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2008: Menschen, Tiere und Frisuren

Wenn sich das Jahr dem Ende neigt (im Fern­se­hen auch schon einen Monat frü­her), wer­den die Men­schen sen­ti­men­tal und schau­en zurück. Medi­en­schaf­fen­de stei­gen in die Archi­ve und glau­ben sel­ber nicht mehr, was sie da anschlep­pen. All das gilt auch für den gro­ßen Jah­res­rück­blick von Cof­fee And TV.

Er ist – so viel kann ich ver­spre­chen – eine wider­li­che Nabel­schau, wie man sie nur in Blogs fin­det, aber es gibt auch ein Wie­der­se­hen mit lie­ben Inter­view­part­nern, alten Bekann­ten, einem Chef­re­dak­teur und einem hal­ben Dut­zend Fri­su­ren. Am Ende wer­den Sie mög­li­cher­wei­se das Wort Pathos neu buch­sta­bie­ren wol­len, aber dafür haben Sie ja in den nächs­ten Tagen hof­fent­lich auch genug Zeit.

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Literatur Kultur

Reimemonster

In mei­ner klei­nen Stadt pas­sie­ren ab und zu doch erstaun­lich tol­le Din­ge. Denn mei­ne klei­ne Stadt besitzt ein klei­nes Kul­tur­ki­no und macht die klei­ne Stadt etwas weni­ger pro­vin­zia­lisch als mache (also ich) immer den­ken.

Mei­ne klei­ne Stadt ist bekannt in der Sze­ne, in der Sze­ne namens Poet­rys­lam. Poet­ry­what? Poet­rys­lam, oder zu deutsch: Gedich­te­schlacht.

Poet­rys­lams sind Dich­ter­wett­kämp­fe, die es schon seit dem Mit­tel­al­ter und in moder­ner Form seit 1984 gibt. Meist fin­den sie auf klei­nen Büh­nen in klei­nen oder gro­ßen Städ­ten statt. Die Slam­mer tra­gen ihre eige­nen Tex­te vor und aus dem Publi­kum wird die Jury gemacht. Zack Bum!

Die Jury kann Punk­te von 0 – 10 für den Slam­mer geben und dar­aus ergibt sich dann die Punkt­zahl der jewei­li­gen Run­de. Die Punkt­zahl ent­schei­det, wer eine Run­de wei­ter ist. Wer eine Run­de wei­ter ist, ist meis­tens im Fina­le, bei dem das gesam­te Publi­kum schließ­lich durch ohren­be­täu­ben­den Applaus und Jubel den Sie­ger bestimmt.

Der Sie­ger ver­dient nicht nur Ruhm und Dich­ter­eh­re, nein, er gewinnt auch tra­di­tio­nell eine Fla­sche Whis­ky und in Zei­ten der Rezes­si­on so viel Geld, dass die Heim­rei­se gesi­chert ist.

Das Prin­zip ist ein­fach, der Weg zum Sieg aber nicht. Das schö­ne bei einem Slam ist: man wird 3 Stun­den lang mit Kopf­ki­no vom feins­ten unter­hal­ten. Das schlech­te dar­an: nicht jeder Kopf­ki­no­film ist auch ein Hit!

Es gibt Slam­mer, die sich vor­züg­lich dar­auf ver­ste­hen, ihr Publi­kum mit ihrem Text an die Hand und auf eine Rei­se mit­zu­neh­men, ihnen neu­en Wel­ten zei­gen und sie hin­ter­her am Aus­gang wie­der unbe­scha­det, aber glück­lich zurück­zu­ge­ben. Sie kön­nen mit Wör­ter spie­len, Sät­ze aus­ein­an­der klau­ben, alle Wort­wit­ze fin­den und so ver­pa­cken, dass man nicht denkt „Kenn ich schon, nächs­ter bit­te!“

Nein, man­chen Slam­mern gelingt es ganz oft, Sprach­ge­fühl, Rhyth­mus und Wort­akro­ba­tik so in eine Geschich­te zu ver­pa­cken, dass man ganz gebannt einem Men­schen sie­ben Minu­ten lang ins Gesicht glotzt und das einen gan­zen Abend lang.

Doch bei eini­gen Slam­mern kommt man schon ins Zwei­feln, denn Tex­te über sei­nen „Lieb­lings­dö­ner­frit­zen“ in schwä­bi­scher Mund­art kann bei so man­chem dann schon eine run­zeln­de Stirn her­vor­ru­fen. Man könn­te an die­ser Stel­le die­sen Tex­te „Lieb­lings­dö­ner­frit­zen“ zitie­ren, wor­auf ich aber zu Guns­ten der Leser­schaft bes­ser ver­zich­te.

Aber hier gilt, wie in so vie­len Berei­chen: Es ist noch kein Meis­ter vom Him­mel gefal­len und die meis­ten  Slam­mer wach­sen an ihren Wett­kämp­fen. Zumal auch der Poet­rys­lam nur durch ein demo­kra­ti­sches Sys­tem funk­tio­niert, was jedem die Chan­ce bie­tet, sich der Jury/​dem Publi­kum zu stel­len. Mit oder mit ganz viel Talent.

Soll­te in Eurer klei­nen oder gro­ßen Stadt ein Poet­rys­lam statt­fin­den, dann kann ich Euch nur emp­feh­len, die­ses Ereig­nis zu besu­chen. Denn es macht wirk­lich Spaß, ein­fach mal zu zuzu­hö­ren und sich auf einen Kopf­ki­no­film ein­zu­las­sen.

Wer nicht gern aus dem Haus geht, kann sich in regel­mä­ßi­gen Abstän­den im WDR am Sonn­tag­abend nach „Zim­mer frei!“ mit Kopf­ki­no, Dich­ter­wett­kämp­fen und sons­ti­gen Wort­spie­le­rei­en ver­gnü­gen.

Wer nicht gern fern­sieht, aber im Inter­net surft, fin­det auf You­tube die schöns­ten Poet­rys­lam-Per­len.

Rei­me­mons­ter 1: Sebas­ti­an Krä­mer

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Rei­me­mons­ter 2: Phi­bi Reich­ling (der Gewin­ner in mei­ner klei­nen Stadt) 

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In die­sem Sin­ne: Poe­ti­sche Weih­nach­ten!

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Musik

Deutschland, Deine Backstageräume (1)

Heu­te: Dins­la­ken, Stadt­hal­le

Wolf Maahn Libero Tour 95/96 - Aftershow

Halb zehn, sagt die zusammengegaffate Bühnenuhr

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Das ästhetische Wiesel

Ich kom­me im Moment nicht so recht zum Blog­gen, was ein biss­chen mit dem übli­chen Weih­nachts­stress zu tun hat, 1 ein biss­chen mit neu­en und alten Jobs, ein biss­chen mit Zahn­arzt- 2 und Fri­seur­be­su­chen, 3 ein biss­chen hier­mit und damit – und ein biss­chen auch mit einer Erkäl­tung, die in Sachen Rück­zug und Wie­der­kehr offen­sicht­lich in paki­sta­ni­schen Ter­ror­camps aus­ge­bil­det wur­de.

Na gut: das sind alles halb­her­zi­ge Ent­schul­di­gun­gen.

Ich möch­te Ihnen trotz­dem einen wei­te­ren Favo­ri­ten bei der Wahl zur „Über­schrift des Jah­res“ vor­stel­len. Die heu­ti­ge head­line ent­stammt der Lokal­re­dak­ti­on der NRZ in Dins­la­ken und wur­de im – für kunst­vol­le Über­schrif­ten bekann­ten – Por­tal „Der Wes­ten“ ver­öf­fent­licht:

Aale senden Signale

Die heu­ti­ge Über­schrift ist bei Chris­ti­an Mor­gen­stern geklaut.

  1. Es war ein grau­sa­mer Moment, als ich fest­stell­te, das es zwar noch sie­ben Tage bis Weih­nach­ten sind, aber nur drei­ein­halb Werk­ta­ge.[]
  2. Mei­ne Kran­ken­ver­si­che­rung erwar­tet von mir, dass ich ein­mal im Jahr zur Vor­sor­ge­un­ter­su­chung gehe. Dies geschieht meist am letz­ten mög­li­chen Ter­min.[]
  3. Herr König sagt, vor Weih­nach­ten kämen sie alle noch mal vor­bei, vom Opa bis zum Enkel, weil nie­mand von der Fami­lie hören wol­le, wie unge­pflegt man aus­se­he.[]
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Film

Wiedersehen macht nichts

Man kann aus einem 330-Sei­ten-Roman eine elf­stün­di­ge Fern­seh­se­rie machen, so wie es mit „Wie­der­se­hen mit Bri­des­head“ von Eve­lyn Waugh 1981 gesche­hen ist. Man kann aus dem glei­chen 330-Sei­ten-Roman auch einen 133-minü­ti­gen Kino­film machen – dass dabei eini­ges auf der Stre­cke blei­ben muss, ist klar.

Die Sprün­ge sind mit­un­ter ver­wir­rend. Man­ches erklärt sich hin­ter­her in der Rück­schau, man­ches nie. Was klar ist: Im Zen­trum steht der jun­ge Stu­dent Charles Ryder (Matthew Goo­de), der – 1923 kaum in Oxford ange­kom­men – die Bekannt­schaft des schwu­len Adli­gen Sebas­ti­an Fly­te (Ben Whis­haw) macht. Die bei­den wei­chen ein­an­der nicht mehr von der Sei­te, bis Charles in Vene­dig Sebas­ti­ans Schwes­ter Julia (Hay­ley Atwell) küsst. Jah­re spä­ter ist Charles ein auf­stre­ben­der und ver­hei­ra­te­ter Künst­ler, der beim ers­ten zufäl­li­gen Wie­der­se­hen über die eben­falls ver­hei­ra­te­te Julia her­fällt, wäh­rend Sebas­ti­an alko­hol­krank in Marok­ko ver­schwun­den ist. Charles und Julia wol­len hei­ra­ten, aber dann kommt ihnen das Able­ben von Juli­as Vater dazwi­schen, der auf dem Ster­be­bett das Chris­ten­tum wie­der für sich ent­deckt. Plötz­lich ist erst die Bezie­hung vor­bei und kurz dar­auf (aber erst nach­dem Eng­land mit Deutsch­land im Krieg ist) auch der Film.

Irgend­wie haben es die Macher der Neu­ver­fil­mung geschafft, aus Eve­lyn Waughs (Wich­ti­ger Cock­tail­par­ty-Small­talk-Hin­weis: Eve­lyn war ein Mann) gefei­er­tem Roman eine Melan­ge aus Jane-Aus­ten-Fließ­band­ver­fil­mung und Rosa­mun­de-Pilcher-Fern­seh­spiel her­aus­zu­de­stil­lie­ren. Die Hand­lung wur­de bis zur Sinn­lo­sig­keit ver­flacht, dafür wur­de jede ein­zel­ne Sze­ne mit einer opu­len­ten Schein­be­deu­tungs­schwe­re auf­ge­la­den, damit auch jeder begreift, was Charles schon in der Eröff­nungs­sze­ne aus dem Off gesagt hat­te: Hier geht es um Schuld.

Außer­dem geht es um Reli­gi­on, sozia­le Unter­schie­de und immer wie­der um das titel­ge­ben­de Anwe­sen Bri­des­head, das Charles wich­ti­ger ist als jeder Mensch. Als er zum ers­ten Mal einen Som­mer dort ver­bringt, ist die sonst groß­ar­ti­ge Emma Thomp­son als Mut­ter von Julia und Sebas­ti­an damit beschäf­tigt, wie eine Lady zu wir­ken, der die gan­ze Schwe­re der Welt auf den Schul­tern unter­halb ihres Migrä­ne-geplag­ten Haup­tes las­tet. Immer­hin macht sie damit mehr als alle ande­ren Schau­spie­ler zusam­men – die ste­hen ein­fach nur an unfass­bar pit­to­res­ken Sets her­um und sagen das auf, was die Dreh­buch­au­to­ren Andrew Davies und Jere­my Brock ihren holz­schnitt­ar­ti­gen und so gut wie nie nach­voll­zieh­ba­ren Cha­rak­te­ren an Text zuge­schus­tert haben. Und weil das allei­ne noch nicht barock genug wirkt, liegt unter den Sze­nen, in denen es beson­ders dra­ma­tisch und/​oder bedeut­sam wird (also in nahe­zu jedem Moment) eine unglaub­lich schwüls­ti­ge Film­mu­sik.

„Wie­der­se­hen mit Bri­des­head“ ist eine Art Tele­no­ve­la im Pana­vi­si­on-For­mat, bei der man minüt­lich dar­auf war­tet, dass Lord und Lady Hes­keth-For­tes­cue mit Gwy­neth Moles­worth im Schlepp­tau um die Ecke kom­men. Man wird das Gefühl nicht los, dass Regis­seur Juli­an Jar­rold selbst nicht so genau wuss­te, was er mit dem Stoff anfan­gen soll­te. Sein Film kippt von der Schwu­len­ro­man­ze in eine Drei­ecks­be­zie­hung, macht dann eini­ge irri­tie­ren­de Sprün­ge durch Raum und Zeit, um sich in einer ober­fläch­li­chen Medi­ta­ti­on über Reli­gi­on und Glau­be zu ver­lie­ren. Das wirk­lich Erstaun­li­che ist, dass sich der Film bei allen Sprün­gen und ver­lo­re­nen Fäden auch noch so zieht wie eine elf­stün­di­ge Fern­seh­se­rie.

Trai­ler
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Leben

Adolf möchte aus dem Småland abgeholt werden

Es gibt so Namen, die möch­te man ein­fach nicht haben. Neben dem gan­zen Kli­schee-Schmonz von Cin­dy, Man­dy und Jac­que­line gehört der Name „Adolf“ ganz sicher dazu. Wir hat­ten einen Leh­rer namens Adolf an der Schu­le (nach 1945 gebo­ren) und jeder kann sich die Wit­ze aus­ma­len, die puber­tie­ren­den Men­schen dazu ein­fal­len.

Was aber ist mit dem drei­jäh­ri­gen Adolf Hit­ler aus Hol­land Town­ship, NJ? Adolf Hit­ler Camp­bell, wohl­ge­merkt, denn „Hit­ler“ ist sein midd­le name.

Der wird in sei­nem Leben noch viel Freu­de haben, wenn er schon zu sei­nem Geburts­tag kei­ne Tor­te mit Namens­zug drauf bekommt.

Und falls Sie gera­de einen Mar­mor­block zur Hand haben, möch­ten Sie viel­leicht fol­gen­den Satz ein­mei­ßeln, um ihn bei wer­den­den Eltern im Freun­des­kreis (oder gar bei der eige­nen Fami­li­en­pla­nung) wie­der her­vor­zu­ho­len:

Adolf has two sis­ters, Joy­ce­Lynn Aryan Nati­on and Honszlynn Hin­ler Jean­nie.

[Mit Dank an Kat­ti für den Hin­weis]

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Leben

Die brutale Banalität der Tragik

Heu­te saß ich in der U‑Bahn neben einem Maschi­nen­bau­stu­den­ten, der sei­nem Kum­pel berich­te­te, er wer­de wohl sein Stu­di­um schmei­ßen, falls er die anste­hen­den Klau­su­ren nicht bestehe. Aber er sei hoch moti­viert, wol­le in der ver­blie­be­nen Zeit ganz viel ler­nen und dann wer­de er das schon hin­krie­gen.

Die Selbst­be­schwö­run­gen des jun­gen Man­nes hat­ten etwas sehr Rüh­ren­des, aber irgend­wie sah ich sei­ne Chan­cen in einem Mathe­ma­tik-las­ti­gen Stu­di­en­fach deut­lich getrübt, als er vor­rech­ne­te, bis zu den Klau­su­ren Ende März sei­en es ja „noch fast vier­ein­halb Mona­te“.

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Leben Gesellschaft

Fast ein Held

Das „Zeit-Maga­zin“ wid­met sich in sei­ner aktu­el­len Aus­ga­be dem The­men­kom­plex der „Nuller Jah­re“.

In einem Inter­view fasst der Phi­lo­soph Peter Slo­ter­di­jk zusam­men, was für ihn die Nuller aus­macht (Cas­ting Shows, die Queen Mary 2, Dau­men bei der Bedie­nung elek­tro­ni­scher Klein­ge­rä­te), er kri­ti­siert, dass der „Krieg gegen den Ter­ro­ris­mus“ aus Bür­gern „Sicher­heits­un­ter­ta­nen“ gemacht habe, und ant­wor­tet auf die Fra­ge, wer für ihn die Hel­den die­ses Jahr­zehnts sei­en:

Für mich per­sön­lich ist die Ant­wort evi­dent: die Men­schen, die bei den Sicher­heits­kon­trol­len am Flug­ha­fen aus­ge­ras­tet sind. Im Spie­gel stand neu­lich eine hüb­sche Auf­zäh­lung. Ein Pas­sa­gier hat sei­ne Rasier­was­ser­fla­sche gegen eine Schei­be gewor­fen, ein ande­rer hat eine Kon­trol­leu­rin geohr­feigt. Das sind mei­ne Hel­den, ein­sa­me Kämp­fer gegen den Sicher­heits­wahn.

Ich bin also fast ein Held im Sloterdijk’schen Sin­ne, denn ich wäre um ein Haar mal am Flug­ha­fen Chi­ca­go O’Ha­re ver­haf­tet wor­den. 1 Und das kam so:

Es begab sich im Okto­ber 2006, dass ich von Chi­ca­go nach Oak­land flie­gen muss­te. Das Wet­ter war schon beim Check-In schlecht gewe­sen und wur­de im Lau­fe des Abends immer schlech­ter. Nach und nach wur­den alle Flü­ge nach hin­ten und an ande­re Gates ver­legt – so lan­ge, bis um kurz nach Elf dann ehr­li­cher­wei­se sämt­li­che Flü­ge als „can­cel­led“ geführt wur­den. Also ver­lie­ßen ein paar Tau­send Men­schen mit Hotel-Gut­schei­nen in der Hand den Abflug­be­reich, um sich ein Nacht­la­ger zu suchen. Sämt­li­che Hotels im Umkreis waren bin­nen Sekun­den aus­ge­bucht, aber man ließ uns auch nicht mehr in den Abflug­be­reich zurück, da das Per­so­nal, das die Sicher­heits­kon­trol­len durch­füh­ren hät­te kön­nen, sei­ne Tages­schicht been­det hat­te und die nächs­te Schicht nicht vor 4:30 Uhr begin­nen wür­de.

Viele Menschen würden gerne eine Umbuchung vornehmen.

An die­ser Stel­le muss ich kurz die fast schon erschüt­tern­de Gelas­sen­heit der Ame­ri­ka­ner loben. In Deutsch­land, wo man ver­gleich­ba­re Aktio­nen etwa jeden zwei­ten Abend an den Haupt­bahn­hö­fen belie­bi­ger Mit­tel­städ­te beob­ach­ten kann, wäre es schon lan­ge unter dem Aus­tausch fra­ter­ni­sie­ren­der Kom­men­ta­re und Bli­cke zu Mob-Bil­dun­gen gekom­men. Aggres­sio­nen hät­ten sich wie üblich aus­schließ­lich an den Bediens­te­ten vor Ort ent­la­den, wäh­rend unter­ein­an­der auf „die fei­nen Her­ren da oben“ geschimpft wird.

All das gab es in Chi­ca­go nicht, dafür gab es Feld­bet­ten von Heils­ar­mee und US Army, auf denen dann eini­ge hun­dert Men­schen neben den Gepäck­ka­rus­sells im Kel­ler des Flug­ha­fens lager­ten. Es war eine Stim­mung wie beim Kir­chen­tag – nur dass man dort nicht um vier Uhr nachts von einem Drill Ser­geant der Army wach­ge­brüllt wird. Ich ver­brach­te zumin­dest einen Teil der rest­li­chen fünf Stun­den bis zum neu­en Abflug­ter­min auf dem (extrem flau­schi­gen) Tep­pich­bo­den in der Lob­by des Flug­ha­fen-Hil­tons.

Viele Feldbetten, kein Korn.

Dann woll­te ich irgend­wann zurück in den Abflug­be­reich und durch die Sicher­heits­kon­trol­len. Und dort pas­sier­te es: Weil ich eine am Vor­abend im Sicher­heits­be­reich gekauf­te und geöff­ne­te Fla­sche Mine­ral­was­ser in mei­nem Ruck­sack ver­ges­sen hat­te, schlu­gen die Sen­so­ren an. Die dazu­ge­hö­ri­ge Geschich­te war der stäm­mi­gen Dame des Sicher­heits­diens­tes herz­lich egal, sie durch­such­te mei­nen Ruck­sack mit einer eher deut­schen Akri­bie, wisch­te ihn mit einem Tuch aus, das sie dann unter einen CSI-mäßi­gen Scan­ner leg­te, um es auf Spreng­stoff-Rück­stän­de zu unter­su­chen, und hat­te ver­mut­lich unter dem Tisch schon auf einen klei­nen unauf­fäl­li­gen Knopf gedrückt.

Mein Deo­stick, der am Vor­abend kein Pro­blem dar­ge­stellt hat­te 2, wur­de kri­tisch beäugt, durf­te aber im Ruck­sack ver­blei­ben, weil er nicht flüs­sig genug war. Die Mine­ral­was­ser­fla­sche, die ich unter kei­nen Umstän­den mit hin­ein­neh­men durf­te, stand zwi­schen uns auf einem Tisch wie ein kon­fis­zier­ter Dil­do. Sie war die Plas­tik­ge­wor­de­ne Respekt­lo­sig­keit mei­ner­seits.

Also griff ich die Fla­sche und warf sie mit einer schwung­vol­len Bewe­gung an der Dame vor­bei in die dafür bereit­ste­hen­de Müll­ton­ne. Wie ein Bas­ket­ball schlug sie innen gegen den Ring und lan­de­te mit einem sehr dump­fen „Plonk!“ in dem Alu­mi­ni­um­ei­mer. Ich hat­te das Gefühl, alle ande­ren Geräu­sche im Ter­mi­nal sei­en plötz­lich ver­stummt und etwa 20.000 Augen sei­en auf mich gerich­tet. Die Frau sah mich mit einem Blick an, der „Ich könn­te Sie inner­halb einer Sekun­de töten. Mit mei­nem klei­nen Fin­ger.“ sag­te. Sie selbst sag­te: „Next time, Sir, I’m gon­na throw this away for you!“

„The­re won’t be a next time“, dach­te ich zum Glück nur und ging wei­ter. Nicht, ohne fast noch mei­ne Arm­band­uhr 3 ver­ges­sen zu haben.

Ja, so war er, mein fast-revo­lu­tio­nä­rer Moment. Hät­te ich ein biss­chen weni­ger nor­disch aus­ge­se­hen, wäre ich ver­mut­lich ver­haf­tet wor­den.

  1. Neh­me ich zumin­dest an.[]
  2. Weil er auf den Scan­ner-Bil­dern nicht zu erken­nen gewe­sen war.[]
  3. Ich tra­ge Arm­band­uh­ren nur auf Flü­gen, sonst habe ich für sowas mein Han­dy.[]
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Musik

Gitarre, Bass, kein Schlagzeug

Früh­jahr 2006. Eine CD mit einer unheim­lich lie­be­vol­len Zeich­nung fin­det den Weg in die Radio­re­dak­ti­on. Es han­delt sich um den „JCB Song“, von einer Band namens Niz­lo­pi, deren Sän­ger in dem Song die Geschich­te von sich und sei­nem Vater erzählt, wie sie Bag­ger fah­ren. Der Sound: Unge­wohnt, ein wenig Pop, ein wenig Beat­box. Und für die Bri­ten so über­zeu­gend, dass der Song im Jahr 2005 fast die Weih­nachts-Num­mer 1 wur­de. Die zwei­te Sin­gle, „Girls“, ist da schon anders. Strei­cher, Melan­cho­lie, eine ganz ande­re Atmo­sphä­re. Trotz­dem so gut, dass ich mehr davon brau­che.

Das dazu­ge­hö­ri­ge Album „Half The­se Songs Are About You“, das schon im Jahr 2004 her­aus­kam, haut mich vom Hocker. Der Mix aus Gute-Lau­ne-Songs und teils doch nach­denk­li­chen Tönen ver­lässt wochen­lang nicht mei­nen CD-Play­er. Und als ich sie dann ein hal­bes Jahr spä­ter in Glas­gow nicht nur live sah, son­dern sie auch per­sön­lich ken­nen­lern­te, wuss­te ich, dass da etwas ganz Gro­ßes pas­siert. Ein Duo mit einer Mes­sa­ge. Ein Duo, das macht, was sie für rich­tig hal­ten. Und damit gold­rich­tig liegt.

Am letz­ten Frei­tag war es dann soweit: Nach nun­mehr zwei Jah­ren sehe ich Niz­lo­pi wie­der live auf der Büh­ne. Es ist das mög­li­cher­wei­se letz­te Kon­zert der Band. Schau­platz: Das MTC in Köln, maxi­ma­le Besu­cher­zahl 300. Ein kusche­li­ger Rah­men für ein wun­der­ba­res Kon­zert, das ich so schnell nicht ver­ges­sen wer­de. Den Anfang macht die Band tra­di­tio­nell im Publi­kum. Eine unbe­schreib­lich schö­ne Situa­ti­on, wie Luke und John umgarnt von der Men­ge mit Ener­gie ihre Musik machen. Wie man sich das vor­zu­stel­len hat, kann man hier sehen:

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Ein paar wei­te­re, teil­wei­se etwas aus­schwei­fen­de­re Vide­os des Abends gibt es hier, hier und hier. Viel mehr möch­te ich über die­sen Gig auch eigent­lich gar nicht sagen, die Vide­os spre­chen für die­sen Abend. Sehe ich die Mit­schnit­te so im Nach­hin­ein, wün­sche ich mir jeden­falls ein­mal mehr, dass sie nach ihrer Krea­tiv­pau­se wei­ter­ma­chen.

P.S.: Beson­ders lachen muss­te ich an dem Abend über die Niz­lo­pi-Inter­pre­ta­ti­on von „Enter Sand­man“ von Metal­li­ca. Das ist Fol­k’n’Roll.

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Rundfunk Digital

Zuschlagender Erfolg

Bei „Switch Rel­oa­ded“ wur­de Mar­cel Reich-Rani­cki ges­tern Abend von Elke Hei­den­reich mit dem „Fern­seh­le­xi­kon“ nie­der­ge­streckt:

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Die Idee ist gut, das Pro­duct Pla­ce­ment dahin­ter aber nicht ganz neu:


(Cof­fee And TV am 10. Juli 2008)


(Cof­fee And TV am 3. Mai 2008)


(Cof­fee And TV am 26. Sep­tem­ber 2007)

Na gut: Bei mir war es das Ori­gi­nal, nicht so ein schö­ner Nach­bau

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Musik

Listenpanik 10/​08

Das Ein­ge­ste­hen des eige­nen Schei­terns hat immer etwas unge­heu­er Befrie­di­gen­des: Ich habe mich hoff­nungs­los im Kalen­der ver­hed­dert und krie­ge das auch nicht mehr auf­ge­holt. Für den Rest des Jah­res gibt es die Rubrik „Lis­ten­pa­nik“ jetzt nur noch mit nack­ten Lis­ten, ab Janu­ar 2009 – das ver­spre­che ich ein­fach mal so – dann wie­der mit aus­führ­li­che­ren Bespre­chun­gen.

Kom­men wir nun zu den bes­ten Alben und Songs des Monats Okto­ber:

Alben
1. Tom­te – Heu­re­ka (s.a. hier)
2. Oasis – Dig Out Your Soul
3. Con­stan­ti­nes – Ken­sing­ton Heights
4. Snow Pat­rol – A Hundred Mil­li­on Suns
5. +/- – Xs On Your Eyes

Songs
1. The Kil­lers – Human (s.a. hier)
2. Oasis – Fal­ling Down
3. Tom­te – Küss mich wach Glo­ria
4. Snow Pat­rol – Take Back The City
5. Ste­fa­nie Heinz­mann – The Unf­or­gi­ven (s.a. hier)

[Lis­ten­pa­nik – Die Serie]

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Politik

Interview mit Arvid Bell

Auf dem Grü­nen-Par­tei­tag habe ich Arvid Bell reden gehört und ihm gleich eine grö­ße­re poli­ti­sche Kar­rie­re vor­aus­ge­sagt. Ich konn­te ja nicht ahnen, dass der 24-jäh­ri­ge „Hob­by­po­li­ti­ker“ zumin­dest im Moment ganz ande­re Plä­ne hat.

Was das für Plä­ne sind, das erzählt der Mann, den sie „Har­ry Oba­ma“ nen­nen, in einem Audio­in­ter­view, das somit ganz zufäl­lig und aus Ver­se­hen der ers­te Pod­cast aus dem Hau­se Cof­fee And TV ist.

Außer­dem spre­chen wir dar­über, wie man auf die Idee kommt, in die Poli­tik zu gehen, und ent­wi­ckeln Plä­ne, wie das poli­ti­sche Sys­tem in Deutsch­land viel mehr Unter­hal­tung her­ge­ben könn­te.

Las­sen Sie sich von den Ton­aus­set­zern am Anfang nicht ver­un­si­chern: Nach der ers­ten Minu­te klingt es bes­ser.

Pod­cast (Zum Her­un­ter­la­den rechts kli­cken und „Ziel spei­chern unter …“ wäh­len.)