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Fernsehen Rundfunk Digital

Auswärtsspiel: TVLab

Auf ZDF_​neo star­tet dem­nächst das „TVLab“, wo völ­lig neu­ar­ti­ge TV-Kon­zep­te vor­ge­stellt und erprobt wer­den sol­len.

Beglei­tet wird das Pro­jekt von einem Blog und ich hat­te die Ehre, den ers­ten Ein­trag zu ver­fas­sen. Die Aus­gangs­fra­ge lau­te­te „Wor­über sol­len wir reden, wenn nicht über das Fern­se­hen?“ und – ohne zu viel zu ver­ra­ten – ich kom­me zu dem Schluss: über nichts, bit­te!

Der Bei­trag bei blog.zdf.de

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Politik Gesellschaft

Die Bonner Republik

Das Land mei­ner Kind­heit exis­tiert nicht mehr. Es ist nicht ein­fach unter­ge­gan­gen wie die DDR, in der ein paar mei­ner Freun­de ihre ers­ten Lebens­jah­re ver­bracht haben, aber es ist auch nicht mehr da.

Frü­her, als in den Radio­nach­rich­ten noch die Orts­mar­ken vor­ge­le­sen wur­den, gab es die­ses Wort, das mehr als ein Wort oder ein Städ­te­na­me war: „Bonn.“ Damals braucht man in den Nach­rich­ten noch kei­ne Sound­tren­ner zwi­schen den ein­zel­nen Mel­dun­gen, denn es gab die­ses Wort, das wie ein Tren­ner klang, wie der Schlag mit einem Rich­ter­ham­mer. Bonn.

Bonn war die Haupt­stadt des Lan­des, in dem ich leb­te, und die Stadt, in der mei­ne Oma damals leb­te. Ich glau­be nicht, dass ich das eine mit dem ande­ren jemals in einen Zusam­men­hang gebracht habe, aber das Land, in dem ich leb­te, wur­de von alten, grau­en Män­nern in karier­ten Sak­kos regiert und ihre Ent­schei­dun­gen wur­den von glei­cher­ma­ßen alten, glei­cher­ma­ßen grau­en Män­nern in glei­cher­ma­ßen karier­ten Sak­kos ver­le­sen.

Wahr­schein­lich wuss­te ich damals noch nicht, was „regie­ren“ bedeu­tet und wel­che Funk­ti­on die letzt­ge­nann­ten Män­ner hat­ten (außer, dass man als Kind still sein muss­te, wenn sie zur Abend­brot­zeit über den Fern­se­her mei­ner Groß­el­tern flim­mer­ten), aber es gab einen dicken Mann mit lus­ti­gem Sprach­feh­ler, der immer da war und das war – neben Tho­mas Gott­schalk – der König von Deutsch­land.

Die Aus­wir­kun­gen, die die Exis­tenz Hel­mut Kohls auf gan­ze Gebur­ten­jahr­gän­ge hat­te, sind mei­nes Wis­sens bis heu­te nicht unter­sucht wor­den. Aber auch Leu­te, die in den ers­ten acht bis sech­zehn Jah­ren ihres Lebens kei­nen ande­ren Bun­des­kanz­ler ken­nen­ge­lernt haben, sind heu­te erfolg­rei­che Musi­ker, Fuß­bal­ler, Schau­spie­ler oder Autoren, inso­fern kann es nicht gar so ver­hee­rend gewe­sen sein.

Es pass­te fast dreh­buch­mä­ßig gut zusam­men, dass Kohls Regent­schaft ende­te, kurz bevor das ende­te, was er geprägt hat­te wie nur weni­ge ande­re alte Män­ner: die Bon­ner Repu­blik. Ger­hard Schrö­der wur­de Kanz­ler und plötz­lich wirk­te die gan­ze gemüt­li­che Bon­ner Bun­ga­low-Atmo­sphä­re ange­staubt. Schrö­der zog nach einem hal­ben Jahr in einen gro­tes­ken Protz­bau, den Hel­mut Kohl sich noch aus­ge­sucht hat­te, der aber magi­scher­wei­se von der Archi­tek­tur viel bes­ser zu Schrö­der pass­te. Bei Ange­la Mer­kel hat man häu­fig das Gefühl, sie säße lie­ber wie­der in einem holz­ver­tä­fel­ten Bon­ner Büro.

Die Ber­li­ner Repu­blik währ­te nur drei Som­mer. Das hat­te aus­ge­reicht für ein biss­chen Deka­denz und Fin de Siè­cle, für einen Kanz­ler mit Zigar­ren und Maß­an­zü­gen, einen schwu­len Regie­ren­den Bür­ger­meis­ter in Ber­lin und die voll­stän­di­ge Demon­ta­ge von Hel­mut Kohl und wei­ten Tei­len der CDU. In ganz Euro­pa herrsch­te Auf­bruch­stim­mung: Unter dem Ein­druck von New Labour war ganz Euro­pa in die Hän­de der soge­nann­ten Lin­ken und Sozia­lis­ten gefal­len, die Son­ne schien, alles war gut und nichts tat weh.

Dann kamen der 20. Juli und der 11. Sep­tem­ber 2001.

Bit­te? Sie wis­sen nicht, was am 20. Juli 2001 pas­sier­te? An jenem Tag starb Car­lo Giu­lia­ni auf den Stra­ßen Genu­as. Der 20. Juli hät­te der 2. Juni unse­rer Gene­ra­ti­on wer­den kön­nen, Giu­lia­ni war schon weni­ge Wochen spä­ter als Pos­ter­boy der auf­kom­men­den Anti-Glo­ba­li­sie­rungs-Bewe­gung auf der Titel­sei­te des „jetzt“-Magazins. Doch 53 Tage spä­ter flo­gen ent­führ­te Pas­sa­gier­flug­zeu­ge ins World Trade Cen­ter und Giu­lia­ni geriet der­art in Ver­ges­sen­heit, dass ich zu sei­nem 10. Todes­tag kei­ner­lei Bericht­erstat­tung beob­ach­ten konn­te. In Ber­lin tag­te nun das Sicher­heits­ka­bi­nett, das aber auch in Bonn hät­te tagen kön­nen, irgend­wo in der Nähe des atom­si­che­ren Bun­kers im Ahrtal.

Das, was die CDU-Par­tei­spen­den­af­fä­re von Hel­mut Kohl übrig gelas­sen hat­te, wird gera­de zer­legt – so zumin­dest die Mei­nung ver­schie­de­ner Jour­na­lis­ten. Zwei Bio­gra­phien, eine über Han­ne­lo­re Kohl, eine Auto- von Wal­ter Kohl, ent­hül­len, was nie­mand für mög­lich gehal­ten hät­te: Die gan­ze schö­ne Fas­sa­de der Fami­lie Kohl war nur … äh … Fas­sa­de. 1

Die Fami­li­en­fo­tos der Kohls wei­sen eine erstaun­li­che, aber kaum über­ra­schen­de Deckungs­gleich­heit mit den Kind­heits­fo­tos mei­ner Eltern (und mut­maß­lich Mil­lio­nen ande­rer Fami­li­en­fo­tos) auf: Jungs in kur­zen Hosen, die Fami­lie am Früh­stücks­tisch, auf dem ein rot-weiß karier­tes Tisch­tuch ruht. 2 Das alles in einer heu­te leicht ins Bräun­li­che chan­gie­ren­den Optik und obwohl die Anzahl von Gar­ten­zwer­gen objek­tiv betrach­tet auf den meis­ten Bil­dern bei Null liegt, hat man doch, sobald man nicht mehr hin­schaut, das Gefühl, min­des­tens einen Gar­ten­zwerg erblickt zu haben. 3 Mei­ne Kind­heits­fo­tos sahen schon ein biss­chen anders aus, ver­folg­ten aber noch das glei­che Kon­zept. Auf heu­ti­gen Kin­der­fo­tos sieht man Drei­jäh­ri­ge im St.-Pauli-Trikot auf Surf­bret­tern ste­hen, Gar­ten­zwer­ge wer­den allen­falls von ihnen durch die Gegend getre­ten.

Die Gemüt­lich­keit der Bon­ner Repu­blik ist ver­schwun­den, obwohl ihre Bevöl­ke­rung immer noch da ist. Regel­mä­ßig ent­sorgt man die Kata­lo­ge von Bil­lig­mö­bel­häu­sern, die Schrank­wän­de Ver­sailler Aus­ma­ße und Patho­lo­gie-erprob­te Flie­sen­ti­sche anbie­ten, und regel­mä­ßig fragt man sich, wer außer den Aus­stat­tern von Pri­vat­fern­seh-Nach­mit­tags­re­por­ta­gen so etwas kauft. Dann klin­gelt man mal beim Nach­barn, weil die Regen­rin­ne leckt, und schon kennt man wenigs­tens einen Men­schen, der so was kauft. In Deutsch­land gibt es 40,3 Mil­lio­nen Haus­hal­te und Ikea kann nicht über­all sein. Ein Blick auf die Leser­brief­sei­te der „Bild“-Zeitung oder in die Kom­men­tar­spal­ten von Online-Medi­en beweist, dass auch die Auf­klä­rung noch nicht über­all sein kann.

Eigent­lich hat sich wenig geän­dert (oder alles, dann aber mehr­fach), aber Deutsch­land wird heu­te … Ent­schul­di­gung, ich woll­te gera­de „Deutsch­land wird heu­te von Ber­lin aus regiert“ schrei­ben, was völ­li­ger Unfug gewe­sen wäre, weil Deutsch­land nach­weis­lich nicht regiert wird. Die deut­sche Haupt­stadt ist also heu­te Ber­lin, eine Stadt, die eigent­lich gar nicht zum Rest Deutsch­lands passt: Eine Metro­po­le, von der vor allem Aus­län­der schwär­men, sie sei der Ort, an dem man jetzt sein müs­se. Gan­ze Land­stri­che in Schwa­ben und Ost­west­fa­len lie­gen ver­las­sen da, weil ihre Kin­der das Glück in der gro­ßen Stadt suchen. Von Bonn wur­de sol­ches nie berich­tet.

Am Sams­tag war ich nach rund zwan­zig Jah­ren mal wie­der in Bonn. Der ers­te Taxi­fah­rer, zu dem ich mich in Auto setz­te, konn­te nicht lesen und schrei­ben, was die Bedie­nung sei­nes Navi­ga­ti­ons­ge­räts schwie­rig mach­te. Der zwei­te muss­te sei­nen Kol­le­gen fra­gen, wo die gesuch­te Stra­ße lie­gen könn­te. Ich woll­te in eine Neu­bau­sied­lung, erstaun­lich, dass es das in Bonn gibt. Ich saß auf dem Bei­fah­rer­sitz in der freu­di­gen Erwar­tung eines Deutsch­land­bil­des vol­ler Bun­ga­lows und Gar­ten­zwer­ge, aber Bonn sah eigent­lich aus wie über­all. Für einen Moment fühl­te ich mich sehr zuhau­se.

  1. Und wie sehr das Pri­vat­le­ben von Poli­ti­kern ihr Ver­mächt­nis trü­ben kön­nen, sieht man ja etwa an John F. Ken­ne­dy und Wil­ly Brandt.[]
  2. Es gab damals – was nur die Wenigs­ten wis­sen – ein Tisch­de­cken-Mono­pol in Deutsch­land: Alle wur­den in der Fabrik eines geschäfts­tüch­ti­gen, aber latent wahn­sin­ni­gen Fans des 1. FC Köln pro­du­ziert. Bit­te zitie­ren Sie mich dazu nicht.[]
  3. Natür­lich ganz ordent­li­che Gar­ten­zwer­ge und nicht so ein pfif­fi­ges neu­mo­di­sches Exem­plar mit Mes­ser im Rücken oder ent­blöß­tem Geni­tal.[]
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Digital

Von demagogischen Zwergen

Ste­fan Nig­ge­mei­er hat ges­tern über eine freie Jour­na­lis­tin gebloggt, die in vier ver­schie­de­nen Medi­en fol­gen­de Sät­ze geschrie­ben hat­te:

Die Wet­ter­vor­her­sa­ge ist Inter­pre­ta­ti­ons­sa­che. Bei einer kom­pli­zier­ten Gemenge­la­ge kann ein- und das­sel­be Meteo­ri­ten­bild von zwei Meteo­lo­gen unter­schied­lich bewer­tet wer­den.

(Ste­fan hat sich bei der Bebil­de­rung sei­nes Ein­trags lei­der ver­tan. Wie so ein Meteo­ri­ten­bild wirk­lich aus­sieht, haben wir mal im BILD­blog gezeigt.)

Unfäl­le mit Fremd­wör­tern kön­nen beim Schrei­ben schon mal pas­sie­ren. Blöd ist halt, wenn sol­che Feh­ler in Online- und Print­me­di­en enden, weil sie nie­mand als sol­che erkennt (dass „Meteo­lo­gen“ falsch ist, hat­ten immer­hin zwei der vier Medi­en erkannt).

Was uns zu stern.de bringt:

Der demagogische Teufelskreis. Davon ist Deutschland weit entfernt und Besserung ist nicht in Sicht: Die Geburtenrate ist ebenfalls am Boden und die niedrigste in der EU. 8,3 Geburten kommen auf 1000 Einwohner. Die Bertelsmann Stiftung macht dafür die schrumpfende Elterngeneration verantwortlich, also die Menschen, die geradezu prädestiniert dazu sind, Nachwuchs zu bekommen. Und eben jene Männer und Frauen zwischen 22 und 35 Jahren werden in Deutschland auch ständig weniger. Ein demagogischer Teufelskreis: Weniger junge Eltern bekommen weniger Kinder, die Elterngeneration schrumpft weiter, bekommt noch weniger Kinder

Und zu „Spie­gel Online“:

Nach der Abstufung der USA gibt es nur noch 18 Staaten, die von S&P die Bestnote AAA erhalten, dazu zählen allerdings auch einige Steueroasen und Zwergenstaaten.

[via Tho­mas J.]

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Digital Gesellschaft

Stichwort Justizverdrossenheit

Zum Urteil, das das Land­ge­richt Frank­furt heu­te im Fall des Kin­des­ent­füh­rers und ‑mör­ders Magnus Gäf­gen gefällt hat (und bei dem Gäf­gen zu 80% „ver­lo­ren“ hat), ist im Lau­fe des Tages schon viel Unsinn geschrie­ben wor­den.

Düm­mer als der letz­te Absatz im Kom­men­tar von Chris­ti­an Den­so bei „Zeit Online“ dürf­te es unter Ein­hal­tung der Natur­ge­set­ze aber nicht mehr wer­den:

Doch selbst wenn Magnus Gäf­gen nach der neu­er­li­chen Ent­schei­dung end­lich Ruhe geben soll­te: Das Urteil des Frank­fur­ter Land­ge­richts reiht sich ein in eine beun­ru­hi­gen­de Serie von Rich­ter-Ent­schei­dun­gen „im Namen des Vol­kes“, die zwar Recht dar­stel­len mögen, aber von die­sem Volk zu gro­ßen Tei­len nicht ver­stan­den wer­den. Sei es im Fall der Siche­rungs­ver­wah­rung von Sexu­al­straf­tä­tern, bei Ent­schei­dun­gen, Jung­kri­mi­nel­le nicht in Unter­su­chungs­haft zu neh­men oder eben bei den Rech­ten, die auch einem Kinds­mör­der zuge­stan­den wer­den müs­sen. Eine Recht­spre­chung, die nur Juris­ten nach­voll­zie­hen kön­nen, bewegt sich auf unheil­vol­lem Weg.

Das Volk ver­steht also nicht, was es mit Grund- und Men­schen­rech­ten auf sich hat. Hmmm, wer könn­te es dem Volk denn erklä­ren? Man bräuch­te Men­schen, die Tex­te schrei­ben, die dann vom Volk gele­sen wer­den. Tex­te, die sau­ber recher­chiert wur­den und alle Fak­ten und Posi­tio­nen abbil­den, ohne dabei in Popu­lis­mus zu ver­fal­len. Die Autoren die­ser Tex­te bräuch­ten noch eine Berufs­be­zeich­nung – wie wäre es mit „Jour­na­lis­ten“?

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Digital

Mit der falschen Amy Winehouse durchs Internet

Es ist ja nicht so, dass die leicht­gläu­bi­gen, schlech­ten oder schlicht dum­men Men­schen aus­schließ­lich in den Redak­ti­ons­stu­ben in aller Welt säßen. Auch Medi­en­nut­zer kön­nen sich däm­lich anstel­len und über das Ziel hin­aus­schie­ßen.

Am Diens­tag berich­te­ten wir im BILD­blog von der „Abend­zei­tung“, die so unvor­sich­tig gewe­sen war, einen Arti­kel über Amy Wine­house mit einer schlech­ten Foto­mon­ta­ge zu bebil­dern, die die Sän­ge­rin mit einem Bong in der Hand zeigt und seit län­ge­rem durchs Inter­net geis­ter­te.

Unser Aus­riss aus der „Abend­zei­tung“ mach­te dar­auf­hin sei­ne eige­ne Run­de durchs Netz und fand sei­nen Weg auf die Web­site Red­dit, wo ihn ein Teil­neh­mer unter der Über­schrift „Fuck you, Dai­ly Mir­ror“ dem bri­ti­schen „Dai­ly Mir­ror“ in die Schu­he schob.

Obwohl man­che Leser frag­ten, war­um der Text im angeb­li­chen „Mir­ror“ denn auf Deutsch sei und einer sehr schnell auf das „Abend­blatt“ und unse­ren Ein­trag ver­wies, stei­ger­ten sich die meis­ten ande­ren Dis­ku­tan­ten in ihre (in ande­ren Fäl­len sicher nicht unbe­rech­tig­te) Wut auf den „Mir­ror“. Dabei fin­det sich bis­lang kein Hin­weis, dass der „Dai­ly Mir­ror“ die Foto­mon­ta­ge eben­falls ver­wen­det hat­te.

Doch die Geschich­te scheint nicht mehr zu stop­pen.

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Gesellschaft

Saufen gegen den Hunger

Ein Kum­pel von mir schrieb am Mon­tag bei Face­book:

Hab den ulti­ma­ti­ven Cha­ri­ty-Plan gefasst: Ich wer­de den glei­chen Betrag, den ich nächs­tes Wochen­en­de ver­feie­re/­ver­sau­fe/­paaar­ty-hic​ks für Afri­ka spen­den. Dann wirds zwar dop­pelt so teu­er, aber der Kater wird durch ein gutes Gewis­sen aus­ge­gli­chen…!

Ich fin­de die Idee ganz wun­der­bar, weil sie das Ange­neh­me mit dem Nütz­li­chen ver­bin­det. Wer sau­fen kann, kann bekannt­lich auch arbei­ten – war­um soll­te man also nicht beim Sau­fen Gutes tun? Und wer nicht so viel Geld hat, trinkt ein­fach nur halb so viel wie sonst und hat dabei immer noch was gespen­det und sei­ner Leber etwas Gutes getan.

Saufen gegen den Hunger — Ab 5. August bei FacebookViel mehr gibt es auch nicht zu sagen. Wir haben im spon­ta­nen Über­ei­fer ein Face­book-Event ange­legt, wie man das eben heut­zu­ta­ge so macht (grö­ße­re Men­schen­an­samm­lun­gen in irgend­wel­chen Vor­ort-Sied­lun­gen hal­ten wir für sehr unwahr­schein­lich, weil ja jeder dort Trin­ken und Fei­ern gehen soll, wo er es sowie­so täte).

Wir kön­nen und wol­len nicht über­prü­fen, ob die Teil­neh­mer sich auch tat­säch­lich an die Regeln hal­ten (die exak­ten Regeln wie „Was ist mit aus­ge­ge­be­nen Geträn­ken, aktiv wie pas­siv?“ oder „Wer­den mög­li­che Sach­schä­den auch dop­pelt ver­rech­net?“ sind noch nicht aus­dis­ku­tiert), aber wir glau­ben da ein­fach mal an das Gute im Men­schen.

Und wer spen­den will, ohne etwas zu trin­ken, kann das selbst­ver­ständ­lich auch tun.

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Digital Politik

Am längeren Hebel der Empörungsmaschine

Ges­tern schrieb Chris­toph Schwen­ni­cke einen Kom­men­tar über die unter­schied­li­chen Reak­tio­nen auf die Anschlä­ge in Nor­we­gen eben­da und in Deutsch­land. Gegen den deut­schen Poli­ti­ker, so Schwen­ni­cke, sei der paw­low­sche Hund ein „ver­nunft­be­gab­tes Wesen, das den Mut auf­bringt, sich sei­nes Ver­stan­des zu bedie­nen“.

Er frag­te:

War­um muss Poli­tik in Deutsch­land so sein? War­um muss jeder und jede jede Gele­gen­heit nut­zen, das zu sagen, was er oder sie immer schon gesagt hat? War­um kann nicht ein­fach mal Ruhe sein?

Schwen­ni­ckes Kom­men­tar hat­te „Spie­gel Online“ einen Vor­spann vor­an­ge­stellt, in dem es hieß:

Nor­we­gen hat beson­nen und ohne vor­schnel­le Schuld­zu­wei­sun­gen auf die Atten­ta­te reagiert. In Ber­lin lief dage­gen sofort die Empö­rungs­ma­schi­ne an: Geset­ze ver­schär­fen, Neo­na­zis ver­bie­ten. Kann in der deut­schen Poli­tik nicht ein­fach mal Ruhe sein?

Elf Stun­den spä­ter stell­te sich her­aus: Auch bei „Spie­gel Online“ haben sie so eine Empö­rungs­ma­schi­ne – und Chris­toph Schwen­ni­cke hat offen­sicht­lich Zugang zu ihr.

Weil Hei­ner Geiß­ler bei der Vor­stel­lung des soge­nann­ten Stress­tests zum „Stutt­gart 21“-Plan die ver­sam­mel­ten Befür­wor­ter und Geg­ner des Pro­jekts gefragt hat­te, ob sie den tota­len Krieg woll­ten, und sich hin­ter­her par­tout nicht für die­ses Goeb­bels-Zitat (das natür­lich nicht als sol­ches gekenn­zeich­net war) ent­schul­di­gen woll­te, empört sich Schwen­ni­cke:

Er soll­te jetzt, bes­ser in den kom­men­den Minu­ten oder Stun­den als erst in den nächs­ten Tagen, zur Räson kom­men und sagen: Ich habe einen Feh­ler gemacht, und dann habe ich einen noch viel grö­ße­ren Feh­ler began­gen, als ich den ers­ten Feh­ler hane­bü­chen recht­fer­ti­gen woll­te.

Das fällt schwer. Aber das muss jetzt sein. Sonst gab es ein­mal einen gro­ßen Poli­ti­ker Hei­ner Geiß­ler.

Im Vor­spann ist dies­mal von „grau­en­haf­ten Wor­ten“ die Rede – als ob die ver­damm­ten Wor­te (oder gar ihre Buch­sta­ben) etwas für die Irren könn­ten, die sich ihrer bedie­nen. (Aber das haben wir ja schon mal bespro­chen.)

Was es zur Empö­rungs­ma­schi­ne in Sachen Geiß­ler-Goeb­bels zu sagen gibt, hat Vol­ker Strü­bing zusam­men­ge­fasst.

[via Peter B. und Sebas­ti­an F.]

Nach­trag, 21.10 Uhr: BILD­blog-Leser Juan L. weist dar­auf hin, dass Schwen­ni­ckes Geiß­ler-Kom­men­tar ursprüng­lich den fol­gen­den Satz ent­hielt:

Man hört sich die Audio-Datei wie­der und wie­der an und fragt sich, wie ein Mann von der poli­ti­schen und der Lebens­er­fah­rung eines Hei­ner Geiß­ler der­art Amok lau­fen kann.

Nach Kom­men­ta­ren im Forum wur­de der Satz dann sang- und klang­los geän­dert in:

Man hört sich die Audio-Datei wie­der und wie­der an und fragt sich, wie sich ein Mann von der poli­ti­schen Erfah­rung und der Lebens­er­fah­rung eines Hei­ner Geiß­ler eine der­ar­ti­ge Ent­glei­sung leis­ten kann.

Herr Schwen­ni­cke scheint sich für sei­ne grau­en­haf­ten Wor­te nir­gend­wo ent­schul­digt zu haben.

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Musik

ZusammengeK.I.T.T.et

Saxo­phon, Cel­lo und Beat­boxing – die Kom­bi­na­ti­on klingt erst mal … äh … „inter­es­sant“.

Aber hören Sie mal, was pas­siert, wenn man in die­ser Beset­zung die Titel­mu­sik von „Knight Rider“ spielt:

Hier kli­cken, um den Inhalt von You­Tube anzu­zei­gen.
Erfah­re mehr in der Daten­schutz­er­klä­rung von You­Tube.

Die Duis­bur­ger Band Beas­ting gibt’s (natür­lich) auch bei Face­book.

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Musik Gesellschaft

Taking Oslo back

Als ich am Frei­tag Nach­mit­tag die ers­ten Bil­der aus Oslo sah, fühl­te ich mich auch per­sön­lich betrof­fen. Immer­hin war zum ers­ten Mal eine Bom­be in einer Stadt explo­diert, in der ich vor­her schon mal gewe­sen war. Es ist eine merk­wür­di­ge For­mu­lie­rung, weil es natür­lich kein Volk die­ser Erde ver­dient hät­te, aber die fried­li­chen, lie­bens­wür­di­gen Nor­we­ger hat­ten es irgend­wie ganz beson­ders wenig ver­dient.

Die Nor­we­ger reagie­ren jetzt mit dem Auf­ruf zur Ver­söh­nung, zum Frie­den und zur Lie­be, was mir einer­seits gleich noch mal das Herz bricht, die­ses aber ande­rer­seits auch wärmt. Stim­men wie die der instinkt- und wür­de­lo­sen CSU-Fal­ken, die här­te­re Sicher­heits­ge­set­ze for­der­ten, noch ehe die Lei­chen kalt waren, habe ich aus Nor­we­gen kei­ne ver­nom­men.

In zwei Wochen fin­det in Oslo das Øya-Fes­ti­val statt, das Men­schen, die schon mal dort waren, als eines der schöns­ten Fes­ti­vals über­haupt bezeich­nen. Die Orga­ni­sa­to­ren haben mit sich gerun­gen, ob sie es absa­gen soll­ten – und sich dann dage­gen ent­schie­den.

Statt­des­sen schrei­ben sie:

The last few days have been hea­vy and unre­al. Our thoughts go out to ever­yo­ne who has lost someone or in some other way has been affec­ted by the tra­ge­dy in the cent­re of Oslo and at Utøya. We send our con­do­len­ces and com­pas­si­on to the peo­p­le who are strugg­ling right now. The­se are times for mour­ning and reflec­tion, and we know that many will now have to use all their time and ener­gy on working through what has hap­pen­ed. In the midst of all this, we find it important that our city and its citi­zens shall not be bro­ken by what hap­pen­ed this weekend. Orga­nisers of con­certs and events in Oslo have joint­ly agreed that this shall not stop us. The Poli­ce, the Govern­ment and the gene­ral audi­ence have expres­sed a strong wish that Oslo resu­mes some kind of nor­ma­li­ty as soon as pos­si­ble. Tog­e­ther with the popu­la­ti­on of Oslo and visi­tors from abroad we wish to take our city back. Fes­ti­vals, con­certs and other cul­tu­ral or sports events are meant to be are­nas for com­mon expe­ri­en­ces, unity and posi­ti­ve impres­si­ons during hard times. We hope that our events can help ease the sad­ness and also be good mee­ting places in the days and weeks to come. We wish to take Oslo back by once again fil­ling it with the gre­at varie­ty of cul­tu­ral acti­vi­ties this city is known for and also by spre­a­ding a clear mes­sa­ge that our popu­la­ti­on wants to take care of each other.

Ich möch­te gleich ein gan­zes Land in den Arm neh­men.

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Print Digital Gesellschaft

Der blonde Teufel von Seite 1

Der Fuß­ball­welt­ver­band FIFA steht nicht gera­de in dem Ver­dacht, ein Ort zu sein, an dem logi­sche und ratio­na­le Ent­schei­dun­gen gefällt wer­den. Doch die FIFA hat ihren eige­nen Fern­seh­leu­ten, die etwa die Live­über­tra­gun­gen von Fuß­ball­welt­meis­ter­schaf­ten durch­füh­ren, die Anwei­sung gege­ben, mög­li­che Stö­rer im Sta­di­on nicht im Bild zu zei­gen. Was auf den ers­ten Blick nur wie die Wah­rung einer Hei­le-Welt-Fas­sa­de aus­sieht, ist in Wahr­heit viel logi­scher begrün­det: Stö­rer wol­len Öffent­lich­keit, also gilt es, die­se Öffent­lich­keit zu ver­mei­den. Von dem (kom­plett beklei­de­ten) „Flit­zer“ beim letzt­jäh­ri­gen WM-Fina­le war also in der offi­zi­el­len FIFA-Über­tra­gung fast nichts zu sehen – erst die Medi­en berich­te­ten hin­ter­her, dass es sich um jenen Spa­ni­er han­del­te, der schon beim Euro­vi­si­on Song Con­test in Oslo die Büh­ne gestürmt hat­te, und boten dem Mann damit die Büh­ne, die er mit sei­nen Aktio­nen sucht.

Jedes Mal, wenn irgend­wo in der Welt ein Schü­ler Amok läuft, über­bie­ten sich die Medi­en dar­in, dem fei­gen, arm­se­li­gen Täter das Denk­mal zu errich­ten, das er mit sei­ner Tat errich­ten woll­te. Wenn es Fotos gibt, die den spä­te­ren Täter mit Trench­coat, Son­nen­bril­le und Pis­to­le zei­gen, dann kommt das auf die Titel­sei­ten der Zei­tun­gen. Und mit­hil­fe mög­li­cher Pro­fil­sei­ten in sozia­len Netz­wer­ken wird eine Exege­se betrie­ben, die jeweils nur einen Schluss zulässt: Man hät­te es kom­men sehen müs­sen.

Jetzt also die­ser Mann, der in Oslo eine Bom­be gezün­det und auf Utøya ein Blut­bad ange­rich­tet hat. Er hat – anders als die aller­meis­ten Amok­läu­fer – nach sei­ner Tat kei­nen Selbst­mord began­gen, son­dern sich fest­neh­men las­sen. Sei­ne Ver­haf­tung sol­le den Beginn einer „Pro­pa­gan­da­pha­se“ mar­kie­ren, hat er geschrie­ben. Er hat nicht nur Video­bot­schaf­ten oder wir­re Arti­kel vor­be­rei­tet, er ist auch noch selbst da, um zu spre­chen – und er will spre­chen, das ist klar. Damit erin­nert er ein wenig an John Wil­kes Booth, der auf die Büh­ne sprang, nach­dem er Abra­ham Lin­coln in einem Thea­ter erschos­sen hat­te. Der Täter aus Nor­we­gen sucht eine Büh­ne und die Medi­en stel­len sie ihm zur Ver­fü­gung.

Kei­ne deut­sche Bou­le­vard­zei­tung kam am Mon­tag ohne ein Foto des Man­nes aus, den sie wahl­wei­se als „Mord-Maschi­ne“ („Ber­li­ner Kurier“), „Bes­tie“ („Express“) oder „Teu­fel“ („tz“, „Bild“) bezeich­ne­ten. Blät­ter wie die „Ham­bur­ger Mor­gen­post“ oder die „Abend­zei­tung“ taten ihm den Gefal­len und zeig­ten ihn in Kampf­mon­tur, mit Waf­fe im Anschlag. Ein Bild wie aus einer Wer­be­an­zei­ge für jene Com­pu­ter­spie­le, die von den glei­chen Medi­en dann ger­ne „Kil­ler­spie­le“ genannt wer­den.

Medi­en wie „Spie­gel Online“ grif­fen dank­bar die Bro­cken auf, die ihnen der Täter bei Face­book, You­Tube und in irgend­wel­chen zwie­lich­ti­gen Web­fo­ren hin­ge­wor­fen hat­te, und bas­tel­ten sich aus die­sen Infor­ma­tio­nen halb­ga­re Psy­cho­gram­me. Nicht ein­mal Lady Gaga schafft es, dass die Medi­en exakt so über sie berich­ten, wie sie sich das wünscht, doch dem Täter vom Frei­tag ist genau das gelun­gen. So wie Detec­ti­ve David Mills in „Sie­ben“ am Ende den per­fi­den Plan des Kil­lers voll­endet, erwei­sen sich die Jour­na­lis­ten jetzt als will­fäh­ri­ge Erfül­lungs­ge­hil­fen einer Pro­pa­gan­da, die sie selbst als geis­tes­krank brand­mar­ken.

Es muss schon eini­ges falsch gelau­fen sein, wenn die Stim­me der Ver­nunft aus­ge­rech­net aus dem Kör­per von Franz Josef Wag­ner spricht:

Ich glau­be, die höchs­te Stra­fe für den Atten­tä­ter wäre die Bedeu­tungs­lo­sig­keit. Nicht mehr über ihn zu berich­ten, sei­ne Fotos nicht mehr zu zei­gen, sei­ne wir­ren Ideen nicht mehr im Inter­net zu lesen.

Die­ser Typ will ja, dass alle Welt über sei­ne Mor­de berich­tet. Die Höchst­stra­fe für die­sen Psycho ist, dass er ein klei­nes Arsch­loch ist.

(Wag­ners Wor­te erschie­nen natür­lich in einer Zei­tung, die die­ses „klei­ne Arsch­loch“ heu­te vier Mal zeigt, davon ein­mal groß auf der Titel­sei­te. Und einen Tag, nach­dem Wag­ner sei­ne „Post“ an den Täter adres­siert hat­te.)

Der Täter hat dar­über hin­aus ein „Mani­fest“ von 1.516 Sei­ten ver­fasst. Es dürf­te (wie die meis­ten „Mani­fes­te“ die­ser Art) eine eher freud­lo­se Lek­tü­re abge­ben. Und es stellt die poten­ti­el­len Leser (also mut­maß­lich vor allem Jour­na­lis­ten) vor die Fra­ge, wie sie mit der Ideo­lo­gie des Täters umge­hen sol­len.

Mög­lich­keit Eins ist der Klas­si­ker, der bereits in vol­lem Gan­ge ist: Die Dämo­ni­sie­rung. Men­schen, die Jugend­li­che in einem Feri­en­la­ger erschie­ßen, klei­ne Kin­der miss­brau­chen oder die Erobe­rung Euro­pas und die Aus­lö­schung aller Juden pla­nen, sind eine enor­me Her­aus­for­de­rung für das mensch­li­che Gehirn. Ein­fa­cher wird es, wenn die Tat von einer „Bes­tie“ oder einer „Mord-Maschi­ne“ ver­übt wird – dann kann man sich im Lehn­stuhl zurück leh­nen und das Grau­en beob­ach­ten wie eine Natur­ka­ta­stro­phe. Solan­ge wir die Deu­tungs­ho­heit dar­über haben, wer Mensch ist und wer nicht, haben wir zumin­dest ein mini­ma­les Rest­ge­fühl von Kon­trol­le. Des­we­gen ist es so ver­lo­ckend, Täter in außer­mensch­li­che Kate­go­rien ein­zu­sor­tie­ren.

Mög­lich­keit Zwei wäre die inhalt­li­che Aus­ein­an­der­set­zung. Sie ist tech­nisch (im Sin­ne von „in den meis­ten mensch­li­chen Gehir­nen“) unmög­lich, weil sie von einer ein­ge­bau­ten Moral­sper­re blo­ckiert wird. Das theo­re­ti­sche Gere­de vom „Kul­tur­mar­xis­mus“ (aktu­ell) oder der „Juden­ras­se“ (his­to­risch) taugt nicht mal als Arbeits­hy­po­the­se, die man argu­men­ta­tiv wider­le­gen könn­te, weil es prak­tisch zur Legi­ti­ma­ti­on von Taten her­an­ge­zo­gen wur­de, die jeder Mensch, der noch alle Tas­sen im Schrank hat, ver­ur­tei­len muss.

Muss man das „Mani­fest“ also lesen und bespre­chen? Dafür sprä­che, dass der Täter dar­in recht weit ver­brei­te­te Ängs­te auf­greift, etwa vor einer „Über­frem­dung“ und einem „Iden­ti­täts­ver­lust“. Es sind die glei­chen Ängs­te, die auch von isla­mo­pho­ben Hass­blogs bedient wer­den, die mit Stim­mun­gen und fal­schen Fak­ten han­tie­ren, oder von Poli­ti­kern ver­schie­de­ner Par­tei­en. Des­we­gen wer­den jetzt Logik­ket­ten geknüpft, die Thi­lo Sar­ra­zin, Hen­ryk M. Bro­der und ande­re Laut­spre­cher in einen direk­ten oder indi­rek­ten Zusam­men­hang mit dem nor­we­gi­schen Mas­sen­mör­der set­zen. Das ist unge­fähr so bil­lig wie die Argu­men­ta­ti­ons­wei­se der Gegen­sei­te, die eine direk­te Linie vom Koran zum isla­mis­ti­schen Ter­ror zie­hen will. Dabei ist Bro­der nur ein Bor­der­line-Komi­ker, der sich auch die rech­te Hand abha­cken wür­de für eine bil­li­ge Poin­te, ein biss­chen Applaus und viel Auf­ruhr.

Gegen die aus­führ­li­che Exege­se des Mani­fests spricht, dass es nie jemand gele­sen hät­te, wenn sein Autor nicht durch ein die Vor­stel­lungs­kraft her­aus­for­dern­des Ver­bre­chen dar­auf auf­merk­sam gemacht hät­te. Es ist ein per­ver­ser PR-Plan eines offen­sicht­lich kran­ken Man­nes und die Medi­en tun alles, um die­sen Plan auf­ge­hen zu las­sen.

Die Medi­en­be­richt­erstat­tung, die sich nach Ver­bre­chen so häu­fig auf die Täter kon­zen­triert, mag eine kathar­ti­sche Wir­kung haben. Wir füh­len uns bes­ser, wenn wir den immer freund­li­chen Nach­barn und Sach­be­ar­bei­ter, der einen klei­nen Jun­gen miss­braucht und getö­tet hat, anschlie­ßend als „Schwein“ bezeich­nen, und viel­leicht glau­ben Jour­na­lis­ten tat­säch­lich, dass es irgend­et­was ändern oder irgend­wie hel­fen kann, ihn in einem unschar­fen Foto für jeden erkenn­bar auf der Titel­sei­te zu zei­gen. Doch es ist vor allem ein Aus­druck von Hilf­lo­sig­keit (die völ­lig okay ist, sich nur viel­leicht nicht unbe­dingt in Zei­tungs­ti­tel­sei­ten nie­der­schla­gen soll­te) – und im Fall von wahn­haf­ten Mas­sen­mör­dern ist es sogar eine Form von Mit­tä­ter­schaft.

Ich glau­be, heu­te muss ich Franz Josef Wag­ner ein­fach mal voll­um­fäng­lich zustim­men.

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Betr.: Norwegen, Amy Winehouse

Wenn ich hier auf­schrie­be, was ich in den letz­ten 48 Stun­den am liebs­ten mit einer Viel­zahl Jour­na­lis­ten ange­stellt hät­te, wür­de man mich als „Hass­blog­ger“ bezeich­nen. Ver­mut­lich nicht ganz zu unrecht.

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Man wird sprachlos

In der ARD läuft heu­te um 23.30 Uhr eine Doku­men­ta­ti­on über die letzt­jäh­ri­ge Love­pa­ra­de in Duis­burg, bei der bei einer Mas­sen­pa­nik 21 Men­schen gestor­ben sind und mehr als 500 ver­letzt wur­den. Der WDR bewirbt die­se Doku, indem er seit Tagen via Pres­se­mit­tei­lung ein­zel­ne O‑Töne von Ver­ant­wort­li­chen in die Ver­wer­tungs­ket­te gibt.

Ver­gan­ge­ne Woche warf er Zita­te des Duis­bur­ger Ober­bür­ger­meis­ters Adolf Sau­er­land unters Volk:

„Ich habe mir immer gesagt: Du musst so lan­ge durch­hal­ten, bist du allen zei­gen kannst, dass die­se Kata­stro­phe nicht durch dein Ver­hal­ten ent­stan­den ist“, erklärt Adolf Sau­er­land. Er habe am Anfang das Gefühl gehabt, wenn er sich ent­schul­di­ge, wer­de er auto­ma­tisch für das Unglück ver­ant­wort­lich gemacht. „Und das hat dazu geführt, dass man sprach­los wird.“

Ges­tern kam Rai­ner Schal­ler, Ver­an­stal­ter der Love­pa­ra­de, zu Wort:

Zum ers­ten Mal äußert sich Schal­ler im Film auch zur Pro­ble­ma­tik des Tun­nels als ein­zi­gem Ein- und Aus­gang zum Ver­an­stal­tungs­ge­län­de: „Man hat Mona­te geplant, und für mich ist es natür­lich ein Rät­sel, wie man das über Mona­te gemein­sam nicht hat sehen kön­nen. Das ist etwas, was ich mich bis heu­te fra­ge: Wie konn­te man das nicht sehen?“

Ist Ihnen an der Wort­wahl der bei­den Her­ren etwas auf­ge­fal­len?

Um mal Ben­ja­min von Stuck­rad-Bar­re zu zitie­ren:

Das ers­te, was einem ein Psy­cho­the­ra­peut bei­bringt: Sagen Sie nicht „man“, sagen Sie „ich“. Das ers­te, was man als Pro­fi­po­li­ti­ker wahr­schein­lich lernt: öfter mal „man“ sagen, dann kann nichts groß pas­sie­ren.