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Musik

Blasmusik

Ges­tern spiel­ten also die Kili­ans ein „exklu­si­ves Radio­kon­zert“ in Bochum. Da mein Com­pu­ter immer noch in der Repa­ra­tur ist, kann ich gera­de nicht nach­gu­cken, wie oft ich die Band schon gese­hen habe, aber es dürf­te ges­tern so unge­fähr das fünf­zehn­te Mal gewe­sen sein.

Vor dem Kon­zert waren die Her­ren Musi­ker etwas miss­ge­stimmt, weil Orga­ni­sa­ti­on und Ablauf wohl zu wün­schen übrig­ge­las­sen hat­ten, aber schon ab dem ers­ten Akkord war alles wie­der bes­tens und sie rock­ten so unge­stüm und auf den Punkt wie eh und je.

Das alles wäre also von so gerin­gem Neu­ig­kei­ten­wert, dass nicht mal ich dar­über blog­gen wür­de. Aber die Ansa­gen von Simon den Har­tog, dem klei­nen gro­ßen Mann am Mikro­fon, waren ges­tern so exor­bi­tant unter­halt­sam, dass sie ein­fach für die Nach­welt fes­ge­hal­ten wer­den müs­sen – was Dank der Auf­zeich­nung für die Radio­aus­strah­lung auch kein Pro­blem gewe­sen sein dürf­te.

Im hin­te­ren Bereich des Kon­zert­saals, wo gleich meh­re­re Dins­la­ke­ner zusam­men­gluck­ten, macht das Wort vom „Dins­la­ken-Humor“ die Run­de – wenn wir nicht gera­de wie­hernd über den Fuß­bo­den kugel­ten. Wie, Sie fin­den „Ich muss­te dem Kav­ka sei­nen Schwanz lut­schen, damit das bei MTV gespielt wird“, als Anmo­de­ra­ti­on für „Enforce Yours­elf“ nicht brüll­ko­misch? Dann gibt es nur noch zwei Mög­lich­kei­ten: a) Sie müs­sen mehr Alko­hol trin­ken oder nach Dins­la­ken zie­hen (das kommt aufs Glei­che raus); b) Wir ver­set­zen die­ser Anek­do­te den abso­lu­ten Todes­stoß und sagen „Viel­leicht hät­te man dabei­ge­we­sen sein müs­sen.“

Not­aus­gang: Die Kili­ans und deren stän­di­ge Erwäh­nung hier gehen Ihnen auf die Ket­ten? Sie fin­den, Bands aus der deut­schen Pro­vinz dür­fen nicht klin­gen, als kämen sie aus dem eng­lisch­spra­chi­gen Aus­land? Sie glau­ben, wer Locken hat, will wie die Strokes aus­se­hen? Dann fin­den Sie hier sicher eine neue Hei­mat. Und wenn Sie sich auch noch anmel­den wol­len, bevor Sie lesen kön­nen, was die ande­ren Indi­en­a­zis so den­ken, dann ken­nen Sie das hier bestimmt eh schon.

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Leben

You can run but you can’t hide

Ges­tern war mal wie­der pl0gbar im Bochu­mer Café Kon­kret. Neben den übli­chen Ver­däch­ti­gen gab es auch drei neue Gesich­ter. Lei­der bin ich in der Dis­zi­plin „Namen mer­ken“ ähn­lich schlecht wie die­ser Mann, der immer irgend­wo im Fern­se­hen (glaub ich) auf­tritt, und die „Pro­jek­te“ und Web­sites krieg ich schon gar nicht zuge­ord­net.

Zwi­schen­durch wur­de unse­re Grup­pe von Frem­den ange­spro­chen: Wir sei­en doch sicher „web­af­fin“ (Alder, das Wort geht ja geschrie­ben mal gar nicht!), also inter­net­tech­nisch ver­siert – ob wir nicht einen PHP-Ent­wick­ler kenn­ten oder gar selbst ein sol­cher wären. Wir lach­ten sehr herz­lich. (Für tech­nisch unkun­di­ge Leu­te: Das sind Per­so­nen, die viel kom­pli­zier­te­re Web­sei­ten zusam­men­bau­en kön­nen als die Nach­bars­kin­der, und die des­halb ähn­lich begehrt und weit ver­brei­tet sind wie humor­vol­le, gut­aus­se­hen­de Lebens­part­ner, die viel Geld ver­die­nen und den Haus­halt schmei­ßen wol­len.)

Zu vor­ge­rück­ter Stun­de stell­ten Simon (Name nach­ge­schla­gen) von 12rec.net und ich fest, dass wir bei­de aus Dins­la­ken stam­men, ja: dass unse­re jewei­li­gen Eltern­häu­ser sogar weni­ge hun­dert Meter von­ein­an­der ent­fernt ste­hen müs­sen. Was folg­te, war das übli­che hek­ti­sche Abklop­fen von Gemein­sam­kei­ten, dass immer ein­tritt, wenn sich zwei Men­schen fern der gemein­sa­men Hei­mat begeg­nen. Nach­dem wir Epping­ho­ven, Holt­brüg­ge, Pas­tor Schnei­der, Stadt­park und Iggy Pop (den Dins­la­ke­ner, nicht den ech­ten) abge­he­chelt hat­ten, frag­te Pott­blog-Jens schon leicht fas­sungs­los, ob es sich bei „Dins­la­ken“ um einen ähn­li­chen Geheim­bund han­de­le wie bei Sci­en­to­lo­gy. Nein, tut es nicht.

Apro­pos Dins­la­ken: Heu­te Abend spie­len die Kili­ans ein „exklu­si­ves Radio­kon­zert“ im Bochu­mer Riff (sogar bei­na­he rich­tig ange­kün­digt, am 13. Sep­tem­ber im Dins­la­ke­ner Jäger­hof. Das Album (aktu­el­ler Amazon.de-Verkaufsrang: 89) erscheint am Frei­tag.

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Leben Unterwegs

Late Night Shopping Revisited

Wenn es irgend­wo auf der Welt eine Test­stre­cke für Stadt­mar­ke­ting­maß­nah­men geben soll­te, so liegt sie mit Sicher­heit im Ruhr­ge­biet. Fast jedes Wochen­en­de, so scheint es, wird eine neue Sau durch die Regi­on getrie­ben, und das Ruhr­ge­biet dürf­te mitt­ler­wei­le mehr Events als Ein­woh­ner haben.

Bochums neu­es­te Errun­gen­schaft ist der „Bochu­mer Musik­som­mer“, der am ver­gan­ge­nen Wochen­en­de zum ers­ten Mal statt­fand. Auf zahl­rei­chen Büh­nen in der Innen­stadt gab es kos­ten­lo­se Musik vom Poli­zei­chor bis zu Heinz-Rudolf Kun­ze, von der Elek­tro­lounge an der U‑Bahn-Sta­ti­on bis zum Kin­der­lie­der­sin­gen. Am Don­ners­tag spiel­ten Tele ein andert­halb­stün­di­ges Gra­tis­kon­zert und anders als beim Bochum Total hat­te man das Gefühl, dass das Publi­kum nüch­tern und wegen der Band da war. Es ging exakt eine Bier­fla­sche zu Bruch.

Sams­tag Abend war dann „Moon­light Shop­ping“, was im Wesent­li­chen bedeu­tet, dass sich Gewerk­schaf­ter dar­über beschwert haben dürf­ten, dass die Geschäf­te ein­mal bis 23 Uhr geöff­net waren. Natür­lich auch längst nicht alle Geschäf­te – über­ra­schen­der­wei­se waren unter denen, die nicht mit­mach­ten, aber vie­le gro­ße Ket­ten.

Halb zehn Abends ist nor­ma­ler­wei­se nicht die Zeit, zu der man zum Ein­kau­fen in die Stadt fährt, aber vor­ges­tern war es dann end­lich mal so weit. Wir stie­gen am Haupt­bahn­hof aus der U‑Bahn und fan­den unse­re Idee, eine sol­che Ver­an­stal­tung zu besu­chen, wun­der­bar iro­nisch. Dann stie­ßen wir auf einen Strom von Men­schen, die tat­säch­lich ihren Ein­kaufs­bum­mel auf den spä­ten Sams­tag­abend ver­legt hat­ten, und ich beschloss, mir den Schrift­zug „Iro­ny Is Over“ an einem pro­mi­nen­ten Platz über mei­nen Schreib­tisch zu hän­gen.

Aus der Fer­ne hör­te man Under­worlds „Born Slip­py“, das bald dar­auf in eine Tech­no­ver­si­on des ein­zi­gen mir bekann­ten Lie­des mün­de­te, das in Piz­ze­ri­en, Aus­seg­nungs­hal­len und Box­kampf­are­nen zum Ein­satz kam: „Time To Say Good­bye“. Es dau­er­te eini­ge Minu­ten, bis das Lied sein unge­wohn­tes Four-To-The-Flo­or-Gewand ver­las­sen und sich im Instru­ment eines ein­sa­men Gei­gers wie­der gesam­melt hat­te.

Wir gin­gen wei­ter in Rich­tung der Tech­n­obeats und – Hol­la! – die wich­tigs­te Kreu­zung der Fuß­gän­ger­zo­ne war voll mit Men­schen, die den Klän­gen eines DJs lausch­ten. Nur eine Woche, nach­dem die Love Para­de im Ruhr­ge­biet auf­ge­schla­gen war, stan­den hier jun­ge Men­schen, älte­re Men­schen, Teen­ager und Anzug­trä­ger zwi­schen Würst­chen­stand und Bier­wa­gen und es war ganz egal, dass sich eini­ge von ihnen gera­de zum ers­ten Mal in ihrem Leben zu elek­tro­ni­scher Musik beweg­ten.

Wir gin­gen in den City Point, die Bochu­mer Inkar­na­ti­on jener Ein­kaufs­zen­tren, unter deren Glas-und-Stahl-Dächern die wich­tigs­ten Beklei­dungs­fach­ge­schäf­te für die jün­ge­re Ziel­grup­pe unter­ge­bracht sind. Beim Betre­ten über­la­ger­ten sich kurz der Tech­no von drau­ßen und „Life Is Life“ aus dem zwei­ten Stock. Jedes Mal, wenn wir ein Geschäft ver­lie­ßen und das nächs­te betra­ten, hör­ten wir kurz die Par­ty­mu­sik von oben, die sich sehr schnell zu „YMCA“ stei­ger­te und irgend­wann „Movie Star“ erreich­te. Wir guck­ten eine Men­ge Kla­mot­ten, ich stell­te zu mei­nem Ent­set­zen fest, dass die Trends der Sai­son offen­bar V‑Ausschnitt und Test­bild­far­be­ne T‑Shirts hei­ßen und dass es in ganz Bochum, ver­mut­lich gar auf der gan­zen Welt, kein mir pas­sen­des schwar­zes Cordsak­ko gibt. Ich wür­de also einen Schnei­der auf­su­chen müs­sen, um end­lich zufrie­den zu sein.

Unser Bum­mel ende­te, auch um das Gefühl von Groß­stadt und Event noch ein wenig aus­zu­kos­ten, natür­lich bei Star­bucks, wobei ich sagen muss, dass eine Hot Cho­co­la­te um elf Uhr abends nicht so super­fluf­fig im Magen liegt. Oder ich Geträn­ke zum Gehen ein­fach nicht ver­tra­ge.

An der U‑Bahn-Hal­te­stel­le rauch­ten drei dicke Mäd­chen Ziga­ret­ten. Ich woll­te sie nicht fra­gem, ob sie das denn über­haupt noch dür­fen.

„Late Night Shop­ping Revi­si­ted“ ist die Fort­set­zung von „Late Night Shop­ping“ mit ande­ren Mit­teln.

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Leben Unterwegs

Urlaub machen, wo andere leben

Jesus auch in Bochum

Besucht man irgend­wen irgend­wo und drängt die­se Per­son mit mil­der Gewalt dazu, am eige­nen tou­ris­ti­schen Pro­gramm mit­zu­ma­chen, wird man mit an Sicher­heit gren­zen­der Wahr­schein­lich­keit am Ende einen Satz wie die­sen hören: „Also, das fand ich jetzt wirk­lich inter­es­sant. Wenn man hier wohnt, guckt man sich das ja nor­ma­ler­wei­se gar nicht an.“

Mich kommt in Bochum lei­der nie­mand besu­chen, wes­we­gen Kath­rin und ich uns am Wochen­en­de ein­fach mal auf eige­ne Faust als Tou­ris­ten in der eige­nen Hei­mat ver­sucht haben. Einen beson­de­ren Grund dazu gab es eigent­lich nicht, außer dass wir mal recht drin­gend Urlaub brauch­ten.

Gute Grün­de, dass die Innen­stadt voll ist, gibt es hin­ge­gen schon: Die Son­ne scheint in all ihrer som­mer­li­chen Pracht vom Him­mel hin­ab, der VfL spielt zur Sai­son­er­öff­nung gegen Wer­der Bre­men und auf dem Dr.-Ruer-Platz fin­det „Bochum kuli­na­risch“ statt, eine Art Weih­nachts­markt ohne Geschen­ke­stän­de und mit bes­se­rem Essen im Som­mer. Es herrscht das, was in Fern­seh­do­ku­men­ta­tio­nen mit dem Satz „Es herrscht Volks­fest­stim­mung“ beschrie­ben wird, bevor dann irgend­ein Unglück pas­siert (Explo­sio­nen, ein­stür­zen­de Tri­bü­nen, nie­der­ge­schla­ge­ne Volks­auf­stän­de).

Ein Unglück soll­te uns am Sams­tag aber nicht pas­sie­ren, denn Jesus liebt uns. Das behaup­ten zumin­dest die jun­gen Men­schen, die uns hun­dert Meter wei­ter Flug­blät­ter in die Hand drü­cken wol­len. Wir bedan­ken uns für so viel Unter­stüt­zung, gehen aber lie­ber wei­ter, bevor wir noch beim gro­ßen gemein­sa­men Sin­gen mit­ma­chen müs­sen. Kath­rin möch­te ihren Tele­fon­an­schluss kün­di­gen, was aber im Tele­kom-Laden natür­lich nicht geht. Des­halb gehen wir direkt wei­ter „Kla­mot­ten gucken“, also serious shop­ping betrei­ben. Zwan­zig Minu­ten spä­ter habe ich bei C&A ein Paar Jeans in mei­ner Grö­ße für 9 Euro erstan­den (alle ande­ren Grö­ßen kos­ten 15 Euro, der Ursprungs­preis ist dem Eti­kett lei­der nicht mehr zu ent­neh­men) und ver­schwand erst mal in den Tie­fen einer Buch­hand­lung.

Um das Gefühl von Groß­stadt und Urlaub noch ein biss­chen aus­zu­kos­ten, gehen wir zu Star­bucks – davon hat Bochum inzwi­schen zwei Stück im New-York-ver­däch­ti­gen Abstand von 250 Metern. Star­bucks ist zwar eigent­lich ein Super-Feind­bild für alles und A haben mit „Don’t want your job in Star­bucks“ eine wun­der­bar tref­fen­de Lied­zei­le zum The­ma, aber wie sonst soll man Welt­läu­fig­keit simu­lie­ren, wenn nicht mit einer ame­ri­ka­ni­schen Kaf­fee­ket­te? Ganz uname­ri­ka­nisch set­zen wir uns aller­dings hin1 – wenn auch drau­ßen vor den Laden, wo wir die Men­schen in der Fuß­gän­ger­zo­ne wie Qual­len an uns vor­bei­trei­ben las­sen. Die Bochu­mer Innen­stadt ist teil­wei­se der­art reno­viert wor­den in den letz­ten Jah­ren, dass ich nur auf den Tag war­te, an dem die Stadt das ers­te Mal in einem Fern­seh­film Ber­lin dou­beln muss, weil sich die Kame­ra­teams in Ber­lin ja sowie­so immer gegen­sei­tig auf den Füßen rum­ste­hen.

Der shop­ping spree soll bei H&M wei­ter­ge­hen, dort haben sie schwar­ze Cord­sackos, deren Erwerb ich seit eini­gen Jah­ren ernst­haft in Erwä­gung zie­he. Ein­mal hat­te ich bereits eines gekauft, aber mei­ne per­sön­li­che Stil­be­ra­te­rin, die lan­ge als Mar­ke­ting-Direk­tor in der New Yor­ker Mode­bran­che gear­bei­tet hat­te, schick­te mich mit harr­schem Ton zum Umtausch. Die Ärmel sei­en defi­ni­tiv zu kurz, so ihr ver­nich­ten­des Urteil. Die Ärmel sind auch dies­mal zu kurz, was den Ver­dacht nahe­legt, dass mei­ne Arme in Wahr­heit zu lang sind. Dafür sind mei­ne Bei­ne zu kurz, was das Ein­stel­len des Fah­rer­sit­zes im Auto immer zu einer län­ge­ren Ange­le­gen­heit wer­den lässt.

Nach etwa einer Stun­de schwe­di­scher Mas­sen­mo­de (ich hat­te die eben­falls shop­pen­de Dame ja erwähnt) bin ich gegen Fünf lang­sam doch mal reif für Mit­tag­essen. Also gehen wir zur Fisch­bra­te­rei von Gül­cans Schwie­ger­va­ter und ich ent­schei­de mich zwecks Urlaubs­fee­ling für ein Krab­ben­bröt­chen mit Nord­see­krab­ben. Das erin­nert mich immer an die unge­zähl­ten Fami­li­en­ur­lau­be an der hol­län­di­schen Nord­see­küs­te (war­um ein Bröt­chen mit Nord­see­krab­ben in Bochum knapp die Hälf­te von dem kos­tet, was man in Hol­land hin­term Deich bezahlt, kann mir sicher irgend­ein VWL-Stu­dent erklä­ren, falls ich mal einen ken­nen­ler­ne).

Für den Sams­tag reicht uns das, außer­dem will ich ja die „Sport­schau“ sehen. Hät­te ich geahnt, dass in der ers­ten Stun­de sowie­so nichts inter­es­san­tes läuft, hät­te ich mir die Tier­schüt­zer, die in der Fuß­gän­ger­zo­ne Vide­os von lei­den­dem Schlacht­vieh zei­gen, viel­leicht noch mal genau­er ange­guckt.

Nach die­sem groß­städ­ti­schen Sams­tag hät­ten wir es am Sonn­tag­abend gern ein paar Num­mern klei­ner. Das ist kein Pro­blem, denn in fuß­läu­fi­ger Ent­fer­nung befin­det sich das „Kirch­vier­tel“ mit alten Berg­ar­bei­ter­häu­sern; diver­sen Bäcke­rei­en, Apo­the­ken und Super­märk­ten; zwei Piz­za­bu­den und tat­säch­lich einer Kir­che. Uns inter­es­siert aber beson­ders die Eis­die­le: Die Aus­wahl ist noch grö­ßer als am Tag zuvor bei Star­bucks und ich wün­sche mir für einen Moment, irgend­je­mand wür­de ein­fach mal für mich ent­schei­den. Dann wäre ich aber ver­mut­lich bei Bana­ne-Moc­ca aus­ge­kom­men und nicht bei Ana­nas-Tira­mi­su wie jetzt. Vor uns ist ein Mann dran, der mit etwas eigen­tüm­li­chen Wün­schen zu über­ra­schen weiß: Fünf Kugeln Moc­ca mit Sah­ne und zwei Kugeln Eis für den Hund (ohne Sah­ne).2

Eis schle­ckend und trop­fend spa­zie­ren wir durch den Orts­teil, der so wun­der­bar dörf­lich wirkt, dass man kaum glau­ben kann, mit­ten im Ruhr­ge­biet zu sein. Die Bewoh­ner des nahe­ge­le­ge­nen Senio­ren­heims (das erklärt die vie­len Apo­the­ken) schlur­fen durch die Stra­ßen und mei­ne Hän­de kle­ben von der zer­lau­fe­nen Eis­creme. Als wir wie­der Rich­tung Uni­ver­si­täts­stra­ße gehen, fra­gen wir uns, ob Bochum nicht viel­leicht doch ein ganz guter Wohn­ort ist, auch län­ger­fris­tig, und war­um man sich sowas nor­ma­ler­wei­se nicht anguckt.

1 Fol­gen­der Dia­log wur­de mir mal aus einer kali­for­ni­schen High School über­lie­fert:
Deutsch­leh­re­rin (Deut­sche): „In Euro­pe, espe­ci­al­ly in Ger­ma­ny, the peo­p­le usual­ly sit down in a cafe. I don’t get why Ame­ri­cans always have to walk around with their bever­a­ges.“
Schü­ler (Ame­ri­ka­ner): „It’s becau­se they have jobs – which 4.5 mil­li­on Ger­mans don’t do, as I recall.“
Der Schü­ler wur­de dar­auf­hin des Unter­richts ver­wie­sen.

2 Das ist aller­dings nichts ver­gli­chen mit dem Mann, der in Dins­la­ken mal „Ama­re­na­ta durchs Spa­ghet­ti-Eis-Sieb gepresst im Hörn­chen“ haben woll­te. Ama­re­na­ta ist Eis mit gan­zen Kir­schen drin.

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Leben

Die Bahn fuhr pünktlich …

Lei­der wer­de ich auf mein Buch wohl noch ein wenig war­ten müs­sen. Die hoch­kom­pe­ten­ten Men­schen von DHL haben näm­lich irgend­wie Mist gebaut, wes­we­gen ich gera­de gezwun­gen war, mit Schaum vor dem Mund und dem „Beschwer­de­rat­ge­ber für Behör­den- und Leser­brie­fe“ auf mei­nen Knien fol­gen­des in die Tas­ten zu zim­mern:

Sehr geehr­te Damen und Her­ren,

als ich heu­te nach Hau­se kam, kleb­te an mei­ner Haus­tür eine Benach­rich­ti­gungs­kar­te. Die­se Kar­te war weder voll­stän­dig aus­ge­füllt, noch war sie in mei­nen Brief­kas­ten ein­ge­wor­fen – ich habe sie eher zufäl­lig gefun­den.
Geht es nach die­ser Kar­te, soll ich ein Post­pa­ket, auf das ich aus beruf­li­chen Grün­den war­te, in einer ent­le­ge­nen „Post­agen­tur“ in Bochum-Alten­bo­chum abho­len, was bei die­ser Hit­ze eine Zumu­tung ist.
Ich fra­ge mich, wie­so das Paket über­haupt wie­der mit­ge­nom­men wur­de: In unse­rem Haus gibt es immer genug Per­so­nen, die zuhau­se und bereit sind, ein sol­ches Paket ent­ge­gen­zu­neh­men und wei­ter­zu­lei­ten – ich selbst neh­me pro Woche durch­schnitt­lich ein Paket ent­ge­gen und sehe des­halb gleich dop­pelt nicht ein, wie­so ich mein Paket in einem Laden abho­len soll, der noch dazu ganz und gar unprak­ti­sche Öff­nungs­zei­ten hat.

Ich möch­te Sie des­halb bit­ten, mir (oder einem mei­ner Nach­barn) das Paket ent­we­der direkt zuzu­stel­len, oder es wenigs­tens in einem Post­amt zu lagern (Haupt­post am Hbf, Uni­cen­ter), das ich ohne Auto errei­chen kann.

Mit freund­li­chen Grü­ßen und Dank im Vor­aus,

Immer­hin bin ich so mal in den Genuss gekom­men, das Wort „Zumu­tung“ zu ver­wen­den, das man ja sonst haupt­säch­lich von selbst­ge­mal­ten Zet­teln in bun­des­deut­schen Trep­pen­häu­sern kennt. Natür­lich hät­te ich auch anru­fen kön­nen, aber das kos­tet 14 Cent pro Minu­te, die man in der War­te­schlei­fe und beim Ein­tip­pen mehr­stel­li­ger Zah­len­codes ver­bringt, und ich bin (fern)mündlich immer viel zu nett und nach­gie­big.

Jetzt atme ich erst­mal tief durch, set­ze mich mit einem Gin Tonic auf den Bal­kon und über­le­ge, ob ich ger­ne mal in einem Ver­brau­cher­ma­ga­zin im drit­ten Pro­gramm auf­tre­ten möch­te. Ich sehe mich schon vor dem Haus ste­hen und mit gespielt fas­sungs­lo­sem Blick einem davon­brau­sen­den gel­ben Post­au­to hin­ter­her­schau­en, unter­legt mit „lus­ti­ger“ Stumm­film­mu­sik.

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Politik Gesellschaft

Muse auf dem Straßenstrich

Heu­te waren also die Gut­ach­ter der Eli­te­u­ni­be­schau­kom­mis­si­on an unse­rer … äh: schö­nen Ruhr-Uni unter­wegs. Das erklärt so eini­ges:

  • Seit Wochen wer­den Beton­de­cken und ‑wän­de neu gestri­chen. Das Weg­wei­ser­sys­tem ist auf den neu­es­ten Stand gebracht und das Pflas­ter gerei­nigt wor­den. Sogar die Wasch­be­ton­plat­ten auf dem Cam­pus wur­den ange­ho­ben und neu ver­legt, wodurch sie ihr cha­rak­te­ris­ti­sches Klap­pern ver­lo­ren haben. Und wenn irgend­wel­che krass coo­len Sty­ler die frisch gestri­che­nen Flä­chen mit Eddings getaggt haben, wur­den die eben noch mal gestri­chen.
  • Die sog. Stu­den­ten­ver­tre­ter, denen ich seit jeher skep­tisch gegen­über­ste­he und von denen ich mich fast genau­so schlecht ver­tre­ten füh­le wie von unse­ren Poli­ti­kern, ver­tei­len Fly­er, pla­ka­tie­ren auf den frisch gerei­nig­ten Flä­chen und lau­fen mit Trans­pa­ren­ten umher, die sinn­ge­mäß aus­sa­gen: „Eli­ten sind doof“.
  • Heu­te stand die Poli­zei (nicht Toto & Har­ry, das muss man in Bochum ja immer dazu­sa­gen) auf dem Cam­pus und las „Bild“-Zeitung.

Mir fehlt das Hin­ter­grund­wis­sen zum The­ma „Vor- und Nach­tei­le einer Eli­te­uni­ver­si­tät“ (und weder mei­ne Stu­den­ten­ver­tre­ter noch mei­ne Uni­ver­wal­tung waren in der Lage, mir die­se dar­zu­le­gen) und ich fin­de es natür­lich auch lus­tig, wenn die mit­un­ter reich­lich her­un­ter­ge­kom­me­ne Ruhr-Uni plötz­lich so raus­ge­putzt wird.

Ich fin­de es aber auch schön, dass sie so raus­ge­putzt wird, denn ich gehe lie­ber über einen raus­ge­putz­ten, als über einen ver­wahr­los­ten Cam­pus. Des­halb fin­de ich es auch nicht schön der Uni, den Stu­den­ten und den Hand­wer­kern gegen­über, wenn frisch raus­ge­putz­te Flä­chen wie­der mit irgend­wel­chen aus­sa­ge­lo­sen Schmie­re­rei­en bekra­kelt wer­den. Auch aus­sa­ge­vol­le Schmie­re­rei­en soll­ten aus Grün­den der Ästhe­tik und der Höf­lich­keit woan­ders unter­ge­bracht wer­den.

Ich kann zum The­ma Uni aber noch hin­zu­fü­gen, dass es in der „Süd­deut­schen Zei­tung“ [via Der Mor­gen] und in der „Net­zei­tung“ zwei recht auf­schluss­rei­che Arti­kel über die Fol­gen der Bache­lor-/Mas­ter­stu­di­en­gän­ge für das Bil­dungs­we­sen und die Gesund­heit der Stu­den­ten zu lesen gibt. Und ver­mut­lich soll­te mir das auch etwas zum The­ma „Vor- und Nach­tei­le von Eli­te­uni­ver­si­tä­ten“ ver­ra­ten …

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Leben Politik

Brüh im Lichte dieses Glückes

Fol­gen­de G‑8-Staa­ten haben ihre Natio­nal­hym­ne in ihrer Ver­fas­sung fest­ge­legt:

Und fol­gen­de nicht:

  • Deutsch­land (1952 in einem Brief­wech­sel zwi­schen Kanz­ler Ade­nau­er und Bun­des­prä­si­dent Heuss fest­ge­legt)
  • Groß­bri­tan­ni­en (hat nicht mal eine Ver­fas­sung)
  • Ita­li­en (seit 1946 „vor­läu­fi­ge Natio­nal­hym­ne“, 2005 per Dekret des Staats­prä­si­den­ten offi­zi­ell ein­ge­führt)
  • Japan (seit dem 12. Jahr­hun­dert, nach dem zwei­ten Welt­krieg erst 1999 wie­der gesetz­lich fest­ge­legt)
  • Kana­da (1980 gesetz­lich fest­ge­legt)
  • USA (1931 gesetz­lich fest­ge­legt)
  • Russ­land (2001 von Prä­si­dent Putin fest­ge­legt)

War­um ich das schrei­be? Ich habe bei der letz­ten Bochu­mer pl0gbar mit Jens gewet­tet. Viel­mehr: Ich habe ihm nicht glau­ben wol­len, dass „höchs­tens die Hälf­te der G‑8-Staa­ten“ ihre Hym­ne in ihren jewei­li­gen Ver­fas­sun­gen fest­ge­legt haben. Wir sehen: Es ist genau ein Ach­tel (und auch noch genau das Frank­reich, das Jens vor­her­ge­sagt hat­te). Gut, dass wir nur ums Recht gewet­tet haben …

War­um ich das jetzt alles schrei­be? Nun ja: Mor­gen isses wie­der soweit.

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Musik

Bochum-Total-Tagebuch (Tag 4)

Heu­te war das Wet­ter gar nicht mal so schlecht. Dafür das Pro­gramm

Also bleibt nur noch das Fazit für 2007: Voll wie üblich, aber ein sehr schö­nes, viel­sei­ti­ges Line-Up. Nur halt Pech mit dem Wet­ter.

Und war­um sämt­li­che Super­märk­te in der Innen­stadt, die sonst am Total-Wochen­en­de den bes­ten Umsatz des Jah­res (im Seg­ment „alko­ho­li­sche Geträn­ke“) machen, die­ses Jahr alle Schlag 17 Uhr (Kon­zert­be­ginn) geschlos­sen haben, krie­ge ich auch noch raus …

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Musik

Bochum-Total-Tagebuch (Tag 3)

Das Ruhr­ge­biet im All­ge­mei­nen und Bochum im Spe­zi­el­len ist ein Ort, an dem sich Men­schen, die von unse­ren Eltern in den Acht­zi­gern „Gruf­ties“ genannt wur­den, ger­ne tref­fen und gemein­sam Musik hören, die von sehr teu­ren Syn­the­si­zern erzeugt wird, und zu der Män­ner (tief) und Frau­en (hoch) Tex­te sin­gen, die im All­ge­mei­nen von Schmerz, Tod und Nacht han­deln. Die ein­zi­ge Musik­rich­tung, die mich noch weni­ger inter­es­siert als Gothic/​EBM ist Reg­gae, aber wer wäre ich, das Line-Up des Bochum Total zu kri­ti­sie­ren, zumal nach die­sem Auf­takt? Es ist halt wirk­lich für jeden Geschmack etwas dabei und so kam ich am gest­ri­gen Sams­tag wie­der zwei­mal auf mei­ne Kos­ten:

Sugar­plum Fairy (Eins-Live-Büh­ne)
Vic­tor und Carl Norén, die bei­den Sän­ger von Sugar­plum Fairy sind die klei­nen Brü­der von Gus­taf Norén von Man­do Diao. Als letz­te­re vor zwei Jah­ren auf dem Hald­ern Pop spiel­ten, reg­ne­te es in Strö­men, ich saß im Pres­se­zelt und lang­weil­te mich, denn die Band war live min­des­tens so schwach wie Franz Fer­di­nand am Abend zuvor.

Ges­tern war also Bochum Total, es reg­ne­te immer mal wie­der, ich stand vor der Büh­ne und war hell­auf begeis­tert. Die klei­nen schwe­di­schen Rotz­löf­fel (hab grad extra nach­ge­guckt: wenigs­tens der Schlag­zeu­ger ist älter als ich, wenn auch nur eine Woche) haben sich natür­lich viel bei der Schwes­ter­band und vor allem bei Oasis abge­guckt, aber bei allem Gepo­se war noch der Spaß dahin­ter zu erken­nen und es klang ein­fach gut. Sie spiel­ten vie­le Songs vom aktu­el­len Album „First Round First Minu­te“, wobei sich Carl, Vic­tor und David Hebert stän­dig an Bass, Gitar­re, Orgel und Gesang abwech­sel­ten, was ich immer beson­ders schön fin­de. Die meis­te Stim­mung kam aber bei den Hits des Debüt­al­bums auf: bei „Mor­ning Miss Lisa“, „Sail Bey­ond Doubt“, „(And Plea­se) Stay Young“ und dem über­ra­gen­den „Sweet Jackie“, das Noel Gal­lag­her sicher ger­ne geschrie­ben hät­te, wenn die Noréns es nicht aus sei­nen größ­ten Hits zusam­men­ge­puz­zelt hät­ten.

Es wäre also ein rund­her­um gelun­ge­nes Rock’n’Roll-Kon­zert gewe­sen, hät­te Carl Norén nicht plötz­lich die vier­te Wand ein­ge­ris­sen und das Oasis’sche „Won­der­wall“ ange­stimmt. Da zeig­te sich näm­lich für einen Moment, dass Sugar­plum Fairy letzt­end­lich doch noch nur Ersatz­be­frie­di­gung für das laut­hals mit­grö­len­de Publi­kum waren. Ande­rer­seits haben Oasis ja auch oft genug die Beat­les geco­vert …

Toco­tro­nic (Eins-Live-Büh­ne)
Tocotronic beim Bochum Total 2007Beim bereits oben erwähn­ten Hald­ern 2005 kam mir Musik­ex­press-Redak­teur Josef Wink­ler im Pres­se­zelt ent­ge­gen­ge­rauscht, flö­te­te „Toco­trooooo­nic!“ und ent­schwand Rich­tung Büh­ne (in mei­ner Erin­ne­rung trug er ein Feen­ge­wand und Bän­der im Haar, aber ich mag mich da durch­aus irren). Der Auf­tritt damals war schlicht­weg fan­tas­tisch und das gro­ße Fina­le mit „Neu­es vom Trick­ser“ ende­te in dem Unwet­ter, was den Man­do-Diao-Auf­tritt beglei­ten soll­te.

Dies­mal nie­sel­te es nur leicht, was in Sachen Spe­zi­al­ef­fek­te ja bei­na­he lang­wei­lig ist. Trotz­dem waren Dirk „der Graf“ von Lowtzow und die Sei­nen wie all­ge­mein üblich sehr, sehr gut. Es gab eini­ges an neu­em Lied­werk vom noch unver­öf­fent­lich­ten Album „Kapi­tu­la­ti­on“ zu hören (das wie­der sehr gut wird) und eine Art Grea­test-Hits-Revue, die sich den Main­stream-Hits „This Boy Is Toco­tro­nic“ und „Let The­re Be Rock“ kon­se­quent ver­wei­ger­te. Dafür gab es bei­spiels­wei­se bei „Ich bin viel zu lan­ge mit euch mit­ge­gan­gen“ und dem fina­len „Frei­burg“ die wohl größ­ten Stu­den­ten­chö­re der Welt zu hören (Trai­nings­ja­cken inklu­si­ve) und bei „Aber hier leben, nein dan­ke“ flog kein ein­zi­ger Becher auf die Büh­ne.

Detail am Ran­de: Ein etwa sechs- bis acht­jäh­ri­ges Mäd­chen im Toco­tro­nic-Band­shirt auf den Schul­tern sei­nes Vaters, das den Refrain der aktu­el­len Sin­gle „Kapi­tu­la­ti­on“ begeis­tert und aus einem Schnei­de­zahn­lo­sen Mund mit­sang.

Das ver­wen­de­te Foto stammt von Kath­rin. Hier hat sie noch mehr vom Bochum Total.

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Bochum-Total-Tagebuch (Tag 2)

Bochum im Regen

Bei dem Wet­ter und dem mich nicht unbe­dingt anspre­chen­den heu­ti­gen Pro­gramm bin ich dann doch lie­ber zuhau­se geblie­ben. Mor­gen dann Sugar­plum Fairy und Toco­tro­nic.

Bis­her habe ich beim Bochum Total immer nur gutes Wet­ter erlebt, es muss dem­nach damit zusam­men­hän­gen, dass zeit­gleich Hur­ri­ca­ne und Glas­ton­bu­ry statt­fin­den – und bei denen gibt es ja eine Unwet­ter­ga­ran­tie aufs Ticket.

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Bochum-Total-Tagebuch (Tag 1)

In die Bochu­mer Innen­stadt soll­te man der­zeit bes­ser nicht mit dem Auto fah­ren wol­len (wobei: soll­te man eigent­lich bes­ser eh nie), denn es ist Bochum Total, das größ­te Umsonst-und-drau­ßen-Fes­ti­val-Euro­pas (Gerüch­ten zufol­ge dankt man in Bochum immer noch all­jähr­lich der Pop­komm für ihren Umzug nach Ber­lin und das dar­aus resul­tie­ren­de Ende des Köl­ner Ring­fests). Ich tu mir das als guter Lokal­pa­tri­ot natür­lich mit Freu­den an, zumal das Line-Up in die­sem Jahr beson­ders gut ist.

Kili­ans (Eins-Live-Büh­ne)
Kilians beim Bochum Total 2007Ach, die schon wie­der. Zwei Kon­zer­te einer Band inner­halb von 19 Stun­den – das hat­te ich auch noch nicht. Das Wet­ter mein­te es nicht gut mit der Band, über die ich schon bei­na­he alles geschrie­ben habe. Aber sie waren wie­der sehr, sehr gut. Der Voll­stän­dig­keit hal­ber (und um „Schiebung!“-Rufe ent­we­der zu unter­bin­den oder erst anzu­sta­cheln) sei noch erwähnt, dass sie mir ein Lied gewid­met haben. Die Süßen!

Kar­pa­ten­hund (Eins-Live-Büh­ne)
Bei plötz­li­cher Tro­cken­heit und auf­kom­men­dem Son­nen­schein gab es das deutsch­spra­chi­ge Indie-Ding die­ses Jah­res mit tat­kräf­ti­ger Unter­stüt­zung und okay­er Sin­gle. Nicht mein Ding, aber in der Run­de, in der ich den Auf­tritt mehr an mir vor­bei­strö­men ließ, als ihn wirk­lich zu ver­fol­gen, war auch eher das Aus­se­hen der Front­frau das beherr­schen­de The­ma. (Zwi­schen­ruf: „Das war jetzt aber ein sau­dum­mer Chau­vi-Spruch!“ Ant­wort: „Schon, aber lei­der auch der Wahr­heit. Heu­te ist aber eigent­lich eh ohne Zwi­schen­ru­fe.“)

Jupi­ter Jones (Ring-Büh­ne)
Hal­lo, lie­be Emo-Kin­der, jetzt beschüt­tet Euch doch mal nicht gegen­sei­tig mit Bier, son­dern kon­zen­triert Euch auf die Band da vor­ne! Die schrei­ben Tex­te, die Euch sicher sehr ent­ge­gen­kom­men, und rocken wie Schmitz‘ Kat­ze. Wie, „Life goes on und irgend­wie schaff ich das schon“ ist kein Text für Euch? Na, dann eben nicht.
Da fällt mir ein: ich brau­che drin­gend noch das neue Album mit dem fan­tas­ti­schen Titel „Ent­we­der geht die­se scheuß­li­che Tape­te – oder ich“.

Vir­gi­nia Jetzt! (Eins-Live-Büh­ne)
Ich mag die ja. Zum einen, weil ihr sehr char­man­tes Debüt-Album 2003 ein treu­er Beglei­ter war, zum ande­ren, weil Gitarrist/​Keyboarder/​Songschreiber Tho­mas Dör­schel und ich uns irgend­wann noch um den Titel „Größ­ter Ben-Folds-Fan Deutsch­lands“ prü­geln müs­sen (wobei ich mir sicher bin, das kei­ner von bei­den ernst­haft kämp­fen wür­de). Vir­gi­nia Jetzt! sind aber auch ein­fach eine ver­dammt gute Live­band, die sehr schö­ne Songs haben und eine unge­heu­re Spiel­freu­de an den Tag legen. Fol­gen­de Songs wur­den daher im Lau­fe des Sets ange­spielt: „The Sweet Escape“ von Gwen Ste­fa­ni, „Eye Of The Tiger“ von Sur­vi­vor, „No Limits“ von 2Unlimited, „Jump“ von Van Halen und „Seven Nati­on Army“ von den White Stripes.

Nach dem Ope­ner „Mein sein“ gab es als zwei­ten Song „Lie­bes­lie­der“ und mir däm­mer­te, dass die gro­ße Dis­kus­si­on, die die­ses Lied vor drei Jah­ren über „deutsch­tü­me­li­ge Lied­zei­len“ („Das ist mein Land, mei­ne Men­schen, das ist die Welt, die ich ver­steh“) aus­ge­löst hat­te, noch alber­ner war als so manch aktu­el­le Dis­kus­si­on in der Blogo­sphä­re. Mei­nen aus die­sem Gedan­ken ent­sprun­ge­nen Essay „Wer sich wor­über auf­regt, ist eigent­lich egal, Haupt­sa­che, es hört irgend­je­mand zu“ hof­fe ich zu einem spä­te­ren Zeit­punkt in der Wochen­zei­tung „Frei­tag“ prä­sen­tie­ren zu kön­nen – sonst erscheint er als Book on demand.

Im Lau­fe des Sets kam so ziem­lich alles an neu­en und älte­ren Songs vor, was man sich wün­schen konn­te, und als der Tag Schlag 22 Uhr („die Nach­barn, die Nach­barn …“) ende­te, war ich froh, dass ich mich nicht von dem biss­chen Wol­ken­bruch am Nach­mit­tag hat­te auf­hal­ten las­sen. So lief ich zwar vier Stun­den in einer Regen­ho­se durch die Gegend (das nur als Ant­wort auf die Fra­ge, was das uncools­te Klei­dungs­stück ist, was ich mir spon­tan vor­stel­len könn­te), aber ers­tens hat­te die mich zuvor weit­ge­hend tro­cken gehal­ten und zwei­tens shall the geek ja bekannt­lich inhe­rit the earth.

Das ver­wen­de­te Foto stammt von Kath­rin. Hier hat sie noch mehr vom Bochum Total.

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Unterwegs Gesellschaft

Nicht mehr jung und noch nicht alt

Das Miss­trau­en, das ich gegen jeg­li­che Form von Gene­ra­tio­nen­be­zeich­nung hege, wird nur noch von dem Miss­trau­en über­bo­ten, das ich Leu­ten ent­ge­gen­brin­ge, die von der „Jugend von heu­te“ reden. Per­so­nen, die mir lau­nig erzäh­len wol­len, alle Men­schen mei­ner Alters­stu­fe sei­en bei­spiels­wei­se gemein­schaft­lich unhöf­lich, kann man natür­lich nur schwer mit Argu­men­ten kom­men. Man kann aber (trotz hef­ti­gen Wider­wil­lens) freund­lich zu ihnen sein, was sie im Ide­al­fall ihren ver­all­ge­mei­nern­den Kul­tur­pes­si­mis­mus über­den­ken lässt.

Ich nei­ge dazu, nicht anwe­sen­de Kin­der und Jugend­li­che gegen­über älte­ren Men­schen zu ver­tei­di­gen – weil sie es gera­de selbst nicht kön­nen und weil ich Jugend­li­chen durch­aus noch eine gewis­se Unrei­fe zuge­ste­he, die sich in unser bei­der Inter­es­se am Tage ihres acht­zehn­ten Geburts­tags in Wohl­ge­fal­len auf­lö­sen möge. Und auch wenn ich es natür­lich in kei­ner Wei­se gut­hei­ßen möch­te, dass sich Min­der­jäh­ri­ge in der Öffent­lich­keit bis zur Bewusst­lo­sig­keit betrin­ken und die Fla­schen, aus denen sie ihren bil­li­gen Rausch geso­gen haben, danach auf Rad­we­gen und Wie­sen zer­trüm­mern, bin ich doch zumin­dest mil­de über­rascht über Kom­mu­nen, die Pres­se­mel­dun­gen wie die­se ver­öf­fent­li­chen:

Radfahren ja, Alkohol nein

Nicht nur, dass das Wort „Alko­hohl“ so ziem­lich zum pein­lichs­ten gehö­ren dürf­te, was einer Pres­se­stel­le pas­sie­ren kann: Der gan­ze Beschluss wird natür­lich auch nur dafür sor­gen, dass die Jugend­li­chen ihrem Hob­by nun nicht mehr im Stadt­park, son­dern an ande­ren Orten frö­nen. Und im ange­trun­ke­nen Zustand von der Innen­stadt-Knei­pe nach hau­se zu kom­men, ohne die zen­tra­le Park­an­la­ge zu betre­ten, dürf­te vie­le auch vor logis­ti­sche Schwie­rig­kei­ten stel­len. Ich möch­te dar­über­hin­aus zu einem Ideen­wett­be­werb „Die schöns­ten Unar­ten, die Rück­sicht auf Mit­bür­ger ver­mis­sen las­sen“ auf­ru­fen.

Aber bei allem (mög­li­cher­wei­se reich­lich nai­vem) Ver­trau­en in die Jugend und bei aller Ableh­nung gegen­über den apo­ka­lyp­ti­schen Phan­ta­sien von Men­schen, die Jugend­kul­tur nur vom Weg­drü­cken im Fern­se­hen ken­nen: Die letz­ten Tage haben mich nach­denk­lich zurück­ge­las­sen.

  • Am Frei­tag fuhr ich in einem Regio­nal­ex­press, in dem auch zwei jun­ge Damen von viel­leicht fünf­zehn Len­zen abwech­selnd gemein­sam für MySpace-Pro­fil­fo­tos posier­ten – der einen fiel zwi­schen­durch ihre (beklei­de­te) Ober­wei­te aus dem Hemd – und bil­li­gen Tof­fee-Likör und Schnäp­se in sich hin­ein­schüt­te­ten. Kurz vor dem Duis­bur­ger Haupt­bahn­hof war das eine Gör nach eige­nen Anga­ben so weit, dass sie „gleich kot­zen“ müs­se und ich war froh, als die bei­den aus­stie­gen.
  • Heu­te saß ich in der Bochu­mer U‑Bahn und in der Sitz­grup­pe neben mir saß ein Mäd­chen, das gera­de mit einem Feu­er­zeug dabei war, die Innen­ver­klei­dung des Zugs abzu­fläm­men. Ich glotz­te, sah mich hil­fe­su­chend nach Erwach­se­nen um und begriff dann, dass ich end­lich alt genug war, die Rol­le des son­der­li­chen alten Man­nes zu ein­zu­neh­men: „Was soll das wer­den, wenn’s fer­tig ist?“, frag­te ich denk­bar unau­to­ri­tär. Das Kind setz­te kurz ab und schmor­te dann wei­ter mun­ter vor sich hin. „Kannst Du das bit­te las­sen?“, setz­te ich nach und guck­te unsi­cher, ob die Leu­te schon über mich tuschel­ten. „Mit wem reden Sie?“, mur­mel­te das ver­zo­ge­ne Blag, ohne mich auch nur anzu­se­hen. „Mit Dir“, blaff­te ich zurück, ehe wir bei­de aus­stie­gen. Immer­hin: Genug Auto­ri­tät für ein „Sie“ gestand mir der Satans­bra­ten zu.
  • Als ich dann von der Uni nach Hau­se ging, stan­den an den Müll­con­tai­nern des Nach­bar­hau­ses zwei etwa zwölf­jäh­ri­ge Jun­gen und ein bedeu­tend jün­ge­rer. Die älte­ren hiel­ten Ziga­ret­ten in ihren Hän­den und paff­ten die­se so denk­bar uncool, wie es nur Schü­ler kön­nen, die end­lich mal was ver­bo­te­nes aus­pro­bie­ren wol­len. Ich guck­te kurz, ob sie dem klei­nen Jun­gen („Ja, Kevin, Du darfst raus, aber nimm bit­te den Patrick mit!“) auch eine Ziga­ret­te gege­ben hat­ten. Sie hat­ten nicht und ich schritt fort.

Und jetzt fragt der auf­merk­sa­me Leser: „Wie­so haben Sie denn das unschul­di­ge Mäd­chen, das nur eine Ver­schö­ne­rung der häss­li­chen U‑Bahn vor­neh­men woll­te, so denk­bar schroff behan­delt, nicht aber die bei­den Grup­pen zukünf­ti­ger Rausch­gift­ab­hän­gi­ger?“

„Tja“, wer­de ich ant­wor­ten, „Sach­be­schä­di­gung gehört für mich nicht zu den Din­gen, die man als Jugend­li­cher mal aus­pro­biert haben soll­te, um sei­nen Kör­per bes­ser ken­nen zu ler­nen. Und was mit den Lebern und Lun­gen der ande­ren ist, kann uns in dem Moment doch reich­lich egal sein.“

„Na, das ist aber eine ziem­lich ego­is­ti­sche Ein­stel­lung.“

Stimmt.