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Heidenspaß

Kürbis (Foto: Lukas Heinser)

Beim Blick auf den Kalen­der wird es so man­chem sie­dend heiß ein­ge­fal­len sein: Heu­te ist der 31. Okto­ber, was bedeu­tet, dass heu­te wie­der ein Fei­er­tag began­gen wird, der vor weni­gen Jah­ren hier­zu­lan­de noch so gut wie unbe­kannt war. Die Häu­ser wer­den geschmückt, die Kin­der ver­klei­den sich und es herrscht ein bun­tes Trei­ben auf den Stra­ßen: es ist Refor­ma­ti­ons­tag.

Wie im gan­zen Land, so haben auch die Müt­ter in Bochum ihren Klei­nen spät­mit­tel­al­ter­li­che Kos­tü­me genäht, damit die­se heu­te Abend rülp­send und fur­zend (in Erin­ne­rung an das berühm­te Luther-Zitat) durch die Nach­bar­schaft zie­hen kön­nen. Wie auch schon in den ver­gan­ge­nen Jah­ren wer­den sie nur bei Katho­li­ken klin­geln und die­se mit dem Spruch „Tre­sen oder The­sen“ zur Her­aus­ga­be har­ter Alko­ho­li­ka auf­for­dern. Wei­gern sich die Papst-Jün­ger, nageln ihnen die jun­gen Refor­ma­to­ren auf­wän­dig gestal­te­te Zet­tel an die Haus- oder Woh­nungs­tür – „Bil­der­sturm“ nen­nen sie die­se Akti­on.

Cal­vin, acht Jah­re alt und ganz stolz auf die Ton­sur, die ihm sein Vater extra für den heu­ti­gen Abend gescho­ren hat, berich­tet, dass er im ver­gan­ge­nen Jahr gan­ze 95 Türen beschla­gen hat. Vie­le Katho­li­ken waren auf den noch jun­gen Brauch schlicht nicht vor­be­rei­tet. Cal­vin hofft, dass sich das in die­sem Jahr geän­dert hat, denn wegen einer Erkäl­tung hat er in die­sem Jahr nur 30 The­sen-Papie­re vor­be­rei­ten kön­nen – außer­dem ist ein Nach­bar immer noch wütend, weil Cal­vin und sei­ne Freun­de ihm im ver­gan­ge­nen Jahr „die Tür kaputt gemacht“ hät­ten.

Jus­tus Jonas, Sozio­lo­ge am Bochu­mer Lehr-Ort für erwäh­nens­wer­te Daten, erklärt das noch jun­ge Brauch­tum mit der Geschich­te des Kir­chen­ge­lehr­ten Mar­tin Luther, der vor fast fünf­hun­dert Jah­ren gegen die katho­li­sche Kir­che rebel­liert haben soll. Ande­re Quel­len spre­chen aller­dings von außer­ir­di­schen Mes­ser­ste­chern, die am 31. Okto­ber 1978 in Had­don­field im US-Bun­des­staat Illi­nois ein bru­ta­les Mas­sa­ker an hei­mi­schen Kür­bis­sen ver­übt haben sol­len. Jonas hat davon gehört, hält das Sze­na­rio mit dem wüten­den ost­deut­schen Pfar­rer aber für rea­lis­ti­scher.

Nicht alle Deut­schen sind begeis­tert vom Trend „Refor­ma­ti­ons­tag“. Vie­le Katho­li­ken fin­den es unver­ant­wort­lich, jun­gen Kin­dern Alko­hol aus­zu­hän­di­gen. Der Nürn­ber­ger Phi­lo­soph Hans Sachs bezeich­ne­te die kos­tü­mier­ten Jugend­li­chen als „luthe­ri­sche Nar­ren“ und rief die Bevöl­ke­rung zum „Nar­ren­schnei­den“ auf. Josef Kacz­mier­c­zik, Lok­füh­rer aus Wat­ten­scheid-Hön­trop hat bereits ange­kün­digt, sein Rei­hen­end­haus gegen die jugend­li­chen Angrei­fer zu schüt­zen: „Dat wird ein‘ fes­te Burg“, sag­te er unse­rem Repor­ter.

[Nach einer Idee von Sebas­ti­an B. & Tho­mas K.]

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Züge, Tiere, Sensationen

Das mit den Tie­ren und der Deut­schen Bahn ist noch viel schlim­mer, als bis­her ver­mu­tet:

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Biber

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Digital

Barcamp Ruhr – Der Film

Die Maß­ein­heit für ver­spä­tet vor­ge­tra­ge­ne Zeit­geist­the­men heißt – ich wie­der­ho­le mich da ger­ne – „Poly­lux“. Aller­dings möch­te ich zu Guns­ten des RBB mal davon aus­ge­hen, dass deren Zeit­plan nicht von Hard­ware-Pro­ble­men dik­tiert wird.

Wie dem auch sei: Das Bar­camp Ruhr ist fast schon wie­der eine Woche her, es wur­de viel dar­über geschrie­ben und das ein oder ande­re Video ist auch schon län­ger online. Ich hat­te die War­te­zeit ja bereits für einen abge­schlos­se­nen Roman über das ver­gan­ge­ne Wochen­en­de genutzt, des­halb ist das, was jetzt noch kommt, gewis­ser­ma­ßen mei­ne ers­te Roman­ver­fil­mung – und das bei einem als unver­film­bar gel­ten­den Stoff.

In Wirk­lich­keit sind es nur ein paar sub­jek­ti­ve Impres­sio­nen, aber das kön­nen Sie ja selbst sehen:


Link: sevenload.com

Nächs­te Woche dann: Das Hör­buch, das Koch­buch, der Sound­track und der Fett­frei-Grill zum Event.

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Scheiße zum Quadrat

Aus Düs­sel­dorf kommt nichts Gutes: Stu­di­en­ge­büh­ren, Alt-„Bier“ und die Toten Hosen, zum Bei­spiel. Oder der neue Slo­gan fürs Ruhr­ge­biet, den sich die Wer­be­agen­tur Grey ent­we­der aus Unkennt­nis oder rei­ner Ver­ach­tung für die dort leben­den Men­schen aus­ge­dacht hat:

Ruhrn Team-Work-Capi­tal

So wird das nie was mit der Metro­po­le. Oder auch nur mit dem ernst genom­men wer­den.

[via blog.50hz.de]

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Hier könnte Ihre Metropole stehen

Nördliches Ruhrgebiet von der Zeche Zollverein aus

Ich mag das Ruhr­ge­biet, wirk­lich. Ich lebe ger­ne hier und fin­de vie­les in einem kon­ven­tio­nel­len, gar nicht iro­ni­schen Sin­ne „schön“. Neben ein paar klei­ne­ren Macken, die man in jeder Gegend fin­den könn­te, hat das Ruhr­ge­biet aber ein paar ekla­tan­te Pro­ble­me, die exis­tenz­be­dro­hend sein kön­nen.

Damit mei­ne ich noch nicht mal „Der­Wes­ten“, das lan­ge und groß ange­kün­dig­te, in der Umset­zung aber desas­trö­se Online-Por­tal der WAZ. Zwar bin ich der Mei­nung, dass sich die WAZ-Grup­pe viel­leicht erst mal auf ihre Kern­kom­pe­ten­zen besin­nen (bzw. sol­che auf­bau­en) soll­te, bevor man sich an Kon­zert­agen­tu­ren betei­li­gen will, und auch über die geplan­te Koope­ra­ti­on mit dem WDR wer­de ich mich zu gege­be­ner Zeit sicher­lich noch auf­re­gen, „Der­Wes­ten“ selbst habe ich aber völ­lig abge­schrie­ben und will mich am Ein­prü­geln auf der­art wei­che Zie­le auch nicht mehr betei­li­gen.

Reden wir lie­ber vom Ruhr­ge­biet selbst: Bei ruhrbarone.de gibt es einen sehr lesens­wer­ten Arti­kel über das Image-Pro­blem des Ruhr­ge­biets, das unter ande­rem auch dar­aus resul­tiert, dass die größ­te Metro­pol­re­gi­on Deutsch­lands (und fünft­größ­te Euro­pas – aller­dings mit Köln und Düs­sel­dorf) nach wie vor als unüber­sicht­li­ches Wirr­warr von 56 Städ­ten und Krei­sen wahr­ge­nom­men wird und sich tra­gi­scher­wei­se auch noch selbst so wahr­nimmt.

Im Ruhr­ge­biet leben 5,2 Mil­lio­nen Men­schen – auf­ge­teilt in drei Regie­rungs­be­zir­ke, von denen der eine nach einer Klein­stadt im Sau­er­land benannt ist, zwei Land­schafts­ver­bän­de, vier Krei­se, elf kreis­freie Städ­te, min­des­tens drei WDR-Lan­des­stu­di­os und unge­zähl­te Nah­ver­kehrs­un­ter­neh­men. Der Regio­nal­ver­band Ruhr (RVR) soll das gan­ze halb­wegs zusam­men­hal­ten – wenn nicht gera­de die nicht ganz unbe­deu­ten­de Stadt Dort­mund aus­stei­gen und lie­ber Haupt­stadt der west­fä­li­schen Pro­vinz als Teil einer Metro­po­le sein oder der Kreis Wesel lie­ber nie­der­rhei­ni­sche Pro­vinz als grü­ne Lun­ge der Regi­on sein will. Die SPD, die es in gefühl­ten hun­dert Jah­ren in der NRW-Lan­des­re­gie­rung nicht geschafft hat, das Ruhr­ge­biet zusam­men­zu­brin­gen, will den RVR gar gleich ganz auf­lö­sen.

Fragt man Men­schen aus Bran­den­burg nach ihrer Her­kunft, wer­den sie mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit „Ber­lin“ ant­wor­ten. Wer im Umkreis von etwa hun­dert Mei­len um Städ­te wie New York, Chi­ca­go oder Los Ange­les lebt, wird sich als Ein­woh­ner die­ser (zuge­ge­be­ner­ma­ßen extrem nam­haf­ten) Metro­po­len füh­len. Im Ruhr­ge­biet leben Men­schen, die dar­auf bestehen, aus einem seit 33 Jah­ren unselb­stän­di­gen Stadt­teil Bochums zu kom­men, und ein lau­tes Weh­kla­gen anstim­men, wenn sich das irgend­wann auch mal in der Bahn­hofs­be­schil­de­rung nie­der­schla­gen soll. Kein Wun­der, dass im Aus­land noch nie jemand vom Ruhr­ge­biet gehört hat und man immer „I live near Colo­gne“ sagen muss. Köln hat außer sei­nem wun­der­ba­ren Dom kei­nen Grund, in der Welt bekannt zu sein – im Ruhr­ge­biet gibt es wenigs­tens Bier und fünf Mal so vie­le Leu­te.

Schafft es das Ruhr­ge­biet in die Nach­rich­ten, sind gera­de wie­der ein paar Tau­send Arbeits­plät­ze in Gefahr oder weg­ge­fal­len und irgend­ein Ober­bür­ger­meis­ter, den nicht mal die Ein­woh­ner der Nach­bar­stadt ken­nen, spricht von einem „schwe­ren Schlag“ für sei­ne Stadt und die dor­ti­ge Wirt­schaft. Wahr­lich beein­dru­ckend ist die Soli­da­ri­tät unter den Men­schen hier: Da wird man als Besu­cher des Bochu­mer Schau­spiel­hau­ses gebe­ten, Pro­test­post­kar­ten an die Nokia-Füh­rung in Finn­land aus­zu­fül­len, und die aller­meis­ten machen das ein­fach. Zu Demons­tra­tio­nen am Nokia-Werk kom­men tau­sen­de Leu­te mit unter­schied­lichs­ten Beru­fen und sozia­len Hin­ter­grün­den, aber es klappt nicht, die­se „Wir schaf­fen das!“-Stimmung über die Medi­en zu trans­por­tie­ren – dort heißt es dann, eine gan­ze Stadt ste­he am Abgrund. Über­haupt: Wie wirkt denn das, wenn von „Nokia­nern“ oder „Ope­la­nern“ die Rede ist, ganz so, als gin­ge es um außer­ir­di­sche Lebens­for­men oder schlim­me Krank­hei­ten? Ent­las­se­ne Simens-Mit­ar­bei­ter hei­ßen doch auch „Sie­mens-Mit­ar­bei­ter“.

Zwar wer­den regel­mä­ßig neue For­schungs­zen­tren, Indus­trie­parks und ähn­li­ches eröff­net (und manch­mal auch wie­der geschlos­sen), aber das wird selbst in der regio­na­len Pres­se immer unter einem Rubrum wie „IT statt Koh­le“ auf­ge­führt, ganz so, als lie­fen hier immer noch alle mit schwarz ver­schmier­ten Gesich­tern durch stau­bi­ge Stra­ßen und wür­den gera­de ihre ers­te elek­tri­sche Schreib­ma­schi­ne anschlie­ßen. Fast scheint es, als wol­le man den gera­de statt­fin­den­den Struk­tur­wan­del ver­schwei­gen, weil es immer noch bes­ser ist, der „Koh­len­pott“ zu sein als so ein eigen­schafts­lo­ser Wachs­tums­raum wie Halle/​Leipzig.

Dafür wird das Ruhr­ge­biet ja euro­päi­sche Kul­tur­haupt­stadt des Jah­res 2010, mag man jetzt den­ken. Die Hoff­nun­gen, dass von die­ser Ver­an­stal­tung irgend­ein posi­ti­ver Impuls aus­ge­hen könn­te, habe ich aller­dings so gut wie begra­ben. Zwar ist es in Deutsch­land guter Brauch, alles im Vor­hin­ein schei­ße zu fin­den und es hin­ter­her zu beju­beln (Welt­aus­stel­lun­gen, Fuß­ball­welt­meis­ter­schaf­ten, Die Lin­ke), aber in die­sem Fall deu­tet vie­les dar­auf hin, dass die „Ruhr.2010“ in der Tat ein Desas­ter unge­ahn­ten Aus­ma­ßes wer­den könn­te. Dju­re hat bei blog.50hz.de viel über den sog. Logostreit, den Slo­gan und die Finan­zie­rung geschrie­ben und sich trotz opti­mis­ti­scher Aus­gangs­hal­tung inzwi­schen zur For­de­rung „Absa­gen, ein­fach absa­gen …“ hoch­ge­ar­bei­tet.

Wie gesagt: Ich mag das Ruhr­ge­biet. Aber ich habe das Gefühl, die Leu­te, die in die­ser Regi­on etwas zu sagen haben, has­sen die Idee dahin­ter. Und die Leu­te, die hier leben, mer­ken gar nicht, dass sie im Ruhr­ge­biet leben.

Universitätsstraße in Bochum
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Digital

Conquer yourself rather than the world

Um ehr­lich zu sein habe ich kei­ne Ahnung, was genau ein Bar­Camp ist – den Schil­de­run­gen nach zu urtei­len muss es sich dabei um eine Art Kir­chen­tag für die Jün­ger des Web 9 3/​4 han­deln. Trotz­dem habe ich irgend­wie zuge­sagt, bei der Orga­ni­sa­ti­on eines sol­chen mit­zu­hel­fen. Die Haupt­ar­beit bleibt aber – so sind sie, die­se moder­nen Frau­en – an Kat­ti hän­gen.

Alles wei­te­re erfah­ren Sie (und ich hof­fent­lich auch) unter barcampruhr.de.

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Leben

Die Schere im Kopf

Wenn der Herbst durch das Ruhr­ge­biet streift wie ein zau­se­li­ger Wan­ders­mann und die Bäu­me in Wal­dorf­schul-mäßi­ge Far­ben taucht, dann spü­re ich mei­nen Hang zur Sozi­al­ro­man­tik.

Die Tage ging ich zur U‑Bahn-Sta­ti­on, vor­bei an den Vor­gär­ten der Dop­pel­häu­ser, und sah Haus­frau­en, die vom Ein­kau­fen kamen; Rent­ner, die in ihrer Ein­fahrt Laub zusam­men­kehr­ten, wohl wis­send, dass ihre Arbeit schon wie­der ver­ges­sen sein wür­de, wenn sie den Rechen in den Werk­zeug­schup­pen stel­len wür­den. Ich sah eine alte Frau, die aus ihrem offe­nen Wohn­zim­mer­fens­ter, hin­ter dem die Tages­gar­di­nen im Auf­wind der Hei­zung flat­ter­ten, ein Ver­län­ge­rungs­ka­bel in den Vor­gar­ten gewor­fen hat­te, an das sie nun den Elek­tro­mä­her ihres Gat­ten anschloss, um den letz­ten Rasen­schnitt der Sai­son vor­zu­neh­men – peni­bel genau bis zu der ansons­ten unsicht­ba­ren Grund­stücks­gren­ze, an der auch die Fas­sa­de des Dop­pel­hau­ses von Schie­fer­ver­tä­fe­lung in dun­kel­grü­nen Rauh­putz über­ging. Die Frau grüß­te wort­los und für das mensch­li­che Auge kaum sicht­bar den Post­bo­ten, der auf der ande­ren Stra­ßen­sei­te Brie­fe aus­trug, ver­mut­lich Anschrei­ben der Bun­des­knapp­schaft, Post­kar­ten der Enkel aus den Herbst­fe­ri­en und viel­leicht die eine oder ande­re Todes­an­zei­ge.

Es roch nach nas­sem Laub, frisch gemäh­tem Rasen und Kohl­rou­la­den, als sich die Son­ne in einem sol­chen Win­kel durch eine schon kah­le Baum­kro­ne brach, dass jeder Maler dies­seits von Monet kopf­schüt­telnd von sei­ner Staf­fe­lei zurück­ge­tre­ten wäre und gewar­tet hät­te, bis es alles ein biss­chen weni­ger kit­schig aus­sieht. Ich ging an der nahe gele­ge­nen Grund­schu­le vor­bei und war bei­na­he froh, kein fröh­lich glu­ckern­des Kin­der­la­chen zu ver­neh­men, weil mir das in die­sem Moment wohl den Rest gege­ben hät­te und ich voll­ends davon über­zeugt gewe­sen wäre, in der 3Sat-Vari­an­te der „Tru­man Show“ mit­zu­spie­len. Nein, die Kin­der saßen, wie es sich gehört, in der Schu­le auf ihren klei­nen Stühl­chen, auf denen sich ihre Eltern beim Eltern­abend immer so komisch zusam­men­fal­ten müs­sen, an ihren klei­nen Tisch­chen und mal­ten hof­fent­lich Bil­der von herbst­li­chen Stra­ßen­zü­gen oder bas­tel­ten aus Kas­ta­ni­en und Zahn­sto­chern klei­ne Männ­chen, die immer wie­der umfal­len wür­den.

Und so ging ich selig lächelnd mei­nes Wegs, trat nicht in die Hun­de­schei­ße und frag­te mich: „War­um zum Hen­ker soll­test Du das jetzt blog­gen?“

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Unterwegs

Nächtlicher Verkehr

Das Ruhr­ge­biet hat andert­halb Mal so vie­le Ein­woh­ner wie Ber­lin. Trotz­dem hat die Stadt im Osten das bedeu­tend bes­ser aus­ge­bau­te Nah­ver­kehrs­sys­tem. Man könn­te auch sagen: Ber­lin hat über­haupt ein Nah­ver­kehrs­sys­tem.

Will man im Ruhr­ge­biet wochen­tags von einer Stadt in die nächs­te (was nicht sehr viel anders ist, als von einem Ber­li­ner Stadt­teil in einen ande­ren fah­ren zu wol­len), muss man nach 20 Uhr ein­fach hof­fen, dass der Mor­gen bald anbricht. Auch die Wie­der­kehr Chris­ti erscheint einem in die­sem Moment ein klar defi­nier­ter Zeit­punkt, ver­gli­chen mit der Abfahrt des nächs­ten Ver­kehrs­mit­tels. Natür­lich gibt es im Ruhr­ge­biet Fern­zü­ge, die einen von Haupt­bahn­hof zu Haupt­bahn­hof brin­gen. Es gibt sogar S‑Bahnen, Stra­ßen- und U‑Bahnen und Bus­se. Aber ihre Abfahrts­zei­ten, Rich­tun­gen und Wege erschlie­ßen sich mir nicht. Ich kom­me gera­de von der Bochu­mer Innen­stadt zu mei­nem Wohn­heim – was vor allem dar­an liegt, dass die ent­spre­chen­de U‑Bahn-Linie gut sicht­bar mit­ten durch die Stadt ver­läuft und nicht ver­fehlt wer­den kann.

Als ich letz­te Woche vom Haupt­bahn­hof nach hau­se fah­ren woll­te, erschien es mir für einen kur­zen Moment beque­mer, einen Bus zu nut­zen. Eine hal­be Stun­de spä­ter stand der Bus an der End­hal­te­stel­le im dörf­lichs­ten Stadt­teil Bochums, kurz vor Beginn des Enne­pe-Ruhr-Krei­ses. Es war Sonn­tag Abend und ich woll­te eigent­lich in mein Bett, nächt­li­che Sight­see­ing-Tou­ren waren mir scheiß­egal.

Ges­tern war es noch eini­ge Stun­den spä­ter, als ich von Kreuz­berg nach Ste­glitz woll­te. In Bochum hät­te ich ein Taxi neh­men müs­sen. (Es ist ja wohl der Traum eines jeden Man­nes, ein­mal in sei­nem Leben auf eine Haupt­ver­kehrs­stra­ße zu tre­ten und mit ener­gi­scher Hand­be­we­gung ein gera­de vor­bei­rau­schen­des Taxi anzu­hal­ten. Im Ide­al­fall, um sich hin­ein­zu­schwin­gen und dem Fah­rer den Satz „Fol­gen Sie die­sem Auto!“ zuzu­ru­fen.) In Ber­lin war­te­te ich zehn Minu­ten auf den ers­ten Nacht­bus, der mich zu einer etwas ent­le­ge­nen U‑Bahn-Sta­ti­on fuhr, wo ich wei­te­re vier Minu­ten auf den zwei­ten Nacht­bus war­te­te, der mich nach hau­se brach­te.

Zwar hat­te ich über eine Drei­vier­tel­stun­de vom Aus­gangs- zum Ziel­ort gebraucht, ich hat­te aber auf dem Stadt­plan auch eine beacht­li­che Stre­cke zurück­ge­legt. Das Erstaun­lichs­te aber: Ich war mit dem Schie­nen­er­satz­ver­kehr beque­mer und schnel­ler gereist als mit den U‑Bahnen, die mich an den Aben­den zuvor aus Kreuz­berg abtrans­por­tiert hat­ten.

Was in mir übri­gens noch die fina­le Fra­ge auf­wirft, was stil­vol­ler sei: Betrun­ken von Bier und Kili­ans-hörend durch die Nacht zu juckeln oder nach meh­re­ren Gin Tonic mit Rihan­na im Ohr?

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Musik Print

Über den Wolken

Will­kom­men zurück an der Cof­fee-And-TV-Jour­na­lis­ten­schu­le!

Nach­dem wir beim letz­ten Mal gelernt haben, wie man eine Gerichts­re­por­ta­ge ver­fasst, wol­len wir uns heu­te dem Bereich des Musik­jour­na­lis­mus zuwen­den. Beson­ders beliebt auf die­sem Gebiet sind seit län­ge­rem Repor­ta­gen, die einen Künst­ler oder eine gan­ze Band in einem hei­mat­li­chen Umfeld zei­gen. Dafür brau­chen wir zunächst ein­mal eine Band, was nicht ganz so schwer ist: Wir neh­men ein­fach unse­re Cof­fee-And-TV-Haus­ka­pel­le.

Als ers­tes brau­chen wir jetzt (wie bei jedem Arti­kel) einen grif­fi­gen Ein­stieg. Oder aber einen, der so wirr ist, dass man schon aus Neu­gier­de, wie sich der Autor wohl dar­aus befrei­en will, wei­ter­liest:

Ent­we­der hast du als Teen­ager die Gele­gen­heit, vor dem Venue auf dei­nen Lieb­lings­act zu war­ten und dir Auto­gram­me geben zu las­sen – oder du hast sie nicht. Ent­we­der du kennst die Bands nur aus TV, Radio und Inter­net – oder du triffst sie im Plat­ten­la­den. Die Kili­ans kom­men aus Dins­la­ken und tra­fen bis­her nie­man­den. Sie sind eine auf­stre­ben­de Rock­band. Die Fra­ge ist: Trotz­dem oder gera­de des­we­gen?

Was ist mit denen, die nie vor einem „Venue“ stan­den und auf ihren „Lieb­lings­act“ war­te­ten? Wer hät­te in wel­chem Plat­ten­la­den jeman­den tref­fen sol­len? Wie­so ist man eine auf­stre­ben­de Rock­band, obwohl oder weil man nie­man­den in einem Plat­ten­la­den getrof­fen hat? Der Leser ist sofort gefan­gen von die­sen Sät­zen und könn­te sie immer wie­der lesen, ohne dass ihm die Deu­tungs­mög­lich­kei­ten aus­gin­gen.

Im zwei­ten Absatz soll­ten wir dem Leser, der die zu por­trä­tie­ren­de Band noch nicht kennt, kurz erklä­ren, von wem wir spre­chen. Zum Bei­spiel so:

The Kili­ans sind fünf Jungs und kom­men aus die­ser Stadt, und sie sind mitt­ler­wei­le im Blick­feld vie­ler, die sich für Rock­mu­sik inter­es­sie­ren. In Dins­la­ken sind sie allein dadurch schon Stars.

So weiß jeder, dass man in Dins­la­ken, par­don: Dins­la­ken allei­ne dadurch zum Star wird, dass man im Blick­feld vie­ler, die sich für Rock­mu­sik inter­es­sie­ren, ist. Sozio­lo­gen spre­chen sicher von second hand popu­la­ri­ty.

Wenn wir mer­ken, dass wir eigent­lich viel lie­ber über die Stadt schrei­ben möch­ten als über die Band, kön­nen wir jetzt immer noch die Kur­ve krat­zen und Ver­gleichs­grö­ßen her­an­zie­hen:

Um das zu ver­ste­hen, muss man sich klar­ma­chen, wie wenig Orte wie Dins­la­ken von der Distink­ti­on geprägt sind, die in Ham­burg oder Ber­lin all­ge­gen­wär­tig ist.

Eine kla­re Posi­ti­ons­be­stim­mung: Ham­bur­ger und Ber­li­ner wer­den sagen: „Klar, Distink­ti­on, Alter!“, alle Ande­ren wer­den erfurchts­voll nicken und es nicht wagen, nach den in die­sen Metro­po­len vor­herr­schen­den Distink­tio­nen zu fra­gen.

Jetzt haben wir dem Leser unser Bild von Dins… Dins­la­ken schon so genau gezeich­net, dass wir uns ein biss­chen wei­ter aus dem Fens­ter leh­nen und Fak­ten gekonnt igno­rie­ren kön­nen:

Hier schielt kaum jemand auf Düs­sel­dorf oder Köln, die nächs­ten grö­ße­ren Städ­te und die Codes der Indie-Schi­cke­ria bedeu­ten hier gar nichts.

Kei­ner unse­rer Leser wird auch nur ahnen, dass wir schon bei unse­rer Ankunft hal­be Armeen von röh­ren­be­hos­ten Rin­gel­pul­li­trä­gern mit Emo­fri­su­ren gese­hen haben, die gera­de auf dem Weg zu einem Rock­kon­zert in Köln waren. Sol­che Infor­ma­tio­nen wür­den ja auch nur das Bild zer­stö­ren, das wir mühe­voll vor den geis­ti­gen Augen unse­rer Rezi­pi­en­ten auf­zu­bau­en ver­su­chen. Die Mög­lich­keit, dass die der­art über­gan­ge­nen Indie-Kid­dies der Stadt per Leser­brief auf ihre Unter­schla­gung hin­wei­sen könn­ten, lösen wir mit einem klei­nen Logik­wölk­chen: Es gibt sie ja gar nicht, haben wir gera­de noch geschrie­ben.

Als die Kids die bei­den Band­mit­glie­der, beglei­tet von der Pres­se, auf sich zukom­men sehen, fah­ren sie ner­vös aus ihren läs­si­gen Posen auf.

Geschickt geret­tet: Die drei Leser, die sich jetzt wun­dern könn­ten, wo denn plötz­lich bemüht läs­si­ge „Kids“ (als Musik­jour­na­list soll­te man das Wör­ter­buch der Jugend­spra­che stets bei sich füh­ren, und wenn es die Aus­ga­be von 1991 ist) her­kom­men, müs­sen jetzt alle Hirn­mas­se auf die Vor­stel­lung ver­wen­den, wir selbst lie­fen wie in einem Hol­ly­wood­film der drei­ßi­ger Jah­re mit einem Papp­kärt­chen mit der Auf­schrift „Pres­se“ im Hut­band durch die Gegend.

Hat­ten wir über­haupt schon erwähnt, wo die­se lang­wei­li­ge Klein­stadt, die kein Schwein ken­nen muss, liegt? Nein? Dann ist jetzt die Gele­gen­heit, auf das Ruhr­ge­biet hin­zu­wei­sen und gleich eine wei­te­re LKW-Ladung Kli­schees über Text, Lesern und Land­schaft aus­zu­kip­pen:

Ganz ruhr­ge­biets­ty­pisch. Natür­lich ist die ört­li­che Zeche mitt­ler­wei­le nicht mehr in Betrieb. Natür­lich sind alle Arbei­ter ent­las­sen – bis auf ein paar, die mit dem Abbau der Maschi­nen beschäf­tigt sind. Von Momen­ten an sol­chen Orten weiß im Ruhr­ge­biet jeder etwas zu erzäh­len. Auch die Kili­ans. Zechen­ge­schich­ten sind in der Regel Nacht­ge­schich­ten, sie han­deln von Alko­hol und davon, irgend­wo drauf­zu­klet­tern und in den Ster­nen­him­mel zu schau­en.

Es ist egal, wenn dem Absatz nichts vor­aus­ging, wor­auf sich das „ruhr­ge­biets­ty­pisch“ bezie­hen könn­te, denn wir nähern uns dem Höhe­punkt:

Alles, was von sol­chen erhöh­ten Stand­or­ten zu sehen ist, wenn man etwas tie­fer blickt, ist: Koh­le, Stahl und graue Wol­ken. All das impli­ziert in die­ser Gegend zwangs­läu­fig immer auch eines: das Schei­tern. Für eine Rock­band sind das lehr­rei­che Erfah­run­gen. Bewusst oder auch nicht, die Kili­ans haben ihre Schlüs­se dar­aus gezo­gen.

Jaaaaa, die­se vier Sät­ze sind von unend­li­cher Weis­heit und Tie­fe. Zunächst ein­mal wis­sen die Leser anschlie­ßend, dass die (natür­lich immer „grau­en“) Wol­ken im Ruhr­ge­biet nied­ri­ger hän­gen als irgend­wel­che Sachen (Abraum­hal­den, För­der­tür­me, Musik­jour­na­lis­ten­egos), auf die man „drauf­klet­tern“ kann, hoch sind. Dann ler­nen sie, dass Koh­le, Stahl und eben jene grau­en Wol­ken nichts ande­res sind als Meta­phern für „das Schei­tern“ und nicht etwa indus­tri­el­le Roh­stof­fe (die ers­ten bei­den) und Wet­ter­phä­no­me­ne (letz­te­res).

Aber wei­ter im Text: Schei­tern, Koh­le, Stahl und Wol­ken – all das sind „lehr­rei­che Erfah­run­gen“, aus denen die jetzt doch mal wie­der nament­lich zu erwäh­nen­de Band ihre Schlüs­se gezo­gen hat. Spä­tes­tens hier wer­den sich selbst Distink­ti­ons­er­fah­re­ne Leser aus Ham­burg und Ber­lin, Düs­sel­dorf oder Köln von Min­der­wer­tig­keits­kom­ple­xen geplagt auf dem Boden wäl­zen und rufen: „Gro­ßer Musik­jour­na­list, ich bin unwür­dig, Dei­nen Aus­füh­run­gen zu fol­gen, aber sprich wei­ter und ver­giss auch die Fremd­wör­ter nicht, die Du Dir im ‚Ador­no für Anfänger‘-Seminar auf der Rück­sei­te Dei­nes Col­lege­blocks notiert hast!“

Damit haben wir sie im Sack und kön­nen noch ein paar Zita­te der Band­mit­glie­der ein­streu­en. Die inter­es­sie­ren zwar weder uns, noch die Leser, aber eine Band­re­por­ta­ge ohne Band wirkt halt immer etwas schwach. Dafür kön­nen wir sie mit gehäs­si­gen, klei­nen Par­ti­keln anmo­de­rie­ren, die trans­por­tie­ren, dass immer nur der doo­fe Sän­ger gere­det hat:

Wie­der­um Simon: „Wir glau­ben, dass die Leu­te hier auf so was war­ten. Sie wol­len, dass hier nicht nur loka­le Acts spie­len, son­dern auch wel­che, die sie aus dem Radio ken­nen. Die Büh­ne soll auf der Wie­se ste­hen, und das Feu­er­wehr­haus dort hin­ten wird der Back­stage­be­reich.“

Jetzt fehlt nur noch ein Schluss­satz, der das bis­her Gelern­te zusam­men­fasst:

So sieht DIY aus, wenn er nicht aus Washing­ton oder Olym­pia, son­dern aus Dins­la­ken kommt.

Es wird schon nie­mand fra­gen, war­um wir von einem Bun­des­staat oder einer Stadt reden, von der außer uns noch 23 Per­so­nen wis­sen, dass sie als Neben-Hoch­burg des ame­ri­ka­ni­schen Indie­rocks gilt. Wenn sich über­haupt noch jemand etwas fragt, dann, wie wohl DIY aus­se­hen könn­te, bei dem man nicht alles sel­ber macht.

Wenn wir die­se ein­fa­chen Regeln befol­gen, wer­den wir bald schon alle fan­tas­ti­sche Band­por­träts schrei­ben kön­nen, die das Zen­tral­or­gan des deut­schen Qua­li­täts­mu­sik­jour­na­lis­mus, der/​die/​das Intro sicher ger­ne abdruckt.