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Putting Dinslaken on the map (once more)

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 15. Mai 2010 20:17

Stop the press!

Obwohl das Thema „Wetter“ im Moment nicht gerade zu den erfreulichsten zählt, gibt es sensationelle Nachrichten von der Waterkant Wetterkarte:

Niemandsland verschwunden

Dinslaken. Viele größere Städte, schimpften Bürger in Zuschriften an die Stadt, seien auf der Wetterkarte des WDR in der „Lokalzeit Duisburg“ abgebildet, nur Dinslaken nicht. Ein kritischer Bewohner erklärte, ein Kontakt in dieser Sache mit dem WDR sei erfolglos geblieben. Das ließ die städtische Pressestelle nicht ruhen. Eine Mail und ein Telefongespräch, vielleicht auch die kollegialen Kontakte zu Studioleiter Klaus Beck, führten zum Ziel. Auf der regionalen Wetterkarte des Lokalzeit ist Dinslaken jetzt gut leserlich vertreten.

Soweit die Pressestelle der Stadt.

Wetterkarte der Lokalzeit "Duisburg"

Die Pressestelle des Westdeutschen Rundfunks wollte dieses Großereignis indes nicht mit einer eigenen Verlautbarung würdigen.

You say party! We say Dinslaken!

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 20. März 2009 12:41

Downtown Dinslaken

Während Dinslakens größter Sohn gerade auf Sylt weilt, um sich dort zu vermählen (alles unter Vorbehalt, es stand in „Bild“), wurden die Kilians – wie ich erst jetzt feststellte – schon vor mehr als einem Jahr wieder aus dem Wikipedia-Artikel zur Stadt entfernt.

Es wird ihnen egal sein, denn in zwei Wochen werden die Kilians das (mutmaßlich) größte Konzert spielen, das die Stadt ohne Dinge mit dem Etikett „Das muss man unbedingt gesehen haben“ je erlebt hat.

Oder wie es der GHvC-Newsletter noch eine Spur kryptischer ausdrückt:

Am 03.04. spielen die Kilians (das ist klingonisch für: „die coolen Typen, die in der Schule rauchen und sich dabei über Cunt, äh Kant unterhalten!“) umsonst und draußen auf dem Red Bull Bus!

Man kann nur auf Regen hoffen, denn sonst könnte das ein Ereignis von
epochaler Größe werden für eine Kultur und Ästhetik liebende Stadt wie
Dinslaken:

19:30 Uhr Dinslaken, Hans-Böckler-Platz! Und danach gehen wir alle zusammen in die KuKa zur Aftershow, wo uns das Kilians DJ Team zeigt, dass ihm auch die Plattenteller nicht fremd sind.

Am gleichen Tag erscheint die Single „Said & Done“. Zufälle gibts, Wahnsinn…

Wer immer schon mal nach Dinslaken wollte, dazu aber bisher (berechtigterweise) keinen Grund hatte, sollte die Gelegenheit nutzen. Eine Coffee-And-TV-Delegation wird ebenfalls vor Ort sein und Bericht erstatten.

Die Dichterschlacht von Dinslaken

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 2. März 2008 12:32

Weil’s in den Kommentaren ja doch wieder untergehen könnte:

Am morgigen Montag, 3. März findet im Bistro „Mittelpunkt“ in der Stadthalle der Dinslakener Poetry Slam statt.

Alles Wissenswerte dazu findet man unter slam-dinslaken.de.vu, darunter auch die Regeln, von denen mir folgende besonders gut gefällt:

Mobiltelefone müssen während der Veranstaltung lautlos bzw. ausgeschaltet werden. Beim Klingeln während einer Lesung muss der Besitzer des Handys ein Lied aus der „Mundorgel“ vor gesamtem Publikum vortragen.

Ich selbst bin am Montag leider nicht in der Stadt, werde mir das Spektakel aber bestimmt bei einem der nächsten Termine (7. April, 5. Mai) mal ansehen.

Coffee And TV empfiehlt: School’s Out in Dinslaken

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 30. Mai 2007 13:58

School’s Out 2007 (Plakat)Schon mehrfach waren sie Thema bei uns, jetzt spielen sie endlich mal wieder ein Konzert in ihrer Heimatstadt: Die Kilians sind Headliner des School’s Out, das am 20. Juni 2007 (das ist – Wer hätte es gedacht? – der letzte Schultag) im Burgtheater in Dinslaken stattfindet.

Mit dabei sind rearview, Massendefekt und eine noch zu ermittelnde lokale Nachwuchsband.

Um 17:00 Uhr geht’s los, der Eintritt kostet faire 5 Euro.

… oder auch nicht, denn der Veranstalter des Fantastival hat uns 3×2 Jackpot: 5×2 Gästelistenplätze zur Verfügung gestellt, die Ihr bei einem kleinen Gewinnspiel gewinnen könnt konntet.

Das Gewinnspiel ist leider vorbei, die Gewinner werden in Kürze benachrichtigt.

Dinslaken, Rock City: Kukalaka

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 24. Mai 2007 18:44

Nachdem die VISIONS in ihrer Juni-Ausgabe (S. 28) Dinslaken als „tiefste Provinz“ verunglimpft hat (na ja, machen wir uns nichts vor: natürlich ist Dinslaken tiefste Provinz – aber das führt eben dazu, dass man Bands gründet und gute Musik macht), ist es mal wieder an der Zeit, das Bild geradezurücken:

Dinslaken, Rock City
Heute mit: Kukalaka

Kukalaka

Wer ist das?
Vier junge Männer Anfang Zwanzig, die (mit kleinen Änderungen) seit sechs Jahren gemeinsam musizieren. Der Bandname dürfte zumindest treuen Star-Trek-Fans bekannt vorkommen.

Was machen die?
Britpop jeglicher Ausprägung. Also das Beatgedengel der Sechziger, das Rockbrett der Siebziger, den spaßigen Punksong, die Oasis’sche Hymne und die ein oder andere Anleihe an den Manchester-Rave. Das alles recht virtuos gespielt und mit unwiderstehlichen Chorgesängen versehen.

Die klingen ja wie …
Blur, Supergrass, Ash, XTC, Stone Roses, The Charlatans, Kaiser Chiefs, Teenage Fanclub, Suede, …

Warum die?
Weil Kukalaka eine musikalische Vielfalt an den Tag legen, wie man sie bei den wenigsten Nachwuchsbands findet. Ihre Songs sind voller Querverweise auf 50 Jahre Popmusik, trotzdem bleibt ein eigener Stil erkennbar. Der Drang zum perfekten Popsong bringt Kukalaka das ein oder andere Mal („Tance“, „Come On Sun“) in dessen Nähe- außerdem kenne ich nicht viele deutsche Sänger, die so ein schönes British English hinkriegen wie Lars Gerland. Die Band passt eigentlich gar nicht richtig in eine von Indie- und Punkrock geprägte Kleinstadt, denn ihr Sound ist (im besten Sinne) „studentisch“. Dazu passt, dass die meisten Bandmitglieder auch gar nicht mehr in Dinslaken wohnen.

Erfolgspotential
Auch die Zielgruppe dürfte eher im Studentenmilieu zu finden sein – wobei auch die Heimspiele dieser sehr guten Liveband immer ein großes Fest für alle Konzertbesucher sind. Der gegenwärtige Trend zum hingerotzten Jungalkoholikerrock kommt der Band – auch wenn sie ordentlich rocken kann – nicht unbedingt entgegen, andererseits findet zeitlose Popmusik immer ihr Publikum.

Jetzt will ich mir aber selbst ein Bild machen!
Here you go: bei MySpace kann man – wie es sich gehört – reinhören, auf der Website der Band kann man auch ihre aktuelle CD „Arcade Mode“ bestellen.

[Mehr von Dinslaken, Rock City.]

Dinslaken, Rock City: The Rumours

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 15. Mai 2007 15:17

Ich hatte vor ein paar Wochen angedroht, die umfangreiche Musikszene meiner „Heimatstadt“ Dinslaken vorstellen zu wollen. Inzwischen weiß wohl die halbe Welt, dass die neuen Indielieblinge Kilians von dort wegkommen, und nachdem der ebenfalls ortsansässige König des Popschlagers Michael Wendler auf Platz 27 der deutschen Singlecharts eingestiegen ist, ist es an der Zeit, die nächste Angriffswelle zu sichten.

Deswegen jetzt und hier herzlich Willkommen zu

Dinslaken, Rock City
Heute mit: The Rumours

The Rumours

Wer ist das?
Vier junge Männer zwischen 19 und 21 Jahren, die das machen, was junge Männer in dem Alter so machen: noch zur Schule gehen, Zivildienst leisten, studieren und in ihrer Freizeit rocken, rocken, rocken.

Was machen die?
Was Bands in dem Alter halt so machen: Indierock britischer Bauart mit Einflüssen aus den letzten dreißig Jahren Musikgeschichte. Wobei die Band Wert darauf legt, dass auch The Doors und die Beatles zu ihren Vorbildern zählen.

Die klingen ja wie …
The Libertines, Arctic Monkeys, Dirty Pretty Things, Babyshambles, Kilians, Madrugada, The Vines, …

Warum die?
Weil The Rumours – ganz ähnlich wie die Kilians – den Rock’n’Roll nicht nur spielen, sondern auch leben. Also eben nicht vier Lehrerkinder, die sich erst mal für teures Geld Equipment zusammenkaufen und dann unbewegt ihre Durchschnittrocknummern runterleiern, sondern eine Band, die mit Blut, Schweiß und Tränen bei der Sache ist.
Bei einem ihrer letzten Auftritte coverten sie „What Katie Did“ und ich konnte meiner Begleitung hernach nur noch ein überdrehtes „Who needs Peter fucking Doherty?“ ins Ohr krächzen.

Erfolgspotential
Falls mal wieder ein Labelchef darüber stolpert: hoch.
Die Kids werden es lieben, schon wieder eine Dinslakener Band zu sehen, die sich einbildet in Camden zu wohnen. Die engstirnigeren Vertreter des Indietums werden natürlich wieder jammern, dass das ja alles klinge wie irgendeine andere Band (die ihrerseits natürlich Rad, Rock’n’Roll und Rhabarberkuchen erfunden hat) und überhaupt so gar nicht deutsch sei.

Jetzt will ich mir aber selbst ein Bild machen!
Bitteschön: Wie heute allgemein üblich geht das sehr schön bei MySpace, wobei die dort abhörbaren Songs schon etwas älter sind. Die neuen sind noch besser, im Moment aber nur live zu erleben (Livetermine gibt’s da aber auch). Und für den Fall, dass der Webmaster in die Puschen kommt, gäbe es unter therumours.de dann auch eine eigene Website.

Zwischen Indie, R’n’B und Pop-Schlager: Dinslaken, Rock City

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 30. April 2007 15:32

Dinslaken hat rund 72.000 Einwohner, von denen schätzungsweise knapp die Hälfte Musik machen. Ich hatte mich hier bereits mehrfach und überschwänglich zu den Kilians geäußert und drohe hier schon mal für die Zukunft eine lose Serie an, in der ich sämtliche lokalen Bands, denen ich Potential unterstelle, vorstellen werde.

Zuvor erfordert es aber die Ausgewogenheit, noch auf ein paar andere … äh: Acts einzugehen, die ebenfalls aus der Stadt kommen, in der ich die weitesten Teile meiner Kindheit und Jugend verbrachte:

Urbanize
Deutschsprachiges R’n’B-Projekt, dessen eine Hälfte für mehrere Jahre in meiner Jahrgangsstufe war. Schon damals hat er im elterlichen Keller eigene Tracks zusammengebaut und hat dafür von seinen punksozialisierten Mitschülern (also uns) Hohn und Spott geerntet. Als er an der RTL-2-Castingshow „Teenstar“ (die so sehr in Vergessenheit geraten ist, dass es noch nicht mal einen Wikipedia-Eintrag zu ihr gibt) teilnahm, war er für 15 Sekunden der Star auf dem Schulhof – dann schaffte er es nicht in die nächste Runde. Aber weder solche Rückschläge, noch die Bosheiten seiner Kritiker konnten ihn aufhalten. Mit der Ausdauer, mit der er über viele Jahre hinweg seinen Träumen nicht nur nachhing, sondern auch aktiv an ihnen arbeitete, erkämpfte er sich den Respekt der früheren Spötter.
Mitte April erschien „Warten auf dich“ von Urbanize, eine … nun ja: zeitgemäße, eingedeutschte Bearbeitung von „Right Here Waiting“ von Richard Marx. Wer Oli P.s Version von „Flugzeuge im Bauch“ gut fand, und auf hochgepitchte Stimmen nicht mit körperlicher Abneigung reagiert, wird auch hieran Gefallen finden – und dass das nicht eben wenige sind, zeigt ein Blick auf die aktuellen deutschen Singlecharts:

Urbanize in den deutschen Singlecharts
(Screenshot: mtv.de)

Michael Wendler
Seit vielen Jahren hängen einmal jährlich Plakate in Dinslaken, die verkünden, dass Wendler komme. Weil auch meine Begeisterung für Pop- und Massenkultur Grenzen und blinde Flecken kennt, interessierte mich weder, wer „Wendler“ war, noch was er wo tue. Aus den Lokalzeitungen erfuhr ich später, dass es sich um den „König des Pop-Schlagers“ handele und dieser bei seinen Konzert erst die Stadthalle in Duisburg-Walsum und dann die Arena Oberhausen mit begeisterten Faninnen füllte.
Seit letzter Woche hängt im Dinslakener Bahnhof ein Plakat, das die Veröffentlichung von Wendlers Single „Sie liebt den DJ“ bei SonyBMG ankündigt (mit Urbanize und Kilians kommen wir somit auf drei deutschlandweite Single-VÖs Dinslakener Künstler innerhalb von zehn Tagen – dodge this, Omaha, Nebraska!).
Meine journalistische Gründlichkeit erfordert es jetzt von mir, dass ich auch in diesen Song mal reinhöre. Geht ja alles ganz einfach mit iTunes. Aaaalso, hier und jetzt das 30-Sekunde-Live-Hörerlebnis in einem Nicht-Live-Medium: öh, ja – „Pop-Schlager“ trifft es wohl ganz gut. Ich persönlich griffe für meine Partybeschallung zu The Smiths, bei denen der DJ nicht geliebt, sondern gehängt wird, aber die Zeiten, in denen ich kategorisch ein Verbot von allem forderte, was mir nicht gefiel, sind (wie allgemein üblich) mit dem Ende meiner Pubertät vergangen, so dass ich heute in aller Gelassenheit sagen kann: „Bitte, wem’s gefällt und wem es beim Erwerb guter Laune auf Großveranstaltungen hilft, der soll bitte auch solche Musik mit der gleichen Hingabe hören, wie ich gerade Get Cape. Wear Cape. Fly. Aber bitte in einer Lautstärke, die keine Nachbarschaftsprozesse vor tatsächlichen und TV-Gerichten nach sich zieht!“

Und nachdem wir Dinslaken – vermutlich zur großen Überraschung seiner Einwohner – derart als Kulturstadt gefeiert haben, müssen wir nur noch rauskriegen, welche genaue Bedeutung eigentlich das Prominentenrennen auf der dortigen Trabrennbahn für die ZDF-Sendung „Nase vorn“ hatte …

Liebling, ich bin gegen Deutschland

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 23. Juni 2018 11:55

Es ist inzwischen ein paar Jahre her, dass die Münsteraner Band muff potter. einen Song veröffentlichte, in dem sie – vorsichtig ausgedrückt – Kritik übte an einem merkwürdigen neuen deutschen Nationalstolz:

Neue Stimmen und neue Lieder
verkünden: Wir sind wieder wer!
Und wer sind eigentlich wir?
Und ich frag mich: Was zum Teufel wollt eigentlich Ihr?

Der Song heißt „Punkt 9“,1 klingt „als ob Refused ABBA covern“2 und das bemerkenswerteste daran ist: er erschien schon im Herbst 2005, also fast ein Jahr, bevor „die Welt zu Gast bei Freunden“ war und sich Deutschland im „Sommermärchen“ „schwarz-rot-geil“3 fand.

Deutsche Flagge

Ich erinnere mich noch gut, wie ich am Mittag des 9. Juni 2006 mit der Bahn von Bochum nach Dinslaken fuhr und in Duisburg an einer Häuserfront vorbeikam, die voller deutscher Flaggen hing, und dachte: „Holla! Goebbels wäre stolz!“4 Rund fünf Stunden später saß ich bei Schulfreunden im elterlichen Wohnzimmer, Philipp Lahm schoss das 1:0 gegen Costa Rica und für vier Wochen war ich bereit, dem Narrativ eines neuen, „positiven“ oder „unverkrampften“ Patriotismus zu glauben.

muff potter. bezogen sich damals aber nicht (nur) auf Fußballfans, sondern z.B. auf die Medienkampagne „Du bist Deutschland“, an die sich heute außer ein paar Agenturnasen vermutlich niemand mehr erinnert und die eine „Initialzündung einer Bewegung für mehr Zuversicht und Eigeninitiative in Deutschland“ sein sollte — also ein Remix von Roman Herzogs „Ruck“-Rede vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund der Agenda 2010.

Den Startpunkt für diese „neue deutsche Zeitrechnung“ verorteten Sänger/Gitarrist Nagel und Schlagzeuger Brami in ihrem Text „Neunzehnvierundfünzig in Bern“ und tatsächlich war „Das Wunder von Bern“ 2003 in einem erfolgreichen Kinofilm von Sönke Wortmann noch einmal für die nachfolgenden Generationen aufbereitet worden.

Wenn man „Punkt 9“ heute hört, hat man ein bisschen das Gefühl, dass das Lied seiner Zeit nicht nur im Bezug auf den „Party-Patriotismus“ voraus war, sondern auch, was Politik angeht:

Mit warmen Visionen von Identität
und der Reflexion auf Nulldiät
wird Geschichte vertauscht, verdreht und umgekehrt
Hysterisch, wer sich da beschwert

„Ja, gab’s denn damals schon die AfD?“, möchte man fragen — und übersieht dabei, dass ein Alexander Gauland damals schon seit über 30 Jahren in der CDU war und in der Union auch Leute wie Peter Gauweiler, Roland Koch, Horst Seehofer, Friedrich Merz und Erika Steinbach zu Verhaltensauffälligkeiten neigten. Merz zum Beispiel hatte im Jahr 2000 mit dem Begriff der „deutschen Leitkultur“ für ein großes Hallo in der damals noch jungen Berliner Republik gesorgt. Und der Schriftsteller Martin Walser hatte 1998 in seiner Paulskirchenrede eine „Instrumentalisierung unserer Schande“ beklagt und diese als „Moralkeule“ bezeichnet und somit eine Blaupause geschaffen für alle noch zu haltenden Reden von Björn Höcke und Alexander Gauland.

Das alles war, nach der Einschränkung des Asylrechts und zahlreichen, mitunter tödlichen Brandanschlägen auf Asylbewerber*innen und Migrant*innen Anfang der 1990er Jahre,5 also das Klima, in dem „Punkt 9“ entstand.6

Und es war auch nicht der erste Song zum Thema.

Schon im Oktober 1990 – und damit gerade mal drei Monate nach dem deutschen Sieg bei der Fußballweltmeisterschaft und drei Wochen nach der formellen Wiedervereinigung – erschien das Album „X für ’e U“ („Ein X für ein U“) der Kölner Band BAP, dessen Opener „Denn mer sinn widder wer“ („Denn wir sind wieder wer“) in hochdeutscher Übersetzung so beginnt:

Wo man hinschaut, nur noch Deutschland,
So penetrant, wie ich es noch nicht kannte,
Als gäbe es sonst nichts mehr, als gäbe es sonst nichts mehr.

Der Song entwickelte zusätzliche und besondere Bedeutung beim Konzert auf dem Kölner Chlodwigplatz, auf dem am 9. November 1992 100.000 Menschen unter dem Motto „Arsch huh, Zäng ussenander“ („Arsch hoch, Zähne auseinander“) gegen Rassismus und Neonazis demonstrierten.7 BAP-Sänger Wolfgang Niedecken beschreibt bei diesem Auftritt die Entstehungsgeschichte des Songs, als nach dem deutschen WM-Sieg „die ersten Hirnis mit der Reichskriegsflagge rumfuhren und meinten, sie könnten ihr Süppchen mitkochen“. Diese Formulierung ist – vielleicht ganz bewusst, vielleicht eher aus Versehen – ziemlich gut, weil sie zunächst einmal zwischen Fußball-Anhängern und Neonazis unterscheidet und dann aber doch einen, wenn auch eher parasitären, Zusammenhang zwischen beidem herstellt.

Ich hatte „Denn mer sinn widder wer“ wieder im Kopf, als wir nach dem Endspiel der WM 2002, bei dem Deutschland gegen Brasilien verloren hatte, mit unseren Fahrrädern nach Hause fuhren und in der Innenstadt von Dinslaken Menschen mit Deutschlandfahnen rumliefen, von denen einige tatsächlich riefen: „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“ Es fühlte sich nach Jahren einer gefühlten Entspannung der Lage an wie ein Schlag in die Magengrube — und war im Nachhinein ein Vorgeschmack auf das, was noch kommen sollte.

Während der WM 2010 stand im Bochumer Bermudadreieck ein fast schon Karikaturenhafter Mann mit einer schwarz-weiß-roten Flagge, als wäre es das Normalste der Welt. Die von uns informierte Polizei konnte nichts machen: Die Flagge des Kaiserreiches ist nicht verboten.

Tatsächlich sehen nicht wenige Experten einen mehr oder weniger großen Zusammenhang zwischen dem seit 12 Jahren regelmäßig ausbrechenden „Party-Patriotismus“ und dem Aufkommen neuer nationalistischer Strömungen wie der AfD.

Wenn also die Weltmeistertitel von 1954 und 1990 wahlweise Ausgangspunkte oder zumindest Marker eines veränderten deutschen Selbstverständnisses waren: Baby, what did you expect, 2014?8 Drei Monate später „spazierte“ die Pegida-Bewegung zum ersten Mal durch Dresden.9

Den Übergang von vermeintlich harmloser Fußballbegeisterung hin zu Permanenznationalismus kann man in einem kleinen Sticker sehen: 2006, als das „Sommermärchen“ langsam zu Ende ging, brachte „Bild“ einen Aufkleber in Umlauf, der verkündete: „Schwarz rot geil — Wir machen weiter!“. Im Blatt schrieb die Redaktion dazu: „Lassen Sie sich die gute Stimmung nicht verderben, zeigen Sie weiter Flagge!“

Mal davon ab, dass die Deutschland-Besoffenheit von „Bild“ schon während der WM alles andere als entspannt und unverkrampft gewesen war (BILDblog berichtete mehrfach), konnte ab hier keiner mehr behaupten, dass es „nur“ um Fußball und die Farben einer Mannschaft ging.

Das passende Lied zur aktuellen Lage kommt von kettcar und heißt „Mannschaftsaufstellung“:

Wir bilden eine Mauer, machen alle Räume dicht
Mit einem Populisten, der durch die Abwehr bricht
Ein Stammtischphilosoph am rechten Außenfeld
Die Doppelsechs, die alles Fremde ins Abseits stellt

kettcar-Sänger Marcus Wiebusch hatte Fußball bei seiner früheren Band …But Alive schon öfter als Bildspender benutzt — allerdings im Bezug auf gescheiterte Beziehungen („Entlassen (Vor der Winterpause)“) und Freundschaften („Erinnert sich jemand an Kalle ‚del Haye?“). Der Text zu „Mannschaftsaufstellung“ stammt vom Bassisten Reimer Bustorff.

Der Refrain kommt dann auf den Punkt:

Und als wir gemeinsam vor dem Radio saßen
Die Aufstellung hörten, unser Abendbrot aßen
Nahmst du meine Hand und sagtest:
„Liebling, ich bin gegen Deutschland“

Der Irrsinn ist nur inzwischen so weit fortgeschritten, dass es angesichts der „Bild“-Kampagne gegen Mesut Özil und der „Ankündigung“ der AfD-Fraktionsvorsitzenden Alice Weidel, die deutsche Mannschaft nicht unterstützen zu wollen, inzwischen beinahe eine linke, subversive Position ist, für das deutsche Team zu sein — so wie man angesichts der „Merkel muss weg!“-Rufe aus der ganz rechten Ecke bei der letzten Bundestagswahl ja trotz aller Kritik irgendwie für Angela Merkel sein musste.

Die Musik zum Turnier ist natürlich wieder die übliche Erbauungslyrik mit „Viva La Vida“-Chören, die man leider kaum besser zusammenfassen kann als mit „Menschen Leben Tanzen Welt“. 2018 heißt der Max Giesiniger unter den Andreas Bouranis dieser Welt Adel Tawil und singt in „Flutlicht“:

Im Wind wehen unsere Fahnen, über ein Meer aus unsern Farben
Auf diesen Moment warten wir schon so lang
Wir singen eure Namen, uns’re Lieder soll’n euch tragen
Wir stehen hinter euch wie ein zwölfter Mann

(„Fahnen“ waren bei muff potter. und BAP noch Symbole des Bösen, hier sind sie ganz banal Fahnen. Immerhin sind sie nicht hoch.)

Lieder, die mal irgendwie Stellung beziehen, darf man von den aktuellen Popbarden nicht erwarten, da muss man ja schon froh sein, wenn sich mal jemand dergestalt äußert, dass er keine AfD-Anhänger unter seinen Fans haben will. Aber gut: Was will man von Leuten erwarten, die ein Lied singen über den anstrengenden Alltag einer alleinerziehenden Mutter, das dann in der Sentenz „Wenn sie tanzt ist sie woanders“ gipfelt? Tanz den Hartz!

Das war Anfang der 1990er Jahre noch anders. Die Prinzen, damals eine der erfolgreichsten deutschen Bands überhaupt, sangen 1992 in ihrem Lied „Bombe“:

Schmierst Du an die Wand eine hohle
Naziparole,
Dann möchte ich …
Wenn Du einen „Kanacke“ nennst,
Weil Du seine Sprache nicht kennst,
Dann möchte ich …
Willst Du allen in die Fresse hau’n
Und bist im Kopf schon ganz braun,
Dann möchte ich …
Wenn Du Dir den Schädel rasierst
Und im Gleichschritt marschierst,
Dann möchte ich …

Dieses „Möchten“ wird im Refrain so aufgelöst:

Dann möchte ich ’ne Bombe sein
Und einfach explodieren,
Wenn alle Leute „Hilfe schreien,
Dann würde was passieren.
Manchmal möchte ich zerplatzen und laut knallen
Und alles, was nicht stimmt, würde auseinander fallen.

Im Song gibt es noch eine ganze Reihe weiterer Dinge, wegen derer das Lyrische Ich gerne „explodieren“ würde („Wenn manche Eltern sich trauen, ihre Kinder zu hauen“, „Wenn Jan das Essen nicht schmeckt und er schmeißt es weg“), die manchmal fast rührend naiv erscheinen.10 Jede Menge Minimalpositionen, mit denen man heute als „mutig“ oder „kontrovers“ gelten würde. Und wenn jemand angeben würde, einen Liedtext gut zu finden, in dem explodiert wird und alles auseinander fällt, müsste er/sie damit rechnen, von Julian Reichelt öffentlich angegriffen zu werden.

Ein weiteres Beispiel für Mainstream-Antifaschismus: Udo Lindenberg mit seinem Song „Panik Panther“, ebenfalls von 1992.

Die Zeiten werden härter,
wir können keinem trauen.
Erst gestern haben so Zombies
schon wieder brutal draufgehauen.
Total blind im Rassenwahn,
zünden sie nachts Häuser an.
Aber wir klären hier in unserer Stadt,
dass kein Skin was zu sagen hat.

Das Lied zählt jetzt weder musikalisch noch textlich zu Lindenbergs bedeutendsten Werken, war aber damals Single und Titeltrack des Albums.

In meiner Kindheit war es gesellschaftlicher Konsens, gegen „rechts“ zu sein. Die Nazis waren klarer zu erkennen, zu beschreiben und zu karikieren11 und die Gefahr war vielleicht greifbarer, weil noch groß in den Medien berichtet wurde, wenn mal wieder Häuser brannten. Ich erinnere mich noch gut an diese Nachrichten, die man als Kind natürlich überhaupt nicht einordnen kann,12 und an die Ängste, die ich damals hatte. Der „rationale“ Beruhigungsversuch „Bei uns im Haus wohnen keine Ausländer“ ist ja nicht wirklich ein Trost, sondern im Rückblick schlichtweg Zynismus.

Heute sitzen Politiker*innen, die sich nicht scheuen, bewusst auf NaziVokabular zurückzugreifen, nicht nur in vielen Parlamenten, sondern sogar in vielen Regierungen. Die diesjährige Fußball-WM, die wegen ihres Austragungsortes schon politisch genug wäre, ist für die Medien nicht mehr nur Eskapismus, Bild- und Identifikationsspender, sondern sie wird direkt mit der von der CSU ausgelösten und am Kochen gehaltenen Regierungskrise verknüpft: „Bild“ montiert im Rahmen der inoffiziellen Kampagne „Schade: Immer noch kein Bürgerkrieg“ die Maximal-Kritik an Mesut Özil neben die Trump’schen Lügen einer gestiegenen Kriminalitätsrate in Deutschland und suggeriert damit, Nationalelf und Politik seien das gleiche. Wenn Deutschland in der Vorrunde ausscheidet, ist auch die Kanzlerschaft Angela Merkels vorbei.

Das alles macht keinen Spaß mehr. Nicht an Fußball, schon gar nicht an Politik. Aber wenn’s mal so richtig scheiße ist, ist wenigstens noch die Musik da.

  1. Benannt nach Punkt 9 auf der Liste der Tourbusregeln der Band: „Klappe halten!“ []
  2. Schlagzeuger Brami, der Mann hat Recht! []
  3. „Bild“, natürlich. []
  4. Ja, mir war auch damals schon klar, dass Joseph Goebbels über schwarz-rot-goldene Beflaggung vermutlich eher erbost gewesen wäre, aber die kleine Transferleistung können wir schon gemeinsam erbringen, ne? []
  5. Übrigens auch in Hünxe und damit ganz in meiner Nähe. []
  6. Darüber hinaus hatten die Mitglieder des sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrunds“ bis zur Veröffentlichung des Songs schon sieben Morde begangen, die aber erst sechs Jahre später als rechtsextrem motiviert eingestuft werden sollten. []
  7. Die man damals übrigens noch gut erkennen konnte: „Mit deutscher Reichsfahne und mit Bomberjacke“. []
  8. Bonusfrage: Wie fucking gut muss es Deutschland 1974 trotz vorheriger Ölkrise gegangen sein, dass der WM-Sieg vergleichsweise folgenlos blieb? []
  9. Andererseits gibt es diese nationalistischen Tendenzen aktuell fast überall in Europa. Italien, Ungarn und Österreich sind bei der WM gar nicht dabei, Polen und Deutschland haben ihre Auftaktspiele verloren. []
  10. Im Fall von „Ruf ich nachts bei Dir an und Du gehst nicht ran“ müsste man heute auch mindestens eine #MeToo-Augenbraue heben. []
  11. „Glatzen“ bei Lindenberg, „Bomberjacke“ bei BAP. []
  12. Okay: Wie soll man das als Erwachsener? []

In memoriam Renate Erichsen

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 13. September 2017 18:49

Ich schreibe jetzt seit über 25 Jahren: Schulaufsätze, Liedtexte, Drehbücher, Rezensionen, Artikel, Seminararbeiten, Blogeinträge, Vorträge, Witze, Moderationen, Newsletter, Tweets, … 

Letzte Woche gab es eine Premiere, auf die ich auch noch ein paar Jahre hätte verzichten können: Ich habe meine erste Trauerrede geschrieben und gehalten — auf meine Oma, die heute vor einem Monat im Alter von 84 Jahren gestorben ist.

Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich darüber etwas schreiben soll, weil es ja nicht nur um mein Privatleben geht, sondern auch um das meiner Oma und meiner Familie, deswegen will ich nicht ins Detail gehen, aber andererseits war meine Oma medial bis zuletzt fit, hat mein Blog (und andere) gelesen, „Lucky & Fred“ gehört (weswegen ich ihren Tod auch in der letzten Folge thematisiert habe) und mit uns Enkeln per Telegram kommuniziert (WhatsApp lief nicht auf ihrem iPad). Außerdem gab es ja sonst keine Nachrufe auf sie und mutmaßlich wird man auch keine Straßen nach ihr benennen oder ihr Statuen errichten.

Renate Erichsen, die für uns nur Omi Nate war, wurde 1932 in Berlin geboren, während des Krieges floh ihre Familie nach Fehmarn und ließ sich dann später in Dinslaken (of all places) nieder. Sie war, wohl auch deshalb, politisch und gesellschaftlich sehr interessiert und wollte von ihren Enkelinnen und Enkeln immer wissen, wie wir über bestimmte Dinge denken. 

Die Renationalisierungen, die in der EU – aber nicht nur dort – in den letzten Jahren zu beobachten waren, bereiteten ihr große Sorgen, politische Strömungen wie AfD und Donald Trump auch. „Das habe ich alles schon mal erlebt“, sagte sie dann und es gab keine Zweifel daran, dass sie das nicht noch mal haben musste — und auch niemandem sonst wünschte.

Bei einem unserer Telefongespräche nach dem Brexit-Referendum im vergangenen Jahr beklagte sie sich darüber, dass so wenige junge Menschen zur Wahl gegangen waren — aber auch und vor allem, dass so viele alte Menschen über die Zukunft der Jungen abgestimmt und ihnen damit die Zukunft verbaut hätten. Obwohl sie, wie sie oft erwähnte, eine kleine Rente hatte, stimmte sie bei Wahlen lieber so ab, wie sie es für „die jungen Leute“ (also: uns) für richtig hielt.

All das und einige andere Dinge habe ich versucht, in meine Rede einzubauen und dabei festgestellt, dass das auf ein paar Seiten Text gar nicht so einfach ist. Klar: Auch in meinen journalistischen Arbeiten ist nie Platz für alles, aber die fühlen sich nicht an, als müssten sie ein Thema (oder in diesem Fall: ein Leben) quasi „abschließend“ verhandeln.

Vor der Trauerfeier war es auch so, dass ich hauptsächlich an meine Rede gedacht habe, was sich einerseits total egoistisch und fehl am Platze anfühlte, andererseits aber eine ganz gute emotionale Ablenkung war — und ich wollte ja auch, dass die Rede einigermaßen gut und vor allem angemessen wird.

Ich habe deshalb auch noch mal die Rede gegoogelt, die Thees Uhlmann von Tomte im Februar 2004 (Wahnsinn, wie lang das schon wieder her ist!) auf der Beerdigung von Rocco Clein gehalten hat — für meine Zwecke nur bedingt hilfreich, aber auch all die Jahre später immer noch groß, gewaltig und tröstend. Und bei der Suche bin ich auch auf ein Doppelinterview mit Thees und Benjamin von Stuckrad-Barre gestoßen, das letztes Jahr im „Musikexpress“ erschienen ist. Die beiden liegen mir ja eh sehr am Herzen (im Sinne von: ich würde ohne die beiden vermutlich gar nicht schreiben — oder zumindest nicht so, wie ich es jetzt – auch hier, gerade in diesem Moment – tue), aber es ist auch so ein schönes Gespräch, in dem es auch um besondere Menschen geht.

Und so erschien mir der Rückweg aus Dinslaken nach Trauerfeier, Urnenbeisetzung, Kaffeetrinken und sehr engem familiären Beisammensein dann auch der richtig Zeitpunkt, um nach Jahren mal wieder „Hinter all diesen Fenstern“ zu hören, das Album mit dem Tomte damals in mein Leben gekracht waren und das ich damals ganz oft im Zug von Dinslaken nach Bochum und zurück gehört hatte.

Es war sicherlich auch den besonderen Umständen geschuldet, dass mich das Album noch einmal mitten ins Herz traf: „Schreit den Namen meiner Mutter, die mich hielt“, „Das war ich, der den wegbrachte, den Du am längsten kennst“, „Es könnte Trost geben, den es gilt zu sehen, zu erkennen, zu buchstabieren“, „Von den Menschen berührt, die an dem Friedhof standen, am Ende eines Lebens“ — ich hätte mir sofort das gesamte Album tätowieren lassen können.

Dieses Gefühl, dass da jemand vor inzwischen 15 Jahren ein paar Texte geschrieben hat, die etwas mit seinem damaligen Leben zu tun hatten, und dass diese Texte dann zu verschiedenen Zeitpunkten im eigenen Leben in einem genau die wunden Stellen treffen und gleichzeitig wehtun und beim Heilen helfen: Wahnsinn! Immer wieder aufs Neue!

Und dann noch mal die liner notes zum Album lesen und immer wieder nicken und sich verstanden fühlen. Meine Oma hat Zeit ihres Lebens alle Literatur verschlungen, derer sie habhaft werden konnte — „ich habe mehr durch Musik gelernt, als durch Bibliotheken“, sang wiederum Thees Uhlmann auf der finalen Tomte-Platte.

Im Übrigen hat sich herausgestellt, dass so ein Tod (zumindest, wenn er nach einem langen und erfüllten Leben kam und die Verstorbene sich angemessen verabschieden konnte) ein vielleicht etwas abseitiger, aber zuverlässiger Gesprächsmotor ist. Ich habe jedenfalls in den letzten Wochen viele sehr gute Gespräche mit engen Freunden, aber auch ganz anderen Menschen geführt.

Dieser Text erschien ursprünglich in meinem Newsletter „Post vom Einheinser“, für den man sich hier anmelden kann.

One More Night

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 13. Juni 2017 23:59

Es ist jetzt fast auf den Tag genau 15 Jahre her, dass ich mein Abi-Zeugnis ausgehändigt bekam und ins sogenannte Erwachsenenleben entlassen wurde. Ein Abitreffen ist nicht angesetzt (zumindest weiß ich nichts davon) und so werde ich auch weiter nicht wissen, was die früheren Klassenclowns, Skater, Traumfrauen und Nervensägen heute machen — zumindest diejenigen, deren Eltern meine Mutter nicht regelmäßig in Dinslaken auf dem Wochenmarkt trifft. Das ist aber auch okay, denn Nostalgie ist ein Gefühl, das ich (wie die meisten anderen Gefühle auch) am Liebsten in den eigenen vier Wänden auslebe.

Oder eben in der ausverkauften Kölnarena, wo Phil Collins diese Woche nicht ein, nicht zwei, nicht drei, nicht vier, sondern fünf Konzerte spielt. Collins ist, wie ich schon einmal in einem eher ungelenken Blog-Eintrag zu beschreiben versucht habe, der auch erst knackige zehn Jahre alt ist, ein Held meiner Kindheit. Jahrelang ging ich als eifriger, aber fremdsprachlich unterentwickelter Schlagzeug-Schüler davon aus, der drum fill, also jene Akzentuierung, die einen Übergang von einem Songteil (z.B. Strophe) zum nächsten (z.B. Refrain) markiert, sei nach Phil Collins benannt.

Als Collins die Konzerte (zunächst waren für Köln zwei geplant) im vergangenen Jahr ankündigte, habe ich den Gedanken nach kurzer Überlegung verworfen — hatte ich mir doch geschworen, dass die 80,40 Euro, die ich im Jahr 2011 für Paul McCartney gezahlt hatte, meine teuerste Konzertkarte jemals bleiben sollten. Dann saß ich letzte Woche mit einer Freundin zusammen, wir sprachen über die Konzerte, guckten nach wieder verfügbaren Karten und sagten uns mit größenwahnsinniger Selbstverständlichkeit: „Klar, 100 Euro, warum auch nicht?!“

Erst als wir auf der Autobahn Richtung Köln sind und die größten Phil-Collins-Hits (also: die, die in eine siebzigminütige Autofahrt passen) aus den Boxen schallen, wird mir richtig klar, worauf wir uns hier eingelassen haben: eine popkulturelle Rückführung in ein früheres Leben — eines, wo man Kind war, auf dem Wohnzimmerteppich liegend das hörte, was die Eltern hörten, und Musik noch nicht dem Distinktionsgewinn diente, sondern ausschließlich der Unterhaltung.

Bereich Arena ab ca. 18 Uhr hohes Verkehrsaufkommen - PHIL COLLINS -

Rund um die Kölnarena herrscht schon um 18 Uhr großer Andrang: In langen Schlangen stehen die Menschen, um rechtzeitig … äh, ja: auf ihren nummerierten Plätzen sitzen zu können. Die größte Überraschung ist die, dass wir nicht die Jüngsten sind. Ticketübergabe, dann in der angrenzenden Systemgastronomie essen. Ich fühle mich wieder wie 16, als man freitagsabends mit Freunden ins Multiplexkino am Einkaufszentrum der nächsten größeren Stadt gehen durfte. (Das kostet ja inzwischen bestimmt auch genauso viel.)

Unsere Plätze liegen so, dass sie den Eindruck, hundert Euro wert zu sein, ziemlich gut erwecken können. Auf den LED-Wänden links und rechts der Bühne und auf der Gaze vor der Bühne laufen Fotos aus allen Lebens- und Schaffensperioden des Künstlers und ich denke zum wiederholten Male, dass die Ähnlichkeit zwischen ihm und Fran Healy zu jeder Zeit gegeben war.

Schlag Acht geht die Werbung auf dem Videowürfel unter der Hallendecke aus, kurz darauf auch die Saalbeleuchtung und schließlich schlurft der leibhaftige, 66-jährige Phil Collins mit einem Krückstock auf die Bühne und setzt sich, während sich weite Teile des Publikums erhoben haben, auf einen Stuhl am Bühnenrand. An der Stirn hat er ein großes Pflaster, nachdem er letzte Woche in London im Hotelzimmer gestürzt war und zwei Konzerte verschieben musste. „My back hurts, my leg is fucked“, erklärt er, und eigentlich habe er das alles nicht mehr machen wollen: „But I missed you so much!“ Das könnte man jetzt unter klassischem Konzertgeschmeichel abtun, aber dann denkt man daran, dass der Mann nach seiner „Pensionierung“ in seinem Schweizer Domizil vor lauter Langeweile ein Alkoholproblem entwickelt hatte, und man will, nein: muss ihm einfach glauben!

In diesen Austausch von Herzlichkeiten hinein perlen die ersten Klaviertöne und es wird direkt klar: Hier werden heute Abend keine Gefangenen gemacht, hier wird gleich mal mit dem Riesenhit „Against All Odds“ eröffnet. Die Band steht, für das Publikum immer noch unsichtbar, hinter der Gaze und als das Schlagzeug einsetzt, wird der Drummer von hinten so angestrahlt, dass sein Schatten riesengroß über dem sitzenden Phil Collins erscheint — was als irgendwie verdrehte Metapher ganz, ganz wundervoll ist, denn der Drummer ist dessen 16-jähriger Sohn Nicholas.

Dann geht der Vorhang hoch, man sieht die Band und die Messlatte wird mit „Another Day In Paradise“ noch mal ein bisschen höher gelegt. Dieser Song ist – neben Tina Turners „The Best“ und Miles Davis‘ „Human Nature“-Cover – für mich der Klang elterlicher Geburtstage, an denen wir lange aufbleiben und den Erwachsenen mit unserer Anwesenheit auf die Nerven gehen durften. Ja, ich habe Paul McCartney „Hey Jude“ singen gesehen, Robbie Williams „Angels“ und a-ha „Take On Me“, aber das war alles höchstens das Warm-Up für die emotionale Überforderung, die nun einsetzt, und der ich nur zu begegnen weiß, indem ich schnell den Refrain auf dem iPhone mitfilme und an meine ganze Familie schicke.

Die Stimmung wird ein wenig runtergekühlt mit „One More Night“ und „Wake Up Call“, einem Song aus dem Spätwerk „Testify“, das, wie eine Akklamation in der Halle ergibt, fünf oder sechs Menschen gekauft haben — „but don’t worry: I didn’t buy your records, either!“ Und dann: „Follow You Follow Me“, der große Genesis-Hit. Auf den LED-Wänden sind Szenen aus allen Epochen der Band (inkl. Peter Gabriel) zu sehen und es fühlt sich ein bisschen beruhigend an, dass ich nicht zur Mehrheit der Menschen hier in der Halle gehöre, die dieser Song jetzt an die damals so genannten „Feten“ in den Kellern ihrer Elternhäuser erinnert, sondern ich ihn schon auf einem Oldie-Sampler kennengelernt habe.

Die nächsten Minuten verbringe ich damit, mir eine Meinung über das zu bilden, was bei einem Konzert in gewisser Weise das Wichtigste sein könnte: die Musik. Manche Songs klingen tight und perfekt eingespielt (weite Teile der Band spielen schon mindestens doppelt so lange mit Phil Collins, wie Drummer Nicholas auf der Welt ist), andere schleppen und zerfasern so, dass sie fast auseinander zu fallen drohen. Akustisch macht die Kölnarena ihrem schlechten Ruf wieder alle Ehre: kennt man den Text eines Songs, geht’s, kennt man ihn nicht, versteht man kein Wort.

Aus mir persönlich nicht verständlichen Gründen singt Collins auch „Separate Lives“, einen Song, der seinen Ruf als pop culture punching bag mitbegründet haben dürfte: cheesy, auf das ausgelegt, was unsere Eltern „Klammerblues“ nannten, und bei aller Liebe einer seiner schlimmsten Songs — und das, obwohl er ihn gar nicht selbst geschrieben hat. Nach „Only You Know And I Know“ geht’s in die zwanzigminütige Pause: „You might need to go the bathrooms and we will do the same!“

Meine Begleitung nutzt die Zeit, um das Merchandise zu inspizieren: T-Shirts für 30 und Pullover für 50 Euro erscheinen einem für ein Arena-Konzert beinahe angemessen.
„Keine Drumsticks?“, frage ich enttäuscht. „Für Phil Collins signature drumsticks würde ich heute Abend jeden Preis bezahlen!“
Schnitt: Zwei junge Frauen kehren in unseren Block zurück, in ihren Händen jeweils ein Paar Drumsticks.

Ich frage mich, ob Nicholas Collins auch mit den Stöcken trommeln muss, auf denen die Unterschrift seines Vaters prangt. Nach der Pause darf er in einem ausführlichen Duett mit Percussionist Luis Conte jedenfalls noch mal ohne jedes Beiwerk zeigen, was er so drauf hat. Das hätte ich vermutlich auch nicht hinbekommen, wenn ich meinen Schlagzeugunterricht damals ernst genommen hätte. Aber wenn ich meinen Biologieunterricht ernst genommen hätte, könnte ich jetzt etwas über „Vererbungslehre“ schreiben.

Bei „You Know What I Mean“ beweist Nicholas, dass ein Collins natürlich mehr als nur ein Instrument beherrscht: er spielt die Ballade am Klavier, sein Vater, der vermutlich nie mehr irgendein Instrument wird spielen können, sitzt daneben und singt und als Nic Phil danach im tosenden Applaus umarmt und auf die Glatze küsst, muss ich mich wegdrehen und zu den Worten „Entschuldigung, ich hab auch einen Sohn“ hektisch vor meinem Gesicht herumwedeln.

Überhaupt kann man sich an diesem Abend ja kein Stück freimachen von der ganzen story, die hier permanent mitschwingt: dass das hier eben Comeback und Abschied zugleich ist, weil es – zumindest Stand heute Abend – eher unwahrscheinlich erscheint, dass Phil Collins sich das alles noch mal antun wird. Er ist zwar „Not Dead Yet“, wie Tour und Autobiographie heißen, aber eben auch eher das Gegenteil eines Mick Jagger, der mit 182 Jahren immer noch über die Bühne gockelt. Man verzeiht ihm deshalb, wenn die Stimme mal nicht mehr ganz so frisch klingt (was aber selten passiert), wenn die Band einen tausend Mal gehörten Hit eine Spur zu langsam anstimmt, und auch, dass sich die Produzenten der Show in der zweiten Hälfte dafür entschieden haben, auf der Bühne eine Art „Wetten, dass..?“-Atmosphäre (aus den Frank-Elstner-Jahren) zu simulieren: Hinter der Bühne weht ein ockerner Vorhang, der so vermutlich immer noch in der Stadthalle Böblingen hängt, die Lichter strahlen in Orange und Gelb.

Und dann, nach all den Hits, endlich der Hit: angeschlossen an ein gefühlt achtminütiges Intro beginnt der Roland CR-78 zu zirpen und der Saal atmet tief durch. „In The Air Tonight“. Alle singen mit, fast alle stehen und natürlich warten alle nur auf diesen einen Moment, der auf der Albumversion nach 3:41 Minuten kommt — der vermutlich berühmteste drum break aller Zeiten. Es ist dann letztlich: ein Takt, zehn Schläge, wahnsinnig viel Licht — und es geht weiter. Manchmal kommt es in der Popmusik, wie im Leben, aber auf diesen einen Moment an.

Danach bewegt sich – um mal eine besonders schiefe Metapher zu verwenden – das Hit-Feuerwerk auf die Zielgerade: „You Can’t Hurry Love“, „Dance Into The Light“, „Invisible Touch“, „Easy Lover“ und „Sussudio“, dem man an diesem Abend einfach mal verzeiht, dass es ein ziemlich dummer Song ist; im Wesentlichen ein schlecht umlackiertes „1999“ von Prince, dessen Fahrgestellnummer nur notdürftig rausgefeilt wurde. Dafür gibt es buntes Konfetti und alle tanzen!

Zur ersten Zugabe, dem Vera-Lynn-Cover „If You Love (Really Love Me)“ steht Collins angelehnt ans Klavier, danach schließt der Abend mit einem ausgiebigen „Take Me Home“. Als die Hallenbeleuchtung angeht, ist es 22.47 Uhr. Die Drumsticks kosten 20 Euro — ein nicht völlig absurder Preis, den ich hier und jetzt natürlich gerne zahle. Wir brauchen ewig, um zu unserem Auto zu kommen, und noch länger, um damit das Parkhaus zu verlassen. Heute waren wir fünf Jahre alt. Und 16. Und erwachsen.

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