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Kultur

The Future is Analogue

Oh, die­se böse Post­mo­der­ne: Auf Smart­phones, den Gerät gewor­de­nen Ver­spre­chen der stän­di­gen Erreich­bar­keit und Beschleu­ni­gung, erfreu­en sich Foto-Apps gro­ßer Beliebt­heit, die digi­ta­le Schnapp­schüs­se aus­se­hen las­sen wie Ana­log­fo­tos aus der eige­nen Kind­heit.

Völ­lig frei von Apps, Beschleu­ni­gung und Post­mo­der­ne sind die Fotos, die mei­ne gute Freun­din Tere­sa Stutz­in­ger macht und vom kom­men­den Sonn­tag an in der Bochu­mer Knei­pe Ebstein aus­stellt.

Die Ana­log­auf­nah­men, alle­samt unbe­ar­bei­tet, zei­gen Land­schaf­ten oder All­tags­de­tails, Per­so­nen sind meist eher zu erah­nen als zu erken­nen. Sie sind an „Traum­or­ten“ ent­stan­den und erin­nern Tere­sa an schö­ne Erleb­nis­se an die­sen Orten. Daher auch der Titel der Aus­stel­lung: „Dre­a­ming of Para­di­se“.

Und tat­säch­lich haben ihre Fotos etwas traum­haf­tes, rüh­ren­des. Sie strah­len die­se natür­li­che Wär­me aus, die auf Digi­tal­fo­tos meist völ­lig fehlt. Sie zei­gen Blu­men, Sei­fen­bla­sen und Son­nen­un­ter­gän­ge, was natür­lich irr­sin­nig kit­schig sein könn­te, hier aber wun­der­bar funk­tio­niert – es sei denn, man fin­det so einen Ein­schlag Hip­pie-Roman­tik per se doof.

Die Ver­nis­sa­ge am Sonn­tag, 30. Janu­ar 2011 um 15 Uhr wird musi­ka­lisch beglei­tet von den hier im Blog schon gefei­er­ten Poly­a­na Fel­bel aus Köln.

Dre­a­ming of Para­di­se
im Ebstein, Bochum
30. Janu­ar – 1. Juni 2011

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2010 — Der Jahresrückblick (Teil 2)

In der zwei­ten Fol­ge unse­res Jah­res­rück­blicks spre­chen Herr Fin­ke, Herr Rede­lings und ich über Musik, Fuß­ball und Poli­tik, sowie über ande­re Kata­stro­phen:

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2010 — Der Jahresrückblick (Teil 1)

Das Jahr 2010 ist zwar gera­de erst zu elf Zwölf­teln vor­bei, aber die Jah­res­rück­bli­cke gehö­ren zur Advents­zeit wie Spe­ku­la­ti­us und Leb­ku­chen. Da wol­len auch wir nicht län­ger war­ten und gehen – als Ers­te – in die Vol­len:

Tom­my Fin­ke, Ben Rede­lings und ich bli­cken zurück auf die Fuß­ball-WM, den Sieg Lena Mey­er-Land­ruts beim Euro­vi­si­on Song Con­test, das Kul­tur­haupt­stadt-Jahr und vie­les mehr. Nur hier, im Inter­net!

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Gesellschaft Digital

Warum Erwachsene immer beim Versteckspiel verlieren

Seit heu­te also sind 20 deut­sche Städ­te end­lich bei Goog­le Street View online – oder das, was von ihnen übri­ge geblie­ben ist, nach­dem mehr als 244.000 Haus­hal­te (von 40,2 Mil­lio­nen) Wider­spruch gegen das Abfo­to­gra­fie­ren ihrer Fas­sa­de von einer öffent­li­chen Stra­ße aus ein­ge­legt haben. Ana­tol Ste­fa­no­witsch hat im Sprach­log eigent­lich schon alles gesagt, was es zu den „ein­ge­trüb­ten Vier- und Viel­ecke, die einem alle paar Schrit­te die Sicht ver­sper­ren“ zu sagen gibt.

Auch das Haus, in dem ich seit Janu­ar woh­ne, ist ver­pi­xelt und das ist wenigs­tens ein net­ter Grund, mal wie­der mit allen Nach­barn ins Gespräch zu kom­men, um „Cluedo“-mäßig her­aus­zu­fin­den, wer auf die­se Idee gekom­men ist.

Doch damit nicht genug: Auch auf das Stu­den­ten­wohn­heim, in dem ich zuvor sechs Jah­re lang gewohnt habe, muss ich auf mei­nem vir­tu­el­len Rund­gang durch Bochum (bzw. durch das Bochum von vor zwei Jah­ren) ver­zich­ten:

Wohnheim Girondelle 6 (verpixelt bei Google Street View)

Dabei wären so ein paar Fotos wohl kaum so detail­liert gewe­sen wie die Infor­ma­tio­nen, die das Stu­den­ten­werk so lie­fert:

Wohnheim Girondelle 6 (als Modell bei Google Earth)

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Leben

Out Of Time

Ich war vor­hin mit Tom­my Fin­ke beim Zoll­amt Bochum, um die gemein­sam bestell­ten Son­der­edi­tio­nen des neu­en Ben-Folds-Albums abzu­ho­len. Schon beim Betre­ten des Gebäu­des merk­ten wir, dass etwas nicht stimm­te: Die Zeit, die ja bekannt­lich rela­tiv ist, begann, sich gen Unend­lich­keit zu deh­nen. Alles. Wur­de. Lang­sa­mer.

Ein Mann, der auf­grund sei­nes Arbeits­plat­zes wohl als Zoll­be­am­ter inter­pre­tiert wer­den darf, schlurf­te zu uns her­an und beweg­te sei­nen Mund. Wer ganz auf­merk­sam war, konn­te Lau­te erken­nen, die das mensch­li­che Gehirn, in der­lei Auf­ga­ben geschult, zu ein­zel­nen Wor­ten und gan­zen Sät­zen zusam­men­set­zen konn­te. Ich reich­te ihm das Anschrei­ben, das mich dar­über in Kennt­nis gesetzt hat­te, dass die von mir bestell­ten Ton­trä­ger in jenem klei­nen Haus kurz vor dem Rand der Erd­schei­be abzu­ho­len sei­en, und der Mann ver­schwand in einem Raum, in dem ver­mut­lich meh­re­re Ton­nen Elfen­bein, Koka­in und Anthrax-Viren seit vie­len, vie­len Jah­ren ihrer Abho­lung har­ren.

Ich dreht mich zu Tom­my – eine Bewe­gung, die für die Men­schen in die­ser Zeit­bla­se wie der Flü­gel­schlag eines Koli­bris gewirkt haben muss – um „Hier sieht’s genau­so aus, wie ich es mir vor­ge­stellt habe“ zu sagen, doch da hat­te Tom­my schon „Hier sieht’s genau­so aus, wie ich es mir vor­ge­stellt habe“ gesagt. An der Pinn­wand hin­gen foto­ko­pier­te Hin­wei­se aus einer Zeit, als die Olym­pia ES 200 gera­de frisch auf den Markt gekom­men war, auf einem Schreib­tisch stand ein Wim­pel des FC Schal­ke 04, auf den Fens­ter­bän­ken: Büro­be­gleit­grün.

Der Zoll­be­am­te kehr­te mit einem Paket zurück, das uns sag­te, dass es eine gute Idee gewe­sen war, mit dem Bul­li vor­bei­zu­kom­men. Umständ­lich hol­te er ein Tep­pich­mes­ser, mit dem ich das Paket öff­nen durf­te. „Tep­pich­mes­ser“, dach­te ich, „haben damit nicht die Atten­tä­ter des 11. Sept…“ Wei­ter kam ich nicht: In der unfass­bar ruhi­gen Atmo­sphä­re des Zoll­amts war mein Gehirn ein­fach ein­ge­schla­fen.

Eine Putz­frau wir­bel­te um uns her­um in einem Tem­po, in dem ich für mei­ne eige­ne Woh­nung zwar zwei Tage bräuch­te, das in die­sem Hau­se aber als hek­tisch emp­fun­den wer­den muss­te. „Sie machen ja alles nass“, sag­te der Zoll­be­am­te, wobei sein mono­to­ner Ton­fall offen ließ, ob es sich dabei um einen Vor­wurf oder nur um eine Fest­stel­lung han­del­te. Er bat uns in einen Neben­raum und riet uns, auf dem feuch­ten Unter­grund vor­sich­tig zu gehen – nicht aus­zu­ma­len, wenn sich einer von uns auf die Fres­se gelegt hät­te.

Wäh­rend ich eini­ge Zet­tel unter­schrei­ben muss­te, durch­brach Tom­my die Gra­bes­stil­le mit einem Small­talk­ver­such:

Fin­ke: „Das ist aber ganz schön ruhig hier bei Ihnen …“
Zoll­be­am­ter: „Das täuscht.“
Fin­ke: „Ah. Vor Weih­nach­ten ist wahr­schein­lich am meis­ten los, ne?“
Zoll­be­am­ter: „Seit eBay. Seit­dem ist hier die Höl­le los. Frü­her war’s ruhig.“

Tom­my und ich sahen uns an und sogleich wie­der weg. Jetzt bit­te nicht los­brül­len vor Geläch­ter. Ruhig blei­ben! Kein Pro­blem an einem Ort, gegen den in einem Zen-Tem­pel ein Tru­bel wie in der Grand Cen­tral Sta­ti­on herrscht. Ich bezahl­te die Mehr­wert­steu­er und bekam mein Wech­sel­geld wie­der, kurz bevor es auf­grund der nor­ma­len Infla­ti­ons­ent­wick­lung völ­lig wert­los gewor­den war. Wir durf­ten gehen.

„Dann wün­sche ich Ihnen noch einen geruh­sa­men Arbeits­tag“, sag­te Tom­my zu unse­rem Sach­be­ar­bei­ter und rief zum Abschied ein auf­mun­tern­des „Gehen Sie ver­ant­wor­tungs­voll mit unse­ren Steu­er­gel­dern um!“ in das fas­sungs­lo­se Groß­raum­bü­ro. Ein Mann blick­te kaum merk­lich von sei­nem Com­pu­ter­bild­schirm auf und hob miss­bil­li­gend die Augen­braue.

Die­ser Text ist eine Ergän­zung zu mei­ner “Ämter”-Trilogie (bestehend aus dem Sing­spiel “Kreis­wehr­ersatz­amt”, dem klas­si­schen Dra­ma “Finanz­amt” und dem absur­den Frag­ment “Arbeits­amt”).

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Gesellschaft

Diesseits der Bannmeile

Ich bin vor acht Mona­ten umge­zo­gen. Seit Anfang Juli haben sich in Wurf­wei­te 1 mei­ner Woh­nung fol­gen­de Din­ge ereig­net: Prof. Die­ter Gor­ny gab eine Pres­se­kon­fe­renz zum The­ma Krea­tiv­wirt­schaft, Revol­ver­held spiel­ten ein Kon­zert und heu­te kam das Team von „ ‚Bild‘ kämpft für Sie“ vor­bei.

Es ist schwer, das nicht per­sön­lich zu neh­men.

  1. Ich war immer unfass­bar schlecht im Schlag­ball-Weit­wurf, aber ich bin sicher, dass Men­schen mit kör­per­li­cher Koor­di­na­ti­on die Ent­fer­nung schaf­fen wür­den. Auf frei­er Flä­che.[]
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Digital

Philosophieren mit den „Ruhr Nachrichten“

Dann wohl ziem­lich sicher ein Bild der Gegen­wart:

Vielleicht zukünftig ein Bild der Vergangenheit.  (Foto: Archiv)

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Kultur

Es gilt das erbrochene Wort

Ich ver­eh­re Jochen Malms­hei­mer seit mehr als einer Deka­de. Ich schrie­be nicht, wenn er und sein dama­li­ger Tre­sen­le­sen-Kol­le­ge Frank Goo­sen mir nicht gezeigt hät­ten, was man alles Schö­nes mit der deut­schen Spra­che anfan­gen kann (der Rest mei­nes Schrei­bens stützt sich auf die Gesamt­wer­ke von Ben­ja­min von Stuck­rad-Bar­re, Chris­ti­an Kracht und natür­lich Max Goldt). Des­halb freut es mich beson­ders, dass Herrn Malms­hei­mer das gelun­gen ist, was in unse­rer bei­der Hei­mat­stadt Bochum maxi­mal alle zwei Wochen pas­siert: Er hat einen „Eklat“ aus­ge­löst.

Ort und Grund war die Eröff­nung des Zelt­fes­ti­vals Ruhr, das auch in die­sem Jahr wie­der hoch­ka­rä­ti­ge Künst­ler, aber auch Acts wie Ich + Ich, die Simp­le Minds oder die H‑BlockX an den Gesta­den des male­ri­schen Kem­n­ader Sees ver­sam­melt. Malms­hei­mer war gela­den, ein Gruß­wort zu spre­chen, und er nutz­te die Gele­gen­heit, dass die gesam­te Stadt­spit­ze wehr­los vor ihm saß, zu einer „Sua­da“ („West­deut­sche All­ge­mei­ne Zei­tung“), um „vom Leder zu zie­hen“ (ebd.), zu einer „Lita­nei“ („Ruhr Nach­rich­ten“) und um zu „scho­cken“ (ebd.).

Da ich nicht zu den rund 500 gela­de­nen Wür­den­trä­gern aus Poli­tik, Wirt­schaft und Kul­tur gehör­te (it’s a long way to the top, even in Bochum), muss ich mich auf die Aus­zü­ge aus der elf­sei­ti­gen Rede ver­las­sen, die die „Ruhr Nach­rich­ten“ ins Inter­net gestellt haben. Die­se gefal­len mir jedoch außer­or­dent­lich.

Zum Bei­spiel das, was Malms­hei­mer über das geplan­te, jedoch nicht vor der Wie­der­kehr Chris­ti fer­tig­ge­stell­te Bochu­mer Kon­zert­haus zu sagen hat:

…dies ist die Stadt, die voll­mun­dig, um nicht zu sagen: groß­mäu­lig, die Not­wen­dig­keit zur Instal­la­ti­on eines voll­kom­men unnüt­zen Kon­zert­hau­ses ver­kün­det, ohne einen Bedarf dafür zu haben und die Kos­ten des lau­fen­den Betrie­bes decken zu kön­nen, und das alles in einem Kul­tur­raum, der inzwi­schen über mehr nicht aus­ge­las­te­te Kon­zert­häu­ser ver­fügt, als er Orches­ter unter­hält, und die das alles dann doch nicht hin­kriegt, weil der Regie­rungs­prä­si­dent zum Glück sol­chen und ähn­li­chen Unfug einer Gemein­de unter­sagt hat, die ihre Rech­nun­gen in einer Grö­ßen­ord­nung im Kel­ler ver­schlampt, die unser­ei­nen für Jah­re in den Knast bräch­te und die finan­zi­ell noch nicht mal in der Lage ist, die Frost­schä­den des letz­ten Win­ters im Stra­ßen­netz zu besei­ti­gen…

Den gekürz­ten Rest gibt’s auf ruhrnachrichten.de.

Malms­hei­mers Wor­te jeden­falls ver­fehl­ten nicht ihr Ziel. Ober­bür­ger­meis­te­rin Otti­lie Scholz ließ eine erneu­te Ein­la­dung, sich zu bla­mie­ren, nicht unge­nutzt ver­fal­len, wie die „WAZ“ berich­tet:

Die Ober­bür­ger­meis­te­rin beschwer­te sich bei den Ver­an­stal­tern, die­se distan­zier­ten sich sogleich von ihrem Gast; in sei­nem „pola­ri­sie­ren­den Vor­trag“ habe Malms­hei­mer „für sich selbst gespro­chen“.

Das hat­te Malms­hei­mer selbst frei­lich direkt klar­ge­stellt – aber dafür hät­te man ihm natür­lich zuhö­ren müs­sen:

Dabei möch­te ich gleich zu Beginn dar­auf hin­wei­sen, dass ich, anders als jene, die vor mir adres­sier­ten, aus­schließ­lich für mich sel­ber spre­che, eine Fähig­keit, die ich mir unter Mühen antrai­nier­te und die mich eigent­lich seit­dem hin­rei­chend aus­füllt.

[via Jens]

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Politik Gesellschaft Print

Siehste!

Hin­ter­her hat man es ja sowie­so immer gewusst. Im Nach­hin­ein ist jedem klar, dass es die rich­ti­ge Ent­schei­dung gewe­sen war, die Love­pa­ra­de 2009 in Bochum abzu­sa­gen. Aber was haben wir damals auf den Stadt­obe­ren rum­ge­hackt …

Gut, die Art und Wei­se der Absa­ge war pein­lich gewe­sen: Nach Mona­ten plötz­lich fest­zu­stel­len, dass die Stadt dann doch irgend­wie zu klein ist, deu­te­te ent­we­der auf erstaun­lich schwa­che Orts­kennt­nis­se hin – oder auf einen besorg­nis­er­re­gen­den „Das muss doch irgend­wie zu schaf­fen sein“-Aktionismus, der die Augen vor der Rea­li­tät ver­schließt. Letzt­lich haben sie es in Bochum noch gemerkt, die Schuld an der Absa­ge der Deut­schen Bahn in die Schu­he gescho­ben und Häme und Spott ein­fach aus­ge­ses­sen. Dass der dama­li­ge Poli­zei­prä­si­dent, der sich laut­stark gegen die Durch­füh­rung der Love­pa­ra­de aus­ge­spro­chen hat­te, neun Mona­te spä­ter in den vor­zei­ti­gen Ruhe­stand ver­setzt wur­de, hat­te ja ganz ande­re Grün­de.

Erstaun­lich aber: Von der Sicher­heit war in all den Arti­keln, Kom­men­ta­ren und Pres­se­mit­tei­lun­gen kaum die Rede. Das kam nur am Ran­de zur Spra­che:

Ganz ande­re Risi­ken bewe­gen Mar­tin Jan­sen. Dem Lei­ten­den Poli­zei­di­rek­tor wäre die Rol­le zuge­fal­len, den wohl größ­ten Poli­zei­ein­satz aller Zei­ten in Bochum zu koor­di­nie­ren. „Wir hät­ten die Love­pa­ra­de nur unter Zurück­stel­lung erheb­li­cher Sicher­heits­be­den­ken ver­tre­ten.“ Knack­punkt ist nach sei­ner Ein­schät­zung der Bochu­mer Haupt­bahn­hof.

Aber um die Sicher­heit der zu erwar­ten­den Men­schen­mas­sen ging es auch im Vor­feld der Duis­bur­ger Love­pa­ra­de öffent­lich nie, immer nur um die Kos­ten:

Fritz Pleit­gen, Vor­sit­zen­der und Geschäfts­füh­rer der Ruhr.2010, beob­ach­tet mit gro­ßer Sor­ge, wie sehr die Aus­wir­kun­gen der Finanz­kri­se den Städ­ten der Metro­po­le Ruhr zu schaf­fen machen. Beson­ders prä­gnant sei das aktu­el­le Bei­spiel Love­pa­ra­de in Duis­burg. „Hier müs­sen alle Anstren­gun­gen unter­nom­men wer­den, um die­ses Fest der Sze­ne­kul­tur mit sei­ner inter­na­tio­na­len Strahl­kraft auf die Bei­ne zu stel­len.“

Dabei hät­te das Argu­ment „Men­schen­le­ben“ bestimmt auch Dampf­plau­de­rer wie Prof. Die­ter Gor­ny beein­dru­cken kön­nen, der im Janu­ar mal wie­der das tat, was er am Bes­ten kann, und groß tön­te:

„Man muss sich an einen Tisch setz­ten und den Wil­len bekun­den, die Love­pa­ra­de durch­zu­füh­ren, statt klein bei­zu­ge­ben.“ Die Poli­tik müs­se sich dahin­ge­hend erklä­ren, dass sie sagt: „Wir wol­len die Ver­an­stal­tung und alle Kraft ein­set­zen, sie zu ret­ten!“

Gor­ny, der sonst kei­nen öffent­li­chen Auf­tritt aus­lässt, hat sich seit Sams­tag­nach­mit­tag zurück­ge­zo­gen. Er sei „schwer erschüt­tert“, erklär­te die Ruhr.2010 auf Anfra­ge, und füg­te hin­zu:

Wir haben beschlos­sen, dass für die Kul­tur­haupt­stadt aus­schließ­lich Fritz Pleit­gen als Vor­sit­zen­der der Geschäfts­füh­rung spricht und bit­ten, dies zu respek­tie­ren.

Aber es gibt ja immer noch die Jour­na­lis­ten, die sich spä­tes­tens seit der denk­wür­di­gen Pres­se­kon­fe­renz am Sonn­tag­mit­tag als Ermitt­ler, Anklä­ger und Rich­ter sehen. Und als Sach­ver­stän­di­ge:

„We were the only news­pa­per that said: ‚No. Stop it. The city is not pre­pared. We will not be able to cope with all the­se peo­p­le,“

lässt sich Götz Mid­del­dorf von der „Neu­en Ruhr Zei­tung“ in der „New York Times“ zitie­ren.

Bei „Der Wes­ten“ for­der­te Mid­del­dorf bereits am Sonn­tag laut­stark den Rück­tritt von Ober­bür­ger­meis­ter Sau­er­land und kom­men­tier­te:

Auf die Fra­ge der NRZ, ob man nicht gese­hen habe, dass Duis­burg nicht geig­net ist für die Love­pa­ra­de ging der OB nicht ein, sprach von „Unter­stel­lung“ und wies mög­li­ches Mit­ver­schul­den der Stadt zurück.

Ich habe mich lan­ge durch alte Arti­kel gewühlt, aber nichts der­glei­chen gefun­den. Da das auch an der unfass­bar unüber­sicht­li­chen Archiv­su­che bei „Der Wes­ten“ lie­gen kann, habe ich Herrn Mid­del­dorf gefragt, nach wel­chen Arti­keln ich Aus­schau hal­ten soll­te. Eine Ant­wort habe ich bis­her nicht erhal­ten.

Wie kri­tisch die Duis­bur­ger Pres­se war, kann man zum Bei­spiel an Pas­sa­gen wie die­ser able­sen:

Die Orga­ni­sa­to­ren gaben sich am Diens­tag aller­dings sehr opti­mis­tisch, dass es kein Cha­os geben wer­de. „Die eine Mil­li­on Besu­cher wird ja nicht auf ein­mal, son­dern über den Tag ver­teilt kom­men“, so Rabe. Es sei zwar nicht aus­zu­schlie­ßen, dass der Zugang wäh­rend der zehn­stün­di­gen Ver­an­stal­tung kurz­zei­tig gesperrt wer­den müs­se, aber der­zeit gehe man nicht davon aus. Und wenn der Fall doch ein­tre­te, „dann haben wir ganz unter­schied­li­che Maß­nah­men, mit denen wir das pro­blem­los steu­ern kön­nen“, ver­spricht der Sicher­heits­de­zer­nent – bei den Details woll­te er sich nicht in die Kar­ten schau­en las­sen.

(Kri­tisch ist da der letz­te Halb­satz, neh­me ich an.)

Arti­kel wie der Kom­men­tar „Die Love­pa­ra­de als Glücks­fall“ vom 23. Juli oder die groß­spu­ri­gen Über­trei­bun­gen von Ord­nungs­de­zer­nent Rabe und Ver­an­stal­ter Lopa­vent die Kapa­zi­tät des Fes­ti­val­ge­län­des betref­fend sind plötz­lich off­line – „Tech­nik­pro­ble­me“, wie mir der Pres­se­spre­cher der WAZ-Grup­pe bereits am Diens­tag erklär­te.

Den (vor­läu­fi­gen) Gip­fel des Irr­sinns erklomm aber Rolf Hart­mann, stell­ver­tre­ten­der Redak­ti­ons­lei­ter der „WAZ“ Bochum. Anders als sei­ne Kol­le­gen, die sich hin­ter­her als akti­ve Mah­ner und War­ner sahen, schaff­te es Hart­mann in sei­nem Kom­men­tar am Diens­tag, völ­lig hin­ter dem The­ma zu ver­schwin­den:

Mei­ne Güte, war man Anfang 2009 über OB & Co her­ge­fal­len, als die Stadt Bochum die Love­pa­ra­de 2009 in Bochum absag­te.

„Man.“

Nach­trag, 1. August: Ste­fan Nig­ge­mei­er hat in der „Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Sonn­tags­zei­tung“ über das glei­che The­ma geschrie­ben.

Ihm hat Götz Mid­del­dorf auch geant­wor­tet:

Auf Nach­fra­ge räumt Mid­del­dorf ein, dass Sicher­heits­be­den­ken nicht das The­ma waren. „Wir waren immer gegen die Love­pa­ra­de, aber aus ande­ren Grün­den.“ Dann muss die „Inter­na­tio­nal Herald Tri­bu­ne“ ihn mit sei­nem Lob für die eige­ne, ein­zig­ar­ti­ge Weit­sich­tig­keit wohl falsch ver­stan­den haben? „Das ver­mu­te ich mal“, ant­wor­tet Mid­del­dorf. „Das ist nicht ganz rich­tig.“ Er klingt nicht zer­knirscht.

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Musik

That’s When I Reach For My Revolver

Auf der einen Sei­te: Libe­ra­lis­mus. Die Idee, dass jede Band, deren Musik auch nur einer ein­zi­gen Per­son etwas bedeu­tet, ihre Exis­tenz­be­rech­ti­gung hat. Die Erin­ne­rung, dass selbst die „Punk­band“, in der ich vor zehn Jah­ren in Dins­la­ken Schlag­zeug gespielt habe, Fans hat­te – und wenn es nur dicke Kin­der aus dem Nach­bar­dorf waren.

Auf der ande­ren Sei­te: Revol­ver­held. Eine Band, die für mich alles ver­kör­pert, was in der Musik­in­dus­trie falsch gelau­fen ist. Ein Syn­onym für spie­ßi­ges Rock­be­am­ten­tum, für Musik, die von Leu­ten gehört wird, die sich nicht für Musik inter­es­sie­ren.

Was macht man also, wenn man einen Ruck­sack vol­ler Vor­ur­tei­le spa­zie­ren trägt? Man lässt sie sich eins zu eins im Real Life bestä­ti­gen. Zum Start der U20-Frau­en-Fuß­ball-WM, die zu einem erheb­li­chen Teil im Bochu­mer Ruhr­sta­di­on statt­fin­det, spiel­ten die Ham­bur­ger Chart­stür­mer ein kos­ten­lo­ses Kon­zert in der Bochu­mer Innen­stadt – was die Rege­ne­ra­ti­ons­zeit für Anwoh­ner und Gas­tro­no­men zwi­schen dem Fina­le der Her­ren-Fuß­ball-WM und dem Bochum Total (ab Don­ners­tag) auf ein abso­lu­tes Mini­mum redu­ziert. Der Kon­zert­ort in Wurf­wei­te mei­ner Woh­nung hat­te den Vor­teil, in direk­ter Nach­bar­schaft mei­ner Stamm­knei­pe zu lie­gen, so dass ich nach einem kur­zen Gang durch das Publi­kum (kei­ne Men­schen mit Hör­nern oder Zie­gen­fü­ßen gese­hen) den Auf­tritt aus siche­rer Ent­fer­nung und in bes­ter Gesell­schaft ver­fol­gen konn­te.

Aber so sehr ich mich auch um Unvor­ein­ge­nom­men­heit bemüh­te: Schon wäh­rend der ers­ten zwei Songs hat­te Sän­ger Johan­nes Stra­te das gan­ze Anbie­de­rungs-Arse­nal von „Bochum, seid Ihr da?“ und „Ich will Eure Hän­de sehen!“ abge­feu­ert, auf das er im Ver­lauf des Abends aber ger­ne noch mal zurück­griff. Und das bei Lie­dern, deren Egal­heit mun­ter zwi­schen Spät­neun­zi­ger-Drei­strei­fen­me­tal und deut­schem Schla­ger oszil­liert.

Aus der Fer­ne war die Demar­ka­ti­ons­li­nie zwi­schen ech­ten Fans (die – um das noch mal zu beto­nen – um Him­mels Wil­len ihren Spaß an der­lei Musik haben sol­len) und Mit­nah­me­men­ta­lis­ten gut zu erken­nen: Da, wo die Arme nicht mehr wie beim Bank­über­fall dau­er­haft erho­ben waren und im Takt wog­ten, da began­nen die, die sich das ein­fach nur mal anschau­en woll­ten. Vor­ne wur­de mit­ge­sun­gen („Und jetzt alle!“) und es kam zum Ein­satz von Sei­fen­bla­sen­flüs­sig­keit.

Es war schlimm. Unge­fähr nach einer hal­ben Stun­de hät­te ich mir eine Lesung vogo­ni­scher Dicht­kunst her­bei­ge­wünscht – oder alter­na­tiv irgend­je­man­des Hän­de, deren Fin­ger­nä­gel ich auch noch hät­te abna­gen kön­nen. Revol­ver­held sind eine Band, die mit ihrer naiv-dump­fen Pen­nä­ler­ly­rik und ihrer musi­ka­li­schen Sim­pli­zi­tät selbst Sil­ber­mond pro­gres­siv erschei­nen las­sen. Der Umstand, dass sich sol­che Musik bes­ser ver­kauft als die von Tom­te oder kett­car, könn­te dem deut­schen Volk der­einst vor irgend­ei­nem inter­na­tio­na­len Gerichts­hof noch zum Nach­teil gerei­chen. Und dann kamen die gan­zen Hits (also der Kram, dem man im Radio nicht aus­wei­chen kann) auch noch geballt zum Schluss.

Als die Band dann auch noch „Was geht“ anstimm­ten, eine Tri­bu­te-Album-erprob­te Remi­nis­zenz an die Fan­tas­ti­schen Vier (die ja selbst auf dem bes­ten Weg Rich­tung Revol­ver­held sind), war bei uns am Tisch alles vor­bei: Hek­tisch wur­de in Mobil­te­le­fo­nen und Taschen­ka­len­dern über­prüft, ob wir tat­säch­lich das Jahr 2010 schrie­ben. Erin­ne­run­gen an Bands wie Such A Sur­ge wur­den geweckt wie schla­fen­de Hun­de. Dann irgend­wann end­lich „Freun­de blei­ben“ und Abgang. Hat man das auch mal erlebt.

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Redaktionsräume gesucht

Ruhr-Uni Bochum

An der Ruhr-Uni Bochum wird so lang­sam aber sicher die drin­gend not­wen­di­ge Sanie­rung in Angriff genom­men. Das ist gut, hat aber einen klei­nen bis mit­tel­gro­ßen Nach­teil: Mein frü­he­rer Hei­mat­sen­der CT das radio wird dadurch … äh: obdach­los.

Jetzt ist die der­zei­ti­ge Mann­schaft des Cam­pus­ra­di­os auf der Suche nach einer neu­en Blei­be, die – so neh­me ich an – in Uni­nä­he lie­gen und wenig bis nichts kos­ten soll­te. Und da dach­te ich, viel­leicht haben Sie ja eine Idee.

Das ambi­tio­nier­te Immo­bi­li­en­groß­pro­jekt in Innen­stadt­nä­he ist ja noch lan­ge nicht fer­tig.

Für Vor­schlä­ge sind die Kol­le­gen dank­bar und es gibt sogar etwas zu gewin­nen.

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Musik

Das Gegenteil von Stadion

Ver­gan­ge­ne Woche hat das sehr emp­feh­lens­wer­te Inter­net­mu­sik­ma­ga­zin getaddicted.org im min­des­tens eben­so emp­feh­lens­wer­ten Frei­beu­ter einen Akus­tik-Cover-Abend ver­an­stal­tet. Es spiel­ten und san­gen Nicho­las Mül­ler von Jupi­ter Jones, die mir bis­her unbe­kann­te Band Ten­go Hambre Pero No Ten­go Dine­ro und mein Kum­pel Tom­my Fin­ke, der Laden war voll und die Stim­mung hehr.

Tommy Finke im Freibeuter

Die Aus­wahl der geco­ver­ten Songs war min­des­tens eklek­tisch zu nen­nen und beinhal­te­te Leo­nard Cohens „Hal­le­lu­jah“ eben­so wie „Can You Feel The Love Tonight“ von Elton John, Ingrid Micha­el­sons „Be Ok“ eben­so wie „With Or Wit­hout You“ von U2.

War­um erzäh­le ich Ihnen das alles? Die net­ten Men­schen von getaddicted.org haben ange­fan­gen, Vide­os von dem Abend online zu stel­len. Und so kön­nen Sie jetzt noch ein­mal mit­er­le­ben, wie Nicho­las Mül­ler „Tims­hel“ von Mum­ford & Sons singt, oder Tom­my Fin­ke mit „Won­der­wall“ (Ori­gi­nal­in­ter­pret bekannt) den gan­zen Laden zum Mit­sin­gen bringt.

Mein per­sön­li­ches High­light aber … Ach, sehen Sie selbst!

(Weil die Vide­os auto­ma­tisch star­ten, hab ich sie hier nicht ein­ge­baut.)

Das dürf­te ja wohl eine der cle­vers­ten Riff-Ampu­ta­tio­nen in einem Cover­song seit Cat Powers „Satis­fac­tion“ sein!