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Ich sang die ganze Zeit von Dir

Im Früh­jahr 2001 waren Ash groß. „Shi­ning Light“ lief auf Viva 2 rauf und run­ter und die Band spiel­te bei der guten alten Oster­rock­nacht in der Düs­sel­dor­fer Phil­ips­hal­le. Alan Bangs frag­te Sän­ger Tim Whee­ler damals, ob er eigent­lich noch mit der Frau zusam­men sei, über die er das Lied geschrie­ben habe, und Whee­ler ant­wor­te­te: Ja, das sei ja auch sonst komisch, den Song jeden Abend spie­len zu müs­sen. Inzwi­schen ist Tim Whee­ler mit Emmy The Gre­at zusam­men, die bei­den ver­öf­fent­li­chen in Kür­ze ein gemein­sa­mes Weih­nachts­al­bum. „Shi­ning Light“ spie­len Ash aber immer noch.

Man darf in der Musik wie in der Lite­ra­tur das Lyri­sche Ich nie mit dem Ver­fas­ser ver­wech­seln. John­ny Cash hat (nach allem, was wir wis­sen) nie einen Mann in Reno erschos­sen, nur um ihn ster­ben zu sehen. Und doch erwar­tet man beson­ders bei Lie­bes­lie­dern oft einen Zusam­men­hang zwi­schen Werk und Rea­li­tät – zumal, wenn der per­for­men­de Künst­ler sie selbst geschrie­ben hat.

Ande­rer­seits wird es natür­lich auch schnell unin­ter­es­sant, für wen ein Lie­bes­lied gedacht war, weil alle den Song auf ihren jeweils aktu­el­len Schwarm oder Part­ner pro­ji­zie­ren. Und irgend­wo in der Welt sitzt dann eine allein­er­zie­hen­de Mut­ter, die damit leben muss, dass ihr frü­he­rer Lebens­ge­fähr­te immer noch ein Hei­den­geld damit macht, sie zu besin­gen, obwohl er sie schon nach drei Mona­ten betro­gen hat, und für hun­dert­tau­sen­de Pär­chen ist ihr Lied (also das der Frau) jetzt „ihr Lied“ (also das der Pär­chen).

In Nick Horn­bys „High Fide­li­ty“ erklärt der Ich-Erzäh­ler Rob Flem­ming:

All my life I have wan­ted to go to bed with — no, have a rela­ti­onship with — a musi­ci­an: I’d want her to wri­te songs at home, and ask me what I thought of them, and may­be include one of our pri­va­te jokes in the lyrics, and thank me in the slee­ve notes, may­be even include a pic­tu­re of me on the insi­de cover, in the back­ground some­whe­re, and I could watch her play live from the back, in the wings (alt­hough I’d look a bit of a berk at the Lau­der, whe­re the­re are no wings: I’d be stan­ding on my own, in full view of ever­y­bo­dy).

Die Idee ist ver­mut­lich nur so lan­ge roman­tisch, wie die Bezie­hung noch intakt ist.

Auf sei­nem letz­ten Album erzählt Ben Folds in „Belin­da“ die Geschich­te eines altern­den Musi­kers, der jeden Abend sei­nen ein­zi­gen Hit spie­len muss, den er vor Jah­ren für sei­ne Ehe­frau geschrie­ben hat­te, bevor er sie für eine jün­ge­re Frau („big breasts /​ a nice smi­le /​ and no kids eit­her“) ver­ließ. Der Text zu „Belin­da“ stammt aus der Feder von Nick Horn­by und lan­ge dach­te ich, dass er damit auf eine ver­que­re Art Folds‘ per­sön­lichs­ten Text geschrie­ben hät­te.

Denn auch Folds spielt bei Kon­zer­ten immer noch „The Luckiest“. Als die­ses zau­ber­haf­te Lie­bes­lied vor zehn Jah­ren auf „Rockin‘ The Sub­urbs“ erschien, muss­te man anneh­men („I don’t get many things right the first time“), dass er das Lied für sei­ne drit­te Frau und die Mut­ter sei­ner Zwil­lin­ge („my col­la­bo­ra­tor, part­ner and wife“, wie er sie im Book­let bezeich­net) geschrie­ben hat­te. Im Jahr 2006 lie­ßen sich die bei­den schei­den.

In den Liner Notes zu sei­nem Retro­spek­ti­ve-Album „The Best Imi­ta­ti­on Of Mys­elf“ (auf dem auch drei neue Ben-Folds-Five-Songs sind, die ich hier sträf­li­cher­wei­se noch gar nicht gewür­digt habe) erklärt Folds nun, das Lied extra für einen Film geschrie­ben zu haben, in dem es dann doch kei­ne Ver­wen­dung fand.

Folds schreibt:

Any­way, I did­n’t under­stand com­ple­te­ly what I was wri­ting abaout until years later when I met my Fleur [sei­ne vier­te Ehe­frau].

Es erscheint auf den ers­ten Blick recht unglaub­wür­dig, dass aus­ge­rech­net so ein groß­ar­ti­ger Love­song „ein­fach so“ ent­stan­den sein soll­te. Ande­rer­seits ist das ja genau die Magie von Pop und womög­lich sind „I’ll Catch You“ (The Get Up Kids), „The Book Of Love“ (The Magne­tic Fields) oder „Balu“ (kett­car) in Wahr­heit auch für nie­mand spe­zi­el­len geschrie­ben. Dafür sind dann die Men­schen echt, die sich in „Song For The Dum­ped“ (Ben Folds Five) oder „Not Fair“ (Lil­ly Allen) ihre mensch­li­chen bzw. sexu­el­len Unzu­läng­lich­kei­ten vor­wer­fen las­sen müs­sen.

Jeden­falls hat Ben Folds die Geschich­te mit dem Film auch den Leu­ten vom „A.V. Club“ noch ein­mal erzählt, die ihn in sei­nem Stu­dio in Nash­ville, TN besucht haben. Den Song gespielt hat er bei der Gele­gen­heit auch:

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Ben Folds dis­cus­ses and per­forms „The Luckiest“

„The Luckiest“ funk­tio­niert übri­gens auch sehr schön als Sam­ple in Novels „I Am“ und Ben Folds Five pla­nen, gemein­sam ein neu­es Album auf­zu­neh­men.

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Musik

Bernd Begemanns Gewaltphantasien

Ich hat­te mich neu­lich ein wenig über deutsch­spra­chi­ge Gegen­warts­mu­sik empört. Ein paar Wochen spä­ter hab ich Kraft­klub live gese­hen und damit die ers­te neue Band mit deut­schen Tex­ten seit sie­ben Jah­ren, die mich gekickt hat. Hop­fen und Malz sind also noch nicht ganz ver­lo­ren.

Bernd Bege­mann, des­sen Musik ich auch eher nur zu Tei­len schät­ze, hat offen­sicht­lich auch ein Pro­blem mit dem, was man die­ser Tage so zu hören bekommt:

„Der nor­ma­le Indiero­cker hat die­se Akus­tik­gi­tar­re, fängt ein Lied in A‑Moll an und singt dar­über, dass sei­ne Freun­din nicht zurück­ruft, dass er ein biss­chen trau­rig ist, ein biss­chen besorgt ist wegen der Welt, weil er so sen­si­bel ist. Mei­ne Güte, die­se Typen müss­te man alle bei den Ohren packen und auf die Tisch­kan­te schla­gen.“

Gesagt hat er das in einem Inter­view mit Radio Dreyeck­land und man muss Bege­manns lei­ern­den Sprach­fluss schon ertra­gen kön­nen, um das 20 Minu­ten lang aus­zu­hal­ten. Aber dafür bekommt man ein paar char­man­te Kol­le­gen-Bas­hings, Bege­manns Unter­schei­dung zwi­schen Schla­ger und Pop, sowie sei­ne etwas eige­ne Defi­ni­ti­on des Begriffs „Pop“ zu hören, was die zeit­li­che Inves­ti­ti­on durch­aus recht­fer­tigt. (Ich woll­te erst „mehr recht­fer­tigt als ein hal­bes Tim-Bendz­ko-Album“ schrei­ben, aber die­se Aus­sa­ge wäre ja qua­si all­ge­mein­gül­tig.)

Bernd Bege­mann im Inter­view

[via taz Pop­b­log]

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Musik

Ihr wollt ein Liebeslied, ihr kriegt ein liebes Lied

Ver­gan­ge­nen Don­ners­tag stand ich kurz davor, mir meh­re­re Glied­ma­ßen abzu­na­gen: Ich saß in einer Köl­ner Mehr­zweck­hal­le und als wäre das nicht schon schlimm genug, fand in die­ser Hal­le zu die­sem Zeit­punkt auch noch der Bun­des­vi­si­on Song Con­test statt. Ste­fan Raabs inner­deut­scher Grand Prix, der sich nicht so recht zwi­schen staats­tra­gen­dem Ges­tus und iro­ni­scher Distanz ent­schei­den kann, konn­te es in Sachen Show und Unter­hal­tung nicht mit dem euro­päi­schen Vor­bild auf­neh­men. Das war zu erwar­ten gewe­sen. Womit eher nicht zu rech­nen war: Dass der ESC dem BuVi­So­Co auch musi­ka­lisch über­le­gen sein wür­de.

Seit eini­ger Zeit füh­le ich mich, als stün­de ich an irgend­ei­nem Bahn­hof am Gleis und der pop­mu­si­ka­li­sche Zug sei ein­fach ohne mich wei­ter­ge­fah­ren, immer wei­ter in die Pro­vinz hin­ein. BuVi­So­Co-Sie­ger Tim Bendz­ko, Phil­ipp Poi­sel, der Rap­per Cas­per, der Tom­te-lose Thees Uhl­mann – ihre Plat­ten wer­den von vie­len Kri­ti­kern gelobt und von irr­sin­nig vie­len Men­schen gut gefun­den, denen ich sonst durch­aus Musik­ge­schmack unter­stel­len wür­de. Und ich ste­he fas­sungs­los dane­ben und füh­le mich, als wären plötz­lich Alle Fans des VfL Wolfs­burg.

Deutsch­spra­chi­ge Musik, so scheint es, zer­fällt die­ser Tage in zwei Extre­me: Auf der einen Sei­te der Dis­kurs­pop von Toco­tro­nic, Jochen Dis­tel­mey­er oder Ja, Panik, der von Zeit­schrif­ten wie „Spex“ und „Intro“ abge­fei­ert, aber so rich­tig dann doch von nie­man­dem ver­stan­den wird, auf der ande­ren die gefüh­li­gen Singer/​Songwriter, deren Songs die Musik­re­dak­tio­nen deut­scher Radio­sen­der vor zehn Jah­ren noch den Kol­le­gen von WDR 4 rüber­ge­scho­ben hät­ten. Indie ist nicht nur Main­stream gewor­den, son­dern in Tei­len auch zum Schla­ger geron­nen.

Als vor sie­ben, acht Jah­ren die „neu­es­te deut­sche Wel­le“ aus­ge­ru­fen wur­de, weil Bands wie Wir Sind Hel­den, Juli oder Sil­ber­mond plötz­lich in Sachen Absatz­zah­len und Air­play erfolg­reich waren, war schon zu befürch­ten, als was für eine Far­ce sich die Geschich­te wie­der­ho­len wür­de. So wie Anfang der Acht­zi­ger auf Kraft­werk, Ide­al und die Fehl­far­ben irgend­wann Mar­kus, Hubert Kah und Fräu­lein Men­ke gefolgt waren, wür­de auch dies­mal das gan­ze Sys­tem in sich zusam­men­stür­zen, bis nur noch ein paar One Hit Won­der für den Nach­fol­ger der „ZDF-Hit­pa­ra­de“ übrig blie­ben und dann wür­de über Jah­re kein Label mehr deutsch­spra­chi­ge Musi­ker unter Ver­trag neh­men und kein Radio­sen­der sie spie­len.

Doch es kam schlim­mer als befürch­tet: Der Erfolg von Bands wie Sil­ber­mond, Revol­ver­held oder Cul­cha Can­de­la erwies sich als eini­ger­ma­ßen nach­hal­tig und die gan­zen ver­zwei­fel­ten Nach­züg­ler-Sig­nings, die den Plat­ten­fir­men in den Acht­zi­gern irgend­wann um die Ohren geflo­gen waren, erwie­sen sich jetzt, in den Zei­ten ihrer schlimms­ten Kri­se, zumeist als gül­de­ne Glücks­grif­fe. Die ver­damm­te Bla­se woll­te ein­fach nicht mehr plat­zen!

Als Andrea Berg bei der dies­jäh­ri­gen Echo-Ver­lei­hung ein wenig pat­zig mehr als nur eine Schla­ger-Kate­go­rie beim deut­schen Musik­preis ein­for­der­te, brach­te das die ohne­hin schlech­te Stim­mung in der Hal­le nicht gera­de nach vor­ne. Dabei waren unter der Über­schrift „Album des Jah­res (natio­nal oder inter­na­tio­nal)“ fol­gen­de Wer­ke nomi­niert gewe­sen: „Gro­ße Frei­heit“ von Unhei­lig, „Schwe­re­los“ von Andrea Berg, das „Best Of“ von Hele­ne Fischer, „My Cas­set­te Play­er“ von Lena und „A Curious Thing“ von Amy Mac­do­nald. Es muss schon ein erstaun­li­cher gesell­schaft­li­cher Wan­del statt­ge­fun­den haben, wenn die jun­ge, weib­li­che Ant­wort auf Chris de Burgh und das Album der deut­schen ESC-Teil­neh­me­rin („Schla­ger-Grand-Prix“, wie man­che Men­schen heu­te noch sagen) die unschla­ger­haf­tes­ten Ver­tre­ter bei den meist­ver­kauf­ten Alben des Jah­res dar­stel­len.

Mode­ra­to­rin Ina Mül­ler hat­te bei der Ver­lei­hung des Volks­mu­sik-Echos an die Ami­gos laut­stark dazu auf­ge­ru­fen, die Wän­de zwi­schen den Schub­la­den ein­zu­rei­ßen, dabei woll­ten die anwe­sen­den coo­len und klatsch­fau­len Rock­stars und Plat­ten­fir­men­men­schen sich nur nicht ein­ge­ste­hen, dass das längst gesche­hen war. Quer durch alle Kate­go­rien nomi­niert waren ein zot­te­li­ger Gei­ger, der sich kom­mer­zi­ell erfolg­reich an der Inter­pre­ta­ti­on von Rock­songs ver­sucht hat­te; ein altern­der Chan­son­nier; ein jugend­li­cher Chan­son­nier; eine Opern­sän­ger-Boy­group, die Pop­songs nach­schmet­tert; der Erfin­der des Gothic-Schla­gers und nicht zuletzt Ina Mül­ler selbst, deren Songs von Frank Ramond geschrie­ben wer­den, der seit Jah­ren mit sei­nen augen­zwin­kern­den Wort­spie­le­rei­en für Annett Loui­san, Bar­ba­ra Schö­ne­ber­ger und Roger Cice­ro den Mas­sen­ge­schmack trifft wie kaum ein Zwei­ter.

Was uns zu Cas­per bringt, jenem „Kon­sens-Rap­per“, des­sen Album „XOXO“ über­ra­schend, ange­sichts des media­len „Geheimtipp“-Overkills im Vor­feld aber durch­aus kon­se­quen­ter­wei­se auf Platz 1 der Charts ein­ge­stie­gen war. Dies ist die Stel­le, an der ich fai­rer­wei­se erklä­ren soll­te, dass ich bis auf weni­ge Aus­nah­men mit deutsch­spra­chi­gem Hip­hop so rein gar nichts anfan­gen kann. Das war in den 1990ern noch ganz lus­tig, als alle wie die ame­ri­ka­ni­schen Vor­bil­der auf dicke Hose mach­ten, miss­fällt mir jetzt aber zuneh­mend. Dabei will ich nicht mal aus­schlie­ßen, dass man auch auf Deutsch hin­ter­grün­di­ge, wit­zi­ge und gute Tex­te rap­pen kann – allein man­gelt es den meis­ten Ver­tre­tern die­ses Gen­res schon an den dafür not­wen­di­gen Fer­tig­kei­ten, sprich: Skills. Es reicht mir nicht, wenn sich einer holp­rig durch die Sät­ze quält. Womög­lich fehlt mir das not­wen­di­ge Enzym oder Gen, aber in mei­nen Ohren fällt „Das war’s. Auf das, was war /​ Zwi­schen all den Ficks auf dem Tisch aus dem Glas /​ Und hätt‘ ich dich nie gekannt /​ Wär‘ der Ben bloß der Cas­per der rappt /​ Aber du wärst nur die Frau von der Bar“ (Cas­per) sprach­lich und inhalt­lich sogar noch hin­ter „Ver­piss dich /​ Ich weiß genau, Du ver­misst mich“ (Tic Tac Toe) zurück. 1 Wenn das „Stu­den­ten­rap“ sein soll (und Sie müs­sen sich das auch noch in Cas­pers Schiff­schau­kel­brem­ser­stim­me vor­stel­len), kann ich auf eine Begeg­nung mit „Son­der­schü­ler­rap“ bes­tens ver­zich­ten.

Doch die Ver­to­nung von Tage­buch­ein­trä­gen wird geschätzt. Es ist eine „neue“, womög­lich „scho­nungs­lo­se Offen­heit“. Klop­stock 2.0. Da ist es auch nicht ver­wun­der­lich, dass Tom­te-Sän­ger Thees Uhl­mann (der mit Cas­per bei gleich zwei Tracks koope­riert) auf sei­ner ers­ten Solo-Sin­gle tote Fische besingt.

Doch, tat­säch­lich: „Zum Lai­chen und Ster­ben zie­hen die Lach­se den Fluss hin­auf“ ver­kün­det er und preist auf sei­nem Album wie in zahl­rei­chen Inter­views das Dorf­le­ben. Bei Tom­te hat­te er noch davon gesun­gen, „sein Ver­sa­gen nicht län­ger Über­zeu­gung zu nen­nen“, auf sei­nem selbst­be­ti­tel­ten Solo­de­büt zele­briert er jetzt genau das. Von Jour­na­lis­ten lässt er sich dabei mit Bruce Springsteen ver­glei­chen – und wenn die es nicht tun, macht er es eben selbst. Zwar konn­te nicht ein­mal der Boss über eine Super­markt­kas­sie­re­rin sin­gen, ohne dass man vor Fremd­scham in einen Turm aus Kon­ser­ven­do­sen sprin­gen woll­te, aber das hält Uhl­mann nicht davon ab, die­ses Feld mit „Das Mäd­chen von Kas­se 2“ noch ein­mal zu beackern. Ich erken­ne den Ver­such an, den gesell­schaft­lich Über­se­he­nen ein Denk­mal bau­en zu wol­len, aber, Ent­schul­di­gung!, das konn­ten Pur bes­ser – und die muss­ten dafür zur Stra­fe im Stu­dio­ne­bel der „Hit­pa­ra­de“ ste­hen.

Über­haupt müs­sen wir Abbit­te leis­ten bei Pur, der Mün­che­ner Frei­heit, Rein­hard Mey, Wolf Maahn, Heinz-Rudolf Kun­ze, Klaus Lage, Bap, Pur­ple Schulz und vor allem bei Udo Jür­gens. 2 Von mir aus soll Tim Bendz­ko nur noch kurz die Welt ret­ten wol­len und Andre­as Bou­ra­ni (des­sen „Nur in mei­nem Kopf“ ich für ein paar Wochen sogar ziem­lich toll fand) wie ein Eis­berg glän­zen und schei­nen wol­len, aber dann kön­nen wir nicht mehr mit dem Fin­ger auf die Leu­te zei­gen, die ein paar Jahr­zehn­te zuvor das Glei­che gemacht haben.

Die Uhlmann’schen Hei­mat­me­lo­dien und die gan­zen wasch­lap­pi­gen Lie­bes­be­teue­run­gen der jun­gen Lie­der­ma­cher sind die pop­kul­tu­rel­le Rück­kehr zum Bie­der­mei­er. Sie lie­fern das „klei­ne biss­chen Sicher­heit“ in „die­ser schwe­ren Zeit“, das Sil­ber­mond schon vor zwei­ein­halb Jah­ren ein­ge­for­dert hat­ten. Die­ser Eska­pis­mus ins Inners­te zeig­te sich dann auch am Tref­fends­ten im Namen jener Band, die sich beim Bun­des­vi­si­on Song Con­test einen Moment wünsch­te, der „echt“ und „per­fekt“ ist: Glas­per­len­spiel. Her­mann Hes­se ist ja tat­säch­lich das, was uns am volks­wirt­schaft­li­chen Abgrund noch gefehlt hat: Wan­de­run­gen durch Indi­en, ein biss­chen Meta­phy­sik und dann hin­ein in die Selbst­aus­lö­schung. Die Bücher von Mar­got Käß­mann ver­kau­fen sich schon ver­däch­tig gut.

Gewiss, das alles sind Geschmacks­fra­gen. Und die kann man sich ja oft genug selbst nicht beant­wor­ten. Ich ver­ste­he zum Bei­spiel nicht, war­um ich das Debüt­al­bum von Gre­gor Meyle (Zwei­ter bei Ste­fan Raabs vor­letz­ter Cas­ting-Show) immer noch ganz char­mant fin­de, beim ähn­lich roman­tisch gela­ger­ten Phil­ipp Poi­sel aber immer kurz vor der Selbst­ent­lei­bung ste­he. 3

Viel­leicht hängt mei­ne Abnei­gung auch mit der Spra­che zusam­men, wobei Thees Uhl­mann gleich das bes­te Gegen­ar­gu­ment gegen die­se The­se ist, denn bei Tom­te waren sei­ne Tex­te ja über wei­te Tei­le noch unpein­lich bis groß­ar­tig. Ande­rer­seits: Eine Aus­sa­ge wie „Du hast die Art ver­än­dert, wie Du mich küsst“ wür­de man ohne zu Zögern dem Werk der Andrea Berg zuord­nen. Auf Eng­lisch taugt es beim Rap­per Exam­p­le zu einem der bes­ten Songs des Jah­res. Und irgend­wie war es gar nicht so schlimm, als Prin­ce oder Chris Mar­tin auf Eng­lisch san­gen, der Ver­flos­se­nen nie­mals Kum­mer berei­tet haben zu wol­len. Wenn jetzt einer singt, „Ich woll­te nie, dass Du weinst“, wünscht man sich doch drin­gend Ramm­stein her­bei, die bit­te das genaue Gegen­teil dekla­mie­ren sol­len, nur damit mal ein biss­chen Leben in der Bude ist.

„Kei­ner, wirk­lich kei­ner, braucht deut­sche Song­wri­ter“ singt Frie­de­mann Wei­se in sei­nem sehr unter­halt­sa­men Lied, das nur einen klei­nen Haken hat: Das ein­zi­ge, was noch schlim­mer ist als scho­nungs­lo­se Offen­heit in Lied­tex­ten, ist unge­hemm­te Iro­nie. Des­we­gen sind die Toten Hosen bei all ihrer Schlimm­heit immer noch den Ärz­ten vor­zu­zie­hen, die jed­we­den Hin­weis auf eine Hal­tung ver­mis­sen las­sen.

Die zen­tra­le Fra­ge jedoch bleibt: War­um sind heu­te Musi­ker mit Tex­ten erfolg­reich, die jun­ge Men­schen noch vor weni­gen Jah­ren rund­her­aus als kit­schig abge­lehnt hät­ten? Sind die Hörer sen­si­bler gewor­den oder nur tole­ran­ter? Und was hat das alles mit der WM 2006 zu tun?

Offen­le­gung: Ich habe an der dies­jäh­ri­gen Echo-Ver­lei­hung mit­ge­ar­bei­tet und bin mit eini­gen der hier gediss­ten Künst­ler per­sön­lich bekannt.

  1. „Aus“! „Dem“! „Glas“! Alter, was ist mit Dir nicht in Ord­nung?![]
  2. Nicht jedoch und unter kei­nen Umstän­den bei Mari­us Mül­ler-Wes­tern­ha­gen.[]
  3. Poi­sel hat aller­dings auch eine Stim­me, auf die ich mir kör­per­li­cher Abnei­gung reagie­re – wobei mir der nasa­le Gesang eines Bil­ly Cor­gan oder das Röh­ren eines Kel­ly Jones immer gut gefal­len hat.[]
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Sweetness Follows

Mit sieb­zehn Jah­ren litt ich an wie­der­keh­ren­den Kopf­schmer­zen, so dass mich mein Haus­arzt irgend­wann zu einem Spe­zia­lis­ten schick­te, der eine Com­pu­ter­to­mo­gra­phie vor­neh­men soll­te. Im War­te­zim­mer sah ich das gan­ze Elend der Welt: Kah­le Män­ner, Frau­en und ich glau­be sogar Kin­der, und mir wur­de klar, dass sich mein gan­zes Leben gleich inner­halb von einer Sekun­de ändern könn­te. Doch in mei­nem Kopf fand sich nichts, was dort nicht hin­ge­hört hät­te, mein Papa fuhr mich wie­der nach hau­se, die Son­ne schien und im Radio lief „Imi­ta­ti­on Of Life“ von R.E.M.

Ein paar Wochen spä­ter spiel­te die Band ein kos­ten­lo­ses Kon­zert in Köln und obwohl ich sehr gern hin­ge­gan­gen wäre, ent­schied ich mich mit mei­nem bes­ten Freund doch dage­gen und sah mir das Kon­zert (oder das, was MTV davon zu über­tra­gen belieb­te) im Fern­se­hen an. Dass der Abend ins­ge­samt doch noch legen­där wur­de, lag nicht aus­schließ­lich an die­sem Kon­zert, aber zu einem guten Teil.

R.E.M. sind tat­säch­lich eine die­ser Bands, die immer da waren, deren Musik ich aus dem Radio kann­te, lan­ge bevor ich wuss­te, von wem sie ist. Für ihre Hoch­pha­se bin ich eigent­lich zu jung („Auto­ma­tic For The Peo­p­le“ erschien, als ich neun Jah­re alt war), aber man kann ja auch spä­ter ein­stei­gen und sich dann im Back­ka­ta­log zurück arbei­ten – und dann als Teen­ager Abend um Abend in sei­nem Zim­mer sit­zen, „Ever­y­bo­dy Hurts“ und „Night­swim­ming“ hören und sich soooo ver­stan­den füh­len.

Ges­tern nun haben Micha­el Sti­pe, Mike Mills und Peter Buck bekannt­ge­ge­ben, ihre Band auf­zu­lö­sen. Genau­er: Die Band ist schon auf­ge­löst, so ein Elend wie eine Abschieds­tour wird es nicht geben. Das kommt einer­seits ein biss­chen unver­mit­telt, ist dann aber ande­rer­seits auch schlüs­sig, wenn auch nicht zwin­gend not­wen­dig. Es gäbe ande­re Bands, die sich drin­gen­der auf­lö­sen soll­ten (U2, Ste­reo­pho­nics), oder bes­ser nie gegrün­det hät­ten (Sun­ri­se Ave­nue, Revol­ver­held).

R.E.M. haben nie ein schlech­tes Album auf­ge­nom­men (obwohl „Up“ ver­dammt nah dran war), zuletzt sogar wie­der zwei gute. Nur: Was will man mit „Col­lap­se Into Now“, wenn man „Auto­ma­tic For The Peo­p­le“ hat, eines der viel­leicht per­fek­tes­ten Alben des 20. Jahr­hun­derts? Neun bis zehn der ins­ge­samt 12 Titel die­ses Albums sind min­des­tens phan­tas­tisch und „Ever­y­bo­dy Hurts“ ist dabei fast noch das schlech­tes­te, weil viel zu offen­sicht­lichs­te, unter ihnen.

Sasha Fre­re-Jones schreibt dazu beim „New Yor­ker“:

The­re is an admi­ra­ble mis­si­on at play: reassu­ring tho­se who cry, who hurt, who need sus­ten­an­ce. That would be all of us, and we all turn to music when we need reassu­rance. But say­ing, „It’s all going to be O.K.“ is your friend’s job, not your band’s. All of R.E.M.’s lumi­nous odd­ness and nes­ted beau­ty is tur­ned into pen­ny taffy.

(Bei dem Teil, es sei nicht Auf­ga­be einer Band, einem Trost zu geben, muss ich ihm aller­dings ent­schie­den wider­spre­chen.)

Wenn Fre­re-Jones schreibt, R.E.M.s Tren­nung käme zehn Jah­re zu spät (eine Mei­nung, die von vie­len geteilt wird), ist mir das ein biss­chen zu poin­tiert, hät­ten wir doch „Bad Day“, „Lea­ving New York“, „Super­na­tu­ral Super­se­rious“ oder „ÜBer­lin“ ver­passt – Songs, die bei vie­len ande­ren Bands zu den Höhe­punk­ten ihres Schaf­fens zäh­len wür­den. Aber nach 31 Jah­ren darf es dann ruhig auch mal gut sein, wenn es nicht sowie­so irgend­wann zur unver­meid­li­chen Reuni­on kom­men soll­te.

Was bleibt ist, neben der Musik, natür­lich vor allem Micha­el Sti­pe. Einer der cha­ris­ma­tischs­ten Men­schen im welt­wei­ten Medi­en­cir­cus. Einer der gezeigt hat, wie wun­der­schön unge­len­kes Rum­ham­peln wir­ken kann. Einer, den ich immer nen­nen wür­de, wenn man mich nach Pro­mi­nen­ten frag­te, die mich beein­flusst haben.

Peter Flo­re schreibt bei intro.de, mit R.E.M. tre­te die „größ­te Indie­band der Welt“ ab, und das stimmt, denn trotz gut gefüll­ter Sta­di­en waren R.E.M. eigent­lich immer eine Spur zu eckig und zu ver­schro­ben.

Noch mal Sasha Fre­re-Jones:

Their good stuff is dura­ble and gor­ge­ous, and they pul­led off a trick that indie rock has strug­g­led with ever sin­ce: How do you stay weird if you also like singab­le songs? How do you get the pret­ty wit­hout joi­ning Club Obvious? R.E.M. never let their live show slip, and they gave a huge num­ber of peo­p­le an opti­on that still works.

Kei­ne „Imi­ta­ti­on Of Life“, son­dern das Leben selbst.

Mein Lieb­lings­song von R.E.M. ist übri­gens inzwi­schen die­ser hier:

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Musik Gesellschaft

Death Of A Clown

Heu­te pfei­fen wir mal auf all unse­re Prin­zi­pi­en und brin­gen eine Pres­se­mit­tei­lung im vol­len Ori­gi­nal-Wort­laut:

Pres­se­mit­tei­lung

Top Ten der Trau­er­hits: Unhei­lig Auf­stei­ger des Jah­res bei Beer­di­gun­gen

Ham­burg, 08. Sep­tem­ber 2011 – Seit über einem Jahr domi­niert die Band Unhei­lig die deut­schen Album Charts. Ihre Hit­sin­gle „Gebo­ren um zu leben“ ist laut einer Umfra­ge von Bestattungen.de schon das zweit­meist gespiel­te Lied bei Trau­er­fei­ern. Dies ist nur ein Bei­spiel für den all­ge­mei­nen Trend: Trau­er­mu­sik wird aktu­el­ler und indi­vi­du­el­ler. Bestattungen.de hat Bestat­ter und Ange­hö­ri­ge befragt und die dies­jäh­ri­gen Top Ten der „Trau­er­hits“ erstellt.

2011 belegt wie im Vor­jahr „Time To Say Good­bye“ von Sarah Bright­man den ers­ten Platz. „Pop-Bal­la­den domi­nie­ren wei­ter. Aber der Erfolg von Unhei­lig und die Top Ten Plat­zie­rung des Titels ‚High­way To Hell‘ von AC/​DC zei­gen, dass sich der gesell­schaft­li­che Trend zum Indi­vi­dua­lis­mus eben­falls bei der Aus­wahl von Trau­er­mu­sik abzeich­net“, erläu­tert Bestattungen.de-Geschäftsführer Fabi­an Schaaf.

Hin­ter Bright­man und Unhei­lig folgt der ver­stor­be­ne Hawai­ia­ner Isra­el Kama­ka­wi­wo’o­le mit „Some­whe­re Over The Rain­bow“ auf Platz drei. Auch Klas­sik und Schla­ger fin­det sich in der Bes­ten­lis­te, wie „Ave Maria“
von Franz Schu­bert (Platz vier) und „Über den Wol­ken“ von Rein­hard Mey (Platz acht). „Älte­re Titel sind wei­ter­hin stark ver­tre­ten. Jedoch zeigt sich, dass sich immer mehr Ange­hö­ri­ge für aktu­el­le Titel ent­schei­den“, erläu­tert Schaaf.

Wäh­rend Bestat­tun­gen frü­her gemäß den gesell­schaft­li­chen Nor­men sehr kon­ser­va­tiv waren, gibt es heu­te nicht mehr die „nor­ma­le“ Bestat­tung. Daher erwar­ten die Exper­ten von Bestattungen.de, dass sich der Trend
zu indi­vi­du­el­ler und aus­ge­fal­le­ner Musik wei­ter ver­stär­ken wird.

„Musik ist enorm wich­tig für die Trau­er­be­wäl­ti­gung. Bestat­ter müs­sen mit der Zeit gehen und den per­sön­li­chen Wil­len des Ver­stor­be­nen und der Ange­hö­ri­gen akzep­tie­ren. Ganz egal, wel­che Musik­rich­tung gewünscht wird“, for­dert Bestat­ter Burk­hard Huber. Musik von Unhei­lig und Lie­der wie „Always Look On The Bright Side Of Life“ von Eric Idle oder sogar „Bie­ne Maja“ von Karel Gott sind heu­te kein Tabu mehr, son­dern wer­den bei Trau­er­fei­ern immer häu­fi­ger gespielt.

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Hallo Endorphin

Als ich auf dem Hald­ern-Pop-Fes­ti­val stand, dach­te ich so vor mich hin, dass ich im Moment kaum Inter­es­se an melan­cho­li­scher Musik habe und lie­ber den gan­zen Tag Andrew W.K. höre, und dass mich selbst die groß­ar­tigs­ten Kon­zer­te und Plat­ten nicht mehr so packen wie noch vor Jah­ren. (Immer­hin habe ich in die­sem Jahr ver­stan­den, dass nie­mals ein Fes­ti­val oder Kon­zert für mich so eine Bedeu­tung haben wird wie das Hald­ern 2001, weil nie­mals mehr eine Band so eine Bedeu­tung haben wird wie Tra­vis für den 17-jäh­ri­gen Lukas.)

Dann hör­te ich auf WDR2 (einem Sen­der, den ich Tag für Tag demü­tig ertra­ge, weil er mich alle paar Wochen bis Mona­te mit einem gran­dio­sen Song über­rascht, den ich bis dahin gar nicht auf dem Schirm hat­te) einen Song, den ich zunächst für einen Oldie hielt. Es han­del­te sich aber, so erfuhr ich als­bald, um die recht aktu­el­le Sin­gle eines Man­nes namens Jona­than Jere­mi­ah:

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Ich habe kei­ne Ahnung, was ande­re Medi­en über Jona­than Jere­mi­ah schrei­ben und wie bekannt er inzwi­schen ist – und es inter­es­siert mich auch nicht. Ich habe bei iTu­nes kurz in sein Debüt­al­bum „A Soli­ta­ry Man“ her­ein­ge­hört und es dann gekauft. Seit­dem läuft es nahe­zu unun­ter­bro­chen und lässt mein Leben wir­ken wie eine sehr luf­ti­ge roman­ti­sche Komö­die.

Der Klang die­ses Albums ist phan­tas­tisch. Es klingt, als habe man aus Samples von 60er- und 70er-Jah­re-Plat­ten ein neu­es Album zusam­men­ge­baut. Vom Sound des Schlag­zeugs über das Flü­gel­horn bis hin zu den Strei­chern ist es der Ori­gi­nal­klang von Burt Bacha­rach und Bill Withers. Alles passt so gut zusam­men und klingt so authen­tisch, dass ich mich stän­dig fra­ge, ob das nicht zu per­fekt ist, zu kal­ku­liert.

Doch nichts an die­sem Album wirkt kal­ku­liert. Es hat den war­men Sound eines sehr son­ni­gen Herbst­nach­mit­tags (die tief­stehen­de Son­ne auf dem Album­co­ver mag da in die Rezep­ti­on mit rein­spie­len) und die Stim­me von Jona­than Jere­mi­ah klingt sehr lie­bens­wür­dig und ver­traut, wenn er über ver­lo­re­ne Lie­be, Ein­sam­keit und das Zuhau­se („whe­re my peo­p­le live“) singt. Das Album ist 37 Minu­ten kurz und ich bin jedes mal erstaunt, wenn es schon wie­der durch­ge­lau­fen ist – obwohl ich die gan­zen 37 Minu­ten mit Gän­se­haut und völ­li­ger Ver­zü­ckung zuge­hört habe.

Ich möch­te mich mit Super­la­ti­ven zurück­hal­ten – zum einen, weil ich immer noch ein biss­chen Angst habe, in ein paar Jah­ren die­sen Blog­ein­trag wie­der­zu­fin­den und mich in Grund und Boden zu schä­men (aber die­se Angst lässt minüt­lich nach), zum ande­ren, weil ich in den letz­ten Mona­ten und Jah­ren ja durch­aus vie­le tol­le Alben gehört habe, die mich durch­aus berührt haben (das groß­ar­ti­ge neue Bon-Iver-Album ist hier im Blog sträf­li­cher­wei­se immer noch uner­wähnt, aber das wur­de ja sowie­so über­all abge­fei­ert). Aber „A Soli­ta­ry Man“ ist schon ein sehr, sehr, sehr, sehr, sehr, sehr tol­les Album.

Bit­te kau­fen Sie sich das und schen­ken Sie es allen Men­schen, die Sie gern haben!

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Musik

Wenn es passiert

Ja, das mit den Pod­casts hat nicht geklappt. Das Mikro­fon lief nur am HTC-Smart­phone, aber da funk­tio­nier­te die zuge­hö­ri­ge App plötz­lich nicht mehr. Das tat sie zwar auf dem iPod touch, aber der wei­ger­te sich, das Mikro anzu­er­ken­nen. Die Zukunft liegt im CB-Funk, sag ich Ihnen. Egal …

Jeden­falls hab ich jetzt von jedem Act, den ich gese­hen hab, ein ein­mi­nü­ti­ges Video gedreht, das Sie hier zu sehen bekom­men.

Fes­ti­vals sind wie „Lethal Weapon“-Filme: Das Per­so­nal ist weit­ge­hend gleich, die ein­zel­nen Ver­satz­stü­cke sind bekannt und alle paar Minu­ten sagt jemand, er sei zu alt für die­sen Scheiß. Es flie­gen nur weni­ger Din­ge in die Luft und es wer­den weni­ger Leu­te von Surf­bret­tern ent­haup­tet.

Die wich­tigs­te Nach­richt noch zu Beginn: Das Tra­gen von Jeans­hem­den ist in Deutsch­land offen­bar wie­der straf­frei mög­lich. Ver­mut­lich hat die Bun­des­re­gie­rung ver­schla­fen, das ent­spre­chen­de Gesetz zu ver­län­gern und jetzt haben wir alle den Salat. Schön ist das nicht!

Und nun: Musik!

Yuck

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In Hald­ern steht ein Spie­gel­zelt und ich has­se es – wenn ich nicht rein­kom­me. Vor des­sen Ein­lass hat sich eine meh­re­re hun­dert Meter lan­ge Schlan­ge gebil­det, in denen die Men­schen fried­lich und in Zwei­er­rei­hen dar­auf war­ten, noch hin­ein­ge­las­sen zu wer­den. Eini­ger­ma­ßen ver­geb­lich, wie ihnen selbst klar sein muss. Aber die Kon­zer­te von drin­nen wer­den nach drau­ßen in den Bier­gar­ten über­tra­gen und so kön­nen wir alle Yuck aus Lon­don sehen und hören, die neue Shoe­ga­ze-Sen­sa­ti­on. Der ange­nehm schram­me­li­ge Sound ihres selbst­be­ti­tel­ten Debüt­al­bums kommt auch live schön rüber und das Jeans­hemd darf der Sän­ger (der in jedem Bob-Dylan-Bio­pic die Ide­al­be­set­zung wäre) ja wie­der tra­gen.

Julia Mar­cell

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Mit ihrer durch­sich­ti­gen Blu­se bringt Julia Mar­cell ein biss­chen ESC-Atmo­sphä­re aufs Hald­ern. Viel­leicht ist es aber auch nur ein Regen­cape, sowas tra­gen hier drau­ßen grad alle. Musi­ka­lisch wäre das stel­len­wei­se auch beim Songcon­test denk­bar, aber mit die­sen Björk-Anlei­hen käme Polen ver­mut­lich nicht ins Fina­le. Julia Mar­cells neu­es Album erscheint auf Hald­ern Pop Recor­dings, das Pro­gramm­heft spricht von „Opu­lenz“, was es wohl ganz gut trifft.

The Avett Brot­hers

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Das könn­ten vom Publi­kums­zu­spruch her die nächs­ten Mum­ford & Sons wer­den – nur, dass die Avett Brot­hers schon viel län­ger dabei sind und (zumin­dest zum Teil) wirk­lich Brü­der sind. Bei den dies­jäh­ri­gen Gram­mys haben sie gemein­sam mit Mum­ford & Sons und Bob Dylan per­formt und damit ist ja wohl alles gesagt. Ihr fol­ki­ger Rock mit Blue­grass- und Punk­ein­flüs­sen kommt super an, die Men­schen tan­zen auch drau­ßen im Nie­sel­re­gen, nur der Sound ist lei­der sehr schlecht.

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Musik Digital

Haldern-Podcasts

Zwei­tes August­wo­chen­en­de, schlech­tes Wet­ter – die Zeit ist reif fürs Hald­ern Pop Fes­ti­val!

Ich mach mich gleich auf den Weg zu mei­nem 12. Hald­ern machen und freue mich schon sehr auf The Low Anthem, The Wom­bats, James Bla­ke, Fleet Foxes, Yuck, Ale­xi Mur­doch und vie­le ande­re.

Hier im Blog wer­den wir etwas ganz Neu­es aus­pro­bie­ren, von dem ich selbst am Meis­ten über­rascht wäre, wenn es funk­tio­nier­te: Jeden Abend, nach­dem die (meis­ten) Kon­zer­te vor­bei sind, wer­den wir einen klei­nen Pod­cast auf­neh­men und anschlie­ßend direkt hier ver­öf­fent­li­chen. (Das Kon­zept ist natür­lich abge­schaut von der SXSW-Bericht­erstat­tung von „All Songs Con­side­red“.)

Mit etwas Glück, viel Mond­licht und ein paar Hüh­ner­kno­chen soll­ten Sie hier im Blog in den nächs­ten drei Tagen also drei Pod­casts fin­den. Wenn nicht, stel­len sie sich bit­te ein­fach vor, wie ich in mei­nem Zelt sit­ze und Hard- und Soft­ware viel­far­big ver­flu­che.

Nach­trag, 14. August: Ja, gut, äääh …

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Musik

ZusammengeK.I.T.T.et

Saxo­phon, Cel­lo und Beat­boxing – die Kom­bi­na­ti­on klingt erst mal … äh … „inter­es­sant“.

Aber hören Sie mal, was pas­siert, wenn man in die­ser Beset­zung die Titel­mu­sik von „Knight Rider“ spielt:

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Die Duis­bur­ger Band Beas­ting gibt’s (natür­lich) auch bei Face­book.

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Musik Gesellschaft

Taking Oslo back

Als ich am Frei­tag Nach­mit­tag die ers­ten Bil­der aus Oslo sah, fühl­te ich mich auch per­sön­lich betrof­fen. Immer­hin war zum ers­ten Mal eine Bom­be in einer Stadt explo­diert, in der ich vor­her schon mal gewe­sen war. Es ist eine merk­wür­di­ge For­mu­lie­rung, weil es natür­lich kein Volk die­ser Erde ver­dient hät­te, aber die fried­li­chen, lie­bens­wür­di­gen Nor­we­ger hat­ten es irgend­wie ganz beson­ders wenig ver­dient.

Die Nor­we­ger reagie­ren jetzt mit dem Auf­ruf zur Ver­söh­nung, zum Frie­den und zur Lie­be, was mir einer­seits gleich noch mal das Herz bricht, die­ses aber ande­rer­seits auch wärmt. Stim­men wie die der instinkt- und wür­de­lo­sen CSU-Fal­ken, die här­te­re Sicher­heits­ge­set­ze for­der­ten, noch ehe die Lei­chen kalt waren, habe ich aus Nor­we­gen kei­ne ver­nom­men.

In zwei Wochen fin­det in Oslo das Øya-Fes­ti­val statt, das Men­schen, die schon mal dort waren, als eines der schöns­ten Fes­ti­vals über­haupt bezeich­nen. Die Orga­ni­sa­to­ren haben mit sich gerun­gen, ob sie es absa­gen soll­ten – und sich dann dage­gen ent­schie­den.

Statt­des­sen schrei­ben sie:

The last few days have been hea­vy and unre­al. Our thoughts go out to ever­yo­ne who has lost someone or in some other way has been affec­ted by the tra­ge­dy in the cent­re of Oslo and at Utøya. We send our con­do­len­ces and com­pas­si­on to the peo­p­le who are strugg­ling right now. The­se are times for mour­ning and reflec­tion, and we know that many will now have to use all their time and ener­gy on working through what has hap­pen­ed. In the midst of all this, we find it important that our city and its citi­zens shall not be bro­ken by what hap­pen­ed this weekend. Orga­nisers of con­certs and events in Oslo have joint­ly agreed that this shall not stop us. The Poli­ce, the Govern­ment and the gene­ral audi­ence have expres­sed a strong wish that Oslo resu­mes some kind of nor­ma­li­ty as soon as pos­si­ble. Tog­e­ther with the popu­la­ti­on of Oslo and visi­tors from abroad we wish to take our city back. Fes­ti­vals, con­certs and other cul­tu­ral or sports events are meant to be are­nas for com­mon expe­ri­en­ces, unity and posi­ti­ve impres­si­ons during hard times. We hope that our events can help ease the sad­ness and also be good mee­ting places in the days and weeks to come. We wish to take Oslo back by once again fil­ling it with the gre­at varie­ty of cul­tu­ral acti­vi­ties this city is known for and also by spre­a­ding a clear mes­sa­ge that our popu­la­ti­on wants to take care of each other.

Ich möch­te gleich ein gan­zes Land in den Arm neh­men.

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Musik

Mein Reim auf Schmerz

Es ist (mal) wie­der Som­mer in Ber­lin. Über­all lun­gern die Leu­te in Parks und in den Außen­gas­tro­no­mie­be­rei­chen (drau­ßen nur Selbst­be­die­nung) rum, von der Ober­baum­brü­cke, wo man sowie­so den schöns­ten Blick auf die Stadt hat, sieht Ber­lin in der Abend­son­ne regel­recht ein­la­dend und schön aus. Also die opti­ma­len äuße­ren Vor­aus­set­zun­gen, um sich mit ein paar hun­dert ande­ren Men­schen in einen Raum zu quet­schen, der frei von Son­nen­licht und Sau­er­stoff ist.

The Pains Of Being Pure At Heart sind in der Stadt, deren Popu­la­ri­tät ich nie wirk­lich abschät­zen kann, weil eini­ge mei­ner Bekann­ten und Freun­de die Band seit Jah­ren abfei­ern, als gäbe es auf der Welt gar kei­ne ande­ren. Kein ande­res Album habe ich die­ses Jahr schon so oft gehört wie „Belong“, das fan­tas­ti­sche Zweit­werk der Band aus New York City. Ande­rer­seits wur­de das Kon­zert vom Post­bahn­hof in den klei­ne­ren Magnet Club ver­legt.

Eröff­net wird das Kon­zert von Oh, Napo­le­on, die ich hier und andern­orts vor andert­halb Jah­ren schon mal groß abge­fei­ert habe. Letz­te Woche ist end­lich ihr Debüt­al­bum erschie­nen – es ist durch­aus schön gewor­den, aber die bes­ten Songs dar­auf sind die, die auch schon auf der ers­ten EP der Band zu hören waren. Live ist das heu­te eher alles so mit­tel und die Songs, die ich noch mit­be­kom­me (weil ich vor­her zu lan­ge in Abend­son­ne und Außen­gas­tro­no­mie­be­rei­chen geses­sen habe), sind lei­der über­wie­gend lang­wei­lig.

Um kurz nach 22 Uhr steht dann die Haupt­band auf der Büh­ne und wenn ich auf­grund ihrer Musik ein Phan­tom­bild hät­te erstel­len sol­len, dann hät­te ich latent unter­ge­wich­ti­ge Mitt­zwan­zi­ger in Mathe­ma­tik­stu­den­ten­hem­den gezeich­net. Ein Kli­schee, das der Bas­sist freund­li­cher­wei­se erfüllt, wäh­rend Sän­ger Kip Ber­man ein nicht min­der pas­sen­des Bel­le-And-Sebas­ti­an-T-Shirt trägt.

The Pains Of Being Pure At Heart

Wäh­rend die Bratz­gi­tar­ren auf den Alben von The Pains Of Being Pure At Heart meist so weit in den Hin­ter­grund gemischt sind, dass sie unter dem Gesang von Ber­man und Key­boar­de­rin Peg­gy Wang her­vor­schim­mern, sind sie hier domi­nant. Von Wang ist ent­spre­chend kaum etwas zu hören.

Die Set­list ist so, wie man seit den Kil­lers sei­ne Set­list auf­zu­bau­en hat: Alle Hits am Anfang weg­bal­lern. In die­sem Fall „Belong“, „This Love Is Fuck­ing Right“ und „Heart In Your Heart­break“. Damit sind auch fast alle POB­PAH-Songs durch, die ich nament­lich benen­nen kann, die meis­ten klin­gen ja eh so ähn­lich, dass man sich zwi­schen­durch fragt, ob tat­säch­lich immer alle Band­mit­glie­der gemein­sam das glei­che Lied spie­len oder jeder ein ande­res.

Aber das macht gar nichts, im Gegen­teil: Die Eupho­rie und die Raum­tem­pe­ra­tur stei­gen gemein­sam an und als Kip Ber­man dann nach vie­len, vie­len Songs doch mal etwas sagt, stellt er fest, dass dies die bis­her ent­zü­ckends­te Show der Band in Ber­lin gewe­sen sei.

Wäh­rend des Kon­zerts bin ich mir sicher, anschlie­ßend taub zu sein, aber das täuscht: mei­ne Ohren klin­gen kaum nach, die Musik war also eher inten­siv als laut. So ähn­lich muss sich das ange­fühlt haben, Ende der Acht­zi­ger, Anfang der Neun­zi­ger, als die ers­te gro­ße Shoe­ga­ze-Wel­le in die Clubs brach und Bands wie The Pri­mi­ti­ves, My Bloo­dy Valen­ti­ne und Slow­di­ve auf den Büh­nen stan­den. Alles, was auf Plat­te bei­na­he lieb­lich klingt, ist live kraft­voll. Eigent­lich ist alles kraft­voll, wes­we­gen man dem Kon­zert schon ein wenig man­geln­de Abwechs­lung vor­wer­fen kann. Ledig­lich „Con­ten­der“, das Ber­man ohne Band (aber natür­lich auch auf der E‑Gitarre) spielt, hebt sich im Sound vom Rest der Set­list ab.

Nach etwas über einer Stun­de sind alle nass geschwitzt (die Musi­ker beson­ders) und die Band lässt sich auch von anhal­ten­dem Jubel nicht zu einem zwei­ten Zuga­be-Block über­re­den.

Ihren Off-Day am Mitt­woch woll­ten The Pains Of Being Pure At Heart unter ande­rem für einen Besuch des Ramo­nes-Muse­ums nut­zen, ihre Kon­zer­te in den nächs­ten Tagen (und Wochen) soll­ten Sie sich nicht ent­ge­hen las­sen:

7. Juli Dort­mund, FZW
9. Juli Köln, Luxor
13. Juli Bre­men, Lager­haus Bre­men
14. August Ham­burg, Dock­ville Fes­ti­val

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Musik Gesellschaft

Eis, Wurst und Käse

Um ehr­lich zu sein, hat­te ich bis gera­de nicht gewusst, dass es in Bochum ein mit­tel­stän­di­sches Unter­neh­men namens Wurst-König gibt (es gibt halt nur eine Cur­ry­wurst – welt­weit). Nun weiß ich es, eben­so wie, dass es in Bochum eine Nach­wuchs-Punk­band namens Erd­beer­eis gibt. Und die bei­den haben ein Pro­blem mit­ein­an­der.

Erbeer­eis haben offen­bar einen Song namens „Wurst-König“ – oder bes­ser: hat­ten, denn die Anwäl­te des Unter­neh­mens haben von der Band eine Unter­las­sungs­er­klä­rung ein­ge­for­dert.

Die Band stell­te ges­tern die­se rüh­rend hilf­lo­se Erklä­rung online:

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Ich ken­ne den Song nicht, ver­traue aber auf das Urteil, das Ste­fan Lau­rin bei den „Ruhr­ba­ro­nen“ gefällt hat:

Das sich Wurst-König dar­über auf­regt, kann ich gut ver­ste­hen. Der übli­che Tier­recht­ler­schwach­sinn inklu­si­ve Tier-KZ und Belei­di­gung. Tiefs­tes Peta-Niveau. Geht nicht. Aber sei­en wir mal ehr­lich: Das sind Kin­der. Und das Argu­ment mit dem 35.000 Euro Scha­den ist Quatsch.

Wer schon mal das zwei­fel­haf­te Ver­gnü­gen sol­cher­lei juris­ti­scher Aus­ein­an­der­set­zun­gen hat­te, weiß, dass die Höhe sol­cher angeb­li­chen Scha­dens­sum­men vor allem von zwei Fak­to­ren abhängt: der Vor­stel­lungs­kraft eines Anwalts und den Tas­ten, die sei­ne Tas­ta­tur so her­gibt (wahl­wei­se auch das Wet­ter in der letz­ten Voll­mond­nacht). 35.000 Euro Scha­den erschei­nen ent­spre­chend will­kür­lich bei etwa 800 bis 900 Views bei You­Tube und MySpace – zumal jugend­li­che Punk­fans (beson­ders die, die auch noch Vege­ta­ri­er oder Vega­ner sind) jetzt eher nicht als poten­ti­el­le zah­lungs­kräf­ti­ge Kun­den einer Metz­ge­rei gel­ten dürf­ten.

Wurst-König-Geschäfts­füh­re­rin Iris Rach hat den „Ruhr Nach­rich­ten“ erklärt, war­um sie glaubt, dass sie so han­deln muss­te:

„Es wur­de nicht nur der Name benannt, son­dern auch Bil­der aus unse­ren Filia­len im Video gezeigt“, betont Iris Rach. Mit­ar­bei­ter sei­en auf den Bil­dern not­dürf­tig mit einem Bal­ken unkennt­lich gemacht wor­den. Für eine Anony­mi­sie­rung reicht dies nicht. „Ich sah mich gezwun­gen etwas zu unter­neh­men“, so Rach.

Ein Gespräch mit der Band habe es nicht gege­ben. „Ich konn­te kei­nen Kon­takt her­stel­len“, sagt die Geschäfts­füh­re­rin. Eine Adres­se oder eine kon­kre­te Ansprech­per­son ist weder auf You­Tube noch auf der band­ei­ge­nen MySpace-Sei­te zu fin­den. Die Unter­neh­mens­lei­tung habe sich gezwun­gen gese­hen, einen Anwalt ein­zu­schal­ten. „Ich hät­te gern einen ande­ren Weg gewählt“, sagt Rach.

Die gan­ze Situa­ti­on ist ein arges Dilem­ma: Die Empö­rung von Wurst-König ist sicher­lich ver­ständ­lich, der poten­ti­el­le Scha­den aber eher ein theo­re­ti­scher. Das mit der Kon­takt­auf­nah­me ist sicher auch blöd gelau­fen, denn es gibt bei You­Tube und MySpace (die Älte­ren wer­den sich erin­nern) zwar soge­nann­te „Kontakt“-Buttons, die einem die Kon­takt­auf­nah­me mit den Pro­fil­be­trei­bern ermög­licht – aber blö­der­wei­se nur, wenn man dort selbst einen Account hat. Da ist der Anruf beim eige­nen Anwalt deut­lich weni­ger auf­wen­dig.

Bei den „Ruhr­ba­ro­nen“ schreibt Ste­fan Lau­rin vom „Strei­sand-Effekt“ und in der Tat dürf­ten jetzt schon mehr Men­schen von dem Song gehört haben, als ihn jemals zu Gehör bekom­men haben. Nun ist die Fir­ma nicht gegen die Ver­brei­tung wah­rer Tat­sa­chen vor­ge­gan­gen, son­dern gegen ein Schmäh-Lied, was den Ver­gleich mit Strei­sand etwas schief erschei­nen lässt. Natür­lich ist es denk­bar, dass sich ein Inter­net­mob noch auf Wurst-König ein­schie­ßen könn­te – immer­hin wur­den in den Kom­men­ta­ren bei den „Ruhr-Baro­nen“ ers­te Boy­kott-Auf­ru­fe laut. Und gera­de, als ich schrei­ben woll­te, dass einem regio­nal täti­gen Metz­ger die Empö­rung im Inter­net auch egal sein kön­ne, fiel mir auf, dass ihm dann auch das ver­un­glimp­fen­de Lied hät­te egal sein kön­nen. Es ist, wie gesagt, ein arges Dilem­ma.

Die „Ruhr Nach­rich­ten“ berich­ten, dass die Wurst-König-Geschäfts­füh­re­rin kei­ne wei­te­ren recht­li­chen Schrit­te gegen die Band ein­lei­ten wol­le:

Mit dem Löschen der Vide­os sei der Fall für sie erle­digt. Die Anwalts­kos­ten müss­ten die Jungs von Erd­beer­eis aber zah­len.

1.099 Euro (die Höhe der Anwalts­kos­ten rich­tet sich in der Regel nach der Höhe der ange­setz­ten Scha­dens­sum­me) sind viel Geld für fünf Jugend­li­che. Da die Mit­glie­der öfter in der Bochu­mer Fuß­gän­ger­zo­ne musi­zie­ren, wer­de ich ihnen dort dem­nächst mal einen Schein in den Hut wer­fen und mit väter­li­chem Blick „Aber das macht Ihr nie wie­der, ne?“ sagen. Und bei Wurst-König wer­den sie sich womög­lich von ihren „Ruhr Nach­rich­ten“ lesen­den Kun­den fra­gen las­sen müs­sen, ob das denn wirk­lich nötig war.

Ich selbst bin ganz froh, dass es zu mei­ner Punk­band-Zeit noch kein Inter­net gab.

Nach­trag, 23.25 Uhr: Inzwi­schen wur­de auch das Video, in dem die Band über die Anwalts­post spricht, von ihr wie­der ent­fernt. Kei­ne Ahnung, was da jetzt wie­der los war.