Kategorien
Rundfunk Print

Der charmante Froschkoch mit der blonden Laune

Seit heu­te ist offi­zi­ell, dass Mar­kus Lanz die Nach­fol­ger von Tho­mas Gott­schalk als „Wet­ten, dass..?!“-Moderator antre­ten wird. Chris­to­pher Keil, Medi­en­re­dak­teur der „Süd­deut­schen Zei­tung“, hat die Gele­gen­heit genutzt, am Sonn­tag­abend schnell noch einen Text dazu im Inter­net zu depo­nie­ren, der ver­mut­lich mor­gen auch gedruckt im Blatt erschei­nen wird.

Sein Pro­blem: Die Logik war noch im Wochen­end-Kurz­ur­laub – und hat­te die deut­sche Spra­che mit­ge­nom­men.

Er wird nicht mit einem Assis­ten­ten oder einer Assis­ten­tin arbei­ten, so viel steht fest. Gott­schalk, der mitt­ler­wei­le ver­sucht, für die ARD eine halb­stün­di­ge Late Light Show vor der Tages­schau durch­zu­set­zen, stand zuletzt die attrak­ti­ve Schwei­ze­rin Michel­le Hun­zi­ker zur Sei­te.

Gott­schalk ver­sucht, „Gott­schalk live“ „durch­zu­set­zen“? Nicht eher „aus­zu­sit­zen“ oder so?

Keil wei­ter über Gott­schalk:

Er war dar­in ein gro­ßer Enter­tai­ner, ein Vir­tuo­se des Main­stream, der „Wet­ten dass ..?“ als deut­schen Staats­zir­kus mit blon­der Lau­ne und locki­gem Humor führ­te.

Viel­leicht könn­te die Bun­des­wehr, wenn sie alle afgha­ni­schen Mohn­fel­der zer­stört hat, kurz bei einem Ein­satz im eige­nen Land die Stil­blü­ten­wie­sen des Chris­to­pher Keil umpflü­gen? Womög­lich blie­be uns dann auch ein voll­ends rät­sel­haf­ter Absatz wie die­ser hier erspart:

Sehr schnell wur­de die Fra­ge gestellt, was „Wet­ten, dass ..?“ ohne ihn künf­tig wert und wer ihm als Nach­fol­ger eben­bür­tig sei. Vie­le mel­de­ten sich und ver­kün­de­ten, sie stün­den nicht zur Ver­fü­gung – ohne je bedacht wor­den zu sein, und Gün­ther Jauch war der Ein­zi­ge, der es nicht ernst gemeint hat­te. Über ande­re wie Nazan Eckes wur­de spe­ku­liert, dabei, das wird sie selbst am bes­ten wis­sen, reich­te es bei ihr nicht ein­mal zur Spe­ku­la­ti­on.

Es wirkt nicht so, als wüss­te Keil um die Bedeu­tung des Verbs „beden­ken“. Ande­rer­seits ver­blasst die­ser Satz in sei­ner (nicht eben gerin­gen) Merk­wür­dig­keit voll­stän­dig gegen­über dem nach­fol­gen­den: Über Nazan Eckes wur­de spe­ku­liert, aber es reich­te nicht ein­mal zur Spe­ku­la­ti­on? Also qua­si die Spe­ku­la­ti­on inter­rupta, die sich auf dem Weg zu sich selbst ver­lau­fen hat­te?

Über Tho­mas Bel­lut, den desi­gnier­ten ZDF-Inten­dan­ten, an des­sen 57. Geburts­tag „das Tref­fen“ in einem ita­lie­ni­schen Restau­rant in Mainz statt­ge­fun­den hat­te, weiß Keil immer­hin zu berich­ten, dass der gebür­ti­ger Nie­der­sach­se sei. Inwie­fern das in einem Zusam­men­hang damit steht, dass Bel­lut „offen­bar belast­bar und auch durch Schlag­zei­len nicht zu erschüt­tern“ sei, weiß wohl nur Chris­to­pher Keil. Oder – haha – Chris­ti­an Wulff.

Viel­leicht inter­es­siert sich Keil aber pri­vat auch ein­fach nur für Cha­os­theo­rien, wes­we­gen er Schluss­fol­ge­run­gen wie die­se hier für sinn­voll hält:

Weil sich Lanz pri­vat für die Polar­ge­bie­te inter­es­siert, könn­te es aber sein, dass das ZDF ein Winter-„Wetten, dass ..?“ ein­führt und offen­bar spricht das ZDF mit Lanz auch über eine Aus­ga­be Kinder-„Wetten, dass ..?“. Mit Gott­schalk gab es eine Som­mer­show, die bevor­zugt in der Stier­kampf-Are­na von Pal­ma de Mal­lor­ca statt­fand.

Woher Keil das mit der Kin­der-Sen­dung weiß? Nun, er scheint einen char­man­ten, gut aus­se­hen­den Infor­man­ten zu haben:

Dass Lanz als Drit­ter gefragt wur­de, bedeu­tet nicht, dass er drit­te Wahl ist. In sei­nen Talk­shows erfährt man vie­les über Men­schen, viel mehr als gera­de bei den meis­ten, wenn auch viel Belang­lo­ses. Doch Lanz kennt sei­ne Gäs­te, er lässt sich auf sie ein, bie­tet ihnen char­mant die Stirn. Man darf sich von sei­nen guten Manie­ren, sei­nem guten Aus­se­hen und sei­nem guten Ton, den er trifft, nicht täu­schen las­sen.

… denn in Wahr­heit ist Lanz was? Ein gemein­ge­fähr­li­cher Irrer? Ein unge­ho­bel­ter Roh­ling? Ein häss­li­cher Schief­sän­ger?

Stellt sich raus: In Wahr­heit ist Lanz ein phan­tas­ti­scher Inves­ti­ga­ti­v­jour­na­list.

Als neu­lich Vize­kanz­ler Phil­ipp Rös­ler bei ihm war, begrüß­te ihn Lanz mit dem Lob: Er, der FDP-Boss Rös­ler, sei ja in sei­nen poli­ti­schen Reden zuwei­len komi­scher als Harald Schmidt. Rös­ler hat sich dar­auf­hin für eine hal­be Stun­de sehr geliebt, hat bei der Wie­der­ga­be des Streits mit der Bun­des­kanz­le­rin in der Fra­ge Gauck jedes Maß für Ver­nunft und wohl auch Anstand ver­lo­ren. Er erklär­te noch ein­mal, was es mit sei­nem Gleich­nis vom Frosch auf sich hat­te, der nicht merkt, wie er gekocht wird, sofern man das kal­te Was­ser, in dem er sitzt, lang­sam erhitzt. Alle haben sehr über Rös­ler gelacht, auch Rös­ler über sich. Dass er der Frosch im Was­ser war, den Lanz in aller Ruhe zum Kochen brach­te, merk­te er nicht.

Das deckt sich nicht ganz mit dem Ein­druck, den ich oder sonst jemand von der Sen­dung gehabt hät­te, in der Lanz als kom­plett distanz­lo­ser Mär­chen­on­kel voll­ends die Ori­en­tie­rung zwi­schen Unter­wür­fig­keit, Kum­pe­lei und Über­heb­lich­keit ver­lo­ren hat­te. Aber gut: Lanz hat den Frosch Phil­ipp Rös­ler gekocht. Das wird er künf­tig nicht mehr kön­nen, denn Lanz „wird sei­ne nächt­li­chen Gesprächs­run­den im Zwei­ten wei­ter­füh­ren, sei­ne Koch­sen­dung am Frei­tag aller­dings abge­ben“.

Kategorien
Print

Apropos kafkaesk

Drei Fragen an: Honke RambowDa staun­te Hon­ke Ram­bow, Spre­cher des Bochu­mer Off-Thea­ters Rott­str 5 Thea­ter, nicht schlecht, als er heu­te die Lokal­aus­ga­be der „West­deut­schen All­ge­mei­nen Zei­tung“ auf­schlug!

Ver­zei­hung, da ist mir der Ein­stieg jetzt doch eine Spur zu lokal­jour­na­lis­tisch gera­ten! Hon­ke Ram­bow muss aber tat­säch­lich erstaunt gewe­sen sein, als er in der „WAZ“ ein Kurz­in­ter­view mit sich selbst las – hat­te er der Zei­tung doch gar kei­nes gege­ben.

Er schreibt mir:

Merk­wür­dig dar­an ist, dass die Per­son auf dem Foto ich bin, ich aber nicht mit dem Autor kom­mu­ni­ziert habe, weder tele­fo­nisch, noch per mail.

Er habe ihm ledig­lich im Auf­trag der Fil­me­ma­cher eine Pres­se­mit­tei­lung zuge­sandt – in der dann ziem­lich genau all das steht, was der „WAZ“-Rambow auf die „WAZ“-Fragen ant­wor­tet. Ledig­lich ein paar Recht­schreib­feh­ler habe der zustän­di­ge Redak­teur in den Text ein­ge­baut:

Pres­se­mit­tei­lung
„Inter­view“ in der „WAZ“
Noch nie wur­de ein Text des indisch-bri­ti­schen Autors Sal­man Rush­die ver­filmt. Schon die­se Tat­sa­che macht den Kurz­film DER GOLDENE ZWEIG von Dreh­buch­au­tor und Regis­seur Mat­thi­as Zucker bemer­kens­wert. Noch nie wur­de ein Text des indisch-bri­ti­schen Autors Sal­man Rush­die ver­filmt. Schon die­se Tat­sa­che macht den Kurz­film „Der gol­de­ne Zweig“ beson­ders. Was sind des­sen Bochu­mer Bezü­ge?
Ent­stan­den ist der 25minütige Film als Diplom­ar­beit des Kame­ra­man­nes Eti­en­ne Kor­dys. Pro­du­ziert wur­de er von der Bochu­mer Pro­duk­ti­ons­fir­ma roug­harts mit Unter­stüt­zung der Film und Medi­en Stif­tung NRW und der Fach­hoch­schu­le Dort­mund. Die Dreh­ar­bei­ten fan­den in Dort­mund, Bochum und Essen statt. Ram­bow: Ent­stan­den ist der 25minütige Film des Dreh­buch­au­tos und Regis­seurs Mat­thi­as Zucker als Diplom­ar­beit des Kame­ra­man­nes Eti­en­ne Kor­dys. Pro­du­ziert wur­de er von der BO-Pro­duk­ti­ons­fir­ma Rough Arts, wobei die Dreh­ar­bei­ten in Dort­mund, Bochum und Essen statt­fan­den, unter Betei­li­gung vie­le Bochu­mer Schau­spie­ler wie Roland Rie­be­l­ing, Arne Nobel, Kat­ja Uffel­mann, Andre­as Bittl, Mag­da­le­na Hel­mig oder Mar­tin Bret­schnei­der.
  Wor­um geht es?
DER GOLDENE ZWEIG erzählt nach der gleich­na­mi­gen Short­sto­ry Rush­dies die Geschich­te von David Gular­ski, der ver­zwei­felt einen neu­en Job sucht. Nach mona­te­lan­ger erfolg­lo­ser Suche, wird ihm klar, dass alle Bewer­bungs­ge­sprä­che stets von der glei­chen Per­son geführt wer­den, die offen­sicht­lich nur dazu da ist ihn abzu­leh­nen. Gular­ski ent­schei­det, dass nur noch dras­ti­sche Maß­nah­men hel­fen kön­nen. In der Kurz­ge­schich­te „Der gol­de­ne Zweig“ erzählt Rush­die von David Gular­ski, der einen Job sucht. Nach mona­te­lan­ger erfolg­lo­ser Suche, wird ihm klar, dass alle Bewer­bungs­ge­sprä­che stets von der glei­chen Per­son geführt wer­den, die offen­sicht­lich nur dazu da ist, ihn abzu­leh­nen. Gular­ski ent­schei­det, dass nur noch dras­ti­sche Maß­nah­men hel­fen…
Die Dar­stel­ler die­ser durch­aus kaf­ka­es­ken Sto­ry sind über­wie­gend als Schau­spie­ler der Bochu­mer Thea­ter­sze­ne bekannt und spie­len oder spiel­ten sowohl am Schau­spiel­haus Bochum wie auch am Rottstr5Theater und am Prinz Regent Thea­ter. Allen vor­an Alex­an­der Rit­ter, der die Haupt­rol­le über­nom­men hat. Neben ihm sind unter ande­ren Roland Rie­be­l­ing, Arne Nobel, Kat­ja Uffel­mann, Andre­as Bittl, Mag­da­le­na Hel­mig und Mar­tin Bret­schnei­der zu sehen. Aus Film- und Fern­seh­pro­duk­tio­nen wie „Groß­stadt­re­vier“ und „SOKO Köln“ ist Diet­rich Adam bekannt, Timur Isik spiel­te im Ensem­ble des Münch­ner Volks­thea­ters sowie Kino- und Fern­seh­pro­duk­tio­nen. Die Dar­stel­ler die­ser durch­aus kaf­ka­es­ken Sto­ry sind durch ihre Arbeit am Schau­spiel­haus, am Thea­ter Rott­stra­ße 5 und am Prinz Regent Thea­ter bekannt. Allen vor­an Alex­an­der Rit­ter in der Haupt­rol­le.
  Wann läuft der Film an?
DER GOLDENE ZWEIG
Pre­mie­re Sonn­tag, 22.4., 12 Uhr Metro­po­lis Kino Bochum, Kurt-Schu­ma­cher-Platz 1

Der Vor­ver­kauf beginnt am 1.4.

Pre­mie­re ist am Sonn­tag, 22. April, um 12 Uhr im Metro­po­lis Kino im Haupt­bahn­hof. Der Vor­ver­kauf star­tet am 1. April.

Ram­bow erklärt wei­ter, dass er das abge­druck­te Foto tat­säch­lich mal der WAZ zur Ver­fü­gung gestellt habe, „aller­dings in einem völ­lig ande­ren Zusam­men­hang“.

Kategorien
Film Print

A noisy, useless piece of junk

Ich bin mir nicht sicher, ob ich „Der Lorax“ sehen wol­len wür­de, wenn er im Juli auch in Deutsch­land anläuft. Ich bin (wie wohl die meis­ten ande­ren Men­schen in Deutsch­land) ohne die Wer­ke von Dr. Seuss auf­ge­wach­sen und habe des­halb kei­ne Kind­heits­er­in­ne­run­gen, die ich mit einem Besuch des Films auf­fri­schen oder bedie­nen könn­te. Außer­dem gehen mir 3D-Fil­me fürch­ter­lich auf die Ket­ten.

Den­noch habe ich gera­de durch Zufall auf der Web­site der „New York Times“ eine Kri­tik zu „The Lorax“ gele­sen – und was soll ich sagen: So stel­le ich mir einen ordent­li­chen Ver­riss vor.

The movie is a noi­sy, use­l­ess pie­ce of junk, rever­se-engi­nee­red into some­thing resembling popu­lar art in accordance with the reig­ning impe­ra­ti­ves of mar­ke­ting and brand exten­si­on.

War­ten Sie, geht erst los:

The movie’s sil­li­ne­ss, like its prea­chi­ness, is loud and slight­ly hys­te­ri­cal, as if young view­ers could be enter­tai­ned only by a cea­se­l­ess bar­ra­ge of sen­so­ry sti­mu­lus and pop-cul­tu­re atti­tu­de, or ins­truc­ted by songs that make the coll­ec­ted works of Up With Peo­p­le sound like Metal­li­ca.

Das war dann die Stel­le, wo bei mir tat­säch­li­che Kind­heits­er­in­ne­run­gen ein­setz­ten und ich mir bei You­Tube erst mal ein paar Songs von Up With Peo­p­le anhö­ren muss­te. Erstaun­lich, was einem mit zehn, elf Jah­ren alles gefällt, um dann über Jah­re erfolg­reich ver­drängt zu wer­den, bis so ein ver­damm­ter Neben­satz in einer Film­kri­tik alles wie­der her­vor­holt. Puh!

Aber zurück zu unse­rem Film und A.O. Scotts Abrech­nung damit. Sie nimmt den Schluss vor­weg (wahr­schein­lich, was weiß ich?) und kul­mi­niert in fol­gen­dem Satz:

The­re is an obvious meta­phor here, but the movie is blind to it, and to ever­y­thing else that is inte­res­t­ing or true in the sto­ry it tri­es to tell.

Ich glau­be, ich möch­te „The Lorax“ auf kei­nen Fall sehen.

Kategorien
Print Digital

Boulevard Of Breaking News

Ich brau­che irgend­ein Brow­ser-Plug­in, das ver­hin­dert, dass ich wei­ter­hin Mel­dun­gen aus dem „Panorama“-Ressort von „Spie­gel Online“ lese. Mit Selbst­be­herr­schung ist es da lei­der nicht getan: Erst kli­cke ich doch wie­der auf die Links mit den schwach­sin­ni­gen Über­schrif­ten und dann krie­ge ich wie­der einen Wut­an­fall über den Mist, den die Sei­te da pro­du­ziert.

Es ist ja noch nicht mal so, dass ich Bou­le­vard­jour­na­lis­mus ganz grund­sätz­lich ver­dam­men wür­de. Das „Bild“-Porträt über den Fah­rer, in des­sen Taxi Joa­chim Gauck zum Bun­des­prä­si­den­ten-Kan­di­da­ten wur­de, ist etwa ein gutes Bei­spiel für gelun­ge­nen Bou­le­vard: Ein eigent­lich unspek­ta­ku­lä­rer Neben­schau­platz wird mit den Mit­teln des gro­ßen Geschich­ten­er­zäh­lens ins Licht der Öffent­lich­keit gerückt, eine Fuß­no­te so weit auf­ge­bla­sen, dass es gera­de noch nicht über­trie­ben wirkt, und „Bild“ hat dabei – soweit ersicht­lich – kei­ne Per­sön­lich­keits­rech­te ver­letzt. Das macht Freu­de und tut nie­man­dem weh, das kön­nen sie bei „Bild“ also auch, wenn sie nur wol­len.

Bei „Spie­gel Online“ wol­len sie auch ganz drin­gend Bou­le­vard machen, aber sie kön­nen es nicht: Egal, ob die Leu­te dort nun über Pro­mi­nen­te schrei­ben, die sie der eige­nen Ziel­grup­pe erst noch vor­stel­len müs­sen; ob sie Quatsch-Über­schrif­ten ver­wen­den oder eine Mischung aus allem pro­du­zie­ren – die Arti­kel sind der­art lieb‑, sinn- und poin­ten­los zusam­men­ge­stop­pelt, dass ein ein­zel­ner Affe mit Goog­le Trans­la­te eine lesens­wer­te­re Mel­dung voll­brin­gen wür­de.

Vor­ges­tern erwisch­te es Rus­sell Brand, der der Ziel­grup­pe in Dach­zei­le und Vor­spann auch erst mal vor­ge­stellt wer­den musst:

Komiker Russell Brand: Schwärmen für die Meinungsfreiheit. Russell Brand mit seinem losen Mundwerk muss es ja wissen: Meinungsfreiheit ist wichtig. Wie wichtig, verdeutlichte Katy Perrys Ex jetzt mit einem verworrenen Gedankenspiel - und einem anzüglichen Verweis auf ein Mitglied des britischen Königshauses.

„Ver­wor­re­nes Gedan­ken­spiel“ klingt nach Irgend­was mit Hit­ler, war es dann aber doch nicht:

„Gut, dass es Rede­frei­heit gibt. Das bedeu­tet, ich kann sagen, dass ich Prinz Charles sexu­ell attrak­tiv fin­de“, sag­te Brand, wie die Zei­tun­gen „Dai­ly Mir­ror“ und „Sun“ über­ein­stim­mend berich­ten. Zudem kön­ne er dank der Rede­frei­heit sagen, die US-Prä­si­dent­schafts­wah­len sei­en ein bedeu­tungs­lo­ses Spek­ta­kel, das von den Machen­schaf­ten der­je­ni­gen ablen­ken sol­le, die den Pla­ne­ten kon­trol­lie­ren. „Nie­mand kann etwas dage­gen tun. Dan­ke, Amnes­ty.“

Wenn „Dai­ly Mir­ror“ und „Sun“ etwas über­ein­stim­mend berich­ten, muss es natür­lich auch auf „Spie­gel Online“ ste­hen. Aber gut: Da hat­te Rus­sell Brand also das gemacht, was deut­sche Come­di­ans eher sel­ten machen – einen Witz. Wit­ze nach­zu­er­zäh­len ist schon kniff­lig genug, Wit­ze zu erklä­ren hin­ge­gen soll­te sich eigent­lich von selbst ver­bie­ten.

Aber wir haben ja Rede- und Pres­se­frei­heit, also erklär­te „Spie­gel Online“:

Es wäre nun sicher­lich falsch, Brand ech­te Gelüs­te nach dem Prin­zen zu unter­stel­len. Schließ­lich wird dem 36-Jäh­ri­gen nach sei­ner Tren­nung von Katy Per­ry eine Liai­son mit der mexi­ka­ni­schen Male­rin Orie­la Medel­lin Amiei­ro nach­ge­sagt.

Trau­rig, gin­ge aber mit viel gutem Wil­len noch als Schluss­poin­te durch. Aber lei­der stand ja bei „Dai­ly Mail“ und „Sun“ noch mehr im Arti­kel. Und das muss­te auch noch mit, zur Not eben als letz­ter Absatz:

Hin­ter­grund von Brands Aus­sa­ge: Er wird beim The Secret Policeman’s Ball am 4. März in New York auf­tre­ten, einer tra­di­ti­ons­rei­chen Bene­fiz-Gala zuguns­ten von Amnes­ty Inter­na­tio­nal. Laut „Sun“ wird die Ver­an­stal­tung zu ihrem 50-jäh­ri­gen Bestehen erst­mals außer­halb Groß­bri­tan­ni­ens statt­fin­den.

Die gute Nach­richt: Den vier­ten Absatz errei­chen die wenigs­ten Leser wach oder leben­dig.

Heu­te nun lie­fert der sel­be Autor die­se Sen­sa­ti­ons­mel­dung ab:

Helena Bonham Carter: Handy mit Hasenohren. Helena Bonham Carters Leistungen sind preisverdächtig. Das fand offenbar auch Queen Elizabeth II. und zeichnete die Schauspielerin nun mit einem Orden aus. Die Verleihung hätte eine höchst würdevolle Angelegenheit werden können - wäre da nicht ein pinkfarbenes Handy gewesen.

Um die … äh: Poin­te gleich vor­weg­zu­neh­men: Bei dem pink­far­be­nen Han­dy han­del­te es sich „offen­bar“ nicht um das von Frau Bon­ham Car­ter.

Nach der Ver­lei­hung posier­te die Schau­spie­le­rin der Zei­tung zufol­ge für Foto­gra­fen. Die ent­deck­ten in Bon­ham Car­ters Hand ein pink­far­be­nes Mobil­te­le­fon mit Hasen­oh­ren, das offen­bar eher Nell als Bon­ham Car­ter selbst gehör­te. Ob das Han­dy wäh­rend der Zere­mo­nie los­ge­gan­gen sei, woll­ten die Foto­gra­fen wis­sen. „Nein“, wit­zel­te die Schau­spie­le­rin, „aber die Vier­jäh­ri­ge.“

Das Tele­fon war zwar selbst der „Dai­ly Mail“ nur eine Erwäh­nung am Ran­de wert gewe­sen, aber für „Spie­gel Online“ kann man natür­lich schon mal den Auf­hän­ger des Arti­kels dar­aus machen – gera­de, wenn man eine acht­tei­li­ge Bil­der­ga­le­rie dazu packen kann.

Nur ein Foto von dem ver­damm­ten pin­ken Han­dy, das gibt es natür­lich nicht.

Kategorien
Print Digital

Ups, verworfen!

Hier iirrt „Mee­dia“:

Groenewold will klagen und Presserat anrufen. Fall Wulff: Recherche-Vorwürfe gegen Bild

Man kann „Bild“ ja vie­les vor­wer­fen, aber Recher­che ist erfah­rungs­ge­mäß sel­ten dabei.

Kategorien
Print

Jeden Tag ein bisschen besser

Im ver­gan­ge­nen Jahr habe ich für BILD­blog über Mona­te die Nen­nung des Pro­dukt­na­mens Ape­rol in deutsch­spra­chi­gen Medi­en doku­men­tiert. Unge­fähr ab Sep­tem­ber wur­de ich nachts wach, weil ich dach­te, jemand hät­te „Ape­rol“ gesagt. Die Ant­wor­ten der Kol­le­gen auf mei­ne Bit­te, sie mögen mir doch sagen, wenn sie das Gefühl hät­ten, ich wür­de mich da in etwas ver­ren­nen, wur­den immer aus­wei­chen­der. Am 24. Dezem­ber erschien dann end­lich der Arti­kel und ich konn­te den Goog­le Alert auf „Ape­rol“ end­lich abstel­len.

Doch das viel­leicht bizarrs­te Pro­duct Pla­ce­ment der Jour­na­lis­mus­ge­schich­te habe ich erst jetzt ent­deckt. Der Frank­fur­ter „Bild“-Gerichtsreporter Kol­ja Gärt­ner hat es im ver­gan­ge­nen Okto­ber in sei­nem Arti­kel „150-Kilo-Metz­ger-Sohn erstickt Nach­barn“ unter­ge­bracht:

Ver­tei­di­ge­rin Danie­la Pal­mer: „Der Getö­te­te stand vor mei­nem Man­dan­ten, schrie und fuch­tel­te mit den Armen. Mein Man­dant ver­pass­te ihm einen Faust­schlag, zog ihm eine Rewe-Plas­tik­tü­te über den Kopf. Er woll­te ihn nicht töten, son­dern ihm eine Lek­ti­on ertei­len. (…)“

Kategorien
Print Politik Gesellschaft

Der größte Fehler des Christian Wulff

Ich habe ein biss­chen Angst, einen Blog­ein­trag über Chris­ti­an Wulff anzu­fan­gen, weil es bei der aktu­el­len Gemenge­la­ge denk­bar ist, dass der Mann schon nicht mehr Bun­des­prä­si­dent ist, bevor ich den Text das ers­te Mal Kor­rek­tur lesen kann.

Natür­lich kann Wulff sei­nen Ver­such fort­set­zen, gegen die gesam­te deut­sche Pres­se, aber mit dem deut­schen Volk im Amt zu blei­ben. Das hat zwar schon bei Karl-Theo­dor zu Gut­ten­berg nicht funk­tio­niert (und der hat­te immer­hin bis zum Schluss die „Bild“ auf sei­ner Sei­te), aber Wun­der gibt es immer wie­der.

Zwar war Wulffs Rück­halt in der Bevöl­ke­rung vor dem gest­ri­gen TV-Inter­view schon merk­lich gesun­ken (am Mitt­woch waren nur noch 47 Pro­zent dafür, dass Wulff im Amt blei­ben soll­te, am Mon­tag waren es noch 63 Pro­zent), aber viel­leicht hat Wulff das soge­nann­te ein­fa­che Volk mit sei­nem merk­wür­di­gen Auf­tritt bei ARD und ZDF bes­ser über­zeu­gen kön­nen als die Jour­na­lis­ten. Wahr­schein­lich ist dies aller­dings auch nicht.

Wie dem auch sei: So lan­ge die Affä­re Wulff die Titel­sei­ten füllt und wei­te Tei­le der Nach­rich­ten­sen­dun­gen aus­füllt, so lan­ge geht natür­lich unter, dass sich Euro­pa immer noch in einer gro­ßen Kri­se befin­det, dass sich die Stim­mung zwi­schen dem Iran und dem Rest der Welt täg­lich ver­schlech­tert. Und ich mei­ne das nicht in dem Sinn, mit dem Online-Kom­men­ta­to­ren „Habt Ihr denn sonst kei­ne Sor­gen?“ fra­gen.

Als Richard Nixon im Zuge der Water­ga­te-Affä­re sei­nen Rück­tritt als US-Prä­si­dent erklär­te, tat er dies mit den unsterb­li­chen Wor­ten:

I have never been a quit­ter.

To lea­ve office befo­re my term is com­ple­ted is abhor­rent to every instinct in my body. But as Pre­si­dent, I must put the inte­rests of Ame­ri­ca first.

Ame­ri­ca needs a full-time Pre­si­dent and a full-time Con­gress, par­ti­cu­lar­ly at this time with pro­blems we face at home and abroad.

Nun unter­schei­den sich die Befug­nis­se von US- und Bun­des­prä­si­dent fun­da­men­tal: Ver­mut­lich wür­de es nie­man­dem auf­fal­len, wenn Chris­ti­an Wulff die letz­ten drei­ein­halb Jah­re sei­ner Amts­zeit tat­säch­lich aus­schließ­lich mit der Beant­wor­tung der vie­len, vie­len Jour­na­lis­ten­an­fra­gen ver­bräch­te. Einen Voll­zeit­prä­si­den­ten hat­te und brauch­te Deutsch­land nie – wes­we­gen ich übri­gens den Vor­schlag von Fried­rich Küp­pers­busch aufs Hef­tigs­te begrü­ße, das Amt des haupt­be­ruf­li­chen Grüß­au­gusts abzu­schaf­fen und den Bun­des­tags­prä­si­den­ten zum Staats­ober­haupt zu machen.

Wulff lähmt viel­leicht noch nicht ein­mal die Poli­tik – Poli­ti­ker von Koali­ti­on und Oppo­si­ti­on, die sich wort­ge­wal­tig vor TV-Kame­ras um das Anse­hen des höchs­ten Amts im Staa­te sor­gen, kön­nen in die­ser Zeit kei­nen ande­ren Scha­den anrich­ten. Aber Wulff lähmt das öffent­li­che Leben in Deutsch­land: Die Medi­en beschäf­ti­gen sich seit Tagen mit kaum etwas ande­rem und wis­sen ver­mut­lich längst, was sie als nächs­tes noch alles auf­de­cken wer­den – als Fort­set­zungs­ro­man ver­kauft sich jeder Skan­dal bes­ser denn als abge­schlos­se­ne Erzäh­lung und wer hat denn gesagt, dass Sala­mi­tak­ti­ken nur etwas für Poli­ti­ker sind? Der volks­wirt­schaft­li­che Scha­den, der seit Tagen durch die vie­len Wulff-Wit­ze (seit ges­tern auch noch: Schaus­ten-Wit­ze) auf Face­book und Twit­ter ent­steht, die alle wäh­rend der Arbeits­zeit gele­sen und geteilt wer­den müs­sen, ist sicher auch nicht zu ver­ach­ten.

Chris­ti­an Wulff hat in dem gest­ri­gen Inter­view viel davon gespro­chen, dass er Freun­de und Fami­lie habe schüt­zen wol­len und sich des­halb mit Infor­ma­tio­nen zurück­ge­hal­ten habe. Es steht außer Fra­ge, dass die Redak­tio­nen noch genug Muni­ti­on haben, um den waid­wun­den Prä­si­den­ten abzu­schie­ßen (um mal eine mar­tia­li­sche Phra­se zu ver­mei­den). Die Chan­cen ste­hen gut, dass es dabei um wei­te­re Details aus sei­nem Freun­des- und Bekann­ten­kreis geht. Auch wenn ich nicht glau­be, dass die in den ver­gan­ge­nen Tagen mehr oder weni­ger offen kol­por­tier­ten Gerüch­te zutref­fen, so wäre Chris­ti­an Wulff doch gut bera­ten, sein Umfeld aus der Schuss­li­nie zu brin­gen.

Ande­rer­seits könn­te es sein, dass das nun auch nichts mehr bringt: Wulff hat ges­tern im Fern­se­hen erzählt, er habe „Bild“-Chefredakteur Kai Diek­mann auf des­sen Mail­box gebe­ten, „um einen Tag die Ver­öf­fent­li­chung zu ver­schie­ben, damit man dar­über reden kann, damit sie sach­ge­mäß aus­fal­len kann“. Diek­mann hielt heu­te dage­gen und bat Wulff öffent­lich um die Geneh­mi­gung, den Wort­laut des Anrufs ver­öf­fent­li­chen zu dür­fen. Allein für die­se Gele­gen­heit, dass sich Kai Diek­mann als mora­li­sche Instanz und flau­schi­ges Unschulds­lamm prä­sen­tie­ren kann, muss man Wulff ver­ach­ten. Jetzt hat Wulff abge­lehnt und damit mut­maß­lich die Pfor­ten zur Höl­le auf­ge­sto­ßen.

Der prä­si­dia­le Aus­ras­ter auf sei­ner Mail­box dürf­te kaum Diek­manns letz­ter Trumpf gewe­sen sein. Wahr­schein­lich ging er fest davon aus, dass Wulff sei­ne Bit­te zur Ver­öf­fent­li­chung nega­tiv beschei­den wür­de, und hat die Anfra­ge des­halb gleich öffent­lich gemacht. Diek­mann konn­te zwei Mal „im Sin­ne der von Ihnen ange­spro­che­nen Trans­pa­renz“ argu­men­tie­ren und hat den Prä­si­den­ten damit fak­tisch schach­matt gesetzt: Setzt man vor­aus, dass Diek­manns Ver­si­on der Geschich­te stimmt, wäre Wulff der Lüge über­führt gewe­sen und damit end­gül­tig untrag­bar. Setzt man vor­aus, dass Wulffs Ver­si­on stimmt, hat er jetzt immer noch das Pro­blem, nicht „im Sin­ne der Trans­pa­renz“ gehan­delt zu haben. Er konn­te nur noch ver­lie­ren.

Es ist leicht, auf einen Abzock­voll­pro­fi wie Kai Diek­mann rein­zu­fal­len, aber einem Spit­zen­po­li­ti­ker (auch wenn er „ohne Karenz­zeit, ohne Vor­be­rei­tungs­zeit“ in sein aktu­el­les Amt gekom­men ist) soll­te das nicht pas­sie­ren. Ich fän­de es depri­mie­rend, sagen zu müs­sen, dass man sich mit „Bild“ nicht anle­gen soll­te, und glau­be das auch nicht. Aber man muss schon wis­sen, wie man es macht – und dabei in einer etwas glück­li­che­ren Aus­gangs­po­si­ti­on sein, als Wulff es war.

Kaum jemand stol­pert, pri­vat oder beruf­lich, über einen ein­zel­nen gro­ßen Feh­ler. Meist ist es eine unglück­se­li­ge Ver­ket­tung vie­ler klei­ner und mitt­le­rer Feh­ler. Egal, was jetzt noch raus­kommt: Der größ­te Feh­ler, den Chris­ti­an Wulff in mei­nen Augen gemacht hat, war der, „Bild“ und Kai Diek­mann die Gele­gen­heit zu geben, sich als seriö­se, mora­li­sche Jour­na­lis­ten insze­nie­ren zu kön­nen, was ihnen die Men­schen viel­leicht mehr abkau­fen als Wulff sei­ne Rol­le als reu­iger Sün­der. Wulff hat „Bild“ die Macht zurück­ge­ge­ben, die die Zei­tung eigent­lich nicht mehr hat­te.

Kategorien
Digital Print

So viel Hitler war selten

Die Sen­sa­ti­ons­mel­dung des Jah­res ent­neh­men wir heu­te „RP Online“:

Hitler in bayerischer Höhle entdeckt

Dage­gen ver­blasst selbst die­se Schlag­zei­le auf der Titel­sei­te der heu­ti­gen „Bild“:

Schweighöfer küsst Hitler

Tat­säch­lich ver­hält es sich dann aber doch ein biss­chen anders:

Der Raben­fels bei Ren­nerts­ho­fen birgt seit rund 80 Jah­ren ein Geheim­nis, das nur weni­gen bekannt war. Wenn man weiß, dass der Berg einst den Zweit­na­men „Hit­ler­fel­sen“ hat­te, kann man erah­nen, wor­um es geht. 1933 mei­ßel­te ein Anhän­ger Hit­lers ein Por­trät des Füh­rers in den Stein – und das ist bis heu­te erhal­ten.

Fern jeder Selbst­er­kennt­nis berich­tet „RP Online“:

Anwoh­ner fürch­ten jetzt, der Fels kön­ne zu einer Wall­fahrts­stät­te der rech­ten Sze­ne wer­den.

Und Mat­thi­as Schweig­hö­fer? Der ver­klei­det sich in sei­nem neu­en Film als Frau und hat dann eine Sze­ne, in der er einen Schau­spie­ler küsst, der Adolf Hit­ler dar­stellt.

Die Über­schrift hab ich mir vom Kol­le­gen und Hit­ler-Blog­ger Dani­el Erk geborgt, des­sen neu­es Buch „So viel Hit­ler war sel­ten“ heißt.

Kategorien
Print Politik

Man hat sich entschuldigt

In unse­rer belieb­ten Rei­he „Öfter mal ‚man‘ sagen“ heu­te zu Gast: Karl-Theo­dor zu Gut­ten­berg, Ex-Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter und Ex-Dok­tor.

In dem ohne­hin hoch­gra­dig ver­stö­ren­den Gespräch, das „Zeit“-Chefredakteur Gio­van­ni di Loren­zo mit Gut­ten­berg geführt hat, ereig­net sich unter ande­rem fol­gen­der Dia­log:

ZEIT: Wel­che Fra­gen sind es denn, die Ihnen die Wohl­mei­nen­den stel­len?

Gut­ten­berg: Es ist vor allem die Fra­ge, wie es bei jeman­dem, des­sen poli­ti­sche Arbeit man sehr geschätzt hat, zu einer so unglaub­li­chen Dumm­heit wie die­ser Dok­tor­ar­beit kom­men konn­te. Und ich hat­te noch nicht die Mög­lich­keit, die­se Fra­gen in aller Offen­heit zu beant­wor­ten.

ZEIT: Was kön­nen Sie denn jetzt in aller Offen­heit sagen?

Gut­ten­berg: Es steht völ­lig außer Fra­ge, dass ich einen auch für mich selbst unge­heu­er­li­chen Feh­ler began­gen habe, den ich auch von Her­zen bedaue­re. Das ist in die­ser sehr hek­ti­schen Zeit damals auch ein Stück weit unter­ge­gan­gen. Eben­so, wie man sich damals bereits ent­schul­digt hat.

Kategorien
Print

Warum „Bild“ wohl über Herzog herzog?

Irgend­wann wird „Bild“ in der Rubrik „Ver­lie­rer des Tages“ mal über irgend­ei­ne Per­son schrei­ben: „XXX wur­de in einer gro­ßen deut­schen Bou­le­vard­zei­tung zum Ver­lie­rer des Tages erklärt. BILD meint: Zu Recht“

Bis es soweit ist, begnügt sich die Zei­tung mit sol­chen Vari­an­ten:

Verlierer: Kult-Regisseur Werner Herzog (69, "Fitzcarraldo") wurde in der Schule die Liebe zur Musik (vorerst) ausgetrieben. Fast eine Stunde habe der Lehrer ihn vor der Klasse stehen lassen, um ihn zum Singen zu zwingen. "Ich sang und schwor mir, nie wieder zu singen", verriet Herzog der "Zeit". BILD meint: Has(s)t du Töne?!

Das ergibt unge­fähr gar kei­nen Sinn. Nach der glei­chen Logik könn­te „Bild“ einem Kriegs­heim­keh­rer sein Kriegs­trau­ma vor­wer­fen oder einem Fern­seh­mo­de­ra­tor, des­sen ver­meint­li­ches Pri­vat­le­ben in der Bou­le­vard­pres­se aus­ge­brei­tet wur­de, des­sen Abnei­gung gegen­über der sel­bi­gen.

Es gibt auch kei­nen Anhalts­punkt, war­um „Bild“ Her­zog heu­te einen aus­wi­schen kön­nen woll­te: Im (hoch­gra­dig ver­stö­ren­den) „Zeit“-Artikel äußert sich der Regis­seur nicht über die Zei­tung oder Frie­de Sprin­ger, ja gera­de ges­tern war bei Bild.de anläss­lich des 20. Todes­ta­ges von Klaus Kin­ski noch ein Inter­view mit Her­zog erschie­nen.

Auch ein Blick ins „Bild“-Archiv macht nicht schlau­er, för­der­te aber eine schö­ne Bild­un­ter­schrift vom 23. April 2010 zuta­ge:

Alt-Bun­des­prä­si­dent Wer­ner Her­zog mit sei­ner Frau Alex­an­dra Frei­frau von Ber­li­chin­gen

Kategorien
Rundfunk Print Gesellschaft

Auf der Straße zur Ironie-Hölle

„Iro­ny is over. Bye bye.“
(Pulp – The Day After The Revo­lu­ti­on)

In der „Zeit“ von letz­ter Woche beschreibt Nina Pau­er zwei post­mo­der­ne Phä­no­me­ne: das der Fremd­scham und der Iro­nie. Anhand von Cas­ting- und Kup­pel­shows, von „Bad Taste“-Partys und „Bra­vo Hits“ ver­han­delt sie das Zele­brie­ren von Din­gen, die man eigent­lich ver­ab­scheut. Die Über­schrift „Wenn Iro­nie zum Zwang wird“ ver­knappt den sehr lesens­wer­ten Arti­kel lei­der etwas, denn tat­säch­lich geht es hier um zwei Phä­no­me­ne mit ähn­li­chen Sym­pto­men und einer gewis­sen Schnitt­men­ge.

Da sind zum einen die Fern­seh­shows, die ähn­lich funk­tio­nie­ren wie der sprich­wört­li­che Auto­un­fall: Sie zie­hen ihre Fas­zi­na­ti­on aus dem „Grau­en“, des­sen sich der Zuschau­er nicht erweh­ren kann. Cas­ting­shows möch­te ich mal aus­klam­mern, die sehe ich nicht (mehr). Vie­le wer­den offen­bar von zutiefst ver­bit­ter­ten Zyni­kern ver­ant­wor­tet, die im Leben nicht die Eier hät­ten, sich vor drei Leu­te (geschwei­ge denn eine Fern­seh­ka­me­ra) zu stel­len, um ein Lied zu sin­gen. Ihnen sol­len die Fuß­nä­gel ein­wach­sen und die Haa­re aus­fal­len. 1 Die Part­ner­su­chen bei „Bau­er sucht Frau“ oder „Schwie­ger­toch­ter gesucht“ mögen ähn­lich zynisch pro­du­ziert sein, las­sen mei­nes Erach­tens aber auch Raum für mehr.

Wenn sich heu­te Men­schen auf der Couch oder im Inter­net ver­sam­meln, um gemein­sam „Bau­er sucht Frau“ zu schau­en (und vor allem zu bespre­chen), dann machen sie dabei Din­ge, die Men­schen seit Jahr­tau­sen­den tun: So hof­fen sie auf den kathar­ti­schen Effekt von „Jam­mer und Schau­der“, den schon Aris­to­te­les in sei­ner „Poe­tik“ beschrie­ben hat – nur, dass sich Aris­to­te­les unter „Jam­mer und Schau­der“ etwas ande­res vor­ge­stellt hat als gel­be Pull­over und Zun­gen­wurst­bro­te. Auch war es in frü­he­ren Jahr­hun­der­ten ein belieb­ter Zeit­ver­treib der Ober­schicht, sich die Leu­te, die in einem damals so genann­ten „Irren­haus“ ein­sa­ßen, anzu­se­hen wie Tie­re im Zoo.

Heu­te sind die Opfer die­ser Besich­ti­gun­gen nicht mehr „irre“, son­dern „pein­lich“, was ein noch sub­jek­ti­ve­res Urteil ist. Nie­mand, der noch alle Tas­sen im Schrank hat, wür­de auf die Idee kom­men, aufs Land zu fah­ren um Bau­ern beim Braut­wer­ben zuzu­se­hen, aber wenn RTL das schon mal gemacht hat, kann man sich das ja mal anse­hen. Das Prin­zip gleicht dem des „delightful hor­ror“, der sich ein­stellt, wenn man aus dem Lehn­stuhl her­aus die Schil­de­run­gen von uner­klär­li­chen Phä­no­me­nen oder bru­ta­len Ver­bre­chen in den Büchern der Schau­er­ro­man­tik liest – nur, dass wir heu­te selbst fest­le­gen, wovor es uns schau­dert.

* * *

Nina Pau­er schreibt:

Pünkt­lich um 20.15 Uhr for­mie­ren sich die Abitu­ri­en­ten, Stu­den­ten, Dok­to­ran­den oder viel­ver­spre­chen­den Berufs­ein­stei­ger zu einem ver­gnüg­ten Publi­kum, das bei Chips und Süßig­kei­ten nichts ande­res tut, als sich der lust­vol­len Kon­trär­fas­zi­na­ti­on des Schlim­men hin­zu­ge­ben. „Wie pein­lich ist das denn?!“, kreischt der Chor, den Zei­ge­fin­ger kol­lek­tiv auf den Fern­se­her gerich­tet.

Ich bin auch öfters Teil sol­cher Run­den, wenn RTL (wie aktu­ell) wie­der ein­mal Schwie­ger­töch­ter und Bau­ern­frau­en sucht. Alle Teil­neh­mer wür­de ich als durch­aus auf­ge­klär­te Men­schen mit einem rei­nen Her­zen bezeich­nen, Zyni­ker sind kei­ne dabei. Gera­de des­halb habe ich mich schon öfter gefragt, ob es mora­lisch eigent­lich ver­ant­wort­bar ist, die­se Sen­dun­gen zu gucken und zu kom­men­tie­ren.

Grund­sätz­lich könn­te man erst ein­mal sagen, dass es kein Opfer im klas­si­schen Sin­ne gibt – die Kan­di­da­ten krie­gen mög­li­che böse Kom­men­ta­re ja gar nicht mit. 2 Auch das Begu­cken die­ser Men­schen erfolgt ja nur aus zwei­ter Hand – das Kind ist schon in den Brun­nen gefal­len, also kann man es sich auch anse­hen. Letz­te­res ist natür­lich Quatsch: Wenn nie­mand mehr hin­se­hen wür­de, wie RTL Kin­der in den Brun­nen schmeißt, wür­de der Sen­der sicher damit auf­hö­ren. Und man muss sich ja auch kei­ne töd­li­chen Unfäl­le im Renn­sport anse­hen, nur weil sie auf Video gebannt sind.

Ich glau­be nicht, dass die Gering­schät­zung ande­rer die Haupt­mo­ti­va­ti­on ist, sol­che Sen­dun­gen zu sehen – der Reiz ent­steht aus dem Gemein­schafts­ge­fühl her­aus, was man als bil­li­ges Mit­tel zur Fra­ter­ni­sie­rung abtun, aber auch neu­tral oder posi­tiv wer­ten kann. Kaum jemand möch­te oder kann so eine Sen­dung allei­ne sehen. Dar­über hin­aus ist es ja auch so, dass das Stirn­run­zeln über Flie­sen­ti­sche, Tief­kühl­piz­zen und Kose­na­men nicht all­zu lang eine befrie­di­gen­de Frei­zeit­be­schäf­ti­gung abgibt. Wenn ich eine Sen­dung nur schlimm fän­de, wür­de ich sie nicht gucken. 3 Bei „Bau­er sucht Frau“ gibt es aber immer wie­der rüh­ren­de Ele­men­te, in denen das bes­ser­wis­se­ri­sche Lachen ech­tem Mit­ge­fühl weicht. 4

Als Vera Int-Veen im Febru­ar den „Reg­a­lauf­fül­ler“ Ste­fan an die Frau zu brin­gen ver­such­te, war das nicht mehr im Min­des­ten wit­zig: Der Mann hat­te so offen­sicht­li­che Pro­ble­me, sich zu arti­ku­lie­ren und mit den Situa­tio­nen zurecht zu kom­men, in denen ihn das Pro­duk­ti­ons­team plat­ziert hat­te, dass die Arsch­loch­haf­tig­keit der Macher alles ande­re über­strahl­te. In der aktu­el­len Staf­fel von „Bau­er sucht Frau“ geht der bis­her größ­te Fremd­scham­mo­ment auf das Kon­to von Mode­ra­to­rin Inka Bau­se: Zum ers­ten Mal sucht ein homo­se­xu­el­ler Bau­er einen, ja: Mann und Bau­se war von der Situa­ti­on so offen­sicht­lich über­for­dert, dass sie ihn mit den Wor­ten ansprach: „Du bist ja hier der ers­te Bau­er Dei­ner Art.“ Als der „pflei­ßi­ge Pfer­de­wirt“ ganz locker „Der ers­te schwu­le Bau­er, ja“, ant­wor­te­te, frag­te Bau­se noch ein­mal nach, ob sie „das so sagen“ dür­fe. So schlimm kön­nen zehn­tau­send Zun­gen­küs­se bei offe­nem Mund nicht sein.

* * *

Ich glau­be übri­gens, dass die­se Kup­pel­shows auch mit Kan­di­da­ten funk­tio­nie­ren wür­den, die den Zuschau­ern deut­lich ähn­li­cher sind: 5 Lie­be und vor allem ihre Anbah­nung ist nie cle­ver. 6 Im Leben geht es fast nie zu wie bei „Ally McBe­al“ oder bei „Bridget Jones“, wo sich gut­aus­se­hen­de Men­schen im leich­ten Schnee­fall auf offe­ner Stra­ße küs­sen, nach­dem sie eine geist­rei­che Bemer­kung gemacht haben.

Vor vie­len Jah­ren, in der Dai­ly Soap „Unter uns“, schrieb die Per­son der Ute, die damals frisch in die Schil­ler­al­lee zurück­ge­kehrt war, einen Brief an ihren spä­te­ren Ehe­mann Till, in dem sie erklär­te, sie sei der­art ver­liebt, dass sie bei jedem Lie­bes­lied im Radio mit­sin­gen müs­se, auch bei den Schla­gern, die sie frü­her immer pein­lich und doof gefun­den habe. 7 Das, mei­ne Damen und Her­ren, ist Lie­be! Sie ist pein­lich, aber ohne wären wir nicht hier.

* * *

Doch zurück zur „Fremd­scham“ und zum „Pein­li­chen“, das Nina Pau­er beschreibt: Ande­re Leu­te pein­lich fin­den ist eine Emo­ti­on, die meist in der Puber­tät erst­ma­lig auf­taucht und dann vor allem gegen die eige­nen Eltern gerich­tet ist. Das ist von der Natur so gewollt: Das Leben beschert einem so ein paar Jah­re unbe­schwer­ter Frei­heit und sinn­lo­ser Frei­heits­kämp­fe, ehe die Erkennt­nis ein­kehrt, dass bio­lo­gi­sche Ver­an­la­gung und Erzie­hung mäch­ti­ger sind als jedes Scham­ge­fühl und man natür­lich wie die eige­nen Eltern gewor­den ist. Als aus­glei­chen­de Gerech­tig­keit fin­den einen dann zwan­zig Jah­re spä­ter die eige­nen Kin­der pein­lich.

Sich für eine ande­re Per­son zu schä­men, ist aber auch eine weit­ge­hend irra­tio­na­le Reak­ti­on, zumal, wenn man in kei­ner­lei per­sön­li­cher Ver­bin­dung zu die­ser Per­son steht. Die wis­sen­schaft­li­che Erfor­schung die­ses Phä­no­mens steht aller­dings noch ziem­lich am Anfang.

Nina Pau­er führt aus:

Als gemein­sa­mes Ritu­al wirkt die Fremd­scham wie eine Kom­pen­sa­ti­on der indi­vi­du­el­len Angst, die ansons­ten über­all lau­ert. Denn wie schwer ist es, die­sem all­ge­gen­wär­ti­gen Adjek­tiv „pein­lich“, das unse­re Zeit bestimmt, zu ent­rin­nen! Nahe­zu unmög­lich und vor allem furcht­bar anstren­gend ist es gewor­den, im weit und sub­til ver­äs­tel­ten ana­log-vir­tu­el­len Netz­werk stets die Balan­ce aus läs­si­gem Under­state­ment, hüb­scher Iro­nie und gleich­zei­ti­ger Selbst­ver­mark­tung zu pfle­gen. Die Codes sind unend­lich: Mit dem neu­es­ten Smart­phone prah­len? Pein­lich! Immer noch kei­nes haben? Pein­lich! Zucker­sü­ße Pär­chen­fo­tos auf Face­book ver­öf­fent­li­chen? Pein­lich! Das eige­ne Mit­tag­essen abfo­to­gra­fie­ren, den Stolz über den neu­en Job all­zu offen­sicht­lich zei­gen? Zu vie­le Freun­de haben? Zu weni­ge? Pein­lich, pein­lich! Musik hoch­la­den, die alle schon ken­nen? Musik hoch­la­den, die nie irgend­wer kennt? PEINLICH!

Wenn tat­säch­lich alles pein­lich ist, man also in jeder Situa­ti­on nur ver­lie­ren kann, ist ja alles wie­der völ­lig nivel­liert und man kann nur gewin­nen.

Frau Pau­er nutzt die­se Pas­sa­ge aber, um von der Fremd­scham zur „insze­nier­ten Fremd­scham“ und damit zur Iro­nie zu kom­men. Iro­nie, das lernt man irgend­wann als Kind, ist das Gegen­teil von dem zu sagen, was man meint – also eigent­lich das, was man vor­her als „Lügen“ ken­nen­ge­lernt hat und was man nicht tun soll­te. Das trifft den Sach­ver­halt zwar nur zum Teil, ist aber das, was sich die aller­meis­ten Men­schen unter „Iro­nie“ vor­stel­len und es ent­spre­chend prak­ti­zie­ren. Das ist natür­lich ster­bens­lang­wei­lig.

Als Tra­vis im Jahr 2000 anfin­gen, „Baby One More Time“ von Brit­ney Spears auf ihren Kon­zer­ten zu covern, gin­gen vie­le erst ein­mal von Iro­nie aus. Aber Fran Hea­ly, der das Lied mit viel Inbrunst vor­trug, sag­te, sie hät­ten den Song ein­fach nach­ge­spielt, weil sie ihn so schön fan­den. Und tat­säch­lich wäre es auch dann noch ein schö­nes Lied, wenn Kom­po­nist und Tex­ter Max Mar­tin sich beim Schrei­ben über die Nai­vi­tät und Dumm­heit sei­nes Lyri­schen Ichs kaputt gelacht hät­te.

„Iro­ny is cer­tain­ly not some­thing I want to be accu­sed of“, hat Craig Finn, der Sän­ger mei­ner Lieb­lings­band The Hold Ste­ady, mal gesagt und ich fin­de auch, dass Lied­tex­te mög­lichst auf­rich­tig sein soll­ten. 8 Dann besteht zwar schnell wie­der die Gefahr der Fremd­scham, aber damit muss man klar kom­men. Man kann das Werk ver­ur­tei­len, soll­te dem Künst­ler aber Respekt zol­len.

Die Zeit der iro­nisch gemein­ten Bei­trä­ge beim Euro­vi­si­on Song Con­test, die not­wen­dig war, um das schnar­chi­ge Schla­ge­re­vent der 1990er Jah­re zu ent­stau­ben, ist ja inzwi­schen zum Glück auch wie­der vor­bei. Als ich im Mai von jetzt.de zum Dus­log inter­viewt wur­de, war der Repor­ter sehr ver­ses­sen dar­auf, uns eine iro­ni­sche Hal­tung zum Grand Prix zu unter­stel­len. Natür­lich kann man die musi­ka­li­schen Bei­trä­ge nicht alle ernst neh­men, 9 aber wenn ich die Ver­an­stal­tung in Oslo schei­ße gefun­den hät­te, wäre ich sicher kein zwei­tes Mal hin­ge­fah­ren.

* * *

Natür­lich soll­te man sich selbst und die Welt nicht zu ernst neh­men, aber man soll­te auch nicht bis zur Selbst­ver­leug­nung mit den Augen zwin­kern. Ich könn­te schlicht kei­ne Musik hören, die ich nicht mag, kei­ne Kla­mot­ten (oder gar Fri­su­ren oder Gesichts­be­haa­run­gen) tra­gen und auch nichts in mei­ne Woh­nung stel­len oder hän­gen, was ich nicht irgend­wie gut fin­de. „We Built This City“ von Star­ship ist einer der kano­nisch schreck­lichs­ten Songs der Musik­ge­schich­te, aber irgend­et­was spricht das Lied in mir an – und das mei­ne ich nicht auf die „So schlecht, dass es schon wie­der gut ist“-Art. Ande­rer­seits wür­de ich nie in Skin­ny Jeans rum­lau­fen, weil ich die ein­fach mords­un­be­quem fin­de.

Ben­ja­min von Stuck­rad-Bar­re hat schon 1999 einen Text über Iro­nie ver­fasst, 10 in dem er von der „Drü­ber­lus­tig­mach­müh­le“ schreibt und dann eine Fra­ge auf­wirft, die er sich sogleich selbst beant­wor­tet:

Ten­nis­so­cken sind fürch­ter­lich, kei­ne Fra­ge, aber ist nicht das zwangs­ver­ord­ne­te Drü­ber­la­chen noch schlim­mer? Und dann tra­gen also Leu­te wie­der Ten­nis­so­cken, aus Pro­test, und das ist viel­leicht zu ver­ste­hen, aber ja auch so krank, weil sie damit also, nur der Abgren­zung wegen, schlim­me Socken tra­gen. Und dann nicht ein­fach still die­se Socken dünn­lau­fen, son­dern tat­säch­lich ERKLÄREN, war­um sie die tra­gen, um sich zumin­dest, oh ja, INHALTLICH zu unter­schei­den von jenen, die die­se Socken nicht schon wie­der, son­dern immer noch tra­gen. Irgend­wie muß man die Neu­zeit ja rum­krie­gen.

Im „Zeit“-Artikel steht die­ses aktu­el­le Bei­spiel:

In engen brau­nen Män­ner­slips über rosa Trai­nings­an­zü­gen aus Bal­lon­sei­de trifft man sich, am bes­ten mit einem allein zum Zweck der Par­ty gewach­se­nen fie­sen Schnau­zer im Gesicht, zum Dosen­ste­chen in der Küche.

Noch bevor die Hips­ter so genannt wur­den, gab es den „Iro­ny-Schnäuz“. Irgend­wann gab es dann die iro­nisch gebro­che­nen Hips­ter, die ech­te Hips­ter eigent­lich schei­ße fan­den, aber genau­so rum­lie­fen. Der Schnauz­bart war zu die­sem Zeit­punkt schon min­des­tens zwei Mal umge­deu­tet wor­den, aber da geht sicher noch mehr. Nur: War­um?

In einem Text aus dem Juli 1999 11 beklagt sich Max Goldt über Men­schen, die eine gol­de­ne Schall­plat­te oder eine Urkun­de auf der Gäs­te­toi­let­te plat­zie­ren:

So wird die Toi­let­te zum Ort der Insze­nie­rung von Selbst­iro­nie, einer Eigen­schaft, die in der west­li­chen Zivi­li­sa­ti­on hoch im Kurs steht. Des­halb ist es erheb­lich eit­ler, sei­ne Zer­ti­fi­ka­te in Bad oder WC unter­zu­brin­gen, als sie naiv und arg­los im Wohn­zim­mer zur Schau zu stel­len.

Goldt erklärt auch 12 den Unter­schied zwi­schen Zynis­mus und Sar­kas­mus:

Zynis­mus ist eine destruk­ti­ve Lebens­auf­fas­sung, wäh­rend Sar­kas­mus das Resul­tat von trot­zi­ger For­mu­lie­rungs­kunst ist, die über einen spon­ta­nen Zorn auf ein Mei­nungs­ei­ner­lei hin­weg­hilft. Zynis­mus ist ein Resul­tat von Ent­täu­schung und inne­rer Ver­ein­sa­mung. Er besteht im Negie­ren aller Wer­te und Idea­le, im Ver­höh­nen der Hoff­nung, im Haß auf jedes Stre­ben nach Bes­se­rung.

Sind dann die beschrie­be­nen „Bad Taste“-Partys nicht eher zynisch als iro­nisch?

Ich ver­ste­he den Reiz nicht, der dar­in lie­gen soll­te, sich so zu klei­den, wie man nie aus­se­hen woll­te, und Musik zu hören, die man nie hören woll­te. Ers­tens grenzt das doch an Schi­zo­phre­nie und zwei­tens fin­de ich das unfair gegen­über den Leu­ten, denen die­se Musik etwas bedeu­tet. Denn auch wenn ich Schla­ger oder Volks­mu­sik kit­schig und doof fin­den soll­te, so gibt es doch Leu­te, denen die­se Musik etwas bedeu­tet. 13 Ich fin­de es auch lang­wei­lig, ein Album nur des Ver­ris­ses wegen zu ver­rei­ßen.

* * *

Auch Chuck Klos­ter­man hat sich dem The­ma Iro­nie gewid­met. 14 Er schreibt:

An iro­nist is someone who says some­thing untrue with unclear sin­ce­ri­ty; the degree to which that state­ment is fun­ny is based on how many peo­p­le rea­li­ze it’s fal­se. If ever­y­bo­dy knows the per­son is lying, nobo­dy cares. If nobo­dy knows the per­son is lying, the spea­k­er is a luna­tic. The ide­al ratio is 65–35: If a slight majo­ri­ty of the audi­ence can­not tell that the inten­ti­on is come­dic, the sub­stan­ti­al mino­ri­ty who do under­stand will feel bet­ter about them­sel­ves. It’s an exclu­sio­na­ry kind of humor.

Wenn jeder Depp alles nur noch „iro­nisch“ meint, ist es kein Witz mehr, dann ist es nicht mal mehr Komö­die, son­dern Tra­gö­die.

Nina Pau­er schreibt dazu in der „Zeit“:

Wo poten­zi­ell alles pein­lich ist, bleibt nichts als der ewi­ge iro­ni­sche Reflex. Die Iro­nie wird zum Stan­dard und die Distanz zum Zwang. Dann regie­ren die Zwin­kers­mi­leys, die alles Gesag­te, Geschrie­be­ne, Geta­ne sofort rela­ti­vie­ren, um bloß immer „safe“ zu sein. Von der Freu­de an der Pein­lich­keit ist dann nicht mehr viel übrig. Die Lust wird zu ihrem Gegen­teil, zur Lan­ge­wei­le.

Es ist nicht nur lang­wei­lig, es ist auch wahn­sin­nig anstren­gend.

Klos­ter­man stellt in sei­nem Essay den Weezer-Sän­ger Rivers Cuo­mo, den Regis­seur Wer­ner Her­zog und den ame­ri­ka­ni­schen Poli­ti­ker Ralph Nader neben­ein­an­der, denen er alle­samt nach­weist bzw. unter­stellt, völ­lig iro­nie­frei zu sein. Her­zog etwa sagt, er habe einen „Defekt“, der ihn dar­an hin­de­re, Iro­nie zu ver­ste­hen, und Klos­ter­man fügt an, die meis­ten von uns hät­ten das gegen­tei­li­ge Pro­blem: Wir wür­den auch dort Iro­nie ver­ste­hen, wo gar kei­ne vor­han­den ist.

Rivers Cuo­mo trug das, was man heu­te „Nerd­bril­le“ nennt, immer­hin schon in den frü­hen Neun­zi­gern, als es grad nicht cool oder lus­tig war. 15 Heu­te schreibt er Lie­der dar­über, dass er in Bever­ly Hills woh­nen wol­le, und Klos­ter­man ist sich sicher, dass Cuo­mo das genau so meint. Die Fans wären aller­dings ent­täuscht, weil sie es für Iro­nie hiel­ten und sich ver­arscht fühl­ten – und das ist dann natür­lich auch schon wie­der Iro­nie, und zwar die des Schick­sals.

* * *

Die Post­mo­der­ne hat, neben Fremd­scham und Über-Iro­ni­sie­rung, noch ein wei­te­res Phä­no­men her­vor­ge­bracht: Stän­dig hin­ter­fragt man jetzt alles, vor allem aber sich selbst. Wer sich fragt, ob er irgend­et­was gut fin­den dür­fe, hat noch nichts ver­stan­den. Er hat die Frei­heit (fast) alles gut zu fin­den, was er gut fin­den mag. Allen­falls die Aus­wahl poten­ti­ell gut find­ba­rer Din­ge und Per­so­nen kann einen etwas über­for­dern.

Das bedeu­tet natür­lich letzt­lich auch: Man kann auch „Bau­er sucht Frau“ gucken, ohne sich dafür zu schä­men.

  1. Außer in den Ohren und den Nasen­lö­chern, da soll es wuchern wie im Ama­zo­nas­ge­biet.[]
  2. Ich glau­be auch, dass das, was man zu mei­ner Schul­zeit „Läs­tern“ nann­te, nicht grund­sätz­lich ver­werf­lich ist, solan­ge etwa die Per­son, über die geläs­tert wird, davon nichts mit­be­kommt, und solan­ge man nicht vor­ner­um nett zu jeman­dem ist, über den man dann hin­ten­rum läs­tert. Außer­dem kön­nen ande­re ja auch über mich läs­tern, wenn sie wol­len. Die­se Posi­ti­on hat schon zu lan­gen, uner­gie­bi­gen Dis­kus­sio­nen geführt.[]
  3. Tat­säch­lich bin ich bei der aktu­el­len Staf­fel „Schwie­ger­toch­ter gesucht“ sehr schnell wie­der aus­ge­stie­gen, weil es außer aus­ge­walz­ten Merk­wür­dig­kei­ten nicht viel zu sehen gab.[]
  4. Ob die por­trä­tier­ten Bau­ern dar­auf gewar­tet haben, ist natür­lich wie­der frag­lich.[]
  5. Wobei das eigent­lich jetzt schon gel­ten muss: Es kann ja hier­zu­lan­de kei­ne acht Mil­lio­nen Eli­tis­ten geben, die es sich auf ihrem hohen Ross bequem gemacht haben, also müs­sen auch zahl­rei­che Zuschau­er mit Flie­sen­ti­schen, Tief­kühl­piz­zen und Kose­na­men dar­un­ter sein.[]
  6. So wie Sex nie ästhe­tisch ist.[]
  7. Der Brief geriet übri­gens in die Hän­de der San­dra, dar­ge­stellt von Dor­kas Kie­fer, die ihn laut vor­las und sich über Ute lus­tig mach­te. Wel­che Akti­on ist pein­li­cher? Dis­cuss![]
  8. Iro­nie soll­te höchs­tens von Bri­ten als Stil­mit­tel in Songs ein­ge­setzt wer­den. Die ver­ste­hen dar­un­ter etwas ande­res als „das Gegen­teil von dem sagen, was man meint.[]
  9. Gera­de nicht „I Love Bela­rus“, den man aus poli­ti­schen Grün­den als ein­zi­gen ernst hät­te neh­men müs­sen.[]
  10. Nach­zu­le­sen in „Remix“.[]
  11. „Ein Ort der Eitel­keit“ in „Der Krap­fen auf dem Sims“.[]
  12. „Mein Nach­bar und der Zynis­mus“, ebd.[]
  13. Dass die Tex­te die­ser Lie­der mit­un­ter von Leu­ten geschrie­ben wer­den, denen die Inhal­te und Hörer ziem­lich egal sind, ist eine Meta-Ebe­ne, die ich hier nicht auch noch bespie­len möch­te.[]
  14. Im Essay „T Is For True“ in „Eating The Dino­saur“.[]
  15. Die­se Bril­le ist tat­säch­lich ein Pro­blem. Als ich letz­tes Jahr auf der Suche nach einer neu­en war, woll­te ich – puber­tä­re Abgren­zung – um jeden Fall zu ver­mei­den, auch so eine zu kau­fen. Das Pro­blem: Mir stand wirk­lich nichts ande­res. Also dach­te ich: „Was soll’s? Ray-Ban gibt’s seit mehr als 50 Jah­ren und ich weiß ja, wie’s gemeint ist.“ (Näm­lich gar nicht.) So wie man sich Musik nicht von ihren Hörern kaputt machen las­sen darf, soll­te man sich auch Mode-Uten­si­li­en nicht von ihren Trä­gern zer­stö­ren las­sen. Ich wür­de auch ger­ne Hem­den von Fred Per­ry tra­gen, wenn die nicht so unfass­bar teu­er wären.[]
Kategorien
Print Digital

Opossum-Possen

Ich gehe zu Guns­ten der „Mit­tel­deut­schen Zei­tung“ mal davon aus, dass es sich um eine Nach­richt extra für Kin­der han­delt, die da eher ver­se­hent­lich im regu­lä­ren Online-Auf­tritt gelan­det ist:

Es gibt trau­ri­ge Nach­rich­ten aus dem Leip­zi­ger Zoo: Hei­di lebt nicht mehr! Das Opos­sum ist am Mitt­woch gestor­ben. Hei­di war wegen ihrer Augen in Deutsch­land und ande­ren Län­dern sehr bekannt gewor­den: Ihre Augen stan­den nicht ganz gera­de. Sie schiel­te. Das fan­den die Men­schen put­zig.

Aber Kin­der hin oder her – es ist schon bemer­kens­wert, wie fried­lich die­se zwei Sät­ze da ein­fach neben­ein­an­der ste­hen:

Am Mitt­woch ist Hei­di an Alters­schwä­che gestor­ben. Ein Tier­arzt hat sie ein­ge­schlä­fert.