Alben des Jahres 2018

Von Lukas Heinser, 4. Januar 2019 22:30

In Großbritannien ist der Absatz von CDs im vergangenen Jahr um 23% eingebrochen. Wenn das in Deutschland ähnlich aussehen – und die Zahlen des ersten Halbjahres deuten darauf hin – trifft mich sicherlich eine Mitschuld, denn so wenige CDs gekauft wie im letzten Jahr habe ich bestimmt seit 20 Jahren nicht mehr.

Dafür habe ich (auch weil ich endlich mal wieder richtig musikjournalistisch tätig bin) so viel Musik gehört wie seit vielen Jahren nicht mehr — und zwar über Spotify, was sich für mich immer noch so anfühlt, wie an diesen Hörstationen, die es früher im Saturn gab, kurz in die CD reinzuhören, die man in der Hand hält, ohne die Hülle öffnen zu müssen.

Ich bin, wie schon mal angedeutet, medial konservativ: Ich mag lineares Fernsehen, weil ich mich dort nur zwischen knapp 80 Sendern (realistischerweise für mich: zwölf) entscheiden muss und nicht zwischen zehntausenden Streaming-Angeboten.1 Ich lese Texte am Liebsten auf Papier, weil ich dann hinterher wenigstens noch ungefähr weiß, was drin stand. Und ich habe meine Musik und Filme gerne auf kleinen silbernen Scheiben, die kaputt gehen können, wenn sie in die Hände von Kleinkindern geraten oder 30 Jahre rumstehen.

Und selbst, wenn im letzten Jahr nur wenige CDs zu meiner Sammlung hinzugekommen sind, glaube ich immer noch an die Idee des Albums, also eines in sich geschlossenen Werks, bei dem die einzelnen Stücke in einer Reihenfolge stehen, die die Künstler*innnen kurz vor der Veröffentlichung als definitiv erachtet haben — weswegen es mich auch wahnsinnig macht, wenn auf „Special Editions“ zum x. Jubiläum eines Albums plötzlich die Reihenfolge oder gar die Auswahl der Songs geändert werden.

Lange Rede, kurzer Sinn: Hier sind meine 10 Alben des Jahres 2018!

10. Hayley Kiyoko – Expectations (Spotify, Apple Music)
Am 1. Januar 2018 rief Hayley Kiyoko via Twitter das Jahr „20GAYTEEN“ aus — und tat danach alles, damit sich ihre Vorhersage bewahrheitet. Ihr Debütalbum „Expectations“ ist zu weiten Teilen Roséwave in Reinform und damit genau das, was ich in diesem unendlichen Sommer hören wollte!

9. Tocotronic – Die Unendlichkeit (Spotify, Apple Music)
Viel, viel, viel zu selten gehört: Angekündigt als „Konzeptalbum“ und „Autobiographie in 12 Kapiteln“ (das Album enthält 16 Titel) durfte man vorab ein bisschen besorgt, aber auch gespannt sein. Tocotronic haben alle Erwartungen pulverisiert und ein Werk (ja: ein Werk!) vorgelegt, das in so viele Richtungen geht, in so vielen Farben schillert und doch genau die Essenz dieser Band wiedergibt.

8. Restorations – LP5000 (Spotify, Apple Music)
24 Minuten, sieben Songs — mehr braucht es nicht für ein beeindruckendes Album, das Geschichten aus einem Amerika erzählt, das verwirrt und gespalten ist. Mit heulenden Gitarren, Rock’n’Roll-Gesten und Pathos, mit Bruce Springsteen im Tank und The Gaslight Anthem, The Hold Steady und Japandroids im Rückspiegel (wo die Dinge ja immer ferner erscheinen, als sie in Wirklichkeit sind).

7. Clueso – Handgepäck I (Spotify, Apple Music)
Da hätte ich jetzt auch nicht unbedingt mit gerechnet: Dass Clueso ein Album rausbringt, das mich so abholt und mitnimmt. Darüber, wie es ist, unterwegs zu sein und an zuhause zu denken, über die Welt und die eigene Rolle darin — sehr reduziert und sehr anrührend. Benjamin von Stuckrad-Barre schwärmte von „Cluesos ‚Sea Change'“, mich hat es in seiner Wirkmächtigkeit an Tom Liwas „St. Amour“ erinnert. (Fun fact: Clueso ist inzwischen ziemlich genau so alt wie Tom Liwa, als der „St. Amour“ aufgenommen hat. Uff!)

6. Andrew McMahon In The Wilderness – Upside Down Flowers (Spotify, Apple Music)
Okay, okay: Andrew McMahon ist mir so nahe wie sonst nur Ben Folds, kettcar und R.E.M. (und vielleicht noch ein, zwei Dutzend andere Acts), aber nach dem letzten Album „Zombies On Broadway“ hatte ich ehrlich gesagt nicht mehr mit viel gerechnet. Umso erfreuter war ich, dass sich „Upside Down Flowers“ als Rückkehr zu alten Höhen entpuppte. Vielleicht habe ich das Album nach seinem Erscheinen im November ein bisschen überdosiert, aber: Es ist auch wirklich gut!

5. Meg Myers – Take Me To The Disco (Spotify, Apple Music)
Sie mochten Garbage, Hole, Fiona Apple, Garbage, Tori Amos und Skunk Anansie und sind traurig, dass die 1990er Jahre vorbei sind? Verzweifeln Sie nicht: Ziehen Sie sich Ihr Holzfällerhemd an, legen Meg Myers‘ zweites Album auf und drehen die Lautstärke hoch! So viel Druck, so viel Intimität und so verdammt kluge Texte! (Letztlich also auch irgendwie für Leute, denen Taylor Swifts „Reputation“ nicht konsequent genug war.)

4. Leoniden – Again (Spotify, Apple Music)
Da hätte ich jetzt auch nicht mit gerechnet: Dass aus Deutschland noch mal ein richtig gutes Indierock-Album kommt — auf Englisch! 32 Minuten, zehn Songs, aber Ideen für knapp 50: Auf „Again“ passiert so viel, dass man eigentlich Buch führen müsste — was leider nicht geht, weil das Album so sehr groovt. Ich scheue mich nicht, Leoniden in der Tradition der ganz großen deutschen Indierocker wie Pale und Miles zu sehen. Vielleicht klappt’s ja diesmal mit dem großen Erfolg!

3. Oh Pep! – I Wasn’t Only Thinking About You… (Spotify, Apple Music)
Irgendwo zwischen Folk und Indierock ruht das zweite Album des australischen Frauenduos Oh Pep! (Fun Fact: Pepita Emmerichs [Violine, Mandoline] hat in der Verfilmung von „Wo die wilden Kerle wohnen“ die große Schwester von Max gespielt — und man muss ja alle Menschen, die irgendetwas mit diesem absolut wundervollen Film zu tun hatten, eigentlich schon deshalb toll finden!) Ich höre Melancholie, Trost, Anflüge von Sarkasmus und Wut und zehn grandiose Songs.

2. DJ Koze – Knock Knock (Spotify, Apple Music)
Während die meisten Alben hier auf meiner Liste die Halbstunden-Marke nicht signifikant überschreiten, ist „Knock Knock“ eher unknackige 78 Minuten lang. So viel Zeit brauchen die Tracks aber auch, um sich aufzubauen, auszubreiten und die Hörer*innen einzuwickeln wie in eine warme Decke. Mit illustren Gästen wie Róisín Murphy, José Gonzales und Kurt Wagner hat DJ Koze ein abwechslungsreiches Album zusammengebaut, das auch schon 20 Jahren alt sein könnte — was hier ausdrücklich als Kompliment gemeint ist.

1. Rae Morris – Someone Out There (Spotify, Apple Music)
Wenn ich im März begeistert bin, kann sich das auch mal bis in den Dezember halten: Rae Morris hat mit ihrem zweiten Album einfach mein Album des Jahres aufgenommen — leicht, verspielt, melancholisch, humorvoll, warmherzig und sexy. Kurzum: Wäre dieses Album ein Mensch, wäre es der perfect crush.

  1. Ich nutze gerade einen Monat lang Netflix, weil ich „Springsteen on Broadway“ sehen wollte, und ich finde diese ganze Plattform so schlimm, dass ich fast schon Angst vor großen, roten „N“s habe, wenn ich sie irgendwo sehe. []

Lucky & Fred: Episode 27

Von Coffee And TV, 22. Dezember 2018 8:54


 
Lucky & Fred kehren ans Schauspiel Dortmund zurück, um auf 2018 zurückzublicken: Ein Jahr, von dem man seinen Enkeln erzählen würde?

Es kommt zum Wiedersehen mit Horst Seehofer, Friedrich Merz, Mesut Özil — und einem Gast, der sich gewaschen hat!

„Lucky & Fred“ als RSS-Feed
„Lucky & Fred“ bei iTunes
„Lucky & Fred“ bei Spotify
„Lucky & Fred“ bei Facebook

Im Blick zurück entstehen die Dinge

Von Lukas Heinser, 23. November 2018 13:18

Es kommt selten genug vor, aber manchmal, da hört man einen Song zum allerersten Mal und weiß schon nach drei Tönen, dass man ihn lieben wird. „House In The Trees“ ist so ein Song. Gut, dass könnte daran liegen, dass das Intro ein bisschen an „Sky High“ von Ben Folds Five bzw. Hotel Lights erinnert. Oder daran, dass der Refrain vage Erinnerungen an „Razor Boy“ (Steely Dan) und „Follow The Light“ (Travis) wachruft. Oder einfach daran, dass der Song von Andrew McMahon, einem meiner absoluten Lieblingsmusiker stammt.

Andererseits war „Zombies On Broadway“, sein letztes Album, bei aller Liebe nur so mittel zu ertragen gewesen: zu poppig, zu gradlinig, zu cheesy, zu seelenlos. „Then we went off in different directions / Kept in touch but it never was the same“, singt Andrew jetzt in eben jenem „House In The Trees“ über Freundschaften, die den Lauf der Zeiten nicht so gut überstanden haben, und ist damit plötzlich wieder ganz nah dran an meinem Herzen.

Mit The-War-On-Drugs-mäßigen Gitarren schraubt sich der Song seinem jingle jangle Refrain entgegen und da saß ich dann beim Erstkontakt in der nächtlichen S-Bahn und wollte sofort Bengalos anzünden:

When the last of your friends have gone
You learn a whole lot about hanging on and on
But if you crash and nobody sees
Just remember there will always be
A room for you in my house in the trees

Andrew McMahon In The Wilderness - Upside Down Flowers (Albumcover)Das ist zugegebenermaßen nah dran an jener Erbauungslyrik, mit der man von deutschsprachigen Neo-Schlager-Sängern in den letzten Jahren zugeschissen wird. Und dann singt er auch noch ständig von früher, und versprüht dabei diese Damals-mit-dem-Bier-an-der-Bushaltestelle-Nostalgie jener Popmusikanten um die 30, die sich am besten in der Band der Heimatvertrieben zusammentun sollten. Nur: Andy darf das. Er, 36, macht das mit der Musik jetzt sein halbes Leben lang, er hat mit Anfang Zwanzig eine Leukämie-Erkrankung überlebt, und er hat mit seinen Bands Something Corporate und Jack’s Mannequin so viele großartige Songs geschaffen, dass, wenn ich mir nur die wichtigsten Liedzeilen tätowieren ließe, meine gesamte Haut aufgebraucht wäre.

Eröffnet wird „Upside Down Flowers“ (der Albumtitel ist mutmaßlich eine Verneigung vor den Hängenden Gärten von Ehrenfeld — oder so) mit „Teenage Rockstars“, der offiziellen Band-Autobiographie unter all den autobiographischen Songs des Albums. Andy singt über seine Zeit mit Something Corporate, er könnte aber vermutlich auch über ungefähr jede andere junge Band singen:

We signed a deal and made some records
Sold out shows and married young
The money came, we started fighting
We partied hard and had our fun
We blew off deadlines
And forgot to call our friends

Das ist, wenn ich mich richtig erinnere, ziemlich genau die Quintessenz dessen, was Bob Geldof in der Toten-Hosen-Dokumentation „Nichts als die Wahrheit“ über die grundsätzlichen Probleme erzählt, die man als Band so hat. Damit ein Album zu eröffnen ist zumindest entwaffnend ehrlich. Und so geht es auch weiter: alles sehr persönlich, alles sehr autobiographisch. Das muss man als Hörer*in erst mal aushalten wollen.

Beim Sequencing, also der Festlegung der Songreihenfolge für ein Album, passiert es eher selten, dass in der Mitte ein Block mit den besten Songs hervorragt, aber genau so ist es hier mit den Tracks 4 bis 8:

„Monday Flowers“ dürfte der erste Andrew-McMahon-Song überhaupt sein, der ohne Lyrisches Ich auskommt: Er erzählt die Geschichte einer Frau, die von einer unglücklichen Liebschaft in die nächste stolpert, während sich musikalisch eine weiche Souldecke ausbreitet, auf der „Bill Withers, mit den Mitteln weißer Punkrock-Kids nachempfunden“ eingestickt ist.

In „Paper Rain“ träumt ein Pechvogel vom Geldregen, „This Wild Ride“ ist ein Trost-Walzer, den man gerne mit so vielen Menschen teilen würde („Sleep tight / There are dreams you have not dreamed / Doors to worlds unopened“) und in „Goodnight, Rock And Roll“ verneigt sich Andy vor den eigenen musikalischen Helden, die bereits gegangen sind: „If you find life on Mars, you’ve got to let us know“.

Und dann eben „House In The Trees“.

Das heißt nicht, dass der Rest Füllware wäre. Im Gegenteil: „Upside Down Flowers“ ist viel, viel besser, als ich befürchtet hatte. Es ist mindestens so gut wie das selbstbetitelte erste Album als Andrew McMahon In The Wilderness. Auch wenn ich mir mehr als einmal gewünscht hätte, die Musiker und der Produzent Butch Walker (Panic! At The Disco, Fall Out Boy, Pete Yorn, Weezer, Avril Lavigne, Frank Turner, …) hätten mal die Handbremsen gelöst und einen Song auch richtig rocken lassen. Aber gut: Wenigstens klingt es nicht mehr nach den Chainsmokers.

Der November, die Adventszeit und die Zeit „zwischen den Jahren“ sind wunderbare Zeitpunkte für Bestandsaufnahmen: Was ist passiert, in diesem Jahr und in meinem Leben? Wofür sollte ich dankbar sein? Genau in dieser Stimmung ist „Upside Down Flowers“ gehalten und genau diese Stimmung löst es in mir aus. Manchmal lohnt es sich eben, in Kontakt zu bleiben.

Andrew McMahon In The Wilderness – Upside Down Flowers
Spotify
Apple Music

Lucky & Fred: Episode 26

Von Coffee And TV, 21. November 2018 16:50


 
Angela Merkel geht in Altersteilzeit, da müssen Lucky & Fred aber Überstunden machen! In ihrer neuen Folge sprechen die beliebten Fernfahrer über verbitterte alte Männer, Putzerfische, die Grünen, das Ende der „Lindenstraße“ und den 9. November.

Aber es war ja nicht alles schlecht und die Ankündigung ihrer kleinen Deutschlandtour finden die beiden sogar richtig toll!

Shownotes:

„Lucky & Fred“ als RSS-Feed
„Lucky & Fred“ bei iTunes
„Lucky & Fred“ bei Spotify
„Lucky & Fred“ bei Facebook

Cinema And Beer: „Mission: Impossible — Fallout“

Von Coffee And TV, 29. August 2018 13:48

Mission: Impossible — Fallout (Offizielles Filmplakat)

Ihr Auftrag, für den Fall, dass Sie ihn annehmen: Gehen Sie ins Kino, schauen Sie den neuesten, sechsten, Film der „Mission: Impossible“-Reihe und sabbeln Sie anschließend bei einem kühlen Bier über Ihre Eindrücke.

Wie hätten Tom Thelen und Lukas Heinser diese Mission ablehnen können? Eben!

Cinema And Beer: „Mission: Impossible — Fallout“

Podcast bei iTunes abonnieren.
Normaler Podcast-Feed.

Lucky & Fred: Episode 25

Von Coffee And TV, 28. August 2018 19:08


 
In der klassischen Saure-Gurken-Zeit wollen auch sie keine Bockwurst: Lucky & Fred graben sich ein Sommerloch, in dem sie Alu- und Schlandhüte verbuddeln wollen. Vielleicht wird ihnen das ja als Freiwilliges Soziales Jahr angerechnet.

Ansonsten geht es viel um Flughäfen und TV-Unterhaltung und ganz besonders um eine jüngst verstorbene Legende, die Fred einst am Flughafen … Aber hören Sie selbst!

Shownotes:

„Lucky & Fred“ als RSS-Feed
„Lucky & Fred“ bei iTunes
„Lucky & Fred“ bei Facebook

Everybody’s feelin‘ warm and bright

Von Lukas Heinser, 26. Juli 2018 15:32

Die Popkultur frisst ihre Eltern. Und Großeltern.

Beim Versuch, wirklich jeden Song, der zwischen 1963 …

Entschuldigung, ich höre gerade: es erwischt jetzt auch Werke aus dem fucking 19. Jahrhundert!

Ich komm noch mal rein!

Beim Versuch, wirklich jeden Song, der jemals geschrieben wurde, mit einem dem gleichen langweiligen Beat zu unterlegen und damit bei Spotify Millionen ein paar Mark zu verdienen, weil Ihr jungen Leute offenbar nur noch Songs hören wollt, wenn sie alle den gleichen Beat haben, hat es jetzt einen weiteren Hit meiner Jugend erwischt: „Dancing In The Moonlight“.

Das … äh … Beeindruckendste an dieser Version ist gar nicht, dass man den Groove aus dem Hauptmotiv rausprügeln und durch einen anderen, zum hüftsteifen Stolperbeat passenden, ersetzen kann, – Nein! – das Beeindruckendste ist, dass es sich bei der 2000er Version von „Dancing In The Moonlight“, dem ersten, größten und (zumindest außerhalb Großbritanniens) traurigerweise auch einzigem Hit von Toploader (wir sprachen bereits darüber), auch schon um eine Coverversion handelte.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Coverversionen und Remixe sind unabdingbarer Bestandteil der Popkultur. Selbst die Beatles spielten zu Beginn ihrer Karriere andererleuts Songs nach, Matt Monros Version von „Yesterday“ wurde noch vor dem Beatles-Original als Single veröffentlicht. Es spricht ja nichts dagegen, einen Song alle 20 bis 30 Jahre einer neuen Generation zugänglich zu machen.

Diese Verfahren sind ja viel älter als die Popkultur selbst: Seit der Antike bedienten sich Kulturschaffende bekannter (oder nicht mehr ganz so bekannter) Materialien, um daraus Ähnliches, Anderes und Neues zu schaffen. Immer wieder versuchten Maler, Schriftsteller und Musiker (die meiste Zeit über leider tatsächlich nur Männer), von der Bekanntheit und dem Erfolg eines bestehenden Werkes zu partizipieren und ihm ihren eigenen Stempel aufzudrücken.

Die Betonung liegt hier auf „eigen“, denn was wir in den letzten Jahren miterleben müssen, ist die Fließbandabfertigung mit einem Stempel nach der Deutschen Industrienorm im Bundesamt für Elektronische Klangerzeugung (Abteilungsleitung: Schulz, Robin): immer zwischen 120 und 125 Beats pro Minute, immer der gleiche Rhythmus mit Bassdrum auf 1 und 3 und Snare (oder Handclap) auf 2 und 4 und vielleicht ein paar mehr oder weniger tropischen Anklängen drumherum. Junge Menschen hören das offenbar zum Entspannen, mich macht es so rasend wie vier Stunden Smooth Jazz aus den Lautsprechern eines Hotelfrühstückraums mit der Heimeligkeit eines Autohauses (aber gut: mein liebstes Lied zum Runterkommen ist „Destroy Everything“ von Hatebreed).

Das Elend lässt sich ziemlich gut zurückverfolgen zum Wankelmut-Remix von Asaf Avidans „Reckoning Song“, dem wir lustigerweise auch Julia Engelmanns „Eines Tages, Baby!“ verdanken, weswegen man seine verheerende popkulturelle Tragweite kaum hoch genug bewerten kann.

Wenn ich, weil ich ansonsten keinen Kontakt zu dieser Musik hätte, aber auf dem Laufenden bleiben möchte, die Liste der meist gespielten Lieder auf Spotify (und seit Neuestem auch die offiziellen Charts, die inzwischen ganz entscheidend von Streams und nicht mehr wirklich von Verkäufen bestimmt werden) durchhöre, fühle ich mich zunehmend wie mein Vater, wenn der mir früher erklärte, alle Lieder einer Band, die ich mochte, klängen gleich. (Was mein Großvater sicherlich auch damals schon über die Rolling Stones gesagt hat — damals zu recht, natürlich!) Wenn ich das Lied höre, kann ich kann die geometrischen Formen und bunten Farben vom Plattencover (bzw. aus dem Lyric-Video) schon sehen, und umgekehrt.

Ich wünsche den jungen Menschen von Herzen ihr eigenes Ding und ihre eigene Subkultur, aber durch die gleichzeitige weltweite Verfügbarkeit von allem ist es leider wie mit den Instagram-Streams all dieser Individualisten auf den vielen Musikfestivals: irgendwie ist es am Ende alles gleich.

So. Genug Kulturpessimismus für heute: Bleiben Sie neugierig!

Ein Sommer in pink

Von Lukas Heinser, 25. Juli 2018 19:30

Es gibt ja so Menschen, die man trifft und sofort am Liebsten mit ihnen befreundet wäre. (Oder in seltenen Fällen: verheiratet.) Es gibt aber auch Menschen, die man sich sofort als Kollegen wünscht und dazu gehören für mich die Leute von NPR Music. Die Musikredaktion des öffentlichen US-Radios macht erstklassigen Musikjournalismus (u.a. im Podcast "All Songs Considered"), ist richtig breit aufgestellt und ihre Mitglieder wirken alle unfassbar fachkundig und sympathisch.

Jetzt haben diese tollen Leute von NPR Music ein neues Musikgenre erfunden (wobei "erfunden" eigentlich nicht ganz stimmt, eher "gefunden"): Roséwave. Wer sich bei dieser maximal treffenden Bezeichnung noch nicht ganz vorstellen kann, um was es geht, sollte an Acts wie HAIM, Carl Rae Jepsen, Tegan And Sara und Vampire Weekend denken. Und an junge Menschen, die unterbezahlt viel zu viele Stunden in Agenturen in der großen Stadt kloppen und sich dann nach Feierabend mit ihren Freunden in öffentlichen Parks treffen, Musik aus Bluetooth-Boxen hören und dabei … nun ja: Rosé trinken.

Mir war das Anfangs nicht klar, aber Roséwave deckt als Genre weite Teile meines eigenen Musikgeschmacks ab (realistischerweise könnte man auch sehr viel ESC-Musik darunter einsortieren). Und weil die Menschen bei NPR Music nicht nur sehr sympathisch sind, sondern auch sehr gewissenhaft, sind sie nach einem Aufschlag im vergangenen Jahr jetzt so richtig bei der Sache mit einer eigenen Folge "All Songs Considered" und wöchentlich neuen Playlists mit verschiedenen, ja: Schwerpunkten. Da geht es dann um die schönsten Roséwave-Songs bei Liebeskummer, die besten Roséwave-Single-Hymnen und spezielle Roséwave-Tracks für Männer. Ich bin mir beinahe sicher, dass sie mit der ganzen Nummer ein bisschen übertreiben — und finde es doch sensationell toll. So toll, dass ich dann neulich im Supermarkt tatsächlich Rosé gekauft habe. Wenn der Sommer noch zwei Monate anhält, habe ich mich bis dahin bestimmt auch an den Geschmack gewöhnt.

Dieser Text erschien ursprünglich in meinem Newsletter „Post vom Einheinser“, für den man sich hier anmelden kann.

Lucky & Fred: Episode 24

Von Coffee And TV, 20. Juli 2018 14:05

 
In einem ansonsten menschenleeren Büro in Dortmund-Barop müssen sich Lucky und Fred erstmal wieder daran gewöhnen, wie es ist, ohne Theaterpublikum zu sein. Dabei hilft ihnen ein Mann, der seit Jahren von der Rolle ist: Horst Seehofer, der Donald Trump aus Ingolstadt.

Nachdem sie den Bundesinnenminister hinreichend verarztet haben, kümmern sich die chronisch überwitzelten Chronisten um Donald Trump, den Horst Seehofer aus New York.

Lucky erwägt, einer Partei beizutreten, Fred schafft die Sommerzeit ab und gemeinsam erinnern sie an das bedeutendste fünfte Jubiläum in der Geschichte des WDR Fernsehens.

Der Trost, wie immer: Es war nicht alles schlecht — und Lucky und Fred werden auf die Bretter, die die Welt bedeuten, zurückkehren!

Shownotes:

„Lucky & Fred“ als RSS-Feed
„Lucky & Fred“ bei iTunes
„Lucky & Fred“ bei Facebook

Irgendwo da draußen

Von Lukas Heinser, 11. Juli 2018 14:59

Ich hatte hier ja schon mehrfach über Rae Morris geschrieben.

Mit nur viermonatiger Verspätung habe ich jetzt festgestellt, dass es zu „Someone Like You“, dem Titeltrack ihres sehr, sehr guten zweiten Albums, ein Musikvideo gibt:

Wunderschöner Song und das Video drückt bei mir natürlich auch alle Knöpfe: dieses Fotoshoot-Setup mit den „normalen“ Menschen, das Mitsingen und dann auch noch ein tanzendes altes Paar! Hach! Bis zur letzten Einstellung!

„Wo hab ich das mit diesen Leuten, die fotografiert werden sollen, denn schon mal gesehen?“, habe ich mich gefragt und mir die Frage dann auch gleich selbst beantwortet.

Zum Beispiel (deutlich patriotischer — und das vor 9/11) bei Madonna:

Oder bei „’74–’75“, diesem unwahrscheinlichen 90er-Hit der amerikanischen Band The Connells über die Abschlussklasse von 1975 (und damit lustigerweise auch über den Abijahrgang meiner Eltern):

Bei meinen kurzen Recherchen zu „’74–’75“ bin ich nicht nur auf einen charmanten kleinen Text über das Lied beim „Guardian“ gestoßen (verstörenderweise in der Rubrik „Old Music“ — Entschuldigung, 1995 war doch gerade erst?!), sondern auch auf dieses sehr rührende Update des Musikvideos zum 40-jährigen Abitreffen der Class of ’75:

Und weil’s thematisch so schön passt, bin ich dann gerade auch noch über einen Song gestolpert, der nach meinem Abijahrgang benannt ist: „2002“ der britischen Sängerin Anne-Marie Nicholson, der aktuell auf Platz 60 der deutschen Charts steht. (Anne-Marie war 2002 elf Jahre alt.)

Seite: << 1 2 3 4 5 6 ... 172 >>