Man wird sprachlos

Von Lukas Heinser, 13. Juli 2011 11:01

In der ARD läuft heute um 23.30 Uhr eine Dokumentation über die letztjährige Loveparade in Duisburg, bei der bei einer Massenpanik 21 Menschen gestorben sind und mehr als 500 verletzt wurden. Der WDR bewirbt diese Doku, indem er seit Tagen via Pressemitteilung einzelne O-Töne von Verantwortlichen in die Verwertungskette gibt.

Vergangene Woche warf er Zitate des Duisburger Oberbürgermeisters Adolf Sauerland unters Volk:

„Ich habe mir immer gesagt: Du musst so lange durchhalten, bist du allen zeigen kannst, dass diese Katastrophe nicht durch dein Verhalten entstanden ist“, erklärt Adolf Sauerland. Er habe am Anfang das Gefühl gehabt, wenn er sich entschuldige, werde er automatisch für das Unglück verantwortlich gemacht. „Und das hat dazu geführt, dass man sprachlos wird.“

Gestern kam Rainer Schaller, Veranstalter der Loveparade, zu Wort:

Zum ersten Mal äußert sich Schaller im Film auch zur Problematik des Tunnels als einzigem Ein- und Ausgang zum Veranstaltungsgelände: „Man hat Monate geplant, und für mich ist es natürlich ein Rätsel, wie man das über Monate gemeinsam nicht hat sehen können. Das ist etwas, was ich mich bis heute frage: Wie konnte man das nicht sehen?“

Ist Ihnen an der Wortwahl der beiden Herren etwas aufgefallen?

Um mal Benjamin von Stuckrad-Barre zu zitieren:

Das erste, was einem ein Psychotherapeut beibringt: Sagen Sie nicht „man“, sagen Sie „ich“. Das erste, was man als Profipolitiker wahrscheinlich lernt: öfter mal „man“ sagen, dann kann nichts groß passieren.

10 Kommentare

  1. jensen
    13. Juli 2011, 12:14

    Ist doch mittlerweile ne Art Volkskrankheit, dieses „Man-Sagen“. Auch bei Fußballern und deren Trainern ganz schlimm. Keiner lässt mehr was an sich ran, bloß immer schön distanzieren. Geht mir gehörig auf die Nerven, gerade weil ich mich auch schon dabei erwischt habe, wie man es selbst macht.

  2. PabloD
    13. Juli 2011, 12:51

    >>>Geht mir gehörig auf die Nerven, gerade weil ich mich auch schon dabei erwischt habe, wie man es selbst macht.

    Freudscher Versprecher oder Absicht?

  3. jensen
    13. Juli 2011, 13:01

    Sowas macht man in solchen Situation doch nicht aus Versehen.

  4. PabloD
    13. Juli 2011, 14:40

    Ich hatte es ja auch gehofft, aber man sieht leider immer wieder so viele Gegenbeispiele in diesem Internet.

  5. janosch
    13. Juli 2011, 16:59

    feiner artikel vom stuckrad-barre.
    interviewen kann er gut.

  6. Friedemann
    13. Juli 2011, 18:41

    Bei zu Guttenbergs Doktorarbeit hat man sich auch übernommen, und zwar nur man, sonst niemand, man dachte sogar, man könnte es schaffen, aber man musste einsehen…

    Bemitleidenswerter letzter Versuch der Verdrängung des Ichs aus einer inakzeptablen Realität.

  7. Links anne Ruhr (15.07.2011) » Pottblog
    15. Juli 2011, 5:24

    […] Man wird sprachlos (Coffee And TV) – Lukas Heinser weist auf interessante Parallelen bei Adolf Sauerland, dem umstrittenen Oberbürgermeister von Duisburg, und Rainer Schaller, dem Loveparade-Veranstalter Lopavent, hin. […]

  8. Phorkyas
    19. Juli 2011, 12:16

    Man kann auch leicht mit dem Finger auf ihn zeigen. Ich wollte nicht in seiner Haut stecken.
    (nicht nur wegen der Anfeindungen.. und wahrscheinlich auch Morddrohungen, sondern auch weil schon diese „man“s zeigen, wie unmöglich man sich diese Schuld einzugestehen – kann man ihn nicht einfach in Ruhe lassen?)

  9. Styleagent
    24. Juli 2011, 8:41

    Treffend beobachtet und beschrieben: Die sehr überlegte Wortwahl der beiden zitierten Herren. Ihre Flucht vom „ich“ zum „man“ ist weit verbreitet. Jeder, der Verantwortung trägt, würde gut daran tun, ich zu sagen. Aber bei einer solchen Katastrophe, in einer derartigen Ausnahmesituation, nach so langer Zeit kann nach m. E. niemand in verantwortlicher Position noch rechte Worte finden?

  10. Coffee And TV: » Man hat sich entschuldigt
    25. November 2011, 13:10

    […] unserer beliebten Reihe “Öfter mal ‘man’ sagen” heute zu Gast: Karl-Theodor zu Guttenberg, […]