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Musik

Melodien für Melonen

In der aktu­el­len Musik­welt gibt es kaum ein wei­che­res Ziel als Cold­play. Okay: Kea­ne, Brit­ney Spears und Razor­light viel­leicht, aber bei denen (zumin­dest den bei­den letzt­ge­nann­ten) ist das ja auch berech­tigt. Die einen jam­mern, die Band sei ja „frü­her mal“ gut gewe­sen, die ande­ren regen sich dar­über auf, dass die Leu­te, die die Band „frü­her mal“ gut gefun­den hät­ten, die­se jetzt wie­der gut fän­den, wo das neue Album doch ganz klar schei­ße sei. Ihnen allen ist gemein, dass sie Cold­play vor­wer­fen, zu den zwei­ten U2 gewor­den zu sein – als wäre das schon das Schlimms­te, was einer Band pas­sie­ren kann, und nicht etwa die zwei­ten Sta­tus Quo, die zwei­ten Oce­an Colour Sce­ne oder die zwei­ten Razor­light zu sein. 1

Cold­play haben bis heu­te kein schlech­tes Album auf­ge­nom­men, dar­an ändert sich auch mit „Viva La Vida“ nichts. Zwar konn­ten sie nie mehr die durch­gän­gig hohe Qua­li­tät ihres Debüts errei­chen, dafür sind auf allen fol­gen­den Alben ein­zel­ne Songs drauf, die bes­ser sind als jeder des Debüts. 2 Dass ihre Kon­zer­te von Fri­seu­sen und Medi­zin­stu­den­tin­nen besucht wer­den, kann man der Band auch nicht anlas­ten: als Oasis-Fan weiß man dar­über hin­aus um die mit­un­ter erschüt­tern­de Erkennt­nis, dass sehr merk­wür­di­ge Men­schen die glei­chen Bands ver­eh­ren kön­nen wie man selbst.

Zuge­ge­ben: Cold­play machen es einem nicht leicht. Nicht nur, dass sie seit Jah­ren die Welt ret­ten wol­len (s. U2), ihr neu­es Album heißt fast wie ein Ricky-Mar­tin-Song 3 und hat dar­über hin­aus ein völ­lig durch­ge­nu­del­tes Cover­bild: das 180 Jah­re alte „La Liber­té gui­dant le peu­ple“ von Eugè­ne Delacroix. Um Frank­reich geht’s in dem Album aber weni­ger, um Revo­lu­ti­on schon sehr viel mehr und letzt­lich auch um Roman­tik.

Aber reden wir über das ein­zi­ge, was zählt: die Musik. Mit dem instru­men­ta­len Ope­ner „Life In Tech­ni­co­lor“ haben Cold­play bei mir schon einen Bro­cken im Brett: es plu­rrt, zirpt und schep­pert, als hät­ten Angels & Air­wa­ves und Arca­de Fire einen gemein­sa­men Track von Jim­my Tam­bo­rel­lo remi­xen las­sen. Das muss an Bri­an Eno lie­gen, der das Album mit­pro­du­ziert hat. Für das gan­ze Album muss man Refe­ren­zen von Arca­de Fire über Death Cab For Cutie bis Pink Floyd, von Stars über Radio­head bis … äh: Tim­ba­land her­an­zie­hen, nach U2 klin­gen immer nur die hal­li­gen Gitar­ren. Nach Cold­play klingt dafür jeder Song, was wohl an der prä­gnan­ten Stim­me von Chris Mar­tin lie­gen dürf­te.

Melo­dien waren bei Cold­play schon immer nur in Aus­nah­me­fäl­len cat­chy 4, „Trou­ble“ kann man auch nach acht Jah­ren noch nicht aus dem Stand sin­gen. Inso­fern braucht das Album Zeit und mög­li­cher­wei­se auch grö­ße­re Gewit­ter oder Voll­mond­näch­te zur Unter­ma­lung. Die Song­struk­tu­ren sind kom­ple­xer gewor­den, mit­un­ter wer­den zwei Lie­der in einem Track ver­eint, was auch nur im Fall „Lovers In Japan/​Reign Of Love“ auf der offi­zi­el­len Track­list ver­merkt wird. „42“ besteht aus min­des­tens drei ver­schie­de­nen Tei­len und wirkt ein biss­chen, als hät­ten sich a‑ha „Para­no­id Android“ von Radio­head vor­ge­nom­men. 5

Bei den ers­ten Hör­durch­gän­gen von „Viva La Vida“ hat­te ich das Gefühl, der Band gehe in der Mit­te die Luft aus: der Span­nungs­bo­gen fällt ab, das Gefühl, alles schon ein­mal gehört zu haben, nimmt zu. Aber dann grät­schen bei „Yes“ plötz­lich bal­ka­ni­sche Strei­cher ins Lied, ganz so, als habe man noch Chan­cen auf eine erfolg­rei­che Grand-Prix-Teil­nah­me wah­ren wol­len.

Spä­tes­tens beim Titel­track hat mich die Band dann aber wie­der: Four-To-The-Flo­or-Beats fin­de ich außer­halb ihres natür­li­chen Lebens­raums Kir­mes­tech­no fast immer gut und Stak­ka­to-Strei­cher, Glo­cken und Pau­ken haben auf mich genau die Aus­wir­kun­gen, die ihnen Edmund Bur­ke in sei­ner Ästhe­tik des Erha­be­nen zuschreibt. Für die Par­al­le­len, die die ame­ri­ka­ni­sche Band Cre­aky Boards zwi­schen „Viva La Vida“ und einem ihrer Songs erkannt haben will, bin ich hin­ge­gen taub. An „Vio­let Hill“, die Vor­ab­sin­gle, hat man sich inzwi­schen so gewöhnt, dass es nicht wei­ter stört, „Straw­ber­ry Hill“ lässt kurz vor Schluss schon mal die Füße sanft ent­schlum­mern, ehe „Death And All His Fri­ends“ und das ange­häng­te „The Esca­pist“ den Rest des Kör­pers ins Reich der Träu­me über­füh­ren.

„Viva La Vida“ ist ein gutes, wenn auch kein genia­les, Album und nach dem ufer­lo­sen Vor­gän­ger „X&Y“ mit 45 Minu­ten auch wie­der schön kom­pakt gera­ten. Ich kann mir vor­stel­len, dass man Cold­play wegen die­ses Albums has­sen kann 6, aber mir gefällt es zufäl­li­ger­wei­se. Und wenn Fri­seu­sen und Medi­zin­stu­den­tin­nen der­art anspruchs­vol­len Pop hören statt die neu­es­te DSDS-Grüt­ze, ist das doch auch schon mal was.

Coldplay - Viva La Vida (Albumcover)
Cold­play – Viva La Vida

VÖ: 13.06.2008
Label: Par­lo­pho­ne
Ver­trieb: EMI

  1. Chuck Klos­ter­man hat mal über die frü­hen Cold­play geschrie­ben, sie klän­gen wie ein mit­tel­mä­ßi­ge Kopie von Tra­vis, die wie­der­um wie eine mit­tel­mä­ßi­ge Kopie von Radio­head klän­gen. Wir sind nicht immer einer Mei­nung.[]
  2. Das hört sich nur kom­pli­ziert und wider­sprüch­lich an: Stel­len Sie sich das Debüt als durch­gän­gig 90% gut vor, wäh­rend Songs wie „The Sci­en­tist“, „In My Place“, „Fix You“ oder „Talk“ Wer­te von 93% bis 98% errei­chen, die durch 60%-Nummern wie „Speed Of Sound“ oder „God Put A Smi­le Upon Your Face“ wie­der aus­ge­gli­chen wer­den.[]
  3. In Wahr­heit stammt der Titel von einem Gemäl­de von Fri­da Kahlo, das auch die humor­vol­le Über­schrift die­ses Blog-Ein­trags erklärt.[]
  4. Zum Bei­spiel, wenn sie von Kraft­werk über­nom­men waren.[]
  5. Über­haupt a‑ha: So eini­ges auf „Viva La Vida“ erin­nert an die chro­nisch unter­schätz­te nor­we­gi­sche Band, zu deren Kon­zer­ten Fri­seu­sen und allen­falls ehe­ma­li­ge Medi­zin­stu­den­tin­nen gehen. Hören Sie sich deren letz­tes Album „Ana­lo­gue“ an – was Sie sowie­so tun soll­ten – und Sie wer­den ver­ste­hen, was ich mei­ne.[]
  6. Über die mit­un­ter recht gewag­ten Tex­te haben wir ja noch gar nicht gespro­chen.[]
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Digital

Zum Skandal aufgeblasen

Im Online­jour­na­lis­mus gibt es eine Faust­re­gel: Wo „Skan­dal“ drü­ber steht, ist mit hoher Wahr­schein­lich­keit irgend­et­was faul. Was also erwar­ten Sie, lie­be Leser, bei die­ser Über­schrift von derwesten.de?

Skandal: Ryanair will Passagieren Sex-Angebote machen. Düsseldorf. Michael O\'Leary, Vorstandschef von Europas größter Billigfluglinie Ryanair, sorgte auf einer Pressekonferenz in Düsseldorf für einen handfesten Skandal.

Auf der Pres­se­kon­fe­renz hat­te Ryan­air Flü­ge in die USA für 10 Euro in der Eco­no­my Class in Aus­sicht gestellt.

In der Busi­ness-Klas­se kün­dig­te O’Lea­ry dann einen ganz beson­de­ren Ser­vice an. „Da wird es dann noch ‚Bet­ten und Blo­wjobs‘ extra für die Flug­gäs­te geben.“

Wie „hand­fest“ 1 der „Skan­dal“ ist, lässt sich viel­leicht schon dar­an able­sen, dass Goog­le News zur Stun­de kei­ne ein­zi­ge Mel­dung dar­über fin­det. 2

Beim Ramsch-Nach­rich­ten­ag­gre­ga­tor shortnews.de, wo man die Mel­dung von derwesten.de auf­ge­grif­fen hat­te, schrieb dann auch ein Kom­men­ta­tor:

„Bed and Blo­wjob“ ist umgangs­sprach­lich und bedeu­tet soviel wie Spit­zen­kom­fort. Er hät­te auch sagen kön­nen man wird in den Schlaf gewiegt oder es wird einem eine Gute­nacht­Ge­schich­te vor­ge­le­sen.

Zuge­ge­ben: das wäre mir auch mit mei­nem Abschluss in Anglis­tik nicht bekannt gewe­sen. Ers­te Umfra­gen im Bekann­ten­kreis erga­ben auch, dass „umgangs­sprach­lich“ wohl ein wenig über­trie­ben sein könn­te.

Das „Urban Dic­tion­a­ry“ erklärt „Bed & Blo­wjob“ so:

A see­dy hotel. The kind of place that may even rent rooms by the hour. A place you take a chick to sole­ly for sex.

Einig sind sich aber alle Quel­len dar­über, dass die Aus­sa­ge des für sei­ne kra­wal­li­gen Pro­mo-Auf­trit­te und sei­nen absei­ti­gen Humor bekann­ten Ryan­air-Chefs wohl auf kei­nen Fall wört­lich zu neh­men sei­en.

Mög­li­cher­wei­se ist die „Skandal“-Offensive bei derwesten.de und die anschlie­ßen­de Medi­ta­ti­on über den Begriff „Blo­wjob“ aber auch Teil des Angriffs auf „RP Online“, zu dem Bodo Hom­bach, Geschäfts­füh­rer der WAZ-Medi­en­grup­pe, kürz­lich gebla­sen 3 hat­te.

Nach­trag, 18. Juni 00:25 Uhr: derwesten.de hat was geän­dert. Aus der 14-zei­li­gen Mel­dung ist ein gan­zer Arti­kel gewor­den, den Sie heu­te wohl auch in der gedruck­ten „WAZ“ lesen kön­nen, und die Über­schrift sieht auch ganz anders aus:

Billigflieger: O\'Leary – der Flegel der Lüfte

Die Kom­men­ta­re dar­un­ter bezie­hen sich natür­lich noch auf die alte Mel­dung, was aber auch rela­tiv egal ist, da der Autor Wolf­gang Pott auch in sei­nem neu­en Lang­text die Aus­sa­gen von Micha­el O’Lea­ry nur all­zu wört­lich nimmt:

Die­se Flü­ge wür­den inklu­si­ve Sex zwi­schen 4000 und 5000 Euro kos­ten, sagt O’Lea­ry.

Der Umstand, dass weder „Bild“ noch „Express“ (bis­her) über die­sen „Skan­dal“ berich­ten und sich selbst das Bou­le­vard­blatt „Rhei­ni­sche Post“ zu dem The­ma aus­schweigt, soll­te der „WAZ“ zu den­ken geben.

Jens weist übri­gens im Pott­blog dar­auf hin, dass derwesten.de ent­ge­gen mei­ner Aus­sa­gen „sehr wohl“ bei Goog­le News auf­tau­che. Eine kur­ze Stich­pro­be mei­ner­seits mit den Such­be­grif­fen „Ryan­air“, „Dins­la­ken“, „Bochum“ und „Ulrich Reitz“ (Chef­re­dak­teur der „WAZ“) erbrach­te exakt drei Tref­fer von derwesten.de in den letz­ten zwölf Stun­den (alle drei bei „Bochum“). Das wür­de ich in einem Moment gro­ßer Güte und Gelas­sen­heit als „aus­bau­fä­hig“ bezeich­nen.

Nach­trag, 18. Juni 16:10 Uhr: oe24.at (es sind meis­tens die Öster­rei­cher) hat­te die Mel­dung ursprüng­lich unter dem Titel „Ryan­air bie­tet bald Über­see-Flü­ge inklu­si­ve Sex“ auf­ge­grif­fen. Der Arti­kel klingt nun ganz anders und heißt jetzt „Über­see-Flü­ge inklu­si­ve Sex nur Scherz“.

Noch span­nen­der ist aller­dings, dass es bei derwesten.de einen wei­te­ren Arti­kel zum The­ma gibt – aller­dings aus der „NRZ“ und nicht aus der „WAZ“. Dort heißt es:

Und in der Busi­ness-Klas­se wer­de es einen Extra-Ser­vice für rei­che Rei­sen­de geben: „Bet­ten und Blo­wjobs”. – Der Ryan­air-Chef grinst über sei­nen ver­meint­li­chen Scherz zu sei­nen US-Flug­plä­nen so breit, wie sich die Gol­den Gate Bridge über die Bucht von San Fran­cis­co spannt.

Ein „ver­meint­li­cher Scherz“, aha. (Und die Gol­den Gate Bridge über­spannt natür­lich nicht wirk­lich die San Fran­cis­co Bay, son­dern die namens­ge­ben­de Meer­enge, die zwi­schen Bay und Pazi­fik liegt.)

Nach­trag, 18. Juni 23:50 Uhr: Es ist wohl end­lich ein Jour­na­list auf die Idee gekom­men, mal bei Ryan­air nach­zu­fra­gen. Die öster­rei­chi­sche „Kro­nen­zei­tung“ war’s:

„Das kann ich nicht bestä­ti­gen, das sind defi­ni­tiv nicht die Plä­ne von Herrn O’Lea­ry“, sag­te eine Ryan­air-Pres­se­spre­che­rin am Mitt­woch auf Anfra­ge. Es habe sich schlicht um einen Witz gehan­delt.

Einen schö­nen Gruß nach Essen gab’s auch noch:

„Vie­le Leu­te haben dar­über gelacht“, sag­te die Pres­se­spre­che­rin. Doch offen­bar haben nicht alle den Witz als Witz ver­stan­den.

Auch shortnews.de stell­te dar­auf­hin rich­tig – natür­lich ohne Hin­weis in der Ursprungs­mel­dung.

  1. Hihihi.[]
  2. Dass derwesten.de auch ein hal­bes Jahr nach sei­nem Start noch nicht für die Nach­rich­ten-Suche von Goog­le indi­ziert ist, ist eine ande­re Geschich­te, für die bei der WAZ-Grup­pe eigent­lich ein paar Köp­fe rol­len müss­ten. Wenn es denn dort mal jemand bemerk­te.[]
  3. Hihi­hihi.[]
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Sprachkritik ist Haarspalterei

Saloon Daykstyl: Kuaför und Frisuer

Mit Dank an Chris­toph L. und Jus­tus H. für den Hin­weis.

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Unterwegs

Ground Zero, Square One

Ver­mut­lich weiß jeder Mensch, wo er war und was er tat, als am 11. Sep­tem­ber 2001 die Flug­zeu­ge ein­schlu­gen. Ich saß, gera­de aus der Schu­le gekom­men, am Küchen­tisch und aß eine Tief­kühl­piz­za, als mei­ne Mut­ter her­ein­stürm­te und sag­te, das World Trade Cen­ter ste­he in Flam­men. Den Rest des Tages ver­brach­te ich vor dem Fern­se­her und sah die Bil­der, von denen jeder sag­te, sie sei­en „wie im Kino“. Zu unvor­stell­bar waren die Ereig­nis­se und selbst die irgend­wann nach unten kor­ri­gier­ten Zah­len von knapp 3.000 Toten waren in einer Grö­ßen­ord­nung, die das eige­ne Hirn über­for­der­te.

Jetzt bin ich zum ers­ten Mal in mei­nem Leben in der „Stadt mit Loch“, Thees Uhl­mann New York im gleich­na­mi­gen Tom­te-Song nennt, und auch mit meh­re­ren Jah­ren Abstand sind die Anschlä­ge von jenem son­ni­gen Spät­som­mer­tag etwas Abs­trak­tes. Tau­sen­de Male hat man die Sze­nen von den explo­die­ren­den Flug­zeu­gen und den ein­stür­zen­den Tür­men seit­dem gese­hen, die mit Staub bedeck­ten Stra­ßen und Men­schen. Sie sind in der Zwi­schen­zeit pop­kul­tu­rel­le Iko­nen gewor­den und damit noch wei­ter ent­fernt von der Rea­li­tät eines west­deut­schen Stu­den­ten als sie es ohne­hin schon waren, als sie damals noch Nach­rich­ten­bil­der waren.

Wer das alte, voll­stän­di­ge New York nicht kann­te, merkt kaum, das etwas fehlt. Die Sky­line ist auch so noch beein­dru­ckend genug, die Stadt ist groß und laut und bunt. Von einer Melan­cho­lie oder Läh­mung, die man­che Jour­na­lis­ten auch nach Jah­ren noch zu ent­de­cken glau­ben, ist nichts zu bemer­ken. Die Stadt ist leben­di­ger als jede ande­re Stadt, in der ich bis­her war, und wer einen Moment nicht auf­passt als Fuß­gän­ger, gefähr­det sei­ne eige­ne Leben­dig­keit.

Dass etwas nicht stimmt, merkt man erst, wenn man die Fotos und Gemäl­de aus der Zeit vor den Anschlä­gen sieht, die im Bat­tery Park an der Süd­spit­ze Man­hat­tans zu Dut­zen­den an Tou­ris­ten ver­kauft wer­den sol­len. Die Twin Towers sind fast dop­pelt so hoch wie die ohne­hin schon beein­dru­cken­den Hoch­häu­ser, die man auch heu­te noch sehen kann. Ich hal­te die Zei­ge- und Mit­tel­fin­ger mei­ner rech­ten Hand vor mein Auge, um zwei Tür­me in die Sky­line zu malen. Es klappt nicht: so hohe Häu­ser lie­gen außer­halb der eige­nen Vor­stel­lung, wenn man am durch­weg fla­chen Nie­der­rhein auf­ge­wach­sen ist. Beein­druckt bin ich trotz­dem.

Ich gehe nach Nor­den, in Rich­tung des Ortes, den alle immer noch „Ground Zero“ nen­nen. Plötz­lich bre­chen die engen Stra­ßen­schluch­ten auf und vor mir liegt ein son­nen­durch­flu­te­ter Platz, groß sicher­lich, aber inmit­ten von gro­ßen Häu­sern in einer so gro­ßen Stadt wirkt er gar nicht so. Selbst die Gru­be, in der bereits an den Fun­da­men­ten des neu­en „Free­dom Towers“ gear­bei­tet wird, erscheint einem auf­grund der Pro­por­tio­nen eher wie eine belie­bi­ge Bau­stel­le in einer belie­bi­gen Innen­stadt. Drum­her­um ein Metall­zaun und Schil­der, auf denen die Hafen­be­hör­de von New York bit­tet, die­sen „Ort der beson­de­ren Erin­ne­rung“ wür­de­voll zu behan­deln, hier nicht zu bet­teln und hier nichts zu kau­fen oder zu ver­kau­fen. Eini­ge Män­ner bie­ten Foto­al­ben mit aus dem Inter­net aus­ge­druck­ten Fotos der Flug­zeug­ein­schlä­ge an, lachen­de Mäd­chen las­sen sich gemein­sam vor dem Zaun und dem dahin­ter­lie­gen­den Nichts foto­gra­fie­ren. Es ist die­se Mischung aus Gedenk­stät­ten­haf­tig­keit und Tou­ris­mus, die man in Ber­lin an jeder Ecke erle­ben kann. Drum­her­um ste­hen Hoch­häu­ser, deren Fas­sa­den und Fens­ter teil­wei­se immer noch mit Staub bedeckt sind – nach all den Jah­ren. Hin­ter dem ers­ten Neu­bau steht ein Haus, des­sen hal­be Fas­sa­de fehlt. Das ist anders als alles, was man kennt.

Die U‑Bahn-Sta­ti­on „World Trade Cen­ter“ gibt es immer noch, sie heißt auch immer noch so. Im ers­ten Unter­ge­schoss kann man durch einen Zaun in das Loch gucken, das von hier aus schon sehr viel grö­ßer wirkt als von oben. Wenn man wei­ter­geht, kommt man an einem Schild vor­bei, das einem erklärt, dass die U‑Bahn-Sta­ti­on „von hier an“ noch die ori­gi­na­le Sta­ti­on des World Trade Cen­ters sei. Die Kache­lung an der Wand beginnt selt­sam zer­franst – die Bruch­kan­te zwi­schen dem, was frü­her war, und dem, was jetzt ist. Die Ereig­nis­se sind immer noch so abs­trakt wie die Zahl der Todes­op­fer, aber die­se Kacheln sind kon­kret. Ich bekom­me eine Gän­se­haut und will nur noch weg.

[geschrie­ben im Novem­ber 2006]

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Frau im Spiegel

Viel­leicht wer­den wir nie genau erfah­ren, was eigent­lich vor­ge­fal­len ist in den Redak­ti­ons­räu­men von „Emma“. War­um sich Lisa Ort­gies, die gera­de als neue Chef­re­dak­teu­rin ein­ge­ar­bei­tet wer­den soll­te, nicht „für die umfas­sen­de Ver­ant­wor­tung einer Chef­re­dak­teu­rin“ „eig­net“. War­um eine Fern­seh­jour­na­lis­tin, die „bis dahin noch nie als Redak­teu­rin oder Res­sort­lei­te­rin, geschwei­ge denn als Chef­re­dak­teu­rin gear­bei­tet“ hat­te, „ganz und gar über­ra­schend für alle“ „die Fal­sche zu sein scheint“. Ob der Satz „Im Sin­ne von Lisa Ort­gies wird es hier­zu kei­ne wei­te­re Stel­lung­nah­me von EMMA geben“ viel­leicht das bös­ar­tigs­te Arbeits­zeug­nis aller Zei­ten dar­stellt. Und war­um man bei „Emma“ – ent­ge­gen der eige­nen Ankün­di­gung – immer noch nach­tre­ten muss.

Aber wenigs­tens erklärt uns Ali­ce Schwar­zer jetzt, war­um die­se Per­so­na­lie so hoch­ge­kocht wur­de:

Auf­merk­sa­men Zeit­ge­nos­sIn­nen wird es nicht ent­gan­gen sein: Im Klei­nen lau­fen die­se Hetz­kam­pa­gnen gegen Ali­ce & EMMA ritu­ell alle paar Jah­re, im Gro­ßen etwa im Zehn-Jah­res-Rhyth­mus. Der Anlass ist belie­big, jeder Vor­wand ist will­kom­men. Zum Bei­spiel eine Per­so­na­lie, die bei jedem ande­ren Ver­lag ein Drei­zei­ler oder eine ein­ma­li­ge klei­ne Glos­se wäre.

Ent­schul­di­gung. Den letz­ten Satz habe ich unvoll­stän­dig zitiert. Frau Schwar­zer hat näm­lich noch ein kna­cki­ges Bei­spiel parat:

Zum Bei­spiel eine Per­so­na­lie, die bei jedem ande­ren Ver­lag ein Drei­zei­ler oder eine ein­ma­li­ge klei­ne Glos­se wäre (wie im Fal­le Spie­gel vor eini­gen Mona­ten).

[via]

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Und wer bei Zehn noch steht, hat Recht

Wir müs­sen doch noch mal über den Grim­me Online Award reden. Mein Video ist natür­lich ziem­lich auf Poin­te gebürs­tet – anders als zum Bei­spiel die Mode­ra­tio­nen von Kat­rin Bau­er­feind. Wir hat­ten es uns am Blog­ger­tisch mit Twit­ter, Kölsch und Zynis­mus bequem gemacht, aber wir hat­ten unse­ren Spaß.

Es war mei­ne ers­te Preis­ver­lei­hung, von daher weiß ich nicht, ob es immer so ist: da waren also ein paar Blog­ger und sons­ti­ge Onli­ner, Leu­te wie die Macher von kids-hot­line, zeitzeugengeschichte.de und Lite­ra­tur­port, die eine ganz ande­re Sei­te des Inter­nets dar­stel­len, dazu jede Men­ge Reprä­sen­tan­ten aus Poli­tik und Gre­mi­en. Ange­nehm auf­fal­lend war, dass die Ver­an­stal­tung nicht mit völ­lig absei­ti­gen Pro­mis auf­ge­bla­sen wur­de, was aber auch zu absur­den Sze­nen führ­te, wenn die halb­wegs pro­mi­nen­ten Gäs­te (ARD-Vor­abend­se­ri­en­dar­stel­le­rin­nen oder MTV-Video­an­sa­ger) von den Foto­gra­fen bela­gert wur­den wie sonst nur Welt­stars in Can­nes.

Die Grim­me-Leu­te, das muss man auch ein­mal beto­nen, nah­men es alle sport­lich: nie­mand mach­te uns Vor­wür­fe, weil wir als zwei­tes Blog und vier­tes Medi­um die Gewin­ner ver­brei­tet hat­ten, und alle noch so doo­fen Sprü­che wur­den ent­we­der gepflegt igno­riert oder gar pariert. Ver­mut­lich sorgt der Arbeits­all­tag in Marl für ein dickes Fell und viel Gal­gen­hu­mor.

Dass der frü­he­re Staats­se­kre­tär für Medi­en Andre­as Kraut­scheid auch nach mehr­fa­cher Erwäh­nung nicht mit­be­kom­men hat­te, dass die Gewin­ner auch in die­sem Jahr sehr wohl schon bekannt waren, ist bit­ter, aber wirk­lich nicht dem Grim­me-Insti­tut anzu­las­ten. Dann schon eher die mit unglück­li­chen Meta­phern und all­zu phi­lo­so­phi­schen Zita­ten durch­setz­te Rede des Insti­tut-Direk­tors Uwe Kam­mann. Aber auch das ist wohl wie­der den völ­lig unter­schied­li­chen Wel­ten geschul­det, die da auf­ein­an­der­tra­fen: ich neh­me den Hono­ra­tio­ren völ­lig ab, dass sie vom Inter­net fas­zi­niert sind wie die Men­schen im Mit­tel­al­ter von der Erfin­dung des Buch­drucks – und dann sit­zen da am vor­letz­ten Tisch Blog­ger, die die gan­ze Zeit über mit Rota­ti­ons­pres­sen Twit­ter rum­spie­len.

Wie weit die­se bei­den Wel­ten noch von­ein­an­der ent­fernt sind, hat­te sich am Nach­mit­tag schon auf dem medienforum.nrw abge­zeich­net: nach­dem ein Ver­tre­ter von T‑Online ein „Media Cen­ter“ vor­ge­stellt hat­te, das schon bald all das kön­nen soll, was Goog­le und GMX seit eini­gen Jah­ren anbie­ten, ent­spann sich eine Dis­kus­si­on, die mich schwer nach­denk­lich zurück­ließ. Für die Mode­ra­ti­on hat­te man Robert Basic gewin­nen kön­nen, der die Ver­an­stal­tung in eine völ­lig ande­re Rich­tung dräng­te als alle vor­he­ri­gen Panels. Lei­der war das Gan­ze weni­ger Punk und viel mehr Pre­digt, denn Basic zog mit einem Mikro­fon durchs über­sicht­li­che Publi­kum, befrag­te wie ein ame­ri­ka­ni­scher TV-Pfar­rer die Leu­te und woll­te, ein­mal beim The­ma Twit­ter ange­kom­men, gar nicht mehr auf­hö­ren zu reden.

Es war die ers­te Ver­an­stal­tung beim Medi­en­fo­rum, die ich vor­zei­tig ver­las­sen habe. Zu groß war mei­ne Angst, am Ende noch eine Heiz­de­cke oder wenigs­tens einen auf­blas­ba­ren Twit­ter-Account kau­fen zu müs­sen. Als dem Inter­net durch­aus zuge­ta­ner Mensch war mir das, was ich sah, kör­per­lich unan­ge­nehm. Ich kann mir nicht vor­stel­len, dass eine so laut­star­ke Eupho­rie die Skep­ti­ker fürs Web 2.0 begeis­tern kann. Ande­rer­seits war ich auch schon wie­der auf 180, als eine mit­tel­al­te Frau – wir nann­ten sie fort­an „die Print­jour­na­lis­tin“ – bemän­gel­te, „so Tip­pen“ habe doch nichts mit „ech­tem Aus­tausch“ zu tun.

Ich habe das alles schon mal auf­ge­schrie­ben: die Gren­ze ver­läuft nicht zwi­schen Gene­ra­tio­nen, son­dern zwi­schen On- und Off­linern. Und wir, die wir Twit­ter, RSS-Feeds und Blogs nut­zen wie frü­her Cola­do­sen zum Fuß­ball­spie­len, sind ein ver­dammt klei­ner Kreis. Und dann gibt es auch noch genug Leu­te, die uns has­sen, weil wir für BILDblog.de schrei­ben oder gleich­zei­tig Blog­ger und Jour­na­lis­ten sein wol­len. Es ist ein hete­ro­ge­ner Hau­fen, der auch nie­mals homo­gen wer­den wird und darf – denn genau die­ses unsor­tier­te und unre­gu­lier­te macht für mich den Reiz des Inter­nets aus. („Lie­ber Pro­fes­sor Schnei­der“, wie ich fast hin­zu­fü­gen möch­te.)

Natür­lich wäre es – und Sie hat­ten schon gedacht, ich krieg den Bogen nicht mehr – wün­schens­wert, einen Online-Preis zu ver­lei­hen, bei dem wir unter uns sind. Bei dem kein West­deut­scher Rund­funk und kein Volks­hoch­schul­ver­band im Hin­ter­grund steht, und mit dem wir uns genau­so selbst fei­ern kön­nen wie jede ande­re Bran­che auch. Aber ers­tens wäre der (s.o) wie­der nur für einen Teil der deutsch­spra­chi­gen Online-Welt reprä­sen­ta­tiv und zwei­tens wäre Köcheln im eige­nen Saft auch kon­tra­pro­duk­tiv. Bei Events wie dem Grim­me Online Award besteht wenigs­tens noch die theo­re­ti­sche Chan­ce zum Aus­tausch zwi­schen alter und neu­er Welt.

Sie ent­neh­men mei­nem klar struk­tu­rier­ten Ein­trag: Inter­net ist geleb­te Unein­deu­tig­keit. Quä­len­de Preis­ver­lei­hun­gen und der lus­tigs­te Abend des Jah­res in einem. O Cap­tain! My Cap­tain!

Nach Hau­se gefah­ren wur­den Kat­ti, Frau Schnu­tin­ger und ich übri­gens von Hen­nes Ben­der. Er hat einen her­vor­ra­gen­den Musik­ge­schmack, ist ein sehr siche­rer Auto­fah­rer und ist pri­vat viel lus­ti­ger als im Fern­se­hen.

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Digital Gesellschaft

Award Day’s Night

Span­nung, Twit­ter, gro­ße Gefüh­le und ein viel zu lau­ter Hand­trock­ner – so lässt sich die Ver­lei­hung des Grim­me Online Awards ges­tern Abend in Köln zusam­men­fas­sen.

Cof­fee And TV war ganz nah dran an den Nomi­nier­ten, Kri­ti­kern und Exper­ten und prä­sen­tiert Ihnen die bes­ten Sze­nen in einem abend­fül­len­den Spiel­film.

Näm­lich hier:

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Nach­trag 13. Juni: Bit­te lesen Sie auch mei­ne Medi­ta­ti­on über den Abend und die Kluft zwi­schen On- und Off­linern.

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Rundfunk Digital

Und jährlich grüßt der GOA

Im Pres­se­zen­trum des Medi­en­fo­rums NRW wuseln gera­de alle ganz hek­tisch durch­ein­an­der. Nein, das ist falsch: In Wahr­heit ste­hen wir hier, lachen uns kaputt und schüt­teln mit dem Kopf.

Da hat­te sich das Grim­me-Insti­tut sol­che Mühe gege­ben, ein ähn­li­ches Desas­ter wie im Vor­jahr zu ver­hin­dern, als die Preis­trä­ger des Grim­me Online Awards schon Tage vor der Preis­ver­lei­hung im Netz stan­den. Selbst WDR-Inten­dan­tin Moni­ka Piel, von der am Mon­tag alle dach­ten, dass sie sich ver­plap­pert hät­te, als sie in der Hit­ze der Dis­kus­si­on ver­kün­de­te, sie (ja: sie) bekom­me die­ser Tage einen Preis für ein Online-Spe­cial über Welt­re­li­gio­nen, hat­te ein­fach nur „Nomi­nie­rung“ und „Aus­zeich­nung“ ver­wech­selt und damit noch nichts ver­ra­ten.

Aber dann … ja, dann hat kress.de die Gewin­ner ein­fach raus­ge­hau­en:

„Infor­ma­ti­on“:
Stö­rungs­mel­der
WDR Media­thek regio­nal

„Wis­sen und Bil­dung“:
kids-hot­line
Zeitzeugengeschichte.de

„Kul­tur und Unter­hal­tung“:
Intro.de
Lite­ra­tur­port

„Spe­zi­al“:
Hobnox.com

Publi­kums­preis:
San­dra Scha­dek – ALS

Aber die Preis­ver­lei­hung heu­te Abend wird sicher trotz­dem nett.

Nach­trag 15:31 Uhr: kress.de waren offen­bar noch nicht mal die ers­ten. Um 13:20 Uhr war die Geschich­te schon bei informationweek.de online gegan­gen, wo sie um 15:30 Uhr wie­der ver­schwand.

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Digital Gesellschaft

Klickbefehl (11)

Ich war vor­hin bei einer Dis­kus­si­ons­run­de über Daten­schutz und „Daten­ex­hi­bi­tio­nis­mus“ (der hoch­ver­ehr­te frü­he­re Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Ger­hart Baum). Sie bot wenig neu­es und die auch von mir immer wie­der ver­tre­te­nen The­sen, dass es doch irgend­wann egal sei, wenn erst mal alle alles online gesetzt hät­ten, woll­te so recht auch nie­mand gel­ten las­sen.

Schön, dass aus­ge­rech­net heu­te ein Arti­kel in der Net­zei­tung erscheint, in dem sich Mal­te Wel­ding mit dem The­ma befasst und so klu­ge Sät­ze schreibt wie

Die Alter­na­ti­ve dazu, vom Per­so­nal­chef gegoo­gelt zu wer­den, ist: Nicht im Netz zu erschei­nen. Wäre ich jedoch Per­so­nal­chef und wür­de einen Bewer­ber bei Goog­le nicht fin­den, wür­de ich mich fra­gen, ob der Betref­fen­de die letz­ten Jah­re tot war, Analpha­bet ist oder sich nur anonym im Netz rum­treibt auf Fetisch­sei­ten, deren The­ma dicke Frau­en, die viel zu schwe­re Ruck­sä­cke tra­gen, sind. Wie man es also macht, macht man es falsch.

oder

Ich kann es nicht nach­voll­zie­hen, war­um man auf Par­tys Fotos macht und sie im Dut­zend ins Inter­net stellt. Genau­so­we­nig, wie unse­re Groß­el­tern ver­ste­hen konn­ten, dass unse­re Eltern die Kör­per­pfle­ge ein­stell­ten und Fri­seur­be­su­che ver­wei­ger­ten oder unse­re Urgroß­el­tern, dass unse­re Groß­el­tern Jazz hör­ten.

Sie kön­nen den Arti­kel hier lesen und soll­ten es auch tun!

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Digital

Alles zur EM bei „RP Online“

Die \"schöne Alena\" und andere EM-Themen

Was sagen Sie? Das eine Bild hat da doch gar nichts zu suchen? Micha­el Bal­lack ist doch gar kei­ne Frau?

Ja, ja, Sie haben recht. Dafür kön­nen Sie, wenn Sie drauf­kli­cken, kos­ten­lo­se Klin­gel­tö­ne her­un­ter­la­den:

Unser Angebot für Sie: Der Klingelton zur Holland-Gala gegen Weltmeister Italien. Den dritten Treffer der Niederländer durch van Bronckhorst. Starten Sie den Klingelton hier. Treffer von Lukas Podolski im Vorrunden-Spiel der deutschen Mannschaft gegen Polen. Starten Sie den Klingelton hier! Der Treffer von Kroatiens Luka Modric im Vorrunden spiel gegen Österreich. Starten Sie den Klingelton hier! Der Treffer von Vaclav Sverkos zum 1:0 für Tschechien im Eröffnungsspiel gegen die Schweiz. Starten Sie den Klingelton hier! Der Treffer von Raul Meireles zum 2:0 für Portugal im Vorrundenspiel gegen die Türkei. Starten Sie den Klingelton hier! Der 2:1-Siegtreffer von Oliver Bierhoff im EM-Finale von 1996 gegen Tschechien. Starten Sie den Klingelton hier! Unser Partner http://www.klingelkick.de/ bietet für je 6,99 Euro weitere individuelle Klingeltöne.

Jetzt fra­gen Sie natür­lich zurecht, ob es sich bei den letz­ten bei­den Zei­len nicht um Wer­bung han­de­le, die ent­spre­chend gekenn­zeich­net wer­den müs­se.

Na, aber das hat „RP Online“ doch gemacht:

Nachrichten aus dem Ressort Euro 2008 - EM-Klingeltöne

Nach­trag 13. Juni: Inzwi­schen steht über dem Hin­weis auf den „Part­ner“ das klei­ne, aber ent­schei­den­de Wört­chen „Anzei­ge“.

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Rundfunk Digital

Kalter Kaffee und TV

Das medienforum.nrw galt ein­mal als bedeu­ten­der Bran­chen­treff. Zeit­gleich wur­de es auch immer als irrele­van­te Nabel­schau geschol­ten, was im Wesent­li­chen ein Syn­onym für „bedeu­ten­der Bran­chen­treff“ ist. In die­sem Jahr fin­det es zum zwan­zigs­ten Mal statt, weckt kei­ne gro­ßen Erwar­tun­gen mehr, und das ist doch ein guter Grund, per­sön­lich in Köln vor­bei­zu­schau­en.

medienforum.nrw: Eingang

Das Gruß­wort von Ober­bür­ger­meis­ter Fritz Schram­ma kön­nen Sie sich ganz leicht sel­ber bas­teln, wenn Sie nur oft genug die Wor­te „Stand­ort­fak­tor“, „Medi­en“ und „Krea­tiv­wirt­schaft“ in einen Blind­text ein­fü­gen. Die Ein­füh­rung von Prof. Nor­bert Schnei­der, Direk­tor der Lan­des­an­stalt für Medi­en NRW und damit Gast­ge­ber des Medi­en­fo­rums, war da schon deut­lich gehalt­vol­ler und vor allem: wit­zi­ger. Schnei­der blick­te vor allem auf die letz­ten zwan­zig Jah­re zurück und fass­te zusam­men, wie viel sich in der Zeit ver­än­dert hat – oder auch wie wenig. Außer­dem wünsch­te er sich in Zei­ten in denen „Ver­le­ger Inten­dan­ten und Inten­dan­ten Ver­le­ger wer­den wol­len“, dass sich alle ein biss­chen mehr auf ihre Kern­kom­pe­ten­zen besin­nen, was man ange­sichts der aktu­ell toben­den und auch kurz nach sei­ner Rede wie­der­auf­ge­führ­ten Dis­kus­si­on wahl­wei­se als welt­frem­de Ein­las­sung oder als aus­ge­spro­chen klu­gen Gedan­ken sehen kann.

Die „medi­en­po­li­ti­sche Grund­satz­re­de“ von Minis­ter­prä­si­dent Rütt­gers sei hier nur der Voll­stän­dig­keit hal­ber erwähnt. Sie war unge­fähr dop­pelt so lang wie geplant, bot aber nicht viel neu­es. Allen­falls die deut­li­che Ansa­ge an die EU-Kom­mis­si­on, sie möge gefäl­ligst end­lich mal auf­hö­ren, den öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk in Fra­ge zu stel­len, blieb hän­gen.

Und dann soll­te das kom­men, wor­auf alle gewar­tet hat­ten: Schlamm­cat­chen mit Beil und Mor­gen­stern, inklu­si­ve Haa­re­zie­hen und Fin­ger­nä­gel­aus­fah­ren. In der gro­ßen Dis­kus­si­ons­run­de, drei Tage bevor die Minis­ter­prä­si­den­ten sich über dem 12. Rund­funk­än­de­rungs­staats­ver­trag zusam­men­ho­cken, soll­ten Ver­tre­ter der öffent­lich-recht­li­chen und pri­va­ten Sen­der noch ein­mal auf­ein­an­der­sto­ßen, beglei­tet vom Gemur­mel der Print­bran­che. RTL-Che­fin Anke Schä­fer­kordt und WDR-Inten­dan­tin Moni­ka Piel waren beim Pro­jekt „Zicken­ter­ror“ aber allen­falls halb­her­zig bei der Sache und über­haupt schien es, als hät­ten alle Dis­kus­si­ons­teil­neh­mer vor­ab unter­schrei­ben müs­sen, dass sie der Dis­kus­si­on auf kei­nen Fall neue Aspek­te hin­zu­fü­gen wür­den: die Öffent­lich-Recht­li­chen wol­len sich von der Poli­tik nicht ein­schrän­ken, ja: „zen­sie­ren“ las­sen; die Pri­va­ten sehen im Wett­be­werb mit gebüh­ren­fi­nan­zier­ten Sen­dern kei­nen ech­ten Wett­be­werb.

San­dra Maisch­ber­ger mode­rier­te gewitzt und so sou­ve­rän, dass man völ­lig ver­ges­sen konn­te, dass ihre eige­ne Sen­dung ja auch bei einem öffent­lich-recht­li­chen Sen­der läuft; ZDF-Inten­dant Mar­kus Schäch­ter rede­te viel und sag­te doch immer nur das sel­be; Jür­gen Doetz vom Ver­band Pri­va­ter Rund­funk und Tele­me­di­en gran­tel­te, wie er das dem Ver­neh­men nach seit zwan­zig Jah­ren tut, und Ulrich Reitz von der Zei­tungs­grup­pe WAZ erklär­te, dass Print­re­dak­teu­re nun Online- und Video­kom­pe­tenz erwer­ben müss­ten – wenn sie soweit sind, wird man dies viel­leicht auch bei derwesten.de, dem Online­por­tal der WAZ-Grup­pe, sehen kön­nen.

Aber das alles ist Brauch­tum: auf dem Podi­um sagen alle, was sie immer sagen, und hin­ter­her sit­zen die Jour­na­lis­ten zusam­men und sagen wie immer, dass alle ja nur gesagt hät­ten …

Alles was Rang und Namen hat - und nichts besseres vor

Die Idee, auch die Tech­nik­sei­te zu Wort kom­men zu las­sen, war kei­ne schlech­te, aber ange­sichts der aktu­el­len medi­en­po­li­ti­schen Dis­kus­si­on kamen die Ver­tre­ter von Satel­li­ten- und Kabel­an­bie­tern kaum zu Wort. Über­ra­schen­der Sym­pa­thie­trä­ger der Run­de war René Ober­mann, der Vor­stands­vor­sit­zen­de der Tele­kom, der das gan­ze ein­stu­dier­te Gekei­fe völ­lig ent­spannt an sich vor­bei­zie­hen ließ und mit fei­nem Gal­gen­hu­mor in der aktu­el­len Abhör­af­fä­re die größ­ten Lacher ern­te­te.

Wenn man aus dem gro­ßen Rau­schen etwas mit­neh­men konn­te, dann das neue Man­tra der Medi­en­bran­che das „Inter­net­vi­deo ist die Zukunft“ heißt und in mei­nen Augen ziem­li­cher Blöd­sinn ist. You­Tube ist ja nicht so erfolg­reich, weil man sich dort online Vide­os anschau­en kann, son­dern wegen der Inhal­te, die man sich dort anse­hen kann. Und wenn ich im Inter­net Video­nach­rich­ten sehen will, dann doch bit­te in gewohn­ter Qua­li­tät und von Men­schen, die sowas jeden Tag machen (also von Fern­seh­leu­ten), und nicht von Print-Redak­teu­ren, die wider­wil­lig einen Cam­cor­der hal­ten. Dass die Print-Ver­tre­ter Tex­te im Inter­net als „elek­tro­ni­schen Print“ und die Fern­seh­leu­te Inter­net-Vide­os als „Fern­se­hen“ bezeich­nen, zeigt eigent­lich nur, in wel­chen Scha­blo­nen Men­schen den­ken, die von „Medi­en­kon­ver­genz“ reden.

Über­haupt: Von wel­chem Wett­be­werb im Inter­net reden die eigent­lich alle? Wenn ARD und ZDF ihre (ja mit­un­ter doch recht guten) Repor­ta­gen aus dem In- und Aus­land nicht mehr ins Inter­net stel­len dürf­ten, weil die ja mit den Gebüh­ren der … äh: Zuschau­er finan­ziert wur­den, wür­de dadurch doch nicht plötz­lich die bis­her nicht vor­han­de­ne Qua­li­tät des RTL-Info­tain­ments stei­gen. Und wenn ich „Dr. House“ online sehen könn­te, wür­de ich das natür­lich bei rtlnow.de tun, das „Heu­te Jour­nal“ fin­de ich in der ZDF-Media­thek. Das sind zwei Paar Schu­he und ich will das sehen, was mich inter­es­siert, und nicht das, was die Poli­tik mir zuge­steht.

Spä­ter war ich bei einer Dis­kus­si­on über die Zukunft der deut­schen Serie, bei der sich alle Teil­neh­mer dar­über einig waren, dass etwas gesche­hen muss, sie aber alle nicht wis­sen, was. Nach­ma­chen von US-Seri­en klappt nicht, neue Ideen hat ent­we­der kei­ner oder sie inter­es­sie­ren den Zuschau­er nicht. In der Selbst­hil­fe­grup­pen­haf­tig­keit kam die Run­de auf gute 0,8 Musik­in­dus­trien.

Unter­halt­sam wur­de es beim Vete­ra­nen­treff mit Prof. Nor­bert Schnei­der, Jür­gen Doetz, Chris­tia­ne zu Salm und Prof. Hel­mut Tho­ma. Das hat­te in der Tat viel von der vor­her pro­phe­zei­ten Mup­pet-Show, aber wenig zu tun mit dem Jahr 2008. Nor­bert Schnei­der bestä­tig­te die schlimms­ten Annah­men über die über­bü­ro­kra­ti­sier­ten Lan­des­me­di­en­an­stal­ten, als er anmerk­te, man wür­de auch phar­ma­zeu­ti­sche Lizen­zen aus­ge­ben, wenn man das Recht dazu hät­te. Chris­tia­ne zu Salm, zu deren größ­ten Ver­diens­ten der ers­te Fern­seh­sen­der mit iro­ni­schem Namen (MTV, music tele­vi­si­on) und die Erfin­dung von Call-In-Sen­dun­gen zählt, erzähl­te das, was sie immer erzählt, seit sie Che­fin der Cross-Media-Abtei­lung bei Bur­da ist. Jür­gen Doetz hat­te sein Pul­ver schon in der vor­mit­täg­li­chen Dis­kus­si­on ver­schos­sen, so das alles an Hel­mut Tho­ma hän­gen blieb. Der ewi­ge RTL-Chef ist inzwi­schen Bera­ter bei Axel Sprin­ger und tourt mit einer Samm­lung sei­ner bes­ten Bon­mot von frü­her und heu­te über deut­sche Podi­en:

  • „Digi­ta­li­sie­rung ist ein Trans­port­weg, nicht ein Inhalt. Ein Joghurt, den ich mit einem Elek­tro­kar­ren in den Laden schaf­fe, ist ja auch kein Elek­tro-Joghurt.“
  • „In Deutsch­land besteht eine grö­ße­re Viel­falt unter den Lan­des­me­di­en­an­stal­ten, als unter den Pro­gram­men.“
  • „Wir haben kein dua­les Sys­tem mehr, son­dern eines für jün­ge­re Zuschau­er und eines für älte­re“
  • „Die Öffent­lich-Recht­li­chen wer­den sicher auch nach dem Ver­blei­chen des letz­ten Zuschau­ers noch wun­der­bar funk­tio­nie­ren.“

Und das medienforum.nrw wird allem Geme­cker und aller Red­un­danz zum Trotz auch in zwan­zig Jah­ren noch die glei­chen Dis­kus­sio­nen füh­ren. Anders wär’s ja auch lang­wei­lig.

Dani­el Fie­ne ist auch auf dem medienforum.nrw und schreibt dar­über hier und hier.

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Lasset die Spiele beginnen

Es ist alles vor­be­rei­tet:

Die schwedische Flagge an Lukas’ Balkon