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Literatur

Ausgerechnet Alaska

Es gibt Bücher, die las­sen einen etwas rat­los zurück. Zwi­schen ihren zwei Buch­de­ckeln pas­siert so viel, geht es in so unter­schied­li­che Rich­tun­gen, dass man hin­ter­her nicht mehr weiß, was man eigent­lich gera­de gele­sen hat. Diet­mar Daths „Waf­fen­wet­ter“ ist so ein Buch.

Die 19jährige Clau­dia Sta­rik macht gera­de ihr Abitur, hat einen heim­li­chen Gelieb­ten und schlägt sich mit ihren Eltern und ihrer bes­ten Freun­din Ste­fa­nie her­um. Einen Ver­bün­de­ten hat sie in ihrem Groß­va­ter Kon­stan­tin, einem über­zeug­tem Kom­mu­nis­ten, der es zu viel Geld gebracht hat. Clau­di­as All­tag nimmt fast die gesam­te ers­te Hälf­te des Romans ein und auch wenn Diet­mar Dath Wert dar­auf legt, dass nicht nach­ge­ahmt wer­den soll, wie Clau­dia denkt, redet oder schreibt, son­dern wie sie ist, hat man das Gefühl, das pri­va­te Blog einer Abitu­ri­en­tin zu lesen, inklu­si­ve her­ein­ko­pier­ter Frag­men­te und plötz­lich begin­nen­der oder abbre­chen­der Sät­ze.

Das ist durch­aus als Kom­pli­ment gemeint, als gro­ßes, denn die­se ers­te Hälf­te ist ehr­lich, auf­rich­tig, wirk­lich­keits­nah. Es erscheint fast unvor­stell­bar, dass die­se All­tags­schil­de­run­gen über Mit­schü­ler und Muse­ums­be­su­che mit der Mut­ter (bei denen der heim­li­che Gelieb­te mit sei­ner Frau auf­taucht), die­se unwie­der­bring­li­che Atmo­sphä­re der Abi-Zeit, die gan­zen Sät­ze und Gedan­ken­gän­ge nicht dem Gehirn einer Neun­zehn­jäh­ri­gen ent­sprun­gen sein sol­len, son­dern dem eines dop­pelt so alten Man­nes. Und das alles, ohne auf ihre Feucht­ge­bie­te ein­zu­ge­hen.

Dann ereig­nen sich ver­schie­de­ne Unglü­cke und Clau­dia und ihr Groß­va­ter bre­chen etwas über­has­tet zu einer lan­ge geplan­ten Rei­se auf. Es ist eine Mis­si­on, bei der es gilt, die elek­tro­ma­gnet­si­che For­schungs­an­la­ge HAARP in Alas­ka aus­fin­dig zu machen, um die sich zahl­rei­che Ver­schwö­rungs­ge­rüch­te von der Wet­ter- bis zur Gedan­ken­ma­ni­pu­la­ti­on ran­ken. Hier bricht das Buch bru­tal um: Clau­dia ist zwar immer noch die Sel­be, aber die Geschich­te um sie her­um ist eine ganz ande­re. In immer schnel­le­rem Tem­po wech­seln sich Spio­na­ge­thril­ler, Sci­ence-Fic­tion-Roman und scho­ckie­ren­de Ent­hül­lun­gen über Clau­di­as eige­ne Geschich­te und ihre Psy­che ab. Und dann taucht auch noch Gott auf – oder viel­leicht auch nicht.

„Waf­fen­wet­ter“ wird zur Ach­ter­bahn­fahrt, bei der es mit­un­ter scheint, als sei der Autor der Ein­zi­ge, der noch den Über­blick behal­ten hat. Man wird wütend auf Dath, weil er Clau­dia, die man so lieb gewon­nen hat, die­ser Geschich­te aus­setzt, die für sei ein paar Num­mern zu groß ist, aber man muss ihn auch bewun­dern, wie er es trotz völ­lig sub­jek­ti­ver Erzähl­wei­se schafft, Bil­der und Atmo­sphä­ren zu erschaf­fen, für die ande­re Schrift­stel­ler sei­ten­lan­ge Beschrei­bun­gen bräuch­ten. Er ist ein Anti-Tol­ki­en, auch wenn ihm die Geschich­te mehr­fach ins Reich des Phan­tas­ti­schen rutscht.

Mit­ten in einer span­nen­den Sze­ne ist dann Schluss, das letz­te Kapi­tel ist bizar­rer­wei­se das ein­zi­ge, das nicht mit­ten im Satz abreißt. Rat­los schaut man auf den Punkt und fragt sich, was man da gera­de eigent­lich gele­sen hat. „Waf­fen­wet­ter“ ist zugleich Bil­dungs- und Gen­re­ro­man, und doch nichts von bei­dem. Die Mon­ta­ge­tech­nik ist dabei eben­so wenig Selbst­zweck wie die kon­se­quen­te Klein­schrei­bung. Bei­des trägt dazu bei, dass Daths Ver­such glückt: man liest Clau­dia Sta­rik nicht, man hört ihr nicht zu – man hat das Gefühl, sie ken­nen­ge­lernt zu haben.

Diet­mar Dath – Waf­fen­wet­ter
Suhr­kamp
17,80 Euro

www.claudiastarik.de

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Rundfunk

Die Models und die Schnüffler

Heu­te wäre ich wirk­lich ger­ne mal Mäus­chen in den Räu­men von Pro­Sie­ben. Denn egal, wie gut die Quo­ten des gro­ßen Fina­les der drit­ten Staf­fel „Germany’s Next Top­mo­del“ aus­fal­len wer­den: es wird dis­ku­tiert wer­den.

Seit Mit­te April kur­sier­te eine Lis­te, wel­che Kan­di­da­tin wann aus­schei­den wird, im Inter­net zir­ku­lier­te. 1 Die Fol­gen, die in aller Welt und zuletzt in Los Ange­les spiel­ten, waren da wohl längst im Kas­ten.

Am 22. Mai schrieb die Ber­li­ner „B.Z.“ dann (online nicht auf­find­bar):

Jetzt erfuhr B.Z.: Jen­ni­fer soll bereits für eine gro­ße TV-Zeit­schrift foto­gra­fiert wor­den sein – als Sie­ge­rin!

Gegen die­se Theo­rie spricht frei­lich, dass die drei ver­blie­be­nen Kan­di­da­tin­nen mei­ner Mei­nung nach alle­samt nicht über genug Schau­spiel­ta­lent ver­fü­gen, um in der gest­ri­gen Auf­zeich­nung so über­rascht tun zu kön­nen.

Ges­tern um 18:17 Uhr stand dann aber bei dernewsticker.de, dass Jen­ni­fer das soeben auf­ge­zeich­ne­te Fina­le gewon­nen hat­te – dabei hat­te man sich bei Pro­Sie­ben offen­bar noch die Mühe gemacht, eine auto­ma­ti­sier­te Ver­brei­tung der Gewin­ne­rin wie im letz­ten Jahr zu ver­mei­den.

Aber dann war da noch die offi­zi­el­le Pro­Sie­ben-Web­site zur Sen­dung, die nach dem gest­ri­gen Fina­le für min­des­tens eine Stun­de so aus­sah:

Lena Gercke ist Germany’s Next Topmodel

(Lena Gercke ist die Gewin­ne­rin der ers­ten „Topmodel“-Staffel.)

Ansons­ten bot der Abend mit­tel­gu­te Unter­hal­tung in schwa­cher Qua­li­tät. Wäh­rend die ein­zel­nen Epi­so­den von „GNTM“ sonst nicht ganz lieb­los pro­du­ziert waren und mit dem einen oder ande­ren Augen­zwin­kern auf­war­te­ten, wirk­te das auf­wän­di­ge Fina­le wie die drit­te Stell­pro­be einer durch­schnitt­li­chen Sams­tag­abend­show: die Bild­re­gie war anschei­nend nicht besetzt (Hei­di Klum: „Jen­ni­fer, Du bist wei­ter!“, Schnitt auf – Jani­na), man­che Schnit­te waren so hart und offen­sicht­lich, dass sie jedem Lai­en auf­fal­len muss­ten. Dafür hat­te man die schlimms­ten Ver­hed­de­run­gen in Hei­di Klums „Mode­ra­ti­on“ drin gelas­sen – nach­dre­hen wäre wohl auch schwie­rig gewor­den, denn so wie die Sen­dung klang und aus­sah, gab es kein Skript.

Kurz­um: Das Fina­le, bei den meis­ten Cas­ting­shows ja eh das egals­te, wirk­te wie irgend­ein belie­bi­ger offe­ner Kanal, kos­te­te aber ver­mut­lich des­sen Jah­res­etat. Dafür gab es stän­dig Wer­bung und – wenn gera­de kei­ne Wer­bung lief oder ein­ge­blen­det war – Hin­wei­se auf die Volks­wa­gen, die alle drei Fina­lis­tin­nen mit nach hau­se neh­men durf­ten.

Gera­de im Bezug auf die omi­nö­se Lis­te soll­te sich Pro­Sie­ben eine Lösung ein­fal­len las­sen, wie man ähn­li­ches in der kom­men­den Staf­fel umge­hen kann. Ande­rer­seits: Auch wenn ein Groß­teil der Zuschau­er bereits vor­her wuss­te, wer raus­flie­gen und wer gewin­nen wür­de – es war trotz­dem die erfolg­reichs­te „Topmodel“-Staffel bis­her.

[teil­wei­se via Tho­mas Knü­wer und jovels­te­fan]

  1. Zwar sind Wan­da und Caro­lin nicht in einer Fol­ge gemein­sam raus­ge­flo­gen, wie es die Lis­te pro­phe­zeit hat­te, aber ich wür­de nicht aus­schlie­ßen, dass der Sen­der die Zeit genutzt hat, um die letz­ten Epi­so­den noch ein biss­chen so umzu­schnei­den, dass die Lis­te wenigs­tens in die­sem einen Punkt nicht ganz stimm­te.[]
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Leben Politik

I’m With Stupid

Abizeitungs-Verkauf anno 2002

Ich habe ein NRW-Abi. Das allei­ne ist oft genug Grund für Hohn und Spott, den man sich von Men­schen anhö­ren muss, die in ihrer Schu­le alles, außer Hoch­deutsch gelernt haben.

Das Abitur nord­rhein-west­fä­li­scher Gym­na­si­en hat­te einen Ruf, der nur mar­gi­nal bes­ser ist als der von ukrai­ni­schen Stein­pil­zen in den 1980er Jah­ren oder der von Fran­jo Pooth heu­te. Das lag vor allem an einer desas­trö­sen Schul­po­li­tik, die die SPD über Jahr­zehn­te betrie­ben hat­te – wobei das irgend­wie schon zu akti­visch klingt: die Schul­po­li­tik war eher irgend­wie gesche­hen. Die zur Zeit mei­nes Abitur zustän­di­ge Schul­mi­nis­te­rin Gabrie­le Beh­ler war so unbe­liebt, dass unser Phy­sik­leh­rer bei Ver­su­chen zur Flug­bahn von Dart­pfei­len vor­schlug, die Ziel­schei­be mit einem Foto der Minis­te­rin zu bekle­ben.

Nach­dem man in NRW all­ge­mein zu der Ein­sicht gelangt war, dass die rot-grü­ne Lan­des­re­gie­rung ein kaum repa­rier­ba­res und vor allem nicht zu über­bie­ten­des Desas­ter ange­rich­tet hat­te, ent­schied man sich im Mai 2005 dazu, einer neu­en, schwarz-gel­ben Lan­des­re­gie­rung die Gele­gen­heit zu geben, das Desas­ter eben doch noch zu über­bie­ten. War Ger­hard Schrö­der 1998 mit der Ansa­ge ins Kanz­ler­amt ein­ge­zo­gen, er wer­de nicht alles anders machen, aber vie­les bes­ser, hieß es bei CDU und FDP plötz­lich: alles anders, aber nichts bes­ser.

Da Bun­des­län­der mit Zen­tral­ab­itur bei Tests bedeu­tend bes­ser abge­schnit­ten hat­ten, brauch­te NRW plötz­lich auch eines – und zwar sofort und ohne wei­ter groß dar­über nach­zu­den­ken. Das ers­te Zen­tral­ab­itur im Jahr 2007 litt unter feh­ler­haf­ten Auf­ga­ben­stel­lun­gen und ande­ren „Kin­der­krank­hei­ten“, wie es ger­ne bei schlecht ange­lau­fe­nen Neu­hei­ten heißt. Aber 2008, da soll­te alles bes­ser wer­den (und ver­mut­lich man­ches anders).

Es ist, Sie ent­neh­men es mei­ner umständ­li­chen Anmo­de­ra­ti­on, alles noch viel, viel schlim­mer gekom­men. „Spie­gel Online“ hat die gröbs­ten Schnit­zer in den Fra­ge­stel­lun­gen zusam­men­ge­stellt und berich­tet von einer Schu­le, wo von 84 Abitu­ri­en­ten 74 in die Nach­prü­fung müs­sen. Da ist man wirk­lich froh, wenn man sein Doo­fen-Abi schon hat.

Eine Schü­le­rin aus einem Eng­lisch-LK wird mit den fol­gen­den Wor­ten zitiert:

„Mei­ne Leh­re­rin mein­te, das lie­ge nur dar­an, dass sie die Ant­wor­ten vom Minis­te­ri­um als Vor­la­ge neh­men muss“, sagt Desi­ree, „sonst hät­te ich 13 Punk­te von ihr bekom­men – weil ich einen rich­ti­gen, aber ande­ren Gedan­ken­gang hat­te als das Minis­te­ri­um.“

Und wäh­rend die Lan­des­schü­ler­ver­tre­tung wenigs­tens eine Ent­schul­di­gung von Schul­mi­nis­te­rin Bar­ba­ra Som­mer for­dert, kün­digt die wei­te­re Refor­men an, mit denen sie die Eigen­ver­ant­wor­tung der Schu­len stär­ken will. Dass ich Eigen­ver­ant­wor­tung und Zen­tral­ab­itur für irgend­wie wider­sprüch­li­che Kon­zep­te hal­te, liegt ver­mut­lich an mei­nem NRW-Abitur.

Kom­men wir zum Schluss noch zu mei­ner Lieb­lings­pas­sa­ge aus dem SpOn-Arti­kel, vor deren Lek­tü­re ich Sie aller­dings bit­ten muss, kurz zu über­prü­fen, ob die Tisch­plat­te, in die Sie gleich bei­ßen wer­den, auch ihre eige­ne ist:

Bei einer Päd­ago­gik-Auf­ga­be zu Sig­mund Freud hat­ten die Autoren aus „Gefüh­len, die uns bewusst sind“, ein „unbe­wusst“ gemacht und so den Sinn ins Gegen­teil ver­kehrt. Bar­ba­ra Som­mer: „Rück­mel­dun­gen haben erge­ben, dass vie­le Schü­ler auch schon vor der Kor­rek­tur­mit­tei­lung das ‚un‘ über­le­sen haben und den Satz rich­tig ver­stan­den hat­ten.“

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Fernsehen Rundfunk Politik

Holzmichel auf dem Holzweg

Jaaaaaaaaa, Fried­bert Pflü­ger lebt also auch noch. 1 Um auf die­sen Umstand hin­zu­wei­sen, hat er zu Beginn der Woche die Abset­zung der Talk­show „Anne Will“ gefor­dert. In der Aus­ga­be vom letz­ten Sonn­tag gab es einen Ein­spie­ler zu sehen, der laut Herrn Pflü­ger die rot-rote Regie­rung in Ber­lin in einem viel zu guten Licht hat erschei­nen las­sen.

Ich habe die betref­fen­de Sen­dung nicht gese­hen, ich habe „Anne Will“ über­haupt noch nie gese­hen, eben­so wie ich mich nicht erin­nern kann, je eine gan­ze Aus­ga­be „Sabi­ne Chris­ti­an­sen“ ertra­gen zu haben. Ich ertra­ge kein Talk­shows, in denen Poli­ti­ker und Men­schen aus­wen­dig gelern­te Sät­ze auf­sa­gen, und sich in kei­ner Wei­se durch das beir­ren las­sen, was die ande­ren Gäs­te aus­wen­dig auf­sa­gen. 2

In sei­nem Blog schrieb Pflü­ger über „Anne Will“:

Mit Jour­na­lis­mus hat das alles wenig zu tun. Das ist Ideo­lo­gie und Lie­be­die­ne­rei, dazu noch schlecht gemacht. Frau Will miss­braucht ihren pri­vi­le­gier­ten Sen­de­platz und wirbt für eine poli­ti­sche Rich­tung, anstatt zu infor­mie­ren.

Es ent­behrt nicht einer gewis­sen Iro­nie, dass aus­ge­rech­net „Bild“ Pflü­gers Vor­la­ge auf­nahm.

Dann warf Pflü­ger sei­ne kom­plet­te Ahnungs­lo­sig­keit in Sachen Medi­en­po­li­tik in die Wag­scha­le:

Ich bin – auch als Rund­funk­rat des rbb – nicht bereit, dass auf sich beru­hen zu las­sen.

Ich bin mir sicher, dass man beim NDR, der die Sen­dung „Anne Will“ ver­ant­wor­tet, schon mit den Knien schlot­tert, ange­sichts die­ser Kampf­an­sa­ge.

Oder wie es Lorenz Maroldt in sei­nem klu­gen Kom­men­tar im „Tages­spie­gel“ zusam­men­fasst:

Für die Fra­ge, ob Anne Will durch Frank Plas­berg ersetzt wird, ist Pflü­gers Stim­me eben­so wich­tig wie die von Lothar Mat­thä­us für die Auf­stel­lung der Natio­nal­mann­schaft.

Bis hier­hin war es nur Fried­bert Pflü­ger, der sich freu­en konn­te, mal wie­der in der bun­des­wei­ten Pres­se gelan­det zu sein. Doch heu­te for­dern – eben­falls in „Bild“ – Kul­tur­staats­mi­nis­ter Bernd Neu­mann (CDU) und David McAl­lis­ter, CDU-Frak­ti­ons­chef in Nie­der­sach­sen und Mit­glied im NDR-Rund­funk­rat eben­falls Kon­se­quen­zen, die bis zur Abset­zung der Sen­dung rei­chen.

Jour­na­lis­ti­sche Feh­ler pas­sie­ren immer wie­der und Frank Schirr­ma­cher, der dem The­ma einen klu­gen, aber etwas umständ­li­chen Text gewid­met hat, dürf­te Recht haben, wenn er sagt, die Redak­ti­on der Sen­dung wür­de sich über sol­che Feh­ler wohl am meis­ten ärgern. 3 Im kon­kre­ten Fall scheint aber noch nicht ein­mal völ­lig klar, ob die in der Sen­dung auf­ge­stell­te Behaup­tung, die rot-rote Regie­rung habe in Ber­lin 60 Mil­lio­nen Mil­li­ar­den Euro „geerbt“ nun wirk­lich falsch oder nur unglück­lich for­mu­liert war. Ver­mut­lich ist es ein­fach eine Inter­pre­ta­ti­ons­sa­che.

Dass nun Poli­ti­ker direkt in die Pro­gramm­pla­nung ein­grei­fen wol­len, fin­de ich sehr gefähr­lich. Zwar haben gera­de die Zuschau­er öffent­lich-recht­li­cher Pro­gram­me einen Anspruch auf rich­ti­ge Fak­ten und mög­lichst objek­ti­ve Bericht­erstat­tung, aber ers­tens ist der strit­ti­ge Sach­ver­halt ja offen­bar gar nicht so klar und zwei­tens strahlt die ARD ja auch immer noch den „Report aus Mün­chen“ aus. In kei­nem Fal­le aber soll­ten Poli­ti­ker, denen eine poli­ti­sche Talk­show nicht in den Kram passt, erklä­ren wol­len, wie guter Jour­na­lis­mus geht.

Wie die­se gan­zen CDU-Poli­ti­ker wohl reagiert hät­ten, wenn in der Sen­dung Stim­mung gegen rot-rot gemacht wor­den wäre?

  1. Für die 81 Mil­lio­nen Deut­schen, die Fried­bert Pflü­ger nicht ken­nen: Das ist der Mann, der vor zwei Jah­ren ger­ne Regie­ren­der Bür­ger­meis­ter in Ber­lin gewor­den wäre. Er sieht immer ein biss­chen so aus, als habe er gera­de die Jah­res­pro­duk­ti­on einer Zitro­nen­saft­kon­zen­trat­fa­brik leer­ge­trun­ken, und ist gera­de mit sei­nem ein­zi­gen bekann­ten poli­ti­schen Ziel, dem Erhalt eines knuf­fi­gen Stadt­flug­ha­fens, geschei­tert. Kurz­um: Er ist der Typ, der in ame­ri­ka­ni­schen High-School-Komö­di­en immer in den Spind gesperrt wird. Außer­dem bloggt Fried­bert Pflü­ger.[]
  2. In den drei Sen­dun­gen von „Hart aber fair“, die ich gese­hen habe, rede­ten Men­schen laut und wüst durch­ein­an­der und gegen Ende wur­de klar, dass es theo­re­tisch einen Mode­ra­tor gege­ben hät­te, der das Gan­ze hät­te len­ken kön­nen. Wie­so alle Welt „Hart aber fair“ so toll fin­det, ist mir völ­lig schlei­er­haft.[]
  3. Wenigs­tens will ich Schirr­ma­chers Opti­mis­mus tei­len.[]
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Literatur Politik

Die Blechtrommel

Völ­lig über­ra­schend hat Oskar Lafon­taine, Vor­sit­zen­der von Die Lin­ke, im „Han­dels­blatt“ erklärt, dass sei­ne Par­tei die Unter­stüt­zung bei der Wahl zum Bun­des­prä­si­den­ten vom Lite­ra­tur-Geschmack der Bewer­ber abhän­gig machen wer­de:

Für Linken-Chef Oskar Lafontaine ist ausschlaggebend, wie der Kandidat zu “Krieg und Frieden” steht.

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Kunst im Alltag: Mediengruppe RP „RP Online“

Ich habe mich geirrt, all die­se Jah­re.

Ich hat­te ja allen Erns­tes gedacht, „RP Online“ sei ein Nach­rich­ten­por­tal im Inter­net. Wer „RP Online“ aber mit den Maß­stä­ben des Online­jour­na­lis­mus misst, bekommt Blut­hoch­druck und schlech­te Lau­ne. Noch mehr, als wenn man in der gro­ßen Print-Schwes­ter „Rhei­ni­sche Post“ nach Jour­na­lis­mus sucht.

Jetzt habe ich end­lich ver­stan­den: „RP Online“ ist ein Mul­ti­me­dia-Kunst-Pro­jekt. Die zahl­rei­chen Agen­tur­mel­dun­gen, die unter dem eige­nen Kür­zel „RPO“ Wort für Wort über­nom­men wer­den, ste­hen in der Tra­di­ti­on der Rea­dy-mades von Mar­cel Duch­amp. Die Hei­li­gen­ver­eh­rung für den jüngst ver­stor­be­nen Düs­sel­dor­fer Ober­bür­ger­meis­ter muss ver­mut­lich als Neu­in­ter­pre­ta­ti­on von Andy War­hols „Mao“ gese­hen wer­den. Dada ist eh min­des­tens die Hälf­te der Inhal­te.

Und wenn „RP Online“ heu­te ab 13 Uhr im „Retro-Ticker“ das EM-Vier­tel­fi­na­le zwi­schen Eng­land und Deutsch­land vom 29. April 1972 in Echt­zeit nach­emp­fin­den wird, ist das wahr­schein­lich ein Ver­weis auf das Doku­men­tar­thea­ter von Peter Weiss, Heinar Kipp­hardt und Rolf Hoch­huth.

Man soll­te so etwas viel stär­ker wür­di­gen.

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Rundfunk Fernsehen

Erste Schlag-Sahne

so lang­wei­lig war schlag den raab glaub ich noch nie

(Ste­fan Nig­ge­mei­er, ges­tern Abend um 23:29 Uhr via ICQ)

Ziem­lich exakt zwei Stun­den spä­ter (und damit eine gute Stun­de nach dem anvi­sier­ten Ende der Sen­dung) konn­te der Kan­di­dat Oluf­e­mi, der zuvor desas­trös zurück­ge­le­gen hat­te, sei­nen Gewinn im Emp­fang neh­men: 2,5 Mil­lio­nen Euro, den Jack­pot aus fünf Sen­dun­gen, und damit die höchs­te Sum­me, die man je aus eige­ner Kraft im deut­schen Fern­se­hen hat­te gewin­nen kön­nen.

Und das macht unter ande­rem den Reiz von „Schlag den Raab“ aus: dass selbst pro­fes­sio­nel­le Fern­seh­zu­schau­er wie Ste­fan mit­ten in der Sen­dung deren Ende nicht erah­nen kön­nen. Ich selbst hat­te erst um Vier­tel nach Zehn ein­ge­schal­tet und damit in zwei Stun­den Sen­dung gera­de mal die Kan­di­da­ten­aus­wahl ver­passt – und die ers­ten vier Spie­le, die Oluf­e­mi eben­so ver­lo­ren hat­te wie das fol­gen­de fünf­te, dann das sieb­te und etli­che wei­te­re.

„Wie kann es denn sein, dass ich von den fünf­zehn Spie­len schon acht gewon­nen habe und trotz­dem noch wei­ter­ma­chen muss?“, frag­te Ste­fan Raab dann auch vor dem alles ent­schei­den­den letz­ten Spiel. Wer sich so einen Quatsch denn aus­ge­dacht habe? Letz­te­res war wohl eher als Witz gemeint, aber aus Sicht der Zuschau­er ist es ein­deu­tig ein Lob. Die Idee, dass es im ers­te Spiel gera­de mal einen Punkt zu holen gibt, im zwei­ten zwei, und immer so wei­ter bis zu den fünf­zehn Punk­ten im fünf­zehn­ten Spiel, macht die Sen­dung auch bei maxi­ma­ler Län­ge (fünf­ein­vier­tel Stun­den sind in etwa dop­pelt so lang wie eine durch­schnitt­li­che Aus­ga­be von „Ver­ste­hen Sie Spaß?“) noch span­nend. Im Ide­al­fall, der ges­tern fast erreicht wor­den sein dürf­te, wird es eben erst in den letz­ten zwei­ein­halb Stun­den rich­tig span­nend.

Gera­de der Umstand, dass die ers­ten fünf Spie­le geschlos­sen an Raab gin­gen, erzeug­ten beim Publi­kum zunächst ein­mal Mit­leid mit dem Kan­di­da­ten, das sich dann in auf­rich­ti­ge Unter­stüt­zung wan­del­te. Der völ­lig ver­bis­se­ne Gro­ßen­ter­tai­ner brauch­te viel­leicht genau die­sen Her­aus­for­de­rer, der nach dem ver­lo­re­nen Jet­ski-Ren­nen aus dem Was­ser gezo­gen wer­den muss­te, zu die­sem Zeit­punkt schon gar nicht mehr wie ein Geg­ner wirk­te und schließ­lich doch noch zurück­kam.

Dass die Sen­dung dann aus­ge­rech­net mit einem Elf­me­ter­schie­ßen ende­te (also einem tat­säch­li­chen), wirk­te ange­sichts eines Kan­di­da­ten, der Regio­nal­li­ga­fuß­ball spielt und bei 1860 Mün­chen im Mar­ke­ting arbei­tet, schon fast ein biss­chen insze­niert. Trotz Raabs Schwä­che war das Elf­me­ter­schie­ßen ange­sichts des win­ken­den Gewinns dann unge­fähr so span­nend wie das Shoot Out zwi­schen Deutsch­land und Argen­ti­ni­en bei der Fuß­ball-WM vor zwei Jah­ren.

Man kann es gar nicht oft genug schrei­ben: Aus­ge­rech­net Ste­fan Raab, der stets belä­chel­te „Blö­del­mo­de­ra­tor“ hat die gro­ße Sams­tag­abend­show zurück ins Fern­se­hen gebracht (viel mehr: die ganz gro­ße Spiel­show im Sti­le von „Spiel ohne Gren­zen“, das ja gar nicht am Sams­tag­abend lief). Der Trick dabei ist (neben der Abwechs­lung von Sport‑, Geschick­lich­keits- und Wis­sens­spie­len), nicht meh­re­re unbe­kann­te Kan­di­da­ten gegen­ein­an­der antre­ten zu las­sen, son­dern immer nur einen gegen den als fast krank­haft ehr­gei­zig bekann­ten Ste­fan Raab. So lie­gen die Sym­pa­thien fast immer beim Kan­di­da­ten – außer, der ist so blass wie der Her­aus­for­de­rer Anfang April.

Wie ernst es Raab in die­ser Sen­dung wirk­lich ist, stell­te er dann ges­tern auch noch mal eher unfrei­wil­lig unter Beweis: als er bei einem Spiel eine fal­sche Ant­wort gab, schlug er mit der fla­chen Hand so fest auf sein Pult, dass er die Glas­ab­de­ckung zum Bers­ten brach­te.