Auf der Straße zur Ironie-Hölle

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 27. Oktober 2011 0:03

“Irony is over. Bye bye.”
(Pulp – The Day After The Revolution)

In der “Zeit” von letzter Woche beschreibt Nina Pauer zwei postmoderne Phänomene: das der Fremdscham und der Ironie. Anhand von Casting- und Kuppelshows, von “Bad Taste”-Partys und “Bravo Hits” verhandelt sie das Zelebrieren von Dingen, die man eigentlich verabscheut. Die Überschrift “Wenn Ironie zum Zwang wird” verknappt den sehr lesenswerten Artikel leider etwas, denn tatsächlich geht es hier um zwei Phänomene mit ähnlichen Symptomen und einer gewissen Schnittmenge.

Da sind zum einen die Fernsehshows, die ähnlich funktionieren wie der sprichwörtliche Autounfall: Sie ziehen ihre Faszination aus dem “Grauen”, dessen sich der Zuschauer nicht erwehren kann. Castingshows möchte ich mal ausklammern, die sehe ich nicht (mehr). Viele werden offenbar von zutiefst verbitterten Zynikern verantwortet, die im Leben nicht die Eier hätten, sich vor drei Leute (geschweige denn eine Fernsehkamera) zu stellen, um ein Lied zu singen. Ihnen sollen die Fußnägel einwachsen und die Haare ausfallen.1 Die Partnersuchen bei “Bauer sucht Frau” oder “Schwiegertochter gesucht” mögen ähnlich zynisch produziert sein, lassen meines Erachtens aber auch Raum für mehr.

Wenn sich heute Menschen auf der Couch oder im Internet versammeln, um gemeinsam “Bauer sucht Frau” zu schauen (und vor allem zu besprechen), dann machen sie dabei Dinge, die Menschen seit Jahrtausenden tun: So hoffen sie auf den kathartischen Effekt von “Jammer und Schauder”, den schon Aristoteles in seiner “Poetik” beschrieben hat — nur, dass sich Aristoteles unter “Jammer und Schauder” etwas anderes vorgestellt hat als gelbe Pullover und Zungenwurstbrote. Auch war es in früheren Jahrhunderten ein beliebter Zeitvertreib der Oberschicht, sich die Leute, die in einem damals so genannten “Irrenhaus” einsaßen, anzusehen wie Tiere im Zoo.

Heute sind die Opfer dieser Besichtigungen nicht mehr “irre”, sondern “peinlich”, was ein noch subjektiveres Urteil ist. Niemand, der noch alle Tassen im Schrank hat, würde auf die Idee kommen, aufs Land zu fahren um Bauern beim Brautwerben zuzusehen, aber wenn RTL das schon mal gemacht hat, kann man sich das ja mal ansehen. Das Prinzip gleicht dem des “delightful horror”, der sich einstellt, wenn man aus dem Lehnstuhl heraus die Schilderungen von unerklärlichen Phänomenen oder brutalen Verbrechen in den Büchern der Schauerromantik liest — nur, dass wir heute selbst festlegen, wovor es uns schaudert.

* * *

Nina Pauer schreibt:

Pünktlich um 20.15 Uhr formieren sich die Abiturienten, Studenten, Doktoranden oder vielversprechenden Berufseinsteiger zu einem vergnügten Publikum, das bei Chips und Süßigkeiten nichts anderes tut, als sich der lustvollen Konträrfaszination des Schlimmen hinzugeben. “Wie peinlich ist das denn?!”, kreischt der Chor, den Zeigefinger kollektiv auf den Fernseher gerichtet.

Ich bin auch öfters Teil solcher Runden, wenn RTL (wie aktuell) wieder einmal Schwiegertöchter und Bauernfrauen sucht. Alle Teilnehmer würde ich als durchaus aufgeklärte Menschen mit einem reinen Herzen bezeichnen, Zyniker sind keine dabei. Gerade deshalb habe ich mich schon öfter gefragt, ob es moralisch eigentlich verantwortbar ist, diese Sendungen zu gucken und zu kommentieren.

Grundsätzlich könnte man erst einmal sagen, dass es kein Opfer im klassischen Sinne gibt — die Kandidaten kriegen mögliche böse Kommentare ja gar nicht mit.2 Auch das Begucken dieser Menschen erfolgt ja nur aus zweiter Hand — das Kind ist schon in den Brunnen gefallen, also kann man es sich auch ansehen. Letzteres ist natürlich Quatsch: Wenn niemand mehr hinsehen würde, wie RTL Kinder in den Brunnen schmeißt, würde der Sender sicher damit aufhören. Und man muss sich ja auch keine tödlichen Unfälle im Rennsport ansehen, nur weil sie auf Video gebannt sind.

Ich glaube nicht, dass die Geringschätzung anderer die Hauptmotivation ist, solche Sendungen zu sehen — der Reiz entsteht aus dem Gemeinschaftsgefühl heraus, was man als billiges Mittel zur Fraternisierung abtun, aber auch neutral oder positiv werten kann. Kaum jemand möchte oder kann so eine Sendung alleine sehen. Darüber hinaus ist es ja auch so, dass das Stirnrunzeln über Fliesentische, Tiefkühlpizzen und Kosenamen nicht allzu lang eine befriedigende Freizeitbeschäftigung abgibt. Wenn ich eine Sendung nur schlimm fände, würde ich sie nicht gucken.3 Bei “Bauer sucht Frau” gibt es aber immer wieder rührende Elemente, in denen das besserwisserische Lachen echtem Mitgefühl weicht.4

Als Vera Int-Veen im Februar den “Regalauffüller” Stefan an die Frau zu bringen versuchte, war das nicht mehr im Mindesten witzig: Der Mann hatte so offensichtliche Probleme, sich zu artikulieren und mit den Situationen zurecht zu kommen, in denen ihn das Produktionsteam platziert hatte, dass die Arschlochhaftigkeit der Macher alles andere überstrahlte. In der aktuellen Staffel von “Bauer sucht Frau” geht der bisher größte Fremdschammoment auf das Konto von Moderatorin Inka Bause: Zum ersten Mal sucht ein homosexueller Bauer einen, ja: Mann und Bause war von der Situation so offensichtlich überfordert, dass sie ihn mit den Worten ansprach: “Du bist ja hier der erste Bauer Deiner Art.” Als der “pfleißige Pferdewirt” ganz locker “Der erste schwule Bauer, ja”, antwortete, fragte Bause noch einmal nach, ob sie “das so sagen” dürfe. So schlimm können zehntausend Zungenküsse bei offenem Mund nicht sein.

* * *

Ich glaube übrigens, dass diese Kuppelshows auch mit Kandidaten funktionieren würden, die den Zuschauern deutlich ähnlicher sind:5 Liebe und vor allem ihre Anbahnung ist nie clever.6 Im Leben geht es fast nie zu wie bei “Ally McBeal” oder bei “Bridget Jones”, wo sich gutaussehende Menschen im leichten Schneefall auf offener Straße küssen, nachdem sie eine geistreiche Bemerkung gemacht haben.

Vor vielen Jahren, in der Daily Soap “Unter uns”, schrieb die Person der Ute, die damals frisch in die Schillerallee zurückgekehrt war, einen Brief an ihren späteren Ehemann Till, in dem sie erklärte, sie sei derart verliebt, dass sie bei jedem Liebeslied im Radio mitsingen müsse, auch bei den Schlagern, die sie früher immer peinlich und doof gefunden habe.7 Das, meine Damen und Herren, ist Liebe! Sie ist peinlich, aber ohne wären wir nicht hier.

* * *

Doch zurück zur “Fremdscham” und zum “Peinlichen”, das Nina Pauer beschreibt: Andere Leute peinlich finden ist eine Emotion, die meist in der Pubertät erstmalig auftaucht und dann vor allem gegen die eigenen Eltern gerichtet ist. Das ist von der Natur so gewollt: Das Leben beschert einem so ein paar Jahre unbeschwerter Freiheit und sinnloser Freiheitskämpfe, ehe die Erkenntnis einkehrt, dass biologische Veranlagung und Erziehung mächtiger sind als jedes Schamgefühl und man natürlich wie die eigenen Eltern geworden ist. Als ausgleichende Gerechtigkeit finden einen dann zwanzig Jahre später die eigenen Kinder peinlich.

Sich für eine andere Person zu schämen, ist aber auch eine weitgehend irrationale Reaktion, zumal, wenn man in keinerlei persönlicher Verbindung zu dieser Person steht. Die wissenschaftliche Erforschung dieses Phänomens steht allerdings noch ziemlich am Anfang.

Nina Pauer führt aus:

Als gemeinsames Ritual wirkt die Fremdscham wie eine Kompensation der individuellen Angst, die ansonsten überall lauert. Denn wie schwer ist es, diesem allgegenwärtigen Adjektiv “peinlich”, das unsere Zeit bestimmt, zu entrinnen! Nahezu unmöglich und vor allem furchtbar anstrengend ist es geworden, im weit und subtil verästelten analog-virtuellen Netzwerk stets die Balance aus lässigem Understatement, hübscher Ironie und gleichzeitiger Selbstvermarktung zu pflegen. Die Codes sind unendlich: Mit dem neuesten Smartphone prahlen? Peinlich! Immer noch keines haben? Peinlich! Zuckersüße Pärchenfotos auf Facebook veröffentlichen? Peinlich! Das eigene Mittagessen abfotografieren, den Stolz über den neuen Job allzu offensichtlich zeigen? Zu viele Freunde haben? Zu wenige? Peinlich, peinlich! Musik hochladen, die alle schon kennen? Musik hochladen, die nie irgendwer kennt? PEINLICH!

Wenn tatsächlich alles peinlich ist, man also in jeder Situation nur verlieren kann, ist ja alles wieder völlig nivelliert und man kann nur gewinnen.

Frau Pauer nutzt diese Passage aber, um von der Fremdscham zur “inszenierten Fremdscham” und damit zur Ironie zu kommen. Ironie, das lernt man irgendwann als Kind, ist das Gegenteil von dem zu sagen, was man meint — also eigentlich das, was man vorher als “Lügen” kennengelernt hat und was man nicht tun sollte. Das trifft den Sachverhalt zwar nur zum Teil, ist aber das, was sich die allermeisten Menschen unter “Ironie” vorstellen und es entsprechend praktizieren. Das ist natürlich sterbenslangweilig.

Als Travis im Jahr 2000 anfingen, “Baby One More Time” von Britney Spears auf ihren Konzerten zu covern, gingen viele erst einmal von Ironie aus. Aber Fran Healy, der das Lied mit viel Inbrunst vortrug, sagte, sie hätten den Song einfach nachgespielt, weil sie ihn so schön fanden. Und tatsächlich wäre es auch dann noch ein schönes Lied, wenn Komponist und Texter Max Martin sich beim Schreiben über die Naivität und Dummheit seines Lyrischen Ichs kaputt gelacht hätte.

“Irony is certainly not something I want to be accused of”, hat Craig Finn, der Sänger meiner Lieblingsband The Hold Steady, mal gesagt und ich finde auch, dass Liedtexte möglichst aufrichtig sein sollten.8 Dann besteht zwar schnell wieder die Gefahr der Fremdscham, aber damit muss man klar kommen. Man kann das Werk verurteilen, sollte dem Künstler aber Respekt zollen.

Die Zeit der ironisch gemeinten Beiträge beim Eurovision Song Contest, die notwendig war, um das schnarchige Schlagerevent der 1990er Jahre zu entstauben, ist ja inzwischen zum Glück auch wieder vorbei. Als ich im Mai von jetzt.de zum Duslog interviewt wurde, war der Reporter sehr versessen darauf, uns eine ironische Haltung zum Grand Prix zu unterstellen. Natürlich kann man die musikalischen Beiträge nicht alle ernst nehmen,9 aber wenn ich die Veranstaltung in Oslo scheiße gefunden hätte, wäre ich sicher kein zweites Mal hingefahren.

* * *

Natürlich sollte man sich selbst und die Welt nicht zu ernst nehmen, aber man sollte auch nicht bis zur Selbstverleugnung mit den Augen zwinkern. Ich könnte schlicht keine Musik hören, die ich nicht mag, keine Klamotten (oder gar Frisuren oder Gesichtsbehaarungen) tragen und auch nichts in meine Wohnung stellen oder hängen, was ich nicht irgendwie gut finde. “We Built This City” von Starship ist einer der kanonisch schrecklichsten Songs der Musikgeschichte, aber irgendetwas spricht das Lied in mir an — und das meine ich nicht auf die “So schlecht, dass es schon wieder gut ist”-Art. Andererseits würde ich nie in Skinny Jeans rumlaufen, weil ich die einfach mordsunbequem finde.

Benjamin von Stuckrad-Barre hat schon 1999 einen Text über Ironie verfasst,10 in dem er von der “Drüberlustigmachmühle” schreibt und dann eine Frage aufwirft, die er sich sogleich selbst beantwortet:

Tennissocken sind fürchterlich, keine Frage, aber ist nicht das zwangsverordnete Drüberlachen noch schlimmer? Und dann tragen also Leute wieder Tennissocken, aus Protest, und das ist vielleicht zu verstehen, aber ja auch so krank, weil sie damit also, nur der Abgrenzung wegen, schlimme Socken tragen. Und dann nicht einfach still diese Socken dünnlaufen, sondern tatsächlich ERKLÄREN, warum sie die tragen, um sich zumindest, oh ja, INHALTLICH zu unterscheiden von jenen, die diese Socken nicht schon wieder, sondern immer noch tragen. Irgendwie muß man die Neuzeit ja rumkriegen.

Im “Zeit”-Artikel steht dieses aktuelle Beispiel:

In engen braunen Männerslips über rosa Trainingsanzügen aus Ballonseide trifft man sich, am besten mit einem allein zum Zweck der Party gewachsenen fiesen Schnauzer im Gesicht, zum Dosenstechen in der Küche.

Noch bevor die Hipster so genannt wurden, gab es den “Irony-Schnäuz”. Irgendwann gab es dann die ironisch gebrochenen Hipster, die echte Hipster eigentlich scheiße fanden, aber genauso rumliefen. Der Schnauzbart war zu diesem Zeitpunkt schon mindestens zwei Mal umgedeutet worden, aber da geht sicher noch mehr. Nur: Warum?

In einem Text aus dem Juli 199911 beklagt sich Max Goldt über Menschen, die eine goldene Schallplatte oder eine Urkunde auf der Gästetoilette platzieren:

So wird die Toilette zum Ort der Inszenierung von Selbstironie, einer Eigenschaft, die in der westlichen Zivilisation hoch im Kurs steht. Deshalb ist es erheblich eitler, seine Zertifikate in Bad oder WC unterzubringen, als sie naiv und arglos im Wohnzimmer zur Schau zu stellen.

Goldt erklärt auch12 den Unterschied zwischen Zynismus und Sarkasmus:

Zynismus ist eine destruktive Lebensauffassung, während Sarkasmus das Resultat von trotziger Formulierungskunst ist, die über einen spontanen Zorn auf ein Meinungseinerlei hinweghilft. Zynismus ist ein Resultat von Enttäuschung und innerer Vereinsamung. Er besteht im Negieren aller Werte und Ideale, im Verhöhnen der Hoffnung, im Haß auf jedes Streben nach Besserung.

Sind dann die beschriebenen “Bad Taste”-Partys nicht eher zynisch als ironisch?

Ich verstehe den Reiz nicht, der darin liegen sollte, sich so zu kleiden, wie man nie aussehen wollte, und Musik zu hören, die man nie hören wollte. Erstens grenzt das doch an Schizophrenie und zweitens finde ich das unfair gegenüber den Leuten, denen diese Musik etwas bedeutet. Denn auch wenn ich Schlager oder Volksmusik kitschig und doof finden sollte, so gibt es doch Leute, denen diese Musik etwas bedeutet.13 Ich finde es auch langweilig, ein Album nur des Verrisses wegen zu verreißen.

* * *

Auch Chuck Klosterman hat sich dem Thema Ironie gewidmet.14 Er schreibt:

An ironist is someone who says something untrue with unclear sincerity; the degree to which that statement is funny is based on how many people realize it’s false. If everybody knows the person is lying, nobody cares. If nobody knows the person is lying, the speaker is a lunatic. The ideal ratio is 65-35: If a slight majority of the audience cannot tell that the intention is comedic, the substantial minority who do understand will feel better about themselves. It’s an exclusionary kind of humor.

Wenn jeder Depp alles nur noch “ironisch” meint, ist es kein Witz mehr, dann ist es nicht mal mehr Komödie, sondern Tragödie.

Nina Pauer schreibt dazu in der “Zeit”:

Wo potenziell alles peinlich ist, bleibt nichts als der ewige ironische Reflex. Die Ironie wird zum Standard und die Distanz zum Zwang. Dann regieren die Zwinkersmileys, die alles Gesagte, Geschriebene, Getane sofort relativieren, um bloß immer “safe” zu sein. Von der Freude an der Peinlichkeit ist dann nicht mehr viel übrig. Die Lust wird zu ihrem Gegenteil, zur Langeweile.

Es ist nicht nur langweilig, es ist auch wahnsinnig anstrengend.

Klosterman stellt in seinem Essay den Weezer-Sänger Rivers Cuomo, den Regisseur Werner Herzog und den amerikanischen Politiker Ralph Nader nebeneinander, denen er allesamt nachweist bzw. unterstellt, völlig ironiefrei zu sein. Herzog etwa sagt, er habe einen “Defekt”, der ihn daran hindere, Ironie zu verstehen, und Klosterman fügt an, die meisten von uns hätten das gegenteilige Problem: Wir würden auch dort Ironie verstehen, wo gar keine vorhanden ist.

Rivers Cuomo trug das, was man heute “Nerdbrille” nennt, immerhin schon in den frühen Neunzigern, als es grad nicht cool oder lustig war.15 Heute schreibt er Lieder darüber, dass er in Beverly Hills wohnen wolle, und Klosterman ist sich sicher, dass Cuomo das genau so meint. Die Fans wären allerdings enttäuscht, weil sie es für Ironie hielten und sich verarscht fühlten — und das ist dann natürlich auch schon wieder Ironie, und zwar die des Schicksals.

* * *

Die Postmoderne hat, neben Fremdscham und Über-Ironisierung, noch ein weiteres Phänomen hervorgebracht: Ständig hinterfragt man jetzt alles, vor allem aber sich selbst. Wer sich fragt, ob er irgendetwas gut finden dürfe, hat noch nichts verstanden. Er hat die Freiheit (fast) alles gut zu finden, was er gut finden mag. Allenfalls die Auswahl potentiell gut findbarer Dinge und Personen kann einen etwas überfordern.

Das bedeutet natürlich letztlich auch: Man kann auch “Bauer sucht Frau” gucken, ohne sich dafür zu schämen.

  1. Außer in den Ohren und den Nasenlöchern, da soll es wuchern wie im Amazonasgebiet. []
  2. Ich glaube auch, dass das, was man zu meiner Schulzeit “Lästern” nannte, nicht grundsätzlich verwerflich ist, solange etwa die Person, über die gelästert wird, davon nichts mitbekommt, und solange man nicht vornerum nett zu jemandem ist, über den man dann hintenrum lästert. Außerdem können andere ja auch über mich lästern, wenn sie wollen. Diese Position hat schon zu langen, unergiebigen Diskussionen geführt. []
  3. Tatsächlich bin ich bei der aktuellen Staffel “Schwiegertochter gesucht” sehr schnell wieder ausgestiegen, weil es außer ausgewalzten Merkwürdigkeiten nicht viel zu sehen gab. []
  4. Ob die porträtierten Bauern darauf gewartet haben, ist natürlich wieder fraglich. []
  5. Wobei das eigentlich jetzt schon gelten muss: Es kann ja hierzulande keine acht Millionen Elitisten geben, die es sich auf ihrem hohen Ross bequem gemacht haben, also müssen auch zahlreiche Zuschauer mit Fliesentischen, Tiefkühlpizzen und Kosenamen darunter sein. []
  6. So wie Sex nie ästhetisch ist. []
  7. Der Brief geriet übrigens in die Hände der Sandra, dargestellt von Dorkas Kiefer, die ihn laut vorlas und sich über Ute lustig machte. Welche Aktion ist peinlicher? Discuss! []
  8. Ironie sollte höchstens von Briten als Stilmittel in Songs eingesetzt werden. Die verstehen darunter etwas anderes als “das Gegenteil von dem sagen, was man meint. []
  9. Gerade nicht “I Love Belarus”, den man aus politischen Gründen als einzigen ernst hätte nehmen müssen. []
  10. Nachzulesen in “Remix”. []
  11. “Ein Ort der Eitelkeit” in “Der Krapfen auf dem Sims”. []
  12. “Mein Nachbar und der Zynismus”, ebd. []
  13. Dass die Texte dieser Lieder mitunter von Leuten geschrieben werden, denen die Inhalte und Hörer ziemlich egal sind, ist eine Meta-Ebene, die ich hier nicht auch noch bespielen möchte. []
  14. Im Essay “T Is For True” in “Eating The Dinosaur”. []
  15. Diese Brille ist tatsächlich ein Problem. Als ich letztes Jahr auf der Suche nach einer neuen war, wollte ich – pubertäre Abgrenzung – um jeden Fall zu vermeiden, auch so eine zu kaufen. Das Problem: Mir stand wirklich nichts anderes. Also dachte ich: “Was soll’s? Ray-Ban gibt’s seit mehr als 50 Jahren und ich weiß ja, wie’s gemeint ist.” (Nämlich gar nicht.) So wie man sich Musik nicht von ihren Hörern kaputt machen lassen darf, sollte man sich auch Mode-Utensilien nicht von ihren Trägern zerstören lassen. Ich würde auch gerne Hemden von Fred Perry tragen, wenn die nicht so unfassbar teuer wären. []

42 Kommentare

  1. diaet
    27. Oktober 2011, 2:23

    Ach verdammt, Lukas. Noch vor zwanzig Minuten hab ich die ersten Gedanken eines Artikels skizziert, in dem ich mich über die überbordende Welle von “Ironie als Lebensgefühl” beschwere.

    Und dann hab’ ich Depp als kurze Unterbrechung den Feedreader angeschmissen.

    (Auch wenn mein Fokus eher auf der Sichtweise ab Klosterman’s Zitat liegt – jetzt glaubt mir doch keiner mehr, dass ich nicht abgeschrieben habe.)

    Schöner Artikel mal wieder, trifft meinen Nerv.

  2. Links anne Ruhr (27.10.2011) » Pottblog
    27. Oktober 2011, 5:51

    [...] Auf der Straße zur Ironie-Hölle (Coffee And TV) – [...]

  3. FF
    27. Oktober 2011, 9:21

    Viel Lärm um nichts.

  4. SvenR
    27. Oktober 2011, 9:40

    Toller Artikel.

    Genau das ist es, was für mich »erwachsen sein« ausmacht: Nicht mitmachen zu müssen. Schlager schön finden zu können, oder auch nicht. Sachen anziehen, die einem gefallen, die praktisch sind, ob sie nun gerade zufällig in Mode sind, oder nicht (»Röhrenhosen, Schlaghosen, Röhrenhosen«). Dschungelcamp kucken, weil die Moderationstexte so toll ironisch sind und man sich so schön fremdschämen kann, oder weil man es toll findet wenn diese &%$§* mal so richtig Dreck fressen? Weniger Inszenierung. Alles wird heutzutage aufwändig inszeniert, anstatt anständig gemacht. Meinem Gfühl nach geht die Sexualisierung (endlich) ein wenig zurück und wird abgelöst durch die Infantilisierung, die in dem oben so schön beschriebenen Fremdscham-Ironie-Kleidchen daherkommt. Wobei ich gengen Fremdscham und Ironie wirklich nichts einzuwenden habe. Solange alles kann, nichts muss. Es ist kompliziert, aber Du hast das ja wirklich gut aufgeschrieben und eben nicht auf den einen Punkt gebracht. In dieser Hinsicht werden sehr viele Menschen in meinem Umfeld nur alt, aber nie erwachsen.

    Aber ich war ja auch nie in der Pubertät, dass hat mein älterer Bruder für’s ganze Viertel erledigt.

    Das wird kein Mensch verstehen, ich poste es aber trotzdem.

  5. anton bibersberg
    27. Oktober 2011, 9:51

    “Es ist ja eine Ironie des Schicksals, dass gerade in dem Lande, wo am meisten Heil gerufen worden ist, so wenig heil geblieben ist.” Werner Finck.

    Dafür braucht das Fernsehen schon mal deutsche Untertitel für Deutsche plus Ruinenfrau.

    Mit Ironie hat das alles nichts zu tun. Das ist etwas, das das Fernsehen wie der Teufel das Weihwasser vermeidet. Das setzt Bildung voraus und das vermutet das Fernsehen nicht beim Zuschauer und nicht bei sich.

    Die Schwelle, wo etwas langweilig wird, hat inzwischen Staudammhöhe, nehme ich an. So dass man ins 19. Jhd. zurückkippt im Sofa und sich der eigenen bäuerlichen Intellektualität versichert, in dem man sich beweisen lässt, dass auch ‘dumm fickt gut’ ein Märchen der Gebrüder Grimm ist.

  6. M S aus R an der H
    27. Oktober 2011, 9:58

    Man kann “Bauer sucht Frau” und andere Shows dieser oder ähnlicher Machart aber auch einfach nur niveaulos und traurig finden, den Fernseher aus lassen und sich die Zeit mit ironischem, sarkastischem, zynischem oder einfach familiärem Leben vertreiben. Zumal, wenn man sich mit Freunden am häuslichen Kacheltisch trifft. Karten spielen ist z.B. eine althergebrachte und durchaus amüsante Variante.

    Mit anderen Worten: Man kann seine Zeit auch einfach sinnvoller verbringen.

  7. jack.s
    27. Oktober 2011, 10:35

    Wenn der Artikel nicht ironisch gemeint ist, gefällt er mir gut. Im gegenteiligen Fall fühl ich mich veräppelt.

  8. Wilz
    27. Oktober 2011, 10:40

    Gab es “Bauer sucht Frau” nicht mal in vernünftig beim NDR? (Mit Ina Müller?) Wenn dem so ist – und ich bin mir da zu 92,56% sicher -, dann ist die Art der Produktion offensichtlich schon ein Grund dafür, sich solche Sendungen anzusehen.

    Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, dass das Original ähnliche Zuschauermassen angelockt hätte.

  9. Patrick Delor
    27. Oktober 2011, 10:46

    Vielen Dank. Dies zeigt wieder einmal, dass es nicht nur zwei Seiten einer Medaille gibt…
    Vieles dreht sich im Kreis und es gibt keinen Stillstand.
    Wie sagt ein Lehrer von mir:
    “Was ist trendy? Tote Fische sind trendy, die schwimmen immer mit dem Strom!”
    Vieles ist Definitionssache und kann einerseits von der ausgehenden Person wie auch vom Betrachter definiert werden. Ist der Betrachter ein ganzes Rudel, verändert dies schon wieder alles.

  10. Julia
    27. Oktober 2011, 11:11

    Ja, ich denke auch, dass Ironie und die. dazu passenden Icons im Chat davor schützen sollen, zu viel ehrlich von sich preis zu geben. Verunsichert war der Mensch auch in den Generationen vor uns, nur in Briefen gab es früher diesen Kunstgriff des Relativierens durch Icons nicht. Und das ist m. E. auch gut so.

    Sich. nach außen hin ernsthaft dazustellen erfordert eben eine gefertigte Persönlichkeit – mit eigener Toleranz für Fehler.

  11. flo
    27. Oktober 2011, 11:41

    Danke auch. Jetzt habe ich einen Ohrwurm von “We Built this City”…

  12. Känguruh
    27. Oktober 2011, 11:48

    @Wilz
    Ja, gab es! Hiess “Land und Liebe” und lief tatsächlich im NDR mit Ina Müller.

  13. Daniel
    27. Oktober 2011, 12:40

    Auch ich stimme sowohl deinem Artikel als auch dem Zeit-Artikel in weiten Teilen zu, die Aussage ist ja in weiten Teilen zu.
    Die Thematik ist natürlich definitiv sehr relevant für unsere Zeit und hängt glaube ich eng damit zusammen, dass wir uns vor Fehlern fürchten. Eindeutige Äußerungen sind schwierig und gefährlich, vor allem weil man sich selbst nicht festlegen will und vielleicht auch Angst vor Fehleinschätzungen hat.
    Bauer sucht Frau ist für mich trotzdem ein schwieriges Thema, ganz einfach weil die Situation mit unzähligen Kameras und “Ratschlägen” durch RTL doch nicht authentisch sein kann, oder? Vielleicht bin ich hier auch zu pessimistisch, ich schaue kaum noch RTL. Aber sollte ich dann doch mal reinschauen, dann schäme ich mich nur noch..
    Aber nicht über die Kandidaten, sondern über die miese Aufmachung RTLs die nur aufs Fremdschämen abzielt.

  14. Daniel
    27. Oktober 2011, 12:42

    Ich meinte natürlich, dass die Aussage in weiten Teilen gleich ist.

  15. hiro
    27. Oktober 2011, 12:56

    Ironisch ist es, wenn im Radio Katy Perry gespielt wird und hörbar die Textstelle “I spent hours giving -beeep-” rauseditiert wurde, und anschließend kommt “Bobby Brown” im Original.

    Soviel zur Ironie in der Musik.

    Es gibt zwar keinen Grund, sich für “Bauer sucht Frau” zu schämen, allerdings wüßte ich jetzt auch keinen Grund, sich dieses Machwerk anzusehen. Aber vielleicht irre ich mich ja auch: Möglicherweise ist “Bauer sucht Frau” et al gar nicht so menschenverachtend, zynisch, dumm, künstlich, niveaulos und kommerziell, wie es in ausnahmslos allen Berichten darüber beschrieben wird. Auch hier.

    Damit sind wir bei Nina Pauers Beitrag über Ironie und meinem Eindruck, der Autor zähle zu jenen, die darin beleuchtet werden: Stolz darauf, sich anerkannten Schrott anzusehen. Der Kern ist nicht der Konsum, sondern das öffentliche Zurschaustellen. Ersteres ist Geschmackssache, letzteres ist dann die (peinliche?) Ironie, die dem Zeitgeist entspricht.

  16. Lukas Heinser
    27. Oktober 2011, 13:13

    Aber vielleicht irre ich mich ja auch: Möglicherweise ist “Bauer sucht Frau” et al gar nicht so menschenverachtend, zynisch, dumm, künstlich, niveaulos und kommerziell, wie es in ausnahmslos allen Berichten darüber beschrieben wird.

    Das ist GENAU DAS, was ich meine: Das Gegenteil von dem Schreiben, was man denkt.

  17. bekomm
    27. Oktober 2011, 13:27

    Ich finde es überaus schade, dass RTL Keile in die Gesellschaft treibt und keiner bemerkt es! Besonders enttäuscht bin ich dabei von der sich selbst so wahrnehmenden “geistigen Elite”, den Abiturientinnen und Abiturienten und meinen Kommilitoninnen und Kommilitonen, die “Bauer sucht Frau”, “Mitten im Leben”, “Familien im Brennpunkt”, “Die Schulermittler” (ich werde die Aufzählung damit beenden) usw. ansehen ohne dabei zu bedenken, dass unterbewusst all die alten Klischees bedient und bestärkt werden: Bauern sind naiv, dumm und haben keinen Sinn für Romantik; Hartz IV-Empfänger sind faul, wollen gar nicht arbeiten und können ihre Kinder nicht erziehen; Hauptschüler sind dumm, gewalttätig und gerne kriminell.
    Zudem kommt noch das Format “Frauentausch” bei RTL2. Da werden gerne mal Choleriker bloßgestellt, die für ihre emotionale Instabilität ausgelacht statt bemitleidet werden. Außerdem gibt es da den Fall einer jungen Mutter, die offenbar des Lesens nicht wirklich mächtig ist und RTL lässt sie unter der Musik von “Dick und Doof” schreibschriftbeschriebene Schilder mit Fremdwörtern vorlesen und daran scheitern. Versteht denn keiner, dass eine Redaktion jeden von uns zu jeder Zeit durch Schnitte, Soundeffekte und Hintergrundmusik genauso “dumm” dastehen lassen kann?!
    Nicht nur, dass Kindern und Jugendlichen gezeigt wird, dass man Menschen bewerten (“DSDS”, “Das Supertalent”, “GNTM” usw.), also über ihren Wert entscheiden kann und muss: hier werden Menschen(-Gruppen) abgewertet und alle amüsieren sich prächtig!

  18. Eipa
    27. Oktober 2011, 13:28

    Ich versteh Ironie nur wenn ich will, das ist zwar egozentrisch, aber es macht frei.

  19. D.c.
    27. Oktober 2011, 14:17

    ein unterhaltsamer artikel, keine frage. und dennoch bleibt immer ein fader beigeschmack wenn bildungsbürger erklären warum sie unterschichtenfernsehn gucken (die begriffe wähle ich mit bedacht).

    die argumentation erinnert an diskussionen über kunst/musik in denen so mancher halbwissender vor der größe des sujets kapituliert und finalerweise alle möglichen kriterien unter willkür zusammenfasst, so dass er zum schluß kommen muß, dass auch der letzte scheiß kunst sein muß sobald sich jemand findet dem es was bedeutet.

    die postmoderne mag anstrengend sein, das hinterfragen der eigenen position, auch mit blick auf politisches geschehen, ist nötiger den je, wenn gleich ungemein schwieriger.

    aber wer sich davor drückt und seine schwäche auch noch zur stärke umdefiniert, der hat nichts verstanden….

  20. Patrick Delor
    27. Oktober 2011, 14:34

    Ironie ist meine Muttersprache, Sarkasmus der Dialekt!
    Dieses Zitat habe ich mal im Internet gefunden und finde es treffend. Ich bin einer, der viel Ironie sieht. Ich lache oft, wo andere nicht lachen. Nur so habe ich auch eine Depression besiegt, bevor sie mich besiegt hat.
    Aber z.B. den Sendungen bei RTL, RTL2, ProSieben, SAT.1, VOX, … (Liste unvollständig, wollte nur verdeutlichen, dass ALLE solche Formate im Programm haben) kann ich selten etwas Ironsiches abgewinnen.
    Ich sehe dort, wenn ich mal wieder hinschaue, nur Leute mit einer traurigen Geschichte oder Leute, die sich, aus welchen Gründen auch immer, zum Affen machen.Was ist trauriger? Menschen, die andere ausnutzen? Oder Menschen die ausgenutzt werden? Oder Menschen die zugucken?
    Toll fand ich Stefan bei “Das Supertalent”. Das war Ironie. Der Mann hat richtig Stimmung gemacht, obwohl entweder die Macher gedacht habn, dass der so richtig fertig gemacht wird, von der Jury, wie vom Publikum. Dann kam es etwas anders. (Wobei ich nie weiß, ob da nicht irgendwie was gedreht oder gepushed wurde.

  21. Timo
    27. Oktober 2011, 14:47

    Ich finde Ironiker auch peinlich und bin dagegen!

  22. fun.da.mental
    27. Oktober 2011, 18:10

    großartiger text. danke dafür.

  23. Ingrid
    27. Oktober 2011, 18:12

    Mein Tipp: Seht euch diese Sendungen nicht an, mit welcher Intention auch immer sie produziert sein könnten oder konsumiert werden könnten. Es ist nichts Wertvolles darin.

    Ich selbst habe früher gerne die Bild-Zeitung “aus Ironie” gelesen. Das ist mir jetzt nicht mehr möglich. Ich glaube, dass dieses ganze Zeug einfach nur dümmlicher, verdummender Scheiß ist. Ob es böse gemeint ist, spielt dabei eigentlich keine Rolle.

  24. Friedemann
    27. Oktober 2011, 18:30

    Guter Text, habe ähnliches gedacht, als ich Nina Pauers Text las und aus dem Nicken nicht mehr rauskam.

    Eigentlich wollen all diese Dauerironiker und Fremdschämer und Voyeure doch nur eins: Möglichst deutlich im Bewusstsein der anderen klarstellen, dass sie ANDERS sind als das Referenzobjekt. Und zwar so diffus anders, dass sie, wie Pauer schreibt, “safe” sind vor jedem (Gegen-)Angriff.
    Das muss wahnsinnig anstrengend sein, aber was tut der mensch nicht alles, um seine Schwächen abzusichern.

    Zum TV: Nicht schauen, nicht relativieren, nicht darüber sprechen. Es ist traurig, dass sich eine eigene Meta-Kultur gebildet hat, die ihre Stimulanz aus diesem menschenverachtenden Müll zieht und sich gleichzeitig scheinbar davon absetzt bzw. erhebt. Im Grunde genommen sind doch die Menschen, die pseudointellektuell und mit mal mehr, mal weniger Häme über die Bauern und Schwiegertöchter gesucht “ironisch” lachen, die ganz armen Würste.

    Zum letzten Absatz: Ich würde es “Hyperreflektion” nennen, der psychosoziale Pyramidenbau der Postmoderne, die uns ständige Reflektionsleistung abverlangt, gleichzeitig aber so wahnsinnig kontingent ist, dass wir nie auf ein endgültiges Urteil kommen können.
    Wenn Du mir zu dem Thema wieder mit einem Text zuvor kommst, bin ich sauer, ironisch, versteht sich.

  25. anton bibersberg
    27. Oktober 2011, 18:36

    eigentlich sollte man dem autor dankbar sein.
    er beweist, dass ironie nicht notwenigerweise ein problem oder wie die amerikaner sagen würden, eine herausforderung seiner generation ist.

    andererseits ist es leider auch ein beweis für die stuckard- barre-lottmann generation, du ich such mir was raus das scheisse is, dann beschreib ich das als scheisse. ne mach das net. oder mach es. ich mach dann den lügnerischen überbau. oder so ähnlich.

    ironie kann man bei ernst lubitsch lernen.
    da gibts auch was zu lachen.

    das wäre für die generation des autors allerdings was neues.
    lachen ohne zu wissen warum.

  26. Lukas Heinser
    27. Oktober 2011, 18:41

    Da das Thema ja zu Logikspiralen sondergleichen einlädt, habe ich mich gerade gefragt, ob es nicht schon wieder eine Form von Überlegenheitsgeste ist, wenn man sagt: “Nee, das ist schlechtes Fernsehen, das darf man auf keinen Fall gucken!” Denn das Prinzip der Abgrenzung (“ihr da unten, wir hier oben”) kommt ja auch da zum Tragen.

    (Ohne damit jetzt die Leute angreifen zu wollen, die hier schreiben, sie würden solche Shows aus Prinzip nicht gucken.)

  27. floyd
    27. Oktober 2011, 18:56

    Sehr schöner ehrlicher Artikel, vielen Dank! Er sprich meiner Meinung nach ein unglaublich tief sitzendes Problem in unserer Gesellschaft an. Die Chance aufgrund der eigenen Überzeugung, oder des eigenen Geschmacks angegriffen oder kritisiert zu werden ist wahnsinnig verbreitet.

    Bewundernswert, Lukas, wenn Du wirklich von Dir behaupten kannst, Deinen Geschmack und Deine Interessen jederzeit offen vertreten zu können. Das gelingt meiner Meinung nach den Wenigsten.

    Vielmehr hat sich doch Ironie zu einer Form des Selbstschutzes entwickelt, die die Freiheit gibt, zu tun, was du magst und im Zweifelsfall mit dem Verweis auf Protest Schutz vor Kritik bietet.
    Sicher kein gesundes Verhaltensmuster, aber meiner Meinung nach nur eine Reaktion auf den Umgang der Menschen mit Lebensweise, Geschmack, Verhalten Ihrer Mitmenschen. Toleranz, Anerkennung und Empathie sind Mangelware. Spott, Erniedrigung und Ausgrenzung sind absolut populär.

    Und genau das bildet ja auch das Erfolgsrezept der ganzen Reality-Dokus und Castingshows. Zeige hilflose Gestalten, die noch schlechter gekleidet, noch weniger sprachgewandt, noch ungeschickter und noch weniger gutaussehend sind als der Durchschnitt und du wirst jede Menge erleichterte Zuschauer finden, die froh sind, mal auf jemanden herabschauen zu können.

  28. Axel Krueger
    27. Oktober 2011, 22:05

    Bin mir ziemlich sicher das hier zur Recherche vorher keine Bad Taste Party besucht wurde. Auf Bad Taste Partys wird gegen die Uniformität sämtlicher Mode und Musiktrends demonstriert. Hier darf man seinem Herzen freien Lauf lassen und hemmungslos zu David Hasselhoff und Modern Talking tanzen, trinken und feiern. Dadurch das sich jeder bewusst albern kleidet wird niemand mehr oberflächlich abgeurteilt. Ich habe die nettesten und ehrlichsten bekanntschaften nur auf bad taste partys gemacht.

  29. Dr. Borstel
    27. Oktober 2011, 22:16

    Ich bin ja schon froh, dass man mittlerweile offensichtlich wieder über Ironie schreiben kann, ohne den Namen Alanis Morissette zu erwähnen.

  30. Theodorant
    28. Oktober 2011, 0:14

    Großes Kino, Lukas! Ich hoffe ich kann den Artikel und die Arbeit die dahinter steckt genug würdigen, in dem ich versuche immer mal wieder an ihn zu denken. Ich finde da stecken ein paar Dinge drin die jeder bei sich abrufbar tragen sollte.

  31. Ingrid
    28. Oktober 2011, 0:36

    “… ob es nicht schon wieder eine Form von Überlegenheitsgeste ist, wenn man sagt: “Nee, das ist schlechtes Fernsehen, das darf man auf keinen Fall gucken!” Denn das Prinzip der Abgrenzung (“ihr da unten, wir hier oben”) kommt ja auch da zum Tragen.”

    Das sehe ich genau anders herum. “He, ihr da oben! Wir hier unten konsumieren euren Quatsch nicht länger, wir lesen eure Zeitung nicht mehr und wir kaufen nicht mehr euer Zeug.”

    Für mich heißt das nicht nur, meinen eigenen Konsum danach auszurichten. Ich mache auch bei anderen Werbung dafür. Dank Internet geht das jetzt sogar noch besser.

    Klar, man DARF das schlechte Fernsehen gucken! Aber, mal ehrlich – wer von denen, die´s tun, WILL das denn auch?? Bei vielen ist es nur eine praktische Angewohnheit nach einem langen Arbeitstag. Eine Freifahrt-Runde im Hamsterrad.

  32. Linus
    28. Oktober 2011, 3:31

    “Man kann auch “Bauer sucht Frau” gucken, ohne sich dafür zu schämen.”

    Ja. Man kann auch die BILD lesen, ohne sich dafür zu schämen. Die Frage bleibt nur: Warum sollte man das können wollen? Aber BILD scheiße zu finden oder gar zu bekämpfen ist ja schließlich total unfair gegenüber allen, die das ernsthaft lesen und denen es was bedeutet. Da drücken wir beim ekelhaft zynischen Gebaren der Macher, die unbedarfte Menschen gerne am Nasenring durch die Manege zur Erheiterung anderer führen, doch gerne beide Augen zu.

  33. Anke
    28. Oktober 2011, 13:55

    “Es kann ja hierzulande keine acht Millionen Elitisten geben, die es sich auf ihrem hohen Ross bequem gemacht haben”

    Doch, genau das glaube ich. Auch wenn nicht alle acht Millionen sich selbst so bezeichnen werden, sehe ich die Merkmale Abgrenzung, Überlegenheitsdenken und Verachtung gegeben.

    Und ja, man sollte sich schämen, “Bauer sucht Frau” zu sehen. Was ich über die an der Produktion beteiligten Personen denke, sprengt an dieser Stelle den Rahmen der Netiquette.

  34. Links fürs Wochenende
    29. Oktober 2011, 7:39

    [...] Nina Pauer untersucht für die ZEIT unter dem Titel “Wenn Ironie zum Zwang wird” die Mechanismen der Peinlichkeit und Ironie im postmodernen Diskurs und macht einen Schlenker von aktuellen Casting-Shows zum 80er- und 90er Trash-Revival. Dies veranlasst Lukas Heinser zu einer ziemlich interessanten, ausführlichen und angenehm abschweifenden Antwort unter dem Titel Auf der Straße zur Ironie-Hölle. [...]

  35. Mario
    30. Oktober 2011, 0:19

    ” Ja. Man kann auch die BILD lesen, ohne sich dafür zu schämen. Die Frage bleibt nur: Warum sollte man das können wollen? Aber BILD scheiße zu finden oder gar zu bekämpfen ist ja schließlich total unfair gegenüber allen, die das ernsthaft lesen und denen es was bedeutet. Da drücken wir beim ekelhaft zynischen Gebaren der Macher, die unbedarfte Menschen gerne am Nasenring durch die Manege zur Erheiterung anderer führen, doch gerne beide Augen zu.”

    Wunderbarer Kommentar.

  36. die ennomane » Blog Archive » Links der Woche
    30. Oktober 2011, 13:01

    [...] Auf der Straße zur Ironie-Hölle Auf der Straße zur Ironie-Hölle: [...]

  37. Kunar
    31. Oktober 2011, 1:04

    Ein kluger Text, wie man überhaupt in letzter Zeit viele besonnene Artikel von Lukas Heinser liest. Ich wünschte, ich hätte in der 2. Hälfte der 20er diese Ruhe ausstrahlen können.

  38. Lukas
    31. Oktober 2011, 4:10

    Anregender, zwingender Beitrag! Es muss was gegen diese Kulturangst getan werden. Der Zwang der Selbstdefinition durch Abgrenzung muss weg. Sendungen wie “Bauer sucht Frau” (bei denen ich mich genusslos schäme) basieren auf Kulturunsicherheit. “Ich find’s scheiße, also bin ich.” kann mal langsam wieder durch “Ich find’s gut, also bin ich.” ersetzt werden. Auch wenn das teurer produziertes (weil kreativeres) TV bedeuten würde. Aber eben auch weniger Intoleranz/schlechte Schubladisierung/Homophobie/Rassismus/Chauvinismus etc. (Voll Ersti, mein Kommentar <3)

  39. Frau S.
    4. November 2011, 14:57

    Danke für das Resümee! Wie oft rege ich mich über Leute auf, die so tun als würden sie etwas ganz schrecklich finden, auf das sie insgeheim total abfahren, nur weil sie glauben, dass es ‘uncool’ wäre. Außer es sei so ‘uncool’, dass es schon wieder ‘cool” ist. Dann ist es erlaubt, sich zu bekennen. Bescheuert! Dieses ganze GEPOSE ist peinlich. Nur schämen sich die Betroffenen nicht. Und wenn, würden sie es ironisch reflektieren. Da bin ich mir sicher.

  40. Coffee And TV: » TV-Tipp: Stromberg
    8. November 2011, 14:26

    [...] hatten uns ja neulich mit dem Phänomen der Fremdscham beschäftigt. Der Großmeister der Fremdscham ist Ralf Husmann, der Autor von Fernsehserien wie [...]

  41. Jaaa, Blog. :: Ab, Indie-Spielekiste :: November :: 2011
    12. November 2011, 1:04

    [...] ist so dermaßen hundsübel, dass es vielleicht schon wieder gut ist, aber bitte nicht auf einer ironischen Ebene. Oder vielleicht doch. Oder… ach, [...]

  42. Links fürs Jahresende
    31. Dezember 2011, 12:25

    [...] Nina Pauer untersucht für die ZEIT unter dem Titel “Wenn Ironie zum Zwang wird” die Mechanismen der Peinlichkeit und Ironie im postmodernen Diskurs und macht einen Schlenker von aktuellen Casting-Shows zum 80er- und 90er Trash-Revival. Dies veranlasst Lukas Heinser zu einer ziemlich interessanten, ausführlichen und angenehm abschweifenden Antwort unter dem Titel Auf der Straße zur Ironie-Hölle. [...]

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