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Stopf den Tisch oder ich butter dir die Bremen

Auch wenn uns poli­tisch wenig bis gar nichts ver­band, war Hel­mut Kohl immer „mein“ Kanz­ler. Er war schon Kanz­ler, als ich auf die Welt kam, und als er es plötz­lich (nach 16 Jah­ren!) nicht mehr war, war ich ver­wirrt. Sag­te der Nach­rich­ten­spre­cher „Bun­des­kanz­ler“, ver­voll­stän­dig­te ich im Geis­te „Hel­mut Kohl“. In mei­ner Erin­ne­rung wird Kohl immer zu glei­chen Tei­len die „Hur­ra Deutschland“-Gummipuppe und der Fels in der Bran­dung sein. Er war der gro­ße „Aus­sit­zer“, die sprich­wört­li­che deut­sche Eiche, die es nicht im min­des­ten inter­es­sier­te, wel­che Sau sich gera­de wie­der an ihr rieb. Kohl hat sie alle über­stan­den: Schmidt, Strauß, Möl­le­mann. Es gab Bücher vol­ler Kohl-Wit­ze und ich wür­de ihm zutrau­en, dass er, wenn ihm mal jemand ein sol­ches Buch geschenkt hät­te, die­ses demons­tra­tiv auf dem Fens­ter­brett der Gäs­te­toi­let­te sei­nes Oggers­hei­mer Bun­ga­lows plat­ziert hät­te, um zu zei­gen, wie wenig ihn das alles anfocht. Wenn er doch mal die Con­ten­an­ce ver­lor, wie als er sich in Hal­le auf einen Mann stürz­te, der ihn mit Eiern bewor­fen hat­te, dann zeig­te er in einer sol­chen Sze­ne Mensch­lich­keit, phy­si­sche Prä­senz und den Wil­len, sich not­falls selbst zu ver­tei­di­gen. Die Hal­len­ser Eier­wurf-Geschich­te ist eine Epi­so­de in der an Epi­so­den nicht armen Außen­wir­kung Kohls. Sei­ne inne­re Ruhe geht so weit, dass ihn auch die Bon­ner Staats­an­walt­schaft nicht davon über­zeu­gen kann, sein Ehren­wort zu bre­chen.

Kohls Nach­fol­ger als Bun­des­kanz­ler war Ger­hard Schrö­der, der unter ande­rem dadurch in die Geschich­te und das kol­lek­ti­ve Gedächt­nis ein­ging, dass er gericht­lich gegen die Behaup­tung vor­ging, sein gleich­mä­ßig dunk­les Haupt­haar sei gefärbt. Etwa fünf Jah­re spä­ter setz­te Schrö­ders Gat­tin gericht­lich durch, dass der „Stern“ nicht behaup­ten darf, sie habe die Idee gehabt, eine Neu­wahl des Bun­des­tags mit­tels Ver­trau­ens­fra­ge zu erwir­ken. Hel­mut Kohl wur­de zu die­ser Zeit, allen Ehren­wor­ten zum Trotz, als Kan­di­dat für den Frie­dens­no­bel­preis gehan­delt.

Eben­falls einen Pro­zess gewann im Jahr 2005 Schrö­ders dama­li­ger Ver­kehrs­mi­nis­ter Man­fred Stol­pe. Er darf seit­dem nicht mehr als „ehe­ma­li­ger Sta­si-Mit­ar­bei­ter“ oder „IM“ bezeich­net wer­den, auch wenn Stol­pe selbst sagt, er habe als Sekre­tärs des Bun­des der Evan­ge­li­schen Kir­che der DDR „zu vie­len staat­li­chen Stel­len Kon­takt gehal­ten, dar­un­ter auch zur Staats­si­cher­heit“, und der Birth­ler-Behör­de Akten vor­lie­gen, die den Ver­dacht erhär­ten, Stol­pe sei als Infor­mel­ler Mit­ar­bei­ter „gewor­ben“ wor­den. Die soge­nann­te „Stol­pe-Ent­schei­dung“ des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts besagt im Kern, dass es bei einer mehr­deu­ti­gen Äuße­rung aus­rei­che, wenn nur eine mög­li­che Inter­pre­ta­ti­on die­ser Äuße­rung die Per­sön­lich­keits­rech­te des Klä­gers ver­let­ze.

Natür­lich möch­te nie­mand Unwahr­hei­ten oder Belei­di­gun­gen über sich selbst lesen und selbst­ver­ständ­lich gibt es einen Unter­schied zwi­schen der Aus­sa­ge „Lukas hat­te Kon­tak­te zu Apfel­die­ben (weil er in der Grund­schu­le neben einem saß)“ (Saß ich nicht, bzw. ich wüss­te nichts davon. Es ist ein Bei­spiel, lie­be frü­he­ren Mit­schü­ler!) und „Lukas war/​ist ein Apfel­dieb“. Nur haben die Ver­fas­sungs­rich­ter mit die­sem Grund­satz­ur­teil die Büch­se der Pan­do­ra geöff­net, denn mehr­deu­tig und inter­pre­tier­bar ist eine gan­ze Men­ge: Eine ver­ul­ken­de Berufs­be­zeich­nung für Fern­seh­an­sa­ge­rin­nen, die auch als abwer­ten­de Bezeich­nung für das weib­li­che Geschlecht ver­stan­den wer­den könn­te? Die „Stol­pe-Ent­schei­dung“ ist mit Euch (und sorgt dafür, dass sowohl die ver­ul­ken­de Berufs­be­zeich­nung, als auch die Fern­seh­an­sa­ge­rin erst­mals einem grö­ße­ren Publi­kum bekannt wer­den). Eine Beschrei­bung für Men­schen, die im Fern­se­hen anru­fen, dann aber nichts oder völ­lig unpas­sen­des Zeug sagen, die auch als Unter­stel­lung den Ange­ru­fe­nen gegen­über ver­stan­den wer­den könn­te? Die „Stol­pe-Ent­schei­dung“ hilft.

Ich bin kein Jurist und juris­tisch mögen die­se Urtei­le auch völ­lig logisch begründ­bar sein. Lin­gu­is­tisch sind sie es nicht. Wer sagt, dass eine Wort­neu­schöp­fung irgend­et­was bedeu­ten könn­te, und ein Wort syn­onym für ein ande­res ste­hen könn­te (das aber wohl in kaum einem Fall sinn­voll), stellt die Grund­kon­ven­ti­on in Fra­ge, auf der jede Spra­che auf­baut. Es besteht zum Bei­spiel die Kon­ven­ti­on, dass das Ding mit der Plat­te aus Holz und den vier Bei­nen unten­drun­ter „Tisch“ genannt wird. Nur so weiß der klei­ne Peter, was die Leh­re­rin meint, wenn sie sagt „Peter, kle­be doch bit­te Dein Kau­gum­mi nicht unter Dei­nen Tisch“. Und das gilt – Sie haben es bereits erra­ten – nicht nur für das Wort bzw. das Kon­zept „Tisch“, son­dern für jedes Wort des Sat­zes und der gesam­ten Spra­che. Für die Wis­sen­schaft, die sich mit der Bedeu­tung von Wor­ten befasst, gibt es, welch Iro­nie, zwei ver­schie­de­ne Begrif­fe: Wort- oder lexi­ka­li­sche Seman­tik. Wer tie­fer in die­se Mate­rie ein­stei­gen will, kommt bei­spiels­wei­se um Fer­di­nand de Sauss­u­re kaum her­um.

Die Annah­me, ein Wort kön­ne auch für etwas völ­lig ande­res ste­hen (und wir reden hier natür­lich nicht über Hom­ony­me, sog. „Tee­kes­sel­chen“ wie „Ball“ [run­des Sportobjekt/​Tanzveranstaltung] oder „Bank“ [Geldinstitut/​Sitzmöbel]), hat etwas post­struk­tu­ra­lis­ti­sches. Denkt man den Gedan­ken zu Ende, könn­te alles buch­stäb­lich alles bedeu­ten. Nicht weni­ge Leu­te, die regel­mä­ßig Brie­fe schrei­ben oder erhal­ten (z.B. Leser­brief­schrei­ber), wis­sen, dass die Gruß­for­mel „Hoch­ach­tungs­voll“ auch etwas ganz ande­res bedeu­ten kann. Etwas, bei des­sen öffent­li­cher Aus­spra­che man immer beto­nen muss, Goe­thes „Götz von Ber­li­chin­gen“ zu zitie­ren. Kann ich also jedes alte Ömma­cken, das noch gelernt hat, was sich gehört und wie man Brie­fe schreibt, ver­kla­gen, weil sie mich mit ihrem „Hoch­ach­tungs­voll“ belei­digt haben könn­te?

Ja, wie­so denn eigent­lich nicht? Ich kann doch auch sagen, das Ding mit der Plat­te aus Holz und den vier Bei­nen drun­ter nen­ne ich jetzt „Brot“, und das Zeugs aus Kör­nern, wo man sich mor­gen sei­ne Nuss­nou­gat­creme draufstreicht, nen­ne ich „Wal­de­mar“. Wenn ich das kon­se­quent durch­zie­he, ver­steht mich bald nie­mand mehr, aber ich habe eine neue inter­es­san­te Frei­zeit­be­schäf­ti­gung, näm­lich Wor­te durch ande­re zu erset­zen. Und da eini­ge Per­so­nen die inter­es­san­te Frei­zeit­be­schäf­ti­gung, ande­re Leu­te juris­tisch zu belan­gen, aus den USA impor­tiert haben, ist nicht aus­ge­schlos­sen, dass es in Zei­tungs­ar­ti­keln, Blog­ein­trä­gen und auch in der All­tags­spra­che bald von „Du weißt schon wer„s und „He who must not be named„s wim­meln könn­te. („Wobei das natür­lich gar nichts bräch­te, weil man ja anneh­men könn­te, wer mit die­sen Chif­fren gemeint sein soll­te“, sag­te das Uni­ver­sum und lös­te sich in einem Logik­wölk­chen auf.)

Spra­che ist etwas, mit dem jeder jeden Tag zu tun hat. Wirk­lich jeder und über­all (die Aus­nah­men müss­ten so kon­stru­iert sein, dass man ihnen schon wie­der Bos­haf­tig­keit unter­stel­len könn­te), des­we­gen denkt offen­bar auch jeder, er ken­ne sich damit aus. Nur von Fuß­ball haben noch mehr Deut­sche Ahnung (näm­lich alle außer dem jeweils aktu­el­len Bun­des­trai­ner) als von Spra­che. Wer­den Lin­gu­is­ten um Gut­ach­ten gebe­ten, wer­den die­se meist schlicht igno­riert. Man stel­le sich nur mal vor, ein Rich­ter sage dem Dekra-Sach­ver­stän­di­gen, der gera­de erklärt hat, ein Auto kön­ne nicht inner­halb von 1,8 Sekun­den von 250 km/​h zum Still­stand gebracht wer­den (und das in einem Ver­kehrs­be­ru­hig­ten Bereich), es sei ja ganz schön, was er da gera­de von sei­ner put­zi­gen Wis­sen­schaft aus sei­nem schmu­cken Elfen­bein­turm berich­tet habe, aber er fah­re ja sel­ber Auto und kön­ne daher durch­aus befin­den, dass das sehr wohl gehe. Mit Geis­tes­wis­sen­schaft­lern, die­sem Pack, das nur Bücher liest und kei­ne neu­en Auto­mo­to­ren oder Atom­bom­ben ent­wi­ckelt, und auch kei­ne Kon­zep­te zur Ein­spa­rung von 30.000 Arbeits­kräf­ten bei gleich­zei­ti­ger Stei­ge­rung der Pro­duk­ti­vi­tät erar­bei­ten kann, mit denen kann man offen­bar alles machen.

Was? Ich schwei­fe ab, ich ertrin­ke in Wel­ten­schmerz und wer­de über Gebühr sar­kas­tisch? Nein, das müs­sen Sie irgend­wie falsch inter­pre­tiert haben.

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Irrationale Ängste

Als ich ges­tern „Das Model und der Freak“ sah, dach­te ich, dass es doch ein biss­chen beun­ru­hi­gend wäre, wenn dort ein­mal ein ehe­ma­li­ger Klas­sen­ka­me­rad als „Freak“ auf­tauch­te. Mög­li­cher­wei­se hät­te man sich mit unüber­leg­ten puber­tä­ren Sprü­chen oder der Wahl des Betref­fen­den zum „Schü­ler, der ein­mal in den Nach­rich­ten erschei­nen wird“ in der Abizei­tung mit­schul­dig dar­an gemacht, dass der Arme nun von halb­nack­ten Models in küchen­psy­cho­lo­gi­sche Gesprä­che ver­wi­ckelt wird.

Dann dach­te ich: Noch tra­gi­scher wäre doch, wenn man als Frau vor dem Fern­se­her sitzt und sei­nen Ex-Freund durch eine sol­che Sen­dung gescheucht sieht. Der neue Lebens­part­ner (oder gar Ehe­mann) sitzt mit einem Tel­ler Möh­ren und einer Schüs­sel Kräu­ter­quark auf dem Sofa neben einem und man muss jetzt ganz genau über­le­gen, ob das die rich­ti­ge Situa­ti­on ist, ihm sei­nen Vor­gän­ger vor­zu­stel­len.

Dann erin­ner­te ich mich an ein Gespräch, das ich mal in einem Café mit­be­kom­men hat­te: Eine jun­ge Frau erzähl­te einer ande­ren, sie habe kürz­lich mit ihrem Ex-Freund tele­fo­niert und als sie die­sen gefragt habe, wie es ihm gehe, habe der geant­wor­tet, er sei jetzt mit Sound­so zusam­men und Sound­so war der Name eines Man­nes und der Ex-Freund dem­nach auf ein­mal schwul. Ich konn­te gera­de noch an mich hal­ten, mich zu den bei­den umzu­dre­hen, mich vor­zu­leh­nen und in Rein­hold-Beck­mann-Ton­fall zu fra­gen: „Wie fühlt man sich in einer sol­chen Situa­ti­on? Zwei­felt man da nicht an sei­ner eige­nen Weib­lich­keit?“ Aber dann dach­te ich mir, dass Rein­hold Beck­mann (ob echt oder falsch) der letz­te ist, den man in einer sol­chen Situa­ti­on um sich haben möch­te.

Frü­her, als es im Fern­se­hen nur drei Kanä­le gab, war man noch sicher: Ins Fern­se­hen kam nur, wer Poli­ti­ker, Sport­ler oder Kan­di­dat bei „Wet­ten, dass…?“ war. Dann kamen die Pri­vat­sen­der und ris­sen die vier­te Wand, von der sie ver­mut­lich nicht mal wuss­ten, dass sie exis­tier­te oder wer sie dahin­ge­stellt hat­te, ein. Aber auch nach über zwan­zig Jah­ren haben die Leu­te auf der Stra­ße nicht begrif­fen, dass die ein­zig ange­mes­se­ne Reak­ti­on auf eine Fern­seh­ka­me­ra und einen über­dreh­ten Repor­ter ist, schnell weg­zu­lau­fen und wäh­rend der Flucht mit den eige­nen Anwäl­ten zu dro­hen, falls die­ser Irr­sinn aus­ge­strahlt wer­den soll­te. Nein, die Leu­te sind immer noch ganz ehr­fürch­tig, wenn sie von alber­nen Fran­zo­sen, die in ein Baguette spre­chen, oder TV-Total-Mit­ar­bei­tern ange­quas­selt wer­den.

Einen, der die­ses jour­na­lis­ti­sche Sub­gen­re in Deutsch­land „groß“ gemacht hat, sah ich neu­lich in der Esse­ner Innen­stadt: Theo West. Von wei­tem sah ich, wie er unver­mit­telt neben (meist älte­ren) Pas­san­ten auf­tauch­te und sie mit ver­mut­lich dadurch schon so weit irri­tier­te, dass sie ihm spä­ter glau­ben wür­den, Bun­des­kanz­le­rin Mer­kel habe auf dem Esse­ner Wochen­markt einen Stand mit selbst­ge­koch­ter Wal­nuss­mar­me­la­de eröff­net (oder was immer er ihnen erzähl­te). Ich merk­te, dass ich kalt­schwei­ßig wur­de und instän­dig hoff­te, die­ser Knilch möge an mir vor­über­ge­hen. Ich hät­te ver­sucht sein kön­nen, wit­zig oder schlag­fer­tig zu sein (zwei Eigen­schaf­ten, die ich für mich nie in Anspruch genom­men habe), und das hät­te neben einem sol­chen Voll­pro­fi rich­tig pein­lich wir­ken kön­nen. Da hät­te nur noch apa­thi­sches Stie­ren direkt in die Kame­ra eine Aus­strah­lung ver­mas­seln kön­nen (so bin ich mal dem dama­li­gen Musik­sen­der Viva ent­kom­men).

Aber selbst, wer die Esse­ner, Köl­ner und Ber­li­ner (wo man immer­hin noch von Cars­ten van Rys­sen ver­arscht wer­den konn­te) Innen­stadt mei­det, ist nicht mehr sicher: Seit neu­es­tem läuft man auch zuhau­se Gefahr, von Sen­dun­gen wie „Quiz-Tour“ beläs­tigt zu wer­den. Mein schlimms­ter Alp­traum indes wäre, dass Tine Witt­ler bei mir klin­gel­te, um medi­ter­ra­ne Wisch­tech­nik und Stau­raum in mei­ne vier Wän­de zu brin­gen, auf dass ich zukünf­tig lie­ber unter einer Brü­cke schlie­fe als daheim. Wo sind die Leu­te, die immer mit dem Grund­ge­setz wedeln, eigent­lich, wenn öffent­lich der­art gegen die Unver­letz­lich­keit der Woh­nung ver­sto­ßen wird?

All dies sind natür­lich Extrem­bei­spie­le; Ängs­te, die – wie die aller­meis­ten Ängs­te – unbe­grün­det sind. So habe ich jah­re­lang wie­der­holt geträumt, in einem Fahr­stuhl zu sein, der wahl­wei­se abstürzt oder nach oben durch die Decke schießt. Das ist inso­fern fas­zi­nie­rend, als ich im wachen Zustand kei­ner­lei Pro­ble­me mit gro­ßen Höhen oder Fahr­stüh­len habe – mit der Ein­schrän­kung, dass ich pani­sche Angst davor habe, gemein­sam mit Jür­gen Drews und Gül­can Karahan­ci in einem Fahr­stuhl ste­cken zu blei­ben. Da ich aber weder dem „König von Mal­lor­ca“, noch der Plau­der­ta­sche von Viva bis­her begeg­net bin, basiert auch die­se Angst mehr auf der vagen Mög­lich­keit, ein sol­ches Ereig­nis kön­ne ein­tre­ten, als auf per­sön­li­chen Erfah­run­gen. Noch unwahr­schein­li­cher ist ledig­lich der Traum, den ich kürz­lich hat­te, und in dem ich zum Bun­des­vor­sit­zen­den der Jun­gen Uni­on gewählt wor­den war. Der war aber auch schreck­lich.

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Sicherheits(ge)denken

Es ist Som­mer­loch und was macht man da? Die Bun­des­re­gie­rung hat sich offen­bar dazu ent­schie­den, den über­aus umtrie­bi­gen Wolf­gang Schäub­le durchs Dorf zu trei­ben. Glaubt man man­chen Reak­tio­nen, so hat der Bun­des­in­nen­mi­nis­ter in einem „Spiegel“-Interview offen­bar die Zer­schla­gung des Rechts­staats und die Ein­set­zung einer Mili­tär­jun­ta unter sei­ner Füh­rung gefor­dert – nichts genau­es weiß man jedoch nicht, denn die Mei­nun­gen über­schla­gen sich und beim „Spie­gel“ ist man (noch) nicht bereit, das Inter­view ein­zeln (oder gar kos­ten­los) online zu stel­len, damit sich jeder ein eige­nes Bild machen kann (was auch onlinejournalismus.de bemän­gelt).

Wolfgang Schäuble auf der Titelseite der “taz” (9. Juli 2007)Die bes­te Titel­sei­te zum The­ma lie­fert (wenig über­ra­schend) die „taz“, der bis­her bes­te Kom­men­tar stammt von Heri­bert Prantl in der „Süd­deut­schen Zei­tung“. Und wäh­rend die Kari­ka­tu­ris­ten über­le­gen, wie sie Schäub­le noch als völ­lig durch­ge­knall­ten Blut­rä­cher dar­stel­len könn­ten, lie­fern sich die Poli­ti­ker aller Par­tei­en einen mun­te­ren Schlag­ab­tausch. Die CDU-Minis­ter­prä­si­den­ten Roland Koch, Gün­ther Oet­tin­ger und Peter Mül­ler, die nie fern sind, wenn Bedenk­li­ches öffent­lich aus­ge­spro­chen wird, ste­hen schon … äh: Gewehr bei Fuß und sagen so klu­ge Sachen wie „Sicher­heit zuerst“. (Inwie­weit sich das mit der ande­ren Grund­satz­pa­ro­le „Vor­fahrt für Arbeit“ ver­ei­nen lässt, ist wohl noch nicht ganz raus.) Oet­tin­ger schreibt ver­mut­lich schon an einer Rede, in der er Schäub­le als „obers­ten Ver­fas­sungs- und Daten­schüt­zer“ bezeich­nen wird, und war­tet nur noch auf eine unpas­sen­de Gele­gen­heit, die­se auch hal­ten zu dür­fen.

Nach­trag 20:07 Uhr: Gera­de ent­deckt: „Wer for­dert mehr?“, ein Quiz vom „Zün­der“, der Jugend­sei­te der „Zeit“. Dort muss man ver­schie­de­ne ver­hee­ren­de Zita­te dem rich­ti­gen Urhe­ber (Schäub­le, Bush, Putin, …) zuord­nen. Wer ist alles bes­ser als 4/​9?

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Warum Wolfgang Schäuble nie „Krieg und Frieden“ geschrieben hätte

Wenn klei­ne Kin­der wir­res Zeug reden, nennt man sie krank und steckt sie ins Bett. Wenn erwach­se­ne Män­ner wir­res Zeug reden, nennt man sie Poli­ti­ker und steckt sie ins Kabi­nett.

Wolf­gang Schäub­le hat sich also mal wie­der der Pres­se gestellt und dabei ver­rä­te­ri­sches bemer­kens­wer­tes gesagt:

Die Unter­schei­dung zwi­schen Völ­ker­recht im Frie­den und Völ­ker­recht im Krieg passt nicht mehr auf die neu­en Bedro­hun­gen.

Könn­te in etwa hei­ßen: Guan­ta­na­mo wäre auch auf Hel­go­land mög­lich – aber Fol­ter schließt Schäub­le ja eh seit län­ge­rem nicht mehr aus. Und selbst­ver­ständ­lich will er auch wei­ter­hin die Bun­des­wehr im Inne­ren ein­set­zen.

Aus­lö­ser der neu­er­li­chen Dis­kus­si­on sind natür­lich die ver­ei­tel­ten Anschlä­ge in Groß­bri­tan­ni­en vom ver­gan­ge­nen Wochen­en­de. Aber nur noch mal zur Erin­ne­rung: Nicht Online­durch­su­chun­gen von Fest­plat­ten, Vor­rats­da­ten­spei­che­rung oder Fol­ter haben schlim­me­res ver­hin­dert, son­dern der Geruch von aus­strö­men­dem Gas und ein Pol­ler.

P.S.: Wer Wolf­gang Schäub­le bei der Bekämp­fung des inter­na­tio­na­len Ter­ro­ris­mus behilf­lich sein will, kann unter informiert-wolfgang.de ver­schie­dens­te For­mu­la­re her­un­ter­la­den, mit denen man für sich und sein direk­tes Umfeld Ent­war­nung geben kann. Dann muss Schäub­le nicht alles obser­vie­ren las­sen.

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SpOn findet „funzen“ nicht k3w1

Wenn der “Spie­gel” übers Inter­net schreibt, ist das meist ähn­lich desas­trös, wie wenn der “Spie­gel” über Spra­che schreibt. Wie erreicht man also maxi­ma­les Desas­ter mit mini­ma­lem Auf­wand? Rich­tig: Indem man jeman­den über Inter­net­spra­che schrei­ben lässt.

Die eigen­wil­li­ge Sprach­ge­stal­tung hat Tra­di­ti­on im Netz. Da schrei­ben Men­schen schon mal Sät­ze wie „Das Hijack­ing-Pro­blem könn­te man mit dem hea­der-redi­rect 301 leicht ver­mei­den.“ Die­se Spra­che nervt Web-Nut­zer.

Ja ja, die­se gan­zen ver­rück­ten Betrü­ger, Kri­mi­nel­len und Kin­der­schän­der im soge­nann­ten „Inter­net“, ganz komi­sche Leu­te.

War­um liest man eigent­lich nie sowas:

Die eigen­wil­li­ge Sprach­ge­stal­tung hat Tra­di­ti­on im Jour­na­lis­mus. Da schrei­ben Men­schen schon mal Sät­ze wie „Das Musik­ma­ga­zin ‚Rol­ling Stone‘ zähl­te Spec­tor noch 2004 zu den ‚100 groß­ar­tigs­ten Künst­lern aller Zei­ten‘.“ Die­se Spra­che nervt Leser.

Spie­gel Online ließ sei­ne Leser über die „gräss­lichs­ten Web-Wör­ter“ abstim­men. Mit erwart­ba­ren Ergeb­nis­sen:

Blogo­sphä­re. Über­set­zung von Blogos­phe­re. Meint die Gesamt­heit aller Web­logs.

Lei­der erfah­ren wir nicht, was jetzt so „gräss­lich“ an dem Wort ist. Ist es die Ein­deut­schung des eng­li­schen Begriffs, der eng­li­sche Begriff selbst oder die Tat­sa­che, dass man doch auch bequem „die Gesamt­heit aller Web­logs“ sagen könn­te. Was wir aber sicher wis­sen: Autor Kon­rad Lisch­ka hät­te sein „meint“ von sei­nem noto­ri­schen Kol­le­gen Bas­ti­an Sick um die Ohren gehau­en bekom­men.

Neti­quet­te. Benimm­re­geln für den Umgang mit­ein­an­der im Netz. Es gibt kei­ne ein­heit­li­che Lis­te, son­dern vie­le, zum Teil schrift­li­che Vor­schlä­ge – und den gesun­den Men­schen­ver­stand.

So what? Wir reden auch vom „Gesetz“, obwohl es sich dabei auch um „kei­ne ein­heit­li­che Lis­te, son­dern vie­le, zum Teil schrift­li­che“ Tex­te han­delt. Ver­stö­ße dage­gen wer­den übri­gens – im Gegen­satz zu Neti­quet­te-Ver­stö­ßen – trotz gesun­den Men­schen­ver­stands auch noch geahn­det.

Zu den „von den SPIE­GEL-ONLINE-Lesern meist­ge­nann­ten Stör-Wör­tern aus dem Inter­net“, die aber etwas ande­res sind als die „gräss­lichs­ten Web-Wör­ter“, zählt unter ande­rem:

Goo­geln: „Mit Goog­le im Inter­net suchen“, defi­niert der Duden, in dem die­ser Aus­druck für das Recher­chie­ren im Web inzwi­schen auch zu fin­den ist. „Goog­le Ear­then“ kann man beim Goog­len schon 384 Mal fin­den!

Schreck­lich! Wor­te, die im Duden ste­hen! So tu doch jemand etwas!

Zu den „gedan­ken­lo­sen Ver­nied­li­chun­gen, die man am liebs­ten nie mehr lesen oder hören will“ zählt Spie­gel Online dann das Wort „fun­zen“, womit end­gül­tig klar sein dürf­te, dass Tex­te zu Sprach­the­men dort grund­sätz­lich nur von Nicht-Lin­gu­is­ten geschrie­ben und gegen­ge­le­sen wer­den – sonst wäre sicher jeman­dem auf­ge­fal­len, dass „fun­zen“ bekannt­lich zu den Voka­beln der Ruhr­ge­biets­spra­che zählt und eben kein Com­pu­ter-Neo­lo­gis­mus ist. Und eine „Ver­nied­li­chung“ schon drei­mal nicht.

Ich will das gan­ze Elend („Jeder anstän­di­ge Web‑2.0‑Dienst hat nicht nur einen vokal­ar­men Namen, son­dern auch ein ent­spre­chen­des Verb.“) gar nicht wei­ter aus­brei­ten. Dass „Spie­gel“ und Spie­gel Online“ dump­fen Sprach­pro­tek­tio­nis­mus betrei­ben wol­len und sich noch nicht ein­mal von Lin­gu­is­tik-Pro­fes­so­ren beein­dru­cken las­sen, ist spä­tes­tens seit Mathi­as Schrei­bers gro­ßer Titel­ge­schich­te (ist die 50 Cent nicht wert) offen­sicht­lich. Das könn­te einem ja egal sein, wenn der­ar­ti­ge Geschich­ten nicht auf­ge­grif­fen und von selbst­er­nann­ten „Sprach­schüt­zern“ nach­ge­plap­pert wür­den.

Spra­che lebt und ver­än­dert sich. Gera­de Bei­spie­le wie die auch ver­teu­fel­ten Ver­ben „qypen“, „pos­ten“ oder „voi­pen“ zei­gen, wie krea­tiv man mit Spra­che umge­hen kann, und wie schnell Spra­che auf tech­ni­sche Ver­än­de­run­gen reagiert (viel schnel­ler als wei­te Tei­le der Gesell­schaft oder gar der sog. Qua­li­täts­jour­na­lis­mus). Die­se Ver­än­de­run­gen zu ver­ur­tei­len, ist unge­fähr so sinn­voll, wie die Evo­lu­ti­on zu ver­ur­tei­len.

Und wer schon über Inter­net­spra­che schreibt, soll­te (wir wis­sen: „Qua­li­täts­jour­na­lis­mus“) wenigs­tens auch mal den einen oder ande­ren Fach­mann zu Wort kom­men las­sen.

Kau­fen Sie sich des­halb unbe­dingt das „Spiegel“-Sonderheft „Leben 2.0 – Wir sind das Netz“, wenn auch Sie an nied­ri­gem Blut­druck lei­den oder ger­ne Leser­brie­fe schrei­ben!

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The Geek (Must Be Destroyed)

Uni-Semi­na­re über Mas­sen­kul­tur haben den Vor­teil, dass man sich „im Auf­trag der Wis­sen­schaft“ Fern­seh­se­ri­en anschau­en kann, deren Kennt­nis man ansons­ten vehe­ment abstrei­ten wür­de. Ich habe also die ers­te Fol­ge von „Das Model und der Freak“ gese­hen und geriet dar­über in eine schwe­re Grü­be­lei.

Das Kon­zept der Serie lau­tet: Zwei mir völ­lig unbe­kann­te Models (Gott­sei­dank, es ist Pro­Sie­ben, da kön­nen es kei­ne „Top­mo­dels“ sein, denn das sind die Sie­ger von Hei­di Klums Cas­ting Show) sol­len zwei „Freaks“ in „Top­män­ner“ ver­wan­deln. „Freaks“, das sind in der Welt von Pro­Sie­ben Leu­te, die Ten­nis­so­cken, alte Sweat­shirts und unmo­di­sche Fri­su­ren tra­gen, an Com­pu­tern her­um­schrau­ben und viel­leicht auch noch bei ihrer Mut­ti woh­nen. Vor weni­gen Jah­ren, vor dem Sie­ges­zug der Metro­se­xua­li­tät, hät­te man sie schlicht „Män­ner“ genannt.

Die­se Män­ner, die der Off-Spre­cher mit ekel­er­re­gen­der Pene­tranz als „Freaks“ bezeich­net, wer­den zunächst ein biss­chen öffent­lich vor­ge­führt, dann machen die Models mit ihnen ein „Selbst­be­wusst­seins­trai­ning“, das jeder Hei­zungs­mon­teur glaub­wür­di­ger hin­be­kom­men hät­te, und schließ­lich wer­den sie „umge­stylt“.

Zuge­ge­ben: Nach ihren Fri­seur­be­su­chen sahen die bei­den Kan­di­da­ten wirk­lich deut­lich anspre­chen­der aus und wirk­ten auch gleich ganz anders – eine Sze­ne, die mich doch dar­über nach­den­ken ließ, mein Gestrub­bel auch mal wie­der von denen rich­ten zu las­sen, die das kön­nen, was nur Fri­seu­re kön­nen. Mög­li­cher­wei­se war das, was man bei Tobi­as (21) und Tho­mas (27) sah, sogar ech­te Selbst­si­cher­heit, die da plötz­lich auf­keim­te. Ich wür­de es ihnen wün­schen, denn die bei­den wirk­ten sehr sym­pa­thisch (und auch am Ende noch recht natür­lich).

Zuvor hat­ten die bei­den aber mehr­fach mei­nen Beschüt­zer­instinkt geweckt und in mir das Bedürf­nis auf­kom­men las­sen, den Zynis­mus die­ser bun­ten Fern­seh­welt zu gei­ßeln. Was für eine „Moral“ soll das denn bit­te­schön sein, wenn jun­ge Fern­seh­zu­schau­er, die gesell­schaft­lich aus was für Grün­den auch immer außen ste­hen und die wir „Nerds“, „Geeks“ oder „Infor­ma­ti­ker“ nen­nen wol­len (Pro­Sie­ben nennt sie bekannt­lich „Freaks“), ver­mit­telt bekom­men, man müs­se sich nur auf Kos­ten eines Fern­seh­sen­ders ein biss­chen her­aus­put­zen las­sen und schon lernt man die Frau fürs Leben ken­nen oder kann end­lich von Mut­ti weg­zie­hen?

Da mache ich ger­ne mal einen auf Evan­ge­li­sche Lan­des­kir­che, oder wie haupt­be­ruf­li­che Beden­ken­trä­ger sonst hei­ßen, und stel­le ein paar Voka­beln zur Selbst­mon­ta­ge einer laut­star­ken Empö­rung zur Ver­fü­gung: „zynisch“, „men­schen­ver­ach­tend“, „ober­fläch­lich“, „inne­re Wer­te“, „mate­ria­lis­ti­sche Gesell­schaft“, „geschmack­los“, „Gleich­schal­tung“, „öffent­li­che Zur­schau­stel­lung“, …

Im Ernst: Ich weiß nicht, was ich von die­ser Sen­dung hal­ten soll. Wenn sich die Kan­di­da­ten am Ende wirk­lich wohl in ihrer Haut und den frem­den Kla­mot­ten füh­len, war es für sie viel­leicht ein Erfolg. Ande­rer­seits besteht die Gefahr, dass man auch auf die optisch gere­launch­ten Män­ner zei­gen wird, wenn man sie in der Stadt erblickt, und sagen wird: „Mut­ti, sieh mal: Da ist der Freak aus dem Fern­se­hen!“ Die Auf­ma­chung der Sen­dung ist mit „grenz­wer­tig“ ganz gut cha­rak­te­ri­siert und das (nicht mal neue) Kon­zept dahin­ter viel zu schwarz/​weiß.

Ich bin jetzt Wir-Sind-Hel­den-Hören: „The geek shall inhe­rit the earth“.

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Totes Pferd gefunden

Mil­lio­nen von Men­schen lesen jeden Tag die „Bild“-Zeitung, dar­un­ter vie­le Medi­en­schaf­fen­de und Jour­na­lis­ten. Man­che lachen sich danach ins Fäust­chen und wer­fen die Zei­tung weg – und ande­re set­zen sich danach hin und schrei­ben los.

Ich hab mich dar­an gewöhnt, dass die „Rhei­ni­sche Post“ bzw. „RP Online“ seit eini­ger Zeit wie schwarz-gel­be (die Zei­tungs­far­ben, nicht die Poli­tik) Aus­ga­ben von „Bild“ und „bild.de“ wir­ken – es könn­te damit zusam­men­hän­gen, dass Chef­re­dak­teur Sven Gös­mann und Online-Chef Oli­ver Eckert von der Elbe an den Rhein gewech­selt waren. Zuletzt sah man am Sams­tag, wie das geht: „ARD-Wet­ter­fee ras­tet im TV aus!“ vs. „Vor lau­fen­der Kame­ra: Wet­ter­fee Clau­dia Klei­nert ras­tet aus“.

Dass aber aus­ge­rech­net die von mir hoch­ge­schätz­te (und abon­nier­te) „Süd­deut­sche Zei­tung“ auf ihrer Inter­net­sei­te auch „Bild“-Inhalte recy­celt, ist für mich – mil­de aus­ge­drückt – ein Schock.

Zur Erin­ne­rung: Letz­te Woche hat­te „Bild“ eine angeb­li­che Ex-Freun­din des TV-Komi­kers Oli­ver Pocher samt Fotos aus­ge­gra­ben und kurz dar­auf Pochers aktu­el­le Freun­din samt Fotos vor­ge­stellt. Das ist ja schon unin­ter­es­sant genug, aber sueddeutsche.de nutzt die­se Geschich­te als Auf­hän­ger für etwas, was wir „Desas­ter“ „Offen­ba­rungs­eid“ „Bil­der­stre­cke“ nen­nen wol­len.

Auf elf Ein­zel­sei­ten han­gelt sich die Autorin Michae­la Förs­ter von Pocher und den Damen über Ste­fan Raab, Harald Schmidt und Her­bert Feu­er­stein wie­der zu Pocher zurück und dann noch ein­mal zu Schmidt. Der Text ist banal und dient nur der Betex­t­ung von Fotos, die haupt­säch­lich Oli­ver Pocher zei­gen. Dabei schreckt sie auch vor der neu­es­ten Unsit­te des Online­jour­na­lis­mus nicht zurück und lässt den Text ger­ne auch mal mit­ten im …

… Satz umbre­chen. Das ist in sprach­li­cher und ästhe­ti­scher Hin­sicht min­des­tens unschön und führt neben­bei auch noch schnell zu miss­lun­ge­nen Bild­un­ter­zei­len:

… und diese Riege handhabt die Trennung von Beruf und Privatleben anders.

(Screen­shot: sueddeutsche.de)

Wenn das die „hoch­wer­ti­gen Por­ta­le und Nach­rich­ten im Inter­net“ sei­en sol­len, gegen die Blogs angeb­lich kei­ne Chan­ce haben, dann möch­te ich unter kei­nen Umstän­den min­der­wer­ti­ge Por­ta­le zu Gesicht bekom­men.

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Mostly Harmless

Wir alle ken­nen Godwin’s Law:

As an online dis­cus­sion grows lon­ger, the pro­ba­bi­li­ty of a com­pa­ri­son invol­ving Nazis or Hit­ler approa­ches one.

Weil die immer­glei­chen Ver­glei­che natür­lich irgend­wann lang­wei­lig wer­den und die deut­sche Geschich­te ja noch mehr dunk­le Kapi­tel auf Lager hat, heißt die neue Königs­dis­zi­plin der Kra­wall­rhe­to­rik „Sta­si-Ver­glei­che“.

So kamen der­ar­ti­ge Ver­glei­che jüngst im Zusam­men­hang mit den ein­ge­sam­mel­ten Geruchs­pro­ben von G8-Geg­nern auf (wobei die Bezeich­nung „Sta­si-Metho­den“ da gar nicht mal so abwe­gig ist, immer­hin hat die Sta­si Geruchs­pro­ben gesam­melt). Gene­ral­bun­des­an­wäl­tin Moni­ka Harms sieht aber offen­bar weder den Ver­gleich, noch die Akti­on an sich beson­ders eng:

Nur weil eine Metho­de von der Sta­si in ganz ande­rem Zusam­men­hang ein­ge­setzt wur­de, heißt das noch nicht, dass sie für uns schon des­we­gen tabu ist.

Die­ser Satz wird umso beun­ru­hi­gen­der, je öfter man ihn liest – aber so viel Zeit haben wir gar nicht, denn die neu­es­te Sta­si-Äuße­rung (hier stän­dig frisch) kommt von Sil­via Schenk, der ehe­ma­li­gen Prä­si­den­tin des Bun­des Deut­scher Rad­fah­rer:

Eine Chan­ce hat der Rad­sport nur, wenn wie bei der Sta­si rigo­ros alle Schul­di­gen aus­sor­tiert wer­den.

Da kann man ja schon froh sein, dass (noch) nie­mand „Ent­do­ping­fi­zie­rungs­la­ger“ for­dert …

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Seifenoper

Seit Kha­led al-Mas­ri in der ver­gan­ge­nen Woche einen Brand in einem Groß­markt leg­te, berich­tet die Bild-„Zeitung“ in beun­ru­hi­gen­der und het­ze­ri­scher Art und Wei­se über ihn (s.a. BILD­blog).

Der neu­es­te „Bild“-Artikel zum The­ma ruft mal wie­der nach einer gan­zen Men­ge nega­tiv behaf­te­ter Adjek­ti­ve und der Fra­ge, war­um man dies­mal eine Kam­pa­gne gegen einen wehr­lo­sen Mann fährt, der schon lan­ge am Boden liegt – und nicht, wie sonst üblich, gegen Schau­spie­le­rin­nen, Poli­ti­ker und Fuß­ball­trai­ner. (Nicht, dass das bes­ser wäre, aber Demon­ta­ge macht doch eigent­lich nur „Spaß“, wenn das Opfer über eine gewis­se Fall­hö­he ver­fügt, oder?)

Eines aber kann man „Bild“ nicht vor­wer­fen: dass sie ihre Arti­kel nicht bis ins kleins­te Detail recher­chiert hät­ten.

Er kauft drei blaue Kanis­ter für je 5,69 Euro, betankt sie, bezahlt und rauscht um 3.58 Uhr davon.

Der Rest des Arti­kels legt zwar den Ver­dacht nahe, dass aus­schließ­lich kleins­te Details recher­chiert und ande­re Sachen ein wenig außer Acht gelas­sen wur­den, die­ser Satz aber qua­li­fi­ziert die zustän­di­gen Autoren für das Gol­de­ne Sei­fen­stück.

Das „Gol­de­ne Sei­fen­stück“ lei­tet sei­nen Namen aus einem „Spiegel“-Artikel über den 11. Sep­tem­ber 2001 ab, in dem aus­ge­führt wur­de, dass sich Moham­med Atta viel­leicht mit einem 28,3 Gramm schwe­ren Stück Sei­fe gewa­schen habe, bevor er zum Flug­ha­fen fuhr, um ein Flug­zeug zu ent­füh­ren und ins World Trade Cen­ter zu steu­ern (nach­zu­le­sen auch in die­sem Buch). Es wird seit­dem in unre­gel­mä­ßi­gen Abstän­den für beson­ders detail­lier­te, aber völ­lig sinn­lo­se Recher­che­tä­tig­kei­ten von Jour­na­lis­ten ver­lie­hen. Von mir.

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Perpetuum Mobile

Letz­te Woche befass­te sich Ste­fan Nig­ge­mei­er in sei­ner FAS-Kolum­ne „Tele­text“ mit Max Schra­din, einem lau­ten und nur bedingt sym­pa­thi­schen End­zwan­zi­ger, der beim umstrit­te­nen Anrufsen­der 9live dafür zustän­dig ist, auf halb­her­zig bekrit­zel­te Flip­charts zu zei­gen und in nicht näher nach­voll­zieh­ba­ren Inter­val­len sehr laut von Zehn bis Null zu zäh­len.

Schra­din reagier­te dar­auf mit dem über­ra­schen­den Vor­ha­ben, die­sen Text über sich live im Fern­se­hen zu dekla­mie­ren und mit eige­nen Anmer­kun­gen zu ver­se­hen. Dass er dabei eini­ge beson­ders kri­ti­sche Text­stel­len über­ging, war sicher der Auf­re­gung geschul­det, zum ers­ten Mal bei 9live einen Text vor­tra­gen zu müs­sen, in dem Sub­jekt, Prä­di­kat und Objekt, sowie eini­ge Neben­sät­ze zwei­ter Ord­nung vor­ka­men. Die­ser, in jeder Hin­sicht bemer­kens­wer­te, Vor­trag ist bei seven­load zu sehen und wur­de selbst­ver­ständ­lich auch in Ste­fans Blog hin­rei­chend gewür­digt.

Ich konn­te natür­lich mal wie­der mei­ne Klap­pe nicht hal­ten und schrieb in den Kom­men­ta­ren:

Zur Stei­ge­rung der media­len Rekur­si­on wür­de sich das Gan­ze aber auch als Tel­e­dia­log in der FAS ganz gut machen.

Und obwohl ich mei­nen Ein­fluss auf die Inhal­te einer der wich­tigs­ten und bes­ten Sonn­tags­zei­tun­gen des Lan­des bis heu­te Mor­gen als sehr gering ein­ge­schätzt hät­te (und dies auch nach wie vor tue), ver­spür­te ich doch ein leich­tes Ste­chen im Hirn, als ich die heu­ti­ge Aus­ga­be der FAS auf­schlug und den aktu­el­len „Tel­e­dia­log“, der in Erman­ge­lung eines Gesprächs­part­ners aus­nahms­wei­se „Tele­mo­no­log“ heißt, sah. Denn (natür­lich) haben die kun­di­gen Medi­en­re­dak­teu­re der FAS dort einen Teil des­sen abge­druckt, was Max Schra­din so von sich gab, wäh­rend er aus der FAS vor­las – inklu­si­ve der Zita­te aus der FAS-Kolum­ne der letz­ten Woche.

Nun hof­fe ich ein­fach mal, dass Schra­dins Hang zur Post­mo­der­ne ähn­lich groß ist wie die Gewinn­chan­cen eines 9li­ve-Anru­fers, denn die Vor­stel­lung, dass in der nächs­ten Woche in der FAS ein Text auf­taucht, der wider­spie­gelt wie Max Schra­din aus einem FAS-Text vor­liest, der eine Mit­schrift sei­ner Vor­le­sung aus einem FAS-Text ist (in dem Schra­din bereits ori­gi­när zitiert wur­de), macht mich ganz schwin­de­lig.

Und da sage noch einer, die Blogo­sphä­re sei rekur­siv …

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Leben

Die Tiere sind unruhig

Ich war immer schon sehr fas­zi­niert von der Tat­sa­che, dass Tie­re Erd­be­ben und ähn­li­che Kata­stro­phen „vor­her­sa­gen“ kön­nen.

Des­we­gen bin ich jetzt irgend­wie beun­ru­higt:

Wie wird da wohl die Schlag­zei­le der mor­gi­gen „Bild am Sonn­tag“ aus­se­hen?

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Bloody April

Ges­tern wur­den auf dem Cam­pus der Uni­ver­si­tät von Blacksburg, Va. mehr als 30 Men­schen von einem Amok­läu­fer erschos­sen. Das ist unglaub­lich schreck­lich, eine sehr, sehr trau­ri­ge Geschich­te. Vie­le Men­schen rund um die gan­ze Welt sind ent­setzt und sprach­los – und es wäre wirk­lich wün­schens­wert, wenn auch die Jour­na­lis­ten ange­denk eines sol­chen Ereig­nis­ses ein­fach mal sprach­los wären und die Schnau­ze hiel­ten. Die New York Times doku­men­tiert sehr ein­drucks­voll, wie die Fern­seh­re­por­ter auf dem Cam­pus ein­fie­len, und wie Augen­zeu­gen per Han­dy­ka­me­ra und Inter­net die Nach­rich­ten­sta­ti­on mit Bil­dern aus der Schuss­li­nie ver­sorg­ten. Der Arti­kel schließt mit einem Zitat, das zynisch zu nen­nen ich mich nicht scheue:

“Stay out of harm’s way,” the CNN anchor Don Lemon said, addres­sing stu­dents at Vir­gi­nia Tech. “But send us your pic­tures and video.”

Aber auch die deut­schen Medi­en schal­te­ten sofort auf Tur­bo und schrit­ten beherzt und enthirnt zur Tat. Dabei war die „Bild“-Schlagzeile, die etwas vom „größ­ten Blut­bad aller Zei­ten“ fasel­te, sogar noch das kleins­te Übel. Je nach­dem, wie man den Begriff „Blut­bad“ defi­niert und wie man den Super­la­tiv räum­lich ein­schrän­ken will, stimmt die Behaup­tung sogar: in den USA hat es nie einen Amok­lauf mit mehr Todes­op­fern gege­ben.
In fast jeder Zei­tungs- oder Fern­seh­re­dak­ti­on muss­te sich ein Mit­ar­bei­ter dar­an machen, eine Chro­nik der schlimms­ten Amok­läu­fer zu erstel­len. Auch das kann man kri­tisch sehen, aber es kann ja auch ganz hilf­reich sein, sich noch mal ein paar Fak­ten ins Gedächt­nis zu rufen.
Da schon wäh­rend des Amok­laufs reich­lich von Stu­den­ten der Vir­gi­nia Tech über die Ereig­nis­se gebloggt wur­de, kann man sich nun an die Web-Aus­le­se machen. Das ist sogar aus medi­en­theo­re­ti­scher Sicht hoch­in­ter­es­sant, da es bis­her kaum ver­gleich­ba­re Ereig­nis­se gibt, die der­art medi­al abge­deckt sind.

Was Spie­gel Online sich dann aber noch leis­tet, ist ent­we­der als Beschäf­ti­gungs­the­ra­pie für Prak­ti­kan­ten oder als end­gül­ti­ge Gleich­set­zung von SpOn mit „Bild“ anzu­se­hen:

Die Amok­läu­fe von Litt­le­ton, Erfurt und Blacksburg haben nicht nur das Leid und den Schre­cken gemein­sam, den weni­ge über vie­le gebracht haben. Sie tei­len auch den Monat, in dem die Schre­ckens­ta­ten ver­übt wur­den.

Und in deed: das ein­zi­ge, was dem Arti­kel noch fehlt, sind die Quer­sum­men der Tage, an denen die Amok­läu­fe statt­fan­den (34, 16, 20). Über den gest­ri­gen Täter schreibt jdl:

Waren Kle­bold und Har­ris auch sei­ne Vor­bil­der? Kann­te er die Wahn­sinns­tat des Robert Stein­häu­ser? War das Datum bewusst gewählt? Schon die Fra­gen sind beängs­ti­gend. Wie wer­den erst die Ant­wor­ten sein?

Beängs­ti­gend, für­wahr. Denn die „Bild“-gleiche Über­schrift

Monat der Mas­sa­ker: Blu­ti­ger April

bezieht sich ja gar nicht auf eine mög­li­che Nach­ah­mungs­tat (die man im Moment eben­so wenig aus­schlie­ßen wie bestä­ti­gen kann), son­dern auf einen ver­damm­ten Monat. Ein Blick in die SpOn-eige­ne Chro­nik hät­te gezeigt, dass von den 18 dort auf­ge­führ­ten Amok­läu­fen 15 in Nicht-April-Mona­ten statt­fan­den – dafür vier im März (!!!!1). Viel­leicht liegt es ja an den Ster­nen

Nach­trag, 19:17 Uhr: Ste­fan Nig­ge­mei­er schreibt dazu:

Im welt­wei­ten Ren­nen um den dümms­ten Bericht zum Amok­lauf in Blacksburg liegt Spie­gel Online mit die­sem Arti­kel fast unein­hol­bar in Füh­rung

War­ten wir’s ab …