Kategorien
Rundfunk

TV-Tipp: Stromberg

Wir hat­ten uns ja neu­lich mit dem Phä­no­men der Fremd­scham beschäf­tigt. Der Groß­meis­ter der Fremd­scham ist Ralf Hus­mann, der Autor von Fern­seh­se­ri­en wie „Strom­berg“, „Dr. Psycho“ oder „Der klei­ne Mann“. Hus­mann schafft es – und da ist er einer der ganz weni­gen – dass ich kör­per­lich auf sein Werk reagie­re und zwar der­ge­stalt, dass ich mir Augen und Ohren zuhal­ten muss, wäh­rend ich gleich­zei­tig ver­su­che, mei­ne Hän­de abzu­na­gen. Ich habe ent­spre­chend wenig vom Werk des theo­re­tisch sehr geschätz­ten Herrn Hus­mann gese­hen.

Da Leid in der Grup­pe bekannt­lich leich­ter zu ertra­gen ist, war es eine her­vor­ra­gen­de Idee der Pro­duk­ti­ons­fir­ma Brain­pool, die ers­ten vier Fol­gen der neu­en „Stromberg“-Staffel in gro­ßen, vol­len Kino­sä­len zur Auf­füh­rung zu brin­gen. So konn­te ich vor drei Wochen im Bochu­mer UCI end­lich auch mal wie­der die Serie sehen – und was soll ich sagen: es hat gro­ßen, gro­ßen Spaß gemacht.

Und obwohl ich vor­her noch nie laut bei „Strom­berg“ gelacht habe, funk­tio­niert es jetzt, wo ich die Erfah­rung ein­mal gemacht habe, auch noch im Nach­hin­ein, beim Wie­der­an­se­hen:

[Stel­len Sie sich an die­ser Stel­le bit­te vor, der ver­link­te Video­clip wäre hier ins Blog ein­ge­bun­den.]

Heu­te star­tet die fünf­te Staf­fel auf Pro Sie­ben und wenn ich mich ganz stark füh­le, wer­de ich mir die Fol­gen, die ich noch nicht gese­hen habe, auch noch allei­ne auf dem hei­mi­schen Sofa zu Gemü­te füh­ren, um zu sehen, wie es wei­ter­geht mit Strom­berg und Jen­ni­fer, mit Ernies reli­giö­sem Wahn und mit Strom­bergs Kar­rie­re.

Da ich nie län­ger als eine Woche am Stück in einem Büro gear­bei­tet habe, kann ich schlecht beur­tei­len, wie rea­lis­tisch die gan­zen Sze­na­ri­en sind, aber nach dem, was ich von Leu­ten gehört habe, die tat­säch­lich in Ver­si­che­run­gen, Ver­wal­tun­gen oder im Öffent­li­chen Dienst beschäf­tigt sind, erscheint mir das alles recht unter­trie­ben.

Strom­berg
Ab heu­te jeden Diens­tag
Um 22.10 Uhr auf Pro Sie­ben

Kategorien
Digital Unterwegs

Ich will Dich treffen, wo es am schönsten war

New York, NY

Face­book macht mein Inter­net kaputt. Wann immer mir etwas halb­wegs beson­de­res wider­fährt oder ich etwas tol­les ent­de­cke, pos­te ich das bei Face­book und dann ist gut. Des­we­gen ver­waist die­ses Blog lang­sam aber sicher und wird nur noch befüllt, wenn sich bei mir genug nega­ti­ve Ener­gie ange­sam­melt hat. Das ist nicht gut.

Mar­kus Herr­mann ali­as Herm, der uns zum Bei­spiel das Oslog und das Dus­log so schön tape­ziert hat, war letz­te Woche in New York. Er hat unge­fähr alles, was er dort erlebt hat (dach­te ich zunächst, waren aber nur zehn Pro­zent des­sen), bei Face­book geteilt, sich hin­ter­her aber auch noch die Mühe gemacht, das aus­führ­li­cher im Blog zu beschrei­ben.

Er war in zahl­rei­chen Fern­seh­stu­di­os, bei Goog­le, an jeder denk­ba­ren Tou­ris­ten­at­trak­ti­on und hat Mark Hop­pus, Conan O’Bri­en und Elmo aus der Sesam­stra­ße getrof­fen. Ihm sind die unglaub­lichs­ten Din­ge pas­siert und man sieht beim Lesen förm­lich, wie er da mit gro­ßen Augen durch die Gegend tappst.

Womög­lich fin­de ich das alles beson­ders toll, weil ich Herms Begeis­te­rung für Pop­kul­tur und die USA tei­le (letz­te­res ein biss­chen ein­ge­schränkt, aber – love them or hate them – irgend­wie kann man sich dem ja nicht ent­zie­hen) und ich fast auf den Tag genau fünf Jah­re vor ihm in New York war und vie­les ganz ähn­lich erlebt habe.

In jedem Fall wäre es viel zu scha­de, wie­der nur auf den „Gefällt mir“-Button zu kli­cken. Des­we­gen sei­en Ihnen die Ein­trä­ge aus New York aus­drück­lich auch hier im Blog emp­foh­len:

Herm in New York

Kategorien
Gesellschaft Rundfunk Print

Auf der Straße zur Ironie-Hölle

„Iro­ny is over. Bye bye.“
(Pulp – The Day After The Revo­lu­ti­on)

In der „Zeit“ von letz­ter Woche beschreibt Nina Pau­er zwei post­mo­der­ne Phä­no­me­ne: das der Fremd­scham und der Iro­nie. Anhand von Cas­ting- und Kup­pel­shows, von „Bad Taste“-Partys und „Bra­vo Hits“ ver­han­delt sie das Zele­brie­ren von Din­gen, die man eigent­lich ver­ab­scheut. Die Über­schrift „Wenn Iro­nie zum Zwang wird“ ver­knappt den sehr lesens­wer­ten Arti­kel lei­der etwas, denn tat­säch­lich geht es hier um zwei Phä­no­me­ne mit ähn­li­chen Sym­pto­men und einer gewis­sen Schnitt­men­ge.

Da sind zum einen die Fern­seh­shows, die ähn­lich funk­tio­nie­ren wie der sprich­wört­li­che Auto­un­fall: Sie zie­hen ihre Fas­zi­na­ti­on aus dem „Grau­en“, des­sen sich der Zuschau­er nicht erweh­ren kann. Cas­ting­shows möch­te ich mal aus­klam­mern, die sehe ich nicht (mehr). Vie­le wer­den offen­bar von zutiefst ver­bit­ter­ten Zyni­kern ver­ant­wor­tet, die im Leben nicht die Eier hät­ten, sich vor drei Leu­te (geschwei­ge denn eine Fern­seh­ka­me­ra) zu stel­len, um ein Lied zu sin­gen. Ihnen sol­len die Fuß­nä­gel ein­wach­sen und die Haa­re aus­fal­len. 1 Die Part­ner­su­chen bei „Bau­er sucht Frau“ oder „Schwie­ger­toch­ter gesucht“ mögen ähn­lich zynisch pro­du­ziert sein, las­sen mei­nes Erach­tens aber auch Raum für mehr.

Wenn sich heu­te Men­schen auf der Couch oder im Inter­net ver­sam­meln, um gemein­sam „Bau­er sucht Frau“ zu schau­en (und vor allem zu bespre­chen), dann machen sie dabei Din­ge, die Men­schen seit Jahr­tau­sen­den tun: So hof­fen sie auf den kathar­ti­schen Effekt von „Jam­mer und Schau­der“, den schon Aris­to­te­les in sei­ner „Poe­tik“ beschrie­ben hat – nur, dass sich Aris­to­te­les unter „Jam­mer und Schau­der“ etwas ande­res vor­ge­stellt hat als gel­be Pull­over und Zun­gen­wurst­bro­te. Auch war es in frü­he­ren Jahr­hun­der­ten ein belieb­ter Zeit­ver­treib der Ober­schicht, sich die Leu­te, die in einem damals so genann­ten „Irren­haus“ ein­sa­ßen, anzu­se­hen wie Tie­re im Zoo.

Heu­te sind die Opfer die­ser Besich­ti­gun­gen nicht mehr „irre“, son­dern „pein­lich“, was ein noch sub­jek­ti­ve­res Urteil ist. Nie­mand, der noch alle Tas­sen im Schrank hat, wür­de auf die Idee kom­men, aufs Land zu fah­ren um Bau­ern beim Braut­wer­ben zuzu­se­hen, aber wenn RTL das schon mal gemacht hat, kann man sich das ja mal anse­hen. Das Prin­zip gleicht dem des „delightful hor­ror“, der sich ein­stellt, wenn man aus dem Lehn­stuhl her­aus die Schil­de­run­gen von uner­klär­li­chen Phä­no­me­nen oder bru­ta­len Ver­bre­chen in den Büchern der Schau­er­ro­man­tik liest – nur, dass wir heu­te selbst fest­le­gen, wovor es uns schau­dert.

* * *

Nina Pau­er schreibt:

Pünkt­lich um 20.15 Uhr for­mie­ren sich die Abitu­ri­en­ten, Stu­den­ten, Dok­to­ran­den oder viel­ver­spre­chen­den Berufs­ein­stei­ger zu einem ver­gnüg­ten Publi­kum, das bei Chips und Süßig­kei­ten nichts ande­res tut, als sich der lust­vol­len Kon­trär­fas­zi­na­ti­on des Schlim­men hin­zu­ge­ben. „Wie pein­lich ist das denn?!“, kreischt der Chor, den Zei­ge­fin­ger kol­lek­tiv auf den Fern­se­her gerich­tet.

Ich bin auch öfters Teil sol­cher Run­den, wenn RTL (wie aktu­ell) wie­der ein­mal Schwie­ger­töch­ter und Bau­ern­frau­en sucht. Alle Teil­neh­mer wür­de ich als durch­aus auf­ge­klär­te Men­schen mit einem rei­nen Her­zen bezeich­nen, Zyni­ker sind kei­ne dabei. Gera­de des­halb habe ich mich schon öfter gefragt, ob es mora­lisch eigent­lich ver­ant­wort­bar ist, die­se Sen­dun­gen zu gucken und zu kom­men­tie­ren.

Grund­sätz­lich könn­te man erst ein­mal sagen, dass es kein Opfer im klas­si­schen Sin­ne gibt – die Kan­di­da­ten krie­gen mög­li­che böse Kom­men­ta­re ja gar nicht mit. 2 Auch das Begu­cken die­ser Men­schen erfolgt ja nur aus zwei­ter Hand – das Kind ist schon in den Brun­nen gefal­len, also kann man es sich auch anse­hen. Letz­te­res ist natür­lich Quatsch: Wenn nie­mand mehr hin­se­hen wür­de, wie RTL Kin­der in den Brun­nen schmeißt, wür­de der Sen­der sicher damit auf­hö­ren. Und man muss sich ja auch kei­ne töd­li­chen Unfäl­le im Renn­sport anse­hen, nur weil sie auf Video gebannt sind.

Ich glau­be nicht, dass die Gering­schät­zung ande­rer die Haupt­mo­ti­va­ti­on ist, sol­che Sen­dun­gen zu sehen – der Reiz ent­steht aus dem Gemein­schafts­ge­fühl her­aus, was man als bil­li­ges Mit­tel zur Fra­ter­ni­sie­rung abtun, aber auch neu­tral oder posi­tiv wer­ten kann. Kaum jemand möch­te oder kann so eine Sen­dung allei­ne sehen. Dar­über hin­aus ist es ja auch so, dass das Stirn­run­zeln über Flie­sen­ti­sche, Tief­kühl­piz­zen und Kose­na­men nicht all­zu lang eine befrie­di­gen­de Frei­zeit­be­schäf­ti­gung abgibt. Wenn ich eine Sen­dung nur schlimm fän­de, wür­de ich sie nicht gucken. 3 Bei „Bau­er sucht Frau“ gibt es aber immer wie­der rüh­ren­de Ele­men­te, in denen das bes­ser­wis­se­ri­sche Lachen ech­tem Mit­ge­fühl weicht. 4

Als Vera Int-Veen im Febru­ar den „Reg­a­lauf­fül­ler“ Ste­fan an die Frau zu brin­gen ver­such­te, war das nicht mehr im Min­des­ten wit­zig: Der Mann hat­te so offen­sicht­li­che Pro­ble­me, sich zu arti­ku­lie­ren und mit den Situa­tio­nen zurecht zu kom­men, in denen ihn das Pro­duk­ti­ons­team plat­ziert hat­te, dass die Arsch­loch­haf­tig­keit der Macher alles ande­re über­strahl­te. In der aktu­el­len Staf­fel von „Bau­er sucht Frau“ geht der bis­her größ­te Fremd­scham­mo­ment auf das Kon­to von Mode­ra­to­rin Inka Bau­se: Zum ers­ten Mal sucht ein homo­se­xu­el­ler Bau­er einen, ja: Mann und Bau­se war von der Situa­ti­on so offen­sicht­lich über­for­dert, dass sie ihn mit den Wor­ten ansprach: „Du bist ja hier der ers­te Bau­er Dei­ner Art.“ Als der „pflei­ßi­ge Pfer­de­wirt“ ganz locker „Der ers­te schwu­le Bau­er, ja“, ant­wor­te­te, frag­te Bau­se noch ein­mal nach, ob sie „das so sagen“ dür­fe. So schlimm kön­nen zehn­tau­send Zun­gen­küs­se bei offe­nem Mund nicht sein.

* * *

Ich glau­be übri­gens, dass die­se Kup­pel­shows auch mit Kan­di­da­ten funk­tio­nie­ren wür­den, die den Zuschau­ern deut­lich ähn­li­cher sind: 5 Lie­be und vor allem ihre Anbah­nung ist nie cle­ver. 6 Im Leben geht es fast nie zu wie bei „Ally McBe­al“ oder bei „Bridget Jones“, wo sich gut­aus­se­hen­de Men­schen im leich­ten Schnee­fall auf offe­ner Stra­ße küs­sen, nach­dem sie eine geist­rei­che Bemer­kung gemacht haben.

Vor vie­len Jah­ren, in der Dai­ly Soap „Unter uns“, schrieb die Per­son der Ute, die damals frisch in die Schil­ler­al­lee zurück­ge­kehrt war, einen Brief an ihren spä­te­ren Ehe­mann Till, in dem sie erklär­te, sie sei der­art ver­liebt, dass sie bei jedem Lie­bes­lied im Radio mit­sin­gen müs­se, auch bei den Schla­gern, die sie frü­her immer pein­lich und doof gefun­den habe. 7 Das, mei­ne Damen und Her­ren, ist Lie­be! Sie ist pein­lich, aber ohne wären wir nicht hier.

* * *

Doch zurück zur „Fremd­scham“ und zum „Pein­li­chen“, das Nina Pau­er beschreibt: Ande­re Leu­te pein­lich fin­den ist eine Emo­ti­on, die meist in der Puber­tät erst­ma­lig auf­taucht und dann vor allem gegen die eige­nen Eltern gerich­tet ist. Das ist von der Natur so gewollt: Das Leben beschert einem so ein paar Jah­re unbe­schwer­ter Frei­heit und sinn­lo­ser Frei­heits­kämp­fe, ehe die Erkennt­nis ein­kehrt, dass bio­lo­gi­sche Ver­an­la­gung und Erzie­hung mäch­ti­ger sind als jedes Scham­ge­fühl und man natür­lich wie die eige­nen Eltern gewor­den ist. Als aus­glei­chen­de Gerech­tig­keit fin­den einen dann zwan­zig Jah­re spä­ter die eige­nen Kin­der pein­lich.

Sich für eine ande­re Per­son zu schä­men, ist aber auch eine weit­ge­hend irra­tio­na­le Reak­ti­on, zumal, wenn man in kei­ner­lei per­sön­li­cher Ver­bin­dung zu die­ser Per­son steht. Die wis­sen­schaft­li­che Erfor­schung die­ses Phä­no­mens steht aller­dings noch ziem­lich am Anfang.

Nina Pau­er führt aus:

Als gemein­sa­mes Ritu­al wirkt die Fremd­scham wie eine Kom­pen­sa­ti­on der indi­vi­du­el­len Angst, die ansons­ten über­all lau­ert. Denn wie schwer ist es, die­sem all­ge­gen­wär­ti­gen Adjek­tiv „pein­lich“, das unse­re Zeit bestimmt, zu ent­rin­nen! Nahe­zu unmög­lich und vor allem furcht­bar anstren­gend ist es gewor­den, im weit und sub­til ver­äs­tel­ten ana­log-vir­tu­el­len Netz­werk stets die Balan­ce aus läs­si­gem Under­state­ment, hüb­scher Iro­nie und gleich­zei­ti­ger Selbst­ver­mark­tung zu pfle­gen. Die Codes sind unend­lich: Mit dem neu­es­ten Smart­phone prah­len? Pein­lich! Immer noch kei­nes haben? Pein­lich! Zucker­sü­ße Pär­chen­fo­tos auf Face­book ver­öf­fent­li­chen? Pein­lich! Das eige­ne Mit­tag­essen abfo­to­gra­fie­ren, den Stolz über den neu­en Job all­zu offen­sicht­lich zei­gen? Zu vie­le Freun­de haben? Zu weni­ge? Pein­lich, pein­lich! Musik hoch­la­den, die alle schon ken­nen? Musik hoch­la­den, die nie irgend­wer kennt? PEINLICH!

Wenn tat­säch­lich alles pein­lich ist, man also in jeder Situa­ti­on nur ver­lie­ren kann, ist ja alles wie­der völ­lig nivel­liert und man kann nur gewin­nen.

Frau Pau­er nutzt die­se Pas­sa­ge aber, um von der Fremd­scham zur „insze­nier­ten Fremd­scham“ und damit zur Iro­nie zu kom­men. Iro­nie, das lernt man irgend­wann als Kind, ist das Gegen­teil von dem zu sagen, was man meint – also eigent­lich das, was man vor­her als „Lügen“ ken­nen­ge­lernt hat und was man nicht tun soll­te. Das trifft den Sach­ver­halt zwar nur zum Teil, ist aber das, was sich die aller­meis­ten Men­schen unter „Iro­nie“ vor­stel­len und es ent­spre­chend prak­ti­zie­ren. Das ist natür­lich ster­bens­lang­wei­lig.

Als Tra­vis im Jahr 2000 anfin­gen, „Baby One More Time“ von Brit­ney Spears auf ihren Kon­zer­ten zu covern, gin­gen vie­le erst ein­mal von Iro­nie aus. Aber Fran Hea­ly, der das Lied mit viel Inbrunst vor­trug, sag­te, sie hät­ten den Song ein­fach nach­ge­spielt, weil sie ihn so schön fan­den. Und tat­säch­lich wäre es auch dann noch ein schö­nes Lied, wenn Kom­po­nist und Tex­ter Max Mar­tin sich beim Schrei­ben über die Nai­vi­tät und Dumm­heit sei­nes Lyri­schen Ichs kaputt gelacht hät­te.

„Iro­ny is cer­tain­ly not some­thing I want to be accu­sed of“, hat Craig Finn, der Sän­ger mei­ner Lieb­lings­band The Hold Ste­ady, mal gesagt und ich fin­de auch, dass Lied­tex­te mög­lichst auf­rich­tig sein soll­ten. 8 Dann besteht zwar schnell wie­der die Gefahr der Fremd­scham, aber damit muss man klar kom­men. Man kann das Werk ver­ur­tei­len, soll­te dem Künst­ler aber Respekt zol­len.

Die Zeit der iro­nisch gemein­ten Bei­trä­ge beim Euro­vi­si­on Song Con­test, die not­wen­dig war, um das schnar­chi­ge Schla­ge­re­vent der 1990er Jah­re zu ent­stau­ben, ist ja inzwi­schen zum Glück auch wie­der vor­bei. Als ich im Mai von jetzt.de zum Dus­log inter­viewt wur­de, war der Repor­ter sehr ver­ses­sen dar­auf, uns eine iro­ni­sche Hal­tung zum Grand Prix zu unter­stel­len. Natür­lich kann man die musi­ka­li­schen Bei­trä­ge nicht alle ernst neh­men, 9 aber wenn ich die Ver­an­stal­tung in Oslo schei­ße gefun­den hät­te, wäre ich sicher kein zwei­tes Mal hin­ge­fah­ren.

* * *

Natür­lich soll­te man sich selbst und die Welt nicht zu ernst neh­men, aber man soll­te auch nicht bis zur Selbst­ver­leug­nung mit den Augen zwin­kern. Ich könn­te schlicht kei­ne Musik hören, die ich nicht mag, kei­ne Kla­mot­ten (oder gar Fri­su­ren oder Gesichts­be­haa­run­gen) tra­gen und auch nichts in mei­ne Woh­nung stel­len oder hän­gen, was ich nicht irgend­wie gut fin­de. „We Built This City“ von Star­ship ist einer der kano­nisch schreck­lichs­ten Songs der Musik­ge­schich­te, aber irgend­et­was spricht das Lied in mir an – und das mei­ne ich nicht auf die „So schlecht, dass es schon wie­der gut ist“-Art. Ande­rer­seits wür­de ich nie in Skin­ny Jeans rum­lau­fen, weil ich die ein­fach mords­un­be­quem fin­de.

Ben­ja­min von Stuck­rad-Bar­re hat schon 1999 einen Text über Iro­nie ver­fasst, 10 in dem er von der „Drü­ber­lus­tig­mach­müh­le“ schreibt und dann eine Fra­ge auf­wirft, die er sich sogleich selbst beant­wor­tet:

Ten­nis­so­cken sind fürch­ter­lich, kei­ne Fra­ge, aber ist nicht das zwangs­ver­ord­ne­te Drü­ber­la­chen noch schlim­mer? Und dann tra­gen also Leu­te wie­der Ten­nis­so­cken, aus Pro­test, und das ist viel­leicht zu ver­ste­hen, aber ja auch so krank, weil sie damit also, nur der Abgren­zung wegen, schlim­me Socken tra­gen. Und dann nicht ein­fach still die­se Socken dünn­lau­fen, son­dern tat­säch­lich ERKLÄREN, war­um sie die tra­gen, um sich zumin­dest, oh ja, INHALTLICH zu unter­schei­den von jenen, die die­se Socken nicht schon wie­der, son­dern immer noch tra­gen. Irgend­wie muß man die Neu­zeit ja rum­krie­gen.

Im „Zeit“-Artikel steht die­ses aktu­el­le Bei­spiel:

In engen brau­nen Män­ner­slips über rosa Trai­nings­an­zü­gen aus Bal­lon­sei­de trifft man sich, am bes­ten mit einem allein zum Zweck der Par­ty gewach­se­nen fie­sen Schnau­zer im Gesicht, zum Dosen­ste­chen in der Küche.

Noch bevor die Hips­ter so genannt wur­den, gab es den „Iro­ny-Schnäuz“. Irgend­wann gab es dann die iro­nisch gebro­che­nen Hips­ter, die ech­te Hips­ter eigent­lich schei­ße fan­den, aber genau­so rum­lie­fen. Der Schnauz­bart war zu die­sem Zeit­punkt schon min­des­tens zwei Mal umge­deu­tet wor­den, aber da geht sicher noch mehr. Nur: War­um?

In einem Text aus dem Juli 1999 11 beklagt sich Max Goldt über Men­schen, die eine gol­de­ne Schall­plat­te oder eine Urkun­de auf der Gäs­te­toi­let­te plat­zie­ren:

So wird die Toi­let­te zum Ort der Insze­nie­rung von Selbst­iro­nie, einer Eigen­schaft, die in der west­li­chen Zivi­li­sa­ti­on hoch im Kurs steht. Des­halb ist es erheb­lich eit­ler, sei­ne Zer­ti­fi­ka­te in Bad oder WC unter­zu­brin­gen, als sie naiv und arg­los im Wohn­zim­mer zur Schau zu stel­len.

Goldt erklärt auch 12 den Unter­schied zwi­schen Zynis­mus und Sar­kas­mus:

Zynis­mus ist eine destruk­ti­ve Lebens­auf­fas­sung, wäh­rend Sar­kas­mus das Resul­tat von trot­zi­ger For­mu­lie­rungs­kunst ist, die über einen spon­ta­nen Zorn auf ein Mei­nungs­ei­ner­lei hin­weg­hilft. Zynis­mus ist ein Resul­tat von Ent­täu­schung und inne­rer Ver­ein­sa­mung. Er besteht im Negie­ren aller Wer­te und Idea­le, im Ver­höh­nen der Hoff­nung, im Haß auf jedes Stre­ben nach Bes­se­rung.

Sind dann die beschrie­be­nen „Bad Taste“-Partys nicht eher zynisch als iro­nisch?

Ich ver­ste­he den Reiz nicht, der dar­in lie­gen soll­te, sich so zu klei­den, wie man nie aus­se­hen woll­te, und Musik zu hören, die man nie hören woll­te. Ers­tens grenzt das doch an Schi­zo­phre­nie und zwei­tens fin­de ich das unfair gegen­über den Leu­ten, denen die­se Musik etwas bedeu­tet. Denn auch wenn ich Schla­ger oder Volks­mu­sik kit­schig und doof fin­den soll­te, so gibt es doch Leu­te, denen die­se Musik etwas bedeu­tet. 13 Ich fin­de es auch lang­wei­lig, ein Album nur des Ver­ris­ses wegen zu ver­rei­ßen.

* * *

Auch Chuck Klos­ter­man hat sich dem The­ma Iro­nie gewid­met. 14 Er schreibt:

An iro­nist is someone who says some­thing untrue with unclear sin­ce­ri­ty; the degree to which that state­ment is fun­ny is based on how many peo­p­le rea­li­ze it’s fal­se. If ever­y­bo­dy knows the per­son is lying, nobo­dy cares. If nobo­dy knows the per­son is lying, the spea­k­er is a luna­tic. The ide­al ratio is 65–35: If a slight majo­ri­ty of the audi­ence can­not tell that the inten­ti­on is come­dic, the sub­stan­ti­al mino­ri­ty who do under­stand will feel bet­ter about them­sel­ves. It’s an exclu­sio­na­ry kind of humor.

Wenn jeder Depp alles nur noch „iro­nisch“ meint, ist es kein Witz mehr, dann ist es nicht mal mehr Komö­die, son­dern Tra­gö­die.

Nina Pau­er schreibt dazu in der „Zeit“:

Wo poten­zi­ell alles pein­lich ist, bleibt nichts als der ewi­ge iro­ni­sche Reflex. Die Iro­nie wird zum Stan­dard und die Distanz zum Zwang. Dann regie­ren die Zwin­kers­mi­leys, die alles Gesag­te, Geschrie­be­ne, Geta­ne sofort rela­ti­vie­ren, um bloß immer „safe“ zu sein. Von der Freu­de an der Pein­lich­keit ist dann nicht mehr viel übrig. Die Lust wird zu ihrem Gegen­teil, zur Lan­ge­wei­le.

Es ist nicht nur lang­wei­lig, es ist auch wahn­sin­nig anstren­gend.

Klos­ter­man stellt in sei­nem Essay den Weezer-Sän­ger Rivers Cuo­mo, den Regis­seur Wer­ner Her­zog und den ame­ri­ka­ni­schen Poli­ti­ker Ralph Nader neben­ein­an­der, denen er alle­samt nach­weist bzw. unter­stellt, völ­lig iro­nie­frei zu sein. Her­zog etwa sagt, er habe einen „Defekt“, der ihn dar­an hin­de­re, Iro­nie zu ver­ste­hen, und Klos­ter­man fügt an, die meis­ten von uns hät­ten das gegen­tei­li­ge Pro­blem: Wir wür­den auch dort Iro­nie ver­ste­hen, wo gar kei­ne vor­han­den ist.

Rivers Cuo­mo trug das, was man heu­te „Nerd­bril­le“ nennt, immer­hin schon in den frü­hen Neun­zi­gern, als es grad nicht cool oder lus­tig war. 15 Heu­te schreibt er Lie­der dar­über, dass er in Bever­ly Hills woh­nen wol­le, und Klos­ter­man ist sich sicher, dass Cuo­mo das genau so meint. Die Fans wären aller­dings ent­täuscht, weil sie es für Iro­nie hiel­ten und sich ver­arscht fühl­ten – und das ist dann natür­lich auch schon wie­der Iro­nie, und zwar die des Schick­sals.

* * *

Die Post­mo­der­ne hat, neben Fremd­scham und Über-Iro­ni­sie­rung, noch ein wei­te­res Phä­no­men her­vor­ge­bracht: Stän­dig hin­ter­fragt man jetzt alles, vor allem aber sich selbst. Wer sich fragt, ob er irgend­et­was gut fin­den dür­fe, hat noch nichts ver­stan­den. Er hat die Frei­heit (fast) alles gut zu fin­den, was er gut fin­den mag. Allen­falls die Aus­wahl poten­ti­ell gut find­ba­rer Din­ge und Per­so­nen kann einen etwas über­for­dern.

Das bedeu­tet natür­lich letzt­lich auch: Man kann auch „Bau­er sucht Frau“ gucken, ohne sich dafür zu schä­men.

  1. Außer in den Ohren und den Nasen­lö­chern, da soll es wuchern wie im Ama­zo­nas­ge­biet.[]
  2. Ich glau­be auch, dass das, was man zu mei­ner Schul­zeit „Läs­tern“ nann­te, nicht grund­sätz­lich ver­werf­lich ist, solan­ge etwa die Per­son, über die geläs­tert wird, davon nichts mit­be­kommt, und solan­ge man nicht vor­ner­um nett zu jeman­dem ist, über den man dann hin­ten­rum läs­tert. Außer­dem kön­nen ande­re ja auch über mich läs­tern, wenn sie wol­len. Die­se Posi­ti­on hat schon zu lan­gen, uner­gie­bi­gen Dis­kus­sio­nen geführt.[]
  3. Tat­säch­lich bin ich bei der aktu­el­len Staf­fel „Schwie­ger­toch­ter gesucht“ sehr schnell wie­der aus­ge­stie­gen, weil es außer aus­ge­walz­ten Merk­wür­dig­kei­ten nicht viel zu sehen gab.[]
  4. Ob die por­trä­tier­ten Bau­ern dar­auf gewar­tet haben, ist natür­lich wie­der frag­lich.[]
  5. Wobei das eigent­lich jetzt schon gel­ten muss: Es kann ja hier­zu­lan­de kei­ne acht Mil­lio­nen Eli­tis­ten geben, die es sich auf ihrem hohen Ross bequem gemacht haben, also müs­sen auch zahl­rei­che Zuschau­er mit Flie­sen­ti­schen, Tief­kühl­piz­zen und Kose­na­men dar­un­ter sein.[]
  6. So wie Sex nie ästhe­tisch ist.[]
  7. Der Brief geriet übri­gens in die Hän­de der San­dra, dar­ge­stellt von Dor­kas Kie­fer, die ihn laut vor­las und sich über Ute lus­tig mach­te. Wel­che Akti­on ist pein­li­cher? Dis­cuss![]
  8. Iro­nie soll­te höchs­tens von Bri­ten als Stil­mit­tel in Songs ein­ge­setzt wer­den. Die ver­ste­hen dar­un­ter etwas ande­res als „das Gegen­teil von dem sagen, was man meint.[]
  9. Gera­de nicht „I Love Bela­rus“, den man aus poli­ti­schen Grün­den als ein­zi­gen ernst hät­te neh­men müs­sen.[]
  10. Nach­zu­le­sen in „Remix“.[]
  11. „Ein Ort der Eitel­keit“ in „Der Krap­fen auf dem Sims“.[]
  12. „Mein Nach­bar und der Zynis­mus“, ebd.[]
  13. Dass die Tex­te die­ser Lie­der mit­un­ter von Leu­ten geschrie­ben wer­den, denen die Inhal­te und Hörer ziem­lich egal sind, ist eine Meta-Ebe­ne, die ich hier nicht auch noch bespie­len möch­te.[]
  14. Im Essay „T Is For True“ in „Eating The Dino­saur“.[]
  15. Die­se Bril­le ist tat­säch­lich ein Pro­blem. Als ich letz­tes Jahr auf der Suche nach einer neu­en war, woll­te ich – puber­tä­re Abgren­zung – um jeden Fall zu ver­mei­den, auch so eine zu kau­fen. Das Pro­blem: Mir stand wirk­lich nichts ande­res. Also dach­te ich: „Was soll’s? Ray-Ban gibt’s seit mehr als 50 Jah­ren und ich weiß ja, wie’s gemeint ist.“ (Näm­lich gar nicht.) So wie man sich Musik nicht von ihren Hörern kaputt machen las­sen darf, soll­te man sich auch Mode-Uten­si­li­en nicht von ihren Trä­gern zer­stö­ren las­sen. Ich wür­de auch ger­ne Hem­den von Fred Per­ry tra­gen, wenn die nicht so unfass­bar teu­er wären.[]
Kategorien
Digital Gesellschaft

„Nazi“ und „Papst“ gehen immer

Län­ger kei­nen Nazi-Ver­gleich mehr im Blog gehabt …

Abhil­fe schafft da die Schau­spie­le­rin Sus­an Saran­dan, seit jeher poli­tisch aktiv. Sie hat­te sich laut „News­day“ in einem Inter­view mit ihrem Schau­spiel-Kol­le­gen Bob Bala­ban am Wochen­en­de wie folgt geäu­ßert:

She was dis­cus­sing her 1995 film „Dead Man Wal­king,“ based on the anti-death-penal­ty book by Sis­ter Helen Pre­jean, a copy of which she sent to the pope.

„The last one,“ she said, „not this Nazi one we have now.“ Bala­ban gent­ly tut-tut­ted, but Saran­don only repea­ted her remark.

Die deut­schen Medi­en grif­fen den Ver­gleich mit mehr als 24-stün­di­ger Ver­spä­tung auf und hat­ten somit den Vor­teil, die (erwart­ba­re) Empö­rung gleich mit­neh­men zu kön­nen:

Die jüdi­sche Anti-Defa­ma­ti­on League bezeich­ne­te die mut­maß­li­che Bemer­kung als „ver­stö­rend, schwer belei­di­gend und voll­kom­men unan­ge­bracht“. Die Bür­ger­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on Catho­lic League for Reli­gious and Civil Rights nann­te den angeb­li­chen Kom­men­tar „obs­zön“.

In ganz eige­ne Sphä­ren schraubt sich „Spie­gel Online“ mit dem Remix einer Reu­ters-Mel­dung. Schon im Vor­spann ver­sucht sich der Autor an einer Art Meta-Ver­gleich:

Will­kom­men in der Lars-von-Trier-Liga für ent­gleis­te Film-Grö­ßen: Die Schau­spie­le­rin Sus­an Saran­don hat Papst Bene­dikt auf einem Film­fes­ti­val in New York als Nazi bezeich­net. Ihr Inter­view­part­ner ver­such­te, Schlim­me­res zu ver­hin­dern.

Und wenn Sie jetzt sagen: „Hä? Lars von Trier hat­te doch in einem irr­lich­tern­den Gedan­ken­strom irgend­wel­che pro­mi­nen­ten Ver­tre­ter des Drit­ten Reichs genannt und sich dann, gleich­sam als Poin­te der Pro­vo­ka­ti­on, selbst als ‚Nazi‘ bezeich­net. Das hat ja wohl außer dem Wort ‚Nazi‘ (und der damit ver­knüpf­ten erwart­ba­ren Empö­rung) nichts mit dem aktu­el­len Fall zu tun!“, dann bewei­sen Sie damit nur, dass Sie nicht für „Spie­gel Online“ arbei­ten könn­ten.

Der Arti­kel schließt näm­lich mit die­sen Sät­zen:

Saran­don wird nun in den kom­men­den Tagen erfah­ren, wie sehr sich die Öffent­lich­keit an Nazi-Ver­glei­chen von Pro­mi­nen­ten abar­bei­tet. Der däni­sche Regis­seur Lars von Trier hat­te sich auf den Film­fest­spie­len in Can­nes erfolg­reich um Kopf und Kra­gen gere­det und Sym­pa­thie für Adolf Hit­ler bekun­det. Nach einem Empö­rungs­t­s­una­mi ermit­telt nun sogar die Staats­an­walt­schaft.

Nun könn­ten die Fäl­le von Saran­don und von Trier kaum wei­ter von­ein­an­der ent­fernt sein: Bei der einen ist es ein Skan­dal, weil sie den ehren­wer­ten Bene­dikt XVI. recht unspe­zi­fisch einen „Nazi“ gehei­ßen hat, beim ande­ren war es ein Skan­dal, weil er Hit­ler und Speer gelobt und sich dann auf der Suche nach einem Aus­gang aus dem rhe­to­ri­schen Füh­rer­bun­ker in die Selbst­be­zich­ti­gung als „Nazi“ zu ret­ten ver­sucht hat­te.

Aber viel­leicht meint „Spie­gel Online“ mit dem ver­un­glück­tes­ten Nazi-Ver­gleichs­ver­gleich aller Zei­ten ja etwas ganz ande­res: „Sag ein­fach mal öfter ‚Nazi‘, und wir schrei­ben auch wie­der über Dich!“

Nach­trag, 18 Uhr: Bild.de bemüht sich über­ra­schen­der­wei­se um ein wenig Rela­ti­vie­rung:

Nun muss man wis­sen, dass im US-ame­ri­ka­ni­schen Wort­schatz die Bezeich­nung „Nazi“ auch für kal­te, herr­sche­ri­sche Per­son gebraucht wird – aller­dings bleibt ein fah­ler Bei­geschmack, der bei Bill Dono­hue, Prä­si­dent der katho­li­schen Liga, für Empö­rung sorgt.

Am Ende dreht dann aber auch die­ser Arti­kel ab:

Wie schnell die Bezeich­nung „Nazi“ nach hin­ten los­ge­hen kann, zeig­te sich im Mai bei den Film­fest­spie­len in Can­nes. Star-Regis­seur Lars von Trier (55, „Melan­cho­lia“) mit Hit­ler-freund­li­chen Äuße­run­gen nicht nur für einen Skan­dal, son­dern auch für sei­nen Aus­schluss vom renom­mier­ten Fes­ti­val gesorgt.

Kategorien
Digital Print

Opossum-Possen

Ich gehe zu Guns­ten der „Mit­tel­deut­schen Zei­tung“ mal davon aus, dass es sich um eine Nach­richt extra für Kin­der han­delt, die da eher ver­se­hent­lich im regu­lä­ren Online-Auf­tritt gelan­det ist:

Es gibt trau­ri­ge Nach­rich­ten aus dem Leip­zi­ger Zoo: Hei­di lebt nicht mehr! Das Opos­sum ist am Mitt­woch gestor­ben. Hei­di war wegen ihrer Augen in Deutsch­land und ande­ren Län­dern sehr bekannt gewor­den: Ihre Augen stan­den nicht ganz gera­de. Sie schiel­te. Das fan­den die Men­schen put­zig.

Aber Kin­der hin oder her – es ist schon bemer­kens­wert, wie fried­lich die­se zwei Sät­ze da ein­fach neben­ein­an­der ste­hen:

Am Mitt­woch ist Hei­di an Alters­schwä­che gestor­ben. Ein Tier­arzt hat sie ein­ge­schlä­fert.

Kategorien
Print

Verampersandet

Lan­ge war es still gewe­sen um Fritz­chen Mül­ler. Der inzwi­schen elf­jäh­ri­ge Hob­by­gra­fi­ker (MS Paint), der vie­le Jah­re für den Bran­chen­dienst „turi2“ Gesich­ter durch­ge­stri­chen hat­te und dann kurz bei „RP Online“ und Bild.de beschäf­tigt war, hat jetzt bei „Bild“ ange­heu­ert:

Stefan Mross & Stefanie Hertel: Anwalt bestätigt Ehe-Aus!

Kategorien
Digital Gesellschaft

Lesen Sie diese peinliche Einladungskarte im Original

Ich schrei­be jetzt seit ziem­lich genau 12 Jah­ren ins Inter­net: Erst über Kino­fil­me, dann über Musik, dann über alles mög­li­che und das Ver­sa­gen von Jour­na­lis­ten. Mit der Zeit habe ich mir ange­wöhnt, schon im Moment des Erle­bens im Kopf Blog­ein­trä­ge zu For­mu­lie­ren. Das ist sehr läs­tig, weil ich Rock­kon­zer­te zum Bei­spiel nicht mehr als schö­ne Ereig­nis­se wahr­neh­me, son­dern haupt­säch­lich als Vor­la­gen für Tex­te, die in den aller­meis­ten Fäl­len dann doch nie geschrie­ben wer­den.

Face­book hat alles noch schlim­mer gemacht, denn plötz­lich ist – um es mit Hei­ner Mül­ler zu sagen – alles Mate­ri­al: Das leid­lich lus­ti­ge Erleb­nis im Super­markt, der mit­ge­hör­te Dia­log in der Stra­ßen­bahn oder die Fest­stel­lung, dass ich seit eini­gen Mona­ten offen­bar zu doof bin, mir die Schnür­sen­kel so zuzu­bin­den, dass sie nicht unter­wegs auf­ge­hen. Alles kann ich schnell ins Smart­phone tip­pen oder mir bis zuhau­se mer­ken und es dann in die Halb­öf­fent­lich­keit von Face­book kübeln. Und dann ist es ja offi­zi­ell mit­ge­teilt, wes­we­gen ich die Epi­so­den nicht mehr behal­ten muss, um sie in fröh­li­cher Run­de Freun­den oder Ver­wand­ten zu berich­ten. Ich habe gespro­chen, wie der Indi­an­der sagt, und obwohl das Inter­net ja an sich nicht ver­gisst, sind die gan­zen mehr oder weni­ger unter­halt­sa­men Erleb­nis­se, die gan­zen mehr oder weni­ger geist­rei­chen Gedan­ken anschlie­ßend eini­ger­ma­ßen weg und für Tage­buch, etwa­ige Enkel und geplan­te Roma­ne und Dreh­bü­cher irgend­wie nicht mehr ver­füg­bar. Dar­un­ter lei­det auch die­ses Blog.

Blöd ist aber auch die Sche­re im Kopf, die irgend­wann unwei­ger­lich auf­taucht, sobald man begrif­fen hat, dass das, was man da ins Inter­net schreibt, auch von irgend­je­man­dem gele­sen wird. Es ist einer­seits schön, von wild­frem­den Men­schen im öffent­li­chen Raum ange­spro­chen zu wer­den, weil ihnen das eige­ne Blog gefällt (und man selbst so unvor­sich­tig war, die eige­ne Fres­se auch dann und wann in eine Video­ka­me­ra zu hal­ten und somit gesichts­be­kannt ist), aber es ist ande­rer­seits auch ein biss­chen beun­ru­hi­gend, wenn Leu­te, deren Namen man nicht kennt (auch, weil man in dem Moment, da sie ihn genannt haben, wie­der unauf­merk­sam war), einem erzäh­len, wie schön sie die­sen oder jenen Text jetzt gefun­den hät­ten.

Schlim­mer ist nur noch das pri­va­te Umfeld. Ich war in den ver­gan­ge­nen Mona­ten auf meh­re­ren Hoch­zei­ten ein­ge­la­den. Meh­re­re Arti­kel über das Zusam­men­sein von Mann und Frau, über die offen­sicht­li­che Unmög­lich­keit von unpein­li­chen Ein­la­dungs­kar­ten, über die Ein­rich­tung von Woh­nun­gen und über die Mensch­heit im All­ge­mei­nen schwir­ren seit­dem aus­zugs­wei­se durch mein Ober­stüb­chen und har­ren ihrer Nie­der­schrift – doch ich traue mich nicht. Schrie­be ich iden­ti­fi­zier­bar (und für weni­ge Men­schen iden­ti­fi­zier­bar wäre ja schon schlimm genug), wären die Gast­ge­ber aus guten Grün­den belei­digt: „Erst frisst er sich auf unse­re Kos­ten durch den Abend und dann gei­ßelt er unse­re Ein­la­dungs­kar­te.“ Schrie­be ich sehr all­ge­mein, wären womög­lich hin­ter­her die fal­schen Men­schen ange­fres­sen: „Erst frisst er sich auf unse­re Kos­ten durch den Abend und dann gei­ßelt er unse­re Ein­la­dungs­kar­te, von der er vor­her noch gesagt hat, er fän­de sie über­ra­schend unpein­lich.“ Die Arti­kel wer­den also wei­ter auf sich war­ten las­sen.

Über­haupt ist das ja ein inter­es­san­tes Phä­no­men, das frü­her allen­falls Men­schen betraf, die Autoren oder Musi­kan­ten in ihrem Bekann­ten­kreis hat­ten: Alles, was wir heu­te sagen, tun oder nicht tun, könn­te schon mor­gen in irgend­ei­nem Blog­ein­trag oder wenigs­tens in irgend­ei­nem Face­book-Post auf­tau­chen und min­des­tens die 200 engs­ten Freun­de wüss­ten, wer gemeint ist. Dro­gen wer­den seit Erfin­dung von Han­dy­ka­me­ras daher sowie­so von nie­man­dem mehr kon­su­miert und Sex fin­det aus­schließ­lich im Dun­keln statt (das ist auch bes­ser fürs Selbst­be­wusst­sein, steht in jeder zwei­ten Frau­en­zeit­schrift).

Doch wie kam ich drauf? Rich­tig: Ich hat­te heu­te ein leid­lich lus­ti­ges Erleb­nis in der S‑Bahn, das ich im Face­book irgend­wie nicht rich­tig hät­te aus­brei­ten kön­nen (im Twit­ter hät­te ich mit dem Bericht nicht mal begin­nen kön­nen, weil ich es für nach­ge­ra­de unmög­lich hal­te, mei­ne Gedan­ken in 140 Zei­chen zu packen – sonst wäre ich schließ­lich Pro­fi­fuß­bal­ler gewor­den).

Ich stieg also in die S‑Bahn ein und da saß eine schwer blut­ver­schmier­te Per­son.
„Herr Ober, da sitzt eine schwer blut­ver­schmier­te Per­son“, hät­te ich also ins Face­book geschrie­ben, nur um dann zu ergän­zen, dass die Per­son aber offen­bar etwas mit Rol­len­spie­len oder ähn­li­chem zu tun hat­te, jeden­falls sehr ordent­lich geschminkt war. Even­tu­ell hät­te ich noch die Fra­ge an mich selbst hin­zu­ge­fügt, war­um ich in der S‑Bahn eigent­lich nach dem Ober rufe, das ist ja schließ­lich kein Restau­rant.

Im Nach­hin­ein betrach­tet wäre die­se Geschich­te viel­leicht sogar für Twit­ter zu sinn­los gewe­sen.

Des­we­gen schnell noch eine ande­re Geschich­te, die ich auch nicht bei Face­book gepos­tet habe: Ges­tern in der Buch­hand­lung, ein Tisch „Lesen Sie die­se Best­sel­ler im Ori­gi­nal“. Dar­auf: Die „Millennium“-Trilogie von Stieg Lars­son auf Spa­nisch.

Kategorien
Digital

Offline-Dating

Das war ja zu Erwar­ten gewe­sen: Kaum hat Herr Nig­ge­mei­er frei, kommt ein Super-Sym­bol­bild daher.

Dann muss ich eben:

Zum Traumprinz via Internet: Auch immer mehr Frauen gehen im Netz auf Partnersuche - die anfängliche Geschlechter-Asymmetrie beim Online-Dating ist mittlerweile fast aufgehoben. (© dpa)
Mit die­sem dpa-Foto bebil­dert sueddeutsche.de einen Arti­kel über Online-Dating. Einem Foto, auf dem eine Frau gedan­ken­ver­sun­ken auf das Foto eines Man­nes schaut, das ihren Desk­top ziert (gut zu erken­nen an den dar­über lie­gen­den Pro­gramm­sym­bo­len unten rechts).

Wenn es danach gin­ge, wür­de ich Online-Dating mit Get­ter Jaa­ni betrei­ben.

Kategorien
Rundfunk Print Digital

Kostenfreiheit: 17,98 Euro

Ich hal­te offe­ne Brie­fe für weit­ge­hend albern. Aber mein Blut­druck war zu hoch, um die E‑Mail-Adres­se von Chris­ti­an Nien­haus zu erra­ten. Dann eben so:

Sehr geehr­ter Herr Nien­haus,

ich hät­te gern das Inter­view gele­sen, dass Sie der „Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung“ in Ihrer Eigen­schaft als Geschäfts­füh­rer der WAZ-Medi­en­grup­pe („Harz Kurier“, „Die Aktu­el­le“, „Echo der Frau“, „Der Wes­ten“) gege­ben haben. Ger­ne hät­te ich mich wei­ter über die dün­ne Argu­men­ta­ti­ons­ket­te der Ver­le­ger infor­miert, die gegen die soge­nann­te iPho­ne-App der „Tages­schau“ (ein Pro­gramm, das die Inhal­te von tagesschau.de für moder­ne Mobil­te­le­fo­ne auf­be­rei­tet) kla­gen. Doch es ging nicht.

Hän­gen geblie­ben (bzw. in die Luft gegan­gen) bin ich schon bei Ihrer ers­ten Ant­wort, genau­er bei einem kur­zen Satz:

Wir hal­ten zudem die Kos­ten­frei­heit der Apps für nicht kor­rekt.

Herr Nien­haus, ich weiß nicht, wie das bei Ihnen zuhau­se aus­sieht, aber ich habe für die Inhal­te der „Tages­schau“, ja: für alle Inhal­te der öffent­lich-recht­li­chen Sen­de­an­stal­ten, bereits bezahlt. 17,98 Euro jeden Monat, das ist mehr, als ich in mei­nem Leben für die lang­wei­li­gen Lokal­zei­tun­gen Ihres Ver­lags aus­ge­ge­ben habe. Des­we­gen fin­de ich es auch uner­träg­lich, dass die öffent­lich-recht­li­chen Anstal­ten die Inhal­te, die ich (mit-)bezahlt habe, wie­der aus dem Inter­net ent­fer­nen müs­sen, weil die Zei­tungs­ver­le­ger und Pri­vat­sen­der (was teil­wei­se aufs Sel­be raus­kommt) das so woll­ten.

Ich hät­te ger­ne die Empö­rung in Ihrer Rei­hen gese­hen, wenn die „Tagesschau“-App Geld kos­ten wür­de. Dann, da bin ich mir sicher, wür­den Sie sich näm­lich mei­ner Argu­men­ta­ti­on anschlie­ßen, dass die Inhal­te von den Zuschau­ern bereits bezahlt wor­den sind.

Ihr Inter­es­sen­ver­band eiert seit Jah­ren ziel­los umher und belei­digt jeden den­ken­den Men­schen mit sei­nem uner­träg­li­chen Gejam­mer. Sie haben den Wan­del vom Print- zum Inter­net­zeit­al­ter ver­pennt, jetzt sind Sie dabei, den Wan­del zum App-Zeit­al­ter eben­falls zu ver­pen­nen. Das allein ist tra­gisch genug. Tun Sie sich einen Gefal­len und erwä­gen Sie weni­ger durch­sich­ti­ge Argu­men­te!

Mit freund­li­chen Grü­ßen,
Lukas Hein­ser

Ste­fan Nig­ge­mei­er hat sei­nen Blut­druck schnel­ler unter Kon­trol­le gekriegt und zer­legt Nien­haus‘ wei­te­re „Argu­men­te“ bei sich im Blog.

Kategorien
Musik Digital

Haldern-Podcasts

Zwei­tes August­wo­chen­en­de, schlech­tes Wet­ter – die Zeit ist reif fürs Hald­ern Pop Fes­ti­val!

Ich mach mich gleich auf den Weg zu mei­nem 12. Hald­ern machen und freue mich schon sehr auf The Low Anthem, The Wom­bats, James Bla­ke, Fleet Foxes, Yuck, Ale­xi Mur­doch und vie­le ande­re.

Hier im Blog wer­den wir etwas ganz Neu­es aus­pro­bie­ren, von dem ich selbst am Meis­ten über­rascht wäre, wenn es funk­tio­nier­te: Jeden Abend, nach­dem die (meis­ten) Kon­zer­te vor­bei sind, wer­den wir einen klei­nen Pod­cast auf­neh­men und anschlie­ßend direkt hier ver­öf­fent­li­chen. (Das Kon­zept ist natür­lich abge­schaut von der SXSW-Bericht­erstat­tung von „All Songs Con­side­red“.)

Mit etwas Glück, viel Mond­licht und ein paar Hüh­ner­kno­chen soll­ten Sie hier im Blog in den nächs­ten drei Tagen also drei Pod­casts fin­den. Wenn nicht, stel­len sie sich bit­te ein­fach vor, wie ich in mei­nem Zelt sit­ze und Hard- und Soft­ware viel­far­big ver­flu­che.

Nach­trag, 14. August: Ja, gut, äääh …

Kategorien
Fernsehen Rundfunk Digital

Auswärtsspiel: TVLab

Auf ZDF_​neo star­tet dem­nächst das „TVLab“, wo völ­lig neu­ar­ti­ge TV-Kon­zep­te vor­ge­stellt und erprobt wer­den sol­len.

Beglei­tet wird das Pro­jekt von einem Blog und ich hat­te die Ehre, den ers­ten Ein­trag zu ver­fas­sen. Die Aus­gangs­fra­ge lau­te­te „Wor­über sol­len wir reden, wenn nicht über das Fern­se­hen?“ und – ohne zu viel zu ver­ra­ten – ich kom­me zu dem Schluss: über nichts, bit­te!

Der Bei­trag bei blog.zdf.de

Kategorien
Digital

Von demagogischen Zwergen

Ste­fan Nig­ge­mei­er hat ges­tern über eine freie Jour­na­lis­tin gebloggt, die in vier ver­schie­de­nen Medi­en fol­gen­de Sät­ze geschrie­ben hat­te:

Die Wet­ter­vor­her­sa­ge ist Inter­pre­ta­ti­ons­sa­che. Bei einer kom­pli­zier­ten Gemenge­la­ge kann ein- und das­sel­be Meteo­ri­ten­bild von zwei Meteo­lo­gen unter­schied­lich bewer­tet wer­den.

(Ste­fan hat sich bei der Bebil­de­rung sei­nes Ein­trags lei­der ver­tan. Wie so ein Meteo­ri­ten­bild wirk­lich aus­sieht, haben wir mal im BILD­blog gezeigt.)

Unfäl­le mit Fremd­wör­tern kön­nen beim Schrei­ben schon mal pas­sie­ren. Blöd ist halt, wenn sol­che Feh­ler in Online- und Print­me­di­en enden, weil sie nie­mand als sol­che erkennt (dass „Meteo­lo­gen“ falsch ist, hat­ten immer­hin zwei der vier Medi­en erkannt).

Was uns zu stern.de bringt:

Der demagogische Teufelskreis. Davon ist Deutschland weit entfernt und Besserung ist nicht in Sicht: Die Geburtenrate ist ebenfalls am Boden und die niedrigste in der EU. 8,3 Geburten kommen auf 1000 Einwohner. Die Bertelsmann Stiftung macht dafür die schrumpfende Elterngeneration verantwortlich, also die Menschen, die geradezu prädestiniert dazu sind, Nachwuchs zu bekommen. Und eben jene Männer und Frauen zwischen 22 und 35 Jahren werden in Deutschland auch ständig weniger. Ein demagogischer Teufelskreis: Weniger junge Eltern bekommen weniger Kinder, die Elterngeneration schrumpft weiter, bekommt noch weniger Kinder

Und zu „Spie­gel Online“:

Nach der Abstufung der USA gibt es nur noch 18 Staaten, die von S&P die Bestnote AAA erhalten, dazu zählen allerdings auch einige Steueroasen und Zwergenstaaten.

[via Tho­mas J.]