Ich bin ja jetzt auch schon 27 Jahre alt und ein paar Jahre aus der Varietätenlinguistik raus, von daher muss ich die Frage einfach stellen: Hä?

Ich bin ja jetzt auch schon 27 Jahre alt und ein paar Jahre aus der Varietätenlinguistik raus, von daher muss ich die Frage einfach stellen: Hä?

Ich mag keine Krimis, nicht als Buch und nicht im Fernsehen. Dieses Whodunit interessiert mich null und ich kann mir ungefähr hunderttausend Dinge vorstellen, die ich an einem Sonntagabend lieber täte, als mich anderthalb klischee- und problemüberfrachteten Stunden deutschen Fernsehens auszusetzen, nur um zu erfahren, mit welch abenteuerlichen Konstruktionen die Drehbuchautoren bestätigen, dass ich tatsächlich von der ersten Minute an wusste, wer der Täter war.
Doch Romane von Thomas Glavinic versprechen immer die etwas andere Lektüre, wie etwa „Das bin doch ich“, das von einem Schriftsteller namens Thomas Glavinic handelte. „Lisa“ handelt jetzt von einem Mann, der sich Tom nennt und allabendliche Webcasts abhält.
Mit seinem Sohn Alex hat sich Tom in ein Ferienhaus in einer entlegenen Bergregion zurückgezogen, weil er sich verfolgt wähnt. Verfolgt von einer Frau, die er Lisa nennt und die bestialische Morde in der halben Welt verübt hat: Menschen gehäutet, Menschen gekocht, Menschen gepfählt. Tom berichtet von diesen Morden und redet noch über sehr viel mehr, während er sich jeden Abend mit Whiskey und Koks den Schädel zuknallt – wodurch seine Schilderungen nicht gerade rationaler, glaubwürdiger oder einfach auch nur zusammenhängender wirken.
Diese Grundidee ist ja gar nicht schlecht, aber vom ganzen Setting her taugt die Geschichte besser zum Hörspiel oder zum Ein-Mann-Theaterstück als zum Roman – weswegen das von Christian Brückner eingelesene Hörbuch wahrscheinlich die empfehlenswertere Dareichungsform ist. Andererseits muss man bei einem Postmodernisten wie Glavinic natürlich auch gleich wieder vermuten, dass es volle Absicht gewesen sein könnte, das ganze Konzept medial zu brechen und absichtlich an der Umwandlung zu scheitern.
Entsprechend schwierig ist es auch, sich ein ernsthaftes Urteil über das Werk zu bilden: Unter Krimi-Geischtspunkten sind die Plot Points und Auflösungen (bzw. deren Fehlen) offensichtlich haarsträubend und enttäuschend. Aber „Lisa“ ist ja kein Krimi im eigentlichen Sinne, sondern ein zugedröhnter Stream of Consciousness, der mit realen Fällen und Personen (Peter Handke und Jörg Haider kommen jeweils in einem Nebensatz schlecht weg) ebenso hantiert, wie mit der Frage, was jetzt real ist und was nicht.
Doch in diesem Spagat hat sich Glavinic verheddert, so dass „Lisa“ letztlich weder auf der einen, noch auf der anderen Seite funktioniert: Krimi-Fans werden, wenn sie aus den völlig geisteskranken Morden nicht noch irgendeinen wohligen Schauer mitnehmen, von dem Buch und vor allem von seinem Ende enttäuscht sein, und Literatur-Liebhaber werden vor einem instabilen Storygerüst stehen, das nur notdürftig mit Meta-Ebenen und stilistischen Verzierungen verkleidet ist.
Und woher kommt überhaupt diese Obsession der jüngeren deutschsprachigen Schriftsteller, moderne Kommunikation gewaltsam in Romanform abbilden zu wollen? Das hat doch auch bei Daniel Kehlmann in „Ruhm“ nur so mittel-gut geklappt und es zwingt sie ja (mutmaßlich) niemand dazu, wo andere Medien doch viel naheliegender erscheinen.
Thomas Glavinic – Lisa
Hanser Verlag
17,90 Euro (Rezensionsexemplar)
Drei Monate des Jahres sind schon wieder um (oder „ein Quartal“, wie regelmäßige Arztbesucher sagen) und wir haben fast nichts über Musik geschrieben. Nachdem der geplante Podcast zu aktuellen Neuerscheinungen wegen akuten Irrsinns bürokratischer Hürden auch nicht aus den Puschen kommt, dachte ich mir: Schnell mal irgendwas aufschreiben, bevor ich völlig den Überblick verliere.
Der Popsong des Jahres kommt, wenn in den verbleibenden neun Monaten nicht noch ein Wunder geschieht, von einer Band, die bisher eher nicht so durch Popsongs aufgefallen war. Aber „Shell Games“ von Bright Eyes ist einfach ein Meisterwerk von einem Song. Das dazugehörige Album „The People’s Key“ ist dann gleich noch das beste Album der Band seit sechs Jahren. Womit wir direkt bei R.E.M. wären, die mit „Collapse Into Now“ mal eben ihr bestes Album seit 15 Jahren veröffentlicht haben – das mit „Überlin“ einen der besten Songs ihrer inzwischen mehr als dreißigjährigen Karriere enthält.
Das Jahr hat aber bisher auch einige sehr gute Newcomer zu bieten: Über James Blake ist womöglich schon alles gesagt. Im Gegensatz zu Radiohead, die wohl auch ein neues Album veröffentlicht haben, interessieren mich die flackernden Beats und die entrückte Stimme von James Blake – und sie gefallen mir. Ein bisschen, wie wenn Bon Iver auf The Postal Service trifft. Deutlich eingängiger sind die Debütalben von The Naked And Famous und Neon Trees: Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich mich noch mal für neue Indie-Bands interessieren würde, aber diese beiden Alben gefallen mir tatsächlich. Wohl auch, weil so viele Synthesizer und Keyboards zum Einsatz kommen und vergleichsweise wenige Gitarrenriffs über Achtelbeats.
Die Cold War Kids hatte ich seit ihrem Debüt vor vier Jahren aus den Augen verloren, aber ihr drittes Album „Mine Is Yours“ klingt eh ganz anders als damals: Auch wieder deutlich mehr nach Killers und insgesamt deutlich runder. The Low Anthem hingegen schließen direkt an ihr fantastisches Debüt an und zaubern mit „Smart Flesh“ Folkmusik, die einen zudeckt wie eine weiche Wolldecke. Schön zu lesen, dass die Band dieses Jahr direkt wieder auf dem Haldern Pop Festival spielen wird, wo sie mich letztes Jahr schon völlig begeistert zurückgelassen hat.
Neun Jahre nach ihrem Debüt hat Walter Schreifels die Rival Schools wieder zum Leben erweckt. Ein zweites „Used For Glue“ fehlt auch auf „Pedals“ und insgesamt klingt das Album ein wenig nach angezogener Handbremse (oder wahlweise angegrautem Haupthaar), aber schön ist die Platte dennoch geworden – man sollte sie nur nicht direkt mit dem Frühwerk des Herrn Schreifels vergleichen. Auch die White Lies haben mit „Ritual“ kein Meisterwerk geschaffen, aber ein grundsolides Album mit Achtziger-Jahre-angehauchtem Düsterpop, das mit „Bigger Than Us“ eine sehr, sehr gelungene Single enthält.
Weitere tolle Singles, bei denen ich die Alben noch nicht gehört habe: „Milk And Honey“ von den Beatsteaks, „Post Break-Up Sex“ von The Vaccines (sensationell doofer Text, aber dadurch womöglich um so beeindruckenderer Song) und tatsächlich dann auch irgendwann „Rolling In The Deep“ von Adele, mit der ich sonst so gar nichts anfangen kann.
Heute dann hörte ich tatsächlich zum ersten Mal Jupiter Jones im Radio – und das gleich auf WDR2. Es könnte am Major-Deal liegen oder daran, dass „Still“ einfach ein wahnsinnig guter, anrührender Song ist. Das dazugehörige, vierte Album der Band, das einfach nur „Jupiter Jones“ heißt, ist ihr bestes seit dem Debüt. Zwar klingt die Platte an einigen Stellen, als hätte Sänger Nicholas Müller einfach nur über bereits fertige Bänder von Biffy Clyro gesungen, aber das ist ja nicht die schlechteste Ausgangslage. Und wer Songs wie „Berlin“, „Alter Mann wo willst Du hin“, „Hey! Menetekel“ und „ImmerFürImmer“ auf der Habenseite hat, der hat offenbar sowieso wenig falsch gemacht. Wenn Sell-Out immer so klingen würde, sollten ruhig alle Bands bei großen Plattenfirmen unterschreiben.
Womit wir nicht zwingend bei Thea Gilmore wären: Die Frau hat, obwohl erst 31 Jahre alt, mit „Murphy’s Heart“ gerade ihr elftes Album veröffentlicht, was mir womöglich völlig entgangen wäre, wenn im Plattenladen meines Vertrauens nicht ein Label-Sampler gelaufen wäre, auf dem zwei Songs von ihr drauf waren. Schöne, unaufdringliche Folk-Musik, die über das Mädchen-mit-Gitarre-Schema hinausgeht und auch mal auf Bläser und Keyboards zurückgreift. Das ist schon eher Musik zum Nebenherhören, aber durchaus schön.
Schön klang das nicht, was The Get Up Kids vorab von ihrem Comeback-Album hören ließen, weswegen dieses Album von mir bisher ungehört ist. Näherungsweise nicht gehört, bekloppterweise aber gekauft habe ich das Debüt-Album von Beady Eye. Zwar sind Oasis ohne Noel Gallagher nicht ganz so schlimm, wie ich erwartet hätte, aber in Sachen Egalheit unterscheidet sich „Different Gear, Still Speeding“ auch nicht groß von den letzten beiden Oasis-Alben. Auch noch nicht gehört habe ich das neue Album von The Strokes, was ich allerdings schon aufgrund der sehr gelungenen Single schnellstmöglich nachholen möchte.
Und sonst? Hat Ben Folds mal wieder in der Kölner Live Music Hall gespielt – und zwar so lange, dass ich vor den Zugaben zum Zug hechten musste. Bis dahin war es ein gutes Konzert gewesen, das alle Schaffensphasen schön abbildete und musikalisch dank vierköpfiger Begleitband nah an den Sound der Alben herankam. Leider wurde der Meister selbst dadurch etwas an den Rand gedrängt, was ihn aber nicht von wüsten Improvisationen abhielt, die wir dann womöglich auf der nächsten Platte wiederfinden werden.
Völlig unabhängig vom öffentlichen Personennahverkehr war ich beim Konzert von Jupiter Jones, die 80 Meter Luftlinie von meiner Wohnung (400 Meter Fußweg, wenn man nicht die Bahngleise überqueren will) spielten und dabei das ausverkaufte Bochumer Riff zum Kochen brachten, wie man so schön sagt. In der Stadt, in der man zuhause ist, und mit den Menschen, die Freunde sind, wirkt ein Song wie „Berlin“ („über Menschen, die glauben, dass sie, wenn sie einen Mietvertrag in Berlin unterschreiben, auch einen Vertrag für das Glück unterschreiben“, Nicholas Müller) noch hundert Mal doller. Und die dazugehörigen Publikumschöre waren gerade noch so viel U2-Haftigkeit, wie ich in meinem Leben ertragen kann.
Das beste Konzert der Monate Januar bis März besuchte ich allerdings am letzten Tag dieses Zeitraums in Düsseldorf: Erdmöbel, deren famoses Album „Krokus“ auf Platz 2 meiner letztjährigen Bestenliste gelandet war, spielten im Savoy-Theater auf und obwohl Sitzkonzerte tendenziell eher nicht Rock’n’Roll sind, erlebte ich eines der besten und vor allem beglückendsten Konzerte ever. Wenn man nämlich (versehentlich) in der ersten Reihe hockt und eine bestens eingespielte und aufgelegte Band quasi in Armreichweite wunderbar musiziert, dann muss das gar nicht Rock’n’Roll sein, dann ist das einfach toll. Ich habe jedenfalls vermutlich noch nie bei einem Konzert so entrückt gestrahlt – außer vielleicht bei Auftritten von Lena Meyer-Landrut.
Die hat ja auch ein neues Album draußen und das ist ehrlich gesagt gar nicht so schlecht. Klar: Ein anderer Produzent (und damit ein lebendigerer Sound) würde ihr gut tun und es fällt auch schwer zu glauben, dass das die zwölf besten Songs gewesen sein sollen, die ein paar hundert internationale Songwriter innerhalb von neun Monaten geschrieben haben, aber „Good News“ ist schon ein völlig okayes Album. Und „Taken By A Stranger“ tatsächlich ein sehr guter Song.
Die Chancen stehen gut, dass „Abkürzel“ mein Wort des Jahres 2011 wird:
Bald mehr auf duslog.tv
Aus einer aktuellen Pressemitteilung des Vergleichsportals fluege.de:
Wer trickreich bucht, kann dennoch sparen
Japan-Reisende, die derzeit spontan von Tokyo nach Deutschland fliegen möchten, müssen zurzeit viel Geld bezahlen – bis zu 8.200 Euro für ein Eco-Ticket. Das ergab eine Auswertung des größten deutschen Flugportals fluege.de (2 Mio. Nutzer im Monat, AGOF internet facts 2010-III). Wer Japans Katastrophe lieber stilvoll mit einem First-Class-Ticket entkommen möchte, der muss derzeit beispielsweise für einen Flug von Tokyo nach München sogar über 20.000 Euro bezahlen. (…)
Okay, das war schon blöd von Bild.de, auf den gefaketen Twitter-Account von Eminems Tochter reinzufallen. Und hinterher zu berichten, dass alle, inklusive man selbst, auf die Fälschung reingefallen ist, den Ursprungsartikel aber unverändert online zu lassen, ist auch nicht so richtig clever.
Was ich persönlich aber haarsträubend dämlich fand, ist eine ganz andere Sache. Beim lustigen Rätselspaß, um wessen Tochter es sich denn handeln könne, hat Bild.de auch Kurt Cobain im Angebot:

28?!?
Jedes Kind (also: jedes Kind, das alleine auf dem Schulhof steht, weil es unglaublich uncool und nerdig ist, aber in zehn Jahren saucool sein wird, während die heute coolen Kinder dann mit Anzug und Krawatte an ihrem Schreibtisch in der Sparkasse hocken) weiß, dass Kurt Cobain zum „Club 27“ gehört und demnach – ebenso wie Jimi Hendrix, Jim Morrison, Janis Joplin und Brian Jones – mit 27 gestorben ist.
Ich betone das auch, weil ich seit November älter bin, als Kurt Cobain je geworden ist.
Am Ende sind sie alle geschockt. Auf den Fernsehschirmen ist Adolf Hitler zu sehen, der „Führer“ ihrer Organisation. „Ja, ja, Ihr wärt alle gute Nazis gewesen“, sagt ihr Lehrer Ben Ross 1 und die Schüler in der vollbesetzten Aula schweigen betreten. Steht „Die Welle“ von Morton Rhue eigentlich immer noch auf dem Lehrplan von Englischkursen?
Nazi-Vergleiche verbieten sich eigentlich als Stilmittel in der sachlichen Auseinandersetzung. Und dennoch fällt es schwer, angesichts von Hunderttausenden, meist jungen Menschen, die sich bei Facebook „Gegen die Jagd auf Karl-Theodor zu Guttenberg“ aussprechen oder „Wir wollen Guttenberg zurück“ fordern, nicht von einer „Guttenbergjugend“ zu sprechen.
Es ist schwer zu sagen, woher ausgerechnet bei einer eher als unpolitisch gescholtenen Jugend plötzlich diese Begeisterung für einen einzelnen Minister herkommt – noch dazu für einen von der CSU, die sonst nicht unbedingt einen übermäßigen Zuspruch junger Wähler erfährt. Ist es wirklich „eine ganz natürliche Neigung der Menschen, nach einem Führer Ausschau zu halten, nach irgendjemandem, der alle Entscheidungen“ trifft, 2 oder fällt das Licht einer Massenhysterie hier eher zufällig auf einen Politiker?
Chuck Klosterman hat einmal geschrieben, 3 dass man wahrscheinlich alle Menschen außerhalb seines engsten Freundeskreises mit einem einzigen Satz beschreiben könne. In Wahrheit reicht vermutlich ein einziges Wort oder Gefühl aus: Der Typ, der auf dem Schulhof immer alleine rumstand? „Nerd“. Die Kellnerin aus dem Café um die Ecke? „Niedlich“. Stefan Effenberg? „Trottel“.
Wer das politische Tagesgeschäft nicht mal mindestens verfolgt, aber an Titelbildern wie „Der coole Baron“, „Die fabelhaften Guttenbergs“ oder „Wir finden die GUTT!“ vorübergeht, speichert den charismatischen Franken natürlich schnell unter „cool“ ab, so wie ich als Kind Helmut Kohl unter „dick und mit Sprachfehler“ abgespeichert hatte. Wenn Guttenbergs Karriere nicht ein jähes vorläufiges Endes gefunden hätte, wäre er bis zur Bundestagswahl 2013 sicher noch auf dem Cover des deutschen „Rolling Stone“ (Herausgeber: Ulf Poschardt) und der „Bravo“ aufgetaucht.
Im Prinzip ist Guttenberg für die jungen Leute also nichts anderes als Justin Bieber, Miley Cyrus oder Katy Perry – und genau auf diesem Level verteidigen die Fans ihr Idol auch. Doch während Diskussionen über musikalische Geschmäcker müßig sind (ich fand „Baby“ von Justin Bieber zum Beispiel gar nicht schlecht), folgen politische Diskussionen für gewöhnlich gewissen argumentativen Regeln. (Dieser Satz ist eine Arbeitshypothese, die bei jeder Bundestagsdebatte und jeder Polit-Talkshow widerlegt wird, aber anders kommen wir hier nie aus dem Quark.)
Wie soll man jetzt jemandem begegnen, der „DIE sind doch nur neidisch!“ für ein zwingendes Argument hält, einen Betrüger im Amt zu halten – noch dazu, wenn dieses „Argument“ auch von führenden Unionspolitikern vorgebracht wird? Was soll man jemandem entgegnen, der wahrscheinlich nicht einmal die Hälfte der Bundesminister namentlich benennen könnte, aber im Brustton der Überzeugung verkündet: „Er war einfach der beste minister von allen!!“? Und wie erklärt man Menschen, die noch nie eine Universität von innen gesehen haben oder – viel schlimmer! – ein hektisches Bachelor/Master-Studium zum Zwecke der schnellen Berufsqualifikation durchlaufen haben, wie erklärt man denen, was wissenschaftliche Ehre und Bildungsgedanken sind?
Insofern kann man der Anruferin, die sich in einer zehnminütigen Diskussion mit dem Radio-Fritz-Moderator Holger Klein wiederfand (von der sie vermutlich anschließend annahm, aus ihr als Siegerin hervorgegangen zu sein), sicher attestieren: „Du bist Deutschland!“
Der Fall Guttenberg war außerhalb des politischen Berlins auch eine Auseinandersetzung zwischen zwei Lagern: Auf der einen Seite die bürgerliche Presse und die entsetzten Akademiker, die den Ruf des Bildungsstandortes Deutschland in akuter Gefahr sahen, auf der anderen Seite „Bild“ und das einfache Volk. Oder, vom Volk abgegrenzt, wie Herder sagen würde: „der Pöbel auf den Gassen, der singt und dichtet niemals, sondern schreyt und verstümmelt.“ 4
Karl-Theodor zu Guttenberg hat viel falsch gemacht, aber Fans, die so etwas womöglich ernst meinen könnten, hat auch er nicht verdient:
Guttenberg ist der PERFEKTE Mensch! Sein selbstkritisches Auftreten, seine uneingeschränkte Ehrlichkeit sowie seine reichhaltige Kompetenz sind unübertroffen. Guttenberg ist der ERLÖSER!!! Er muss WELTHERRSCHER werden, dann würde es durch seine MENSCHLICHKEIT endlich WELTFRIEDEN geben!
Es sind halt Fans und Fans handeln – das weiß jeder, der schon einmal im Fußballstadion oder auf einem Rockkonzert war – nicht immer rational. Entweder, sie bleiben ihren Helden bis zur Selbstverleugnung treu, oder sie sind irgendwann so enttäuscht, dass sie sich gegen ihr Idol stellen.
Ich bin mir sicher, viele der Guttenberg-Fans fanden vor zwei, drei Jahren auch Barack Obama gut – einfach, weil er cool und anders war. Dabei wäre es doch irgendwie beruhigend zu wissen, dass die Menschen den heutigen US-Präsidenten in erster Linie verehren, weil sie seine Meinung teilen und seine Versuche bewundern, seiner Linie trotz allem treu zu bleiben. Dass er dabei unbestreitbar cool und einzigartig ist, kann ja dann gerne einer der weiteren Gründe für seine Beliebtheit sein.
Guttenberg ist dabei gar nicht der erste deutsche Nachkriegs-Politiker, der die Massen zu mobilisieren wusste: 1972 machten junge Leute, die noch lange nicht selbst wählen durften, unter dem Slogan „Willy wählen!“ Wahlkampf für Willy Brandt. Nur: Diese Leute unterstützten Brandt wegen seiner politischen Ansichten, wegen seiner Ostpolitik, ohne die Helmut Kohl nie zum „Kanzler der Einheit“ hätte werden können. Bei Guttenberg konnten nicht einmal aufmerksame Beobachter sagen, wofür er stand und was seine Linie war. Es war ja auch fast jeden Tag eine andere: Bei einer staatlichen Rettung von Opel mit Rücktritt drohen, dann doch im Amt bleiben; den Luftschlag von Kundus „angemessen“ nennen, dann „unangemessen“; in Sachen Gorch Fock keine schnellen Urteile fällen wollen, dann spontan (und im Beisein der „Bild“-Zeitung) den Kommandanten feuern. Und immer waren die Anderen schuld. Wer das ernsthaft als „gute Arbeit“ bezeichnet, den möchte ich nicht meine Heizung reparieren lassen – er könnte ja schon nächste Woche mit den montagebereiten Nachtspeicheröfen vor der Tür stehen.
Wenn Kai Diekmann jetzt vom „grauen Mittelmaß“ der Politiker schreibt, die nun wieder das politische Berlin beherrschten, und Nikolaus Blome die „politische Hygiene“ beklagt, möchte ich ihnen entgegen rufen: Meinetwegen können die Politiker so grau sein, wie sie wollen, sie sollen ihre verdammte Arbeit ordentlich machen und sich anständig verhalten! Politik ist nicht Teil des Showgeschäfts, auch wenn das seit dem Umzug der Bundesregierung nach Berlin immer mal wieder gern vergessen wird.
„Aber das Volk liebt ihn doch!“, wenden Diekmann und Blome dann unisono ein. Der Vorwurf, die Politik höre nicht auf das, was die Bevölkerung wolle, lenkt davon ab, dass selbst „Bild“ es nicht geschafft hat, Guttenberg im Amt zu halten, und damit weiter an Einfluss verloren hat. Stattdessen beklagen ihre Redakteure die weiter fortschreitende „Politikverdrossenheit“, die Journalisten seit 20 Jahren zu erkennen glauben. Dabei wäre es die verdammte Aufgabe von Journalisten, den Bürgern die Zusammenhänge zwischen der graue Politik und ihrem Leben aufzuzeigen und kritisch, aber nicht pauschal verurteilend, zu begleiten, was „die da oben“ eigentlich den ganzen Tag so machen. Die Aufgabe der Presse ist es jedenfalls nicht, Politglamour-Paare hochzuschreiben!
Warum sich das deutsche Volk (oder genauer: große Teile dessen) offenbar mehr als 90 Jahre nach Abschaffung des Adels in Deutschland ausgerechnet einen „Freiherrn“ ins Kanzleramt wünscht, lässt sich eigentlich nur damit erklären, dass die Deutschen zu oft beim Arzt und/oder Friseur sind und ob der Lektüre der dort ausliegenden Magazine eine gewisse Sehnsucht nach Blaublütern verspüren. Das ist irritierend, denn bisher haben wir im Geschichts- und Politikunterricht gelernt, dass die Massen gegen die Klassen kämpfen würden.
Eigentlich ist es den Leuten aber eh egal, zu wem sie aufschauen, so lange sie zu jemandem aufschauen können: Zu Lady Di, zum Papst oder eben zu „KT“ und seiner Stephanie. Die Guttenbergs boten die ölige Projektionsfläche für alle, die niemals König oder Königin von Deutschland werden würden: Ausgestattet mit einem ordentlichen Stammbaum, in einer Bilderbuchehe verheiratet, mit einem Privatvermögen im Rücken, dessentwegen man gar nicht arbeiten müsste. Die Idylle lockte wie ein alter Heimatfilm.
Guttenberg war die personifizierte Umkehr der Zeiten, als die Populärkultur politisch wurde: im Politbetrieb war er „Pop“, was der Kulturwissenschaftler Thomas Hecken als „Kürzel für mal glatte und oberflächliche, mal durchschlagende und intensive Reize“ beschreibt. 5
Ab einem bestimmten Punkt wird jede Bewegung zum Selbstläufer; die Masse findet gut, was beliebt und erfolgreich ist. So lässt sich der plötzliche unfassbare Charterfolg einer 17 Jahre alten Coverversion eines heute mehr als 70 Jahre alten Songs erklären, aber auch der schier unglaubliche Zulauf, den die Pro-Guttenberg-Seiten bei Facebook erfahren. Ich wüsste gerne, wie viele der Guttenberg-Jünger gleichzeitig auch Fans von Unheilig sind.
Nach dem selben Prinzip funktioniert dann auch die Argumentation: Die Leute plappern nach, was sie anderswo (also: bei Gleichgesinnten) schon gehört und nicht verstanden haben. Aber haltlose Behauptungen werden nicht wahrer, wenn sie hundertfach wiederholt werden – und das gilt für beide Seiten, wie die peinliche Geschichte mit dem angeblichen „Star Trek“-Zitat in Guttenbergs Rücktrittsrede beweist.
Dass man Verfehlungen nicht gegeneinander aufwiegt, lernt man normalerweise im Kindergarten. Offenbar wächst sich das mit der Zeit aber wieder raus:
Für mich ist des ne Lapalie!!! Andere sind immernoch im Amt und treiben viel schlimmer Sachen ich sage nur Berlusconi!!!! Dass das nicht ok ist mit dem Doktortitel ist klar aber des hatte nichts mit seiner Arbeit als Politiker zu tun!!!
Wenn nun also ernsthaft junge Menschen, die durchaus Abitur haben und studieren, fragen: „Was hat die gefälschte Doktorarbeit denn mit den politischen Fähigkeiten der Person zu tun?“, muss man erst mal kurz durchatmen und die Blutdruckhemmer einwerfen, bevor man in leicht verständlichen Worten zu erklären versucht, dass man persönlich für seinen Teil Menschen, die als Betrüger entlarvt seien, jetzt eher ungern in politischen Ämtern sähe. Das mit „Vorbildfunktion“ und „Bildungsrepublik“ lässt man lieber direkt weg.
Dann heißt es: „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“, 6 in dezenter Verkennung des Umstandes, dass Jesus das damals ziemlich konkret gemeint hat: Die Pharisäer wollten die Ehebrecherin nämlich steinigen. Nähme man die Geschichte aber als universellen Rechtsgrundsatz, wäre die Besetzung von Richterbänken und Staatsanwaltsposten eine unlösbare Aufgabe.
Ohne Sünde ist niemand (außer die Mutter Gottes in der Katholischen Kirche), aber bestimmte Sünden sorgen einfach dafür, dass man für bestimmte – oder gar alle – Ämter ungeeignet ist. (Die Ausnahme stellt auch hier wieder die CDU/CSU dar, wo man auch noch geschmeidig Verkehrsminister werden kann, nachdem man unter Alkoholeinfluss einen tödlichen Verkehrsunfall verschuldet hat, oder Finanzminister, wenn man sich nicht daran erinnern kann, einmal 100.000 DM in bar entgegengenommen zu haben.) Und dass „alle anderen Politiker auch Dreck am Stecken“ haben sollen, entpuppt sich spätestens dann als windschiefe Verteidigung, wenn der eigene Partner zu einem sagt: „Aber alle anderen gehen doch auch fremd, Schatz!“
Wenn irgendwelche Jungspunde bei Facebook jetzt also „Guttenberg for Reichskaiser“ fordern, können wir nur von Glück sprechen, dass Karl-Theodor zu Guttenberg zweifelsohne ein überzeugter Demokrat ist, und die Demagogen, die Deutschland in den letzten 65 Jahren hervorgebracht hat, allesamt unansehnlich oder rhetorisch überfordert waren – oder in den meisten Fällen gleich beides. Doch wehe, wenn jemand auftauchen sollte, der Pop-Appeal verströmt und nebenbei Volksverhetzung betreibt!
Eines noch zum Schluss: Die Frage „Gibt es denn nichts Wichtigeres auf der Welt?“ ist das dümmste aller dummen Null-Argumente. Denn es gibt ja auch „Wichtigeres als Steuerhinterziehung, Fahren im angetrunkenen Zustand, das Heraustelefonieren von Lustmädchen aus Untersuchungsgefängnissen durch Ministerpräsidenten, Vulgarität und was nicht noch alles“, wie es Jürgen Kaube in der „F.A.Z.“ formuliert hat. 7 Die Antwort lautet also in nahezu jedem Kontext: „Doch, natürlich gibt es Wichtigeres.“ Ginge es danach, müsste uns alles egal sein, was nicht direkt zur Schaffung des Weltfriedens beiträgt. Ich schlage vor, dass wir mit dem Ignorieren der Anzahl von Facebook-Fans anfangen.
Warum musst du springen wie der Springer dich schuf
Mädchen, hattest du nicht eigentlich einen anderen Beruf
(Wir Sind Helden – Zieh Dir was an)
Wenn man Besucherzahlen und Verlinkungen als Parameter für Erfolg ansieht, war es eine sehr erfolgreiche Woche fürs BILDblog. Was uns allerdings verwundert hat: Nicht einer der vielen Artikel über die Sonderbehandlung, die „Bild“ Karl-Theodor zu Guttenberg angedeihen ließ, hat letztlich unseren Server zum Knirschen gebracht, sondern der wütende, leicht hilflose Brief einer Popsängerin.
Die Werbeagentur Jung von Matt hatte bei Judith Holofernes und ihrer Band Wir Sind Helden angefragt, ob diese nicht im Rahmen einer Werbekampagne „ihre offene, ehrliche und ungeschönte Meinung zur BILD“ äußern wollten. Das war angesichts der Tatsache, dass Holofernes mit ihrer Meinung zu „Bild“ nie hinterm Berg gehalten hatte, eine steile Anfrage – nach Maßstäben von Werbern also womöglich eine brillante Idee.
Aber Sängerin und Band wollten nicht auf ein Plakat, sie teilten ihre Ansichten der Menschheit lieber unentgeltlich mit: auf der eigenen Website, bei uns und später, als beide Server am Boden waren oder in den Seilen hingen, auch noch anderswo.
Die Reaktionen haben alles getoppt, was wir (und wohl auch die Band selbst) erwartet hätten. Mehr als 50.000 Menschen haben inzwischen den Facebook-„Gefällt mir“-Button unter dem BILDblog-Eintrag geklickt, was für uns eine so unvorstellbar hohe Zahl ist, dass ich sie nur noch mit der Einwohnerzahl meiner alten Heimatstadt vergleichen kann. So gesehen geht da also noch was.
Die Reaktionen waren überwiegend, aber nicht ausschließlich positiv. Und sie warfen auch Fragen auf, die ein Facebook-Freund von mir so auf den Punkt brachte:
Warum ist das so ne Sensation, das „Wir sind Helden“ nicht für BILD werben? Das ist doch wohl das Mindeste, das man von jemandem mit Anstand erwarten kann.
Ja, das stimmt natürlich. Dennoch werben Leute wie Hans-Dietrich Genscher, Gregor Gysi, Jonathan Meese, David Garrett, Philipp Lahm, Richard von Weizsäcker, aber natürlich auch Til Schweiger für das Blatt. Die dürfen dann zwar auch ein bisschen Kritik äußern, aber sie machen natürlich trotzdem für bundesweite Plakatierung und 10.000 Euro für einen guten Zweck gemeinsame Sache mit „Bild“. (Bemerkenswert übrigens, dass der am ehesten „kritisch“ zu nennende Beitrag ausgerechnet der Radiospot des Komikers Atze Schröder ist.) Die damalige Frauenrechtlerin und heutige „Bild“-Gerichtsreporterin Alice Schwarzer war übrigens schon bei einer früheren „Bild“-Kampagne dabei.
Offenbar ist der (an vielen Stellen rührend ungelenke) Brief von Judith Holofernes ein bisschen wie das Kind aus „Des Kaisers neue Kleider“, das „Aber der ist doch nackt!“ ruft. „Endlich sagt’s mal jemand“, lautete an vielen Stellen der Tenor, was einen natürlich schon ein bisschen betrübt zurück lässt, wenn man seit Jahren zu belegen versucht, was Holofernes jetzt noch mal aufschreibt:
Die BILD –Zeitung ist kein augenzwinkernd zu betrachtendes Trash-Kulturgut und kein harmloses “Guilty Pleasure” für wohlfrisierte Aufstreber, keine witzige soziale Referenz und kein Lifestyle-Zitat. Und schon gar nicht ist die Bild –Zeitung das, als was ihr sie verkaufen wollt: Hassgeliebtes, aber weitestgehend harmloses Inventar eines eigentlich viel schlaueren Deutschlands.
Genau das war ja die Motivation von Stefan Niggemeier und Christoph Schultheis, als sie vor fast sieben Jahren BILDblog gegründet haben: zu zeigen, dass „Bild“ eben „kein lustiges Quatschblatt“ ist, wie Stefan es immer wieder ausgedrückt hat.
Das scheint plötzlich auch der „Spiegel“ erkannt zu haben, der morgen – ein Zufall, tatsächlich – mit dieser Geschichte aufmacht:

Ich habe das Heft noch nicht gelesen, die Vorabbesprechungen fallen ziemlich enttäuscht aus und doch ist es bemerkenswert, dass sich ein großes deutsches Medium so explizit mit „Bild“ befasst.
Den etwa 40.000 BILDblog-Lesern an einem durchschnittlichen Tag (diese Woche waren es meist mehr oder sehr viel mehr) und den 50.000 Facebook-Likes des Helden-Aufsatzes steht eine „Bild“-Auflage gegenüber, die zwar kontinuierlich sinkt, aber immer noch bei 2,9 Millionen liegt. Die Reichweite (eine Zahl, die durch das Werfen von Hühnerknochen bei Vollmond ermittelt wird) liegt sogar bei über elf Millionen. Dagegen nehmen sich selbst die Auflage und die Reichweite des „Spiegel“ (knapp eine Million und 5,9 Millionen) eher bescheiden aus, aber es ist eben ein Vielfaches dessen, was wir oder ein Medienmagazin wie „Zapp“ erreicht. (Zumal der Anteil der Leute, die „Bild“ bisher „irgendwie ganz okay“ fanden, unter den „Spiegel“-Lesern deutlich größer sein dürfte, als unter denen des BILDblog.)
Ein Vorwurf, der immer mal wieder aufkam, lautete, mit ihrer Antwort hätten Wir Sind Helden „Bild“ nur noch mehr Aufmerksamkeit verschafft. Mit der gleichen Logik könnte man Greenpeace vorwerfen, indirekte PR für BP zu machen. Das alte Mantra „Any PR is good PR“ steht im Raum, das ich für ziemlichen Unfug halte. Fragen Sie mal Jörg Kachelmann, welche Auswirkungen die ständige Erwähnung seines Namens in den Medien während der letzten elf Monate auf dessen Karriere und Leben gehabt haben! Zudem braucht die „Marke“ „Bild“ ungefähr so dringend weitere Aufmerksamkeit von jungen, kritischen Menschen, wie die „Marke“ „Apple“ von Microsoft-Verehren und Linux-Fans.
Der andere Haupt-Kritikpunkt war, die Band wolle doch nur auf sich aufmerksam machen. Stefan Winterbauer, der Blinde unter den Einäugigen bei „Meedia“, schrieb:
Es ist bezeichnend, dass “Wir sind Helden” einen solchen Popularitätsschub mit einer eher oberflächlichen und wirren Bild-Schelte erreicht und nicht mit ihrer Musik. Das jüngst erschienene Best-of-Album “Tausend wirre Worte” schaffte es nicht mehr in die Top-Ten der Album Charts und rangiert auch bei Download-Plattformen wie iTunes weit hinten.
Die Kommentare bei „Meedia“ fielen überwiegend vernichtend aus, einige zeigten sich gar „enttäuscht“ von dem Mediendienst, was insofern erstaunlich ist, als das ja immerhin eine vage positive Erwartungshaltung voraussetzen würde.
Natürlich kann man der Band diesen Vorwurf machen. Ich glaube nur, dass er in diesem speziellen Fall ins Leere läuft: Es ist ja nicht das erste Mal, dass Judith Holofernes öffentlich zu gesellschaftlichen Themen Stellung bezieht, und auch nicht das erste Mal, dass sie „Bild“ schilt. Wenn eine Frau, die sonst für ihre durchdachten Texte gelobt wird, sich regelrecht auskotzt und dabei ein Brief entsteht, den man unter ästhetischen Gesichtspunkten eher so als „mittel“ bezeichnen würde, nehme ich ihr die Empörung wirklich ab.
Nun kam am Freitag auch die neue Single der Helden auf den Markt, weswegen man der Aktion ein „Geschmäckle“ attestieren kann. Allerdings lag uns das Angebot der Band, den Text zu veröffentlichen, schon neun Tage vorher vor. Dass es letztlich so lange dauerte, lag an der Verpeiltheit auf beiden Seiten.
Und so richtig berechnend wirkt Judith Holofernes auch nicht, wenn sie im Interview mit jetzt.de schon gegen die nächsten stichelt:
Also, wenn diese E ‑Mail uns fünf schlaue, nette Leute in die Arme treibt, die uns bis jetzt scheiße fanden, und wir die dann vielleicht gegen die fünf Leute eintauschen können, die uns in ihrem Plattenregal neben den „Grafen“ gestellt ahaben [sic!], weil sie „halt irgendwie so deutsche Texte mögen“, dann ist das doch ein guter Deal.
Und während ich diesen Eintrag schrieb, erreichte mich die Nachricht, dass der Brief von Judith Holofernes morgen in einer ganzseitigen Werbeanzeige von „Bild“ in der „taz“ erscheinen wird. Damit setze ich dann gerne auch darauf, wer aus diesem Scharmützel als Verlierer hervorgehen wird: die „taz“, wenn morgen wieder ein paar hundert Abo-Kündigungen eingehen.
Disclosure: Ich kann mit dem aktuellen Album von Wir Sind Helden nichts anfangen.
In der nicht enden wollenden Debatte über den Betrug Karl-Theodor zu Guttenbergs beim Verfassen seiner Doktorarbeit hat sich ein weiterer Experte zu Wort gemeldet: der Schauspieler und Regisseur Til Schweiger.
„Ich habe, als ich noch studiert habe, auch abgeschrieben“, sagte Schweiger im Radio-Hamburg-Interview. Deswegen jetzt Guttenbergs Rücktritt zu fordern, halte er für übertrieben, „weil ich finde, dass er eigentlich bis jetzt einen super Job gemacht hat als Verteidigungsminister“.
Nun möchte ich nicht verheimlichen, dass meine Meinung über Schweiger seit langem sehr viel schlechter ist als meine Meinung über Guttenberg nach den Ereignissen der letzten Tage. Bei allen Meinungsverschiedenheiten und Zweifeln an seinen Methoden wusste der Minister zumindest bisher wenigstens mit souveränen Auftritten zu überzeugen, bei denen ich dachte: „Ich mag diesen Kerl nicht, aber er macht das schon verdammt gut!“ Wann immer ich Til Schweiger sehe (und vor allem höre), verfluche ich den Tag, an dem Paul Nipkow das Fernsehgerät erfunden hat.
Jedenfalls ist es nicht das erste Mal, dass die Namen „Schweiger“ und „zu Guttenberg“ gemeinsam in der Presse stehen: Von diversen Preis-Verleihungen und „Ein Herz für Kinder“-Galas ab, ist vor allem das Pass-Spiel, das Schweiger seit einiger Zeit via „Bild“ mit Stephanie zu Guttenberg betreibt, bemerkenswert.
Als die Ministergattin sich im vergangenen Herbst als Gast-Moderatorin der umstrittenen RTL-2-Sendung „Tatort Internet“ versuchte und dafür viel Kritik erhielt, meldete sich Schweiger in „Bild“ zu Wort:
Til Schweiger, selbst Vater von vier Kindern, sagte BILD: „Ich verfolge seit 2 Wochen den medialen Aufschrei über das Format ‚Tatort Internet‘ und den Hohn und Spott, der über Frau zu Guttenberg ausgeschüttet wird, das macht mich erst sprachlos und dann vor allen Dingen wütend! In was für einer Gesellschaft leben wir denn?“
Der Schauspieler fragt: „Wo bleibt der Beifall? Wo ist der empörte Aufschrei über diese widerlichen, armseligen Schweine? Hab ich noch nichts von gelesen, ich lese nur von ‚an den Pranger stellen‘, ‚Hexenjagd‘ usw… Warum macht man sich mehr Gedanken um die Privatsphäre von einem Mann, der Kindern pornografische Fotos von sich schickt und sich dann mit ihnen verabredet? So naiv kann doch niemand sein, oder doch? All denen, die in den letzten zwei Wochen ihre hämischen Kommentare verfasst haben, rufe ich zu: Redet mit euren Kindern, klärt auf und warnt sie, denn es könnte euer Kind als nächstes betroffen sein!“
Das war schon eine ganz gute Generalprobe für Schweigers Stammtisch-Auftritt bei Markus Lanz, wo er sich über das „deutsche Gutmenschentum“ und „intellektuelle Menschen“ empörte und Sexualstraftätern ihre Menschenrechte absprechen wollte, was ihm das erwartbare Lob von „Bild“ einbrachte:

Aber nicht nur von „Bild“ selbst:
Auch Stephanie zu Guttenberg (34), Präsidentin der deutschen Sektion von „Innocence in Danger“, hat den TV-Auftritt von Til Schweiger (47) verfolgt. Guttenberg zu BILD: „Es ist toll, dass Til Schweiger unbequeme Wahrheiten ausspricht und seine Popularität dafür einsetzt, Menschen wachzurütteln! Ich weiß, dass ihm viele Menschen zu diesem Mut gratulieren.“
Doch die Ministergattin und der Kreativwirtschaftler kommunizieren nicht nur indirekt:
Schweiger: „(…) Sogar Stephanie zu Guttenberg hat mir eine SMS geschickt.“
BILD: Was hat die Ministergattin geschrieben?
Schweiger: „Sie hat sich bei mir bedankt!“
Falls Karl-Theodor zu Guttenberg doch noch seinen Hut nehmen muss, wäre Schweiger womöglich der Wunsch-Nachfolger der „Bild“-Redaktion. Wobei die Soldaten das vermutlich nicht so gut fänden …
Zugegeben: In der Pressestelle des Bundesverteidigungsministeriums möchte man dieser Tage auch nicht arbeiten.
Heute stand der Start der Bundeswehrreform auf dem Programm, in den letzten Tagen gab es die eine oder andere unschöne Meldung über die wissenschaftliche Reputation des Ministers und dann berichtete die „Financial Times Deutschland“ auch noch, dass die Bundeswehr eine „große Werbekampagne“ bei „Bild“, „Bild am Sonntag“ und Bild.de schalten wolle.
Wegen dieser „FTD“-Meldung hatte ich einige BILDblog-Fragen an das Ministerium. Aus der Erfahrung weiß ich, dass ich bei Versuchen, den richtigen Ansprechpartner zu treffen, immer zunächst den falschen anrufe und es auch nie möglich ist, mich zu verbinden.
Doch so weit kam ich heute nicht. Als ich die Liste der Pressesprecher durchklickte, bot sich mir folgendes Bild:



Weil ich gerne den Wald vor lauter Bäumen nicht sehe, fragte ich Freunde und Kollegen, ob sie die Kontaktdaten der Sprecher irgendwo sähen. Nein, taten sie nicht.
Die Seiten mit den Ansprechpartnern sind alle auf dem Stand vom heutigen 24. Februar 2011. Im Google-Cache finden sich noch die Versionen von letzter Woche und die sahen beispielsweise so aus:

Die Übersichtsseite, auf der sonst immer die „Zentrale Servicenummer für Presseanfragen und Medienvertreter nach Dienst und am Wochenende“ angegeben war, wurde offenbar schon am Dienstag überarbeitet.
Alt:

Neu:

Ich habe jetzt mal nicht beim Ministerium nachgefragt, was das zu bedeuten hat.
In der aktuellen Debatte um akademische und wissenschaftliche Ehre ist mir eine Geschichte wieder in den Sinn gekommen, die sich vor einiger Zeit an meinem ehemaligen Gymnasium ereignet haben soll und an deren Wahrheitsgehalt ich keinen Grund zu Zweifeln habe:
In einem Englisch-LK war eine Schülerin am Tag der Klausur krank gewesen und musste diese nachschreiben. Wie allgemein üblich wurde sie dafür alleine in einen ungenutzten Raum (ich glaube, es war der Erdkunde-Kartenraum) gesetzt, wo ihr die Aufgabenstellungen vorgelegt wurden. Entgegen der üblichen Vorgehensweise und vermutlich auch entgegen zahlreicher Vorschriften gab ihr der Lehrer exakt die gleichen Arbeitsanweisungen, die er schon dem Rest der Klasse kurz zuvor bei der „echten“ Klausur ausgehändigt hatte.
Interessanterweise hatte die Schülerin in ihrem Rucksack die bereits korrigierte und zurückgegebene Klausur eines Mitschülers, die sie nun über die nächsten Stunden ausführlich abschrieb – entgegen aller schulischen Regeln und jedweder Moral, versteht sich.

Dem Lehrer scheint das Komplett-Plagiat nicht aufgefallen zu sein, jedenfalls wertete er die Klausur nicht als Täuschungsversuch, sondern korrigierte sie ganz normal. Oder: fast, denn er hatte die Original-Arbeit des Schülers deutlich besser (die genauen Details sind niemandem mehr erinnerlich, aber die Rede war von mindestens sechs Punkten, was zwei Noten entspräche) bewertet als die der Schülerin.
Die Schülerin, die sich die ganze Zeit von dem Lehrer ungerecht behandelt gefühlt hatte, konnte natürlich nicht zum Rektor gehen, um sich über ihre Note zu beschweren. Aber eine bemerkenswerte Geschichte war es doch.
Das ist grad aber ein bisschen blöd gelaufen im Bundestags-TV:

Aber auch hier ging es mit der Rückgabe des Doktortitels ganz schnell:

[via Philipp]