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Used To Laugh Here

Die wenigs­ten Wit­ze wer­den komi­scher, wenn man sie ein zwei­tes Mal hört. Kaum ein Witz, den man seit mehr als zehn Jah­ren kennt, bringt einen noch zum Lachen (Aus­nah­men: Lori­ot, Mon­ty Python, „Und täg­lich grüßt das Mur­mel­tier“).

Seit min­des­tens drei­zehn Jah­ren kün­digt Axl Rose nun „Chi­ne­se Demo­cra­cy“ an, ein Album das – so es je erschei­nen soll­te – das vier­te regu­lä­re Stu­dio­al­bum von Guns N‘ Roses wäre. Und das teu­ers­te Album, das die Welt je gese­hen hat.

In der Zwi­schen­zeit hat sich die Band, die ein­mal Guns N‘ Roses war, bis auf Axl Rose kom­plett zer­legt, es wur­den etwa zwei­und­vier­zig Release Dates ver­kün­det und wie­der zurück­ge­nom­men, und mög­li­cher­wei­se wird sogar Chi­na eher zu einer Demo­kra­tie wer­den, als die­ses Album erschei­nen wird.

Wit­ze über „Chi­ne­se Demo­cra­cy“ ver­bie­ten sich also schon des­halb, weil das Album bzw. die Geschich­te dar­um selbst der größ­te Witz ist. Spä­tes­tens nach Chuck Klos­ter­mans Rezen­si­on des Albums in „Spin“ (datiert vom 1. April 2006, bru­ha­ha­ha) braucht man sich kei­ne Mühe mehr zu geben, irgend­et­was humo­ris­ti­sches mit dem Album anzu­stel­len. Es ist alles gesagt.

Ges­tern mel­de­te visions.de, bei Amazon.co.uk kön­ne man das Album inzwi­schen vor­be­stel­len, es wer­de am 12. Febru­ar 2008 ver­öf­fent­licht. Auch bei Amazon.de sei das Album bereits zu ordern, dort ist die Ver­öf­fent­li­chung aller­dings auf den 31. Dezem­ber 2025 ter­mi­niert.

Was haben wir gelacht.

P.S.: Ich bin einer die­ser Irren, die glau­ben, dass „Chi­ne­se Demo­cra­cy“ tat­säch­lich eines Tages noch ver­öf­fent­licht wer­den wird. Und ent­we­der wird es dann gequirl­te Kacke, was bei geschätz­ten 13 Mil­lio­nen Dol­lar Pro­duk­ti­ons­kos­ten (bis­her) aber auch Stil hät­te, oder es wird ein ver­damm­tes Meis­ter­werk. Ich bin und blei­be gespannt.

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Homegrown Terror

Es gibt ja eigent­lich kei­nen Grund, war­um Nena heu­te noch bekannt sein soll­te – also mal davon ab, dass sie mit unra­sier­ten Ach­seln im Fern­se­hen auf­trat und damit das Deutsch­land­bild vie­ler Bri­ten und Ame­ri­ka­ner nach­hal­ti­ger präg­te als so man­cher Bun­des­kanz­ler. Seit vie­len Jah­ren ver­öf­fent­licht Nena die immer­glei­chen Songs in immer neu­en Gewän­dern und schafft damit ver­mut­lich auch noch das, was sie damit errei­chen will: Gan­ze Gene­ra­tio­nen neu­er Nena-Fans zu erschlie­ßen.

Letz­te Woche erschien das neue Album von Nena. Es heißt „Cover Me“ und hät­te mich ver­mut­lich mein Leb­tag nicht inter­es­siert, wenn, ja wenn ich nicht gera­de bei iTu­nes dar­über gestol­pert wäre. Dank moder­ner Tech­nik kann man ja heut­zu­ta­ge in jedes Album zumin­dest rein­hö­ren und das habe ich dann auch getan.

Nach­dem ich den Tep­pich so gut es ging wie­der gerei­nigt und mir eine Win­ter­ja­cke ange­zo­gen hat­te (ich wer­de noch ein paar Tage lüf­ten müs­sen, bis der Gestank raus­geht), dach­te ich mir: Nein, damit möch­te ich nicht allein blei­ben. Und des­halb jetzt hier für Sie: Die „High­lights“ aus „Cover Me“, das – Sie hat­ten es bereits dem groß­ar­ti­gen Wort­spiel im Album­ti­tel ent­nom­men – ein Cover­al­bum ist.

Auf der ers­ten Sei­te ver­greift sich Nena „nur“ an deutsch­spra­chi­gen Songs: So erwischt es neben den ungleich kre­di­bi­le­ren Mit-Acht­zi­ger-Acts Ulla Meine­cke („Für dich tu ich fast alles“) und Ide­al („Eis­zeit“ )auch David Bowie („Hel­den“ aus dem „Chris­tia­ne F.“-Sound­track) und – bit­te fest­hal­ten und sehr, sehr tap­fer sein! – Deich­kind („Rem­mi­dem­mi“).

Wer bereits jetzt glaubt, alles Elend die­ser Welt gehört zu haben, hat gera­de mal den Fuß in der Höl­len­pfor­te, aus der auf der B‑Seite des Albums diver­se eng­li­sche Cover­ver­sio­nen strö­men wer­den. Mark Bol­an von T. Rex ist immer­hin schon tot, so dass ihn die Ver­si­on von „Child­ren Of The Revo­lu­ti­on“ allen­falls noch zum lei­sen Rotie­ren brin­gen soll­te – ande­re Musi­ker haben das Glück nicht: Bowie („Star­man“) sowie Bob Dylan und die Rol­ling Stones erwischt es gleich zwei Mal („It’s All Over Now Baby Blue“ und „Blo­win‘ In The Wind“ bzw. „The Last Time“ und „She’s Like A Rain­bow“), The Cure bekom­men die zwei­tau­sends­te Inter­pre­ta­ti­on von „Fri­day I’m In Love“ ange­hängt und bei Pink Floyd dürf­te man sich nach dem Kon­sum von „Us And Them“ wün­schen, es wären gleich alle Band­mit­glie­der dem Wahn­sinn anheim gefal­len.

Auch „jün­ge­re“ Acts wie Air („Sexy Boy“) und Moby („Slip­ping Away“) sind nicht sicher vor Nena und ihrem Haus-und-Hof-Pro­du­zen­ten und Ex-„Popstars“-Jurymitglied Uwe Fah­ren­krog-Peter­sen. Doch ihnen allen geht es noch gut, denn am schlimms­ten erwischt es mal wie­der die arme Joni Mit­chell. Wer geglaubt hat­te, wüs­ter als die Coun­ting Crows kön­ne nie­mand mehr die gro­ße alte Dame der Folk­mu­sik belei­di­gen, wird bei Nena eines bes­se­ren belehrt: Ihre Ver­si­on von „Big Yel­low Taxi“ ist seit vie­len Jah­ren, ja: Jahr­zehn­ten der ers­te Song, der Wil­liam Shat­ners „Lucy In The Sky With Dia­monds“ den Ruhm als schlech­tes­te Cover­ver­si­on aller Zei­ten strei­tig machen könn­te. Aber das ist ja auch schon mal eine erstaun­li­che Leis­tung.

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Listenpanik 09/​07: Sie sind wieder da-ha!

Wie mir erst sehr spät auf­fiel, gab es im Sep­tem­ber gar kei­ne Bes­ten­lis­te für den August. Das lag wohl dar­an, dass mir zwi­schen­zeit­lich mein Arbeits- und Musikab­spiel­ge­rät abhan­den gekom­men war. Egal, dann star­ten wir eben jetzt frisch in die neue Run­de mit einer neu­en, wie immer streng sub­jek­ti­ven Bes­ten­lis­te.

Dabei gibt es noch eine Neue­rung: Weil ich am Ende des Jah­res eh immer mei­ne liebs­ten Songs zusam­men­fas­se und das nicht zwangs­läu­fig Sin­gles sein müs­sen, wer­de ich ab jetzt hier die schöns­ten Songs des Vor­mo­nats vor­stel­len. Das hat meh­re­re Vor­tei­le: Die bes­ten Songs eines Albums erschei­nen nicht immer auch als Sin­gle, ich muss mich nicht mehr durch Lis­ten mit Sin­gle-VÖ-Daten quä­len und ich kann auch schon ruhi­gen Gewis­sens Songs nen­nen, die erst im Radio lau­fen, aber noch nicht als Sin­gle erschie­nen sind.

Jetzt aber wirk­lich los:

Alben (inkl. Amazon.de-Links)
1. The Wea­k­erthans – Reuni­on Tour
Über mei­nem Schreib­tisch hängt ein signier­tes Wea­k­erthans-Pos­ter, muss ich da noch mehr sagen?
Na gut: Die Kana­di­er waren natür­lich nie der­art „weg“, dass das Gere­de von einer „Reuni­on Tour“ gerecht­fer­tigt wäre. Trotz­dem sind sie jetzt eben wie­der da und machen naht­los da wei­ter, wo sie mit „Recon­s­truc­tion Site“ (dem ja auch kein Abriss vor­aus­ging) auf­ge­hört haben: Wun­der­schö­ner Indiepop mit Folk­ein­flüs­sen, lieb­li­chen Har­mo­nien und sehr klu­gen Tex­ten von John K. Sam­son. Ich habe das Gefühl, dies­mal ein paar mehr Beat­les-Ein­flüs­se erkannt zu haben, als man bei den Wea­k­erthans sonst erwar­ten wür­de, aber wel­cher Band hät­te sol­ches schon gescha­det?
Ich möch­te mich bereits jetzt fest­le­gen und sagen: Das Herbst­al­bum des Jah­res!

2. Kili­ans – Kill The Kili­ans
„Wie? Nicht auf der 1?!“ Zuge­ge­ben: Das wäre nach allem Thea­ter hier nahe­lie­gend gewe­sen. Aber ich will mal so fair sein und sagen, dass ich mir bei mei­ner Nähe zu der Band eh kein rich­ti­ges Urteil erlau­ben könn­te („objek­tiv“ wäre eh das denk­bar fal­sche Wort für Musik­be­spre­chun­gen). Also habe ich lie­ber den Wea­k­erthans den Vor­zug gege­ben, bei denen ich mir sicher bin, dass ich das Album lie­be. Lie­ben tue ich „Kill The Kili­ans“ natür­lich auch, aber eben eher so wie ein Geschwis­ter­kind, mit dem man zusam­men auf­ge­wach­sen ist.
Ich war immer etwas in Sor­ge, ob man die Live-Ener­gie die­ser Band auf Plat­te wür­de ban­nen kön­nen. Swen Mey­er hat es nicht ganz geschafft, aber er war klug genug, den Sound des­halb etwas zu polie­ren, damit es wirk­lich wie ein Album klingt und nicht wie ein miss­glück­ter Kon­zert­mit­schnitt. Klingt zu kom­pli­ziert? Dann hören Sie mal die ers­ten bei­den Tra­vis-Alben hin­ter­ein­an­der und Sie ver­ste­hen, wie ich das mei­ne.
Ansons­ten natür­lich: Gro­ßes Song­wri­ting, sau­be­re Arbeit, eigent­lich alles rich­tig gemacht. Nuff said!

3. Foo Figh­ters – Echo­es, Silence, Pati­ence & Grace
Will­kom­men im Monat der Lieb­lings­band-Ver­öf­fent­li­chun­gen!
Dave Grohl ist natür­lich die cools­te Sau im Rock­ge­schäft, dar­über muss man nicht dis­ku­tie­ren. Sei­ne Foo Figh­ters sind auch immer schon groß gewe­sen, aber bis auf „The­re Is Not­hing Left To Lose“ fand ich die Alben immer schwer durch­hör­bar. Das ändert sich jetzt mit dem neu­en Album, des­sen Namen ich jedes Mal nach­gu­cken muss: Hier stimmt das Gleich­ge­wicht von laut und lei­se, von Brett und Hym­ne.
Näher wer­den die Foo Figh­ters ihren Vor­bil­dern von Led Zep­pe­lin viel­leicht nie kom­men, was aber wohl auch ganz gut ist.

4. Kanye West – Gra­dua­ti­on
Ich habe kei­ne Ahnung, war­um ich in den letz­ten andert­halb Jah­ren eine sol­che Begeis­te­rung für Hip­Hop und R’n’B ent­wi­ckelt habe, aber viel­leicht liegt es ein­fach dar­an, dass man mit zuneh­men­dem Alter auf Schub­la­den­den­ken ver­zich­tet, und an der zuneh­men­den Qua­li­tät der ent­spre­chen­den Alben.
Neh­men wir Kanye West: Sam­pelt rotz­frech Daft Punk und Stee­ly Dan (Stee­ly Dan, mei­ne Damen und Herren!!!!1) und arbei­tet mit der neu­en Hip­Hop-Iko­ne Chris Mar­tin zusam­men. Allein aus den Zuta­ten muss jeder, der kein abso­lu­ter Voll­idi­ot ist, doch ein brauch­ba­res Album zusam­men­bau­en. Und da die­se Namen bei Mr. West wirk­lich nur die Spit­ze des Eis­bergs bil­den, ist „Gra­dua­ti­on“ ein wirk­lich gelun­ge­nes Album gewor­den.
Dass der Release des Albums einen Oasis-vs-Blur-mäßi­gen Show­down mit 50 Cent bedeu­te­te, könn­te natür­lich ein wei­te­rer Cool­ness-Fak­tor für mich sein …

5. The Robo­cop Kraus – Blun­ders And Mista­kes
The Robo­cop Kraus schrapp­ten irgend­wie immer haar­scharf an dem vor­bei, was man „Zeit­geist“ nennt. Das ist aber erstaun­li­cher­wei­se gar nicht schlimm, im Gegen­teil: Wür­den sie heu­te noch so abge­hack­te Rhyth­men und hart ange­schla­ge­ne Gitar­ren ver­wen­den wie vor zwei Jah­ren auf „They Think They Are The Robo­cop Kraus“, so wäre das erstaun­lich lang­wei­lig. Des­halb spie­len sie lie­ber – Ach­tung! – gut­ge­laun­ten Indiepop, den man zwar – fest­hal­ten! – von der Insel kennt, aber eben nicht aus Nürn­berg (mehr zum The­ma Pro­vinz und Rock fin­den Sie hier).
Außer­dem soll­te noch irgend­je­mand die­ses wirk­lich außer­ge­wöhn­lich char­man­te Cover-Art­work loben …

Songs (inkl. iTu­nes-Links)
1. Kili­ans – When Will I Ever Get Home
Da hat man eine Band fünf­zehn Mal live gese­hen, glaubt alle ihre Songs zu ken­nen, und dann legt man die CD zum ers­ten Mal ein und sieht sei­nem Unter­kie­fer gera­de noch dabei zu, wie er auf den Fuß­bo­den auf­schlägt. So und nicht anders klingt Sta­di­on­rock, der sich einen Scheiß um die Mul­ti­funk­ti­ons­are­nen die­ser Welt schert. Selbst U2 und die Ste­reo­pho­nics sehen gegen die­se Gitar­ren­wän­de alt aus – die haben aller­dings auch jeweils nur einen Gitar­ris­ten und nicht derer drei.
Das ist die Musik, die man hören will, wenn man nachts betrun­ken mit dem Fahr­rad nach Hau­se fährt: Arme aus­brei­ten, mit­sin­gen und dann gegen den Bord­stein fah­ren und auf die Fres­se flie­gen.

2. The Wea­k­erthans – Civil Twi­light
So müs­sen Alben begin­nen: Genug Schwung in den Stro­phen auf­neh­men und dann im Refrain zur gro­ßen Hym­ne öff­nen. Dazu ein Text, in dem es ums Gol­fen, Hol­ly­wood­schau­spie­le­rin­nen und Ris­se in Miets­häu­sern geht.
Hat­te ich schon erwähnt, wie sehr ich die Wea­k­erthans ver­eh­re?

3. Shout Out Louds – Impos­si­ble
Die Nicht­er­wäh­nung des groß­ar­ti­gen Albums „Our Ill Wills“ ist jetzt schon einer der gröbs­ten Schnit­zer der Lis­ten­pa­nik-Serie. Immer­hin „Tonight I Have To Lea­ve It“ hat­te ich abge­fei­ert, des­halb soll auch die zwei­te Sin­gle aus dem zwei­ten Shout-Out-Louds-Album ihre Wür­di­gung erfah­ren. Nicht zuletzt des­halb, weil die Lis­te der Pop­songs mit Xylo­phon-Beglei­tung immer noch viel zu kurz ist.

4. Ste­reo­pho­nics – It Means Not­hing
Aus mir selbst nicht ganz ver­ständ­li­chen Grün­den haben mich die Ste­reo­pho­nics auch nach sie­ben Jah­ren Fan­dom und meh­re­ren medio­kren Alben nicht los­ge­las­sen. „It Means Not­hing“ ist eine die­ser schlei­chen­den Num­mern vol­ler End­los­schlei­fen, die Kel­ly Jones seit ein paar Jah­ren so ger­ne schreibt. Der Song braucht Zeit, man muss ihn ziem­lich oft hören, bis einem (viel­leicht) die Schön­heit dahin­ter auf­fällt.
Sehr emp­feh­lens­wert beim S‑Bahn-Fah­ren im strö­men­den Regen.

5. Rihan­na – Don’t Stop The Music
Eigent­lich ist es zu spät, um die Bril­lanz des Über­hits „Umbrel­la“ zu wür­di­gen, oder auch nur das über­ra­schend ein­gän­gi­ge Album „Good Girl Gone Bad“ zu loben. Bei­de sind schon Mona­te alt, im schnell­le­bi­gen Musik­biz eine hal­be Ewig­keit. Aber weil mich bei­des so begeis­tert hat, dass ich das sogar öffent­lich zuge­be, woll­te ich noch irgend­was gutes über Frau und Musik schrei­ben und nut­ze die Gele­gen­heit, dass „Don’t Stop The Music“, ein eben­falls sehr gelun­ge­ner (wenn auch natür­lich nicht an „Umbrel­la“ her­an­rei­chen­der) Tanz­bo­den­stamp­fer, im Sep­tem­ber als Sin­gle ver­öf­fent­licht wur­de.

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Über den Wolken

Will­kom­men zurück an der Cof­fee-And-TV-Jour­na­lis­ten­schu­le!

Nach­dem wir beim letz­ten Mal gelernt haben, wie man eine Gerichts­re­por­ta­ge ver­fasst, wol­len wir uns heu­te dem Bereich des Musik­jour­na­lis­mus zuwen­den. Beson­ders beliebt auf die­sem Gebiet sind seit län­ge­rem Repor­ta­gen, die einen Künst­ler oder eine gan­ze Band in einem hei­mat­li­chen Umfeld zei­gen. Dafür brau­chen wir zunächst ein­mal eine Band, was nicht ganz so schwer ist: Wir neh­men ein­fach unse­re Cof­fee-And-TV-Haus­ka­pel­le.

Als ers­tes brau­chen wir jetzt (wie bei jedem Arti­kel) einen grif­fi­gen Ein­stieg. Oder aber einen, der so wirr ist, dass man schon aus Neu­gier­de, wie sich der Autor wohl dar­aus befrei­en will, wei­ter­liest:

Ent­we­der hast du als Teen­ager die Gele­gen­heit, vor dem Venue auf dei­nen Lieb­lings­act zu war­ten und dir Auto­gram­me geben zu las­sen – oder du hast sie nicht. Ent­we­der du kennst die Bands nur aus TV, Radio und Inter­net – oder du triffst sie im Plat­ten­la­den. Die Kili­ans kom­men aus Dins­la­ken und tra­fen bis­her nie­man­den. Sie sind eine auf­stre­ben­de Rock­band. Die Fra­ge ist: Trotz­dem oder gera­de des­we­gen?

Was ist mit denen, die nie vor einem „Venue“ stan­den und auf ihren „Lieb­lings­act“ war­te­ten? Wer hät­te in wel­chem Plat­ten­la­den jeman­den tref­fen sol­len? Wie­so ist man eine auf­stre­ben­de Rock­band, obwohl oder weil man nie­man­den in einem Plat­ten­la­den getrof­fen hat? Der Leser ist sofort gefan­gen von die­sen Sät­zen und könn­te sie immer wie­der lesen, ohne dass ihm die Deu­tungs­mög­lich­kei­ten aus­gin­gen.

Im zwei­ten Absatz soll­ten wir dem Leser, der die zu por­trä­tie­ren­de Band noch nicht kennt, kurz erklä­ren, von wem wir spre­chen. Zum Bei­spiel so:

The Kili­ans sind fünf Jungs und kom­men aus die­ser Stadt, und sie sind mitt­ler­wei­le im Blick­feld vie­ler, die sich für Rock­mu­sik inter­es­sie­ren. In Dins­la­ken sind sie allein dadurch schon Stars.

So weiß jeder, dass man in Dins­la­ken, par­don: Dins­la­ken allei­ne dadurch zum Star wird, dass man im Blick­feld vie­ler, die sich für Rock­mu­sik inter­es­sie­ren, ist. Sozio­lo­gen spre­chen sicher von second hand popu­la­ri­ty.

Wenn wir mer­ken, dass wir eigent­lich viel lie­ber über die Stadt schrei­ben möch­ten als über die Band, kön­nen wir jetzt immer noch die Kur­ve krat­zen und Ver­gleichs­grö­ßen her­an­zie­hen:

Um das zu ver­ste­hen, muss man sich klar­ma­chen, wie wenig Orte wie Dins­la­ken von der Distink­ti­on geprägt sind, die in Ham­burg oder Ber­lin all­ge­gen­wär­tig ist.

Eine kla­re Posi­ti­ons­be­stim­mung: Ham­bur­ger und Ber­li­ner wer­den sagen: „Klar, Distink­ti­on, Alter!“, alle Ande­ren wer­den erfurchts­voll nicken und es nicht wagen, nach den in die­sen Metro­po­len vor­herr­schen­den Distink­tio­nen zu fra­gen.

Jetzt haben wir dem Leser unser Bild von Dins… Dins­la­ken schon so genau gezeich­net, dass wir uns ein biss­chen wei­ter aus dem Fens­ter leh­nen und Fak­ten gekonnt igno­rie­ren kön­nen:

Hier schielt kaum jemand auf Düs­sel­dorf oder Köln, die nächs­ten grö­ße­ren Städ­te und die Codes der Indie-Schi­cke­ria bedeu­ten hier gar nichts.

Kei­ner unse­rer Leser wird auch nur ahnen, dass wir schon bei unse­rer Ankunft hal­be Armeen von röh­ren­be­hos­ten Rin­gel­pul­li­trä­gern mit Emo­fri­su­ren gese­hen haben, die gera­de auf dem Weg zu einem Rock­kon­zert in Köln waren. Sol­che Infor­ma­tio­nen wür­den ja auch nur das Bild zer­stö­ren, das wir mühe­voll vor den geis­ti­gen Augen unse­rer Rezi­pi­en­ten auf­zu­bau­en ver­su­chen. Die Mög­lich­keit, dass die der­art über­gan­ge­nen Indie-Kid­dies der Stadt per Leser­brief auf ihre Unter­schla­gung hin­wei­sen könn­ten, lösen wir mit einem klei­nen Logik­wölk­chen: Es gibt sie ja gar nicht, haben wir gera­de noch geschrie­ben.

Als die Kids die bei­den Band­mit­glie­der, beglei­tet von der Pres­se, auf sich zukom­men sehen, fah­ren sie ner­vös aus ihren läs­si­gen Posen auf.

Geschickt geret­tet: Die drei Leser, die sich jetzt wun­dern könn­ten, wo denn plötz­lich bemüht läs­si­ge „Kids“ (als Musik­jour­na­list soll­te man das Wör­ter­buch der Jugend­spra­che stets bei sich füh­ren, und wenn es die Aus­ga­be von 1991 ist) her­kom­men, müs­sen jetzt alle Hirn­mas­se auf die Vor­stel­lung ver­wen­den, wir selbst lie­fen wie in einem Hol­ly­wood­film der drei­ßi­ger Jah­re mit einem Papp­kärt­chen mit der Auf­schrift „Pres­se“ im Hut­band durch die Gegend.

Hat­ten wir über­haupt schon erwähnt, wo die­se lang­wei­li­ge Klein­stadt, die kein Schwein ken­nen muss, liegt? Nein? Dann ist jetzt die Gele­gen­heit, auf das Ruhr­ge­biet hin­zu­wei­sen und gleich eine wei­te­re LKW-Ladung Kli­schees über Text, Lesern und Land­schaft aus­zu­kip­pen:

Ganz ruhr­ge­biets­ty­pisch. Natür­lich ist die ört­li­che Zeche mitt­ler­wei­le nicht mehr in Betrieb. Natür­lich sind alle Arbei­ter ent­las­sen – bis auf ein paar, die mit dem Abbau der Maschi­nen beschäf­tigt sind. Von Momen­ten an sol­chen Orten weiß im Ruhr­ge­biet jeder etwas zu erzäh­len. Auch die Kili­ans. Zechen­ge­schich­ten sind in der Regel Nacht­ge­schich­ten, sie han­deln von Alko­hol und davon, irgend­wo drauf­zu­klet­tern und in den Ster­nen­him­mel zu schau­en.

Es ist egal, wenn dem Absatz nichts vor­aus­ging, wor­auf sich das „ruhr­ge­biets­ty­pisch“ bezie­hen könn­te, denn wir nähern uns dem Höhe­punkt:

Alles, was von sol­chen erhöh­ten Stand­or­ten zu sehen ist, wenn man etwas tie­fer blickt, ist: Koh­le, Stahl und graue Wol­ken. All das impli­ziert in die­ser Gegend zwangs­läu­fig immer auch eines: das Schei­tern. Für eine Rock­band sind das lehr­rei­che Erfah­run­gen. Bewusst oder auch nicht, die Kili­ans haben ihre Schlüs­se dar­aus gezo­gen.

Jaaaaa, die­se vier Sät­ze sind von unend­li­cher Weis­heit und Tie­fe. Zunächst ein­mal wis­sen die Leser anschlie­ßend, dass die (natür­lich immer „grau­en“) Wol­ken im Ruhr­ge­biet nied­ri­ger hän­gen als irgend­wel­che Sachen (Abraum­hal­den, För­der­tür­me, Musik­jour­na­lis­ten­egos), auf die man „drauf­klet­tern“ kann, hoch sind. Dann ler­nen sie, dass Koh­le, Stahl und eben jene grau­en Wol­ken nichts ande­res sind als Meta­phern für „das Schei­tern“ und nicht etwa indus­tri­el­le Roh­stof­fe (die ers­ten bei­den) und Wet­ter­phä­no­me­ne (letz­te­res).

Aber wei­ter im Text: Schei­tern, Koh­le, Stahl und Wol­ken – all das sind „lehr­rei­che Erfah­run­gen“, aus denen die jetzt doch mal wie­der nament­lich zu erwäh­nen­de Band ihre Schlüs­se gezo­gen hat. Spä­tes­tens hier wer­den sich selbst Distink­ti­ons­er­fah­re­ne Leser aus Ham­burg und Ber­lin, Düs­sel­dorf oder Köln von Min­der­wer­tig­keits­kom­ple­xen geplagt auf dem Boden wäl­zen und rufen: „Gro­ßer Musik­jour­na­list, ich bin unwür­dig, Dei­nen Aus­füh­run­gen zu fol­gen, aber sprich wei­ter und ver­giss auch die Fremd­wör­ter nicht, die Du Dir im ‚Ador­no für Anfänger‘-Seminar auf der Rück­sei­te Dei­nes Col­lege­blocks notiert hast!“

Damit haben wir sie im Sack und kön­nen noch ein paar Zita­te der Band­mit­glie­der ein­streu­en. Die inter­es­sie­ren zwar weder uns, noch die Leser, aber eine Band­re­por­ta­ge ohne Band wirkt halt immer etwas schwach. Dafür kön­nen wir sie mit gehäs­si­gen, klei­nen Par­ti­keln anmo­de­rie­ren, die trans­por­tie­ren, dass immer nur der doo­fe Sän­ger gere­det hat:

Wie­der­um Simon: „Wir glau­ben, dass die Leu­te hier auf so was war­ten. Sie wol­len, dass hier nicht nur loka­le Acts spie­len, son­dern auch wel­che, die sie aus dem Radio ken­nen. Die Büh­ne soll auf der Wie­se ste­hen, und das Feu­er­wehr­haus dort hin­ten wird der Back­stage­be­reich.“

Jetzt fehlt nur noch ein Schluss­satz, der das bis­her Gelern­te zusam­men­fasst:

So sieht DIY aus, wenn er nicht aus Washing­ton oder Olym­pia, son­dern aus Dins­la­ken kommt.

Es wird schon nie­mand fra­gen, war­um wir von einem Bun­des­staat oder einer Stadt reden, von der außer uns noch 23 Per­so­nen wis­sen, dass sie als Neben-Hoch­burg des ame­ri­ka­ni­schen Indie­rocks gilt. Wenn sich über­haupt noch jemand etwas fragt, dann, wie wohl DIY aus­se­hen könn­te, bei dem man nicht alles sel­ber macht.

Wenn wir die­se ein­fa­chen Regeln befol­gen, wer­den wir bald schon alle fan­tas­ti­sche Band­por­träts schrei­ben kön­nen, die das Zen­tral­or­gan des deut­schen Qua­li­täts­mu­sik­jour­na­lis­mus, der/​die/​das Intro sicher ger­ne abdruckt.

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Dilemma

Jetzt hab ich gesagt, ich mach beim Blog­schwei­gen nicht mit und jetzt hab ich nix, wor­über ich heu­te blog­gen könn­te …

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Unterwegs Kultur

Mannheim für Deutschland

Ges­tern noch las ich bei der Rie­sen­ma­schi­ne von den 1925 vor­ge­stell­ten Plä­nen Le Cor­bu­si­ers, Paris abzu­rei­ßen und geord­net neu auf­zu­bau­en. „Nun ja“, dach­te ich, „typisch Moder­ne: Tol­le Ideen, aber irgend­wie dann doch so ein biss­chen abge­dreht.“

Heu­te woll­te ich einen Besuch in Mül­heim an der Ruhr täti­gen. Ich war schon etli­che Male in der Stra­ße, in dem Haus gewe­sen, wo ich hin­woll­te. Zwar war ich noch nie selbst dort­hin gefah­ren, aber ich hat­te mir bei Goog­le Maps eine genaue Weg­be­schrei­bung aus­ge­druckt und heg­te ein gewis­ses Grund­ver­trau­en in mei­ne eige­nen Ori­en­tie­rungs­küns­te.

Sie ahnen, wie mein Tag und die­ser Text wei­ter­ge­hen: Welch gro­tes­ke Selbst­über­schät­zung!

Einen Moment war ich unauf­merk­sam, war ver­wirrt, weil Goog­le Maps einem Stra­ßen­wech­sel anzeigt, wenn sich nur der Name ändert (was in Mülheim/​Ruhr an jeder Ampel pas­siert), und schon fand ich mich bald am Haupt­bahn­hof, bald im strö­men­den Regen an einem ent­le­ge­nen Golf­platz wie­der. Ich zer­fleisch­te die Schaum­stoff­um­man­te­lung des Lenk­rads, stieß viel­far­bi­ge Flü­che aus, ver­setz­te mei­ne Bei­fah­re­rin in Angst und Schre­cken und such­te nur noch nach einem geeig­ne­ten Baum, vor den ich das Auto hät­te steu­ern kön­nen – aber nicht mal den gab es.

Schließ­lich rief ich per Tele­fon um Hil­fe und wur­de von der Gast­ge­be­rin mit einem Fol­low-Me-Fahr­zeug zum Ziel gelotst. Natür­lich war ich mehr­fach haar­scharf an der rich­ti­gen Stra­ße vor­bei­ge­fah­ren, hät­te nur ein­mal links und sofort wie­der rechts fah­ren müs­sen und wäre am Ziel gewe­sen. Aber die Kreu­zung war so über­sicht­lich gewe­sen wie ein Ver­tei­ler­kas­ten der Deut­schen Tele­kom, über­all waren Autos und die weni­gen Stra­ßen­schil­der, die mit dem mensch­li­chen Auge über­haupt zu erken­nen gewe­sen wären – von der Stra­ße aus, aus einem sich bewe­gen­den Fahr­zeug -, waren mit Stra­ßen­na­men beschrif­tet, die in mei­nem spär­li­chen Goog­le-Aus­druck schlicht­weg nicht vor­ka­men.

Und da dach­te ich mir: War­um fah­re ich eigent­lich durch so grau­en­haft ver­schlun­ge­ne Städ­te, deren Stadt­plä­ne einer Rönt­gen­auf­nah­me des mensch­li­chen Darms oder einer Rosi­nen­schne­cke nach­emp­fun­den zu sein schei­nen? Die­ses Land, ins­be­son­de­re das Ruhr­ge­biet, ist doch im zwei­ten Welt­krieg zu erheb­li­chen Tei­len zer­stört wor­den. War­um hat man Stra­ßen­zü­ge, die kom­plett in Schutt und Asche lagen, in ihrem jahr­hun­der­te­al­ten Ver­lauf wie­der auf­ge­baut? War­um hat nicht wenigs­tens ein wei­ser Archi­tekt in die­ser viel­zi­tier­ten „Stun­de Null“ gesagt: „Wenn wir schon ganz neu anfan­gen müs­sen, könn­ten wir es ja viel­leicht ein ein­zi­ges Mal rich­tig machen!“? War­um ist Deutsch­land also heu­te kein flä­chen­de­cken­des Mann­heim, son­dern die­se Kata­stro­phe von Ober­hau­sen, Köln und eben Mülheim/​Ruhr?

Da mel­de­te sich mein archi­tek­to­ni­sches Fach­wis­sen und erin­ner­te mich höf­lich an Rudolf Hil­le­brecht und sei­nen Wie­der­auf­bau Han­no­vers, dem zunächst ein paar noch ver­blie­be­ne Gebäu­de zum Opfer gefal­len waren und der noch heu­te dafür sorgt, dass Han­no­ver wie eine mit schar­fem Mes­ser file­tier­te Piz­za in der Land­schaft liegt. Und par­al­lel bzw. zuein­an­der ortho­go­nal sind die Stra­ßen dort trotz­dem nicht.

Und so bleibt mir wohl als ein­zi­ge Opti­on der Umzug in die USA, wo die Sied­ler wei­land jede ein­zel­ne Stadt mit der Reiß­schie­ne in die Land­schaft gezim­mert haben und wo man Weg­be­schrei­bun­gen gleich­sam als Vek­to­ren („drei Blocks nach Nor­den, zwei nach Osten“) ange­ben kann. In den USA hän­gen die Ampeln auch hin­ter den Kreu­zun­gen, was es einem immer­hin ermög­licht, sie vom Auto aus auch zu sehen, und man kann bei Rot rechts abbie­gen. Aller­dings sind zumin­dest die Innen­städ­te immer der­art ver­stopft, dass mein Ver­brauch an Lenk­ra­dum­man­te­lun­gen wohl ein­fach zu hoch wäre.

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Alles Elend dieser Welt

In den ver­gan­ge­nen Tagen hat die Mili­tär­jun­ta von Myan­mar, dem frü­he­ren Bur­ma, fried­li­che Pro­tes­te von bud­dhis­ti­sches Mön­chen und Zivi­lis­ten mit aller Bru­ta­li­tät nie­der­ge­schla­gen. Etwa 4.000 Mön­che sol­len in Gefäng­nis­se im Nor­den des Lan­des ver­schleppt wor­den sein, mel­det die BBC.

Es ist ein wenig über­ra­schend, dass ein Land, in dem sol­che Ver­bre­chen seit Jahr­zehn­ten an der Tages­ord­nung sind, plötz­lich doch noch in den Focus der Welt­öf­fent­lich­keit gerät. Und viel­leicht liegt es wirk­lich am Inter­net, dass sich die Welt ein Bild von dem machen kann, was in dem süd­ost­asia­ti­schen Land so vor sich geht. Zumin­dest kann man sich Bil­der­ga­le­rien wie die­se oder jene anse­hen, auch wenn das Land jetzt vom Inter­net abge­schnit­ten ist.

Für den 4. Okto­ber (also Don­ners­tag) ist im Inter­net eine Akti­on geplant, bei der Blogs, Web­sites und Web­fo­ren einen Tag lang zu allen ande­ren The­men „schwei­gen“ sol­len und so auf die Situa­ti­on in Bur­ma auf­merk­sam machen wol­len (alle Infos gibt’s hier).

Wie eigent­lich immer bei sym­bo­li­schen Aktio­nen, kommt sofort die Fra­ge auf, was das brin­gen soll. Wenn das deut­sche Volk von einer Demons­tra­ti­on gegen die Vor­rats­da­ten­spei­che­rung der deut­schen Bun­des­re­gie­rung in der deut­schen Haupt­stadt Dank der Kom­pe­tenz der deut­schen Nach­rich­ten­agen­tu­ren gleich­sam nichts mit­be­kommt – wie beein­druckt wer­den dann Gene­rä­le, die auf ihr eige­nes Volk schie­ßen las­sen, davon sein, dass irgend­wel­che Blog­ger in irgend­wel­chen Län­dern einen Tag lang nichts schrei­ben? Nun: Dass sie die Mili­tär­jun­ta kaum errei­chen wer­den, wis­sen die Orga­ni­sa­to­ren wohl selbst. Aber eine sol­che Akti­on kann auch Leu­te, die sich bis­her gar nicht mit Bur­ma beschäf­tigt haben (was 95% der Welt­be­völ­ke­rung sein dürf­ten), auf das Land bzw. The­ma auf­merk­sam machen. Sie kann Hin­ter­grün­de erklä­ren, z.B. wel­che Fir­men mit den Mili­tärs so Geschäf­te machen und wel­che deut­schen Unter­neh­men in dem Land ihr Geld ver­die­nen. Vor allem kann sie nicht scha­den, denn im schlimms­ten Fall ändert sich nichts, die Gene­rä­le mor­den wei­ter wie bis­her und in 41 Jah­ren steht viel­leicht Dar­fur mal für zwei Wochen im Focus der Welt­öf­fent­lich­keit.

Das däm­lichs­te und zynischs­te Argu­ment gegen sol­che Aktio­nen aber lau­tet „Es gibt so viel Elend auf der Welt, war­um kon­zen­triert man sich aus­ge­rech­net auf Bur­ma?“. Kon­se­quent zu Ende gedacht, bräuch­te man dann auch kein ein­zi­ges Buch mehr lesen (weil man eh nicht alle Bücher lesen kann), man bräuch­te nicht mehr essen (weil Res­te übrig blei­ben könn­ten und ande­re Men­schen gar nichts zu essen haben), ja, man bräuch­te nicht ein­mal mehr leben (weil ande­re Men­schen tot sind). Men­schen, die so argu­men­tie­ren, frag­ten am Mor­gen des 12. Sep­tem­ber 2001 „Und was ist mit den Kin­dern, die in Afri­ka ver­hun­gern?“, und viel­leicht ste­hen sie sogar am offe­nen Grab ihrer Mut­ter und sagen etwas wie „Nun ja, jetzt isse tot, aber wäh­rend wir hier ste­hen, ster­ben bei einem bewaff­ne­ten Kon­flikt in Süd­ame­ri­ka vier­hun­dert Men­schen.“

Als ich Thees Uhl­mann von Tom­te das ers­te Mal inter­view­te, war weni­ge Mona­te zuvor sein guter Freund, der Musik­jour­na­list Roc­co Clein ver­stor­ben. Tom­te und ande­re Bands hat­ten ein Bene­fiz­fes­ti­val orga­ni­siert, um Geld für Roc­cos Kin­der ein­zu­spie­len. Natür­lich gab es auch damals wie­der Leu­te, die mit den ver­hun­gern­den Neger­kin­dern argu­men­tier­ten und der Mei­nung waren, dass die Halb­wai­sen eines „Pro­mi­nen­ten“ schon genug Geld zum Leben haben müss­ten. Ich frag­te Thees, was er auf die­ses Gere­de ant­wor­ten wür­de, und Thees sag­te wie so oft etwas sehr, sehr Klu­ges:

Men­schen funk­tio­nie­ren so. Sie mögen das, mit dem sie zu tun haben oder hat­ten. War­um ist einem das World Trade Cen­ter näher, als wenn irgend­wo in Ruan­da 120.000 Men­schen inner­halb von 90 Tagen abge­mor­det wer­den? Weil Ruan­da abs­trakt ist. In Ame­ri­ka war jeder schon mal. Und wenn er nicht da war, dann kennt er jeman­den, der da war. So funk­tio­nie­ren Men­schen. Und das ist schlimm oder egal oder gut, aber das ist ein­fach so.

Ich weiß noch nicht, ob ich mich an die­ser Blog­ger-Akti­on betei­li­gen wer­de. Aber ich weiß, dass ich Respekt habe vor denen, die sowas pla­nen, die sich Gedan­ken machen. Es liegt nun mal offen­bar in der Natur des Men­schen, dass er nicht an alles Elend der Welt gleich­zei­tig den­ken kann – aber wür­den wir nicht auch wahn­sin­nig, wenn wir es könn­ten? Vor zwei Wochen wuss­ten vie­le nicht, dass ein Land namens Myan­mar exis­tiert, heu­te machen sie sich für die Men­schen dort, von denen sie ver­mut­lich kei­nen ein­zi­gen je ken­nen­ler­nen wer­den, stark. Das mag man als Aktio­nis­mus sehen, aber dann dürf­te man auch bei den Advents­samm­lun­gen der Kir­chen kein Geld mehr geben und müss­te Medi­ka­men­te und Schu­len ver­bie­ten, weil sie die Chan­cen­gleich­heit („Alle haben kei­ne Chan­ce“) der Men­schen ver­zer­ren. Wer so argu­men­tiert, ver­fügt über die nöti­ge Por­ti­on Zynis­mus und Men­schen­ver­ach­tung, um einem Mili­tär­re­gime anzu­ge­hö­ren.

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Musik Digital

Anyone Can Sell Records

Radio­head haben weit­ge­hend über­ra­schend ange­kün­digt, ihr neu­es Album „In Rain­bows“ bereits in zehn Tagen zu ver­öf­fent­li­chen – zumin­dest als Down­load.

Ähn­lich wie die Kana­di­er Stars, die ihr neu­es Album „In Our Bed­room After The War“ auch direkt nach dem Mas­te­ring als kos­ten­pflich­ti­gen Down­load zur Ver­fü­gung stell­ten, wol­len wohl auch die Man­nen um Thom Yor­ke so wenigs­tens ein biss­chen an den sowie­so früh­zei­tig ein­set­zen­den Down­loads mit­ver­die­nen. Der Unter­schied: Bei Radio­head kann jeder Down­loa­der selbst ent­schei­den, wie viel er für das Album bezah­len will.

Moment, das war nicht ganz ange­mes­sen for­ma­tiert. Noch­mal:

Bei Radio­head kann jeder Down­loa­der selbst ent­schei­den, wie viel er für das Album bezah­len will!!!!!!1

Außer­dem kann man eine Disc­box des Albums, die am 3. Dezem­ber erschei­nen wird, für 40 Pfund bestel­len – man erhält das Album dann auf Vinyl und CD und als Down­load, sowie eine zusätz­li­che CD mit acht Bonus­tracks. Eine regu­lä­re Ver­öf­fent­li­chung auf CD (und mög­li­cher­wei­se auch mit einer Plat­ten­fir­ma im Rücken) ist fürs nächs­te Früh­jahr geplant.

Links:
Die Web­site zum Album
Eine aus­führ­li­che Wür­di­gung im taz-Pop­b­log
Die Mel­dung beim NME
Eine Vor­schau auf das Album anhand von Live-Vide­os im NME-Blog

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Musik

New Regrets

Für einen win­zi­gen Moment habe ich mich ver­le­sen:

“Lieberberg betreut Comeback von Chris Rea”

Screen­shot: musikwoche.de (Nur mit Anmel­dung les­bar)

Aber wäre „bereut“ wirk­lich so abwe­gig?

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Musik Rundfunk Radio

Schatzsuche

KQED ist mein Lieb­lings­ra­dio­sen­der, da gibt’s kein Ver­tun. Seit ich in den USA gehört habe, was man mit dem Medi­um Radio so alles anstel­len kann, fin­de ich die deut­sche Radio­land­schaft end­gül­tig nur noch zum Heu­len.

Das heißt für mich: Radio­hö­ren geht nur über Inter­net und um neun Stun­den ver­scho­ben. Aber natür­lich gibt es bei allen Sen­dern des Natio­nal Public Radio alle Sen­dun­gen hin­ter­her auch als Pod­cast, was sowohl vor­bild­lich, als auch sehr fein ist.

Das aber nur als Vor­spann zur eigent­li­chen Geschich­te: Wie ich gera­de erst fest­ge­stellt habe, gibt es von der sehr emp­feh­lens­wer­ten Musik­sen­dung „All Songs Con­side­red“ nicht nur Pod­casts und ein umfang­rei­ches Sen­dungs­ar­chiv, auch vie­le der Kon­zer­te, die „All Songs Con­side­red“ immer wie­der über­trägt, ste­hen im Netz.

Eini­ge kann man „nur“ anhö­ren (dar­un­ter Rufus Wain­w­right, Ben Gib­bard, Björk, Arca­de Fire und Lily Allen), ande­re kann man kom­plett her­un­ter­zu­la­den, wenn man den Pod­cast abon­niert (z.B. Tra­vis, Femi Kuti und ganz aktu­ell: Rilo Kiley). Es lohnt sich, sich durchs kom­plet­te Archiv zu kli­cken und zu hören.

Wie das mit den Down­loads recht­lich geht, ist mir ein biss­chen schlei­er­haft, aber in den USA gibt’s ja auch kei­ne GEMA.

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Film

„Film ist Licht“: Ein Interview mit Antoine Monot, Jr.

Film­fans ken­nen ihn als Schau­spie­ler aus Fil­men wie „Abso­lu­te Gigan­ten“, „Eier­die­be“ oder „Das Expe­ri­ment“: Antoine Monot, Jr.

Antoine Monot, Jr. (Pressefreigabe)Was vie­le nicht wis­sen: Seit 2005 ist er künst­le­ri­scher Lei­ter des Zurich Film Fes­ti­vals. Das Fes­ti­val hat sich beson­ders dem jun­gen Film ver­schrie­ben, in die­sem Jahr lau­fen im Wett­be­werb 24 Erst‑, Zweit- oder Dritt­wer­ke jun­ger Spiel- und Doku­men­tar­fil­mer. Zur Jury unter dem Vor­sitz von Pro­du­zent Albert S. Rud­dy gehö­ren unter ande­rem Moritz Bleib­treu, Matthew Modi­ne und Die­ter Mei­er von Yel­lo.

Vor dem Start der drit­ten Auf­la­ge am mor­gi­gen Don­ners­tag nahm sich Antoine Monot, Jr. die Zeit, mit uns über die Schweiz, Deutsch­land, die Magie des Films und „sein“ Fes­ti­val zu spre­chen:

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Digital

Hauptsache schön verpackt

Mein Search-Engi­ne-Opti­mi­zer hat mir gera­ten, mehr User Gene­ra­ted Work­flow in einem Mas­hup zu par­sen und Pri­va­te Equi­ta­na im Ran­dom Access unter Pro­tec­tion zu hal­ten.

Anders aus­ge­drückt: Wir pro­bie­ren mal was ganz cra­zy neu­es – eine Video­ko­lum­ne. Hat es so noch nie gege­ben. Nir­gends. Wird aber im Erfolgs­fal­le trotz­dem fort­ge­setzt.

Heu­te geht’s um ganz hei­ße Sachen:

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