, an Ihr aktu­el­les Befin­den zu den­ken, an das gan­ze Elend, das sie gera­de durch­ma­chen – ver­drän­gen Sie’s und sagen Sie „Bes­tens, Dan­ke! Und selbst?“

„Wer die Musik bezahlt, bestimmt was gespielt wird“, lau­tet ein Sprich­wort und ange­denk des­sen, was man sich in man­chen Super­märk­ten, Beklei­dungs­fach­ge­schäf­ten und Elek­tro­märk­ten als zah­len­der Kun­de bie­ten las­sen muss, könn­te man fast anneh­men, die Läden sei­en in Wahr­heit gut­ge­tarn­te Light-Vari­an­ten eines Domi­na-Stu­di­os. „Wer ficken will, muss freund­lich sein“, lau­tet ein ande­res Sprich­wort und der auf­merk­sa­me Beob­ach­ter wird fest­stel­len, dass an mög­li­che Bett­part­ner somit deut­lich höhe­re Anfor­de­run­gen gestellt wer­den als an Ver­käu­fe­rin­nen. Trotz­dem haben mehr Leu­te Sex als einen Arbeits­platz im Dienst­leis­tungs­sek­tor.1

Beson­ders kon­ser­va­ti­ve Zeit­ge­nos­sen wer­den – „Freund­lich­keit hin oder her!“ – auch die Mei­nung ver­tre­ten, die­se „Boden­stän­dig­keit“ lie­ge nun mal im Wesen des Deut­schen, lächeln hin­ge­gen nicht. Nun weiß ich nicht, wie viel Pro­zent des Frem­den­ver­kehrs in Deutsch­land auf Leu­te ent­fal­len, die extra hier­her kom­men, um einen brum­me­li­gen Ber­li­ner Taxi­fah­rer oder einen pam­pi­gen Köbes in einem Köl­ner Brau­haus zu begu­cken. Aber wür­de man sol­che Leu­te über­haupt ken­nen­ler­nen wol­len?

Haben Sie noch einen schö­nen Tag!

1 Inwie­weit der inne­re Zwang eini­ger Deut­scher, immer und über­all rau­chen zu wol­len, damit zusam­men­hängt, möge ein jeder bit­te selbst ergrün­den.

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„You can say ‚you‘ to me!“

Die Anre­de im Eng­li­schen öff­net Miss­ver­ständ­nis­sen Tür und Tor. Da ist zum einen die Sache mit den Vor­na­men, die kürz­lich in mei­nem neu­en Lieb­lings-Blog USA Erklärt sehr anschau­lich beschrie­ben wur­de (nun ja, ‚anschau­lich‘ ist das fal­sche Wort für einen Sach­ver­halt, der in sei­ner Kom­ple­xi­tät der Kern­spal­tung in nichts nach­steht – dann eben ‚gut beschrie­ben‘). Zum ande­ren ist da die Sache mit dem Per­so­nal­pro­no­men „you“, das Deut­sche schon mal als „Du“ ver­ste­hen, und sich des­halb freu­en oder wun­dern, dass sich die Nati­ve Spea­k­er des Eng­li­schen alle duzen. Die Wahr­heit ist ungleich kom­ple­xer. Ganz knapp: Der eng­li­schen Spra­che ist das „Du“ („thou“/„thy“) im Lau­fe der Jahr­hun­der­te abhan­den gekom­men und exis­tiert heu­te nur noch in Shakespear’schen Dra­men, der Bibel und ähn­li­chen Tex­ten frü­he­rer Tage.

War­um die­se läng­li­che Ein­lei­tung aus dem Bereich der Sprach­wis­sen­schaf­ten? Zum einen habe ich vor weni­gen Tagen einen Stu­di­en­ab­schluss in Anglis­tik erlangt, zum zwei­ten muss man sich die­se Situa­ti­on vor Augen füh­ren, wenn es um die schwie­ri­ge Arbeit der Inter­view-Über­set­zung in deutsch­spra­chi­gen Redak­tio­nen geht.

Dirk Peitz hat für jetzt.de ein Inter­view mit Fran Hea­ly und Dou­gie Pay­ne von Tra­vis geführt. Die Musi­ker wer­den sich mit „Hi, I’m Fran“ bzw. „Hel­lo, I’m Dou­gie“ vor­ge­stellt haben (obwohl sie davon aus­ge­hen kön­nen, dass ein Inter­view­er wenigs­tens die Namen sei­ner Gesprächs­part­ner kennt – sie sind eben gut erzo­gen) und im Gespräch wird man sich, wie all­ge­mein üblich, mit „you“ ange­spro­chen haben. Da Inter­views grund­sätz­lich in über­setz­ter Form gedruckt wer­den, muss­te nun das eng­li­sche Gespräch in einen deutsch­spra­chi­gen Text umge­wan­delt wer­den, und irgend­je­mand kam bei der frü­he­ren Jugend­bei­la­ge der SZ auf die Idee, man kön­ne doch die Musi­ker in der Über­set­zung ein­fach mal sie­zen.

Das kann man machen, um sich so von vor­ne­her­ein vom Vor­wurf der Anbie­de­rung frei­zu­ma­chen. Man kann es auch machen, um sei­nen Gesprächs­part­nern den nöti­gen Respekt zu erwei­sen (schon Max Goldt hat sich in sei­nem Text „Was man nicht sagt“ dafür aus­ge­spro­chen, Musi­ker nicht als „Jungs“ und „Mädels“ zu bezeich­nen – sie zu sie­zen wäre also auch nur kon­se­quent). Man kann es sogar machen, um zu bewei­sen, dass man das mit dem „Du“ und „Sie“ im Eng­li­schen sehr, sehr gut ver­stan­den hat. Aber egal, wie die Grün­de gelau­tet haben mögen, sie wer­den bei den (zumeist jugend­li­chen) Lesern Ver­wir­rung aus­lö­sen:

SZ: Sie haben sich fast vier Jah­re Zeit gelas­sen, um Ihr neu­es Album auf­zu­neh­men. Was haben Sie so lan­ge getrie­ben?

Fran Hea­ly: Es gibt die­ses Sprich­wort im Musik­ge­schäft: Für dein ers­tes Album brauchst du 23 Jah­re, doch für jedes wei­te­re geben dir die Plat­ten­fir­men nur noch sechs Mona­te.

„Mut­ti, war­um siezt der Jour­na­list die­sen ver­eh­rens­wer­ten Musi­ker und die­ser Rock­star-Stof­fel duzt dann ein­fach zurück?“, wer­den natür­lich die wenigs­ten Zahn­span­gen­trä­ge­rin­nen mor­gen am Früh­stücks­tisch ihre Stu­di­en­rä­tin-Mut­ter fra­gen. Täten sie es nur! Die Mut­ti wür­de erst den gan­zen Ser­mon, den ich oben schon geschrie­ben habe, wie­der­ho­len, und dann erklä­ren, dass „you“ ja auch für „man“ ste­hen kann und das Sprich­wort von wirk­lich umsich­ti­gen Redak­teu­ren des­halb mit „Für sein ers­tes Album braucht man 23 Jah­re, doch für jedes wei­te­re geben einem die Plat­ten­fir­men nur noch sechs Mona­te“, über­setzt wor­den wäre. Viel­leicht wür­de sie aber auch nur sagen: „Gabrie­le, iss Dei­ne Cerea­li­en und frag das Dei­nen Eng­lisch­leh­rer, den fau­len Sack!“

Absur­der als das auf­ge­führ­te Bei­spiel ist übri­gens die Ange­wohn­heit der Redak­ti­on des sehr guten Inter­view­ma­ga­zins Galo­re, jede auf­kom­men­de Anre­de in ein „Sie“ umzu­wan­deln. Die­se auto­ma­ti­sier­te Anglei­chung flog spä­tes­tens auf, als Cam­pi­no, der ja nun wirk­lich jeden duzt, den Inter­view­er plötz­lich mit „Sie“ ansprach.
Noch absur­der war der Auf­tritt von Jan Ull­rich bei Rein­hold Beck­mann. Aber das lag nicht nur an der Schief­la­ge in den Anre­den.