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Lukas und die Lokomotivführer: Liveblog

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 12. Oktober 2007 16:16

Extreme Situationen erfordern extreme Mittel: Ich muss heute Abend in Dinslaken auf einer Hochzeit tanzen sein. Im Moment bin ich aber noch in Bochum. Zwischen mir und meinem Ziel steht also der Lokführerstreik der Gewerkschaft von dem Mann mit der Bata-Illic-Maske.

Und weil ich nun mal Bahnfahren muss, dachte ich mir, ich mache mir den Spaß und blogge drüber – live und … äh: live halt. Da ich kein blogfähiges Mobiltelefon habe, wird meine reizende Assistentin Kathrin meine (vermutlich irgendwann verzweifelten) Anrufe, SMSen und Rauchzeichen hier für mich niederschreiben.

Und jetzt geht’s los …

16:29: Bochum Hauptbahnhof: Es ist nicht sonderlich voll und die Anzeigentafel sieht auch normal aus. Die werden doch nicht etwa ohne mich streiken?

16:35: Sitze im fahrenden Regionalexpress nach Düsseldorf. Entweder kam der zu früh oder 59 Minuten zu spät.

16:46: Stehen seit einigen Minuten in Wattenscheid, weil uns „schon wieder“ ein ICE überholt. Auf dem Gegengleis: Der Regionalexpress nach Minden. Entweder pünktlich oder eine volle Stunde zu spät.

16:55: Essen Hauptbahnhof: So sieht kein Freitagnachmittag-Feierabendverkehr aus, es sind kaum Leute unterwegs. Und wir fahren weiter.

17:11: Duisburg Hauptbahnhof: Hier fällt mehr aus, die wenigen Reisenden wirken lethargisch. Mein Regionalexpress nach Dinslaken ist mit 5 Minuten Verspätung angeschlagen. Seit wann gibts hier eigentlich Starbucks?

17:25: Mein neuer Freund bei Starbucks meinte eben, heute morgen sei der Laden voll mit Gestrandeten gewesen. Hoffentlich haben die da nicht auch schon ihren neuen Kollegen eingearbeitet… Mein Regionalexpress ist da und und auch nur 5 Minuten zu spät.

17:40: Schon in Oberhausen-Holten. Letzte Chance, mich aufzuhalten, liebe GDL!

17:46: Dinslaken Bahnhof. Da brauch ich ja länger für den Fußweg zu meinen Eltern als von Bochum hierhin. Was für eine Liveblog-Blamage!

18:16: Honey, I’m home! Ich, der ich bei jeder zweiten Bahnfahrt einen cholerischen Anfall kriege, dessen Züge grundsätzlich Verspätung haben, bin selten ruhiger und entspannter Zug gefahren. Wenn ein Streik der Lokführer so aussieht, können die meinetwegen jetzt jeden Tag streiken …

Über den Wolken

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 5. Oktober 2007 15:18

Willkommen zurück an der Coffee-And-TV-Journalistenschule!

Nachdem wir beim letzten Mal gelernt haben, wie man eine Gerichtsreportage verfasst, wollen wir uns heute dem Bereich des Musikjournalismus zuwenden. Besonders beliebt auf diesem Gebiet sind seit längerem Reportagen, die einen Künstler oder eine ganze Band in einem heimatlichen Umfeld zeigen. Dafür brauchen wir zunächst einmal eine Band, was nicht ganz so schwer ist: Wir nehmen einfach unsere Coffee-And-TV-Hauskapelle.

Als erstes brauchen wir jetzt (wie bei jedem Artikel) einen griffigen Einstieg. Oder aber einen, der so wirr ist, dass man schon aus Neugierde, wie sich der Autor wohl daraus befreien will, weiterliest:

Entweder hast du als Teenager die Gelegenheit, vor dem Venue auf deinen Lieblingsact zu warten und dir Autogramme geben zu lassen – oder du hast sie nicht. Entweder du kennst die Bands nur aus TV, Radio und Internet – oder du triffst sie im Plattenladen. Die Kilians kommen aus Dinslaken und trafen bisher niemanden. Sie sind eine aufstrebende Rockband. Die Frage ist: Trotzdem oder gerade deswegen?

Was ist mit denen, die nie vor einem „Venue“ standen und auf ihren „Lieblingsact“ warteten? Wer hätte in welchem Plattenladen jemanden treffen sollen? Wieso ist man eine aufstrebende Rockband, obwohl oder weil man niemanden in einem Plattenladen getroffen hat? Der Leser ist sofort gefangen von diesen Sätzen und könnte sie immer wieder lesen, ohne dass ihm die Deutungsmöglichkeiten ausgingen.

Im zweiten Absatz sollten wir dem Leser, der die zu porträtierende Band noch nicht kennt, kurz erklären, von wem wir sprechen. Zum Beispiel so:

The Kilians sind fünf Jungs und kommen aus dieser Stadt, und sie sind mittlerweile im Blickfeld vieler, die sich für Rockmusik interessieren. In Dinslaken sind sie allein dadurch schon Stars.

So weiß jeder, dass man in Dinslaken, pardon: Dinslaken alleine dadurch zum Star wird, dass man im Blickfeld vieler, die sich für Rockmusik interessieren, ist. Soziologen sprechen sicher von second hand popularity.

Wenn wir merken, dass wir eigentlich viel lieber über die Stadt schreiben möchten als über die Band, können wir jetzt immer noch die Kurve kratzen und Vergleichsgrößen heranziehen:

Um das zu verstehen, muss man sich klarmachen, wie wenig Orte wie Dinslaken von der Distinktion geprägt sind, die in Hamburg oder Berlin allgegenwärtig ist.

Eine klare Positionsbestimmung: Hamburger und Berliner werden sagen: „Klar, Distinktion, Alter!“, alle Anderen werden erfurchtsvoll nicken und es nicht wagen, nach den in diesen Metropolen vorherrschenden Distinktionen zu fragen.

Jetzt haben wir dem Leser unser Bild von Dins… Dinslaken schon so genau gezeichnet, dass wir uns ein bisschen weiter aus dem Fenster lehnen und Fakten gekonnt ignorieren können:

Hier schielt kaum jemand auf Düsseldorf oder Köln, die nächsten größeren Städte und die Codes der Indie-Schickeria bedeuten hier gar nichts.

Keiner unserer Leser wird auch nur ahnen, dass wir schon bei unserer Ankunft halbe Armeen von röhrenbehosten Ringelpulliträgern mit Emofrisuren gesehen haben, die gerade auf dem Weg zu einem Rockkonzert in Köln waren. Solche Informationen würden ja auch nur das Bild zerstören, das wir mühevoll vor den geistigen Augen unserer Rezipienten aufzubauen versuchen. Die Möglichkeit, dass die derart übergangenen Indie-Kiddies der Stadt per Leserbrief auf ihre Unterschlagung hinweisen könnten, lösen wir mit einem kleinen Logikwölkchen: Es gibt sie ja gar nicht, haben wir gerade noch geschrieben.

Als die Kids die beiden Bandmitglieder, begleitet von der Presse, auf sich zukommen sehen, fahren sie nervös aus ihren lässigen Posen auf.

Geschickt gerettet: Die drei Leser, die sich jetzt wundern könnten, wo denn plötzlich bemüht lässige „Kids“ (als Musikjournalist sollte man das Wörterbuch der Jugendsprache stets bei sich führen, und wenn es die Ausgabe von 1991 ist) herkommen, müssen jetzt alle Hirnmasse auf die Vorstellung verwenden, wir selbst liefen wie in einem Hollywoodfilm der dreißiger Jahre mit einem Pappkärtchen mit der Aufschrift „Presse“ im Hutband durch die Gegend.

Hatten wir überhaupt schon erwähnt, wo diese langweilige Kleinstadt, die kein Schwein kennen muss, liegt? Nein? Dann ist jetzt die Gelegenheit, auf das Ruhrgebiet hinzuweisen und gleich eine weitere LKW-Ladung Klischees über Text, Lesern und Landschaft auszukippen:

Ganz ruhrgebietstypisch. Natürlich ist die örtliche Zeche mittlerweile nicht mehr in Betrieb. Natürlich sind alle Arbeiter entlassen – bis auf ein paar, die mit dem Abbau der Maschinen beschäftigt sind. Von Momenten an solchen Orten weiß im Ruhrgebiet jeder etwas zu erzählen. Auch die Kilians. Zechengeschichten sind in der Regel Nachtgeschichten, sie handeln von Alkohol und davon, irgendwo draufzuklettern und in den Sternenhimmel zu schauen.

Es ist egal, wenn dem Absatz nichts vorausging, worauf sich das „ruhrgebietstypisch“ beziehen könnte, denn wir nähern uns dem Höhepunkt:

Alles, was von solchen erhöhten Standorten zu sehen ist, wenn man etwas tiefer blickt, ist: Kohle, Stahl und graue Wolken. All das impliziert in dieser Gegend zwangsläufig immer auch eines: das Scheitern. Für eine Rockband sind das lehrreiche Erfahrungen. Bewusst oder auch nicht, die Kilians haben ihre Schlüsse daraus gezogen.

Jaaaaa, diese vier Sätze sind von unendlicher Weisheit und Tiefe. Zunächst einmal wissen die Leser anschließend, dass die (natürlich immer „grauen“) Wolken im Ruhrgebiet niedriger hängen als irgendwelche Sachen (Abraumhalden, Fördertürme, Musikjournalistenegos), auf die man „draufklettern“ kann, hoch sind. Dann lernen sie, dass Kohle, Stahl und eben jene grauen Wolken nichts anderes sind als Metaphern für „das Scheitern“ und nicht etwa industrielle Rohstoffe (die ersten beiden) und Wetterphänomene (letzteres).

Aber weiter im Text: Scheitern, Kohle, Stahl und Wolken – all das sind „lehrreiche Erfahrungen“, aus denen die jetzt doch mal wieder namentlich zu erwähnende Band ihre Schlüsse gezogen hat. Spätestens hier werden sich selbst Distinktionserfahrene Leser aus Hamburg und Berlin, Düsseldorf oder Köln von Minderwertigkeitskomplexen geplagt auf dem Boden wälzen und rufen: „Großer Musikjournalist, ich bin unwürdig, Deinen Ausführungen zu folgen, aber sprich weiter und vergiss auch die Fremdwörter nicht, die Du Dir im ‚Adorno für Anfänger‘-Seminar auf der Rückseite Deines Collegeblocks notiert hast!“

Damit haben wir sie im Sack und können noch ein paar Zitate der Bandmitglieder einstreuen. Die interessieren zwar weder uns, noch die Leser, aber eine Bandreportage ohne Band wirkt halt immer etwas schwach. Dafür können wir sie mit gehässigen, kleinen Partikeln anmoderieren, die transportieren, dass immer nur der doofe Sänger geredet hat:

Wiederum Simon: „Wir glauben, dass die Leute hier auf so was warten. Sie wollen, dass hier nicht nur lokale Acts spielen, sondern auch welche, die sie aus dem Radio kennen. Die Bühne soll auf der Wiese stehen, und das Feuerwehrhaus dort hinten wird der Backstagebereich.“

Jetzt fehlt nur noch ein Schlusssatz, der das bisher Gelernte zusammenfasst:

So sieht DIY aus, wenn er nicht aus Washington oder Olympia, sondern aus Dinslaken kommt.

Es wird schon niemand fragen, warum wir von einem Bundesstaat oder einer Stadt reden, von der außer uns noch 23 Personen wissen, dass sie als Neben-Hochburg des amerikanischen Indierocks gilt. Wenn sich überhaupt noch jemand etwas fragt, dann, wie wohl DIY aussehen könnte, bei dem man nicht alles selber macht.

Wenn wir diese einfachen Regeln befolgen, werden wir bald schon alle fantastische Bandporträts schreiben können, die das Zentralorgan des deutschen Qualitätsmusikjournalismus, der/die/das Intro sicher gerne abdruckt.

„Alles Strokes!“

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 16. September 2007 0:29

Aller guten Dinge sind drei. Deswegen jetzt und hier der letzte Kilians-Content für … na ja, wir wollen nicht zu viel versprechen. Aber erst mal der letzte Kilians-Content.

In den Hauptrollen: weiterhin Simon den Hartog und ich, ein Schwedenpanzer und die Straßen von Dinslaken. Und wenn ich danach nicht „Polylux“ moderieren darf, weiß ich auch nicht weiter …

(Erst Teil 1 und 2 anschauen oder gleich die ganze Playlist)

„Wir sind ja leider keine Hip-Hopper“

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 15. September 2007 16:34

Dinge, die man an einem sonnigen Samstagnachmittag tun kann: Auto waschen, Bundesliga hören, Video-Interviews schneiden.

Viel Spaß mit dem zweiten Teil von „Simon und Lukas begucken sich Dinslaken“:

(Vorher Teil 1 gucken)

Im Schmelztiegel der Subkultur

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 15. September 2007 2:38

Manche mögen der Meinung sein, ich hätte langsam mal genug über die Kilians, diese fantastische Nachwuchsband aus Dinslaken, deren großartiges Debütalbum letzte Woche erschienen ist, geschrieben. Das sehe ich inzwischen ähnlich – und habe schwups mal das Medium gewechselt.

Viel Spaß mit jede Menge Kilians und Dinslaken im ersten Teil unseres kleinen Interview-Specials mit Simon den Hartog:

Blasmusik

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 6. September 2007 16:11

Gestern spielten also die Kilians ein „exklusives Radiokonzert“ in Bochum. Da mein Computer immer noch in der Reparatur ist, kann ich gerade nicht nachgucken, wie oft ich die Band schon gesehen habe, aber es dürfte gestern so ungefähr das fünfzehnte Mal gewesen sein.

Vor dem Konzert waren die Herren Musiker etwas missgestimmt, weil Organisation und Ablauf wohl zu wünschen übriggelassen hatten, aber schon ab dem ersten Akkord war alles wieder bestens und sie rockten so ungestüm und auf den Punkt wie eh und je.

Das alles wäre also von so geringem Neuigkeitenwert, dass nicht mal ich darüber bloggen würde. Aber die Ansagen von Simon den Hartog, dem kleinen großen Mann am Mikrofon, waren gestern so exorbitant unterhaltsam, dass sie einfach für die Nachwelt fesgehalten werden müssen – was Dank der Aufzeichnung für die Radioausstrahlung auch kein Problem gewesen sein dürfte.

Im hinteren Bereich des Konzertsaals, wo gleich mehrere Dinslakener zusammengluckten, macht das Wort vom „Dinslaken-Humor“ die Runde – wenn wir nicht gerade wiehernd über den Fußboden kugelten. Wie, Sie finden „Ich musste dem Kavka seinen Schwanz lutschen, damit das bei MTV gespielt wird“, als Anmoderation für „Enforce Yourself“ nicht brüllkomisch? Dann gibt es nur noch zwei Möglichkeiten: a) Sie müssen mehr Alkohol trinken oder nach Dinslaken ziehen (das kommt aufs Gleiche raus); b) Wir versetzen dieser Anekdote den absoluten Todesstoß und sagen „Vielleicht hätte man dabeigewesen sein müssen.“

Notausgang: Die Kilians und deren ständige Erwähnung hier gehen Ihnen auf die Ketten? Sie finden, Bands aus der deutschen Provinz dürfen nicht klingen, als kämen sie aus dem englischsprachigen Ausland? Sie glauben, wer Locken hat, will wie die Strokes aussehen? Dann finden Sie hier sicher eine neue Heimat. Und wenn Sie sich auch noch anmelden wollen, bevor Sie lesen können, was die anderen Indienazis so denken, dann kennen Sie das hier bestimmt eh schon.

You can run but you can’t hide

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 5. September 2007 14:26

Gestern war mal wieder pl0gbar im Bochumer Café Konkret. Neben den üblichen Verdächtigen gab es auch drei neue Gesichter. Leider bin ich in der Disziplin „Namen merken“ ähnlich schlecht wie dieser Mann, der immer irgendwo im Fernsehen (glaub ich) auftritt, und die „Projekte“ und Websites krieg ich schon gar nicht zugeordnet.

Zwischendurch wurde unsere Gruppe von Fremden angesprochen: Wir seien doch sicher „webaffin“ (Alder, das Wort geht ja geschrieben mal gar nicht!), also internettechnisch versiert – ob wir nicht einen PHP-Entwickler kennten oder gar selbst ein solcher wären. Wir lachten sehr herzlich. (Für technisch unkundige Leute: Das sind Personen, die viel kompliziertere Webseiten zusammenbauen können als die Nachbarskinder, und die deshalb ähnlich begehrt und weit verbreitet sind wie humorvolle, gutaussehende Lebenspartner, die viel Geld verdienen und den Haushalt schmeißen wollen.)

Zu vorgerückter Stunde stellten Simon (Name nachgeschlagen) von 12rec.net und ich fest, dass wir beide aus Dinslaken stammen, ja: dass unsere jeweiligen Elternhäuser sogar wenige hundert Meter voneinander entfernt stehen müssen. Was folgte, war das übliche hektische Abklopfen von Gemeinsamkeiten, dass immer eintritt, wenn sich zwei Menschen fern der gemeinsamen Heimat begegnen. Nachdem wir Eppinghoven, Holtbrügge, Pastor Schneider, Stadtpark und Iggy Pop (den Dinslakener, nicht den echten) abgehechelt hatten, fragte Pottblog-Jens schon leicht fassungslos, ob es sich bei „Dinslaken“ um einen ähnlichen Geheimbund handele wie bei Scientology. Nein, tut es nicht.

Apropos Dinslaken: Heute Abend spielen die Kilians ein „exklusives Radiokonzert“ im Bochumer Riff (sogar beinahe richtig angekündigt, am 13. September im Dinslakener Jägerhof. Das Album (aktueller Amazon.de-Verkaufsrang: 89) erscheint am Freitag.

Wie ich einmal Filmgeschichte schrieb

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 23. August 2007 19:48

Immer wieder werde ich von Menschen (manchmal wildfremden) gefragt: „Sag mal Lukas, wieso hast Du eigentlich einen Eintrag in der Internet Movie Database?“

Okay, das ist gelogen. Genaugenommen bin ich noch nie gefragt worden, warum ich eigentlich einen Eintrag in der IMDb habe. Aber ich erzähl die Geschichte einfach trotzdem mal:

Die Vorgeschichte
Im Frühsommer 1999 sollten wir im Deutschunterricht der damals zehnten Klasse „etwas kreatives“ machen. Und da einige Freunde und ich im Frühjahr für unsere sehr moderne Verfilmung (manche würden sie „avantgardistisch“ nennen – oder „krank“) von E.T.A. Hoffmanns „Das Fräulein von Scuderi“ eine Eins bekommen hatten, dachten wir uns: „Klar, wir drehen wieder einen Film!“

Im Zuge des damals vorherrschenden Millennium-Hypes (und weil der Deutschlandstart von „Matrix“ kurz bevor stand) entwickelten wir eine Geschichte, in der der Teufel auf die Erde kommt, um die Apokalypse einzuleiten. Mit meinem besten Freund schrieb ich das Drehbuch zu „Doomsday 99“ und als wir alle aus dem Sommerurlaub zurück waren, stürzten wir uns in die Dreharbeiten, die alles in allem etwa sechs Wochen verschlangen.

Mit dem harten Kern von acht Leuten drehten wir in so ziemlich allen Wohnhäusern, derer wir habhaft wurden, in verlassenen Industrieruinen (wofür wir über Zäune klettern und unter halbverschlossenen Toren drunterherrollen mussten) und in Autos, hinter deren Fenstern grüne Tischdecken gespannt waren (keiner von uns hatte damals einen Führerschein und bei „Cityexpress“ fuhr der Zug schließlich auch nicht wirklich).

Ich fungierte als Regisseur, Kameramann, Drehbuchautor und Produzent in Personalunion, was hauptsächlich bedeutete, dass ich meine Freunde und jüngeren Geschwister herumkommandierte, anschrie und manchmal mit Sachen bewarf. Anschließend schnitt ich den Film auf dem Videoschnittgerät meines Großvaters, dem heute weitgehend unbekannten „Casablanca“, wo ich auch das grüne Tischtuch durch Landschaftsaufnahmen ersetzte, die ich aus dem fahrenden Auto meines Vaters heraus getätigt hatte.

Die überaus spektakulären Ergebnisse (wie wir fanden) sahen in etwa so aus:

Green Screen beim Dreh von “Doomsday” (vorher/nachher)

Im September – wir gingen längst in die elfte Klasse – zeigten wir den fertigen Film endlich im Deutschunterricht. Und obwohl er blutrünstig, gewalttätig und zu einem nicht geringen Maße Frauenverachtend war (keine weibliche Person blieb länger als fünf Minuten am Leben – allerdings auch kaum eine männliche), bekamen wir dafür eine Eins bei „Sonstige Mitarbeit“ aufgeschrieben. Der Film wurde im kleinen Soziotop eines Dinslakener Gymnasiums das, was man wohl als „Kult“ bezeichnet. Oder als „Trash“. Oder als „so schlecht, dass es schon fast wieder gut ist“.

Der Eintrag
Weil wir so ungeheuer stolz auf unseren Film waren, wollten wir natürlich auch, dass er angemessen gewürdigt wird. Ein Eintrag in der IMDb erschien uns also das Mindeste.

Ich machte mich schlau und stellte fest, dass man die Datenbank mit einem einfachen Datenstring füttern konnte. Also schrieb ich die Mitwirkenden unserer letzten drei Filme („Jesus – Back for God“ von den Tagen religiöser Orientierung im Januar, „E.T.A. Hoffmann’s Das Fräulein von Scuderi“ aus dem Frühjahr und „Doomsday 99“ eben) in eine E-Mail und schickte das Ganze ab.

Nach einigen Wochen erhielt ich die Antwort, dass unsere Filme abgelehnt worden seien. In der amerikanischen Entsprechung von „da könnte ja jeder kommen“ hieß es, die Filme müssten mindestens auf einem anerkannten Filmfestival gelaufen sein.

Ein paar Wochen später stellte ich fest, dass mein bester Freund Benjamin, der bei unserem „Jesus“-Film Regie geführt hatte, plötzlich als Regisseur des TV-Zweiteilers „Jesus“ geführt wurde. Dieser Eintrag war nach wenigen Tagen wieder verschwunden.

Wieder ein paar Wochen später stellte ich fest, dass der Datensatz der „Doomsday“-Produzenten1 offenbar als einziger durchgekommen war und überlebt hatte – in den Credits des mir bis heute völlig unbekannten B-Movies „Doomsday Man“.

Die Folgen
Wir waren gleichermaßen enttäuscht wie erheitert über das, was die IMDb da so geboten hatte. Aber wir vergaßen das alles, als im Dezember 1999 ein Film anlief, der Handlung, Szenen und sogar einzelne Einstellungen aus „Doomsday“ geklaut zu haben schien: „End Of Days“ mit Arnold Schwarzenegger. Dann sahen wir ein, dass die Dreharbeiten dazu schon vor längerer Zeit stattgefunden haben mussten, und beide Filme jetzt nicht sooooo originell waren. Da war uns auch „End Of Days“ egal – wie der Film übrigens jedem egal sein sollte.

Mit den Jahren stellten wir fest, dass offenbar ziemlich viele Filmdatenbanken ihre Datensätze mit denen der IMDb … nun ja: abgleichen – und so stehen wir heute nicht nur dort, sondern auch hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier.

Und weil Sie diese kleine, feine, aber doch irgendwie unspektakuläre Geschichte bis zum Schluss durchgelesen haben, sollen Sie dafür mit einem kleinen Schmankerl belohnt werden. Es sind – natürlich – die besten Szenen aus „Doomsday“:

1 Wir hatten in der Zwischenzeit erkannt, dass „Doomsday 99“ doch ein zeitlich zu begrenzt verwertbarer Titel sein würde.

Urlaub machen, wo andere leben

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 13. August 2007 17:34

Jesus auch in Bochum

Besucht man irgendwen irgendwo und drängt diese Person mit milder Gewalt dazu, am eigenen touristischen Programm mitzumachen, wird man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit am Ende einen Satz wie diesen hören: „Also, das fand ich jetzt wirklich interessant. Wenn man hier wohnt, guckt man sich das ja normalerweise gar nicht an.“

Mich kommt in Bochum leider niemand besuchen, weswegen Kathrin und ich uns am Wochenende einfach mal auf eigene Faust als Touristen in der eigenen Heimat versucht haben. Einen besonderen Grund dazu gab es eigentlich nicht, außer dass wir mal recht dringend Urlaub brauchten.

Gute Gründe, dass die Innenstadt voll ist, gibt es hingegen schon: Die Sonne scheint in all ihrer sommerlichen Pracht vom Himmel hinab, der VfL spielt zur Saisoneröffnung gegen Werder Bremen und auf dem Dr.-Ruer-Platz findet „Bochum kulinarisch“ statt, eine Art Weihnachtsmarkt ohne Geschenkestände und mit besserem Essen im Sommer. Es herrscht das, was in Fernsehdokumentationen mit dem Satz „Es herrscht Volksfeststimmung“ beschrieben wird, bevor dann irgendein Unglück passiert (Explosionen, einstürzende Tribünen, niedergeschlagene Volksaufstände).

Ein Unglück sollte uns am Samstag aber nicht passieren, denn Jesus liebt uns. Das behaupten zumindest die jungen Menschen, die uns hundert Meter weiter Flugblätter in die Hand drücken wollen. Wir bedanken uns für so viel Unterstützung, gehen aber lieber weiter, bevor wir noch beim großen gemeinsamen Singen mitmachen müssen. Kathrin möchte ihren Telefonanschluss kündigen, was aber im Telekom-Laden natürlich nicht geht. Deshalb gehen wir direkt weiter „Klamotten gucken“, also serious shopping betreiben. Zwanzig Minuten später habe ich bei C&A ein Paar Jeans in meiner Größe für 9 Euro erstanden (alle anderen Größen kosten 15 Euro, der Ursprungspreis ist dem Etikett leider nicht mehr zu entnehmen) und verschwand erst mal in den Tiefen einer Buchhandlung.

Um das Gefühl von Großstadt und Urlaub noch ein bisschen auszukosten, gehen wir zu Starbucks – davon hat Bochum inzwischen zwei Stück im New-York-verdächtigen Abstand von 250 Metern. Starbucks ist zwar eigentlich ein Super-Feindbild für alles und A haben mit „Don’t want your job in Starbucks“ eine wunderbar treffende Liedzeile zum Thema, aber wie sonst soll man Weltläufigkeit simulieren, wenn nicht mit einer amerikanischen Kaffeekette? Ganz unamerikanisch setzen wir uns allerdings hin1 – wenn auch draußen vor den Laden, wo wir die Menschen in der Fußgängerzone wie Quallen an uns vorbeitreiben lassen. Die Bochumer Innenstadt ist teilweise derart renoviert worden in den letzten Jahren, dass ich nur auf den Tag warte, an dem die Stadt das erste Mal in einem Fernsehfilm Berlin doubeln muss, weil sich die Kamerateams in Berlin ja sowieso immer gegenseitig auf den Füßen rumstehen.

Der shopping spree soll bei H&M weitergehen, dort haben sie schwarze Cordsackos, deren Erwerb ich seit einigen Jahren ernsthaft in Erwägung ziehe. Einmal hatte ich bereits eines gekauft, aber meine persönliche Stilberaterin, die lange als Marketing-Direktor in der New Yorker Modebranche gearbeitet hatte, schickte mich mit harrschem Ton zum Umtausch. Die Ärmel seien definitiv zu kurz, so ihr vernichtendes Urteil. Die Ärmel sind auch diesmal zu kurz, was den Verdacht nahelegt, dass meine Arme in Wahrheit zu lang sind. Dafür sind meine Beine zu kurz, was das Einstellen des Fahrersitzes im Auto immer zu einer längeren Angelegenheit werden lässt.

Nach etwa einer Stunde schwedischer Massenmode (ich hatte die ebenfalls shoppende Dame ja erwähnt) bin ich gegen Fünf langsam doch mal reif für Mittagessen. Also gehen wir zur Fischbraterei von Gülcans Schwiegervater und ich entscheide mich zwecks Urlaubsfeeling für ein Krabbenbrötchen mit Nordseekrabben. Das erinnert mich immer an die ungezählten Familienurlaube an der holländischen Nordseeküste (warum ein Brötchen mit Nordseekrabben in Bochum knapp die Hälfte von dem kostet, was man in Holland hinterm Deich bezahlt, kann mir sicher irgendein VWL-Student erklären, falls ich mal einen kennenlerne).

Für den Samstag reicht uns das, außerdem will ich ja die „Sportschau“ sehen. Hätte ich geahnt, dass in der ersten Stunde sowieso nichts interessantes läuft, hätte ich mir die Tierschützer, die in der Fußgängerzone Videos von leidendem Schlachtvieh zeigen, vielleicht noch mal genauer angeguckt.

Nach diesem großstädtischen Samstag hätten wir es am Sonntagabend gern ein paar Nummern kleiner. Das ist kein Problem, denn in fußläufiger Entfernung befindet sich das „Kirchviertel“ mit alten Bergarbeiterhäusern; diversen Bäckereien, Apotheken und Supermärkten; zwei Pizzabuden und tatsächlich einer Kirche. Uns interessiert aber besonders die Eisdiele: Die Auswahl ist noch größer als am Tag zuvor bei Starbucks und ich wünsche mir für einen Moment, irgendjemand würde einfach mal für mich entscheiden. Dann wäre ich aber vermutlich bei Banane-Mocca ausgekommen und nicht bei Ananas-Tiramisu wie jetzt. Vor uns ist ein Mann dran, der mit etwas eigentümlichen Wünschen zu überraschen weiß: Fünf Kugeln Mocca mit Sahne und zwei Kugeln Eis für den Hund (ohne Sahne).2

Eis schleckend und tropfend spazieren wir durch den Ortsteil, der so wunderbar dörflich wirkt, dass man kaum glauben kann, mitten im Ruhrgebiet zu sein. Die Bewohner des nahegelegenen Seniorenheims (das erklärt die vielen Apotheken) schlurfen durch die Straßen und meine Hände kleben von der zerlaufenen Eiscreme. Als wir wieder Richtung Universitätsstraße gehen, fragen wir uns, ob Bochum nicht vielleicht doch ein ganz guter Wohnort ist, auch längerfristig, und warum man sich sowas normalerweise nicht anguckt.

1 Folgender Dialog wurde mir mal aus einer kalifornischen High School überliefert:
Deutschlehrerin (Deutsche): „In Europe, especially in Germany, the people usually sit down in a cafe. I don’t get why Americans always have to walk around with their beverages.“
Schüler (Amerikaner): „It’s because they have jobs – which 4.5 million Germans don’t do, as I recall.“
Der Schüler wurde daraufhin des Unterrichts verwiesen.

2 Das ist allerdings nichts verglichen mit dem Mann, der in Dinslaken mal „Amarenata durchs Spaghetti-Eis-Sieb gepresst im Hörnchen“ haben wollte. Amarenata ist Eis mit ganzen Kirschen drin.

Wir raven (All night long)

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 13. August 2007 12:46

Neon Rave Kids: Am 17. August 2007 in DinslakenIch hatte hier bereits des Öfteren erklärt, dass es in Dinslaken eine überraschend hohe Dichte an Musikern verschiedenster Ausprägungen gibt. So oft, dass es bald langweilig werden könnte, und vermutlich öfter als sämtliche Lokalzeitungen zusammen.

Nur mit dem Nachtleben, da hapert es in Dinslaken noch etwas. Zwar gibt es die eine oder andere „Szenekneipe“ (Szene?! Welche Szene?), aber dort muss man als Heranwachsender immer mit der Angst leben, dass gleich die eigenen Eltern oder wenigstens deren Freunde hereinkommen, und das ist ja nun wirklich etwas, was „mal“ gar nicht „geht“. Ü25-Parties gibt es auch – ich habe gehört, der Einlass werde mitunter recht rigide geregelt und selbst 24Jährige hätten dort keine Chance -, aber mal ehrlich: Was will man da?

Insofern kann man eigentlich gar nicht genug würdigen, was da seit Juni einmal im Monat stattfindet: Neon Rave Kids, eine Partyreihe mit New Rave und Indietronics.

Richtig, lieber Großstadtpartygänger: Die Musik ist eigentlich schon uralt und fast schon wieder total out, aber wir reden hier von Dinslaken. Zur genaueren Einordnung der Sachlage: Die Parties finden im „Jägerhof“ statt und als ich vor vielen Jahren das letzte Mal auf einer regulären Party dort war, lief gerade „Summer Of ’69“, als ich ging. (Das ist kausal so nicht richtig: Ich ging, als „Summer Of ’69“ lief.) Wir reden hier also wirklich über zwei verschiedene Welten.

Jedenfalls: Die örtliche Jugend nimmt Neon Rave Kids ganz gut an, es weht ein Hauch von Großstadt durch den Laden (nur das Gelangweilt-in-der-Ecke-Rumstehen müssen die Dinslakener noch üben) und wir raven all night long zu Songs von Justice, Deichkind, CSS, Digitalism, The Sounds und Konsorten. Am kommenden Freitag ist es wieder so weit, diesmal gibt’s mit Freakatronic sogar Livemusik und anschließend dann halt Party.

Coffee And TV verlost verloste einmal zwei Gästelistenplätze für Konzert und Party. Der Gewinner wurde inzwischen benachrichtigt. Better luck next time!

Neon Rave Kids
Live: Freakatronic
am Freitag, 17. August 2007
ab 23:00 Uhr
im Jägerhof in Dinslaken
Eintritt: 5 Euro

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