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2010 – the year something broke

In Jah­res­end­zeit­stim­mung schaut man ja ger­ne zurück auf das enden­de Jahr, resü­miert und fer­tigt – wenn man der­lei Neu­ro­sen pflegt – obsku­re Lis­ten an. Auf eine Leser­wahl haben wir nach dem Muse-Deba­kel im Vor­jahr ein­fach mal ver­zich­tet und Unhei­lig per Akkla­ma­ti­on zu Ihrer Lieb­lings­band 2010 ernannt.

Doch die letz­ten Dezem­ber­ta­ge lie­ßen mich auch per­sön­lich nach­denk­lich zurück: Was hat­te ich eigent­lich gehört und gut gefun­den?

Mei­ne last.fm-Charts waren eini­ger­ma­ßen wert­los: Aus ver­schie­de­nen Grün­den tauch­ten Songs wie „Fire­f­lies“ (Owl City), „Baby“ (Jus­tin Bie­ber) oder „Catch Me I’m Fal­ling“ (Real Life, hät­ten Sie’s gewusst?) in mei­nen Jah­res-Top-25 auf, was ich in ers­ter Linie besorg­nis­er­re­gend fand. Außer­dem waren alle Songs des Albums von The Natio­nal dabei, was immer­hin schon mal einen deut­li­chen Hin­weis auf das Album des Jah­res gibt, denn so unfass­bar groß wie „High Vio­let“ war 2010 tat­säch­lich nichts mehr.

Es ist nicht aus­zu­schlie­ßen, dass ich das Bes­te wie üblich über­se­hen habe: Arca­de Fire, Get Cape. Wear Cape. Fly, Eels, Suf­jan Ste­vens – alles nicht oft genug gehört, weil mir der Sinn grad nach etwas Ande­rem stand. So habe ich ja auch „Only Revo­lu­ti­ons“ von Biffy Cly­ro erst im Okto­ber 2010 für mich ent­deckt, es ist also denk­bar, dass es auch im letz­ten Jahr wenigs­tens ein gutes Gitar­ren­rock-Album gab – wahr­schein­lich ist es aller­dings nicht, zu wenig ist in den ver­gan­ge­nen Jah­ren im Rock­seg­ment pas­siert. Die Manic Street Pre­a­chers etwa haben mit „Post­cards From A Young Man“ ein durch­aus sehr gutes Spät­werk raus­ge­bracht, aber geknallt hat das jetzt auch nicht rich­tig. Und falls es span­nen­de Neu­lin­ge gab, muss ich sie alle­samt über­se­hen haben: The Hold Ste­ady haben sou­ve­rän gerockt, Jason Lyt­le hat mit sei­ner Post-Grand­ad­dy-Band Admi­ral Rad­ley schön ver­schro­be­nen Indie­rock gemacht, The Gas­light Anthem waren okay, Ende des Jah­res kam mit „All Soul’s Day“ ein ordent­li­ches Lebens­zei­chen von The Ata­ris – aber, Ent­schul­di­gung: Wir spre­chen vom Jahr 2010! Völ­lig okay, dass Ben Folds mit lyri­scher Unter­stüt­zung von Nick Horn­by end­lich mal wie­der ein rich­tig gutes Album gemacht hat, aber der Mann ist jetzt auch schon seit 17 Jah­ren dabei.

Immer­hin haben nicht alle Bands so ent­täuscht wie Wir Sind Hel­den, Shout Out Louds, Ste­reo­pho­nics oder – rich­tig schlecht – Jim­my Eat World und Danko Jones. Weezer haben angeb­lich schon wie­der min­des­tens ein Album ver­öf­fent­licht. Die meis­ten mei­ner Lieb­lings­bands hat­ten sich eh eine Aus­zeit genom­men und ihre Sän­ger solo vor­ge­schickt: Alles über­rag­te dabei Jón­si von Sigur Rós, des­sen „Go“ zu den bes­ten Alben des Jah­res gehört. Jakob Dylan war schon zum zwei­ten Mal ohne Wall­flowers unter­wegs, hat die Band aber immer noch nicht auf­ge­löst. Dabei ist das düs­ter-fol­ki­ge „Women & Coun­try“ eigent­lich bes­ser als alles, was er vor­her gemacht hat. Fran Hea­ly (Tra­vis) und Bran­don Flowers (The Kil­lers) lie­ßen erst The­ra­pie­sit­zun­gen erwar­ten, klan­gen dann aber gar nicht mehr so anders als ihre Bands – eben gut, aber auch nicht mehr so rich­tig span­nend. Carl Barât gehört auch irgend­wie in die­se Auf­zäh­lung, obwohl er die Dir­ty Pret­ty Things ja längst auf­ge­löst hat und es die Liber­ti­nes wie­der gibt. Kele (Bloc Par­ty) und Paul Smith (Maxï­mo Park) hab ich ver­passt. Und die­ses Jahr ver­öf­fent­licht dann Thees Uhl­mann (Tom­te) sein Solo-Debüt …

In Sachen Hip-Hop ging auch nicht mehr so rich­tig viel: Kid Cudi blieb mit sei­nem Zweit­werk hin­ter den Erwar­tun­gen zurück, Kanye West hat ein irres Gesamt­kunst­werk raus­ge­bracht, das mit dem Album eines Ein­zel­in­ter­pre­ten wenig gemein hat und sich mir womög­lich erst in ein, zwei Jahr­hun­der­ten erschlie­ßen wird. Emi­nem war durch­aus kraft­voll wie­der da, krieg­te den meis­ten Air­play aber für ein Duett mit der lang­sam unver­meid­li­chen Rihan­na. Aus Groß­bri­tan­ni­en kam immer­hin Pro­fes­sor Green mit einem dre­ckig-bun­ten Grime-Strauß.

Im Pop gab es (neben Lady Gaga) vor allem zwei The­men: Das gro­ße Come­back von Take That als Quin­tett und Lena. Mit Hil­fe von Stuart Pri­ce (s.a. Scis­sor Sis­ters) nahm die eins­ti­ge Vor­zei­ge-Boy­group (Huch, aus wel­chem Par­al­lel­uni­ver­sum kam denn die­se Kli­schee-For­mu­lie­rung?) ein erstaun­lich elek­tro­ni­sches Album auf – „reif“ hat­te die Band seit ihrem Come­back 2006 ja die gan­ze Zeit geklun­gen. Die zu „Pro­gress“ gehö­ren­de Doku­men­ta­ti­on „Look Back, Don’t Sta­re“ zeigt die Fünf dann auch als wei­se älte­re Her­ren, die ihre Dämo­nen lang­sam aber sicher alle bekämpft haben und jedem Mann Mitte/​Ende Zwan­zig Mut machen, in zehn bis fünf­zehn Jah­ren so gut aus­zu­se­hen wie nie zuvor. Oder man zeugt wenigs­tens eine Toch­ter wie Lena Mey­er-Land­rut, die exakt fünf Tak­te brauch­te, bis sich erst alle Zuschau­er von „Unser Star für Oslo“ und dann 85% der deut­schen Bevöl­ke­rung in sie ver­lieb­ten. Natür­lich war der Tri­umph beim Euro­vi­si­on Song Con­test eine mit­tel­schwe­re Sen­sa­ti­on und auch für mich per­sön­lich ein Erleb­nis, aber das Album „My Cas­set­te Play­er“ war lei­der trotz­dem eine ziem­li­che Ent­täu­schung. Text­lich schwer rüh­rend, aber auch völ­lig see­len­los pro­du­ziert, ragt das von Ellie Goul­ding geschrie­be­ne „Not Fol­lo­wing“ her­vor, der Rest ist nett, aber belang­los.

Was kam sonst aus Deutsch­land? Toco­tro­nic, die mich etwas rat­los zurück­lie­ßen, Erd­mö­bel mit dem bes­ten deutsch­spra­chi­gen Album seit Jah­ren, Die Fan­tas­ti­schen Vier, die sich irgend­wo zwi­schen „Bild“-Interview (in Mor­gen­män­teln im Bett!) und Wer­be­deals voll­ends der Bedeu­tungs­lo­sig­keit hin­ga­ben, wäh­rend Fet­tes Brot ihr vor­läu­fi­ges Ende ver­kün­de­ten. Und dann halt so Leu­te, die man per­sön­lich kennt wie Tom­my Fin­ke, Enno Bun­ger oder die phan­ta­sischen Poly­a­na Fel­bel.

Auf vier bis acht groß­ar­ti­ge Alben folgt eine gan­ze Men­ge Mit­tel­maß und die Gewiss­heit, dass ich vie­les sicher noch über­hört habe. Dafür haben mich die Alben, die ich dann tat­säch­lich gehört habe, zu sehr auf­ge­hal­ten: The Natio­nal, Erd­mö­bel, Del­phic, Jón­si, Jakob Dylan und die Vor­jah­res­über­se­hun­gen Biffy Cly­ro und Mum­ford & Sons. Die Lis­te mei­ner Lieb­lings­songs wird irgend­wo hin­ter Platz 8 recht schnell belie­big, hat aber immer­hin einen rich­ti­gen Kra­cher auf der Eins: „Tokyo“ von The Wom­bats, mit denen ich ehr­lich gesagt am aller­we­nigs­ten gerech­net hät­te.

In den Charts domi­nier­ten erst die Fuß­ball­hym­nen (das vom Kom­merz zer­stör­te „Wavin‘ Flag“ von K’na­an und das nur ner­vi­ge „Waka Waka“ von Shaki­ra), ehe sich das Land zum Jah­res­en­de zwei wahn­sin­nig unwahr­schein­li­che Num­mer-Eins-Hits gönn­te: Eine 17 Jah­re alte Kreu­zung zwei­er Ever­greens auf der Uku­le­le, gesun­gen vom schwer­ge­wich­ti­gen und zwi­schen­zeit­lich ver­stor­be­nen Isra­el Kama­ka­wi­wo’o­le und ein aus dem Wer­be­fern­se­hen bekann­ter, ursprüng­lich nicht als Sin­gle ange­dach­ter Song von Empire Of The Sun, die andert­halb Jah­re zuvor erfolg­los ver­sucht hat­ten, mit einem sehr viel ein­gän­gi­ge­ren Song über das Wer­be­fern­se­hen erfolg­reich zu sein. In den Album­charts durf­te sowie­so jeder mal ran und wenn gera­de kein gro­ßer Name (Peter Maf­fay, AC/​DC, Iron Mai­den, Joe Cocker, Depe­che Mode, Bruce Springsteen) sein neu­es Album raus­ge­hau­en hat­te, schos­sen wie selbst­ver­ständ­lich Unhei­lig wie­der an die Spit­ze der Hit­pa­ra­de.

Na ja: Neu­es Jahr, neu­es Glück.

Songs & Alben 2010 – Die Lis­ten

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Eigentlich sind sie als Punkband unterwegs

Sie wer­den es ver­mut­lich nicht mit­be­kom­men haben und auch die spe­zi­ells­ten Spe­cial-Inte­rest-Web­sei­ten schwei­gen sich zu dem The­ma aus, aber heu­te ist ein ganz beson­de­rer Tag: Der ers­te öffent­li­che Auf­tritt der Band Zucht­schau jährt sich zum zehn­ten Mal.

Sie wer­den über die­se Band nichts fin­den, denn damals war das Inter­net durch­aus noch ver­gess­lich, aber es ist ein guter Moment, aus dem Schat­ten der Anony­mi­tät her­aus zu tre­ten und zu sagen: Ich war Teil von Zucht­schau.

Die recht kur­ze und in wei­ten Tei­len ereig­nis­lo­se Geschich­te die­ser Band begann im Janu­ar 2000 auf dem Schul­hof eines Dins­la­ke­ner Gym­na­si­ums. Mat­thi­as, ein lang­jäh­ri­ger Schul­freund von mir, plan­te mit zwei Schü­lern aus der Stu­fe über uns, gemein­sam eine Band zu grün­den. Nur ein Schlag­zeu­ger fehl­te ihnen noch. Da ich von mei­nem sieb­ten bis zum drei­zehn­ten Lebens­jahr Schlag­zeug­un­ter­richt bekom­men hat­te und man sowas ja bestimmt nicht ver­lernt, bot ich mich an. Am dar­auf fol­gen­den Frei­tag fand die ers­te Pro­be im Kel­ler des legen­dä­ren ND-Jugend­zen­trums statt.

Ich woll­te ger­ne eine Band grün­den, die nach Ben Folds Five klang, aber danach sah es nicht aus: Wir hat­ten nicht nur kei­nen Pia­nis­ten, son­dern auch kei­nen Bas­ser. Mat­thi­as und Tho­mas wür­den Gitar­re spie­len, Sebas­ti­an sin­gen. Unser Saxo­pho­nist (!) war nur bei weni­gen Pro­ben dabei. Auch vom Gen­re her muss­te ich Kom­pro­mis­se ein­ge­hen, denn Tho­mas und Sebas­ti­an woll­ten eine Punk­band grün­den. Mei­ne eige­nen Erfah­run­gen mit dem The­ma beschränk­ten sich damals noch auf eini­ge Songs der Toten Hosen und der Ärz­te, die ich im Musik­fern­se­hen gese­hen hat­te, aber das war mir egal: Haupt­sa­che Musik machen, berühmt wer­den und Mäd­chen abgrei­fen.

Beim Band­na­men hat­te ich eben­so wenig zu sagen: Er stand fest, seit Tho­mas und Sebas­ti­an im Vor­jahr bei einer Teckel-Zucht­schau auf unse­rem Schul­hof ein Hin­weis­schild mit dem Schrift­zug „Zucht­schau“ ent­wen­det hat­ten, das seit­dem Tho­mas‘ Jugend­zim­mer schmück­te.

Tho­mas brach­te damals zu jeder Pro­be einen neu­en Song mit, die wir alle recht schnell drauf hat­ten. Ich spiel­te immer den glei­chen Beat, er spiel­te vier Akkor­de, Mat­thi­as gnie­del­te irgend­was dazu und von Sebas­ti­an ver­stand man kaum was, weil er über einen schwa­chen klei­nen Gitar­ren­ver­stär­ker sang. Was sich von der Her­an­ge­hens­wei­se schwer nach Punk anhört, klang im Ergeb­nis aber wie vier bra­ve Söh­ne aus der Mit­tel­schicht, die ver­su­chen, Punk zu spie­len.

Nach weni­gen Wochen wech­sel­ten wir vom Jugend­zen­trum in den Kel­ler mei­nes Eltern­hau­ses, wo ich mich jetzt an mei­nem eige­nen Schlag­zeug ver­aus­ga­ben konn­te. Stil­echt wur­den zu jeder Pro­be Dop­pel­kek­se und Eis­tee gereicht.

Zur Geburts­tags­fei­er mei­nes Vaters kam es zum ers­ten Auf­tritt vor Publi­kum, den man wohl­wol­lend als „avant­gar­dis­tisch“ bezeich­nen könn­te, musik­wis­sen­schaft­lich prä­zi­se als „schlecht“. Alles dröhn­te und schep­per­te, von Sebas­ti­ans Stim­me war so gut wie nichts zu hören. Unter­des­sen begann sich der dro­hen­de Abstieg der Band abzu­zeich­nen: Der Schlag­zeu­ger (also ich) hat­te sich selbst das Gitar­ren­spiel bei­gebracht und woll­te nun eige­ne Songs bei­steu­ern – das tod­si­che­re Ende jeder Band.

Von Din­gen wie MySpace konn­te man damals nur träu­men: Mit einem ein­zi­gen Mikro­fon nah­men wir das Geschep­per im Pro­be­raum am PC auf und über­spiel­ten es anschlie­ßend auf eine Musik­kas­set­te, die Tho­mas und Sebas­ti­an beim Besuch eines Wohl­stands­kin­der-Kon­zerts der Band mit­ge­ben woll­ten.

Einem Auf­tritt beim Nach­bar­schafts­fest soll­te im August end­lich der ers­te offi­zi­el­le Auf­tritt fol­gen: Wir waren im Nach­wuchs­pro­gramm des tra­di­ti­ons­rei­chen Stadt­fests „DIN-Tage“ vor­ge­se­hen. Das Kon­zert stand unter kei­nem guten Stern, denn zunächst muss­ten wir (um des Fami­li­en­frie­dens wil­len – sehr punk) auf unse­ren selbst­ge­bas­tel­ten Back­drop ver­zich­ten, den unser Band­lo­go zier­te:

Logo der Band Zuchtschau

Mein Groß­va­ter hat­te das Ban­ner zufäl­li­ger­wei­se zu Gesicht bekom­men und fühl­te sich beim Anblick unse­res Dackels offen­bar an eine Orga­ni­sa­ti­on erin­nert, die nach sei­nen Aus­sa­gen „Tau­send hin­ter­rücks erschos­sen und in die Luft gesprengt“ habe. Auf gar kei­nen Fall dürf­ten wir damit in die Öffent­lich­keit, sag­te er, und wir müss­ten auch mal an die Kar­rie­ren unse­rer Eltern den­ken. Wir hät­ten aber gar kein wei­te­res Bett­la­ken bema­len müs­sen, da das Kon­zert wegen einer Unwet­ter­war­nung sowie­so abge­sagt wur­de. Das ange­kün­dig­te Gewit­ter soll­te Dins­la­ken frei­lich nie errei­chen.

Im Dezem­ber 2000 soll­te dann aber wirk­lich der ers­te Auf­tritt statt­fin­den – beim tra­di­ti­ons­rei­chen „School’s Out“, bei dem nun wirk­lich jede Dins­la­ke­ner Band, die län­ger als ein paar Wochen exis­tier­te, irgend­wann mal gespielt hat. Für das Kon­zert hat­te sich das Kul­tur­amt der Stadt etwas ganz beson­de­res ein­fal­len las­sen: Es soll­te einen Sam­pler mit Songs von allen auf­tre­ten­den Bands drauf geben. Die Bands, die – wie wir – kei­ne ordent­li­chen Auf­nah­men vor­wei­sen konn­ten, beka­men einen hal­ben Tag im Ton­stu­dio spen­diert. In Zei­ten, wo ange­sichts lee­rer Kas­sen als ers­tes bei Kul­tur- und Jugend­ar­beit gespart wird, klingt die­se Anek­do­te wie eine Geschich­te aus einer längst ver­gan­ge­nen sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Epo­che, aber sie ist wirk­lich erst zehn Jah­re her.

Mit einem Demo unse­res Songs „Held im Traum­land“ fuh­ren wir in ein klei­nes Duis­bur­ger Stu­dio und ver­such­ten, das Lied irgend­wie auf Band zu ban­nen. Schlag­zeug und Rhyth­mus­gi­tar­re wur­den gleich­zei­tig ein­ge­spielt (ohne Klick­spur natür­lich, das hät­ten wir nie hin­be­kom­men), der Rest spä­ter drü­ber­ge­legt. „Ihr wisst schon, dass Ihr im Refrain schnel­ler wer­det?“, frag­te unser Pro­du­zent (kräf­tig gebaut, Ket­te rau­chend und schnauz­bär­tig) besorgt und wir ant­wor­te­ten – lei­der wahr­heits­ge­mäß – damit, dass das Absicht sei. Am Ende des Tages hat­ten wir tat­säch­lich einen fer­ti­gen Song, auf dem sogar ein Bass zu hören war – Mat­thi­as hat­te noch eben eine sehr schlich­te Bass­spur ein­ge­spielt.

Das „School’s Out“ kam und in Sachen Grö­ßen­wahn konn­te uns kaum jemand etwas vor­ma­chen: Wie die gro­ßen Rock­bands, die wir aus dem Fern­se­hen kann­ten, hat­ten auch wir Com­pu­ter­ge­schrie­be­ne Set­lis­ten, eige­ne Time­ta­bles („Dins­la­ken, GER: Sound­check 4pm, Doors 4.30pm, Din­ner 5pm, Zucht­schau 5.45pm“) und eine schrift­li­che Dreh­ge­neh­mi­gung für unse­ren Freund mit­ge­bracht, der das Kon­zert auf Video 8 ban­nen soll­te. Tat­säch­lich ver­folg­ten eini­ge Leu­te unse­ren Auf­tritt, sogar eini­ge „Fans“ waren ange­reist: dicke, pick­li­ge Jun­gen aus der Nach­bar­stadt, die noch uncoo­ler waren als wir.

Wir bret­ter­ten durch unser Set, wobei ich im Rück­blick anneh­men muss, dass wir nicht für fünf Cent Pfen­nig gerockt haben. Bei unse­rem Song „Win­ke, Win­ke“ (eine von Ramm­stein inspi­rier­te Hym­ne auf die Tele­tub­bies – I kid you not) zer­schmet­ter­te Sebas­ti­an das Kin­der­key­board, auf dem er das Intro gespielt hat­te, vor den Augen ver­wirr­ter Secu­ri­ty-Ange­stell­ter auf der Büh­ne. Am Ende waren wir so schnell gewe­sen, dass wir noch Zeit hat­ten, eine (weder geplan­te noch geprob­te) Zuga­be nach­zu­schie­ßen.

Head­li­ner (auch für so etwas gab es im Dins­la­ken des Jah­res 2000 noch Geld) des School’s Out war die Mag­de­bur­ger Band Scycs, deren Sin­gle „Radio­star“ wei­land ein klei­ner Hit war. Die Musi­ker gin­gen auf unse­ren Vor­schlag ein, gemein­sam mit allen Bands des Abends ein Weih­nachts­lied zu into­nie­ren, doch der Ver­such ende­te in einem rie­si­gen Cha­os, des­sen Aus­ma­ße ich womög­lich noch irgend­wo auf Video habe.

Im Jahr 2001 spiel­ten wir bei einem Band­wett­be­werb in Moers unse­ren ein­zi­gen Auf­tritt außer­halb Dins­la­kens, außer­dem bei einem Akti­ons­tag gegen Rechts, beim ein­zi­gen Dins­la­ke­ner Enten­ren­nen, beim hun­derts­ten Geburts­tag unse­rer Schu­le und tat­säch­lich (ganz ohne Back­drop) bei den DIN-Tagen.

An einem Frei­tag im Novem­ber ver­lie­ßen Mat­thi­as und ich die Band. Sebas­ti­an hat­te sich weni­ge Stun­den zuvor einen Bass gekauft.

Doch wie klang die­se Band, der es so ergan­gen ist wie Tau­sen­den Nach­wuchs-Spi­nal-Taps vor und nach ihnen? Unge­fähr so:

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Die Über­schrift die­ses Ein­trags ist bei Tom­my Fin­ke geklaut.

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Musik Rundfunk

Leser fragen, Heinser antworten (1)

Lese­rin Katha­ri­na S. aus K. fragt: „Unhei­lig. Was ist das für Musik, wer hört das?“

Lukas Hein­ser ant­wor­tet: Vie­le Men­schen, die sich sonst nicht für Musik inter­es­sie­ren

Und: Elmar The­ve­ßen, Stell­ver­tre­ten­der Chef­re­dak­teur und Ter­ro­ris­mus­exper­te des ZDF:

Was hat ihn am meis­ten beschäf­tigt, beein­druckt, betrof­fen gemacht?

„Zwi­schen all dem Leid in die­sem Jahr haben die Bil­der von der Ret­tung der Berg­leu­te in Chi­le so unend­lich gut getan. Dazu noch der Song ‚Gebo­ren, um zu leben‘. Genau dar­um geht es doch eigent­lich bei allem, auch wenn wir das manch­mal ver­ges­sen“, so The­ve­ßen.

[Quel­le: Pres­se­news­let­ter des ZDF.]

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Leben Unterwegs

Vandalen auf der Durchreise

Gera­de im Regio­nal­ex­press die viel­leicht bes­te Durch­sa­ge ever gehört:

Ver­ehr­te Fahr­gäs­te, wir wis­sen selbst, dass das heu­te alles etwas beschei­den ist, aber lei­der hat­ten wir heu­te auf dem Weg von Aachen nach Hamm eine Schul­klas­se im Wagen 3, die die Sit­ze auf­ge­schlitzt und mit Flüs­sig­keit über­gos­sen hat. Wir muss­te den Wagen des­we­gen lei­der abschlie­ßen.

Der Rest der Durch­sa­ge ging im Geläch­ter der Fahr­gäs­te unter.

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Digital

Foto: Fritz Fischer

Da ist den Machern von tagesschau.de aber eine beson­ders gelun­ge­ne Kom­bi­na­ti­on von leicht wind­schie­fer Über­schrift und pas­sen­dem Sym­bol­fo­to gelun­gen:

EU senkt Fangquoten für Nordsee: Kabeljau kann aufatmen

Ent­deckt von Natu­ral­Born­Kie­ler.

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2010 — Der Jahresrückblick (Teil 2)

In der zwei­ten Fol­ge unse­res Jah­res­rück­blicks spre­chen Herr Fin­ke, Herr Rede­lings und ich über Musik, Fuß­ball und Poli­tik, sowie über ande­re Kata­stro­phen:

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Digital Gesellschaft

Und Normal gibt’s nicht mal mehr an der Tankstelle

Lie­be Autoren, Ihr könnt die Arbeit ein­stel­len: Das Ren­nen um den dümms­ten Text des Jah­res ist ent­schie­den. David Baum hat ihn ver­gan­ge­ne Woche auf „The Euro­pean“ ver­öf­fent­licht, einem kon­ser­va­ti­ven Inter­net­ma­ga­zin, des­sen erklär­tes Ziel es ist, inner­halb der nächs­ten Jah­re so wich­tig zu wer­den, wie es sich selbst seit dem ers­ten Tag nimmt.

In wel­che Rich­tung es gehen wird, erkennt man schon an der Fra­ge, die Baum sei­ner „Kolum­ne“ vor­an­ge­stellt hat: „Wie abar­tig ist eigent­lich nor­mal?“. Die Über­schrift zeigt, dass hier einer die Kon­tro­ver­se, die Pro­vo­ka­ti­on, das Bro­dern sucht: „Lie­be Nege­rIn­nen“.

Doch was will Baum eigent­lich sagen?

HÖREN SIE – sehr geehr­te Damen, sehr geehr­te Her­ren “und alle, die sich nicht mit die­sen Kate­go­rien iden­ti­fi­zie­ren kön­nen oder wol­len”: Ich kom­me mir manch­mal vor wie Ronald Rea­gan, der ver­se­hent­lich an den Nackt­ba­de­strand des Wood­stock-Fes­ti­vals gera­ten ist.
Zum Bei­spiel, wenn ich die­se inzwi­schen heiß umfeh­de­te Rede des Chefs der Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung, Tho­mas Krü­ger, lese, die er tat­säch­lich mit genau jener eben zitier­ten Anre­de ein­ge­lei­tet hat. Das erin­nert mich an die hin­rei­ßend idio­ti­sche Afri­kare­de von Hein­rich Lüb­ke, bloß dass der zum Kar­ne­va­lis­ti­schen nei­gen­de Bun­des­prä­si­dent heu­te nicht nur über die böse ras­sis­ti­sche For­mel stür­zen wür­de, son­dern auch noch, weil er nicht “lie­be Nege­rIn­nen” gesagt hat.

Zuge­ge­ben: Das ist schon sehr viel zer­schmet­ter­ter Satz­bau und sehr viel Unfug für einen ein­zel­nen Absatz. Aber wir kom­men da durch. Zunächst also mal das Offen­sicht­li­che: In White Lake, NY gab es nach allem, was wir wis­sen, kei­nen Strand – also auch kei­nen „Nackt­ba­de­strand des Wood­stock-Fes­ti­vals“. Was soll­te man da auch schon sehen außer Schlamm?

Aber viel­leicht ist das auch wit­zig gemeint. So wie die Anre­de „lie­be Neger“, die sehr wahr­schein­lich frei erfun­den ist und die Baum mit der Anre­de in Tho­mas Krü­gers Rede beim Kon­gress „Das fle­xi­ble Geschlecht. Gen­der, Glück und Kri­sen­zei­ten in der glo­ba­len Öko­no­mie.“ ver­gleicht wie ande­re Leu­te Äpfel mit Schrau­ben­zie­hern: „Sehr geehr­te Damen und Her­ren, lie­be Neger“ klingt für unse­re Ohren, als ob es neben den Damen und Her­ren auch noch die „Neger“ gebe, die (ähn­lich wie bei „lie­be Kin­der“) von den Damen und Her­ren abge­grenzt wer­den müs­sen, weil sie nicht dazu­ge­hö­ren. Beim Kon­gress der Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung hin­ge­gen wer­den auch die Men­schen adres­siert, die sich selbst weder den Damen, noch den Her­ren zurech­nen kön­nen oder wol­len. Die drit­te Kate­go­rie ver­sucht also eine Abgren­zung auf­zu­he­ben, nicht eine her­zu­stel­len.

Wie bei jedem ordent­li­chen Pole­mi­ker, der sich völ­lig in der Lebens­wirk­lich­keit ver­fah­ren hat, ist man auch bei David Baum gut bera­ten, ihn zwecks Demon­ta­ge aus­gie­big zu zitie­ren:

Herr Krü­ger, der Mann, der samt Ehe­gat­tin und sei­nem gan­zen Klün­gel vom Staat gespon­sert wird, “um inter­es­sier­te Bür­ge­rin­nen und Bür­ger dabei zu unter­stüt­zen, sich mit Poli­tik zu befas­sen”, doziert all­zu gern über das The­ma “Das fle­xi­ble Geschlecht”. Er ver­tritt also jene lau­ni­ge The­se – die zur Folk­lo­re der hei­mi­schen Links­extre­men gehört –, dass kein Mensch als Jun­ge oder Mäd­chen gebo­ren wird und des­halb die Kin­der­lein geschlechts­neu­tral auf­wach­sen sol­len, um sich schließ­lich frei ent­schei­den zu kön­nen. Der Ver­weis auf gewach­se­ne Geschlechts­or­ga­ne gilt in die­sen Krei­sen als lächer­li­cher Volks­glau­be aus der fins­te­ren Vor­mo­der­ne, den­ken sie erst gar nicht dar­an. Ich weiß nicht, was die­se Kama­ril­la in den 70ern geraucht hat, jeden­falls macht es bis heu­te so high, dass sie die Unter­schei­dung von Mäd­chen und Jun­gen für eine zutiefst reak­tio­nä­re und rechts­ra­di­ka­le Ange­le­gen­heit hält.

Mal davon ab, dass es in Krü­gers Rede nur am Ran­de um jene „lau­ni­ge The­se“ und gar nicht um Geschlechts­or­ga­ne und Geschlechts­neu­tra­li­tät geht, offen­bart sich in die­sem Absatz auch wie­der ein erschüt­ternd schlich­tes Welt­bild: Mann oder Frau, schwarz oder weiß, dafür oder dage­gen. Wenn Anders­den­ken­de für David Baum „Links­extre­me“ sind, müss­te er in sei­ner eige­nen bipo­la­ren Welt ja eigent­lich ein Rechts­ra­di­ka­ler sein. Das hat er natür­lich selbst schon aus­for­mu­liert und womög­lich wit­zig gemeint.

Aber ganz so ein­fach, wie es Baum ger­ne hät­te mit Pim­mel und Mumu, macht es ihm die Natur schon nicht. Hin­zu kommt, dass er – wie so vie­le Ande­re an bei­den Enden des poli­ti­schen Spek­trums – aus­schließ­lich inner­halb bestehen­der Kate­go­rien den­ken will.

Dazu ein kur­zer Exkurs: Das Volk der Sets­wa­na in Afri­ka kennt nur weni­ge Farb-Grund­wör­ter (im Prin­zip nur schwarz, weiß, rot, und blau/​grün, aber kein Wort für gelb, braun, oran­ge, oder ähn­li­ches), die Dani in Papua-Neu­gui­nea haben (wie ande­re Sprach­ge­mein­schaf­ten auch) über­haupt nur zwei Farb­wör­ter, die in etwa „hell“ und „dun­kel“ bedeu­ten. Sie hät­ten bei der Beschrei­bung eines Regen­bo­gens sicher eini­ge Schwie­rig­kei­ten, aber der Regen­bo­gen blie­be (für unse­re Augen) der glei­che. Die Geschich­te, nach der Eski­mos hun­dert ver­schie­de­ne Wor­te für Schnee hät­ten, ist zwar unge­fähr genau­so falsch wie Hein­rich Lüb­kes berüch­tig­tes Zitat, aber die Idee dahin­ter ist ja ein­fach, dass man alles noch mal aus­dif­fe­ren­zie­ren kann.

Aber das ist natür­lich nicht so geil kra­wal­lig wie die For­mu­lie­rung „an den Scham­haa­ren her­bei Gezo­ge­nes“ oder der Ruf nach dem Ver­fas­sungs­schutz, um den „beson­de­ren Schutz“ der Ehe und der Fami­lie im Grund­ge­setz zu gewähr­leis­ten.

Und über­haupt:

Nor­ma­li­tät gibt es ja nicht, wie der Mensch von mor­gen jetzt schon weiß.

Womög­lich denkt Baum ein­fach nur vom fal­schen Ende aus, denn es geht in der Debat­te ja gera­de dar­um, Schwu­le, Les­ben, Bise­xu­el­le, Trans­se­xu­el­le, Trans­gen­der, usw. usf. nicht mehr als Exo­ten wahr­zu­neh­men, die wahl­wei­se lus­tig oder krank sind, son­dern als nor­mal.

Für Baum eine offen­bar uner­träg­li­che Vor­stel­lung:

Das Ziel einer gesun­den Gesell­schaft soll­te sein, Min­der­hei­ten zu schüt­zen und ihnen zu ihren Rech­ten zu ver­hel­fen. Aber jede Lau­ne der Natur zum all­ge­mei­nen Leit­bild zu erhe­ben sicher nicht. Sie geht näm­lich dar­an kaputt.

Das ist genau die Logik der Leu­te, die wol­len, dass Mus­li­me ihre Moscheen in irgend­wel­chen Hin­ter­hö­fen und Indus­trie­ge­bie­ten errich­ten, und die dann hin­ter­her dar­über schimp­fen, wie schlecht „inte­griert“ die­se Men­schen in einer Gesell­schaft sei­en, die sie selbst an den Rand gedrängt hat. Schwul ja, aber bit­te nicht der eige­ne Sohn, nicht öffent­lich und nicht mit den glei­chen Rech­ten wie Hete­ro-Paa­re. Deko­ra­ti­ve Anders­ar­ti­ge in einer sonst uni­for­mier­ten Gesell­schaft. Aber immer beto­nen, dass man doch eigent­lich („Jedem Tier­chen sein Plä­sier­chen“) tole­rant sei – was natür­lich im Zwei­fels­fall auch wie­der iro­nisch gemeint sein könn­te.

All die­se Aus­brü­che Baums haben wenig bis gar nichts mit der Rede Tho­mas Krü­gers zu tun. Er will nichts „zum all­ge­mei­nen Leit­bild erhe­ben“, er will viel­mehr bestehen­de Leit­bil­der abbau­en:

Um Gerech­tig­keit und einen Aus­tausch auf Augen­hö­he zu errei­chen, kann die eige­ne Posi­ti­on, die eige­ne Erfah­rung, der eige­ne Kör­per und die eige­ne Sexua­li­tät nicht län­ger zur Norm erklärt wer­den, von der alle ande­ren Ver­sio­nen als min­der­wer­ti­ge Abwei­chun­gen gel­ten, die es allen­falls zu tole­rie­ren gilt.

Baum reißt ein­zel­ne Schlag­wor­te aus dem Kon­text der (zuge­ge­be­ner­ma­ßen nicht ganz kur­zen) Rede und erweckt so den Ein­druck, Krü­ger und die Bun­des­zen­tra­le woll­ten Sodom und Gomor­rha als gesell­schaft­li­ches Ide­al (oder gleich als Zwang) eta­blie­ren. Dabei geht es um ganz kon­kre­te Lebens­wirk­lich­kei­ten und Unge­rech­tig­kei­ten in ganz durch­schnitt­li­chen hete­ro­se­xu­el­len Part­ner­schaf­ten, wenn Krü­ger etwa die „klas­si­sche Ernäh­rer-Ehe, an der sich immer noch steu­er­li­che Pri­vi­le­gi­en fest­ma­chen“ kri­ti­siert.

Aber das ist wohl alles zu viel für einen Mann wie David Baum, der die Gren­ze des­sen, was nicht mehr „nor­mal“ ist, unmit­tel­bar hin­ter sich zieht.

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2010 — Der Jahresrückblick (Teil 1)

Das Jahr 2010 ist zwar gera­de erst zu elf Zwölf­teln vor­bei, aber die Jah­res­rück­bli­cke gehö­ren zur Advents­zeit wie Spe­ku­la­ti­us und Leb­ku­chen. Da wol­len auch wir nicht län­ger war­ten und gehen – als Ers­te – in die Vol­len:

Tom­my Fin­ke, Ben Rede­lings und ich bli­cken zurück auf die Fuß­ball-WM, den Sieg Lena Mey­er-Land­ruts beim Euro­vi­si­on Song Con­test, das Kul­tur­haupt­stadt-Jahr und vie­les mehr. Nur hier, im Inter­net!

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Rundfunk

Programmhinweis: Tacheles

Die frü­he­ren Kol­le­gen von CT das radio haben neue Redak­ti­ons­räu­me (inkl. hoch­mo­der­nem News­room) bezo­gen und haben trotz klei­ner tech­ni­scher Schwie­rig­kei­ten sehr ernst­haft vor, heu­te Nach­mit­tag wie­der live auf Sen­dung zu gehen.

Aus irgend­wel­chen Grün­den hiel­ten sie es für eine gute Idee, mich an die­sem Tage ein­zu­la­den und so wer­de ich heu­te ab 20 Uhr in der Sen­dung „Tache­les“ zu Gast sein und über BILD­blog, Medi­en und Bochum (oder so ähn­lich) reden. Mit etwas Glück wird man uns außer­halb des Stu­di­os auch hören kön­nen – zum Bei­spiel per Web­stream.

Tache­les
am Mitt­woch, den 1. Dezem­ber 2010
um 20 Uhr
auf CT das radio

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Musik

Bevor es zu spät ist

Nach­dem ich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren die bes­ten Alben (Bon Iver, The Gas­light Anthem; Mum­ford & Sons, Emmy The Gre­at, Biffy Cly­ro) jeweils erst nach Sil­ves­ter ent­deckt habe, dach­te ich mir, dass es die­ses Jahr anders wer­den muss: Ich bit­te also jetzt schon um Hin­wei­se, was ich even­tu­ell über­se­hen haben könn­te.

Bis­her ganz oben auf mei­ner Short­list für die bes­ten Alben 2010 ste­hen:

  • Erd­mö­bel – Kro­kus
  • The Natio­nal – High Vio­let
  • Del­phic – Aco­ly­te
  • Jón­si – Go
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Digital Gesellschaft

Warum Erwachsene immer beim Versteckspiel verlieren

Seit heu­te also sind 20 deut­sche Städ­te end­lich bei Goog­le Street View online – oder das, was von ihnen übri­ge geblie­ben ist, nach­dem mehr als 244.000 Haus­hal­te (von 40,2 Mil­lio­nen) Wider­spruch gegen das Abfo­to­gra­fie­ren ihrer Fas­sa­de von einer öffent­li­chen Stra­ße aus ein­ge­legt haben. Ana­tol Ste­fa­no­witsch hat im Sprach­log eigent­lich schon alles gesagt, was es zu den „ein­ge­trüb­ten Vier- und Viel­ecke, die einem alle paar Schrit­te die Sicht ver­sper­ren“ zu sagen gibt.

Auch das Haus, in dem ich seit Janu­ar woh­ne, ist ver­pi­xelt und das ist wenigs­tens ein net­ter Grund, mal wie­der mit allen Nach­barn ins Gespräch zu kom­men, um „Cluedo“-mäßig her­aus­zu­fin­den, wer auf die­se Idee gekom­men ist.

Doch damit nicht genug: Auch auf das Stu­den­ten­wohn­heim, in dem ich zuvor sechs Jah­re lang gewohnt habe, muss ich auf mei­nem vir­tu­el­len Rund­gang durch Bochum (bzw. durch das Bochum von vor zwei Jah­ren) ver­zich­ten:

Wohnheim Girondelle 6 (verpixelt bei Google Street View)

Dabei wären so ein paar Fotos wohl kaum so detail­liert gewe­sen wie die Infor­ma­tio­nen, die das Stu­den­ten­werk so lie­fert:

Wohnheim Girondelle 6 (als Modell bei Google Earth)

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Rundfunk Fernsehen

Tief im Western mit der „Aktuellen Stunde“

Es gibt im deut­schen Fern­se­hen ver­mut­lich kaum eine Nach­rich­ten­sen­dung, die so per­fekt ist wie die „Aktu­el­le Stun­de“ im WDR Fern­se­hen. Die Dop­pel­mo­de­ra­tio­nen, deren Nach­ah­mung sich als Par­ty­spiel emp­fiehlt, sind aku­rat vor­be­rei­tet und wer­den rou­ti­niert abge­spult. Kei­ne Hebung der Augen­braue, kein Schul­ter­zu­cken ist Zufall, alles ist geplant. Selbst im Ange­sicht von Kata­stro­phen wie bei der Love Para­de ste­hen die­se Mode­ra­ti­ons­ro­bo­ter Seit an Seit und impro­vi­sie­ren schein­bar von einem inter­nen Tele­promp­ter ab.

Doch die Sen­dung, die ich als Kind mit Begeis­te­rung schau­te und die zu mode­rie­ren damals mein größ­ter Traum war, hat – eben­so wie das ande­re eins­ti­ge Infor­ma­ti­ons­flagg­schiff des West­deut­schen Rund­funks, das „Mit­tags­ma­ga­zin“ auf WDR 2 – die Jahr­zehn­te nicht unbe­scha­det über­stan­den: Die Bei­trä­ge könn­ten auch aus jedem x‑beliebigen Bou­le­vard-Maga­zin (pri­vat wie öffent­lich-recht­lich) stam­men. Wenn man sich ein­mal klar gewor­den ist, wie albern es ist, einen Text im Wech­sel von zwei Per­so­nen spre­chen zu las­sen, sind die Dop­pel­mo­de­ra­tio­nen nicht mehr ernst zu neh­men – doch bei genau­er Betrach­tung reden die Mode­ra­to­ren sowie­so häu­fig gro­ben Unfug.

Aus ver­schie­de­nen Grün­den, von denen mir eini­ge selbst schlei­er­haft sind, habe ich am Mon­tag mal wie­der die „Aktu­el­le Stun­de“ gese­hen. Die Sen­dung wird irri­tie­ren­der­wei­se seit zwei­ein­halb Jah­ren von Tho­mas Bug mode­riert, der sich vor­her vie­le Jah­re Mühe gege­ben hat­te, auf kei­nen Fall seri­ös zu wir­ken, und nun das Gegen­teil ver­sucht.

Nach­dem diver­se Flüs­se über diver­se Ufer getre­ten sind und diver­se Kel­ler und Gär­ten über­flu­tet haben, ist es Zeit für die gro­ße wei­te Welt der For­mel 1 und deren neu­en Welt­meis­ter Sebas­ti­an Vet­tel, der „lei­der nicht aus Ker­pen“ kommt. Und das ist natür­lich ein Alp­traum für so einen Sen­der, der sich auf Nord­rhein-West­fa­len kon­zen­triert: Ein Star, der aus Hes­sen stammt.

„Die Deut­schen freu­en sich im All­ge­mei­nen“, erklärt Susan­ne Wie­se­ler, um die ent­schei­den­de Fra­ge hin­zu­zu­fü­gen: „Aber was macht das mit den Ker­pe­nern im Beson­de­ren?“

Es pas­siert, was zu befürch­ten war: Das Team der „Aktu­el­len Stun­de“ war vor Ort und hat es sich ange­guckt:

Stacheldraht in Kerpen.

Todes­strei­fen! Über eine melan­cho­li­sche Slide Gui­tar schwa­dro­niert der Off-Spre­cher: „Was wur­de hier geju­belt? Jetzt läuft die Fei­er anders­wo.“ Aber statt eines Step­pen­läu­fers, der pas­send zur Musik durchs Bild geweht wird, folgt ein har­ter Schnitt auf jubeln­de Hep­pen­hei­mer (nicht zu Ver­wech­seln mit Pap­pen­hei­mern, die gibt’s bei Schil­ler), dann wie­der das nicht gera­de blü­hen­de Leben in Ker­pen:

Das blühende Leben in Kerpen.

(Dass der Repor­ter aus­ge­rech­net bei die­sem zar­ten Pflänz­lein erklärt, Ker­pen sei mal „die For­mel-1-Stadt“ gewe­sen, ist ange­sichts die­ses wenig umwelt­freund­li­chen Sports eine schö­ne Wort-Bild-Sche­re, aber im Kon­text des Bei­trags noch völ­lig harm­los.)

Wäh­rend aber­mals die Slide Gui­tar los­sli­det, wech­selt das Kame­ra­team in die Gast­stät­te „Alt­ker­pen“ und befragt zwei Frau­en mit pfif­fi­gen Bril­len­ge­stel­len:

Keck bebrillte Kerpenerinnen sprechen in WDR-Mikrofone.

„Wie Fas­tel­ovend“ sei es gewe­sen, als Micha­el Schu­ma­cher damals gewon­nen habe – und im Rhein­land ist das wohl posi­tiv besetzt. Doch jetzt ist alles anders, sol­len uns die Bil­der des Glä­ser spü­len­den Wirts (es ist Mon­tag­nach­mit­tag, drau­ßen ist es noch hell) und die schon wie­der her­ans­li­den­de Slide Gui­tar sagen.

Und der Off-Spre­cher natür­lich: „Und jetzt: Wie­der ist ein Deut­scher Welt­meis­ter. Aber kein Ker­pe­ner. Und? Nei­disch?“

„Nein!“, rufen da die Frau­en, „im Gegen­teil!“, und das wäre unge­fähr der Punkt gewe­sen, an dem ich als Redak­ti­ons­lei­ter gesagt hät­te: „Nee, tut mir leid, Jungs. Mit dem Auf­hän­ger funk­tio­niert die Geschich­te über­haupt nicht. Könnt Ihr es nicht noch mal irgend­wie anders ver­su­chen?“

Zaun an der Kerpener Kartbahn (Ruhetag).

Sebas­ti­an Vet­tel, nein: „Der Sebas­ti­an Vet­tel“ sei ja „immer­hin“ schon mal in Ker­pen gewe­sen, erzählt der Spre­cher: „Ein paar Run­den“ habe er auf der Kart­bahn gedreht – da sei was los gewe­sen. Aber heu­te? „Aber heu­te? Ist Ruhe­tag auf der Kart­bahn“, heißt es in die­ser völ­lig wider­na­tür­li­chen Kom­men­tar­spra­che aus dem Off und für einen Moment könn­te man glau­ben, der Ruhe­tag habe irgend­was mit Sebas­ti­an Vet­tel und dem immensen Image­ver­lust zu tun, den Ker­pen am Sonn­tag erlit­ten hat.

Jetzt aber schnell zurück in die Innen­stadt und zu der ver­damm­ten Slide Gui­tar:

Straße in Kerpen (fast menschenleer).

„Heu­te war irgend­wie Ruhe­tag in ganz Ker­pen“, sagt der Mann und man begreift lang­sam, wel­che Leis­tung Autoren und Schau­spie­ler bei „Switch Rel­oa­ded“ voll­brin­gen müs­sen, um die­sen gan­zen Irr­sinn, der da im deut­schen Fern­se­hen völ­lig ernst gemeint wird, über­haupt noch sati­risch zu über­hö­hen.

Allein die nächs­ten Sät­ze sind der­art inko­hä­rent, dass ein „Brat fett­los mit Sala­mo Ohne“ zwi­schen­drin auch nicht mehr groß auf­fal­len wür­de: „Welt­meis­ter­stadt, das ist sechs Jah­re her. Und irgend­wie ist das auch völ­lig okay so. Zumin­dest für man­che Ker­pe­ner.“

„War­um soll ich denn nei­disch sein?“, fragt ein mil­de fas­sungs­lo­ser Kiosk­be­sit­zer, um dann mit einem unglück­lich gewähl­ten Ver­gleich dem Repor­ter neue Muni­ti­on zu lie­fern: Ob Ham­burg denn nei­disch sei, wenn Bay­ern Meis­ter …

„Oooooh!“, wehrt der Repor­ter da ab und wir wol­len mal ganz ver­ges­sen, dass Vet­tel gera­de nicht deut­scher Meis­ter gewor­den ist, son­dern Welt­meis­ter. Ein Pas­sant darf sagen, dass er „Hypes um Auto­fah­rer“ nicht so gut fin­det, und es erscheint inzwi­schen bei­na­he logisch, wenn der Off-Spre­cher dar­an anschließt: „Kei­ne Sor­ge: Dass der Schu­mi-Hype zurück­kehrt ins ‚Alt­ker­pen‘, das ist unwahr­schein­lich. Obwohl: Die Damen sind sich da noch nicht so ganz einig.“

Eines blei­be den Ker­pe­nern aber, erklärt der Mann mit der Mär­chen­on­kel-Stim­me: „Sie wur­den sie­ben Mal Welt­meis­ter, Hep­pen­heim durf­te erst ein­mal jubeln.“

An die­ser Stel­le endet der Bei­trag. Immer­hin ohne einen wei­te­ren Ein­satz der ver­fick­ten Slide Gui­tar.

Im Mit­schnitt der Sen­dung in der WDR-Media­thek fehlt der Bei­trag.