Ich gehe zu Gunsten der „Mitteldeutschen Zeitung“ mal davon aus, dass es sich um eine Nachricht extra für Kinder handelt, die da eher versehentlich im regulären Online-Auftritt gelandet ist:
Es gibt traurige Nachrichten aus dem Leipziger Zoo: Heidi lebt nicht mehr! Das Opossum ist am Mittwoch gestorben. Heidi war wegen ihrer Augen in Deutschland und anderen Ländern sehr bekannt geworden: Ihre Augen standen nicht ganz gerade. Sie schielte. Das fanden die Menschen putzig.
Aber Kinder hin oder her – es ist schon bemerkenswert, wie friedlich diese zwei Sätze da einfach nebeneinander stehen:
Am Mittwoch ist Heidi an Altersschwäche gestorben. Ein Tierarzt hat sie eingeschläfert.
Mit siebzehn Jahren litt ich an wiederkehrenden Kopfschmerzen, so dass mich mein Hausarzt irgendwann zu einem Spezialisten schickte, der eine Computertomographie vornehmen sollte. Im Wartezimmer sah ich das ganze Elend der Welt: Kahle Männer, Frauen und ich glaube sogar Kinder, und mir wurde klar, dass sich mein ganzes Leben gleich innerhalb von einer Sekunde ändern könnte. Doch in meinem Kopf fand sich nichts, was dort nicht hingehört hätte, mein Papa fuhr mich wieder nach hause, die Sonne schien und im Radio lief „Imitation Of Life“ von R.E.M.
Ein paar Wochen später spielte die Band ein kostenloses Konzert in Köln und obwohl ich sehr gern hingegangen wäre, entschied ich mich mit meinem besten Freund doch dagegen und sah mir das Konzert (oder das, was MTV davon zu übertragen beliebte) im Fernsehen an. Dass der Abend insgesamt doch noch legendär wurde, lag nicht ausschließlich an diesem Konzert, aber zu einem guten Teil.
R.E.M. sind tatsächlich eine dieser Bands, die immer da waren, deren Musik ich aus dem Radio kannte, lange bevor ich wusste, von wem sie ist. Für ihre Hochphase bin ich eigentlich zu jung („Automatic For The People“ erschien, als ich neun Jahre alt war), aber man kann ja auch später einsteigen und sich dann im Backkatalog zurück arbeiten – und dann als Teenager Abend um Abend in seinem Zimmer sitzen, „Everybody Hurts“ und „Nightswimming“ hören und sich soooo verstanden fühlen.
Gestern nun haben Michael Stipe, Mike Mills und Peter Buck bekanntgegeben, ihre Band aufzulösen. Genauer: Die Band ist schon aufgelöst, so ein Elend wie eine Abschiedstour wird es nicht geben. Das kommt einerseits ein bisschen unvermittelt, ist dann aber andererseits auch schlüssig, wenn auch nicht zwingend notwendig. Es gäbe andere Bands, die sich dringender auflösen sollten (U2, Stereophonics), oder besser nie gegründet hätten (Sunrise Avenue, Revolverheld).
R.E.M. haben nie ein schlechtes Album aufgenommen (obwohl „Up“ verdammt nah dran war), zuletzt sogar wieder zwei gute. Nur: Was will man mit „Collapse Into Now“, wenn man „Automatic For The People“ hat, eines der vielleicht perfektesten Alben des 20. Jahrhunderts? Neun bis zehn der insgesamt 12 Titel dieses Albums sind mindestens phantastisch und „Everybody Hurts“ ist dabei fast noch das schlechteste, weil viel zu offensichtlichste, unter ihnen.
Sasha Frere-Jones schreibt dazu beim „New Yorker“:
There is an admirable mission at play: reassuring those who cry, who hurt, who need sustenance. That would be all of us, and we all turn to music when we need reassurance. But saying, „It’s all going to be O.K.“ is your friend’s job, not your band’s. All of R.E.M.’s luminous oddness and nested beauty is turned into penny taffy.
(Bei dem Teil, es sei nicht Aufgabe einer Band, einem Trost zu geben, muss ich ihm allerdings entschieden widersprechen.)
Wenn Frere-Jones schreibt, R.E.M.s Trennung käme zehn Jahre zu spät (eine Meinung, die von vielen geteilt wird), ist mir das ein bisschen zu pointiert, hätten wir doch „Bad Day“, „Leaving New York“, „Supernatural Superserious“ oder „ÜBerlin“ verpasst – Songs, die bei vielen anderen Bands zu den Höhepunkten ihres Schaffens zählen würden. Aber nach 31 Jahren darf es dann ruhig auch mal gut sein, wenn es nicht sowieso irgendwann zur unvermeidlichen Reunion kommen sollte.
Was bleibt ist, neben der Musik, natürlich vor allem Michael Stipe. Einer der charismatischsten Menschen im weltweiten Mediencircus. Einer der gezeigt hat, wie wunderschön ungelenkes Rumhampeln wirken kann. Einer, den ich immer nennen würde, wenn man mich nach Prominenten fragte, die mich beeinflusst haben.
Peter Flore schreibt bei intro.de, mit R.E.M. trete die „größte Indieband der Welt“ ab, und das stimmt, denn trotz gut gefüllter Stadien waren R.E.M. eigentlich immer eine Spur zu eckig und zu verschroben.
Noch mal Sasha Frere-Jones:
Their good stuff is durable and gorgeous, and they pulled off a trick that indie rock has struggled with ever since: How do you stay weird if you also like singable songs? How do you get the pretty without joining Club Obvious? R.E.M. never let their live show slip, and they gave a huge number of people an option that still works.
Keine „Imitation Of Life“, sondern das Leben selbst.
Mein Lieblingssong von R.E.M. ist übrigens inzwischen dieser hier:
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Lange war es still gewesen um Fritzchen Müller. Der inzwischen elfjährige Hobbygrafiker (MS Paint), der viele Jahre für den Branchendienst „turi2“ Gesichter durchgestrichen hatte und dann kurz bei „RP Online“ und Bild.de beschäftigt war, hat jetzt bei „Bild“ angeheuert:
Heute pfeifen wir mal auf all unsere Prinzipien und bringen eine Pressemitteilung im vollen Original-Wortlaut:
Pressemitteilung
Top Ten der Trauerhits: Unheilig Aufsteiger des Jahres bei Beerdigungen
Hamburg, 08. September 2011 – Seit über einem Jahr dominiert die Band Unheilig die deutschen Album Charts. Ihre Hitsingle „Geboren um zu leben“ ist laut einer Umfrage von Bestattungen.de schon das zweitmeist gespielte Lied bei Trauerfeiern. Dies ist nur ein Beispiel für den allgemeinen Trend: Trauermusik wird aktueller und individueller. Bestattungen.de hat Bestatter und Angehörige befragt und die diesjährigen Top Ten der „Trauerhits“ erstellt.
2011 belegt wie im Vorjahr „Time To Say Goodbye“ von Sarah Brightman den ersten Platz. „Pop-Balladen dominieren weiter. Aber der Erfolg von Unheilig und die Top Ten Platzierung des Titels ‚Highway To Hell‘ von AC/DC zeigen, dass sich der gesellschaftliche Trend zum Individualismus ebenfalls bei der Auswahl von Trauermusik abzeichnet“, erläutert Bestattungen.de-Geschäftsführer Fabian Schaaf.
Hinter Brightman und Unheilig folgt der verstorbene Hawaiianer Israel Kamakawiwo’ole mit „Somewhere Over The Rainbow“ auf Platz drei. Auch Klassik und Schlager findet sich in der Bestenliste, wie „Ave Maria“
von Franz Schubert (Platz vier) und „Über den Wolken“ von Reinhard Mey (Platz acht). „Ältere Titel sind weiterhin stark vertreten. Jedoch zeigt sich, dass sich immer mehr Angehörige für aktuelle Titel entscheiden“, erläutert Schaaf.
Während Bestattungen früher gemäß den gesellschaftlichen Normen sehr konservativ waren, gibt es heute nicht mehr die „normale“ Bestattung. Daher erwarten die Experten von Bestattungen.de, dass sich der Trend
zu individueller und ausgefallener Musik weiter verstärken wird.
„Musik ist enorm wichtig für die Trauerbewältigung. Bestatter müssen mit der Zeit gehen und den persönlichen Willen des Verstorbenen und der Angehörigen akzeptieren. Ganz egal, welche Musikrichtung gewünscht wird“, fordert Bestatter Burkhard Huber. Musik von Unheilig und Lieder wie „Always Look On The Bright Side Of Life“ von Eric Idle oder sogar „Biene Maja“ von Karel Gott sind heute kein Tabu mehr, sondern werden bei Trauerfeiern immer häufiger gespielt.
Damit war nicht zu rechnen gewesen, als wir Dirk Elbers zwischen Weißwein (er) und Sekt (ich) ansprachen. Doch der Düsseldorfer Oberbürgermeister antwortete auf meine Frage, ob seine Stadt Eurovision Song Contest, Marathon und eine riesige Industriemesse gleichzeitig locker wegstecken könne, mit einem Satz, der als Glaubensbekenntnis aller Stadtoberen in latent größenwahnsinnigen Kommunen (also quasi überall) gelten kann: „Das ist eine Stadt, die das möchte!“
Nun ist Düsseldorf, eine Stadt, die es sich nicht mal nehmen lässt, einen verdammten Skilanglauf-Weltcup in ihrer Innenstadt auszurichten, ein Extrembeispiel jener Städte, die so gerne eine Metropole wären, aber eben doch nur rein verwaltungsrechtlich eine Großstadt sind – aber beileibe kein Einzelfall.
Zwischen April und Oktober gibt es quasi kein einziges Wochenende, an dem nicht mindestens ein, zwei Buslinien in der Bochumer Innenstadt umgelegt werden müssen, weil die eine oder andere Hauptstraße (oder gleich mehrere davon) gesperrt ist. Da ist natürlich Bochum Total („Europas größtes innerstädtisches Musikfestival“), aber auch der „Sparkassen-Giro“ (ein Radrennen), der „Bochumer Musiksommer“ (auch eine Art Musikfestival, aber mehr mit Weinbuden und angegrauten Lehrer-Ehepaaren als Zielgruppe), „Bochum kulinarisch“ (keine Musik, noch mehr Weinbuden und Lehrer) und am vergangenen Wochenende erstmalig der „Rewirpower-Halbmarathon“ (ein Halbmarathon). Hinzu kommen Veranstaltungen wie „Die Nordsee kommt – Das Weltnaturerbe Wattenmeer zu Gast in Bochum“, das „Kuhhirtenfest“, das Unifest, mehrere Flohmärkte, ein Fischmarkt, sowie diverse „Events“ in und um die innerstädtischen Einkaufszentren. Wer keinen Schrebergarten hat, kann eigentlich jedes Wochenende irgendwo hingehen, bevor dann im November endlich der Weihnachtsmarkt eröffnet. Und das alles gibt es in jeder Nachbarstadt hier im Ruhrgebiet selbstverständlich noch einmal.
Verantwortlich sind natürlich viele unterschiedliche Veranstalter. Oft ist das Stadtmarketing dabei, aber nicht immer. Es gibt viele unterschiedliche Zielgruppen und für sich genommen mag jede Veranstaltung ihre Berechtigung und ihren Charme haben. In der Summe gleicht es einer Fünfjährigen, die sich Muttis Schmuck umgehangen hat (und zwar den ganzen) und deren Gesicht unter einer zentimeterdicken Schminkschicht verschwunden ist. 1
Was uns zum vorläufigen Tiefpunkt bringt, der erreicht war, als „City Point“ und „Drehscheibe“ (die zuvor erwähnten innerstädtischen Einkaufszentren) kürzlich die „Living Doll 2011“ zu küren suchten. Da standen vor den einzelnen Geschäften Menschen, die Produkte aus den jeweiligen Läden trugen und sich nicht bewegen durften. Dazwischen standen andere Menschen, 2 die Karaoke sangen. „Nur ein Wort“ von Wir Sind Helden, zum Beispiel. Alles, aber auch wirklich alles muss schief gegangen sein, damit so etwas passiert.
Nun ist es natürlich nicht so, dass echte Metropolen völlig auf solcherlei Veranstaltungen verzichten würden. In New York ist an jedem Wochenende vermutlich mehr los, als in ganz NRW in einem halben Jahr. Aber die Stadt ist natürlich bedeutend größer, so dass nicht ständig die gleichen Straßen gesperrt werden müssen, und außerdem gibt es dort Touristen.
Andererseits hat der Veranstaltungswahn zumindest in Bochum den (politisch sicher so gewollten) Vorteil, dass man sich an den Wochenenden eher für das oft unansehnliche Ganze schämt, anstatt ständig für die eigene Stadtspitze. Immerhin hatte es unsere Oberbürgermeisterin für nötig gehalten, sich nach einer durchaus hitzigen öffentlichen Debatte darüber, ob Josef Ackermann im Bochumer Schauspielhaus reden soll (of all places), bei Herrn Dr. Ackermann persönlich „für die unwürdige Diskussion“ zu entschuldigen. 3
Jetzt aber ab heute und bis Sonntag „Bochumer Musiksommer“ und die nächste ganz große Peinlichkeit: Am Sonntag wird das Programm auf allen Bühnen von 14.46 Uhr bis 15.03 Uhr unterbrochen. Warum so krumm? Nun, in dieser Zeit läuten in der ganzen Stadt die Glocken zum Gedenken an die Opfer der Anschläge vom 11. September. 4 17 Minuten Betroffenheit bei Bratwurst und Aperol Spritz, dann geht’s weiter mit Musik.
Außerdem kann die kleine nicht richtig gehen, weil sie in übergroßen Pumps steckt.[↩]
Oder waren es die gleichen? Ich hatte mich abwenden müssen.[↩]
Nicht etwa für die Art der Diskussion, die natürlich als „weitgehend unsachliche Kritik, aber auch die überzogene Berichterstattung in Teilen der Lokalpresse“ gegeißelt wurde, sondern gleich für die ganze verdammte Diskussion an sich! Wer schreibt dieser Frau ihre Briefe und Presseerklärungen?![↩]
Warum man dafür den Zeitraum zwischen dem Einschlag des ersten und des zweiten Flugzeugs ins World Trade Center gewählt hat, die Abstürze ins Pentagon und in Shanksville und den Einsturz der Türme aber außen vorlässt, weiß vermutlich vor allem der Wind.[↩]
Ich schreibe jetzt seit ziemlich genau 12 Jahren ins Internet: Erst über Kinofilme, dann über Musik, dann über alles mögliche und das Versagen von Journalisten. Mit der Zeit habe ich mir angewöhnt, schon im Moment des Erlebens im Kopf Blogeinträge zu Formulieren. Das ist sehr lästig, weil ich Rockkonzerte zum Beispiel nicht mehr als schöne Ereignisse wahrnehme, sondern hauptsächlich als Vorlagen für Texte, die in den allermeisten Fällen dann doch nie geschrieben werden.
Facebook hat alles noch schlimmer gemacht, denn plötzlich ist – um es mit Heiner Müller zu sagen – alles Material: Das leidlich lustige Erlebnis im Supermarkt, der mitgehörte Dialog in der Straßenbahn oder die Feststellung, dass ich seit einigen Monaten offenbar zu doof bin, mir die Schnürsenkel so zuzubinden, dass sie nicht unterwegs aufgehen. Alles kann ich schnell ins Smartphone tippen oder mir bis zuhause merken und es dann in die Halböffentlichkeit von Facebook kübeln. Und dann ist es ja offiziell mitgeteilt, weswegen ich die Episoden nicht mehr behalten muss, um sie in fröhlicher Runde Freunden oder Verwandten zu berichten. Ich habe gesprochen, wie der Indiander sagt, und obwohl das Internet ja an sich nicht vergisst, sind die ganzen mehr oder weniger unterhaltsamen Erlebnisse, die ganzen mehr oder weniger geistreichen Gedanken anschließend einigermaßen weg und für Tagebuch, etwaige Enkel und geplante Romane und Drehbücher irgendwie nicht mehr verfügbar. Darunter leidet auch dieses Blog.
Blöd ist aber auch die Schere im Kopf, die irgendwann unweigerlich auftaucht, sobald man begriffen hat, dass das, was man da ins Internet schreibt, auch von irgendjemandem gelesen wird. Es ist einerseits schön, von wildfremden Menschen im öffentlichen Raum angesprochen zu werden, weil ihnen das eigene Blog gefällt (und man selbst so unvorsichtig war, die eigene Fresse auch dann und wann in eine Videokamera zu halten und somit gesichtsbekannt ist), aber es ist andererseits auch ein bisschen beunruhigend, wenn Leute, deren Namen man nicht kennt (auch, weil man in dem Moment, da sie ihn genannt haben, wieder unaufmerksam war), einem erzählen, wie schön sie diesen oder jenen Text jetzt gefunden hätten.
Schlimmer ist nur noch das private Umfeld. Ich war in den vergangenen Monaten auf mehreren Hochzeiten eingeladen. Mehrere Artikel über das Zusammensein von Mann und Frau, über die offensichtliche Unmöglichkeit von unpeinlichen Einladungskarten, über die Einrichtung von Wohnungen und über die Menschheit im Allgemeinen schwirren seitdem auszugsweise durch mein Oberstübchen und harren ihrer Niederschrift – doch ich traue mich nicht. Schriebe ich identifizierbar (und für wenige Menschen identifizierbar wäre ja schon schlimm genug), wären die Gastgeber aus guten Gründen beleidigt: „Erst frisst er sich auf unsere Kosten durch den Abend und dann geißelt er unsere Einladungskarte.“ Schriebe ich sehr allgemein, wären womöglich hinterher die falschen Menschen angefressen: „Erst frisst er sich auf unsere Kosten durch den Abend und dann geißelt er unsere Einladungskarte, von der er vorher noch gesagt hat, er fände sie überraschend unpeinlich.“ Die Artikel werden also weiter auf sich warten lassen.
Überhaupt ist das ja ein interessantes Phänomen, das früher allenfalls Menschen betraf, die Autoren oder Musikanten in ihrem Bekanntenkreis hatten: Alles, was wir heute sagen, tun oder nicht tun, könnte schon morgen in irgendeinem Blogeintrag oder wenigstens in irgendeinem Facebook-Post auftauchen und mindestens die 200 engsten Freunde wüssten, wer gemeint ist. Drogen werden seit Erfindung von Handykameras daher sowieso von niemandem mehr konsumiert und Sex findet ausschließlich im Dunkeln statt (das ist auch besser fürs Selbstbewusstsein, steht in jeder zweiten Frauenzeitschrift).
Doch wie kam ich drauf? Richtig: Ich hatte heute ein leidlich lustiges Erlebnis in der S‑Bahn, das ich im Facebook irgendwie nicht richtig hätte ausbreiten können (im Twitter hätte ich mit dem Bericht nicht mal beginnen können, weil ich es für nachgerade unmöglich halte, meine Gedanken in 140 Zeichen zu packen – sonst wäre ich schließlich Profifußballer geworden).
Ich stieg also in die S‑Bahn ein und da saß eine schwer blutverschmierte Person.
„Herr Ober, da sitzt eine schwer blutverschmierte Person“, hätte ich also ins Facebook geschrieben, nur um dann zu ergänzen, dass die Person aber offenbar etwas mit Rollenspielen oder ähnlichem zu tun hatte, jedenfalls sehr ordentlich geschminkt war. Eventuell hätte ich noch die Frage an mich selbst hinzugefügt, warum ich in der S‑Bahn eigentlich nach dem Ober rufe, das ist ja schließlich kein Restaurant.
Im Nachhinein betrachtet wäre diese Geschichte vielleicht sogar für Twitter zu sinnlos gewesen.
Deswegen schnell noch eine andere Geschichte, die ich auch nicht bei Facebook gepostet habe: Gestern in der Buchhandlung, ein Tisch „Lesen Sie diese Bestseller im Original“. Darauf: Die „Millennium“-Trilogie von Stieg Larsson auf Spanisch.
Das war ja zu Erwarten gewesen: Kaum hat Herr Niggemeier frei, kommt ein Super-Symbolbild daher.
Dann muss ich eben:
Mit diesem dpa-Foto bebildert sueddeutsche.de einen Artikel über Online-Dating. Einem Foto, auf dem eine Frau gedankenversunken auf das Foto eines Mannes schaut, das ihren Desktop ziert (gut zu erkennen an den darüber liegenden Programmsymbolen unten rechts).
Wenn es danach ginge, würde ich Online-Dating mit Getter Jaani betreiben.
Ich halte offene Briefe für weitgehend albern. Aber mein Blutdruck war zu hoch, um die E‑Mail-Adresse von Christian Nienhaus zu erraten. Dann eben so:
Sehr geehrter Herr Nienhaus,
ich hätte gern das Interview gelesen, dass Sie der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ in Ihrer Eigenschaft als Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe („Harz Kurier“, „Die Aktuelle“, „Echo der Frau“, „Der Westen“) gegeben haben. Gerne hätte ich mich weiter über die dünne Argumentationskette der Verleger informiert, die gegen die sogenannte iPhone-App der „Tagesschau“ (ein Programm, das die Inhalte von tagesschau.de für moderne Mobiltelefone aufbereitet) klagen. Doch es ging nicht.
Hängen geblieben (bzw. in die Luft gegangen) bin ich schon bei Ihrer ersten Antwort, genauer bei einem kurzen Satz:
Wir halten zudem die Kostenfreiheit der Apps für nicht korrekt.
Herr Nienhaus, ich weiß nicht, wie das bei Ihnen zuhause aussieht, aber ich habe für die Inhalte der „Tagesschau“, ja: für alle Inhalte der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, bereits bezahlt. 17,98 Euro jeden Monat, das ist mehr, als ich in meinem Leben für die langweiligen Lokalzeitungen Ihres Verlags ausgegeben habe. Deswegen finde ich es auch unerträglich, dass die öffentlich-rechtlichen Anstalten die Inhalte, die ich (mit-)bezahlt habe, wieder aus dem Internet entfernen müssen, weil die Zeitungsverleger und Privatsender (was teilweise aufs Selbe rauskommt) das so wollten.
Ich hätte gerne die Empörung in Ihrer Reihen gesehen, wenn die „Tagesschau“-App Geld kosten würde. Dann, da bin ich mir sicher, würden Sie sich nämlich meiner Argumentation anschließen, dass die Inhalte von den Zuschauern bereits bezahlt worden sind.
Ihr Interessenverband eiert seit Jahren ziellos umher und beleidigt jeden denkenden Menschen mit seinem unerträglichen Gejammer. Sie haben den Wandel vom Print- zum Internetzeitalter verpennt, jetzt sind Sie dabei, den Wandel zum App-Zeitalter ebenfalls zu verpennen. Das allein ist tragisch genug. Tun Sie sich einen Gefallen und erwägen Sie weniger durchsichtige Argumente!
Mit freundlichen Grüßen,
Lukas Heinser
Stefan Niggemeier hat seinen Blutdruck schneller unter Kontrolle gekriegt und zerlegt Nienhaus‘ weitere „Argumente“ bei sich im Blog.
Als ich auf dem Haldern-Pop-Festival stand, dachte ich so vor mich hin, dass ich im Moment kaum Interesse an melancholischer Musik habe und lieber den ganzen Tag Andrew W.K. höre, und dass mich selbst die großartigsten Konzerte und Platten nicht mehr so packen wie noch vor Jahren. (Immerhin habe ich in diesem Jahr verstanden, dass niemals ein Festival oder Konzert für mich so eine Bedeutung haben wird wie das Haldern 2001, weil niemals mehr eine Band so eine Bedeutung haben wird wie Travis für den 17-jährigen Lukas.)
Dann hörte ich auf WDR2 (einem Sender, den ich Tag für Tag demütig ertrage, weil er mich alle paar Wochen bis Monate mit einem grandiosen Song überrascht, den ich bis dahin gar nicht auf dem Schirm hatte) einen Song, den ich zunächst für einen Oldie hielt. Es handelte sich aber, so erfuhr ich alsbald, um die recht aktuelle Single eines Mannes namens Jonathan Jeremiah:
Ich habe keine Ahnung, was andere Medien über Jonathan Jeremiah schreiben und wie bekannt er inzwischen ist – und es interessiert mich auch nicht. Ich habe bei iTunes kurz in sein Debütalbum „A Solitary Man“ hereingehört und es dann gekauft. Seitdem läuft es nahezu ununterbrochen und lässt mein Leben wirken wie eine sehr luftige romantische Komödie.
Der Klang dieses Albums ist phantastisch. Es klingt, als habe man aus Samples von 60er- und 70er-Jahre-Platten ein neues Album zusammengebaut. Vom Sound des Schlagzeugs über das Flügelhorn bis hin zu den Streichern ist es der Originalklang von Burt Bacharach und Bill Withers. Alles passt so gut zusammen und klingt so authentisch, dass ich mich ständig frage, ob das nicht zu perfekt ist, zu kalkuliert.
Doch nichts an diesem Album wirkt kalkuliert. Es hat den warmen Sound eines sehr sonnigen Herbstnachmittags (die tiefstehende Sonne auf dem Albumcover mag da in die Rezeption mit reinspielen) und die Stimme von Jonathan Jeremiah klingt sehr liebenswürdig und vertraut, wenn er über verlorene Liebe, Einsamkeit und das Zuhause („where my people live“) singt. Das Album ist 37 Minuten kurz und ich bin jedes mal erstaunt, wenn es schon wieder durchgelaufen ist – obwohl ich die ganzen 37 Minuten mit Gänsehaut und völliger Verzückung zugehört habe.
Ich möchte mich mit Superlativen zurückhalten – zum einen, weil ich immer noch ein bisschen Angst habe, in ein paar Jahren diesen Blogeintrag wiederzufinden und mich in Grund und Boden zu schämen (aber diese Angst lässt minütlich nach), zum anderen, weil ich in den letzten Monaten und Jahren ja durchaus viele tolle Alben gehört habe, die mich durchaus berührt haben (das großartige neue Bon-Iver-Album ist hier im Blog sträflicherweise immer noch unerwähnt, aber das wurde ja sowieso überall abgefeiert). Aber „A Solitary Man“ ist schon ein sehr, sehr, sehr, sehr, sehr, sehr tolles Album.
Bitte kaufen Sie sich das und schenken Sie es allen Menschen, die Sie gern haben!
Walter Krämer, Vorsitzender des schrecklichen „Vereins Deutsche Sprache“, durfte sich in der Ruhrgebietsausgabe von „Bild“ mal wieder über „Sprachpanscher“ und „Denglisch“ aufregen.
Der Dortmunder Statistik-Professor, den Bild.de irritierenderweise als „Sprach-Professor“ bezeichnet, erklärt in dem Interview:
„Inzwischen machen 33 000 Leute in unserem Verein mit. Darunter rund 100 bekannte Persönlichkeiten wie Hape Kerkeling, Jürgen von der Lippe, Reinhard Mey oder die kürzlich verstorbenen Otto von Habsburg und Gunter Sachs.“
Dass beim „Verein Deutsche Sprache“ auch Tote mitmachen dürfen, erklärt natürlich vieles.
Ja, das mit den Podcasts hat nicht geklappt. Das Mikrofon lief nur am HTC-Smartphone, aber da funktionierte die zugehörige App plötzlich nicht mehr. Das tat sie zwar auf dem iPod touch, aber der weigerte sich, das Mikro anzuerkennen. Die Zukunft liegt im CB-Funk, sag ich Ihnen. Egal …
Jedenfalls hab ich jetzt von jedem Act, den ich gesehen hab, ein einminütiges Video gedreht, das Sie hier zu sehen bekommen.
Festivals sind wie „Lethal Weapon“-Filme: Das Personal ist weitgehend gleich, die einzelnen Versatzstücke sind bekannt und alle paar Minuten sagt jemand, er sei zu alt für diesen Scheiß. Es fliegen nur weniger Dinge in die Luft und es werden weniger Leute von Surfbrettern enthauptet.
Die wichtigste Nachricht noch zu Beginn: Das Tragen von Jeanshemden ist in Deutschland offenbar wieder straffrei möglich. Vermutlich hat die Bundesregierung verschlafen, das entsprechende Gesetz zu verlängern und jetzt haben wir alle den Salat. Schön ist das nicht!
In Haldern steht ein Spiegelzelt und ich hasse es – wenn ich nicht reinkomme. Vor dessen Einlass hat sich eine mehrere hundert Meter lange Schlange gebildet, in denen die Menschen friedlich und in Zweierreihen darauf warten, noch hineingelassen zu werden. Einigermaßen vergeblich, wie ihnen selbst klar sein muss. Aber die Konzerte von drinnen werden nach draußen in den Biergarten übertragen und so können wir alle Yuck aus London sehen und hören, die neue Shoegaze-Sensation. Der angenehm schrammelige Sound ihres selbstbetitelten Debütalbums kommt auch live schön rüber und das Jeanshemd darf der Sänger (der in jedem Bob-Dylan-Biopic die Idealbesetzung wäre) ja wieder tragen.
Mit ihrer durchsichtigen Bluse bringt Julia Marcell ein bisschen ESC-Atmosphäre aufs Haldern. Vielleicht ist es aber auch nur ein Regencape, sowas tragen hier draußen grad alle. Musikalisch wäre das stellenweise auch beim Songcontest denkbar, aber mit diesen Björk-Anleihen käme Polen vermutlich nicht ins Finale. Julia Marcells neues Album erscheint auf Haldern Pop Recordings, das Programmheft spricht von „Opulenz“, was es wohl ganz gut trifft.
Das könnten vom Publikumszuspruch her die nächsten Mumford & Sons werden – nur, dass die Avett Brothers schon viel länger dabei sind und (zumindest zum Teil) wirklich Brüder sind. Bei den diesjährigen Grammys haben sie gemeinsam mit Mumford & Sons und Bob Dylan performt und damit ist ja wohl alles gesagt. Ihr folkiger Rock mit Bluegrass- und Punkeinflüssen kommt super an, die Menschen tanzen auch draußen im Nieselregen, nur der Sound ist leider sehr schlecht.
Zweites Augustwochenende, schlechtes Wetter – die Zeit ist reif fürs Haldern Pop Festival!
Ich mach mich gleich auf den Weg zu meinem 12. Haldern machen und freue mich schon sehr auf The Low Anthem, The Wombats, James Blake, Fleet Foxes, Yuck, Alexi Murdoch und viele andere.
Hier im Blog werden wir etwas ganz Neues ausprobieren, von dem ich selbst am Meisten überrascht wäre, wenn es funktionierte: Jeden Abend, nachdem die (meisten) Konzerte vorbei sind, werden wir einen kleinen Podcast aufnehmen und anschließend direkt hier veröffentlichen. (Das Konzept ist natürlich abgeschaut von der SXSW-Berichterstattung von „All Songs Considered“.)
Mit etwas Glück, viel Mondlicht und ein paar Hühnerknochen sollten Sie hier im Blog in den nächsten drei Tagen also drei Podcasts finden. Wenn nicht, stellen sie sich bitte einfach vor, wie ich in meinem Zelt sitze und Hard- und Software vielfarbig verfluche.
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