… über die eigene Partnerin zu schreiben, es sei „schon sehr beängstigend“ gewesen, „nicht zu wissen, wie die Leute und die Medien reagieren“, wenn man sich mit ihr „als Paar outen“ würde.
Seit heute ist offiziell, dass Markus Lanz die Nachfolger von Thomas Gottschalk als „Wetten, dass..?!“-Moderator antreten wird. Christopher Keil, Medienredakteur der „Süddeutschen Zeitung“, hat die Gelegenheit genutzt, am Sonntagabend schnell noch einen Text dazu im Internet zu deponieren, der vermutlich morgen auch gedruckt im Blatt erscheinen wird.
Sein Problem: Die Logik war noch im Wochenend-Kurzurlaub – und hatte die deutsche Sprache mitgenommen.
Er wird nicht mit einem Assistenten oder einer Assistentin arbeiten, so viel steht fest. Gottschalk, der mittlerweile versucht, für die ARD eine halbstündige Late Light Show vor der Tagesschau durchzusetzen, stand zuletzt die attraktive Schweizerin Michelle Hunziker zur Seite.
Gottschalk versucht, „Gottschalk live“ „durchzusetzen“? Nicht eher „auszusitzen“ oder so?
Keil weiter über Gottschalk:
Er war darin ein großer Entertainer, ein Virtuose des Mainstream, der „Wetten dass ..?“ als deutschen Staatszirkus mit blonder Laune und lockigem Humor führte.
Vielleicht könnte die Bundeswehr, wenn sie alle afghanischen Mohnfelder zerstört hat, kurz bei einem Einsatz im eigenen Land die Stilblütenwiesen des Christopher Keil umpflügen? Womöglich bliebe uns dann auch ein vollends rätselhafter Absatz wie dieser hier erspart:
Sehr schnell wurde die Frage gestellt, was „Wetten, dass ..?“ ohne ihn künftig wert und wer ihm als Nachfolger ebenbürtig sei. Viele meldeten sich und verkündeten, sie stünden nicht zur Verfügung – ohne je bedacht worden zu sein, und Günther Jauch war der Einzige, der es nicht ernst gemeint hatte. Über andere wie Nazan Eckes wurde spekuliert, dabei, das wird sie selbst am besten wissen, reichte es bei ihr nicht einmal zur Spekulation.
Es wirkt nicht so, als wüsste Keil um die Bedeutung des Verbs „bedenken“. Andererseits verblasst dieser Satz in seiner (nicht eben geringen) Merkwürdigkeit vollständig gegenüber dem nachfolgenden: Über Nazan Eckes wurde spekuliert, aber es reichte nicht einmal zur Spekulation? Also quasi die Spekulation interrupta, die sich auf dem Weg zu sich selbst verlaufen hatte?
Über Thomas Bellut, den designierten ZDF-Intendanten, an dessen 57. Geburtstag „das Treffen“ in einem italienischen Restaurant in Mainz stattgefunden hatte, weiß Keil immerhin zu berichten, dass der gebürtiger Niedersachse sei. Inwiefern das in einem Zusammenhang damit steht, dass Bellut „offenbar belastbar und auch durch Schlagzeilen nicht zu erschüttern“ sei, weiß wohl nur Christopher Keil. Oder – haha – Christian Wulff.
Vielleicht interessiert sich Keil aber privat auch einfach nur für Chaostheorien, weswegen er Schlussfolgerungen wie diese hier für sinnvoll hält:
Weil sich Lanz privat für die Polargebiete interessiert, könnte es aber sein, dass das ZDF ein Winter-„Wetten, dass ..?“ einführt und offenbar spricht das ZDF mit Lanz auch über eine Ausgabe Kinder-„Wetten, dass ..?“. Mit Gottschalk gab es eine Sommershow, die bevorzugt in der Stierkampf-Arena von Palma de Mallorca stattfand.
Woher Keil das mit der Kinder-Sendung weiß? Nun, er scheint einen charmanten, gut aussehenden Informanten zu haben:
Dass Lanz als Dritter gefragt wurde, bedeutet nicht, dass er dritte Wahl ist. In seinen Talkshows erfährt man vieles über Menschen, viel mehr als gerade bei den meisten, wenn auch viel Belangloses. Doch Lanz kennt seine Gäste, er lässt sich auf sie ein, bietet ihnen charmant die Stirn. Man darf sich von seinen guten Manieren, seinem guten Aussehen und seinem guten Ton, den er trifft, nicht täuschen lassen.
… denn in Wahrheit ist Lanz was? Ein gemeingefährlicher Irrer? Ein ungehobelter Rohling? Ein hässlicher Schiefsänger?
Stellt sich raus: In Wahrheit ist Lanz ein phantastischer Investigativjournalist.
Als neulich Vizekanzler Philipp Rösler bei ihm war, begrüßte ihn Lanz mit dem Lob: Er, der FDP-Boss Rösler, sei ja in seinen politischen Reden zuweilen komischer als Harald Schmidt. Rösler hat sich daraufhin für eine halbe Stunde sehr geliebt, hat bei der Wiedergabe des Streits mit der Bundeskanzlerin in der Frage Gauck jedes Maß für Vernunft und wohl auch Anstand verloren. Er erklärte noch einmal, was es mit seinem Gleichnis vom Frosch auf sich hatte, der nicht merkt, wie er gekocht wird, sofern man das kalte Wasser, in dem er sitzt, langsam erhitzt. Alle haben sehr über Rösler gelacht, auch Rösler über sich. Dass er der Frosch im Wasser war, den Lanz in aller Ruhe zum Kochen brachte, merkte er nicht.
Das deckt sich nicht ganz mit dem Eindruck, den ich oder sonst jemand von der Sendung gehabt hätte, in der Lanz als komplett distanzloser Märchenonkel vollends die Orientierung zwischen Unterwürfigkeit, Kumpelei und Überheblichkeit verloren hatte. Aber gut: Lanz hat den Frosch Philipp Rösler gekocht. Das wird er künftig nicht mehr können, denn Lanz „wird seine nächtlichen Gesprächsrunden im Zweiten weiterführen, seine Kochsendung am Freitag allerdings abgeben“.
Apropos kafkaesk
Da staunte Honke Rambow, Sprecher des Bochumer Off-Theaters Rottstr 5 Theater, nicht schlecht, als er heute die Lokalausgabe der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ aufschlug!
Verzeihung, da ist mir der Einstieg jetzt doch eine Spur zu lokaljournalistisch geraten! Honke Rambow muss aber tatsächlich erstaunt gewesen sein, als er in der „WAZ“ ein Kurzinterview mit sich selbst las – hatte er der Zeitung doch gar keines gegeben.
Er schreibt mir:
Merkwürdig daran ist, dass die Person auf dem Foto ich bin, ich aber nicht mit dem Autor kommuniziert habe, weder telefonisch, noch per mail.
Er habe ihm lediglich im Auftrag der Filmemacher eine Pressemitteilung zugesandt – in der dann ziemlich genau all das steht, was der „WAZ“-Rambow auf die „WAZ“-Fragen antwortet. Lediglich ein paar Rechtschreibfehler habe der zuständige Redakteur in den Text eingebaut:
| Pressemitteilung |
„Interview“ in der „WAZ“ |
| Noch nie wurde ein Text des indisch-britischen Autors Salman Rushdie verfilmt. Schon diese Tatsache macht den Kurzfilm DER GOLDENE ZWEIG von Drehbuchautor und Regisseur Matthias Zucker bemerkenswert. | Noch nie wurde ein Text des indisch-britischen Autors Salman Rushdie verfilmt. Schon diese Tatsache macht den Kurzfilm „Der goldene Zweig“ besonders. Was sind dessen Bochumer Bezüge? |
| Entstanden ist der 25minütige Film als Diplomarbeit des Kameramannes Etienne Kordys. Produziert wurde er von der Bochumer Produktionsfirma rougharts mit Unterstützung der Film und Medien Stiftung NRW und der Fachhochschule Dortmund. Die Dreharbeiten fanden in Dortmund, Bochum und Essen statt. | Rambow: Entstanden ist der 25minütige Film des Drehbuchautos und Regisseurs Matthias Zucker als Diplomarbeit des Kameramannes Etienne Kordys. Produziert wurde er von der BO-Produktionsfirma Rough Arts, wobei die Dreharbeiten in Dortmund, Bochum und Essen stattfanden, unter Beteiligung viele Bochumer Schauspieler wie Roland Riebeling, Arne Nobel, Katja Uffelmann, Andreas Bittl, Magdalena Helmig oder Martin Bretschneider. |
| Worum geht es? | |
| DER GOLDENE ZWEIG erzählt nach der gleichnamigen Shortstory Rushdies die Geschichte von David Gularski, der verzweifelt einen neuen Job sucht. Nach monatelanger erfolgloser Suche, wird ihm klar, dass alle Bewerbungsgespräche stets von der gleichen Person geführt werden, die offensichtlich nur dazu da ist ihn abzulehnen. Gularski entscheidet, dass nur noch drastische Maßnahmen helfen können. | In der Kurzgeschichte „Der goldene Zweig“ erzählt Rushdie von David Gularski, der einen Job sucht. Nach monatelanger erfolgloser Suche, wird ihm klar, dass alle Bewerbungsgespräche stets von der gleichen Person geführt werden, die offensichtlich nur dazu da ist, ihn abzulehnen. Gularski entscheidet, dass nur noch drastische Maßnahmen helfen… |
| Die Darsteller dieser durchaus kafkaesken Story sind überwiegend als Schauspieler der Bochumer Theaterszene bekannt und spielen oder spielten sowohl am Schauspielhaus Bochum wie auch am Rottstr5Theater und am Prinz Regent Theater. Allen voran Alexander Ritter, der die Hauptrolle übernommen hat. Neben ihm sind unter anderen Roland Riebeling, Arne Nobel, Katja Uffelmann, Andreas Bittl, Magdalena Helmig und Martin Bretschneider zu sehen. Aus Film- und Fernsehproduktionen wie „Großstadtrevier“ und „SOKO Köln“ ist Dietrich Adam bekannt, Timur Isik spielte im Ensemble des Münchner Volkstheaters sowie Kino- und Fernsehproduktionen. | Die Darsteller dieser durchaus kafkaesken Story sind durch ihre Arbeit am Schauspielhaus, am Theater Rottstraße 5 und am Prinz Regent Theater bekannt. Allen voran Alexander Ritter in der Hauptrolle. |
| Wann läuft der Film an? | |
| DER GOLDENE ZWEIG Premiere Sonntag, 22.4., 12 Uhr Metropolis Kino Bochum, Kurt-Schumacher-Platz 1 Der Vorverkauf beginnt am 1.4. |
Premiere ist am Sonntag, 22. April, um 12 Uhr im Metropolis Kino im Hauptbahnhof. Der Vorverkauf startet am 1. April. |
Rambow erklärt weiter, dass er das abgedruckte Foto tatsächlich mal der WAZ zur Verfügung gestellt habe, „allerdings in einem völlig anderen Zusammenhang“.
Einloggen, durchlesen, auskotzen
„Eines Tages“, die bunte Resterampe für wiederaufbereitete Boulevardgeschichten bei „Spiegel Online“, nimmt den Tod von Schauspieler John Belushi heute vor 30 Jahren zum Anlass, das Thema „Tote Stars im Hotel“ in aller unappetitlicher Tiefe auszuleuchten.
Neben einem dahin geschluderten Artikel zu Belushis Drogenlaufbahn und deren Ende („Der Tod im Hotelzimmer, sonst wahlweise rebellischer Höhepunkt eines exzessiven Lebens oder aber tragischer Schlussakkord eines einsamen Karriere-Endes“) gibt es eine 24-teilige Bildergalerie zu all den berühmten Hoteltoten: Von Janis Joplin und Jimi Hendrix über Gustaf Gründgens und Oscar Wilde bis hin zur gerade erst verstorbenen Whitney Houston (dass Stephen Gately von Boyzone nicht in einem Hotelzimmer, sondern in seinem eigenen Apartment auf Mallorca gestorben ist, soll uns an dieser Stelle nicht weiter stören – das hat es die Klickstrecken-Macher von „Eines Tages“ ja auch nicht).
Das alles ließe sich ja noch gerade eben mit dem, der Popkultur innewohnenden Hang zum Morbiden rechtfertigen. Richtig schlimm wird es erst dort, wo dieser Zynismus auf den für „Spiegel Online“ typischen Hang zum Kalauer trifft:

In der URL des Artikels taucht übrigens auch noch die Formulierung „Kalter Auszug“ auf.
[via Stefan]
Es ist Samstagvormittag, eine halbe Autostunde außerhalb Manhattans, an einem der ersten Tage, die sich mehr nach Frühling als nach Winter anfühlen. Bruce Banner stellt sein Auto etwas zu schwungvoll auf dem Parkplatz einer Shopping Mall ab. Der renommierte Nuklearphysiker fliegt morgen zu einer Konferenz nach Kapstadt und muss vorher noch ein paar Bersorgungen machen. Vor allem braucht er eine neue Smoking-Hose: Die letzte sei ihm bei einem bedauerlichen Zwischenfall gerissen, erklärt der groß gewachsene Wissenschaftler mit einem entschuldigenden Schulterzucken.
Banner betritt das Einkaufszentrum durch einen Seiteneingang. Eigentlich möge er solche Orte nicht, sagt er, während er sich ein wenig hilflos umsieht: „Zu viele Menschen, zu viel Hektik!“ In der Innenstadt sei es aber noch anstrengender, einzukaufen: „Zu viele Touristen!“
Nach einem skeptischen Blick auf einen Lageplan weiß Banner zumindest, wo er hin muss: Das Geschäft von Brooks Brothers befindet sich im ersten Stock der Mall, etwa 400 Meter nach Süden. „Das sollte zu schaffen sein“, murmelt er und zieht sein Schritttempo etwas an. Wir schaffen es etwa 30 Meter weit, dann erreichen wir die Rolltreppen. Oder genauer: Wir erreichen sie erst mal nicht. Vor uns steht ein junges Pärchen in Multifunktionsjacken, das offenkundig unentschlossen ist, ob es die Rolltreppe nehmen soll oder nicht. Die Frau sagt mit leicht patzigem Unterton, sie wolle jetzt aber „da ho-hoch“, der Mann erweckt den Eindruck, als ob er das Einkaufszentrum am Liebsten fluchtartig verlassen wolle, die möglichen Auswirkungen auf die weitere Wochenendplanung ihn aber noch davon abhalten. Sekunden verstreichen, die sich wie Stunden anfühlen, dann treten die beiden erst einmal zur Seite. Ein Rentnerehepaar drängelt sich an uns vorbei, wir besteigen nach ihnen die Rolltreppe.
„Menschen sind die einzigen Lebewesen, die sich künstliche Umgebungen geschaffen haben, in denen sie sich so unwohl fühlen können wie Tiere, die von ihren Fressfeinden in die Enge getrieben werden“, beginnt Banner zu dozieren, muss dann aber abbrechen, weil die Rentner am Ende der Rolltreppe unvermittelt stehengeblieben sind und wir auf sie auffahren wie Fertigungsgüter in einer Fabrik, deren Produktionsablauf empfindlich gestört wurde. Banner flucht leise und drängelt sich zwischen Rentnerweibchen und ‑männchen hindurch.
Die nächsten Meter legt der aus Talkshows bekannte Forscher strammen Schrittes zurück, wobei er gelegentlich stehenden oder entgegenkommenden Konsumenten ausweichen muss. Er erledigt dies mit leicht tänzelnden Bewegungen, die bei einem Mann seiner Statur ein wenig fehl am Platze wirken, aber auf eine große Erfahrung schließen lassen. Fast drohe ich, den Anschluss zu verlieren.

Wortlos erreichen wir die Brooks-Brothers-Filiale. Hier ist es bedeutend ruhiger als in den großen Wandelgängen der Mall, das Licht ist gedämpft und auch die Temperatur liegt ein paar grad unter der im Einkaufszentrum. Außer uns ist nur ein einziger weiterer Kunde da, der aber die Aufmerksamkeit beider Verkäufer (ein Gentleman mit grauen, zurück gegelten Locken und eine hübsche Frau Anfang dreißig im Kostüm) zu binden scheint: „Auf dem Weg hierhin hab ich ’nen Klassenkameraden getroffen“, berichtet der Mann, der bestimmt schon achtzig ist, im Zungenschlag des nördlichen New Jersey. „Also: ehemaligen Klassenkameraden. William Fairbanks. Draußen auf dem Parkplatz. Bestimmt vierzig Jahre nicht gesehen, aber gleich wiedererkannt.“ Beide Verkäufer nicken höflich und ich merke, wie Bruce Banner neben mir laut durchschnauft.
„Entschuldigung“, sagt er und hebt zaghaft den rechten Zeigefinger. „Ich brauche eine Smoking-Hose!“ Die Verkäuferin blickt ihn an, macht eine entschuldigende Geste gegenüber dem alten Mann und kommt zu uns herüber geschwebt. „Verzeihung“, sagt sie, wiegt ihren Kopf leicht zur Seite und blickt uns mit einem erwartungsfrohen Lächeln an. „Eine Smoking-Hose“, wiederholt Banner, eine Spur zu barsch für die hier vorherrschende Atmosphäre. Ob er wisse, aus welcher Kollektion diese seien soll, fragt ihn die junge Frau ohne ein Anzeichen von Kränkung und führt Dr. Banner mit einer fließenden Bewegung in den hinteren Bereich des Ladenlokals. Ich bleibe vorne zurück, studiere die Inneneinrichtung und lausche noch ein wenig den Ausführungen des alten Mannes.
Nach zehn Minuten kommt Banner zurück, die neue Hose bereits bezahlt und in einer papierenen Tasche verstaut. „Eine Bundgröße mehr als beim letzten Mal“, brummelt er etwas ungehalten. „Schon wieder zugenommen!“ Wir verlassen das Geschäft und sind kurz von der Atmosphäre im Inneren der Shopping Mall überwältigt: Der Strom der Menschen scheint noch dichter geworden zu sein, das Gekreische der Kinder (und vereinzelter Ehefrauen) noch eine Spur schriller. Dem frisch neu eingekleideten Wissenschaftler entfährt ein leises Schnauben. „Lassen Sie uns zusehen, dass wir hier schnell rauskommen“, raunzt er mir zu, dann läuft ein kleines Mädchen gegen sein Bein und fällt auf ihren Hintern. Sie blickt sich kurz um, dann fängt sie an zu weinen. Banner seufzt, als eine leicht hysterisch wirkende Blondine, Sorte Trailer-Park-Schönheit, auf uns zustürzt.
„Was haben Sie meiner Tochter getan“, herrscht sie Banner in einer raspelnden Tonlage an. „Nichts“, murmelt Banner und lässt die Schultern hängen. „Wenn’s nichts wäre, würde sie ja wohl kaum heulen“, argumentiert die Frau und bückt sich, um ihre Tochter auf den Arm zu nehmen. „Was hat der böse Onkel gemacht, Janatha-Fay“, fragt sie das vielleicht dreijährige Kind, in dessen Ohrläppchen ich kleine Erdbeerohrstecker entdecke.
Das Wortgefecht geht noch ein wenig weiter, wobei Dr. Banner seine zunächst etwas defensive Haltung schnell aufgibt und die Frau schließlich anschreit, sie solle sich „mit ihrem verdammten Mistblag“ gefälligst „verpissen“. Das entspannt die Situation nicht wirklich, sorgt aber dafür, dass die ohnehin schon sehr langsam laufenden Kunden um uns herum nun schlicht stehen bleiben. Wir müssen uns durch eine Traube von Menschen kämpfen, von denen einige Banner kopfschüttelnd hinterherschauen.

„Kommen Sie hier lang“, sagt Banner zu mir und öffnet eine Tür, auf der „Notausgang“ steht. „Ich muss dringend eine rauchen!“ Während drinnen eine Alarmsirene losheult, stehen wir auf einem Gittergang und sehen uns um. Der Weg führt an der Außenwand des Einkaufszentrums entlang, in 50 Metern führt eine Metalltreppe nach unten. Am Horizont zeichnet sich die Skyline Manhattans ab. Dr. Banner klopft seine Jackentaschen ab, dann entfährt ihm ein Fluch: „Scheiße! Die Kippen sind im Auto!“ Er macht Geräusche wie ein Vulkan kurz vor der Eruption, dann stapft er langsam in Richtung der Treppe.
Wir erreichen Banners Auto im Laufschritt, wobei wir auf dem Weg dorthin fast noch von einem SUV überfahren worden wären – ein Zwischenfall, den der renommierte Forscher mit Worten und Gesten kommentierte, die an dieser Stelle nicht wiedergegeben werden sollen. Der Schweiß steht uns beiden auf der Stirn, auf Banners Kopf sind aber auch die Adern deutlich hervorgetreten. Er öffnet die Beifahrertür, schleudert die Tasche mit der Smoking-Hose (250 Dollar) auf die Rückbank und holt eine Packung Zigaretten aus dem Handschuhfach. Dann schlägt er die Tür wieder zu.
Banner steckt sich eine Zigarette („Marlboro Red“) in den Mundwinkel und hält mir die offene Schachtel hin, doch ich lehne dankend ab. Er wühlt in seinen Hosentaschen und holt ein Sturmfeuerzeug hervor, das er mit einer lässigen Bewegung aufklappen lässt. Er betätigt das Reibrad mit dem rechten Daumen, aber nichts passiert. „Scheißdinger“, brüllt Banner, „immer ist der verfickte Tank leer!“ Er schleudert das Feuerzeug mit einer ausladenden Bewegung von oberhalb seines Kopfes auf den Asphalt und tritt es mit dem Fuß weg. Das Feuerzeug fliegt ein paar Meter durch die Luft und zersplittert die Scheibe eines parkenden Mercedes, dessen Alarmanlage los kreischt.
„Zahlt die Versicherung“, bellt Banner, dessen Gesichtsfarbe auf mich inzwischen einen ungesunden Eindruck macht. Womöglich ist die Forscherlegende unterzuckert. Doch bevor ich ihm anbieten kann, eine Kleinigkeit zum Mittag zu essen, hat Banner schon wieder die Beifahrertür auf- und in diesem Fall auch: aus den Angeln gerissen. Er schwingt sich auf den Beifahrersitz und fuchtelt an der Mittelkonsole herum. Vorsichtig nähere ich mich seinem Auto und beobachte, wie er den Zigarettenanzünder fast aus der Innenausstattung herausreißt. Doch sein Griff scheint nicht fest genug: Für einen Moment wirkt es, als wolle Banner mit dem Zigarettenanzünder jonglieren, dann fällt ihm das Teil mit der glühenden Spirale voran auf den Schoß. Ich höre einen lauten Schrei – und das nächste, woran ich mich erinnern kann, ist, dass ein paar Autos durch die Luft fliegen.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich „Der Lorax“ sehen wollen würde, wenn er im Juli auch in Deutschland anläuft. Ich bin (wie wohl die meisten anderen Menschen in Deutschland) ohne die Werke von Dr. Seuss aufgewachsen und habe deshalb keine Kindheitserinnerungen, die ich mit einem Besuch des Films auffrischen oder bedienen könnte. Außerdem gehen mir 3D-Filme fürchterlich auf die Ketten.
Dennoch habe ich gerade durch Zufall auf der Website der „New York Times“ eine Kritik zu „The Lorax“ gelesen – und was soll ich sagen: So stelle ich mir einen ordentlichen Verriss vor.
The movie is a noisy, useless piece of junk, reverse-engineered into something resembling popular art in accordance with the reigning imperatives of marketing and brand extension.
Warten Sie, geht erst los:
The movie’s silliness, like its preachiness, is loud and slightly hysterical, as if young viewers could be entertained only by a ceaseless barrage of sensory stimulus and pop-culture attitude, or instructed by songs that make the collected works of Up With People sound like Metallica.
Das war dann die Stelle, wo bei mir tatsächliche Kindheitserinnerungen einsetzten und ich mir bei YouTube erst mal ein paar Songs von Up With People anhören musste. Erstaunlich, was einem mit zehn, elf Jahren alles gefällt, um dann über Jahre erfolgreich verdrängt zu werden, bis so ein verdammter Nebensatz in einer Filmkritik alles wieder hervorholt. Puh!
Aber zurück zu unserem Film und A.O. Scotts Abrechnung damit. Sie nimmt den Schluss vorweg (wahrscheinlich, was weiß ich?) und kulminiert in folgendem Satz:
There is an obvious metaphor here, but the movie is blind to it, and to everything else that is interesting or true in the story it tries to tell.
Ich glaube, ich möchte „The Lorax“ auf keinen Fall sehen.
Dafür, dass ich gelegentlich als „Medienjournalist“ bezeichnet werde, konsumiere ich vergleichsweise wenig Medien: Ich habe kein Abonnement einer Tageszeitung oder Zeitschrift, ich höre täglich etwa 20 Minuten Radio am Frühstückstisch und sehe außerhalb von Fußballübertragungen und „Wer wird Millionär?“ eigentlich kaum freiwillig fern.
Jetzt aber hatte ich außerplanmäßig einen beschäftigungsfreien Abend und weil etwaige Deadlines noch viel zu weit weg waren, um mich halbfertigen Projekten zu widmen, suchte ich mir eine Stelle, an der meine Couch noch nicht komplett durchgelegen ist, und schaltete den Fernseher ein. Das dauert bei meinem Digitalreceiver etwa 20 Sekunden und erklärt vielleicht, warum ich so ungern fernsehe.
Nach einer kurzen Zapping-Eingewöhnungsphase landete ich beim MDR, einem für mich hochgradig rätselhaften Sender. Ich geriet mitten hinein in „Echt – Das Magazin zum Staunen“, wo gerade ein paar Feuerwehrleute in ein Gebäude eindrangen und sofort bewusstlos zu Boden gingen. Alles an dieser Sendung wirkte wie das, was ich von RTL 2 in Erinnerung hatte: Die nachgestellten Szenen, die dazugehörige Tonspur mit dramatischer Musik und bedeutungsschwangerem Off-Sprecher, die Interviews mit Betroffenen – sogar das Aussehen der Bauchbinden, auf denen ihr Name stand. Alles schrie „Action“, und der Kontrast zu dem biederen MDR-Logo oben rechts hätte kaum größer sein können.
Traditionell spießiges Regionalfernsehen war Gottseidank nur einen Tastendruck entfernt, beim Hessischen Rundfunk, der gerade „Die Lieblingsgerichte der Hessen“ kürte. Dabei handelt es sich um eine dieser Listen-Sendungen mit „prominenten“ Stichwortgebern, die in den dritten Programme der ARD inzwischen alle anderen Formate ersetzen. Vom „Focus“ haben die Programmmacher gelernt, dass sich alles in absurden Rankings abbilden lässt, und das wird jetzt gnadenlos durchgezogen. Allein der HR hat im vergangenen Jahr 25 dieser Sendungen ausgestrahlt, die Erstausstrahlung der „Lieblingsgerichte“ liegt immerhin schon zweieinhalb Monate zurück. Ich kam gerade rechtzeitig, um u.a. den Komiker Bodo Bach, den ARD-Börsenexperten Frank Lehmann und andere, mir nicht bekannte Hessen bei der Lobpreisung der „Grünen Soße“ zu beobachten. Mit großer Ernsthaftigkeit sprachen sie über die Varietäten der Rezeptur, konnten mir das gezeigte Essen oder generell die hessische Lebensart dabei aber auch nicht schmackhafter machen.
Auf Eins Extra erwischte ich im Anschluss die Endausläufer einer Wiederholung von „Hart aber fair“, was ich eigentlich aus Prinzip nicht gucken kann. Im speziellen Fall sprach aber gerade Prof. Hellmuth Karasek über die Gemeinsamkeiten von Robert Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ und dem Internet, nachdem kurz zuvor der mir durch zahlreiche Telefongespräche bekannte Medienanwalt Ralf Höcker erklärt hatte, wie man unliebsame Informationen über sich aus dem Internet löschen lassen kann. „Was zum Henker ist denn da das Thema“, dachte ich und war auch schon gefangen genommen von Karasek, Höcker, Thomas Gottschalk, Ross Antony und Mirjam Weichselbraun, die die Frage verhandelten, wie viel Öffentlichkeit der Mensch vertrage. Derlei Fernsehdiskussionen sind ja in der Regel so ergiebig wie Diskussionen im Internet, also: gar nicht, und das war doch mal eine schöne Erkenntnis, dass das Internet, das Fernsehen und Robert Musil so viel gemeinsam haben. Außerdem musste ich durch Zufall die einzige Talkshow des Jahres erwischt haben, in der weder Peter Hintze noch Nikolaus Blome saßen. Nicht mal Richard David Precht war anwesend, dafür machte Karasek den ahnungslosen Frank Plasberg kurz mit der Radiotheorie des Bertolt Brecht bekannt.
Zeit für den ZDF Infokanal und den Mann, auf den ich schon den ganzen Abend gewartet hatte: Adolf Hitler. Irgendein Historiker oder Medienwissenschaftler wird sicher schon herausgefunden haben, dass Hitler dank der vielen Dokumentationen auf n‑tv, N24 und eben ZDF info fast 70 Jahre nach Kriegsende pro Tag mehr Sendezeit hat als zu Lebzeiten im staatlichen Rundfunk. Im konkreten Fall saß Hitler mal wieder im Bunker. Auf einen Spoiler-Alert kann ich glaub ich verzichten, aber eine digital animierte Kamerafahrt durch den Privatraum, in dem Hitler und Eva Braun starben, hatte ich noch nicht gesehen. Die anschließende Schilderung, wie ein Zeuge den Führer aufgefunden hatte, war dann leider nicht bebildert.
Nicht mit Animationen geizte auch die anschließende Dokumentation über den Vesuv und die Gefahr, die von ihm ausging. Als hätte Roland Emmerich Plinius den Jüngeren verfilmt, konnten die Zuschauer den kommenden Untergang Neapels beobachten, anmoderiert von drei armen Wissenschaftlern, die in einer Lagerhalle Spielszenenartig die Rahmenhandlung geben mussten. Zusammenfassend lässt sich wohl sagen, dass man so einem Vulkanausbruch besser aus dem Weg gehen sollte, wenn er sich denn so ereignen sollte, wie er „zumindest nicht unwahrscheinlich“ skizziert, ach was: in Öl gemalt wurde.
Da auch Umschalten bei meinem Receiver unanständig viel Zeit in Anspruch nimmt, blieb ich weiter beim ZDF Infokanal, wo sie im Anschluss einen PKW fernsteuerten. Na gut, dann vielleicht doch noch mal von vorne durchzappen. Im Ersten trafen sich inzwischen „Menschen bei Maischberger“ und nach dem irritierenden „Hart aber Fair“-Erlebnis war hier wieder alles wie erwartet: Da saßen fünf, sechs Leute in einer Sofalandschaft und schrieen sich an. Puh, schnell weiter. Im ZDF erklärte Harald Lesch, wir Menschen, „Sie, ich, wir alle“, würden zu 92 Prozent aus Sternenstaub bestehen. Das habe auch Novalis schon geschrieben, nur anders gemeint.
Das reichte. Ich konnte nicht mehr.
Musik!
WunderInnen gibt es immer wieder
Promoter wäre auch kein Job für mich: Die meiste Zeit muss man versuchen, Bands, die niemand hören will, oder Produkte, die niemand braucht, in der Presse zu platzieren – also: Leute nerven. Hat man durch einen glücklichen Zufall etwas im Portfolio, um das sich die Journalisten prügeln würden (den angesagten Popstar, das neueste Smartphone, den Debütroman der Tochter eines berühmten Theatermannes), ist man zur Selektion gezwungen – und wieder hassen einen die Leute.
Im Wust der vielen Newsletter, die mich heute erreichten, war allerdings einer, der mich aufhorchen ließ:
Guten Tag,
Zum ersten Mal findet in Deutschland ein Festival statt, dessen Programm ausschließlich MusikerInnen präsentiert!
Von den „Women Of The World“-Konzerten, die im Umfeld der Frankfurter Musikmesse über die Bühne gehen, wollen wir zwei herausgreifen: Gabby Young & Frida Gold am 18. März sowie Jennifer Rostock & Guano Apes am 21.März.
Nun kann man sicher darüber streiten, ob ausgerechnet Jennifer Rostock, die Guano Apes und Frida Gold 1 dazu geeignet sind, das Ansehen von Musikerinnen (oder auch nur von Musik) zu steigern.
Aber das Problem steckt ganz woanders: „ein Festival, dessen Programm ausschließlich MusikerInnen präsentiert“?
Das Binnenmajuskel in „MusikerInnen“ steht eigentlich für „Musikerinnen und Musiker“ – und das ist, egal wie man es liest, Quatsch:
- Wer, außer Musikerinnen und Musikern, sollte bei so einem Festival schon auftreten? Okay: Intersexuelle und Roboter vielleicht. Aber sonst?
- „Ausschließlich Musikerinnen“ treten da auch nicht auf: Frida Gold, Jennifer Rostock und die Guano Apes haben jeweils ein weibliches Bandmitglied (die Sängerin), denen insgesamt zehn männliche gegenüberstehen.
- Selbst wenn ausschließlich Musikerinnen auf der Bühne stünden, wäre das auch nicht „zum ersten Mal in Deutschland“ der Fall: Es gab und gibt jede Menge „Ladyfeste“, bei denen teilweise nur Frauen oder wenigstens überwiegend Frauen auf der Bühne standen.
Aber folgen Sie mir doch gerade noch kurz in die Abgründe der PR:
Diese drei Beispiele aus der aktuellen deutschen Musikszene repräsentieren bei insgesamt 15 (primär international besetzten!) Konzerten stellvertretend eine ebenso nahe liegende wie innovative Idee: ausschließlich Frauenpower eine Bühne zu bieten! Die Veranstalter hoffen, dass die Premiere der Startschuss ist, um „Mainhattan“ mittelfristig als optimale Plattform für Shows von MusikerInnen der unterschiedlichsten Genres auf einem Festival zu etablieren.
Aber gut: Das „Women of the World“-Festival sei hiermit angekündigt.
Ich muss weiter: Hier ist grad der (tatsächlich) erste Newsletter der Menschheitsgeschichte angekommen, in dem zwar der Name „Dieter Gorny“ steht, das Wort „Kreativwirtschaft“ aber fehlt. Und das kann ja nun wirklich nicht sein!
- Die Band mit der schrecklichen Jury-Frau aus „Unser Star für Baku“.[↩]
Ich brauche irgendein Browser-Plugin, das verhindert, dass ich weiterhin Meldungen aus dem „Panorama“-Ressort von „Spiegel Online“ lese. Mit Selbstbeherrschung ist es da leider nicht getan: Erst klicke ich doch wieder auf die Links mit den schwachsinnigen Überschriften und dann kriege ich wieder einen Wutanfall über den Mist, den die Seite da produziert.
Es ist ja noch nicht mal so, dass ich Boulevardjournalismus ganz grundsätzlich verdammen würde. Das „Bild“-Porträt über den Fahrer, in dessen Taxi Joachim Gauck zum Bundespräsidenten-Kandidaten wurde, ist etwa ein gutes Beispiel für gelungenen Boulevard: Ein eigentlich unspektakulärer Nebenschauplatz wird mit den Mitteln des großen Geschichtenerzählens ins Licht der Öffentlichkeit gerückt, eine Fußnote so weit aufgeblasen, dass es gerade noch nicht übertrieben wirkt, und „Bild“ hat dabei – soweit ersichtlich – keine Persönlichkeitsrechte verletzt. Das macht Freude und tut niemandem weh, das können sie bei „Bild“ also auch, wenn sie nur wollen.
Bei „Spiegel Online“ wollen sie auch ganz dringend Boulevard machen, aber sie können es nicht: Egal, ob die Leute dort nun über Prominente schreiben, die sie der eigenen Zielgruppe erst noch vorstellen müssen; ob sie Quatsch-Überschriften verwenden oder eine Mischung aus allem produzieren – die Artikel sind derart lieb‑, sinn- und pointenlos zusammengestoppelt, dass ein einzelner Affe mit Google Translate eine lesenswertere Meldung vollbringen würde.
Vorgestern erwischte es Russell Brand, der der Zielgruppe in Dachzeile und Vorspann auch erst mal vorgestellt werden musst:

„Verworrenes Gedankenspiel“ klingt nach Irgendwas mit Hitler, war es dann aber doch nicht:
„Gut, dass es Redefreiheit gibt. Das bedeutet, ich kann sagen, dass ich Prinz Charles sexuell attraktiv finde“, sagte Brand, wie die Zeitungen „Daily Mirror“ und „Sun“ übereinstimmend berichten. Zudem könne er dank der Redefreiheit sagen, die US-Präsidentschaftswahlen seien ein bedeutungsloses Spektakel, das von den Machenschaften derjenigen ablenken solle, die den Planeten kontrollieren. „Niemand kann etwas dagegen tun. Danke, Amnesty.“
Wenn „Daily Mirror“ und „Sun“ etwas übereinstimmend berichten, muss es natürlich auch auf „Spiegel Online“ stehen. Aber gut: Da hatte Russell Brand also das gemacht, was deutsche Comedians eher selten machen – einen Witz. Witze nachzuerzählen ist schon knifflig genug, Witze zu erklären hingegen sollte sich eigentlich von selbst verbieten.
Aber wir haben ja Rede- und Pressefreiheit, also erklärte „Spiegel Online“:
Es wäre nun sicherlich falsch, Brand echte Gelüste nach dem Prinzen zu unterstellen. Schließlich wird dem 36-Jährigen nach seiner Trennung von Katy Perry eine Liaison mit der mexikanischen Malerin Oriela Medellin Amieiro nachgesagt.
Traurig, ginge aber mit viel gutem Willen noch als Schlusspointe durch. Aber leider stand ja bei „Daily Mail“ und „Sun“ noch mehr im Artikel. Und das musste auch noch mit, zur Not eben als letzter Absatz:
Hintergrund von Brands Aussage: Er wird beim The Secret Policeman’s Ball am 4. März in New York auftreten, einer traditionsreichen Benefiz-Gala zugunsten von Amnesty International. Laut „Sun“ wird die Veranstaltung zu ihrem 50-jährigen Bestehen erstmals außerhalb Großbritanniens stattfinden.
Die gute Nachricht: Den vierten Absatz erreichen die wenigsten Leser wach oder lebendig.
Heute nun liefert der selbe Autor diese Sensationsmeldung ab:

Um die … äh: Pointe gleich vorwegzunehmen: Bei dem pinkfarbenen Handy handelte es sich „offenbar“ nicht um das von Frau Bonham Carter.
Nach der Verleihung posierte die Schauspielerin der Zeitung zufolge für Fotografen. Die entdeckten in Bonham Carters Hand ein pinkfarbenes Mobiltelefon mit Hasenohren, das offenbar eher Nell als Bonham Carter selbst gehörte. Ob das Handy während der Zeremonie losgegangen sei, wollten die Fotografen wissen. „Nein“, witzelte die Schauspielerin, „aber die Vierjährige.“
Das Telefon war zwar selbst der „Daily Mail“ nur eine Erwähnung am Rande wert gewesen, aber für „Spiegel Online“ kann man natürlich schon mal den Aufhänger des Artikels daraus machen – gerade, wenn man eine achtteilige Bildergalerie dazu packen kann.
Nur ein Foto von dem verdammten pinken Handy, das gibt es natürlich nicht.
Die ausgeklügelte deutsche Bürokratie ist sicher nur erfunden worden, damit Kolumnisten und Kabarettisten sich darüber aufregen und Lehrer mit Adolf-Sauerland-Bärten und Lederwesten „ja, genau“ rufen können.
Anders gesagt: Ich brauchte einen neuen Reisepass. Im Mai geht’s nach Aserbaidschan und der alte Pass ist im vergangenen Juli abgelaufen. Außerdem brauche ich einen Ort, wo ich meine weitgehend ungenutzte „Miles & More“-Karte der Lufthansa deponieren kann, und da hat sich der Reisepass in der Vergangenheit als guter Platz erwiesen. Braucht man ja dann eh beides zusammen.
Über Wochen habe ich mich aus zwei Gründen um dieses Vorhaben gedrückt: Erstens meine Abneigung gegenüber Warteräumen aller Art, zweitens das Passfoto. „Vielleicht doch erst zum Friseur“, habe ich gedacht, aber da hätte ich unter Umständen wieder warten müssen, also hab ich es gar nicht erst versucht und einfach auf einen Good Hair Day gewartet. Die Sonne schien, das Radio hatte mich am Morgen mal nicht mit Nickelback begrüßt, die Haare taten nach dem Duschen ungefähr das, was ich von ihnen erwartet hätte, kurzum: Es war die Gelegenheit, die verdammten Fotos machen zu lassen und den Reisepass in Angriff zu nehmen.
Tatsächlich gelang es den Mitarbeitern im örtlichen Fotografiefachgeschäft, ein biometrisches Bild von mir anzufertigen, auf dem ich ausnahmsweise nicht wie ein soeben festgenommener Serienkiller oder Journalist aussehe. Im Zweifelsfall könnte ich die überzähligen Passbilder sogar meinen Großeltern zu Weihnachten schenken, wenn mir mal wieder nichts einfällt. Im Prinzip ist das aber eh egal, denn das schlimmste Foto, das jemals von mir angefertigt wurde, ziert eh meinen Führerschein, der nie erneuert werden muss.
Dann ging ich ins Rathaus zum Bürgerbüro, zog eine Nummer und längst verdrängte Erinnerungen stiegen in mir wieder auf. Daran, wie ich vor acht Jahren bei meinem Umzug nach Bochum gefühlte vier Stunden hatte warten müssen. Oder daran, wie ich bei der Beantragung eines neuen Personalausweises nach einstündiger Wartezeit darüber informiert wurde, dass mein Passfoto nicht den Anforderungen entsprechen würde. 1 Doch diesmal war ich vorbereitet: Ich hatte Buch und Kopfhörer dabei und mich vorher informiert, wo ich mich fußläufig mit Lebensmitteln, Getränken und Bettdecken versorgen könnte.

Ich hasse, wie gesagt, Warteräume aller Art. Dabei ist es weitgehend egal, ob am Ende der Wartezeit eine zahnärztliche Behandlung, ein Langstreckenflug oder der Versuch ansteht, einen Reisepass zu beantragen. Beim Warten denke ich die ganze Zeit daran, wie schön ich zur gleichen Zeit zuhause vor meinem Computer oder Fernseher (oder beidem) hocken und meine Zeit nach eigenem Ermessen verschwenden könnte. Außerdem habe ich tief in mir eine latente Angst vor dem deutschen Bürokratieapparat. Ich male mir immer aus, dass ich beim letzten Umzug irgendein Formular falsch ausgefüllt haben könnte und jetzt offiziell als tot gelte, wobei auch noch eine mir unbekannte Person Witwenrente bezieht, weil die ihr Formular ebenfalls nicht korrekt ausgefüllt hatte und die Dame vom Amt dann noch irgendwas durcheinandergebracht hat.
„Es warten 15 Personen vor Ihnen“, hatte mich der Zettel mit meiner Nummer drauf („Auf keinen Fall verlieren!“) informiert. Nach zwanzig Minuten waren davon fünf aufgerufen worden und ich suchte schon mal unauffällig nach dem geeignetsten Schlafplatz in diesem Warteraum, der den Charme eines unterirdischen Eiscafés versprühte, dessen Einrichter als einzige Anweisung erhalten hatten, dass die Möbel auch bei einem eventuellen Einsatz als Schlagwaffe nicht kaputtgehen und darüber hinaus leicht abzukärchern sein sollten. Auf einem Flachbildschirm wurden die Nummern angezeigt und die Tische, an die man sich zu begeben hatte, auf einem Flachbildschirm daneben liefen Bilder vom schönsten Ort Bochums, dem Westpark. Damit der Drang, sofort rauszurennen, nicht zu groß wurde, hatte man die Aufnahmen aber sicherheitshalber im Winter angefertigt, als die Bäume noch kahl waren. Gerade als die Zufallswiedergabe meines Handys „Fickt das System“ von Die Sterne spielte, leuchtete meine Nummer auf und ich machte mich unter Zuhilfenahme all meiner Jacques-Tati-Imitationskünste auf die Suche nach Tisch 6.
Ich trug der Sachbearbeiterin mein Anliegen vor und während sie die nötigen Unterlagen ausdruckte, stellte ich wieder mal fest, was für ein zynisches, menschenverachtendes Konzept diesen Bürgerbüros, die Ende der 1990er Jahre überall aus dem Boden gestampft wurden, doch zugrunde liegt: Während ich in der Apotheke mit Markierungen auf dem Boden aufgefordert werde, Diskretion zu wahren, sitzt hier in diesem völlig offenen Bürgerbüro zwei Meter neben mir ein Mann, der sich in einer von Franz Kafka höchselbst ersonnenen Logikschleife befindet, und alle Umsitzenden kriegen jedes Wort mit. Dass er seinen beantragten Personalausweis nicht bezahlen kann, weil er kein Konto hat, aber kein Konto eröffnen kann, weil er keinen gültigen Personalausweis besitzt. Der dicke Sachbearbeiter sagte, er könne da auch nichts machen, der Mann wurde lauter und verließ irgendwann unter mittellautem Fluchen das Bürgerbüro. Meine Sachbearbeiterin warf mir einen vielsagenden Blick zu und ich schickte spontan ein Stoßgebet zum Lieben Gott, dass ich bitte niemals eine Arbeitsagentur von innen sehen möge.
Dann musste ich Formulare ausfüllen, wofür es unter anderem notwendig war, dass ich mich erinnerte, ob ich den Streitkräften eines anderen Landes gedient hatte. Da ich mir sicher war, den Dschungel-Einsatz mit der Fremdenlegion nur geträumt zu haben, kreuzte ich „Nein“ an. Dann musste ich auf einem Ausdruck unterschreiben: „Sie können das ganze Feld nutzen, aber nicht in den schwarzen Bereich reinschreiben!“ Zum Glück kann man das Formular offenbar mehrfach ausdrucken.
An einer Stelle musste ich kurz auf meinem Handy nachsehen, ob wir tatsächlich das Jahr 2012 hatten, denn ich wurde Zeuge eines beeindruckenden Beispiels für die sogenannte Medienkonvergenz: Die Sachbearbeiterin nahm das Foto, das der Mann vom Fotoladen (nennen wir ihn Herrn Ärmel) zuvor mit einer Digitalkamera von mir gemacht und auf Fotopapier ausgedruckt hatte, klebte es auf das Blatt Papier, auf dem ich gerade unterschrieben hatte, und legte dieses Blatt auf einen Scanner. Nach einer halben Minute war mein Foto im System, die Frau knibbelte es wieder von dem Papier ab und gab es mir zurück. Ich hatte 13 Euro für vier Fotos bezahlt, von denen ich nur eines brauchte, und das auch nur für eine halbe Minute.
Erstaunlicherweise holte sie dann aber kein Stempelkissen hervor, um die Abdrücke meiner Zeigefinger erst auf einem Blatt Papier zu nehmen und dann einzuscannen – Nein! – zu ihrem Arbeitsplatz gehört (wie zu mutmaßlich allen anderen Arbeitsplätzen in diesem riesigen Raum) ein Fingerabdruckscanner, mit dem sie die Linien auf meinen Fingerkuppen direkt in ihr System übertragen konnte. Die Abdrücke würden weder bei ihr noch in der Bundesdruckerei dauerhaft gespeichert, spulte sie die Datenschutzerklärung ab, sie würden lediglich auf einem Chip im Pass gespeichert. Ich nickte und verzichtete auf den Scherz, dass ich meinen Pass als erstes in die Mikrowelle legen würde.
Es ging ans Zahlen und ich war froh, mir vorab auf der Internetseite der Stadt Bochum die Preisliste angeschaut zu haben. 2 59 Euro kostet so ein Reisepass für zehn Jahre, dafür bekommt man in Oslo zum Beispiel ein Eis. In etwa drei Wochen muss ich wieder hin und meinen Pass abholen. Dafür muss ich dann „eine Siebenhunderter-Nummer“ ziehen, mit denen man direkt zur Abholstelle vor darf.
Liebe ist …
… über die eigene Frau zu sagen, man habe sie „als eine überzeugende Repräsentantin eines menschlichen und eines modernen Deutschlands wahrgenommen“.
Up and coming
Dinge, die ich normalerweise auf Pressekonferenzen mache: Kästchen auf meinen Notizblock malen; mich über die Fragen der anwesenden Journalisten aufregen; in den ausgeteilten Pressemitteilungen lesen, was die Leute gleich noch sagen werden; Themenbereiche ansprechen, die noch nicht angesprochen wurden (selten).
Dinge, die ich auf Pressekonferenzen eher selten mache: Große Augen kriegen; nach jemand Vertrautem Ausschau halten, dem ich freudestrahlend zulächeln kann; am Liebsten „Yeah!“ brüllen wollen.
Letzte Woche war einer dieser seltener Fälle. Nachdem für das diesjährige Zeltfestival Ruhr mit Acts wie Status Quo, Sunrise Avenue, Tim Bendzko und Silly schon andere Zielgruppen versorgt waren, fiel auf der Pressekonferenz der Name Ed Sheeran und ich hätte am Liebsten „Yeah!“ gebrüllt.
Ed Sheeran hatte ich bei meinen Songs und Alben des letzten Jahres sehr weit oben auf der Liste. Vergangene Woche ist sein phantastisches Debüt „+“ auch in Deutschland erschienen, nachdem Katja Petri schon ein paar Wochen zuvor seinen Song „Lego House“ bei „Unser Star für Baku“ gesungen hatte.
Am 28. August wird Ed Sheeran also beim Zeltfestival Ruhr auftreten und ich werde da sein. Der Vorverkauf hat heute begonnen.
