Gemäß Humor- und Scherzgesetz (HumSchG) erhebe ich Anspruch auf folgenden Namenswitz für Sportredakteure:
Ein deutscher Spieler bei der EM wird zwei Adler auf dem Trikot haben: einen auf der Brust, einen als Schriftzug auf dem Rücken.
Gemäß Humor- und Scherzgesetz (HumSchG) erhebe ich Anspruch auf folgenden Namenswitz für Sportredakteure:
Ein deutscher Spieler bei der EM wird zwei Adler auf dem Trikot haben: einen auf der Brust, einen als Schriftzug auf dem Rücken.
Nach der Bekanntgabe der Nominierungen für den Grimme Online Award in Düsseldorf am vergangenen Donnerstag hat Daniel Fiene, Campusradio-Legende von Radio Q und einer der Macher von „Was mit Medien“, Kathrin und mich zum Thema Twitter interviewt.
Das Ergebnis kann man sich als Podcast hier anhören und herunterladen.
Neben vielen Pros und Contras, journalistisch tätig zu sein, gibt es ein unschlagbares Argument für diese Arbeit: bei Presseevents gibt es fast immer was zu essen. Gestern hatten die Veranstalter des liebenswerten Haldern-Pop-Festivals gleich zu drei Terminen auf einmal an den schönen Niederrhein geladen: Spargelessen, Pressekonferenz und Konzert. Klar, dass ich mir das nicht entgehen lassen konnte.
Schon bei der Anreise sah man das Prinzip Haldern auf der Gartenterrasse des Gasthofs Tepferd in einem einzigen Bild zusammengefasst: da saßen Dorfbewohner beim Feierabendbier neben internationalen Indiemusikern, erfreuten sich am strahlenden Sonnenschein und kämpften gemeinsam gegen die gefürchteten niederrheinischen Blutsauger-Insekten. In einem Saal, in dem sonst goldene Hochzeiten gefeiert werden, scharten sich Musikjournalisten und Sponsoren um Tische, auf denen Fässchen der niederrheinischen Traditionsbrauerei Diebels standen, die seit mehr als zehn Jahren Partner des niederheinischen Traditionsfestivals ist.

Obwohl ich ja selbst Niederrheiner bin, konnte ich die in meiner Heimat vorherrschende Begeisterung für Altbier und Spargel nie so ganz teilen. In der urgemütlichen Atmosphäre des Gasthauses allerdings wäre kaum etwas anderes vorstellbar gewesen als das leicht klebrige Gesöff und das Saisongemüse mit der merkwürdigen Konsistenz und dem Aussehen, das eher an männliche Körperteile als an irgendetwas sonst erinnert (viel besser als Spargel schmecken aber eh die Beilagen: Kartoffeln und gekochter Schinken mit richtig viel zerlaufener Butter übergossen). Wie zum Beweis meines Einleitungssatzes standen die meisten Journalisten schon am Büffet, als die Eröffnung desselben gerade verklungen war (besonders Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks scheinen sonst nichts zu Essen zu kriegen).

Als alle satt aussahen, begann der halbwegs offizielle Teil des Abends: das Festival feiert in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen, ein Alter, in dem „normale Halderner schon vier Kinder und ein Haus gebaut“ haben, wie Wolfgang „Linne“ Linneweber, schon ewig für die Pressebetreuung des Festivals zuständig, scherzte. Das soll natürlich schon irgendwie gefeiert werden, aber eben in bester Haldern-Tradition, also ohne Größenwahn und großes Spektakel. So wird in diesem Jahr die Hauptbühne ausnahmsweise schon am Donnerstag Abend bespielt werden – von Foals und den Flaming Lips.
In kurzen Grußworten verwiesen der Bürgermeister der Stadt Rees und Vertreter von Diebels und der Sparkasse Rees-Emmerich auf die langjährige gemeinsame Geschichte und man merkte noch einmal: in Haldern würde Tradition auch dann groß geschrieben, wenn es kein Substantiv wäre. Chef-Organisator Stefan Reichmann erklärte mehrfach, dass das Festival ohne die Unterstützung der Dorfbewohner nicht denkbar wäre, und kündigte schon mal an, dass der Eingang zum Gelände in diesem Jahr bekränzt sein werde – wie am Niederrhein sonst nach 25 Jahren Ehe üblich.
Mit Restorm gibt es einen neuen Partner im Boot, der gerade mal 25 Wochen alt ist, aber für ähnliche Ideale einsteht: bei der gefühlt viertausendsten Online-Plattform für Musiker sollen diese endlich mal richtig im Mittelpunkt stehen. Theo Favetto, einer der Macher von Restorm, erklärte mir im Anschluss, was auf der Website schon möglich ist und was noch hinzukommen soll. Das klingt durchaus spannend und lohnt die nähere Betrachtung für Musiker und Musikliebhaber.
Das Festival-Line-Up, zu dem bisher unter anderem Bohren und der Club Of Gore, Editors, Iron And Wine, Kate Nash, Okkervil River, The Dodos und, äh: die Kilians gehörten, wurde dann noch eben um acht neue Bestätigungen erweitert: Jamie Lidell, Fleet Foxes, Guillemots, Soko, Gutter Twins, Kula Shaker, The Blakes und Loney, Dear. Ein bis zwei Überraschungen werden später noch verkündet, die Eintrittskarten dürften in etwa zwei Wochen ausverkauft sein.

Dann war Konzert: zum Abschluss der 25-Jahre-Haldern-Pop-Jubiläums-Tour spielten die Guillemots, White Rabbits, Soko und Loney, Dear im großen Saal des Gasthofs auf einer kleinen Bühne, auf der sonst vermutlich Schützenkapellen und Akkordeon-Orchester auftreten. Es war eine ganz wunderbare Atmosphäre, eben auch typisch Haldern: Indiekids aus ganz NRW standen neben alten Haldernern, tanzten zur Musik der Guillemots und langweilten sich bei den White Rabbits. Dann mussten wir leider weg: der letzte Zug raus aus dem Paradies und Richtung Zivilisation fuhr um 22:50 Uhr vom Bahnhof Haldern ab.
Eines meiner Lieblingsvideos bei YouTube ist dieses hier:
Das Video entstand bei den MTV Video Music Awards 1997 und zeigt die Wallflowers bei der Aufführung ihres Hits „One Headlight“ mit ihrem Gastsänger Bruce Springsteen. Zum einen mag ich, wie Springsteen mit seinem Gesang und seinem Gitarrensolo den ohnehin tollen Song noch mal zusätzlich veredelt, zum anderen kann man aus diesem Auftritt viel über die amerikanische Popkultur und ihren Unterschied zur deutschen ableiten.
Auch wenn man nicht immer darauf herumreiten soll: der Sänger der Wallflowers ist Jakob Dylan, Sohn von Bob Dylan, der seit mehr als vier Jahrzehnten ein Superstar ist. Er singt dort gemeinsam mit Bruce Springsteen, der seit gut drei Jahrzehnten ein Superstar ist. In Deutschland gibt es keine Söhne berühmter Musiker, die selbst Rockstars geworden wären, von daher kann man schon aus familiären Gründen keine Analogien bilden, aber auch der Versuch, ein Äquivalent für Vater Dylan 1 oder Springsteen zu finden, würde schnell scheitern.
Nun kann man natürlich sagen, dass ich am falschen Ende suche: Dylan und Springsteen haben beide einen mehr (Dylan) oder weniger (Springsteen) vom Folk geprägten Hintergrund, man müsste also in Deutschland im Volksmusik- oder Schlagerbereich suchen. Damit würde das Unternehmen aber endgültig zum Desaster, denn das, was heute als volkstümlicher Schlager immer noch erstaunlich große Zuhörer- und vor allem Zuschauerzahlen erreicht, hat mit wirklicher Folklore weit weniger zu tun als Gangsta Rap mit den Sklavengesängen auf den Baumwollfeldern von Alabama.

Die Netzeitung wollte kürzlich kettcar-Sänger Marcus Wiebusch zum deutschen Springsteen erklären, was angedenk des neuen kettcar-Albums gar nicht mal so abwegig ist, wie es sich erst anhört. Herbert Grönemeyer kann ja nicht alles sein und die Position „einer von uns, der über unsere Welt singt“ kann von einem noch so verdienten Wahl-Londoner nur schwerlich besetzt werden. Was aber inhaltlich halbwegs passen mag, sieht auf der Popularitätsebene schon wieder anders aus: jemand, der für die Menschen spricht, muss auch bei den Menschen bekannt sein. Marcus Wiebusch ist weit davon entfernt, ein nationaler Star zu sein, ganz zu schweigen vom internationalen Superstar. 2
Im Grunde genommen ist schon die Suche nach einem deutschen diesen oder einem deutschen jenen der falsche Ansatz: Marcus Wiebusch wird nie der deutsche Springsteen sein und Til Schweiger schon gar nicht der deutsche Brad Pitt. Harald Schmidt war nie der deutsche David Letterman und überhaupt wird es in Deutschland nie eine richtige Late Night Show geben, schon weil die Zuschauer mit einem ganz anderen kulturellen Hintergrund aufgewachsen und auch gar nicht in vergleichbaren Größenordnungen vorhanden sind.
Es gibt aber auch genauso wenig einen amerikanischen Goethe, Schiller, Klopstock, Schlegel oder Beethoven – was unter anderem damit zusammenhängen könnte, dass das unglaubliche Schaffen dieser Herren in eine Zeit fiel, als sich die USA gerade zu einem eigenständigen Staatenverbund erklärt und wichtigeres zu tun hatten, als ein kulturelles Zeitalter zu prägen. Sie mussten zum Beispiel die Demokratie erfinden.
Womit wir direkt in der amerikanischen Politik von heute wären: allen drei verbliebenen Kandidaten für das Amt des US-Präsidenten darf man Charisma und inhaltliche Stärke auf mindestens einem Gebiet bescheinigen. Egal, ob der nächste Präsident John McCain, Barack Obama oder Hillary Clinton heißen wird, er (oder sie) wird mehr Ausstrahlung haben als das versammelte deutsche Kabinett. Das liegt natürlich nicht nur daran, dass man in den USA auf 3,75 Mal so viele Menschen zurückgreifen kann wie in Deutschland, sondern auch daran, dass diese Politiker ganz anders geschult wurden und ein ganz anderes Publikum ansprechen. Jemand wie Kurt Beck könnte es kaum zum stellvertretenden Nachbarschaftsvorsteher schaffen. 3
Die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschland und den USA sind eben erhebliche und sie lassen sich auch nicht durch eine vermeintliche „Amerikanisierung“ unserer Kultur überwinden: selbst wenn jeder deutsche Mann sein Junggesellendasein mit viel Alkohol und Stripperinnen beendete 4 wäre das ja nur eine Übernahme von Form und nicht von Inhalt. Deutsche werden auf ewig ihr Frühstücksei aufschlagen und als einziges zivilisiertes Volk der Welt ihr Popcorn gesüßt verspeisen. Deutsche werden wohl nie verstehen, welche Bedeutung es für Amerikaner hat, dass (fast) jeder eine Waffe tragen darf, obwohl sie selbst fast genauso argumentieren, wenn ihnen mal wieder jemand ein Tempolimit vorschlägt. 5

Wer sich einmal „alte“ Gebäude in den USA angeschaut hat, darunter einige, die vor 100 bis 120 Jahren gebaut wurden, wird feststellen, wie extrem man sich damals an architektonischen Stilen orientierte, die in Europa längst der Vergangenheit angehörten: wo es um großes Geld oder Hochkultur geht, stößt man auf Klassizismus, Romantik oder Renaissance. Die große Stunde der USA schlug erst, als ihre Popkultur in Form des vielzitierten Rock’n’Roll und Coca Cola das kulturelle Vakuum ausfüllte, das nach dem zweiten Weltkrieg in Deutschland vorherrschte. Seitdem bemüht man sich hier, amerikanisch zu wirken, was sicher noch dazu führt, dass eines Tages jede Dorfkneipe mit Starbucksiger Loungeigkeit aufwarten wird.
Ich mag beide Länder.
Mehr über die USA, Deutschland und die kulturellen Unterschiede steht in folgenden empfehlenswerten Blogs:
USA erklärt Ein Deutsch-Amerikaner in Deutschland erklärt die USA (deutsch)
German Joys Ein Amerikaner in Deutschland schreibt über Deutschland (englisch)
Nothing For Ungood Noch ein Amerikaner in Deutschland, der über Deutschland schreibt (englisch)
Am Donnerstag hatte Jon Stewart in der „Daily Show“ David Perlmutter zu Gast, den Autor des Buchs „Blogwars“ über den wachsenden Einfluss von Blogs in der Politik.
Mittendrin äußerte Stewart großes Unverständnis für Skepsis und Kritik Blogs gegenüber:
I don’t know how you can be negative about something that is just …
It’s like saying: „I don’t like these writers“, because it’s just writing. You may not like what it says, you may not like the style that it says, but: that’s it, the work speaks for itself. If you find someone that you think is worthwile, has integrity, then you follow them.
Das ganze Interview kann man sich hier ansehen.
Seit drei Wochen ist das neue, dritte kettcar-Album „Sylt“ inzwischen draußen. Zeit genug, es so oft zu hören, dass man sich ein Urteil erlauben kann.
Oder gleich mehrere bei der großen Rückkehr der Track-by-track-Analyse:
Graceland
Hab ich mir das Lied jetzt nur schöngehört oder ist es mit der Zeit doch noch gewachsen? Musikalisch ist es für kettcar immer noch einigermaßen sperrig und eigentlich sehr viel weniger radiotauglich als zum Beispiel „Deiche“ vom letzten Album, aber diesmal schien Einslive sich der Band nicht mehr verschließen zu können und spielt den Song jetzt mehrmals am Tag. Nicht unbedingt der ideale Opener, aber der A‑capella-Schluss ist schon ziemlich groß.
Nullsummenspiel
Das ist dann schon ein sehr viel klassischerer kettcar-Song: The-Clash-Gitarren, doppelter Gesang und mit viel Drive nach vorne. Dazu der erste Poesiealbum-Spruch der neuen Platte: „Arme ausbreiten, Schultern auskugeln / Beim Nachnamen googeln“. Arme ausbreiten, indeed.
Am Tisch
Dass ich beim Intro an Annett Louisan denken muss, ist mein Problem, nicht kettcars. Eine Ballade im Dreivierteltakt über alte Freundschaften, die über unterschiedliche Lebensentwürfe zerbrochen sind, mit dem großartigen Niels Frevert als Gastsänger. Das Lied zieht für kettcar-Verhältnisse ziemlich runter, ohne große Hoffnungen auf Erlösung zu wecken.
Kein Außen mehr
„Lieber peinlich als authentisch / Authentisch war schon Hitler“ – Was auch immer uns Marcus Wiebusch damit sagen will. So, wie das Lied nach dem Refrain in ein kurzes Feedback ausbricht, hat man die Band auch noch nicht erlebt. „Kein Außen mehr“ steht in der Tradition von „Genauer betrachtet“, „Ausgetrunken“ oder „Lattenmessen“: ohne Halt nach vorne und mit direktem Druck auf die Endorphindrüsen. Vermutlich der beste Song der Platte.
Wir müssen das nicht tun
Geht da jetzt noch eine Freundschaft in die Brüche oder doch mal wieder eine Beziehung? Der stapfende Rhythmus ist schon wieder was neues und auch diesmal verweigern sich kettcar einem Refrain. Dafür gibt’s wieder so eine Zeile, die man für den Rest seines Lebens zitieren wird: „Sag zum Abschied leise ‚Fick dich‘ “.
Fake For Real
Düsteres elektronisches Geschepper wie bei The Notwist knarzt hinter einem ebenso düsteren Text über die Welt, in der wir leben. Von der Produktion her der spannendste Song der Platte, textlich zwischen den Extremen mit einigen tollen Zeilen und dann mit einem Slogan, den die Linkspartei vermutlich schon zum ersten Mai geklaut hat: „Für die einen sind es Menschen mit Augen, Mund, Ohren / Für die anderen Kostenfaktoren“. Sozialkritik gut und schön, aber der Satz geht mir echt zu weit.
Geringfügig, befristet, raus
Der Titel sagt’s: Es geht gegen das vorherrschende Wirtschaftssystem. Sowas kann tierisch daneben gehen (s.o.), hier geht das Konzept aber trotz des abschreckenden Titels auf. Die Unzufriedenheit und Verzweiflung steigert sich zum Zynismus: „Wir sind heiß und hungrig und hochmotiviert / Flexibel, spontan und qualifiziert / Wir sind teamfähig, unabhängig und belastbar / Uns ist heute egal, wo gestern noch Hass war“. Die Generation Praktikum singt mit und verbrennt ihre „Neon“-Hefte in der Teeküche der Werbeagentur.
Agnostik für Anfänger
Steilvorlagengefahr: „Das alles ist so was von: langweilig / Das Leben, die Welt: langweilig“. Isses aber gar nicht, denn „Agnostik für Anfänger“ klingt dem Titel nach wieder nach …But Alive, musikalisch aber nach …And You Will Know Us By The Trail Of Dead. Gott kommt über die Welt und gibt den Menschen „Sex und Casino“ und unheilbare Krankheiten, „Wein und Gesänge“ und Sonnenuntergänge. Vielleicht ist das auch eine Metapher, aber fragen Sie mich nicht, wofür.
Verraten
Ein bisschen besser hätte man die wiederaufgegriffenen Gitarren- und Klaviermotive aus „Balu“ schon kaschieren können, aber immerhin surrt im Hintergrund ganz Beatles-like eine Kreissäge. Der Text ist pure Melancholie und handelt vermutlich von der Rückkehr an einen altbekannten Ort, an dem jemand gestorben ist, von dem man sich nicht mehr verabschieden konnte. „Verraten“ ist der erste Teil eines Triptychons …
Dunkel
der zweite Teil des Triptychons: Wieder Vergangenheit, wieder Fragen. Ein Lied, das mich etwas ratlos zurücklässt und mir dennoch gefällt.
Würde
Triptychon, Teil 3: Ganz große Hymne mit Keyboard-Streichern wie bei Feeder. Die Arbeitswelt von vorhin hat das ehemalige Kind von eben aufgerieben und wieder ausgespuckt. Am Ende geht es zurück zu den Eltern und ich habe jedes Mal einen Kloß im Hals, wenn Marcus Wiebusch singt: „Aber mach dir keine Sorgen, Mama / Papa, ja ich weiß, bleib ruhig / Euer Junge kommt nach Hause heute / Gebrochen, fertig, durch“. Und dann knüppelt die Band drauf los wie selten zuvor.
Wir werden nie enttäuscht werden
Das Album noch mal im Schnelldurchlauf, alle Themen in 2:11 Minuten. Die letzten fünfzig Sekunden sind dem Headbangen vorbehalten und wieder mal: dem Arme ausbreiten. Die Fans lesen den Titel und denken: „Stimmt.“
Fazit
„Sylt“ ist anders als die beiden Vorgänger und doch ganz klar kettcar. Musikalisch war die Band (immerhin mit drei verschiedenen Produzenten) noch nie so vielseitig und so gut, textlich erschließt sich vieles erst spät oder nie.
Marcus Wiebusch hat in so ziemlich jedem Interview erzählt, man habe ein Album machen wollen, dass „nicht einverstanden“ ist. Das merkt man: kettcar singen gegen die Durchökonomisierung der Welt, gegen Hartz IV, gegen den ganzen Zynismus, der einem entgegenschlägt. Damit müssen auch die eigenen Fans erst mal zurechtkommen, potentielle Nachfolger für „Landungsbrücken raus“, „Balkon gegenüber“ und „Tränengas im High-End-Leben“ springen einen nicht gerade an.
„Sylt“ schwebt zwischen Euphorie und Melancholie, Wut und Zuneigung, Drinnen und Draußen wie eine Nadel zwischen zwei Magnetpolen. Das Album ist schwierig, aber es lohnt die Auseinandersetzung.
I’d like to thank the Academy (Academy, Academy …)
kettcar – Sylt
VÖ: 18.04.2008
Label: Grand Hotel van Cleef
Vertrieb: Indigo
Heute wurden die Nominierungen für den Grimme Online Award 2008 bekannt gegeben. Da ich noch nicht die Zeit hatte, mir alle nominierten Internetangebote näher anzusehen, schreibe ich aber nicht über die Nominierten, sondern über die nette kleine Veranstaltung in den Räumen der Landesanstalt für Medien NRW in Düsseldorf:

Dem Adolf-Grimme-Institut haftet ja immer eine gewisse Spießigkeit an: Es sitzt in Marl und hängt irgendwie mit dem Deutschen Volkshochschulverband zusammen – Unglamouröseres kann man sich kaum vorstellen, ohne beim Aufschreiben mindestens die Bewohner mehrerer ostdeutscher Landstriche und ein paar Personen zu beleidigen. Trotzdem (vermutlich eher: genau deshalb) macht das Grimme-Institut aber sehr gute und lobenswerte Arbeit – ich selbst habe kürzlich erst an einem sehr interessanten Seminar über Medienjournalismus teilnehmen dürfen.
Wo, wenn nicht im weitgehend ablenkungsfreien Marl, sollten sich Menschen durch fast 1.900 vorgeschlagene Internetseiten klicken; wer, wenn nicht eine Nominierungskommission aus Kommunikationswissenschaftlern, VHS-Studienleitern und Onlinejournalisten, sollte eine solche Masse erst auf 250 näher zu betrachtende Angebote und dann auf 17 Nominierungen einschränken? So erklärte Uwe Kammann, Direktor des Adolf-Grimme-Instituts, dann auch das Selbstverständnis des Preises: Orientierung und Hilfe liefern in der Flut von Internetangeboten. Im vergangenen Jahr habe ich so das großartige Blog „USA erklärt“ kennengelernt.
Zwei Trends seien in diesem Jahr erkennbar, hieß es: der zu Online-Videos und zu Nutzerbeteiligung, wobei letztere inzwischen weit über Kommentarfunktionen hinausginge. Damit war die Horrorvorstellung für einige Journalisten dann auch schön umrissen: „Fernsehen“ im Internet, gemacht von Menschen, die womöglich noch nie ein Fernsehstudio, geschweige denn eine Journalistenschule von innen gesehen haben, und noch dazu die Einbindung der Leute, die früher nur abnicken sollten, was man ihnen vorsetzte.
Andere Journalisten finden das freilich toll. So berichtete Jens Rehländer von GEO.de, das mit einer Multimediareportage über die Koralleninsel Raja Ampat nominiert ist, völlig nachvollziehbar davon, wie enthusiastisch er nach einem Jahr in der Online-Redaktion sei, nachdem er 20 Jahre Print gemacht habe. Er sprach von der Veränderung des Berufsbilds Journalist und davon, dass die Reporter von Geo nach Feierabend und am Wochenende ihre Multimediainhalte zusammenschneiden. Dann sagte er noch, dass es Internetnutzer lieber authentisch als extrem professionell hätten, und man gar nicht vorhabe, mit Podcasts und Videos Radio und Fernsehen Konkurrenz zu machen. Und ich dachte nur noch: „Kluger Mann!“
Gut ein Viertel der Nominierungen entfiel auf programmbegleitende Angebote öffentlichlich-rechtlicher Sender, was man natürlich durchaus kritisieren kann, wenn man eh bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit das öffentlich-rechtliche System kritisieren will. Dass die ZDF-Mediathek nominiert wurde, kann man durchaus als politische Entscheidung verstehen, immerhin sollen die öffentlich-rechtlichen Sender nach Plänen der EU-Kommission ihre Inhalte zukünftig nur noch sieben Tage online stellen dürfen, was für den Gebührenzahler in etwa so geistreich ist wie ein Malermeister, der Ihnen nach sieben Tagen die bereits bezahlten Tapeten wieder von den Wänden kratzt. Dieses Thema führte dann auch zu kleineren Diskussionen zwischen Vertretern des WDR und der Düsseldorfer Staatskanzlei und zu spannenden Gesprächen nach dem offiziellen Teil. Dass es im Jahr 2008 überhaupt noch als preiswürdig gilt, wenn ein Fernsehsender fast alle seine Inhalte online verfügbar hat, ist schon einigermaßen tragisch, in Deutschland aber eben auch Fakt. Wenn sich die Jury an die Bewertungskriterien hält (Stichwort „Nutzerfreundlichkeit“), dürfte die ZDF-Mediathek trotzdem keine Chance auf den Preis haben.

Insgesamt ist die Liste der Nominierten schon recht brav, man könnte sagen: Grimme-Institut halt. Mir fiele so spontan aber kein sonderlich „unbraves“ Internetprojekt ein, das ich hätte vorschlagen können. Dass vergleichsweise wenige Blogs nominiert wurden (dafür mit Netzpolitik und Störungsmelder zwei politische und das sehr persönliche der ALS-Patientin Sandra Schadek), erklärte Prof. Christoph Neuberger aus der Nominierungskommission damit, dass sich die Standards im Web jedes Jahr änderten und Multimedialität inzwischen einen höheren Stellenwert habe.
Dann sind überproportional viele Angebote für Kinder dabei, was man noch damit rechtfertigen kann, dass Orientierung besonders auf diesem Gebiet Not tut und pädagogisch wertvolle Internetseiten sowieso unterstützenswert sind. Mit Hobnox ist ein Angebot nominiert, das ich zwar für sehr spannend, möglicherweise gar revolutionär halte, sich aber auch noch in der Beta-Phase befindet …
Man kann also wieder kräftig an der Liste rummäkeln, was man als Blogger vermutlich sogar tun muss, weil ja so viele böse „kommerzielle“ und „gebührenfinanzierte“ Angebote auf der Liste stehen, man kann aber das Anliegen und die Entscheidungen des Grimme-Instituts akzeptieren und, wenn’s denn sein muss, einfach einen eigenen Award ausrufen – so wie Til Schweiger, nachdem er beim Deutschen Filmpreis übergangen worden war.
Nicht ohne Stolz will ich aber zum Schluss darauf hinweisen, dass ich beim Überfliegen der Listen unter den Mitarbeiter an den nominierten Projekten schon wieder zwei ehemalige Dinslakener gefunden habe.
Ich habe erst heute (und damit passend zum gestern gesendeten Staffelfinale) festgestellt, dass „RP Online“ vor mehr als einem Jahr sechs Mediziner zu „Dr. House“ befragt hat.
Sie finden die Serie allesamt unrealistisch und Dr. Gregory House mindestens unsympathisch, wenn nicht gar unhaltbar, aber das soll uns nicht groß interessieren, denn es handelt sich ja um eine fiktionale Serie und nicht um einen medizinischen Fachaufsatz.
Ihre Einschätzungen sind nichtsdestotrotz fast durchgängig interessant und hier in einer siebenteiligen Klickstrecke nachzulesen.
Nachtrag, 8. Mai: Meine Mutter wies mich darauf hin, dass die „NRZ“ vor ein paar Wochen etwas ganz ähnliches gemacht hat. Allerdings ist der Arzt, der die Serie dort analysiert, Fan.
Wenn Sie zwischen zwölf und 25 Jahre alt sind (ich Sie also nicht unbedingt siezen müsste) und sich für Medien und Journalismus interessieren, hätte ich da was für Sie:
Die Junge Presse veranstaltet vom 14. bis zum 17. August 2008 in Mainz und Essen (erst zwei Tage Mainz, dann zwei Tage Essen) das Jugendmedienevent 2008.
Für wenig Geld gibt es dort einen Ausflug zum ZDF und zahlreiche Vorträge und Workshops mit erfahrenen und namhaften Journalisten – sowie einen mit mir, denn ich werde dort etwas über das Web 2.0 im Allgemeinen und Blogs im Speziellen erzählen.
Das Internet hat die Arbeit von Journalisten erheblich vereinfacht: Binnen weniger Sekunden kann man Agenturmeldungen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen (vorausgesetzt, man will), uralte Texte aus obskuren Archiven heraussuchen und per E‑Mail Ansprechpartner in aller Welt kontaktieren. Vor allem aber hat man blitzschnell Informationen über junge Leute zur Hand, über die zuvor noch niemand geschrieben hat – außer sie selbst.
Das fiel mir gestern wieder auf, als ich auf der Internetseite des „San Francisco Chronicle“ einen Artikel über einen Studenten aus Berkeley las, der am frühen Samstagmorgen erstochen wurde. Schon ohne die Familie des Opfers heimgesucht zu haben, konnten die Autoren am Samstagabend eine einigermaßen lebendige Charakterisierung des Toten abgeben:
Christopher W.*, who loved ’80s music, poker, baseball and football, according to his MySpace page, would have received his undergraduate degree later this month and was going to begin graduate school in nuclear engineering at UC Berkeley in the fall.
[…]
W.* was active in his fraternity, serving as vice president and pledge educator.
„Nobody can have a better set of friends than I do,“ he wrote on his MySpace page. „I’m a Sigma Pi for life.“
W.* listed on MySpace the Bible as one of his favorite books and Jesus as one of his top interests.
Among his heroes, he listed „Jesus, my mom, my dad, my big brother, really wise people.“
* Anonymisierung von mir
Exkurs: Dass die Opfer eines Verbrechens (ebenso wie die Täter) meist mit vollem Namen genannt und auf Fotos gezeigt werden, ist im angelsächsischen Journalismus normal. Anders als in Deutschland, wo „Bild“ und Konsorten häufig die unrühmliche Ausnahme darstellen, sind die Protagonisten von Kriminalfällen in Großbritannien und den USA oft auch in den sogenannten Qualitätsmedien vollständig identifizierbar. Entsprechend war es leider wenig überraschend, dass BBC und CNN im „Fall Amstetten“ zu den ersten Medien gehörten, die Täter und Opfer bei vollem Namen nannten, bevor deutschsprachige Medien nachzogen (lesen Sie dazu auch diesen sehr klugen Einwurf bei medienlese.com). Exkurs Ende.
Doch zurück zum Toten von Berkeley und seinem MySpace-Profil: Immerhin hat man beim „Chronicle“ (vorerst) darauf verzichtet, auch Fotos von seiner Seite zu veröffentlichen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie noch zum Einsatz kommen werden, denn nie war es einfacher, an persönliche Bilder und Informationen von Betroffenen zu kommen – „Witwenschütteln“, ganz ohne anstrengende Hausbesuche, bei denen man Gefahr laufen könnte, im Angesicht der Hinterbliebenen doch noch Gewissensbisse zu bekommen.
Als im Januar eine Bielefelder Schülerin beim Skifahren tödlich verunglückte, nutzten „Bild am Sonntag“ (s. BILDblog) und RTL (s. Indiskretion Ehrensache) Privatfotos aus dem SchuelerVZ-Profil der Toten zur Illustration ihrer Artikel und Beiträge. Bei SchuelerVZ muss man sich – anders als bei MySpace – erst einmal anmelden, um die Profile der anderen Mitglieder einsehen zu können.
Im März brachte die „New York Times“ ein großes Porträt über das Callgirl, das die politische Karriere des New Yorker Gouverneurs Eliot Spitzer beendet hatte – weite Teile stammten aus Telefoninterviews, die die Redakteure mit der jungen Frau geführt hatten, andere Details und Fotos waren direkt ihrer MySpace-Seite entnommen. Patricia Dreyer, „Panorama“-Chefin von „Spiegel Online“ und Ex-Unterhaltungschefin bei „Bild“, musste wenig mehr machen, als den „New York Times“-Artikel noch zu übersetzen und mit indirekter Rede zu versehen, um bei „Spiegel Online“ einen „eigenen“ großen Artikel daraus zu machen. Wieder inklusive aller MySpace-Fotos, die dort plötzlich mit den Quellenhinweisen „AP“ und „AFP“ versehen waren.
Ende März brachte die „taz“ einen längeren Artikel darüber, wie sich „Bild“ immer wieder bei StudiVZ bedient und fragte auch in der Pressestelle von StudiVZ nach, wie man dort eigentlich zu dem Thema stehe. Die Antwort fiel wenig überraschend schwammig aus:
Die journalistische Verwertung von Bildern aus StudiVZ ist nicht in unserem Interesse. Das steht auch eindeutig in unseren AGB. Wird dennoch ein Foto von einem unserer Nutzer zu diesem Zweck unautorisiert verwendet, so handelt es sich hierbei um eine Verletzung der Urheberrechte. Der Nutzer kann gegen das entsprechende Medium vorgehen.
Doch noch einmal zurück zum „San Francisco Chronicle“, der – das muss man vielleicht noch mal erwähnen – durchaus zu den amerikanischen Qualitätszeitungen zählt und dessen Redakteure regelmäßig mit Journalismuspreisen geehrt werden: In einem weiteren Artikel auf der heutigen Titelseite werden dort Aussagen vom Bruder des Opfers mit Zitaten aus dem MySpace-Blog des Toten gegenübergestellt. Die Aussage, der Verstorbene sei ein friedlicher und religiöser Mensch gewesen, werden mit hormon- und alkoholgeschwängerten Partygeschichten verschnitten, die für jeden „Chronicle“-Leser drei Mausklicks weit entfernt sind.
Ich muss also meine eigene Meinung zur informationellen Selbstbestimmung, die ich hier schon einmal ausgebreitet habe, etwas einschränken: Zwar glaube ich nach wie vor, dass persönliche Blogeinträge und Partyfotos eines Tages für Personalchefs wieder völlig irrelevant sein werden (einfach, weil es sie von jedem Bewerber und dem Personalchef selbst geben wird), aber es besteht eben immer die Gefahr, unfreiwillig zum Gegenstand pseudo-journalistischer Berichterstattung zu werden.
Ich würde nicht wollen, dass, sollte ich morgen unter einem LKW liegen, die Zeitungen übermorgen mein Leben und Wesen so zusammenfassten: „Lukas mochte, wie er auf seinem MySpace-Profil schrieb, Achtziger-Jahre-Komödien und Musik von Oasis und Phil Collins.“
Nachtrag, 6. Mai: BILDblog gibt Tipps, wie man sich halbwegs gegen die Verwendung von Fotos schützen kann.
Die Künstler haben ihre Rechte doch schon längst abgegeben. Das heißt die Verwerter nutzen nur die abgetretenen Rechte. Deshalb habe ich auch den sehr plakativen Begriff des Haussklaven verwendet. Die tarnen sich also als Kreative, das ist unseriös – auch für eine offene Diskussion, die in dem Brief ja gefordert wird.
Alles, was ich immer in ungelenken Worten und mit gefährlichem Halbwissen an der Musikindustrie kritisiert habe, fasst der Multimediarechtler Prof. Thomas Hoeren in einem Interview mit jetzt.de und einem Blog-Eintrag noch einmal wesentlich fundierter zusammen.