Like Roses covern Cher (und wie!), Haim bringen einen Bonustrack mit Bon Iver raus, Taylor Swift singt über Holz, Ash klingen zusammen mit Blur-Gitarrist (und Blog-Namensgeber) Graham Coxon wie Weezer, The Mountain Goats haben sich Verstärkung in Form von „Hamilton“-Erfinder Lin-Manuel Miranda geholt, Brockhoff channelt die halben 90er (also: den musikalisch guten Teil), Hem haben ihr Debütalbum „Rabbit Songs“ remastered — und noch so viel mehr tolle Sachen!
Wenn es doch nur irgendwelche Liedzitate gäbe, die beschreiben, wie schnell so ein August dann auch wieder vorbei ist. Naja. Die Schule hat wieder begonnen, der Sommer dreht ein paar Abschlussrunden — und ich hab ziemlich viel zu tun.
Trotzdem sollt Ihr natürlich Euer monatliches Mixtape bekommen. Wie es der Zufall will, sind diesmal einige meiner absoluten Lieblings-Acts darauf: Ben Folds hat ein paar Songs für das „Peanuts“-Musical bei Apple TV+ geschrieben; Jack’s Mannequin haben zum 20. Jubiläum ihres Debütalbums eine EP veröffentlicht, die fünf Songs von „Everything In Transit“ enthält, die nur mit Gesang, Klavier, Streichern und Percussion eingespielt wurden; Demi Lovato beginnt, nachdem sie ihre Dämonen mit reichlich Punk-Pop ausgetrieben hatte, eine neue Powerpop/EDM-Ära; Maro hat eine Akustik-EP veröffentlicht (und das zauberhafte niederländische Duo Lumi, mit dem sie im letzten Jahr auf Tour war, hat damit seinen ersten offiziellen Release); Herbert Grönemeyer ist für den Moment auch ganz akustisch und dann bringt Carly Rae Jepsen auch noch eine Special Edition ihres Albums „Emotion“ raus, die einige bisher unveröffentlichte Tracks enthalten wird.
Für Günter und Jürgen, die ich ohne dieses Blog nie kennengelernt hätte.
Und für Dörte, die immer alles gelesen hat.
Es war die naheliegendste Idee der Welt: Zum 18. Geburtstag des Blogs wähle ich einen Song aus jedem Jahr aus — fertig ist die Playlist!
Aber nach welchen Kriterien? Einfach das Lied nehmen, das jeweils meine Liste „Song des Jahres“ angeführt hat? Das wäre ja ein bisschen langweilig — und solche Listen gab es auch gar nicht in jedem Jahr.
Also: 18 andere Songs. Welche, die ihr jeweiliges Jahr, aber auch dieses Blog gut repräsentieren; die für mich eine persönliche Bedeutung haben; die ich auch heute noch höre. Eine halbwegs ausgewogene Mischung aus Genres, Geschlechtern und Sprachen, also eben dann doch auch: Kontext.
Und so wurde aus einem kleinen Gimmick zum Jubiläum eine ausufernde Recherche-Aktion im eigenen Leben ’n‘ Werk und einer der längsten Texte, der hier in den letzten 18 Jahren erschienen ist:
2007: Mika – Grace Kelly
Als dieses Blog an den Start geht, sind Gitarrenmusik im Allgemeinen und Indierock im Speziellen noch ein Ding. Bei der damals noch stattfindenden „Leserwahl“ (ein Konstrukt, das wir uns relativ offensichtlich von „Plattentests online“ abgeschaut haben), wird „A Weekend In The City“ von Bloc Party (Wann habt Ihr zuletzt an diese Band gedacht?) zum „Album des Jahres“ gewählt und „Ruby“ von Kaiser Chiefs (Oder an diese Band?!) zum „Song des Jahres“.
Auf meiner Jahresbestenliste ganz vorne ist „Tonight I Have To Leave It“ von Shout Out Louds, das ich auch ewig nicht mehr gehört habe. Und ganz versteckt, auf Platz 22: „Grace Kelly“ von Mika, ein etwas exaltierter over-the-top-Popsong mit Vaudeville- und Musical-Anleihen von einem jungen Mann, den das Adjektiv „androgyn“ begleitet. (Es waren, wie gesagt, andere Zeiten.) Ein Song, den mir „Plan B“, die etwas anspruchsvollere Musiksendung von 1Live (ich unterschied damals noch pubertär zwischen „guter“ Indie- und „schlechter“ Mainstream-Musik; andere Zeiten indeed), in die WG-Küche gebracht hat.
15 Jahre später sitze ich beim Eurovision Song Contest in Turin in der deutschen Kommentatorenkabine, zum neunten Mal als Assistent von Peter Urban, der wegen der ausklingenden COVID-19-Pandemie von Hamburg aus kommentiert. Gelandet war ich bei dieser Veranstaltung überhaupt nur, weil Stefan Niggemeier 2007 meine Kommentare in seinem Blog gelesen und mich gefragt hatte, ob ich mit ihm einen „Grand-Prix-Führer“ schreiben würde. Der Rest ist Geschichte, bzw. BILDblog, Oslog, Duslog, Bakublog, besagter Job als Kommentatoren-Assistent und mein Buch. Und dieser Mika mit seinem Song über Grace Kelly (bzw. darüber, wie man sich anpasst, um den Menschen zu gefallen) moderiert da jetzt diese Veranstaltung gemeinsam mit Laura Pausini und Alessandro Cattelan, er bringt internationalen Glamour in eine (vor allem hinter den Kulissen) eher chaotische TV-Sendung und er singt ein Medley seiner Hits.
Es ist ein seltsamer, rührender full-circle-Moment, der die größte Musikshow der Welt mit meiner alten WG-Küche und allem dazwischen kurzschließt, und in einem Anfall von Geistesgegenwart und emotionaler Überforderung schreibe ich auf jener Social-Media-Plattform, die damals noch Twitter heißt: „Es ist schön, an das Jahr 2007 erinnert zu werden. Es ist noch schöner, dass in meinem Leben heute ungefähr alles besser ist als damals.“ Oder, mit Mikas Worten: „Ca-ching!“
[Songs 2007 von damals]
2008: The Hold Steady – Constructive Summer
Die Leser*innen, die ich damals noch „Leser“ nenne, wählen „Sex On Fire“ von Kings Of Leon zum Song und „Heureka“ von Tomte zum Album des Jahres. Ich sammle die wichtigsten Nazi-Vergleiche (eine Kategorie, der damals noch ein gewisser Unterhaltungsfaktor anzuhaften scheint) und Barack-Obama-Referenzen und arbeite den Rest der Zeit fürs BILDblog.
Meine wichtigste Quelle für neue Musik ist „All Songs Considered“, ein Podcast von NPR, der auch das Vorbild für meine eigene, kurzlebige Musiksendung bei Spotify 2023/24 wird. Hier stoße ich erstmals auf The Hold Steady, eine Band aus Brooklyn (ursprünglich: Minneapolis/St. Paul), die Geschichten von Verlierern und Underdogs in hymnischen Rocksongs erzählt wie sonst nur Bruce Springsteen. Ihr Album „Stay Positive“ bringt mich durch ein Jahr, von dem ich heute so gut wie nichts mehr weiß, deshalb lasse ich mir das Symbol vom Albumcover 2011 auf meine Wade tätowieren.
Auch ihre Musik bleibt: 2009 kaufe ich mir alle Alben und höre sie rauf und runter (wie man es in einer Welt ohne Streaming eben so machte), 2010 rufe ich den „Constructive Summer“ aus: „We’re gonna build something this summer.“ Hier entstehen dann endlich Erinnerungen, die für immer bleiben werden, untermalt von „Boys And Girls In America“, „Stay Positive“ und dem damals neuen Nachfolge-Album „Heaven Is Whenever“.
[Songs 2008 von damals]
2009: Kilians – Hometown
Nach über fünf Jahren im Studentenwohnheim muss ich mir mal langsam eine eigene Wohnung suchen und ich überlege: In Bochum bleiben oder nach Hamburg ziehen? Es ist ein Jahr der großen Gefühle zwischen Welt erobern wollen und zuhause einsperren, begleitet von der ganz großen, unerfüllten Liebe.
Meine Freunde von den Kilians (Bruder, Demo-CD, Thees Uhlmann, Tomte-Tour — youknowthestory!) veröffentlichen im April ihr zweites Album „They Are Calling Your Name“ und spielen aus diesem Anlass ein Konzert auf dem Hans-Böckler-Platz in Dinslaken, jener Stadt, in der wir alle – die Kilians, ich und die ganz große, unerfüllte Liebe – aufgewachsen waren. Ihr Song „Hometown“ ist das Angebot einer Hymne.
Die Band löst sich 2013 auf, da wird der Hans-Böckler-Platz gerade mit einem Einkaufszentrum überbaut. Wenn man heute „Dinslaken“ sagt, reagieren nicht mehr viele Menschen mit „Aaaah, die Kilians!“ (aber – und das wird die Bürgermeisterin freuen – auch nicht mehr mit „Aaaah, der Wendler!“ oder „Aaaah, die Salafisten!“). Die Stadt hat sogar die Emschermündung verloren. Aber Erinnerungen und Musik werden ja immer bleiben.
(Ich entscheide mich 2009 übrigens für Bochum. My hometown.)
2010: Lena – Satellite
„Irgendwann musst Du Dir das mal vor Ort anschauen“, hatte Stefan Niggemeier 2008 über den Eurovision Song Contest (damals und immer schon: „Eurovision Song Contest“) gesagt, aber weil Moskau schon damals kein Ort ist, an dem man gerne sein möchte, verschieben wir unser Projekt auf das Folgejahr und nach Oslo. Womit wir nicht rechnen: dass in Deutschland ein regelrechter ESC-Hype um eine 18-jährige Abiturientin aus Hannover ausbricht und die diese merkwürdige Quatsch-Veranstaltung tatsächlich gewinnt. (Also: In der ersten Folge des Oslog wette ich natürlich genau das, allerdings ohne auch nur einen anderen Wettbewerbsbeitrag zu kennen.)
Als altes Theater-Kind zieht mich die jährliche Leistungsschau der Bühnentechnik-Industrie sofort in ihren Bann und auch musikalisch ist das alles gar nicht mehr so schlimm, wenn man es nur oft genug gehört hat. Aber trotz der einschneidenden, im Nachhinein lebenswegweisenden Erfahrung in Oslo traue ich mich nicht, „Satellite“ auf meine Jahresbestenliste zu packen. Da sollen auch weiter nur Indie-kredibele Sachen zu finden zu finden sein (und so ignoriere ich offenbar auch das tolle Take-That-mit-Robbie-Album „Progress“ komplett). Das passt zu einem Jahr, in dem ich nicht gerade dadurch auffalle, irgendwelche Entscheidungen zu treffen, sondern mich lieber vom Großstadt‑, vor allem aber Nachtleben rund um meine neue Wohnung in der Innenstadt mitreißen lasse und als neuer BILDblog-Chef in Talkshows gehe und zu Journalistenkongressen ins Ausland fliege. („It’s physics / There’s no escape.“)
Hier also späte Genugtuung für einen Song und ein Ereignis, ohne die ich heute nicht da wäre, wo ich bin, und ohne die der ESC in Deutschland immer noch als „Schlager-Grand-Prix“ firmieren würde, bei dem man ohnehin nichts reißen kann.
[Songs 2010 von damals]
2011: Thees Uhlmann – 17 Worte Mein Kumpel Thees Uhlmann ist im Jahr 2011 wie so oft weiter als ich: Vater geworden, Beziehung zerbrochen, dabei, das Glück im Kleinen zu suchen. Ich bin vier bis fünf Abende die Woche im Freibeuter im Bochumer Bermuda3eck und schreibe nebenher das BILDblog voll. Deswegen ignoriere ich Thees‘ selbstbetiteltes Solo-Debüt damals auch rüpelig bei den „Alben des Jahres“ (und lobe lieber das nächste egale Coldplay-Album), obwohl ich es wirklich oft höre.
Aber diese Liste hier ist auch eine Chance auf Wiedergutmachung, denn sechs Jahre später stehe ich beim GHvC-Geburtstag in Hamburg im Nieselregen: Vater geworden, Beziehung zerbrochen, dabei, das Glück im Kleinen zu suchen. Also völlig andere Prioritäten und Prinzipien: „Meine Wahrheit in 17 Worten: / Ich hab ein Kind zu erziehen / Dir einen Brief zu schreiben / Und ein Fußball-Team zu supporten.“ (Bei Erscheinen des Albums hatte ich Thees eine SMS geschrieben, dass das nur 16 Worte wären, weil man „Fußballteam“ zusammenschreibe. Seine Antwort kam natürlich prompt: „Fußball Team!“)
2021 sehe ich Thees Uhlmann und Band live im Burgtheater in Dinslaken (weil: natürlich). Es ist mein erster Konzertbesuch seit anderthalb Jahren, mein Sohn ist an meiner Seite, meine Eltern irgendwo in meinem Rücken, der VfL Bochum ist aufgestiegen. Weite Teile der Öffentlichkeit sind während der immer noch anhaltenden Pandemie dem Wahnsinn anheimgefallen, aber als Thees „17 Worte“ spielt, macht für mich alles Sinn: Wir singen, um uns zu erinnern.
[Songs 2011 von damals]
2012: Carly Rae Jepsen – Call Me Maybe
Dieser bekloppte Eurovision Song Contest hat mich nach Aserbaidschan verschlagen. Ich sitze in Baku im Hotelzimmer, gucke russisches Musikfernsehen und sehe dieses Video. Als der Song zu Ende ist, zappe ich weiter und sehe das gleiche Video auf dem nächsten Kanal direkt noch mal von vorn. „Komische Russen“, denke ich, will den Song bei Facebook posten und stelle fest, dass ich mit „Call Me Maybe“ einen internationalen Hit verpasst habe.
Wahrscheinlich ist es dieser Moment, in dem ich dieses elitär-pubertäre Musik-nur-gut-finden-wenn-sie-sonst-keiner-hört-Dingen aufgebe und endlich frei bin, Dinge gut zu finden, nur weil ich sie gut finde. Um Dinge auch öffentlich gut zu finden (jedenfalls meistens), starten Tom Thelen und ich im Blog unseren Kino-Podcast „Cinema And Beer“.
„Before you came into my life / I missed you so bad“ ist immer noch eine der besten Zeilen, die je über romantische Liebe geschrieben wurde — und das waren ja nun wirklich nicht wenige. Carly Rae Jepsen in der Kölner Essigfabrik ist im Februar 2020 mein letztes Konzert vor dem Lockdown (ist es nicht Magie, wie hier alles ineinandergreift?!) und die fröhliche Stimmung dieses durchaus ESC-tauglichen Publikums trägt mich durch die ersten, dunklen Monate der Isolation.
[Songs 2012 von damals]
2013: Daft Punk feat. Pharrell Williams & Nile Rogers – Get Lucky Ich sitze in einem Auto, das mich vom Hotel zur Malmö Arena bringt, neben mir: ESC-Kommentatorenlegende Peter Urban. Als wäre das nicht schon absurd genug, wippt dieser 65-jährige Mann zur Musik aus dem Autoradio mit: „Get Lucky“ von Daft Punk, Pharrell Williams und Nile Rogers. Natürlich kennt er das, denn es ist ja ein internationaler Superhit, dem man nur schwer entkommen kann, und Peter würde auch jede Menge deutlich obskurere Songs mitsingen, die in den letzten ca. 50 Jahren erschienen sind, aber irgendwie überrascht es mich in diesem Moment doch, denn Daft Punk, das sind doch die von Viva 2 (wo sie jetzt zugegebenermaßen auch nicht zwingend zur Avantgarde gezählt hatten).
Die Dominosteine, von denen dieses Blog der erste war, haben mich hierher gebracht, ins Epizentrum des Entertainments. Nur einen Monat später sollen sie mich zum Late-Night-Meinungsmagazin „Tagesschaum“ mit Friedrich Küppersbusch führen und von dort zu unserem gemeinsamen Podcast „Lucky & Fred“. Das Leben meint es gut mit mir, beruflich wie privat.
[Songs 2013 von damals]
2014: Andrew McMahon In The Wilderness – High Dive Ich hätte immer gesagt, dass das Jahr 2014 hier im Blog gar nicht stattgefunden hat, aber es gibt doch einige Einträge aus dieser Zeit — die meisten als Teil der kurzlebigen Serie „Song des Tages“. Ich erinnere mich an nichts, weil ich zu sehr mit anderen Sachen beschäftigt bin: Umzug, neue Jobs, Hochzeit planen und absagen, Vater werden, irgendwie versuchen, meine Beziehung zu retten. Alles Dinge, auf die einen Popkultur nur unzureichend vorbereitet; alles Dinge, die für Popkultur wenig Zeit lassen.
Das erste neue Album, das ich mit meinem Sohn höre, ist das Solodebüt von Andrew McMahon, der mich mit seinen Bands Something Corporate und Jack’s Mannequin jetzt auch schon mehr als zehn Jahre begleitet. Er ist auch gerade Papa geworden, so kann ich die Verarbeitung meiner Lebenswirklichkeit wieder mal auf ihn abwälzen und einfach seine Songs hören. Obwohl wir doch noch jung sind, ist da viel Nostalgie in seinen Texten wie „High Dive“, aber Facebook ersetzt Kneipenabende mit Freund*innen ja auch nur bedingt.
2015: Ben Folds feat. yMusic – Phone In A Pool
2015 ist dann tatsächlich das Jahr, das nicht war, denn ich schreibe sensationelle sieben Blogeinträge, von denen die meisten ursprünglich Facebook-Posts waren. Offenbar schaffe ich es immerhin ein paar Mal ins Kino. (Ach, „The Force Awakens“ ist von 2015?!) Ich kann mich an nichts erinnern und es geht mir wirklich nicht gut.
Ein bisschen Trost kommt von meinem ewigen Helden Ben Folds, der gerade die vierte Scheidung (von inzwischen fünf) hinter sich hat und mit dem Kammermusik-Ensemble yMusic ein Album einspielt, auf dem auch sein erstes Klavierkonzert zu hören ist. (Wir gehen alle unterschiedlich mit Lebenskrisen um.) In „Phone In A Pool“ berichtet er: „Found the love of my life again / Y’all knows what I means / And I’ll be back on the sofa in a puddle in a couple of weeks“. Bei all dem Elend ist es schön, dass jemand, der mich mein halbes Leben lang begleitet, immer noch Songs schreiben kann, die so gut zu meinem eigenen Leben passen. Natürlich gibt es am Ende des Jahres keine Listen — ich hab ja eh viel zu wenig Musik gehört und wann hätte ich die denn noch schreiben sollen?
2016: Weezer – California Kids
Neuanfang in einer eigenen Wohnung und das Vorhaben, das Blog jetzt aber wirklich wieder zu befeuern. Da passt es ganz gut, dass Benjamin von Stuckrad-Barre, dessentwegen ich als Teenager mit dem Schreiben angefangen hatte, ein neues Buch veröffentlicht, ungefähr zeitgleich mit dem neuen Album der von uns hoch verehrten Pet Shop Boys und dem von Weezer. Alle drei Acts eint, dass ihr Schaffen nicht zu jedem Zeitpunkt ihrer Karriere den Ansprüchen des eigenen Publikums genügte, aber jetzt sind sie wieder voll da.
Also eigentlich eine gute Gelegenheit, darüber zu schreiben und über andere Dinge, die mir Freude bereiten, aber das Internet ist damals im wesentlichen Facebook und dort sind wir alle damit beschäftigt, mit irgendwelchen AfD-Anhängern zu diskutieren, die irgendwo etwas Dummes kommentiert haben. Um diesem ganzen Irrsinn zu entfliehen, schreibe ich nicht etwa wieder mehr ins Blog, sondern starte meinen eigenen Newsletter. Da macht das Schreiben immerhin auch Spaß.
Weezer, jedenfalls, kenne ich seit mehr als 20 Jahren, als das Video zu „Buddy Holly“ bei „Hit-Clip“ lief und auf der Windows-95-CD-Rom enthalten war. Jetzt veröffentlichen sie schon das vierte Album namens „Weezer“ (nach dem blauen, dem grünen und dem roten Album jetzt ganz Beatles-mäßig das weiße), das meinen Sohn und mich auf vielen Ausflügen zum Kemnader See begleitet und ihr bestes seit Jahrzehnten ist. Der opening cut„California Kids“ handelt von den glücklichen jungen Menschen aus dem Golden State, die einem das Leben retten. Ich nenne Kalifornien gerne „my home away from home“, was vielleicht etwas prätentiös ist, aber ich hab da halt Familie und es ist auch der einzige Ort außerhalb des Ruhrgebiets, an dem ich je so viel Zeit am Stück verbracht habe. Der Staat bleibt auch nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten das (natürlich eher theoretische) Ideal, das ich bewundere, genauso wie ich Menschen auch lieber aus der Ferne toll finde — California Kids halt.
2017: kettcar – Ankunftshalle
Als dieses Blog an den Start geht, haben kettcar bereits zwei Alben veröffentlicht: ihr Debüt „Du und wieviel von Deinen Freunden“, ein instant classic, und – begleitet von Fernsehauftritten und ganzseitigen Zeitungsartikeln – den Nachfolger „Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen“. Trotzdem schreibe ich in all den Jahren relativwenige Texte über diese Band, die mir so wichtig ist. Vielleicht weil ich denke, dass das eh klar ist.
2017 liegt das letzte (eher okaye) kettcar-Album fünf Jahre zurück, Marcus Wiebusch hat in der Zwischenzeit ein (ziemlich gutes) Soloalbum veröffentlicht, aber plötzlich ist die Band wieder ein Machtblock mitten in Europa: Ihre stets klare politische Haltung, die Jahre vorher noch ein bisschen folkloristisch anmutete, ist inzwischen notwendig, aber neben Songs wie „Sommer ’89“, „Wagenburg“ und „Mannschaftsaufstellung“ gibt es auch jene, die sich anfühlen wie Polaroids (oder Insta-Posts) aus dem Alltag. „Die Straßen unseres Viertels“ ersetzt eine ganze Fernsehserie über das Familienleben in Hipster-Vierteln, ohne sich für eine Sekunde Harald-Schmidt-mäßig über Hafermilch lustig zu machen; „Trostbrücke Süd“ ist ein Kameraschwenk durch einen Linienbus voller Menschen, die aufstehen, atmen, sich anziehen und hingehen, und „Ankunftshalle“ der Blog-Eintrag, Newsletter oder Song, den ich immer hatte schreiben wollen: ein Loblied auf die heilende Kraft von Flughafen-Ankunftshallen, wo Menschen sich nach langer Zeit der Trennung wieder in die Arme fallen.
Als kettcar und Thees Uhlmann im August im Hamburger Nieselregen 15 Jahre Grand Hotel van Cleef feiern, ist wenige Tage zuvor meine Oma gestorben, die hier von Anfang an mitgelesen hatte. Ende Dezember liegt mein Opa im Sterben und ich fahre mit meinem Sohn zum Düsseldorfer Flughafen, Menschen in der Ankunftshalle gucken.
[Songs des Jahres 2017 damals]
2018: Rae Morris – Do It
Hatte ich oben – also vor ca. 18.000 Zeichen – nicht noch geschrieben, dass in dieser Liste explizit nicht die jeweiligen Songs des Jahres auftauchen sollen? Well: We make up the rules as we go along!
Rae Morris hat sich ihre Sonderrolle hier im Blog verdient: Weil ich mich 2012 instantly in ihren Song „Don’t Go“ aus dem (eigentlichen) Serienfinale von „Skins“ (der einzigen Fernsehserie neben „Die Brücke“, von der ich alle Folgen gesehen habe) verliebt habe; weil sie der erste (und bis heute einzige) Act in der Geschichte dieses Blogs ist, der in einem Jahr (2018) meinen persönlichen „Song des Jahres“ und mein „Album des Jahres“ veröffentlicht hat (das haben Tomte 2006 zwar auch geschafft, aber halt sechs Wochen, bevor dieses Blog an den Start ging, also zählt das nur an ungeraden Wochentagen ohne Neumond); weil sie der erste (und bis heute einzige) Act ist, der zwei Mal meinen persönlichen Song des Jahres (2012 und 2018) geschrieben hat.
Irgendwie alles trockener Statistik-Kram angesichts eines Songs, der davon handelt, auf die Zweifel zu pfeifen und sich kopfüber in die Liebe zu stürzen. Rae Morris singt das über ihren musikalischen Partner und heutigen Ehemann Fryars und sie macht das so toll, dass ich mit ihr an die große Liebe glauben will, die sich anfühlt wie Feuerwerk aussieht. Doch meine Versuche, „Do It“ in „Joko Winterscheidts Druckerzeugnis“ zum Sommerhit des Jahres zu pushen, scheitern und Menschen wie ich bleiben besser allein.
Aber, so denke ich heute, eigentlich ist dieses Blog hier ja auch nichts anderes als die Umsetzung des Gedankens „We could just do it“: Gestartet als „die Online-Zeitung, die wir gerne lesen würden“ (puh!), konnte ich mich hier an der Tastatur und vor der Kamera austoben, ausprobieren und daran wachsen, um dann für Zeitungen und Fernsehsendungen zu arbeiten, die ich früher nur rezipiert hatte. Wenn man aus 18 Jahren Coffee And TV unbedingt irgendetwas lernen will, dann, dass Selbstermächtigung manchmal (es gehört ja auch bei mir sicherlich einiges an Glück dazu) wirklich funktionieren kann.
[Songs des Jahres 2018 damals]
2019: LOKI – The Girl With No Eyes Für die, die hier ernsthaft Buch führen (also: für mich), mag es etwas überraschend sein, dass ein Song, der auf Platz 59 einer Jahresbestenliste stand, ein Jahr repräsentieren soll. Nun: Erstens können wir uns glaub ich darauf einigen, dass es eh schon ein ganz kleines bisschen wahnsinnig ist, einen „Platz 59“ auf einer persönlichen Bestenliste zu haben; zweitens habe ich erst bei der Durchsicht meiner diversen Listen, Einträge und Playlists festgestellt, dass ich tatsächlich schon mal Musik von LOKI gehört haben muss, bevor ich sie letztes Jahr beim Festival Sounds Like Sugar in Herne gesehen habe und so begeistert war, dass ich sie beim Bochum Total direkt wieder sehen musste.
Damit steht „The Girl With No Eyes“, dessen Bon-Iver-Haftigkeit mich schon 2019 überzeugt haben muss, nämlich für etwas anderes: Für das wilde Überangebot an Werken (oder: „Content“, wie die Arschlöcher sagen, die in ihrem Leben nicht einen einzelnen genuinen Gedanken hatten), aus dem wir theoretisch wählen können, das aber auch das Risiko birgt, alles beliebig und egal zu machen. Dass es etwas anderes ist, tagelang in physischen Läden nach einer CD zu fahnden und sie dann endlich zu finden, als einfach alles immer sofort (terms and conditions apply) zur Verfügung zu haben, hab ich schon 2016 aufgeschrieben. Es ist seitdem nicht weniger geworden. Wenn ich mich nicht mehr an irgendwelche Acts erinnern kann (natürlich auch, weil ihre Namen nur noch über Bildschirme flimmern und nicht ausgedruckt vor mir liegen, was meinem Gehirn immerhin ein bisschen helfen würde), ist es alles ein bisschen viel.
Ich selbst trage fröhlich zum Überangebot bei: Mit Friedrich Küppersbusch stehe ich jetzt regelmäßig auf Bühnen in Dortmund und Berlin, um „Lucky & Fred“ vor Publikum aufzuzeichnen. Da kommt das Theater-Kind von früher wieder zum Vorschein, Applaus ist immer noch die stärkste Währung. Weil Likes dagegen abstinken und dort eh nichts mehr los ist, lösche ich am Silvesterabend meinen Facebook-Account. Im Nachhinein möchte ich sagen: Ich habe schon dümmere Dinge zu einem schlechteren Zeitpunkt gemacht.
[Songs des Jahres 2019 damals]
2020: Taylor Swift – Epiphany Alles beginnt so schön mit weiteren Live-Auftritten und Konzertbesuchen bei kettcar, Ider und Carly Rae Jepsen. Und dann endet alles: Konzerte, Kindergarten, Bundesliga, sogar der Eurovision Song Contest wird erstmals abgesagt. „Wegen Corona“ wird ein sogenanntes geflügeltes Wort, was auch irgendwie zu den verdammten Flughunden auf dem Nassmarkt von Wuhan passt, die uns die ganze Scheiße (mutmaßlich) eingebrockt haben.
Popkultur-Freund*innen vergleichen die Straßen mit jenen aus dem Zombiefilm „28 Days Later“ und wir lernen die Wohnzimmer von Kolleg*innen und Rockstars kennen, die von dort aus Mini-Konzerte in die Welt streamen (die Rockstars, nicht die Kolleg*innen). Die Leute erscheinen all das mit erstaunlichem Gleichmut zu ertragen, aber dieses Bild bekommt – um eine weitere Phrase zu vermeiden – schnell Risse: Als sich im April eine Frau, die vor einem Café warten muss, um Kuchen zum Mitnehmen zu kaufen, über die „Gesundheitsdiktatur“ beschwert, bin ich viel zu überrascht und schockiert, ihr vorzuschlagen, dass wir gerne gemeinsam einen Bekannten von mir, der Arzt in Padua ist, anrufen könnten und sie ja mal mit dem sprechen könne, wenn er nicht gerade dabei ist, um Leben zu kämpfen.
Es ist ein Vorgeschmack auf das, was kommt: Weil man sich jetzt nirgendwo mehr in die Augen gucken kann, vergessen nahezu alle, dass sie online mit anderen Menschen diskutieren. Manche von uns nutzen die viele freie Zeit, um sich über Rassismus fortzubilden, andere, um sich zu radikalisieren. Ich schreibe viel in meinen Newsletter und wenig ins Blog, starte aber zusammen mit Sue Reindke immerhin einen neuen Podcast namens „Bist Du noch wach?“
In all das hinein veröffentlicht Taylor Swift, die nach einer abgesagten Welt-Tournee auch zu viel Freizeit hat, ein Album, das sie in den ersten Monaten des Lockdowns mit Aaron Dessner von The National aufgenommen hat, remote. „Folklore“ wird zum Soundtrack des ersten Corona-Sommers und überzeugt selbst jene, die ihrer Musik bisher kritisch gegenübergestanden hatten. Mit „Evermore“ erscheint ein paar Monate später noch so ein großer Wurf. Nach dem großartigen „1989“ von 2014 hab ich endlich die nächste era, in der ich mich einrichten kann. Es ist der Soundtrack zu sehr ausgiebigen Spaziergängen durch die verschiedenen Nachbarschaften hier in Bochum. Und mittendrin ein Song über Soldaten und Menschen im Gesundheitswesen, über das Sterben in Einsamkeit und über das Weitermachen der Überlebenden: „Epiphany“. „Someone’s daughter, someone’s mother / Holds your hand through plastic now“ sind Zeilen, die mir auf ewig die Tränen in die Augen treiben und einen Klos in den Hals drücken werden. Die gute Nachricht: Meine Omi, die mit 94 noch allein in ihrem viel zu großen Haus wohnt, überlebt all das ohne Ansteckung. Das ist nicht ihr Song.
[Songs des Jahres 2020 damals]
2021: Meet Me @ The Altar – Never Gonna Change 2021 ist die etwas öde Fortsetzung des Seuchenjahres, aber als Farce: Hashtag Osterruhe. Die Amtszeit von Donald Trump endet, die von Angela Merkel auch. In Rotterdam, wo der ESC unter Pandemie-Bedingungen stattfindet, lautet der schon 2019 ersonnene Slogan passenderweise „Open Up“. Den Sommer verbringe ich damit, mein Buch über den Song Contest zu schreiben, an Omis Geburtstag und an Weihnachten sind wir wieder alle vereint.
In Aachen treffe ich einen meiner allergrößten Helden: Michael Stipe von R.E.M. Er ist so bezaubernd, wie ich erhofft hatte, und gibt mir das Gefühl, als sei ich der allererste Mensch, der „You’ve changed my life“ zu ihm sagt. Der VfL Bochum steigt nach elf Jahren wieder in die Bundesliga auf. Nature is healing.
Meine aktuelle Lieblingsband heißt Meet Me @ The Altar, queer Women of Color aus den USA, die Pop-Punk zwischen Avril Lavigne, Paramore und Blink-182 machen. Zum ersten Mal hören tue ich von ihnen bei – natürlich – „All Songs Considered“ auf – natürlich – einem meiner langen Spaziergänge, in Erinnerung bleiben mir ihre EP „Model Citizen“ und der Song „Never Gonna Change“ aber vor allem als Soundtrack zu den ersten Besuchen im Fitnessstudio, die jetzt wieder möglich sind.
[Songs des Jahres 2021 von damals]
2022: Maro – Saudade, Saudade
Am Ende wird es das Jahr gewesen sein, das ich so lang gefürchtet hatte: das, in dem meine Omi stirbt. Es werden lange vier Monate des Abschieds, die ihren Kindern alles abverlangen, aber es ist eine Zeit des bewussten, liebevollen Abschieds und der Liebe in ihrer reinsten Form.
All das ahne ich noch nicht, als ich beim ESC in Turin sitze und völlig gebannt (das englische Wort mesmerized kennen wir im Deutschen leider nicht, obwohl es doch auf einen deutschen Arzt zurückgeht) dem Auftritt der portugiesischen Künstlerin folge, die das spezifisch portugiesische Gefühl saudade besingt, das mit „vermissen“ nur unzureichend übersetzt werden kann und das sie nach dem Tod ihres geliebten Großvaters empfindet. „Saudade, Saudade“ erreicht am Ende einen tollen 9. Platz, Deutschland hat auch teilgenommen. Allerspätestens hier in Turin ist der ESC nicht mehr die leicht trashige Quatsch-Veranstaltung, als die er noch galt, als Stefan und ich 2007 erstmalig darüber gebloggt haben. Er ist ein echtes Musikfestival, bei dem man Genres und Acts vorgestellt bekommt, auf die man sonst vielleicht nie gestoßen wäre. Wer hier noch alles doof findet, mag wahrscheinlich einfach keine Musik.
Mein Buch über diese Veranstaltung erscheint quasi zeitgleich mit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, was mir eine ordentlich Portion der Freude raubt. Als ich den Release trotzdem mit Freund*innen in meiner Stammkneipe feiere, stecke ich mich (endlich) mit COVID-19 an und bin immer noch reichlich außer Atem, als ich das Buch in einer kleinen großen Liveshow in der Zeche Carl in Essen vorstelle. Irgendwie schaffe ich es sogar, in diesem Jahr noch einen Podcast zu produzieren: die Talksendung „Woher kennen wir uns?“
[Songs des Jahres 2022 damals]
2023: Foo Fighters – Rescued
Omi und Taylor Hawkins sind im selben Jahr gestorben, was insofern besonders tragisch ist, als der Schlagzeuger der Foo Fighters 46 Jahre jünger gewesen war. Dave Grohl hatte zum dritten Mal einen seiner besten Freunde verloren, Monate später seine Mutter. Ob das der Beginn einer etwas verspäteten midlife-crisis war, in deren Verlauf jene Tochter entstand, die „außerhalb meiner Ehe“ geboren wurde, wie er auf Instagram schrieb, vermag ich nicht zu beurteilen — es war zumindest der Auslöser, „But Here We Are“ aufzunehmen, das beste Foo-Fighters-Album seit fast 25 Jahren, auf dem er wieder einmal Trauer in Wut verwandelt und umgekehrt.
„Rescued“ ist einer der ersten Songs, den ich in meiner kleinen Musiksendung spiele, die ich in einem Anfall besonderer Geistesgegenwart auch „Coffee And TV“ genannt habe. Sie ist das, worauf ich Jahrzehnte lang gewartet hatte: die Möglichkeit, Songs in einem Podcast zu spielen, ohne in einem kostspieligen Bürokratiegewitter namens „GEMA“ unterzugehen. Das Ergebnis kann man zwar nur beim finsteren Tech-Konzern Spotify hören, aber entscheidender ist für mich eh, sowas überhaupt machen zu können. Aber wie so oft mit den schönen Dingen im Internet: Nur ein Jahr später zieht Spotify den Stecker und schafft die Möglichkeit, solche Musiksendungen zu bauen, direkt wieder ab.
„But Here We Are“ wird auch 2024 wieder für mich da sein: Als meine geliebte Tante Dörte stirbt, eine großartige Grundschullehrerin, höre ich den Song, den Dave Grohl für seine verstorbene Mutter Virginia geschrieben hat, die ebenfalls Lehrerin gewesen war: „The Teacher“.
2024: Ezra Collective feat. Yazmin Lacey – God Gave Me Feet For Dancing Das ist mir in all den Jahren auch noch nicht passiert, dass ich – trotz aller Playlisten, Notizen-Apps und Zettel – beim Zusammenstellen der „Alben“ oder „Acts des Jahres“ ein Album bzw. einen Act komplett vergesse. Ob’s am Alter liegt oder dem schon erwähnten Überangebot?
Immerhin habe ich hier die Gelegenheit, den Fehler schnell halbwegs wettzumachen: „God Gave Me Feet For Dancing“ von Ezra Collective und Yazmin Lacey. Ezra Collective sind eine Jazz-Fusion-Band aus London, die Elemente aus Afrobeat, Calypso, Reggae, Hip-Hop, Soul und Jazz verbinden und deren Songs bei BBC Radio 6 Music, meiner aktuellen Hauptquelle für neue Musik, rauf und runter läuft. Es ist diese Musik, die ich mit dem leichtfüßigen Sommer 2024 verbinde, als wir alle denken, dass Kamala Harris US-Präsidentin werden wird, und die Olympischen Spiele in Paris ein Gefühl von Hoffnung, Zuversicht und Gemeinschaft vermitteln, das wir so lange vermisst hatten. Sich ein paar Monate später über die eigene vermeintliche Naivität lustig zu machen, wäre aber auch zynisch.
[Songs des Jahres 2024 von „damals“]
Epilog „Am Ende wird alles okay sein — und wenn es nicht okay ist, ist es nicht das Ende“, hat der brasilianische Autor Fernando Sabino geschrieben und Weezer nannten ihr 2015er Album „Everything Will Be Alright In The End“. „Schwimm für die Songs, die noch geschrieben werden“, hat Marcus Wiebusch von kettcar auf seinem Soloalbum gesungen — und dabei Andrew McMahon referenziert. Alles hängt immer mit allem zusammen.
Social Media ist, spätestens seit sich die Tech-Oligarchen um Donald Trump scharen, ein dumpster fire, das unsere Seelen und Gehirne verzehrt. Doch das hier sind nur die ersten 18 Jahre und die ersten 18 Songs. Coffee And TV ist mein Zuhause und ich plane zu bleiben, mein Freund.
Denn wie sang einst Graham Coxon in jenem Blur-Song, dessen Titel wir uns damals einfach gemopst haben?
Take me away from this big bad world
And agree to marry me
So we can start over again
(Auf das mit dem Heiraten würde ich nach den oben erwähnten Erfahrungen allerdings gerne verzichten.)
10. Pet Shop Boys
31 Jahre, nachdem sie mit „Go West“ in mein Leben getreten waren (und damit lange, bevor ich um Begriffe wie „queer“ wusste), haben die Pet Shop Boys ihr 15. Studioalbum veröffentlicht. „Nonetheless“ (Parlophone; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music, Bandcamp) heißt es – „Nichtsdestotrotz“, was für ein schönes Wort! – und es zählt im Gesamtwerk zu den eher melancholischen Alben. Ansonsten machen Neil Tennant und Chris Lowe einfach weiter genau ihr Ding: Es geht um Liebe und Nachtleben, aber ebenso selbstverständlich um die ZDF-Hitparade und einen von Donald Trumps Bodyguards. Natürlich. Immer wieder erkennt man Versatzstücke aus älteren Songs, aber das ist ja Teil des Gesamtkunstwerks, wie wir spätestens seit „DJ Culture“ (dem PSB-Song von 1991, nicht dem Buch von Ulf Poschardt) wissen. Persönlicher Höhepunkt: Ich durfte für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ über das Album schreiben, jenes Blatt, in dem ich noch als Schüler über die Band gelesen hatte.
9. Vanessa Peters
Bevor Mark Zuckerberg beschloss, Instagram zur weiteren Zersetzung der Demokratie zu nutzen, konnte man dort tatsächlich Musik entdecken: Acts haben kleine Clips aus ihren Musikvideos als Werbung geschaltet und die gleichen Algorithmen, die mich jetzt von den Vorzügen des Faschismus überzeugen sollen (Vergiss es, Pudel!), haben mir dann überraschend präzise Songs vorgespielt, die mich sofort überzeugt haben. So bin ich jedenfalls 2021 auf die Amerikanerin Vanessa Peters und ihr Album „Modern Age“ aufmerksam geworden und seitdem verfolge ich ihr Schaffen. Damals hatte ich geschrieben: „Als hätten Aimee Mann, Suzanne Vega und Kathleen Edwards eine Supergroup gegründet.“ Das gilt immer noch und ich meine es als eines der höchsten Komplimente, denn auch „Flying On Instruments“ (Idol Records; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music, Bandcamp) ist wieder ein Americana/Folk-Album, das mich an die besten Seiten der amerikanischen Kultur erinnert. Also an das Gegenteil von Mark Zuckerberg.
8. Maro
Maro ist immer das Beispiel, das ich bringe, wenn ich erklären will, dass der Eurovision Song Contest längst keine alberne Quatsch-Veranstaltung voll Eurodance-B-Ware ist (das war er in dieser Absolutheit noch nicht mal in den 1980er bis 2000er Jahren), sondern ein Musikfestival im klassischsten Sinne: Natürlich hätte ich auch auf anderen Wegen (das Internet existiert ja) von der jungen Musikerin mit dem bürgerlichen Namen Mariana Brito da Cruz Forjaz Secca und der wunderbar verschlafenen Stimme erfahren können, aber ihr Auftritt in Turin 2022 war dann doch ein ganz besonders beeindruckender Kennenlernmoment. Ende September habe ich sie endlich wieder live gesehen, durchaus angemessen im Konzerthaus Dortmund, und es war eines der schönsten, umarmendsten Konzerte, das ich je besucht habe. Wie junge Acts das so machen, hat sie während des ganzen Jahres immer wieder Songs herausgebracht, u.a. mit Parcels, vor allem aber mit dem Musiker Nasaya, der auf der französischen Insel Reunion im indischen Ozean aufgewachsen ist, wie Maro das Berklee College of Music besucht hat, und mit dem sie 2021 schon mal eine ganze EP mit vier Songs veröffentlicht hatte. Das gemeinsame Album „Lifeline“ (Secca Records; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music) kam erst am 15. Januar raus, aber das bedeutet ja nur, dass Maro auch 2025 wieder zu meinen Acts des Jahres gehören kann.
7. Joy Oladokun
Auf das Musikjahr 2023 haben wir ja in einer gemeinsamen Sendung zurückgeschaut. Deswegen gibt es keine persönliche Bestenliste, die ich jetzt verlinken kann, und auf der Joy Oladokun mit ihrem Album „Proof Of Life“ meinen Platz 1 belegt hätte. Das wird nicht der Hauptgrund sein, warum sie 2024 direkt das nächste Album, ihr fünftes, veröffentlicht hat, aber auch „Observations From A Crowded Room“ (Amigo Records; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music) ist wieder verdammt gut geworden. Sie macht sich Gedanken über den gesellschaftlichen Zusammenhalt und Fortschritt, sie singt über die Kraftanstrengungen, überhaupt aufzustehen und weiterzumachen — und all das hat so viel Groove, so viel schöne Melodien und so viele Gospel-Chöre, dass einen diese vermeintlichen Widersprüche ganz aufwühlen. Aber war das bei Marvin Gaye, Sam Cooke oder Aretha Franklin anders?
6. MJ Lenderman
Manchmal gibt es ja so Namen und Alben, von denen man so oft in verschiedenen Zusammenhängen liest, dass man sie einfach hören muss: Das vierte Soloalbum von MJ Lenderman war so eins und das Überraschende war eigentlich nur, dass es nach vielen Jahren mal wieder ein Indierock-Album war, über das so viele Leute sprachen — und dass es mir dann auch noch gefiel! „Manning Fireworks“ (Anti; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music, Bandcamp) klingt, als würde ich es schon mein halbes Leben kennen. Oder, anders: So, wie wenn The Get Up Kids und The Weakerthans sich vor 20, 25 Jahren in einer Scheune in Montana, in der zufällig noch ein paar Folk-Musiker sitzen, gegenseitig gecovert hätten.
5. Christian Lee Hutson
Ich kann gar nicht mehr rekonstruieren, wie ich zum ersten Mal „After Hours“ von Christian Lee Hutson gehört habe. Ich weiß nur, dass die 3:12 Minuten, die der Song dauert, noch nicht durch waren, als ich ihn meinen engsten Freund*innen schon wärmstens – lass alles stehen und liegen und hör es Dir JETZT an! – ans Herz gelegt hatte. Entsprechend ist es auch mein Song des Jahrs 2024 geworden. Wenn ich Songs so doll liebe, habe ich manchmal Angst vor dem Album, dem sie vorangingen, aber „Paradise Pop. 10“ (Anti; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music, Bandcamp) löste sogar mehr Versprechen ein, als die Single aufgestellt hatte: Songs wie „Autopilot“, „Water Ballet“ oder besagtes „After Hours“ klingen, wie sich die eigene Bettdecke an einem diesigen, kalten Sonntagvormittag anfühlt. Es gibt Klavierballaden, melancholische Folksongs und etwas lärmendere Folkrock-Nummern für Fans von Elliott Smith, The Weakerthans und Bright Eyes. Jetzt machen also Menschen, die 1990 geboren sind, Musik, wie ich sie 2004 gehört habe.
4. Philine Sonny
Ich weiß nicht, ob man es merkt, aber ich habe einen gewissen Hang zum Lokalpatriotismus. Man müsste mir schon sehr viel Geld bieten, damit ich das Ruhrgebiet oder auch nur Bochum-Ehrenfeld verlasse. Wenn es um Philine Sonny geht, ist es deshalb, als würde der VfL Bayern München schlagen: Sowas ist hier möglich! Und wer wohnt schon in Düsseldorf? Dabei hat das ja alles gar nichts mir mir zu tun und vielleicht auch nur in Teilen mit der Stadt. Im März, jedenfalls, hatte die 23-jährige Musikerin und Songschreiberin ihre zweite EP „Invader“ (Nettwerk; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music, Bandcamp) veröffentlicht, danach noch jede Menge Singles. Im Herbst begann sie dann ihr nächstes Projekt, bei dem sie Songs in 15 Minuten schreibt, innerhalb weniger Tage aufnimmt und dann so schnell wie möglich veröffentlicht. „So schnell wie möglich“ bedeutet bei einem Label – bei Nettwerk erscheinen auch Angus & Julia Stone, The Paper Kites, Joshua Radin und Great Lake Swimmers – und Streamingdiensten immer noch rund zweieinhalb Monate, aber das ganze Konzept und die Daten im Songtitel verleihen den Songs eine gewisse Unmittelbarkeit. Und ich tue, was ich kann, um Philine Sonny noch berühmter zu machen — zum Beispiel in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ über sie schreiben.
3. Suzan Köcher’s Suprafon
Wenn jemand „psychedelisch“ sagt, denke ich an Pink Floyd, Ölprojektoren und die Generation unserer Eltern, die bekifft auf einem Flokati liegt. Okay, ich komm noch mal rein: Wenn jemand „psychedelisch“ sagt, denke ich an David Lynch, die mittleren Byrds und orangefarbene U‑Bahn-Haltestellen. Habt Ihr die Bilder? Okay, dann kommt jetzt der Soundtrack, denn Suzan Köcher’s Suprafon machen laut eigener Aussage Psychedelia (nur, damit Ihr’s schonmal gehört habt: im Englischen ist das „P“ stumm), aber auch Dream Pop, Krautrock, Disco und Desert Americana. Tatsächlich entstehen in meinem Kopf sofort Filme der Coen Brothers, Wim Wenders und Paul Thomas Anderson; ein Steppenläufer rollt definitiv durch die staubige Landschaft und es ist entweder immer gerade Mittag oder die Zeit kurz nach Sonnenuntergang. Also: Alltag im Bergischen Land, denn Suzan Köcher selbst stammt aus Solingen, ihre Band aus dem Umkreis (und damit ein Strich mehr bei „Ruhrgebiet“). Ihr drittes Album „In These Dying Times“ (Unique Records; Apple Music, Spotify, Amazon Music, YouTube Music, Bandcamp) wäre, wenn es aus den USA käme, überall in den Jahresbestenlisten. So wenigstens bei mir.
2. kettcar
Er habe mehr durch Musik gelernt als durch Bibliotheken, hat Thees Uhlmann mal gesungen (und dabei Bruce Springsteen referenziert) und er hat leicht reden, denn unsere gemeinsamen Buddies von kettcar veröffentlichen auf Grand Hotel van Cleef, dem Label, das sie mit ihm gemeinsam betreiben, ja regelmäßig Alben, deren Songs ganze Bücher ersetzen. So gesehen ist „Gute Laune ungerecht verteilt“ (Grand Hotel van Cleef; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music, Bandcamp) wieder eine 45-minütige Bibliothek zum Hören: Die brachiale Single „München“ ist ein eigenes, umfassendes Werk über Alltagsrassismus; „Rügen“ referiert die Freude und Nachteile des Eltern-Seins besser als es ein Buch irgendeiner Twitter-Berühmtheit je könnte; „Kanye in Bayreuth“ ist das feuilletonistische Essay über die Schwierigkeit, Werk und Autor zu trennen; „Einkaufen in Zeiten des Krieges“ die vertonte Kolumne über gestiegene Lebensmittelpreise und „Blaue Lagune, 21:45 Uhr“ der Antihelden-Roman, der in Rezensionen mit Tarantino verglichen wird. Dass das alles noch so schön erhebend klingt und man alles mitsingen kann, ist ja das eigentliche Kunststück, aber kettcar lassen es ganz leicht aussehen. Da wartet man auch gerne mal fünf Jahre drauf!
1. Japandroids
2024 war für viele von uns ein schwieriges Jahr, das in der zweiten Jahreshälfte völlig aus der Kurve zu fliegen schien: Donald Trump, AfD, Neuwahlen, dazu immer noch Krieg in der Ukraine und eine ungelöste Klimakatastrophe — und das war nur die Scheiße aus den Nachrichten, die uns alle betraf. Hinzu kamen private Schicksalsschläge und die immer absurder erscheinende Aufgabenstellung, auch noch den sogenannten Alltag bewältigen zu sollen. Am 25. Oktober starb meine geliebte Tante Dörte und ich war wirklich froh, dass ich neben meinem engsten Umfeld auch immer noch Musik hatte. Genau eine Woche zuvor war „Fate & Alcohol“ (schon wieder Anti — Label des Jahres!; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal , YouTube Music, Bandcamp) erschienen, das vierte und vorab schon als solches angekündigte letzte Album der Japandroids. Fragt mich nicht, wie Brian King und David Prowse diesen Sound mit nur einer Gitarre und einem Schlagzeug hinbekommen, denn ich habe sie leider nie live gesehen, aber das ist auch egal, denn für „Fate & Alcohol“ gilt, was Faithless damals in „God Is A DJ“ deklamierten: „This is my church / This is where I heal my hurts“. Wann immer ich vergessen hatte, dass ich am Leben bin, und wie sich das anfühlt, habe ich dieses Album gehört. Und es legte mir sacht seine Hand auf meine Schulter und gemeinsam wussten wir: Ja, unsere Hände sind blau und geschwollen, aber wir können daraus immer noch ein Herz formen (und zwar so wie Millennials, also richtig), eine Faust machen und sie in den Himmel strecken. Die Musik klingt immer noch, als würde sie vom ersten bis zum letzten Ton das Leben feiern, aber anders als auf den ersten Alben nicht aus jugendlicher Ignoranz heraus, sondern aus erwachsenem Verständnis und Trotz: Ja, das Leben enthält auch Enttäuschungen, Trauer und andere Tiefschläge und genau deshalb ist es so wertvoll und wunderschön. Nonetheless. Wenn meine Persönlichkeit zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben ein Album wäre, sie würde so klingen. „For a few hours, it’ll be alright, Baby!“
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Ja: Ich bin ein bisschen spät dran, aber die Feiertage, die Ferien und ein paar Computerprobleme haben mich aufgehalten.
Aber jetzt ist es endlich da: Mein Dezember-Mixtape, mit Songs, die ich in den letzten Wochen so gehört und für gut befunden habe. Dabei sind Tiny Moving Parts, in deren Album „Deep In The Blue“ ich mich gerade ein bisschen verliebt habe, Andrew W.K. und Kendrick Lamar, aber auch Maro, Paenda und Art School Girlfriend, die Ihr als aufmerksame Hörer*innen unserer leider eingestellten Musiksendung natürlich schon kennt.
The Zutons, von denen Amy Winehouses „Valerie“ ja im Original stammte, covern nach 17 Jahren „Back To Black“ zurück, der Berliner DJ Dirty Doering sampelt – wenn ich das richtig erkannt habe – ukrainische Folklore und Horsegirl erinnern auf ganz bezaubernde Weise an den „Juno“-Soundtrack.
Viel Spaß! (Und: Ja, die Bestenlisten fürs Jahr 2024 kommen natürlich auch noch!)
Lukas blickt kurz zurück auf den 69. Eurovision Song Contest, wo schon wieder ein Song gewonnen hat, den wir in unserer ESC-Vorschau nicht gespielt hatten: „The Code“ von Nemo aus der Schweiz.
Dann gibt es neue Songs von Maro, The Decemberists, Amilli, Ider — und den ersten interessanten Travis-Song seit langer Zeit.
Im Bochumer Schneegestöber baut Lukas sein musikalisches Lagerfeuer auf, an das Ihr Euch alle kuscheln könnt: Nach einer etwas ausufernden, sehr persönlichen Rückschau auf das allerletzte Pale-Konzert vergangene Woche in Köln spielt Lukas neue Songs von Nia Archives, Freekind und Maro und den deutschen Beitrag zum ESC 2023. Von herzerwärmend bis Kleinholz ist also alles dabei!
Der erste Monat 2023 ist fast rum, schnell noch eben die Acts des Jahres 2022 in eine ordentliche Liste packen:
10. Sudan Archives
Schon der Name, unter dem Brittney Denise Parks Musik macht, macht neugierig: Sudan Archives, das klingt erstmal nach field recordings, nach Ethnologie und world music. Ja, aber: Die Art, wie sie Einflüsse aus afrikanischer Musik, Elektronik und Hip-Hop mischt und zwischendurch noch auf ihrer Geige spielt, ist nur eine (wenn man so will: akademische) Ebene ihres Sounds. Vor allem flirrt, klopft und groovt ihre Musik; oft passiert vieles gleichzeitig und doch bleibt noch viel Platz in den Arrangements, um zu atmen. „Natural Brown Prom Queen“ (Stones Throw Records; Apple Music, Spotify, Bandcamp) heißt ihr zweites Album und der Titel kommt schon angemessen breitschultrig daher: Wer women of color im Jahr 2022 noch an den Rand drängen wollte, ist bei Sudan Archives an der falschen Adresse (natürlich auch generell; diversity exists, get used to it). „I’m not average“ wiederholt sie im Quasi-Titeltrack „NBPQ (Topless)“ und beschreibt darin, wie es ist, ausgegrenzt und kritisch beäugt zu werden und dieses Anders-Sein zu einer Art Markenzeichen umzuwidmen. „Natural Brown Prom Queen“ ist also ein Album, das sowohl bei sorgfältiger Beschäftigung auf der inhaltlichen Ebene funktioniert, als auch einfach gut als Soundtrack des eigenen Lebens funktioniert – und das ist ja immer super, wenn sowas möglich ist!
9. Janou
Ich finde es ja immer stark, wenn Menschen ihr Ding durchziehen: Ich kenne Jana von Janou jetzt schon mehr als zehn Jahre und habe erlebt, wie sie rumorende Bochumer Kneipen zum Schweigen brachte, indem sie ihre Stimme zur Akustikgitarre erhob. Seit einigen Jahren ist Janou ein Duo mit starken elektronischen Einflüssen und diese ganzen Sounds lassen ihre ausdrucksstarke Stimme noch mehr strahlen. Nach einigen Singles erschien 2022 mit „Fluid Ground“ (Skip A Beat; Apple Music, Spotify) die erste EP, die Bock auf mehr macht: Wenn im opening cut „Down“ kurz eine Erinnerung an „She Drives Me Crazy“ von den Fine Young Cannibals durchschimmert, wenn „Lonely Boy“ von den Black Keys mit Genehmigung der Band zu „Lonely Boy (Girl)“ umgewidmet wird, „Solitude“ ein Licht in der Dunkelheit anzündet oder „Rosemary“, mein persönlicher Sommerhit 2022 (s.a. die Songs des Jahres), Bochum nach LA oder Miami verlegt. Wo sind die Radiosender, die sowas auf Rotation nehmen?!
8. Maro
Ich habe es im letzten Jahr in jedem Interview gesagt und ich wiederhole es gerne: Der Eurovision Song Contest hat nur noch wenig mit dem freakigen musikalischen Paralleluniversum zu tun, als das er über Jahrzehnte galt. Er ist nicht mehr nur die jährliche Leistungsschau der Bühnentechnik-Industrie, sondern auch ein … nun ja: ernstzunehmendes Musikfestival, bei dem man Acts entdecken kann, die einem die heimische Musikpresse und der Spotify-Algorithmus jetzt eher nicht vorgestellt hätte. So auch Mariana Secca aus Portugal, die als Maro (gesprochen: Maru) großartige Musik macht: Ihr ESC-Beitrag „Saudade, Saudade“ (s.a. die Songs des Jahres) ist auf ihrem letztjährigen Album „Can You See Me?“ (Secca Records; Apple Music, Spotify) gar nicht vertreten, dafür Songs wie das hypnotische „Am I Not Enough For Now?“, das schläfrige „We’ve Been Loving In Silence“ oder „Like We’re Wired“, das klingt wie ein Sonnenaufgang. Inhaltlich bildet das Album die Gefühlswelt einer Frau Mitte Zwanzig ab, mit all den großen Erwartungen und Enttäuschungen, die auch Liz Phair, Fiona Apple oder Tori Amos vor 30 Jahren schon besungen haben; musikalisch steht vor allem Maros Stimme im Vordergrund, aber dahinter spannen die Gitarren, Klaviere und Drumcomputer einen weiten Raum auf. Und wenn man denkt, das klingt jetzt schon alles sehr ähnlich, kommt mittendrin das portugiesisch-sprachige Duett „Juro Que Vi Flores“. Das nächste Album hat Maro für dieses Jahr schon angekündigt.
7. Philine Sonny
Irgendwie hat man es ja bei all dem neuen Elend schon fast vergessen, aber in den Jahren 2020 und 2021 (und ein Stück weit auch noch 2022) gab es in Europa eine Pandemie, die das öffentliche Leben weitgehend zum Erliegen gebracht hatte. Als nach zwei Jahren Zwangspause im letzten Sommer die Musikfestivals zurückkehrten, habe ich mich zum ersten Mal richtig aufs Bochum Total gefreut: endlich wieder Livemusik, fußläufig vor der eigenen Haustür, portionsgerecht fürs eigene Kind und ein guter Anlass, um endlich mal wieder die eigenen Freund*innen zu treffen. Genialerweise hatte auch noch ein fellow nerd eine Spotify-Playlist gebaut, mit der man sich im Vorfeld auf das Festival vorbereiten konnte, weil einem die meisten Namen ja doch noch nichts sagen. Als ich zu den Songs von Philine Sonny kam, war ich als Erstes überrascht, dass ein Act, der so nach Weltformat klingt, tatsächlich beim Bochum Total spielt. Dann stellte ich fest, dass Philine Sonny aus Unna stammt, was jetzt – selbst von Bochum aus betrachtet – eher das Gegenteil der großen, weiten Welt ist. So klingt das also, wenn man mit The War On Drugs, Ryan Adams, Bright Eyes und Lucy Dacus aufgewachsen ist und diese Musik ganz doll fühlt (oder zumindest klingt es so, als wäre Philine Sonny mit dieser Musik aufgewachsen). Die erste EP „Lose Yourself“ (Mightkillya; Apple Music, Spotify) haut den Pflock auf alle Fälle schon mal sehr fest in den Boden und jetzt, wo Philine Sonny in Bochum wohnt und zum legendären showcase festival South By Southwest eingeladen wurde, würde ich sagen: sky’s the limit.
6. Anaïs Mitchell
Manchmal frage ich mich schon, wie bestimmte Acts so lange an mir vorbeigehen konnten. Dann fühle ich mich kurz schlecht und nehme ich mir vor, noch mehr Musik zu hören, aber dann denke ich auch wieder: „Das hier ist kein Wettbewerb und Musik findet einen eh immer im richtigen Moment!“ 2022 war also der richtige Moment, um Anaïs Mitchell nach 18 Jahren und einigem „Ich hab davon gehört/gelesen“ in mein Leben zu lassen – rechtzeitig zum achten, selbstbetitelten Album (BMG; Apple Music, Spotify). Ich hab das bei Musik, die irgendwie mit Folk zu tun hat, immer, dass ich mir beim Hören weite Landschaften vorstelle (was ja auch Sinn dieses Genres ist), aber bei diesem Album ist es besonders stark: es klingt wie ein road trip durch Gegenden, die man am Besten schnell hinter sich lässt, auf der Suche nach dem großen Glück und dem Ort, wo man seine Pläne verwirklichen kann. Es erinnert mich aber auch an Hem, k.d. lang und Bon Iver und es gibt nicht viel besseres, was ich über Musik sagen kann.
5. Lou Turner
Noch mehr Indie-Folk: Auf ihrem dritten Album „Microcosmos“ (Lou Turner; Apple Music, Spotify, Bandcamp) setzt sich Lou Turner unter den Eindrücken der Pandemie mit der Frage auseinander, was es bedeutet, „unterwegs“ und „zuhause“ zu sein. Es geht um die Welt, die im Lockdown gleichzeitig kleiner und größer wurde, als Spaziergänge durch die eigene Nachbarschaft plötzlich die neuen Reisen waren. Dabei orientiert sie sich u.a. an Joni Mitchells Album „Hejira“ (das sie in „Empty Tame And Ugly“ auch namentlich erwähnt) und das alles, Musik und Lyrics, sind wirklich wunderbar.
4. Koffee
Gut: Den Künstlernamen finden wir hier im Blog natürlich schon mal grundsympathisch. Auch Koffees Karriere ist eng mit der COVID-19-Pandemie verbunden: Als gefeierte Nachwuchskünstlerin wurde sie 2020 erstmal ausgebremst, die Single „Lockdown“ wurde im selbigen zum Hit. „Gifted“ (Promised Land; Apple Music, Spotify) ist ihr Debüt-Album und gilt offiziell als Reggae. Ich habe dafür alle Vorurteile, die ich gegenüber dem Genre hatte (auch bzw. vor allem Dank seines studentischen Publikums in Deutschland), über Bord geworfen und mich im Frühjahr 2022, als die „Normalität“ so langsam, aber sicher zurückkam, sehr an diesem Album erfreut. Im opening cut „x10“ läuft Bob Marleys „Redemption Song“ einfach im Hintergrund und auch wenn das natürlich vor allem als Ehrerweisung gemeint ist, zeigt es auch: Dieses Album ist etwas anderes.
3. Bülow
Alter ist ja etwas, was man ungefähr nie gescheit einschätzen kann: Als Kind und Teenager sind Musiker*innen halt alle irgendwie „älter“ und die, mit denen man aufgewachsen ist, werden immer älter bleiben. Dann kommen plötzlich Menschen, die signifikant jünger sind als man selbst, und man denkt: „Woher können die das denn schon alles?“ Naja: George Harrison war 20, als das erste Beatles-Album rauskam, Beck war bei „Loser“ auch nur ein paar Jährchen älter und Conor Oberst ist mit zwölf schon mit eigenen Songs aufgetreten. Also: Megan Bülow ist Ende Dezember 23 geworden und macht professionell Musik, seit sie 16 ist. Das klang immer schon gut, aber ihre EP „Booty Call“ (Universal; Apple Music, Spotify) zeigt ihre Stärken nochmal besser als alle bisherigen Releases: fünf Songs, etwas über 13 Minuten – maximal verdichteter Indie-Pop zwischen besagten Beck und Conor Oberst, mit großer Schnoddrigkeit, nachklingender teenage angst und einem generell starken nineties vibe. Hören junge Menschen noch Alben? Nehmen junge Acts noch welche auf? Ich fänd’s stark!
2. King Princess
Das große Aufreger-Thema in den US-Medien waren Ende des Jahres die „Nepo babies“, also junge Menschen, die – so das Narrativ – aufgrund ihrer Abstammung einen leichteren Einstieg ins Berufsleben und bessere Aufstiegschancen haben. Sicherlich ein ernsthaftes Problem, aber gerade die mediale Fokussierung auf die Unterhaltungsbranche nahm der Kritik auch ein bisschen den Wind aus den Segeln: Wenn Du unter Künstler*innen aufwächst, ist es halt wahrscheinlich, dass Du selbst ein gewisses Interesse an Kunst und Kultur entwickelst. Dazu kommen dann eben noch Talent und Kontakte, also: check your privilege, aber so what?! (Dass deutsche Medien sich vor allem um eine Nacherzählung einer amerikanischen Debatte bemühten, aber nicht für eine Sekunde auf die Idee kamen, dass Thema auf Deutschland herunterzubrechen, spricht entweder für oder gegen sie – ich bin mir da noch unsicher.) Mikaela Straus, jedenfalls, tauchte auf dieser Liste der nepo babies auch auf, weil ihr Vater recording engineer ist und ihr Ur-Urgroßvater (!) Isidor Straus einer der Besitzer von Macy’s war, bevor er mit seiner Frau beim Untergang der „Titanic“ (bekanntermaßen im Jahr 1912) ums Leben kam. Ja, interessante Fußnote, aber viel interessanter ist doch nun wirklich die Musik, die Mikaela (Jahrgang 1998) als King Princess veröffentlicht: krachender Indie-Pop mit großen Melodien und klugen Texten. Mit elf hatte sie einen Plattenvertrag abgelehnt, weil sie die kreative Kontrolle nicht abgeben wollte, und das scheint sich ausgezahlt zu haben: „Hold On Baby“ (Zelig Records; Apple Music, Spotify) ist ihr zweites Album und man ahnt, dass es auf einem Major-Label eventuell etwas anders klingen würde. Inhaltlich geht es um Beziehungsspannungen in der Pandemie, um Freundschaften, gender identity und Selbstzweifel im Sex Shop. Mit Mark Ronson, Ethan Gruska, Aaron Dessner, Bryce Dessner und Tobias Jesso Jr. haben einige der aktuell namhaftesten Produzenten am Album mitgewirkt und der closer „Let Us Die“ ist einer der letzten Song, auf dem Taylor Hawkins von den Foo Fighters vor seinem viel zu frühen Tod getrommelt hat. Kurzum: Es gibt viel zu entdecken und zum Nachdenken und das mag ich ja immer, wenn man Musik hören, aber ihr auch zuhören kann. Bei passendem Verkehrsaufkommen „reicht“ das Album genau von meinem Elternhaus bis zu unserer Haustür und in jedem normalen Jahr hätten King Princess und „Hold On Baby“ den Spitzenplatz meiner Rangliste belegt, aber 2022 war auch in dieser Hinsicht kein normales Jahr.
1. Pale
Ich hab die Geschichte jetzt schon einpaarMal erzählt: Pale hatten sich eigentlich 2009 aufgelöst. Dann wurde 2019 bei ihrem ehemaligen Gitarristen Christian ein Gehirntumor diagnostiziert, was die Mitglieder auf die Idee brachte, wieder gemeinsam Musik zu machen. Schlagzeuger Stephan hatte mit einer eigenen schweren Erkrankung zu kämpfen, dann kam die Pandemie und im Frühjahr 2021 ist Christian leider gestorben. Man muss diese Geschichte kennen, um zu verstehen, was „The Night, The Dawn And What Remains“ (Grand Hotel van Cleef; Apple Music, Spotify), das finale Album, das aus all dem doch noch entstanden ist, eigentlich ist: eine einzige Feier des Lebens, der Freundschaft und der Musik. Vom instrumentalen Opener „Wherever You Will Go“, der an U2 und Stars erinnert und die Tür schon mal entsprechend weit aufmacht, über die Singles „New York“ (s.a. Songs des Jahres), „Man Of 20 Lives“ (für Stephan) und „Bigger Than Life“ (für Christian) bis zum Schlussakkord von „Someday You Will Know“ zelebriert dieses Album das Trotzdem, das Überleben, das Zurückbleiben und auch die Trauer. Es ist wie ein Bengalo auf einer Beerdigung. Und dann taucht mittendrin plötzlich Simon den Hartog auf. Der ehemalige Sänger der Kilians hat zwar fast eine ganze Dekade nicht gesungen, aber auf „Still You Feel“ kuschelt sich seine altbekannte, jung gebliebene Reibeisenstimme plötzlich an die von Pale-Sänger Holger Kochs und gemeinsam singen sie über große Gefühle, Musik und Heimatstädte. Ich wusste selbst nicht, wie dringend ich genau das gebraucht hatte, aber: Junge, war ich glücklich, als ich das Lied zum ersten Mal gehört habe! Klar, dass die Songs zu meinem täglichen Begleiter wurden, als ich nach dem Tod meiner Omi mit meiner eigenen Trauer, meinen Erinnerungen und vor allem aber auch meiner alles überlagernden Liebe für alles und alle klarkommen musste. Klar, dass so ein Album natürlich wieder beim GHvC erscheinen musste. Klar, dass so ein Album seinen ganz eigenen Platz auf meinem privaten Popkultur-Altar bekommen muss – und wie krass ist es da bitte, dass das Albumcover einen Popkultur-Altar zeigt, auf dem (neben einer Ausgabe von „Per Anhalter durch die Galaxis“) ein Mixtape namens „Hometown Mix“ steht, dessen B‑Seite (nur auf der Vinyl-Version zu entziffern) mit „Dinslaken 2002“ beschriftet ist?! Eben. It is the last stop that tells you a lot about where you came from and what you have got.
Ich brauche traditionell immer ein bisschen länger, um meine Songs des Jahres zusammenzustellen, aber ich finde das besser, als das Jahr schon im November einpacken zu wollen; hier ist mein Blog mit meinen Regeln und außerdem ist ja noch Januar. Also: Hier sind – Stand jetzt – meine Lieblingslieder des Jahres 2022!
25. Death Cab For Cutie – Here To Forever
Ben Gibbards Lyrics sind ja mitunter so spezifisch, dass sie schon zum Meme taugen. Das muss natürlich nicht schlecht sein, im Gegenteil:
In every movie I watch from the ’50s
There’s only one thought that swirls
Around my head now
And that’s that everyone there on the screen
Yeah, everyone there on the screen
Well, they’re all dead now
Damit hat er einmal mehr einen Gedanken ausformuliert, den ich so oder so ähnlich selbst schon oft hatte. Und wenn Du dann am Tag nach dem Tod Deiner Großmutter im Wohnzimmer des Großelternhauses stehst, auf einem Regal die Fotos all der Großtanten und ‑onkel, dann knallen diese Zeilen noch mal ganz neu in die offene Wunde: Die sind jetzt alle tot. Das neue Death-Cab-Album „Asphalt Meadows“ hat mich irgendwie nicht so richtig abgeholt, aber dieser Song wird immer Teil meiner Geschichte sein.
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24. Nina Chuba – Wildberry Lillet
Ich bin jetzt in einem Alter, wo es zunehmend schwer wird, mit den jungen Leuten Schritt zu halten – vor allem, wenn man keinen Bock hat, sich chinesische Spionage-Software aufs Handy zu laden. Ich habe dieses Lied also erst relativ spät in einem prähistorischen Medium namens Musikfernsehen entdeckt, aber mir war sofort klar, warum das ein Hit ist: Diese Hook, die gekonnt auf der Grenze zwischen „eingängig“ und „nervig“ hüpft; diese Lyrics, die im klassischsten Sinne das durchspielen, was wir musical theater kids den „I Want“-Song nennen, und dabei sowohl im Dicke-Hose-Rap („Ich will Immos, ich will Dollars, ich will fliegen wie bei Marvel“) abschöpfen, als auch fast rührend kindlich („Will, dass alle meine Freunde bei mir wohnen in der Straße“) daherkommen; diese fröhlich-rumpelige Pippi-Langstrumpf-Haltung, mit der wieder mal eine neue Generation ihren Teil vom Kuchen einfordert – oder hier gleich die ganze Bäckerei („Ich hab‘ Hunger, also nehm‘ ich mir alles vom Buffet“). Und mittendrin eine Zeile, die man als immer jugendlichen Trotz lesen kann – oder als wahnsinnig traurigen Fatalismus: „Ich will nicht alt werden“. Wenn man den Song feuilletonistisch naserümpfend neben den „Fridays For Future“-Aktivismus legt, wird man feststellen, dass die Jugend (Nina Chuba ist da mit 24 gerade noch im richtigen Alter für den Song) ganz schön widersprüchlich sein kann: „We’re the young generation, and we’ve got something to say“ hatten die Monkees ja schon 1967 gesungen – und darüber hinaus nichts zu sagen gehabt, während zeitgleich mal wieder eine Zeitenwende ausbrach.
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23. Harry Styles – As It Was
Damit hätte jetzt auch niemand rechnen können, dass ausgerechnet „Take On Me“ von a‑ha mal zu einem der prägendsten Einflüsse auf eine neue Generation Popmusik werden würde: Schon „Blinding Lights“ von The Weeknd war von der legendären Keyboard-Hook … sagen wir mal: „inspiriert“ und auch „As It Was“ kann eine gewisse Verwandtschaft nicht bestreiten. Aber erstens bitte nichts gegen a‑ha und zweitens passiert hier in 2:47 Minuten (während die Kinofilme immer länger werden, werden die Popsongs immer kürzer – die Menschen haben ja auch nicht unendlich viel Zeit) so viel, dass man kaum hinterher kommt. Und über Harry Styles muss man ja eh nichts mehr sagen. 1
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22. The National feat. Bon Iver – Weird Goodbyes
„What your favorite sad dad band says about you“ titelte McSweeney’s im Januar 2022, dabei war der Witz da schon mindestens viereinhalb Jahre alt. The National und Bon Iver sind natürlich auf beiden Listen und wenn sie nicht gerade mit Taylor Swift Musik machen, machen sie die halt gemeinsam (dass Aaron Dessner von The National und Justin Vernon von Bon Iver auch noch gemeinsam bei Big Red Machine spielen, verwirrt an dieser Stelle zwar nur, ich muss es aber erwähnen, weil sonst meine Mitgliedschaft in der „Musikjournalisten-Nerds“-Unterabteilung des Bochumer „Sad Dad“-Clubs in Gefahr wäre). So wie bei diesem Song, der nicht Teil des neuen The-National-Albums sein wird, das inzwischen angekündigt wurde und „First Two Pages of Frankenstein“ (man ahnt eine etwas umständliche Referenz, die da irgendwo als Witz im Hintergrund lauert) heißt. Es ist trotzdem ein schöner Song! Und die Band verkauft inzwischen „Sad Dad“-Merchandise.
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21. Rae Morris – No Woman Is An Island
Rae Morris ist der erste und bisher einzige Act, der schon zwei Mal meine Liste der „Songs des Jahres“ angeführt hat: 2012 und 2018. Rechnerisch wäre sie also erst 2024 wieder dran, was ja auch gut sein kann. „No Woman Is An Island“ ist natürlich auch nicht schlecht, ich hab nur eben 20 Songs (von ca. 4.000 gehörten) gefunden, die ich 2022 besser fand als diese leicht theatralische (im Sinne von Bühnenaufführung, nicht im Sinne von übertrieben) Feminismus-Ballade.
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