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Shut Up And Take My Money

Ver­gan­ge­ne Woche war ich dienst­lich in Ham­burg. Zwecks Zer­streu­ung auf dem Rück­weg kauf­te ich mir in der dor­ti­gen Bahn­hofs­buch­hand­lung die aktu­el­le „Spex“-Ausgabe. Die kos­tet 5,50 Euro, ich hat­te es nicht „pas­send“ und reich­te dem Ver­käu­fer einen Zehn-Euro-Schein und einen Euro. Zurück bekam ich: 50 Cent.

„Ent­schul­di­gung, ich hat­te Ihnen elf Euro gege­ben“, sag­te ich. Kann ja mal pas­sie­ren.
„Nein, das waren sechs!“, ant­wor­te­te der Mann bestimmt.
„Ja, nee. Es war ein roter Schein. Ich hat­te kei­nen Fün­fer mehr – sonst hät­te ich den ja auch gege­ben!“
Doch der Ver­käu­fer beharr­te dar­auf, ich hät­te ihm einen Fünf-Euro-Schein gereicht. Ich blieb auch bei mei­ner Mei­nung.

Das sei aber alles gar kein Pro­blem, sag­te der Mann, ich sol­le ein­fach am nächs­ten Tag sei­nen Chef anru­fen, der kön­ne dann fest­stel­len, ob zu viel Geld in der Kas­se gewe­sen sei. Ein Abschlag sei jetzt näm­lich nicht mög­lich (und wäre auch zeit­lich kaum noch drin gewie­sen). Schlecht gelaunt und gruß­los ver­ließ ich also den Laden, schimpf­te lei­se auf Ham­burg und die Mensch­heit als sol­che, und setz­te mich in einen IC, dem gleich drei kom­plet­te Wagen fehl­ten und des­sen Steck­do­se mein fast lee­res iPho­ne nicht auf­la­den woll­te. Ohne Musik und Inter­net trat ich also die Heim­fahrt an und war dabei in einer Stim­mung wie Uli Hoe­neß nach einer 0:5‑Heimspielniederlage gegen den VfL Osna­brück.

Am nächs­ten Tag hielt ich noch mal kurz Rück­spra­che mit mei­ner Wür­de, ob ich ernst­haft wegen fünf Euro in die­sem Geschäft anru­fen soll­te. Doch mein Gerech­tig­keits­sinn und mei­ne inne­re Oma („Wer den Pfen­nig nicht ehrt, …“) gewan­nen die Über­hand und so wähl­te ich eine Ham­bur­ger Num­mer und trug mein Anlie­gen in den nächs­ten acht Minu­ten zwei, drei Mal vor. Auf offen­bar sehr ver­schlun­ge­nen Wegen wur­de der Appa­rat mit mir am Ende mehr­fach durch das gesam­te Geschäft getra­gen, zur Che­fin hin und wie­der zurück.

Ob es da Unre­gel­mä­ßig­kei­ten gebe, kön­ne sie erst am Mon­tag sagen, erklär­te mir die Che­fin. Man wer­de mich aber auf alle Fäl­le zurück­ru­fen. Ich dach­te wäh­rend­des­sen: „No ja, wenn der Mann sich ein ein­zi­ges Mal in die ande­re Rich­tung ver­tut, ist eh alles hin­fäl­lig.“
Eine Mit­ar­bei­te­rin nahm mei­ne Daten auf, wobei sich mei­ne Hoff­nung auf ein posi­ti­ves Ende voll­ends zer­schlug:
„Wie hei­ßen Sie?“
„Hein­ser. Hein­rich, Emil, Ida, Nordp…“
„Hein­rich, ja?“
„Nein, Hein­ser. Das schreibt man Hein­rich, Em…“
„Ja, was denn nun? Hein­rich oder Hein­ser?“
Ich war in einem Acht­zi­ger-Jah­re-Sketch mit Die­ter Hal­ler­vor­den, Harald Juhn­ke und Eddi Are­nt gelan­det – oder wahl­wei­se in einer durch­schnitt­li­chen deut­schen Unter­hal­tungs­sen­dung des Jah­res 2012.

Am Mon­tag klin­gel­te mein Tele­fon nicht. Am Diens­tag auch nicht, eben­so wenig am Mitt­woch oder den fol­gen­den Tagen. Eine Poin­te hat die Geschich­te nicht, wes­we­gen ich sie wohl auch nicht noch mal erzäh­len wer­de.

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Film

Cinema And Beer: „Der Hobbit – Eine unerwartete Reise“

In der vier­ten Fol­ge unse­rer Pod­cast-Rei­he nähern wir uns auch for­mal unse­rem Sujet an: Wie bei „Der Hob­bit – Eine uner­war­te­te Rei­se“ ist es auch bei uns so, dass man den Über­blick ver­liert, weil es auch lan­ge dau­ert.

Der Hobbit (Offizielles Filmplakat)

Cine­ma And Beer: „Der Hob­bit – Eine uner­war­te­te Rei­se“
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Film

Cinema And Beer: „7 Psychos“

In der drit­ten Fol­ge unse­rer neu­en Pod­cast-Rei­he wird’s bru­tal: Wir haben uns „7 Psy­chos“ ange­se­hen.

7 Psychos (Offizielles Filmplakat)

Cine­ma And Beer: „7 Psy­chos“
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Leben

Wie schön es hier ist, seitdem es verschneit ist

Vor­hin flo­gen zwei gro­ße Grup­pen Zug­vö­gel in beein­dru­cken­dem For­ma­ti­ons­flug an mei­nem Wohn­zim­mer­fens­ter vor­bei, wes­we­gen ich (nur zwei­ein­halb Jah­re Bio­lo­gie-Unter­richt in der Schu­le) erst mal in der Wiki­pe­dia nach­se­hen muss­te, war­um sie das über­haupt tun. Dabei fiel mir auf, dass „Schwarm­ver­hal­ten“ auch den leicht trot­te­li­gen Habi­tus bezeich­nen könn­te, den Men­schen an den Tag legen, wenn sie sich in der Gegen­wart eines ande­ren Men­schen befin­den, in den sie heim­lich (bzw. zumeist unheim­lich) ver­liebt sind, wobei mei­ne Freun­de mir schon mehr­fach gesagt haben, dass nie­mand außer mir und der „Bra­vo“ ein love inte­rest als „Schwarm“ bezeich­nen wür­de. Dann fühl­te ich mich mal wie­der alt und leicht trot­te­lig, wuss­te aber immer noch nicht, war­um die blö­den Vögel so flie­gen, wie sie flie­gen.

Ich mag den Win­ter. Nicht die grau­en Novem­ber­ta­ge, an denen es nie rich­tig hell wird, aber die kla­ren mit klir­ren­der Käl­te und Schnee. Wenn der ers­te Schnee fällt, füh­le ich mich noch mehr wie ein Fünf­jäh­ri­ger als sowie­so schon, und hole sofort mei­ne Win­ter­stie­fel her­vor. Es sind so ähn­li­che Schu­he, wie Jay‑Z sie ger­ne trägt, nur dass ich sie schon seit mehr als 20 Jah­ren tra­ge – natür­lich nicht immer das sel­be Modell, denn als Kind hät­te ich in mei­nen aktu­el­len Schu­hen Höh­len bau­en kön­nen. Das aktu­el­le Paar habe ich jetzt seit zehn Jah­ren, was aber gar nicht so lang ist, wenn man bedenkt, wie viel Schnee wir im Ruhr­ge­biet so durch­schnitt­lich haben. Ich wür­de tip­pen, in den zehn Jah­ren kamen die Schu­he auf etwa andert­halb kana­di­sche Win­ter Ein­satz­zeit.

Das bes­te ist immer, die Schu­he zum ers­ten Mal anzu­zie­hen: Sie sind im Ver­gleich zu mei­nen Füßen und sons­ti­gen Schu­hen so gro­tesk groß, dass ich erst mal über­all gegen­lau­fe. Das ist eigent­lich nicht schlimm, weil die Schu­he auch sehr sta­bil sind, aber trotz­dem nicht unge­fähr­lich: Beim Trep­pen­stei­gen hal­te ich mich sicher­heits­hal­ber am Gelän­der fest, weil die Schu­he kaum auf eine Stu­fe pas­sen und ich auch per­ma­nent Angst haben muss, zu stol­pern. Die ers­ten Meter auf der Stra­ße sind dann auch immer gewöh­nungs­be­dürf­tig, weil die Schu­he so hohe Absät­ze haben, dass ich damit ger­ne an Bür­ger­stei­gen hän­gen blei­be. Ste­hen ist auch lus­tig, weil ich mit mei­nen Füßen meist leicht nach außen wip­pe. Wegen der hohen Absät­ze pas­siert es im Win­ter oft, dass ich an einer Super­markt­kas­se ste­he und mir bei­de Füße gleich­zei­tig ver­knack­se.

Noch schö­ner als Schnee ist natür­lich Schnee mit Musik. Wenn ich durch die Stadt gehe und die Zufalls­wie­der­ga­be mei­nes iPho­nes schickt mir „So Long, Asto­ria“ von den Ata­ris (ers­te Zei­le: „It was the first snow of the sea­son“), „The River“ von Joni Mit­chell oder den „Ally McBeal“-Titelsong „Sear­chin‘ My Soul“ von Von­da She­pard, läch­le ich leicht debil vor mich hin. Über­haupt hat „Ally McBe­al“ mit den offen­bar stän­dig ver­schnei­ten Stra­ßen Bos­tons bei mir noch grö­ße­re Ver­hee­run­gen im Roman­tik­zen­trum ange­rich­tet als „Dawson’s Creek“ und „My So-Cal­led Life“ zusam­men.

Seit ich in einer eige­nen Woh­nung woh­ne, wird die­se im Dezem­ber auch fest­lich geschmückt: Ich hän­ge Lich­ter­ket­ten in die Fens­ter (nach nur zwei Sai­sons war die ers­te schon dau­er­haft kaputt und ein Fall für die Müll­hal­de) und stel­le im Wohn­zim­mer einen etwa hüft­ho­hen Tan­nen­baum auf. Die­sen kau­fe ich nun schon im drit­ten Jahr und damit tra­di­tio­nell in einem Bau­markt, drei Stra­ßen­bahn­hal­te­stel­len ent­fernt. Das Schlim­me ist dabei nicht der Trans­port eines Baums in der Stra­ßen­bahn (da sind die Bochu­mer gene­rell sehr hilfs­be­reit und kom­mu­ni­ka­tiv), son­dern der Weg vom Bau­markt zur Stra­ßen­bahn­hal­te­stel­le, den ich jedes Jahr aufs Neue unter­schät­ze. Aber klar: geht alles, man wächst mit sei­nen Her­aus­for­de­run­gen, ein biss­chen Schwit­zen in der dicken Win­ter­ja­cke stärkt die Abwehr­kräf­te.

Wes­sen Leben arm an Action und Span­nungs­mo­men­ten ist, dem kann ich nur emp­feh­len, ein­fach mal einen Tan­nen­baum zum gro­ben Abtrock­nen in der eige­nen Dusche zu plat­zie­ren. Zumin­dest wenn man ein ähn­lich gutes Kurz­zeit­ge­dächt­nis hat wie ich, gibt es jedes Mal ein gro­ßes Hal­lo, wenn man die Toi­let­te benut­zen möch­te und da plötz­lich ein Baum im Bad steht. Das hilft auch gegen nied­ri­gen Blut­druck, wobei der beim Auf­stel­len von Tan­nen­bäu­men eh nicht unten bleibt.

Ich kau­fe mei­nen Baum immer ein­ge­topft mit beschnit­te­nen Wur­zeln, weil ich mir immer noch 30 Jah­re zu jung vor­kom­me, um einen Christ­baum­stän­der zu erwer­ben. Außer­dem bil­de ich mir ein, dass er in der Erde nicht so schnell zu nadeln beginnt. Die Anzahl der Nadeln, die er auf dem Weg von der Haus­tür über das Bad ins Wohn­zim­mer ver­liert, ist den­noch beacht­lich. Man soll­te sich anschlie­ßend nicht zu scha­de sein, ein­mal gründ­lich durch­zu­sau­gen – zumin­dest, wenn man anschlie­ßend noch bar­fuß durch sei­ne Woh­nung spa­zie­ren möch­te. Tan­nen­na­deln sind zwar eigent­lich sehr flach, haben aber einen natür­li­chen Über­le­bens­wil­len, der sie zwingt, sich auch in den aus­weg­lo­ses­ten Situa­tio­nen noch der­ge­stalt senk­recht auf­zu­rich­ten, dass sie im mensch­li­chen Fuß maxi­ma­len Scha­den anrich­ten kön­nen. In den Ent­wick­lungs­la­bors von Lego wer­den Tan­nen­na­deln des­halb ganz beson­ders aus­gie­big stu­diert.

Steht der grün­ge­klei­de­te Win­ter­gast dann erst mal an sei­nem Platz (die Fra­ge, ob er nicht „schief steht“, ver­bie­tet sich bei ein­ge­topf­ten Bäu­men zum Glück – man kann eh nix ändern), kommt die elf­te Pla­ge aus dem elf­ten Kreis der Höl­le: die Lich­ter­ket­te. Gan­ze Klein­kunst­a­ben­de wer­den im Spät­herbst und Früh­win­ter mit der Beschrei­bung des­sen beschrit­ten, was der Mensch (auch in eman­zi­pier­ten Haus­hal­ten zumeist: der Mann) denkt, fühlt, oder prä­zi­ser: hasst, wäh­rend er ver­sucht, 16 unter­ein­an­der ver­bun­de­ne Leucht­ele­men­te an einen kak­tus­ähn­li­chen Baum zu klem­men, ohne sich in dem Kabel zu ver­hed­dern. Es geht nicht. Eine gerech­te Ver­tei­lung der Ker­zen über den gan­zen Baum ist nicht mög­lich, am Ende sieht es immer aus wie ein Satel­li­ten­bild von Aus­tra­li­en bei Nacht. Das Kabel ist immer da, wo es nicht sein soll, und letzt­lich soll­te man schon dem Herr­gott dan­ken, wenn man nicht den gan­zen Baum zu Boden reißt.

Es gibt in dem Weih­nachts­klas­si­ker „Schö­ne Besche­rung“ die schö­ne Sze­ne, in der Clark Gris­wold zu sei­nem Vater sagt: „Alles, was ich über Weih­nachts­au­ßen­be­leuch­tung weiß, habe ich von Dir gelernt, Dad!“ Die­ser eine Satz sagt mehr über die Psy­che von Män­nern aus, als die Lebens­wer­ke von Ali­ce Schwar­zer und Mario Barth zusam­men. Wer Män­ner ver­ste­hen will, soll­te hier anfan­gen und auf­hö­ren.

Ist die Lich­ter­ket­te aber end­lich in Betrieb (und der Baum hof­fent­lich eich­hörn­chen­frei), geht alles ganz schnell: Das Gebim­mel (zwei Christ­baum­ku­geln und drei sons­ti­ge Hän­ger) ist in einem klei­nen Baum wie mei­nem schnell ver­staut und wenn end­lich auch die Krip­pe steht, heißt es inne­zu­hal­ten und zu genie­ßen. Der Geruch von Tan­nen­grün ist (neben dem von frisch bear­bei­te­tem Holz und dem von Meer) ver­mut­lich der schöns­te auf der Welt, die größ­te Kind­heits­er­in­ne­rung sowie­so. Er ist der Proust’sche Instant-Remin­der an die Weih­nachts­ta­ge der Kind­heit, als ich irgend­wann kurz nach Son­nen­auf­gang aus dem Bett hüpf­te und ins Wohn­zim­mer rann­te, um mit mei­nen neu­en Spiel­sa­chen zu spie­len. Bar­fuß saßen mei­ne Geschwis­ter und ich unter dem fest­lich geschmück­ten Baum, des­sen schon ver­lo­re­ne Nadeln gemein­sam mit dem Hoch­flor­tep­pich eine letz­te, unhei­li­ge Alli­anz ein­ge­gan­gen waren (s.o.), und wid­me­ten uns inten­siv unse­ren Lego-Flug­hä­fen und Play­mo­bil-Rit­ter­bur­gen, die wir natür­lich direkt nach der Besche­rung hat­ten auf­bau­en müs­sen („Du bist doch schon so müde, willst Du das nicht lie­ber mor­gen machen?“ – „NEIN!“).

Die­se kind­li­che, unschul­di­ge Begeis­te­rung, die noch nichts ahnt von abbre­chen­den und ver­lo­ren gehen­den Plas­tik­tei­len, von kost­spie­li­gen Zube­hör­sets und viel bes­se­ren neu­en Ver­sio­nen, glimmt im Erwach­se­nen­le­ben manch­mal noch auf, wenn ein noch jung­fräu­li­cher Lap­top oder ein flamm­neu­es Smart­phone behut­sam aus sei­ner Ver­pa­ckung genom­men wird. Doch dann gilt man schnell als kom­plett bescheu­ert – nicht ganz zu Unrecht, wenn man die Ent­pa­ckungs­ze­re­mo­nie gleich­zei­tig auch noch auf Video auf­ge­nom­men und ins Inter­net gestellt hat. Ich hof­fe, dass das „Unboxing“ von Weih­nachts­ge­schen­ken, die­ser ganz inti­me Glücks­mo­ment eines Kin­der­le­bens, nie­mals online ver­wurs­tet wird.

Bis vor ein paar Jah­ren haben mei­ne Geschwis­ter in der Advents­zeit auch immer noch geba­cken. Die­ses hei­me­li­ge Gefühl völ­li­gen Grö­ßen­wahns, wenn man ein Kilo­gramm Scho­ko­la­de und 800 Gramm But­ter im Was­ser­bad zum Schmel­zen bringt! Aber ers­tens sah die Küche unse­rer Eltern danach jedes Mal aus, als habe es ein Mas­sa­ker bei Wil­ly Won­ka gege­ben, und zwei­tens ist irgend­wann jeman­dem auf­ge­fal­len, dass irgend­wer den gan­zen Scheiß ja hin­ter­her auch essen muss. Ich habe bei der Reno­vie­rung mei­ner Woh­nung vor drei Jah­ren die däm­men­de Wir­kung von Scho­ko­la­den-Brow­nies sehr zu schät­zen gelernt.

Die blö­den Vögel sind lan­ge weg. Ich lie­ge neben mei­nem Tan­nen­baum und ver­su­che so unauf­fäl­lig an ihm zu rie­chen, wie man im Vor­bei­ge­hen an sei­nem Schwarm zu rie­chen ver­sucht. Mei­ne Füße tun fast nicht mehr weh. Es ist Advent.

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Gesellschaft

Glühwein gegen den Hunger 2012

Im Som­mer des ver­gan­ge­nen Jah­res, als die Hun­ger­ka­ta­stro­phe im Osten Afri­kas es gera­de mal für ein paar Wochen in die deut­schen Medi­en geschafft hat­te, hat­te mein Kum­pel Jan eine Idee: Er woll­te den glei­chen Betrag, den er an einem Wochen­en­de fürs Fei­ern aus­gibt, für das „Bünd­nis Ent­wick­lung hilft“ spen­den. Wir sind mit dem Blog auf­ge­sprun­gen und so war die Face­book-Akti­on „Sau­fen gegen den Hun­ger“ gebo­ren, die wir im Win­ter als „Glüh­wein gegen den Hun­ger“ wie­der­holt haben.

Jetzt ist wie­der Advents­zeit und im Fern­se­hen fin­den aller­lei Wohl­tä­tig­keits­ver­an­stal­tun­gen statt, also wol­len auch wir nicht mehr war­ten und star­ten die 2012er Auf­la­ge von „Glüh­wein gegen den Hun­ger“.

Die Regeln sind wie immer idio­ten­si­cher:

Wir wer­de den glei­chen Betrag, den wir am Wochen­en­de (14. – 16. Dezem­ber) ver­fei­ern/­ver­kös­ti­gen/­ver­sau­fen/­weg-eska­lie­ren/nach der Par­ty ver­fres­sen, für Afri­ka spen­den.

Also, für jeden Ein­tritt, jedes Bier, jeden Schnaps/​Sekt/​Döner/​sonstwas kommt der glei­che Betrag auf das Spen­den­kon­to der ARD (s.u).

Dann wirds zwar logi­scher­wei­se dop­pelt so teu­er, aber der Kater wird durch ein gutes Gewis­sen aus­ge­gli­chen! (und wenn das nicht wirkt: Aspi­rin)

Wie bei den letz­ten Malen kön­nen und wol­len wir nicht über­prü­fen, ob die Teil­neh­mer sich auch tat­säch­lich an die (recht vagen) Regeln hal­ten, aber wir glau­ben wei­ter­hin an das Gute im Men­schen.

Alles Wei­te­re zu „Glüh­wein gegen den Hun­ger“ erfah­ren Sie bei Face­book – und wenn Sie spen­den wol­len, ohne etwas zu trin­ken, kön­nen Sie das selbst­ver­ständ­lich auch tun.

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Digital Gesellschaft

„Sie übergibt sich!“

Natür­lich kann man es bescheu­ert fin­den, dass Online­me­di­en wie „Spie­gel Online“ oder n‑tv.de ges­tern die Push-Funk­ti­on ihrer Smart­phone-Apps benutz­ten, um ihre Leser dar­über zu infor­mie­ren, dass der Her­zog und die Her­zo­gin vom Cam­bridge (auch bekannt als „Prin­ce Wil­liam und Her­zo­gin Kate“) Nach­wuchs erwar­ten. Aber, mein Gott: Die Euro­kri­se scheint nie enden zu wol­len, im Nahen Osten hat sich die Lage gera­de erst wie­der ein biss­chen beru­higt und in zwei­ein­halb Wochen geht die Welt unter – da kann die Nach­richt von der nahen­den Geburt eines Men­schen, noch dazu in der Advents­zeit, doch für einen Moment mal ein wär­men­des Licht in die kal­te Dun­kel­heit wer­fen.

Der Wahn­sinn ist ohne­hin woan­ders zuhau­se. Nicht bei der „Sun“, die mit „Kate Expec­ta­ti­ons“ einen Über­schrif­ten-Voll­tref­fer lan­de­te, nicht in „Bild“, wo Alex­an­der von Schön­burg über Zeu­gungs­ort und ‑zeit­punkt spe­ku­lier­te, ver­mut­lich nicht ein­mal im Sat.1‑Frühstücksfernsehen, obwohl ich das aus pani­scher Angst vor Sibyl­le Wei­schen­berg gar nicht erst ein­ge­schal­tet habe.

Es dürf­te in jedem Fall schwer wer­den, den Arti­kel zu über…, unter… Es dürf­te schwer wer­den, irgend­et­was zu fin­den, was mit dem Arti­kel von Hel­mut-Maria Glog­ger auf „Focus Online“ ver­gleich­bar wäre. Und da möch­te ich Trips auf syn­the­ti­schen Dro­gen durch­aus mit ein­rech­nen.

Schon der ers­te Absatz ist Poe­sie:

„Die Welt inter­es­siert sich nur für mei­nen Bauch“, lächelt Cathe­ri­ne, Duch­es­se of Cam­bridge, Ehe­frau von Prinz Wil­liam. Und ver­wei­gert bei ihrem Besuch bei der Unicef in Kopen­ha­gen die gereich­te Erd­nuss­pas­te – wor­auf ihr Spre­cher ver­kün­det: „Die Her­zo­gin ist nicht all­er­gisch auf Erd­nüs­se.“

Auf die­sen Zwi­schen­fall, der medi­al durch­aus groß­zü­gig ven­ti­liert wur­de, wird der Text im Fol­gen­den nicht mehr ein­ge­hen. Scha­de, hat­te die Her­zo­gin (oder „Duch­ess“, wenn’s schon Eng­lisch sein soll) ihrem Mann laut Berich­ten doch einen „wis­sen­den Blick“ zuge­wor­fen und hat­ten Ärz­te und Gesund­heits­exper­ten schwan­ge­re Frau­en doch schon „lan­ge gedrängt“, sich von Erd­nüs­sen und ihren Neben­pro­duk­ten fern zu hal­ten, „um All­er­gien zu ver­mei­den“. Aller­dings ist die Epi­so­de inzwi­schen auch schon 13 Mona­te her, sie steht also – nach allem was wir über die mensch­li­che Schwan­ger­schaft wis­sen – in kei­nem direk­ten Zusam­men­hang zur gest­ri­gen Bekannt­ma­chung.

Einen gan­zen Absatz ver­wen­det Glog­ger dar­auf, vor­geb­lich kennt­nis­reich zu beschrei­ben, wo sich Her­zo­gin Kate nicht über­gibt: Nicht im Cot­ta­ge auf der „kar­gen Insel Ang­le­sey vor der Küs­te von Wales“, nicht im „Not­ting­ham Cot­ta­ge“, „dem als ‚Nott Cott‘ bekann­ten Gar­ten­ge­bäu­de beim Ken­sing­ton Palace“ mit diver­sen Räu­men, die Glog­ger natür­lich auf­zählt – nicht ohne zu erwäh­nen, dass Wil­liams Mut­ter Dia­na „bis zu ihrem Tod“ im Haupt­haus (also, welch Zufall, auch nicht im Cot­ta­ge!) leben durf­te. Und zwar „in den Apart­ments 8 und 9“!

Dann klärt Glog­ger end­lich auf, wo sich die Her­zo­gin denn statt­des­sen über­ge­be – und sei­ne Detail­be­ses­sen­heit nimmt Aus­ma­ße an, die man sonst nur aus den Land­schafts­be­schrei­bun­gen von Mit­tel­er­de kennt:

Cathe­ri­ne liegt seit Mon­tag mit „sehr hef­ti­ger Übel­keit“ im pri­va­ten „King Edward VII’s Hos­pi­tal“ an der Lon­do­ner Beau­mont Street. Das unter der Tele­fon-Num­mer +44 (0) 20 7486 4411 erreich­bar ist – ein Durch­stel­len zu den Gynä­ko­lo­gen Dr. Alfred Cut­ner, Dr. Arvind Vas­hist oder Dr. Jona­than Dow­ler ist aller­dings lei­der nicht mög­lich.

Man hät­te hier erwäh­nen kön­nen, dass es ja auch bei „Dr. House“ mal einen Dr. Kut­ner gege­ben habe, der aller­dings nicht mit „C“ geschrie­ben wur­de, mit Vor­na­men Law­rence und nicht Alfred hieß und auch nicht Gynä­ko­lo­ge, son­dern Dia­gno­se­spe­zia­list war, aber Glog­ger ent­schei­det sich gegen die an die­ser Stel­le schon nicht mehr völ­lig abwe­gig erschei­nen­de Abzwei­gung und fährt fort:

Dass das Hos­pi­tal, in dem die „leicht“ schwan­ge­re Cathe­ri­ne auf­ge­päp­pelt wird, aus­ge­rech­net den Namen des bri­ti­schen „Bor­dell­kö­nigs“ Edward VII. trägt? Ein gutes Omen? Gute Fra­ge!

Sich selbst zur eige­nen rhe­to­ri­schen Fra­ge zu beglück­wün­schen, ist doch sicher eine außer­ge­wöhn­li­che sti­lis­ti­sche Spie­le­rei, oder? Ich bin froh, dass ich das anspre­che!

Glog­ger ist auch froh, dass er das The­ma so ele­gant auf Edward VII. hat brin­gen kön­nen, denn wie die Autoren­zei­le erklärt, erscheint 2013 sein Buch „Der Bor­dell­kö­nig: Edward VII.“ und des­we­gen dür­fen Sie ein­mal raten, wor­über er in den nächs­ten Absät­zen refe­riert (klei­ner Tipp: eine „kup­fer­ro­te Bade­wan­ne“ und ein „ ‚Lie­bes­stuhl‘ für die Ména­ge-à-trois“ kom­men auch drin vor).

„Cloud Atlas“-gleich ver­webt Glog­ger nun die ver­schie­de­nen Epo­chen mit­ein­an­der:

Am Toten­bett des Mon­ar­chen stand Ali­ce Kep­pel. Genau: die Urgroß­mutter von Camil­la. Die der Ehe­frau des heu­ti­gen Thron­fol­ger Charles fol­gen­den Satz ver­erb­te: „Erst der Hof­knicks – dann ab ins Bett!“

Her­zo­gin Kate, Ver­zei­hung: Cathe­ri­ne sei anders, fährt Glog­ger fort:

Cathe­ri­ne ist anders, kein Prin­ce-Grou­pie, mit ihren 30 Jah­ren eine Frau, die selbst als allein erzie­hen­de Mut­ter ihren Weg gehen kann! Cathe­ri­ne hat einen Mas­ter of Arts, hat Aus­sicht auf ein Drit­tel der Mil­lio­nen abwer­fen­den Scherz­ar­ti­kel-Fir­ma ihrer Mut­ter, die von Fest­ge­schirr, Bal­lo­nen, Deko-Schlan­gen bis Klei­dung und Kuchen alles anbie­tet.

Mit „Prin­ce-Grou­pie“ bezieht sich Glog­ger natür­lich nicht auf den Pop­star der 1980er Jah­re, mit „Scherz­ar­ti­kel“ mut­maß­lich auch nicht auf sei­nen eige­nen Text, den er auf Sei­te 2 mit Begrif­fen wie „vir­go int­ac­ta“ („Jung­frau“) und „pied-à-terre“ („800 000 Pfund“, sonst nicht näher erklärt) würzt.

Und mit wei­te­rem Detail­wis­sen:

Eine Schwan­ger­schaft, die in Buck­le­bu­ry von Brief­trä­ger Ryan Nay­lor eben­falls wie von Dorf­metz­ger Mar­tin Fid­ler, auf den Bän­ken und Stüh­len in Johns Pub in Buck­le­bu­ry heu­te, mor­gen und über­mor­gen garan­tiert kräf­tig begos­sen wird.

Soll­te Glog­ger für die­se Namens­nen­nun­gen extra nach Buck­le­bu­ry gefah­ren sein, so wäre dies zumin­dest nicht nötig gewe­sen. Aber viel­leicht hat er dort die Glas­ku­gel gefun­den, in die er nun schaut:

Kates jün­ge­re Schwes­ter Pip­pa wird den neu­en Sta­tus ihrer Schwes­ter nut­zen – um viel­leicht doch noch einen rei­chen Erben zu frei­en. Cathe­ri­nes Bru­der James wird künf­tig – selbst stock­be­sof­fen – auf das Tra­gen von Frau­en­klei­dern ver­zich­ten.

Glog­gers Zukunfts­vi­sio­nen sind erstaun­lich klar, nur erklä­ren sie an die­ser Stel­le auch nichts mehr.

Er ist näm­lich inzwi­schen dazu über­ge­gan­gen, zu erklä­ren, dass mit Cathe­ri­ne „wie­der eine ’nor­ma­le‘ Schwan­ge­re ins Leben der Wind­sors“ kom­me. Und das sei ja nicht immer so gewe­sen, denn „schwan­ger zu wer­den von einem Wind­sor war selbst für ange­trau­te Damen nicht ein­fach“. (Die For­mu­lie­rung „selbst für ange­trau­te Damen“ ergibt ange­sichts der Tat­sa­che, dass Glog­ger vor­her noch groß über die Ent­sor­gung von „Bas­tards“ doziert hat­te, auch nicht wirk­lich Sinn, aber: hey!)

Glog­ger refe­riert also, dass Queen Mum und ihr Mann „auf den Rat ihres Arz­tes Dr. Lane Phil­lips“ ein­ge­wil­ligt habe, es mit künst­li­cher Befruch­tung zu ver­su­chen, was zum „Ergeb­nis“, Köni­gin Eliza­beth II, geführt habe.

Dann wird es voll­ends spe­zi­ell:

Erin­nern wir uns an den Abend des 6. Febru­ar 1981.

Ooo­kay …

Der könig­li­che Gynä­ko­lo­ge berich­tet Köni­gin Eli­sa­beth II., dass Lady Dia­na Spen­cer zwar noch „vir­go int­ac­ta“ ist, aber kei­ne Kai­se­rin Sora­ya ist – also sehr wohl fähig zu einer Schwan­ger­schaft. Wor­auf Prinz Charles via Sekre­tär das Kin­der­mäd­chen der St-Saviour-Kir­che im Stadt­teil Pim­li­co in sein Zwei-Zim­mer-Quar­tier im drit­ten Stock des Buck­ing­ham-Palasts rufen lässt. Dia­na fin­det mit ihrem Mini Metro die Pri­vat­ein­fahrt zum Buck­ing­ham-Palast nicht. Ein Tor­wäch­ter hilft ihr.

Yeah. Wha­te­ver …

Laut der Fach­bi­bel „Burke’s Peera­ge and Gen­try“ sind Wil­liam und Cathe­ri­ne angeb­lich Cou­sins sieb­zehn­ten Gra­des. Eine Inzest-Gefahr, gepaart mit dem Gen der Blu­ter­krank­heit, ist aller­dings nicht gege­ben.

Will you plea­se stop it?

Die Gefahr, dass das Kind von Cathe­ri­ne und Wil­liam ein „typisch bri­ti­scher König“ wird, ist gering. Obwohl sich in der Geschich­te des Königs­hau­ses vie­le fin­den: debi­le Säu­fer, schwach­sin­ni­ge Stot­te­rer, Lal­ler, unge­wa­sche­ne Prin­zes­si­nen, homo­se­xu­el­le Opi­um-Rau­cher, ner­vös Zucken­de, Sado-Maso­chis­ten, Mör­der, Frau­en, die eher Män­ner, Män­ner, die eher Frau­en waren – Fuß-Feti­schis­ten, Fla­gel­lan­ten und medi­zi­nisch erklär­te Wahn­sin­ni­ge.

Zom­bies! Ali­ens! Vam­pi­re! Dino­sau­ri­er!

Nach­dem Glog­ger den Leser noch dar­über infor­miert hat, dass Prin­ce Charles „sei­ner Frau Dia­na gera­de mal 17 gemein­sa­me Näch­te zuge­stand“ (ob er, Glog­ger, mit sei­nem Notiz­block auf dem – sicher­lich staub­frei­en – Boden unter dem könig­li­chen Bett dabei war, lässt er lei­der offen), kommt er zum Schluss.

Also ganz zum Anfang zurück:

Eine künf­ti­ge Köni­gin ist schwan­ger! Sie über­gibt sich! Und ein künf­ti­ger König ist dabei. Das hat es in der über 1000-jäh­ri­gen Geschich­te der bri­ti­schen Mon­ra­chie (sic!) noch nie gege­ben!

Einen sol­chen Arti­kel sicher­lich auch nicht!

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Musik Unterwegs

Luki Waits

Ich hab das Gefühl, ich hab das alles schon tau­send­mal erzählt:

Wie ich 1999, als ich Ben Folds Five gera­de für mich ent­deckt hat­te, nicht zur „Rol­ling Stone Road­show“ gefah­ren bin, weil ich dach­te, die Band wür­de schon dem­nächst mal wie­der nach Deutsch­land kom­men. Und wie sich die Band dann ein Jahr spä­ter auf­ge­löst hat­te.

Wie im Jahr 2001 das ers­te (offi­zi­el­le) Solo­al­bum von Ben Folds erschien und ich das Release­da­te schon Mona­te vor­her groß im Kalen­der mar­kiert hat­te: den 11. Sep­tem­ber.

Wie ich an einer Online-Peti­ti­on teil­nahm, die Ben Folds mit sei­nen dama­li­gen Begleit­mu­si­kern im Jahr 2005 end­lich wie­der nach Deutsch­land brach­te.

Wie Ben Folds Five im Sep­tem­ber 2008 tat­säch­lich ein ein­zel­nes Reuni­on-Kon­zert spiel­ten, das blö­der­wei­se in Cha­pel Hill, NC statt­fand. Und wie sie dann im ver­gan­ge­nen Jahr doch noch ankün­dig­ten, wie­der zusam­men ein Album auf­zu­neh­men und auf Tour zu gehen.

„The Sound Of The Life Of The Mind“ ist tat­säch­lich ein sehr gutes Album gewor­den, nicht nur gemes­sen an mei­nen (zuge­ge­be­ner­ma­ßen sehr nied­ri­gen) Erwar­tun­gen und mei­nem Fan­dom, son­dern ein­fach ein sehr gutes Album. Im Som­mer waren die ers­ten Fes­ti­val-Auf­trit­te der wie­der­ver­ein­ten Band auf You­Tube zu sehen, dann kamen die Tour-Ter­mi­ne raus – auf denen Deutsch­land fehl­te. Aber nach 13 Jah­ren War­ten haben Län­der­gren­zen, Kos­ten und abwe­gi­ge Ideen völ­lig ihre Bedeu­tung ver­lo­ren, so dass ich mir nur noch Beglei­tung suchen muss­te und dann Flug nach, Hos­tel in und Kon­zert­ti­ckets für Man­ches­ter gebucht habe.

Ben Folds Five im O2 Apollo Manchester

Man­ches­ter ist kei­ne Stadt, die einen mit Schön­heit über­wäl­tigt. Mit Häss­lich­keit aller­dings auch nicht. Je mehr ich in Deutsch­land und der Welt rum­kom­me, des­to mehr ver­schwim­men all die­ses Städ­te sowie­so vor mei­nem geis­ti­gen Auge zu einer bzw. zwei­en – einer deut­schen und einer inter­na­tio­na­len. In der inter­na­tio­na­len gibt es dann Läden wie HMV und Waterstone’s und in ihren Super­märk­ten kann man HP Sau­ce und Scho­ko­la­de von Cad­bu­ry kau­fen und was braucht der Mensch eigent­lich mehr?

Außer­dem waren wir ja eh pri­mär aus einem Grun­de in der Stadt. Ich war in den Tagen vor dem Kon­zert nicht auf­ge­regt, es war nicht so wie als Teen­ager, als ich Tage vor­her nur noch die CDs der auf­tre­ten­den Bands gehört habe und mit Herz­klop­fen in den Zug gestie­gen bin, selbst wenn es zum Kon­zert von Slut nach Dort­mund ging. Aber in der Nacht vor dem Kon­zert habe ich dann doch von zwei Ben-Folds-Five-Songs geträumt. So was war mir noch nie pas­siert.

Viel zu früh stan­den wir letzt­lich vor den noch ver­schlos­se­nen Toren des O2 Apol­lo, das sich gro­ße Mühe gege­ben hat­te, die tat­säch­li­chen Zeit­punk­te für Ein­lass und Kon­zert­be­ginn geheim zu hal­ten. Eine wei­te­re Stun­de fiel der Vor­band und Umbau­pau­se zum Opfer: Ich habe vor Ben Folds‘ Solo­kon­zer­ten bis­her immer nur Acts gese­hen, die bes­ten­falls okay waren, häu­fig auch sehr spe­zi­ell. Aber so anstren­gend wie Bit­ter Ruin war tat­säch­lich noch kei­ner von ihnen gewe­sen. Aber was sind 25 Minu­ten Gekrei­sche gegen 13 Jah­re?

Gut. Die­se ver­damm­ten 13 Jah­re bedeu­te­ten natür­lich auch, dass ich mir vor­her schon sicher sein konn­te, dass das Kon­zert mei­ne Erwar­tun­gen nicht wür­de erfül­len kön­nen. Also: Mei­ne Erwar­tun­gen von damals. Heu­te hat­te ich ja irgend­wie kei­ne mehr. Als Ben Folds, Robert Sledge und Dar­ren Jes­see die Büh­ne betra­ten, war das dann auch kein „Endlich!“-Moment mehr. Es war ein­fach der Beginn eines Kon­zer­tes. Aber eines guten.

Ben Folds Five im O2 Apollo Manchester

Die Set­list war klug zusam­men­ge­stellt, die Band defi­ni­tiv in Spiel­lau­ne. In ein­zel­nen Momen­ten droh­ten Songs rhyth­misch aus dem Leim zu gehen, obwohl die drei eigent­lich Top-Musi­ker sind, aber die Har­mo­nie­ge­sän­ge waren in jedem Moment gran­di­os und zähl­ten sicher zu Bes­ten, was es in dem Bereich seit Ende der Sech­zi­ger gege­ben hat. 1 Neue Songs (gleich sie­ben) wech­sel­ten sich mit alten Hits ab, aus Folds‘ Solo­pha­se gab es nur „Lan­ded“ zu hören, bei dem sich Bas­sist Robert Sledge und Schlag­zeu­ger Dar­ren Jes­see etwas zurück­hal­tend zeig­ten.

Als ich dann „Brick“ zum ers­ten Mal in mei­nem Leben live hör­te, stell­te sich tat­säch­lich ein klei­ner Gän­se­haut­mo­ment ein. So ein gestri­che­ner Kon­tra­bass wirkt qua­si direkt auf die klei­nen Här­chen auf den Armen und im Nacken und das ver­mut­lich schöns­te Lied, das je über eine Abtrei­bung geschrie­ben wur­de, tut natür­lich sein Übri­ges. Bei­na­he erwart­bar impro­vi­sier­ten die Drei spon­tan den Song „Rock This Bitch In Man­ches­ter“, des­sen Text so bescheu­ert war, dass sogar Folds beim Sin­gen lachen muss­te. Und die Blä­ser-Pas­sa­ge aus „Army“ kön­nen auf­merk­sa­me Kon­zert­be­su­cher inzwi­schen natür­lich im Schlaf mit­sin­gen.

Nach 113.976 Stun­den des War­tens und ziem­lich exakt zwei Stun­den Kon­zert war dann Schluss – für Ben-Folds-Ver­hält­nis­se etwas früh, aber – hey! – auch das ist Eng­land. Dann eben kein „Magic“, kein „Phi­lo­so­phy“, „Don’t Chan­ge Your Plans“, „Eddie Wal­ker“, „Lul­la­bye“ oder „Away When You Were Here“, der bes­te Song des neu­en Albums. Es war ein wirk­lich tol­les Kon­zert, aber wirk­lich beson­ders hat es sich für mich dann lei­der doch nicht ange­fühlt. So ist das also, wenn man sich die Spiel­zeug­ei­sen­bahn zum 50. Geburts­tag end­lich selbst kauft.

Am nächs­ten Tag zeig­te sich dann wie­der ein­mal, wie nutz­los das Inter­net sein kann: Wäh­rend wir in Man­ches­ter via Face­book-Time­line aus­führ­lich dar­über infor­miert wur­den, dass die Zeit­schrift „Bri­git­te“ irgend­et­was über Skate­boards geschrie­ben hat­te, 2 war irgend­wie völ­lig an uns vor­bei­ge­gan­gen, dass Ben Folds am Mitt­woch sei­ne ein­zi­ge Foto­aus­stel­lung wäh­rend der gesam­ten Tour eröff­net hat­te. In Man­ches­ter. Mit Band. In einer Gale­rie, zwei Blocks vom Hos­tel ent­fernt.

Sto­ry of my life.

  1. Ver­ges­sen Sie Mum­ford & Sons, ver­ges­sen Sie Fleet Foxes![]
  2. Leu­te, jetzt mal im Ernst: Get. A. Fuck­ing. Life.[]
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Musik

And there won’t be snow in Africa this Christmas time

Toten­sonn­tag ist vor­bei, das heißt, wir „dür­fen“ jetzt auch „offi­zi­ell“ Weih­nachts­lie­der hören.

Ich bin gleich mal mit gutem Bei­spiel vor­an­ge­gan­gen und habe mir für die­sen BILD­blog-Arti­kel „Do They Know It’s Christ­mas?“ und „We Are The World“ ange­hört – wobei ich dann bei der Lek­tü­re des Wiki­pe­dia-Arti­kels fest­ge­stellt habe, dass „We Are The World“ gar kei­ne Vor­weih­nachts-Sin­gle war.

Da der gute Zweck bekannt­lich die chee­sy Mit­tel hei­ligt, soll­te man die Tex­te die­ser Bene­fiz-Ever­greens bes­ser igno­rie­ren.

In „Do They Know It’s Christ­mas?“ heißt es etwa:

There’s a world out­side your win­dow
And it’s a world of dread and fear
Whe­re the only water flowing is the bit­ter sting of tears

Okay, das ist schon hart. Aber schau­en Sie mal, wie schön die Wor­te „the bit­ter sting of tears“ im Musik­vi­deo ins Bild gesetzt wur­den:

Sting

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Print Digital

Papier ist geduldig

Ges­tern gab es gleich zwei schlech­te Nach­rich­ten im Medi­en­sek­tor: Das Stadt­ma­ga­zin „Prinz“ wird im Dezem­ber zum letz­ten Mal als gedruck­te Aus­ga­be erschei­nen und die „Frank­fur­ter Rund­schau“ mel­de­te Insol­venz an.

Sofort ging das Gerau­ne wie­der los, Print sei tot. Wahr­schein­lich konn­te man auch wie­der das Idio­ten­wort „Tot­holz­me­di­en“ lesen. Ger­ne wür­de ich die­sen Leu­ten ins Gesicht schrei­en, dass sie Unrecht haben. Das Pro­blem ist: Ich wür­de mir selbst nicht glau­ben. Das Pro­blem bin ich selbst.

Das letz­te Mal, dass ich ein Prin­ter­zeug­nis gekauft habe, war die Sep­tem­ber/Ok­to­ber-Aus­ga­be der „Spex“. Davor hat­te ich in die­sem Jahr viel­leicht fünf, sechs ande­re Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten gekauft. Nicht, weil ich die Pro­duk­te schei­ße fän­de, im Gegen­teil, aber: Wann soll ich die denn lesen?

Viel­leicht liegt es dar­an, dass ich von zuhau­se aus arbei­te – mein Weg vom Früh­stücks- zum Schreib­tisch beträgt sie­ben Meter, der Gang zur Tages­zei­tung im Brief­kas­ten wäre ein Umweg. Als ich im ers­ten Semes­ter mei­nes Stu­di­ums noch täg­lich von Dins­la­ken nach Bochum gepen­delt bin, habe ich in die­ser Zeit jeden Monat „Musik­ex­press“, „Rol­ling Stone“, „Visi­ons“ und „Galo­re“ gele­sen, dazu zahl­rei­che Bücher und an man­chen Tagen gar Zei­tun­gen. Tat­säch­lich habe ich alle Zeit­schrif­ten, die ich 2012 gekauft habe, in Bahn­hofs­ki­os­ken erwor­ben. Aber auf Zug­fahr­ten kann ich auch end­lich mal in Ruhe Pod­casts hören oder ein Buch lesen – oder halt die gan­ze Zeit auf den Bild­schirm mei­nes iPho­nes star­ren.

Es ist bescheu­ert, Tex­te auf einer Flä­che lesen zu wol­len, die klei­ner ist als mein Hand­tel­ler, und wir wer­den ver­mut­lich eines Tages alle dafür bezah­len. Aber es ist auch so herr­lich prak­tisch, in der S‑Bahn, im Café oder mor­gens noch vor dem Auf­ste­hen im Bett zu lesen, was gera­de in der Welt pas­siert. Ein Buch wür­de ich so nie lesen wol­len, aber Nach­rich­ten? War­um nicht!

Gemes­sen dar­an ist die Tages­zei­tung, die ich auf dem Weg zum Bäcker kau­fen könn­te, natür­lich alt. Dass sie des­halb über­flüs­sig sei, ist natür­lich auch so ein Quatsch-Argu­ment der Inter­net-Apo­lo­ge­ten: Schon vor 30 Jah­ren konn­te es einem pas­sie­ren, dass die „Tages­schau“ um 20 Uhr berich­te­te, was man schon im „Mor­gen­ma­ga­zin“ auf WDR 2 gehört hat­te. Es geht ja nicht nur um die rei­ne Nach­richt, son­dern auch um deren Auf­be­rei­tung. Und selbst wer den gan­zen Tag am Inter­net hängt, wird nicht alles mit­be­kom­men haben, was sich an die­sem Tag ereig­net hat. Ande­rer­seits ist der Nutz­wert einer Zei­tung, die fast aus­schließ­lich die glei­chen Agen­tur­mel­dun­gen bringt, die am Vor­tag schon auf zwei­tau­send Inter­net­sei­ten zu lesen waren, tat­säch­lich gering. Das gilt lei­der auch für eine Lokal­zei­tung, die ihre schö­nen Ent­hül­lun­gen schon vor­ab im eige­nen Web­por­tal ver­öf­fent­licht hat.

Natür­lich liest man Zei­tun­gen ganz anders als Web­sei­ten: Das Auge streift Mel­dun­gen, Über­schrif­ten und Fotos, nach denen man nie gesucht hät­te, die einen aber den­noch anspre­chen kön­nen – nicht sel­ten zur eige­nen Über­ra­schung. Ich lie­be gut gemach­te Zei­tun­gen, trotz­dem lese ich sie nicht. Ich weiß auch, was gutes Essen ist, trotz­dem geht nichts in der Welt über Bur­ger, Cur­ry­wurst und Piz­za. Aber war­um bin ich, war­um sind wir Men­schen so?

Es kann mir nie­mand erzäh­len, dass die Lek­tü­re eines Tex­tes auf einem Bild­schirm (egal ob Smart­phone, Tablet oder Moni­tor) mit der eines Buchs ver­gleich­bar ist. Der Text ist der­sel­be, aber „Lek­tü­re“ ist dann offen­bar doch etwas ande­res als schlich­tes Lesen. Schon ein Taschen­buch fühlt sich nicht so wer­tig an wie eine gebun­de­ne Aus­ga­be mit Lese­bänd­chen, die digi­ta­le Text­an­zei­ge ist dage­gen ein Witz. 1 Aber offen­sicht­lich gibt es Men­schen, denen das an die­ser Stel­le dann viel­be­schwo­re­ne sinn­li­che Lese­er­leb­nis nicht so wich­tig ist. Ich wür­de ja auch kei­ne 20 Euro für eine Fla­sche Wein bezah­len.

Mein Ver­hält­nis zu Vinyl-Schall­plat­ten ist eher theo­re­ti­scher Natur: Ich habe nur ein paar, das meis­te sind Sin­gles, die ich aus einer Mischung von Schnäpp­chen­jagd, Witz und Sam­mel­lei­den­schaft erwor­ben habe. 2 Ich besit­ze nicht mal eine ordent­li­che Ste­reo­an­la­ge, auf der ich die Din­ger abspie­len könn­te, weiß aber natür­lich um den legen­dä­ren Ruf von Vinyl. Mei­ne Sozia­li­sa­ti­on fand mit CDs statt und ehr­lich gesagt fra­ge ich mich manch­mal schon, war­um anfäl­li­ge Schall­plat­ten bes­ser sein sol­len als die dann doch recht robus­ten Sil­ber­schei­ben. Und natür­lich sind CDs für mich viel wer­ti­ger als MP3s, auch wenn ich vie­le CDs nur ein­mal aus der Hül­le neh­me, um sie in MP3s zu ver­wan­deln. Aber MP3s sind für mich immer noch bes­ser als Strea­ming-Diens­te wie Spo­ti­fy: Da „habe“ ich ja wenigs­tens noch die Datei. Bei einem Strea­ming-Dienst habe ich Zugang zu fast allen Ton­trä­gern der letz­ten 50 Jah­re, wodurch jedes Album qua­si völ­lig wert­los wird, auch wenn ich im Monat zehn Euro dafür bezah­le, alles hören zu kön­nen. Den­noch nut­ze ich Spo­ti­fy, wenn auch eher für Klas­si­sche Musik und zum Vor­hö­ren von Alben, die ich mir dann spä­ter kau­fe. Ich gucke auch DVDs auf einem Lap­top, des­sen Bild­schirm unge­fähr Din-A-4-Grö­ße hat und des­sen Auf­lö­sung höher ist als die der DVD selbst.

Scha­det es also dem Pro­dukt, wenn das Medi­um als weni­ger wer­tig emp­fun­den wird? Ich fin­de ja. Ich habe im Inter­net gran­dio­se Tex­te gele­sen, die ich glaub ich noch bes­ser gefun­den hät­te, wenn ich sie auf Papier gele­sen hät­te. Nur, dass ich sie auf Papier nie gele­sen hät­te, weil ich sie dort nie gesucht und gefun­den hät­te. Und weil ich zu wenig Zeit habe, noch bedruck­tes Papier zu lesen, weil ich fast den gan­zen Tag vor dem Inter­net sit­ze. Es ist bekloppt!

Die meis­ten Men­schen, die ich ken­ne, haben kein beson­de­res Ver­hält­nis zu Pfer­den oder Autos, sie wol­len nur mög­lichst schnell an irgend­ei­nem Ziel ankom­men. Das Auto ist schnel­ler als das Pferd – bas­ta! Das war vor hun­dert Jah­ren schlecht für die Pfer­de­züch­ter und Huf­schmie­de, aber so ist das. Der Auto­mo­bil­in­dus­trie gin­ge es auch noch bedeu­tend schlech­ter, wenn wir end­lich alle Rake­ten­ruck­sä­cke hät­ten oder uns bea­men könn­ten.

Die meis­ten Men­schen wol­len auch ein­fach nur Musik hören. Von den Arsch­lö­chern mal ab, denen es egal ist, ob die Musi­ker dafür auch ent­spre­chend ent­lohnt wer­den, ist das völ­lig legi­tim, sie brau­chen kei­ne sie­ben CD-Rega­le in der Woh­nung und Delu­xe-Box­sets. Ihre Umzü­ge sind mut­maß­lich auch weni­ger anstren­gend.

Es gibt offen­sicht­lich Men­schen, die Bücher lesen, die kei­ne Bücher mehr sind. Auch das ist legi­tim und beim Umzug von Vor­teil. Ich kann das nicht ver­ste­hen, aber ich kann schon nicht ver­ste­hen, wie man sich Roma­ne aus der Büche­rei aus­lei­hen kann: Wenn mir ein Buch gefällt, will ich Stel­len unter­strei­chen und es anschlie­ßend, als Tro­phäe und zum Wie­der­her­vor­ho­len, im Regal ste­hen haben.

Die meis­ten Men­schen brau­chen aber offen­bar auch kei­ne gedruck­ten Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten mehr – außer, sie zie­hen gera­de um. Ich wür­de das gern eben­falls merk­wür­dig fin­den. Aber ich bin ja offen­bar genau­so.

  1. Ander­seits kann eine Voll­text­su­che schon sehr, sehr prak­tisch sein.[]
  2. Eine spa­ni­sche Pres­sung von „Sep­tem­ber“ von Earth, Wind And Fire? Klar! Die Ori­gi­nal­auf­la­ge von San­die Shaws „Pup­pet On A String“? Brauch ich als ESC-Fan natür­lich drin­gend![]
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Film

Cinema And Beer: „Oh Boy“

In der zwei­ten Fol­ge unse­rer neu­en Pod­cast-Rei­he gehen wir ins soge­nann­te Opf­aki­no und sehen uns „Oh Boy“ von Jan-Ole Gers­ter (Sor­ry!) an.

Oh Boy (Offizielles Filmplakat)

Cine­ma And Beer: „Oh Boy“
(Zum Her­un­ter­la­den rechts kli­cken und „Ziel spei­chern unter …“ wäh­len.)
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Digital

Tränen lügen nicht

In Bochum begin­nen sie nun nach lan­gem Hin und Her end­lich mit dem Bau des Musik­zen­trums. Nach­dem ein (wie üblich viel zu spä­tes) Bür­ger­be­geh­ren dage­gen ver­gan­ge­ne Woche spek­ta­ku­lär geschei­tert war, wur­den am Mon­tag die ers­ten Bäu­me am Bau­platz in der Innen­stadt gefällt.

Wenn man dem „Wes­ten“ glau­ben darf, war es eine extrem feucht-trau­ri­ge Ver­an­stal­tung:

Bochum. Tränen flossen, als zu Wochenbeginn die Platanen an der Marienkirche fielen. Für die Urbanatix-Familie markiert die umstrittene Fällung den Abschied von ihrer Trainingsstätte. Und neue Probenräume sind derzeit nicht in Sicht. Tränen flossen, als zu Wochenbeginn die Platanen an der Marienkirche fielen. Tränen flossen, als zu Wochenbeginn die Platanen an der Marienkirche fielen. Für die Urbanatix-Familie markiert die umstrittene Fällung den Abschied von ihrer Trainingsstätte. Und neue Probenräume sind derzeit nicht in Sicht.

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Musik

Haut es mit Edding an die Wände

Irgend­wann im Herbst 2002 sag­te ein Kum­pel zu mir: „Ey, ich war grad auf der Visi­ons-Par­ty. kett­car haben gespielt, die könn­ten Dir auch gefal­len!“ Also mach­te ich das, was man damals so mach­te, ging in die Tausch­bör­sen und schau­te, was es dort so gab.

Ich weiß nicht mehr ganz genau, wel­ches Lied ich dann als ers­tes gehört habe, aber es müss­te „Im Taxi wei­nen“ oder „Genau­er betrach­tet“ gewe­sen sein. Letz­te­res ist bis heu­te mei­ne Lieb­lings­lied von kett­car, ers­te­res berühr­te mich damals auf Anhieb, ohne dass ich gleich ver­stan­den hät­te, wor­um es eigent­lich ging. Über­haupt hat­ten die Songs über frisch geschei­ter­te Bezie­hun­gen, Par­ty­näch­te mit den bes­ten Freun­den und das Schei­tern von Lebens­ent­wür­fen ver­gleichs­wei­se wenig mit mei­ner Lebens­wirk­lich­keit als Zivil­dienst­leis­ten­der in einer nie­der­rhei­ni­schen Klein­stadt zu tun – aber ich lieb­te sie von Anfang an.

Nach ein paar Wochen kauf­te ich mir in der CD-Abtei­lung der Dro­ge­rie Mül­ler in Essen dann end­lich „Du und wie­viel von Dei­nen Freun­den“, das mich seit­dem geprägt hat wie kaum ein ande­res Album. Über Jah­re waren die Tex­te, die ich in mein pri­va­tes Blog häm­mer­te, und die Musik-Rezen­sio­nen, die ich im Inter­net ver­öf­fent­lich­te, voll von direk­ten Zita­ten aus und Ver­wei­sen auf kett­car-Songs.

Na dann herz­li­chen Glück­wunsch.
Das Geld kommt aus der Wand.
Ent­schul­di­gung, sind Sie? Wir müs­sen Ihnen mit­tei­len.
Und wer bei zehn noch steht hat recht.
Das Gegen­teil von gut ist gut gemeint.
Komm schon, Groß­hirn, wünsch mir Glück.
Die Sum­me unse­res All­tags in zwei gepack­ten Kof­fern.
Die­ses Bild ver­dient Applaus.
Der Tag an dem wir uns „We’­re gon­na live fore­ver“ auf die Ober­schen­kel täto­wier­ten.
Solang die dicke Frau noch singt, ist die Oper nicht zu Ende.
Mein Skate­board kriegt mein Zahn­arzt, den Rest kriegt mein Fri­seur.
Ist man jetzt, wo man nicht mehr high ist, froh dass es vor­bei ist?
Ich dan­ke der Aca­de­my.
Auf­ste­hen, atmen, anzie­hen und hin­ge­hen, zurück­kom­men, essen und ein­se­hen zum Schluss, dass man wei­ter­ma­chen muss.

Von …But Ali­ve und Ran­t­an­plan, den Vor­gän­ger­bands von kett­car, hat­te ich damals natür­lich schon gehört, hat­te sie aber nicht genug auf dem Schirm gehabt, um von Anfang an mit­zu­krie­gen, wie Mar­cus Wie­busch und Rei­mer Bus­torff erst kett­car und dann, weil kei­ne Plat­ten­fir­ma der Repu­blik das Album raus­brin­gen woll­te, gemein­sam mit Thees Uhl­mann das Grand Hotel van Cleef grün­de­ten. Aber ab Dezem­ber 2002 war ich dabei.

Ich erin­ne­re mich an mein ers­tes kett­car-Kon­zert im Zakk in Düs­sel­dorf im Janu­ar 2003, an den Tour­ab­schluss im Index in Voer­de (of all places!) und an die vie­len, vie­len Kon­zer­te in klei­nen Clubs, grö­ße­ren Hal­len und auf Fes­ti­vals, die danach kamen. An die lan­gen Mona­te, in denen ich gefühlt nur ein Album im Disc­man hat­te.

Ich erin­ne­re mich an mei­ne ers­te Rei­se nach Ham­burg und dar­an, wie ich am Haupt­bahn­hof „Du und wie­viel von Dei­nen Freun­den“ ein­leg­te und es auf der S‑Bahn-Fahrt nach St. Pau­li bei­na­he schaff­te, dass „Lan­dungs­brü­cken raus“ an genau der rich­ti­gen Stel­le lief. Dass ich damals nach Ham­burg zie­hen woll­te, wegen „Abso­lu­te Gigan­ten“ und die­ser Band.

Ich erin­ne­re mich dar­an, wie ich wegen einer Ver­ket­tung von Zufäl­len als einer der Ers­ten die Pro­mo zum zwei­ten Album „Von Spat­zen und Tau­ben, Dächern und Hän­den“ zuge­schickt bekam, weil ich eine Pres­se­info dazu schrei­ben soll­te. Der Text wur­de glück­li­cher­wei­se nie ver­öf­fent­licht, weil Thees Uhl­mann auch einen geschrie­ben hat­te, der natür­lich bes­ser und näher dran war. Und ich erin­ne­re mich dar­an, wie ich dann am Ver­öf­fent­li­chungs­tag bei ElPi in Bochum stand und die Spe­cial Edi­ti­on des Albums nach hau­se schlepp­te.

Ich erin­ne­re mich an die Bei­trä­ge in den „Tages­the­men“, bei „Poly­lux“ und an die fast ganz­sei­ti­ge Geschich­te in der „Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Sonn­tags­zei­tung“, an die vie­len Kon­zer­te, die ich zum zwei­ten Album besucht habe, und an das Pla­kat zum Album, das mei­ne gute Freun­din Mar­ti­na Dri­gnat gestal­tet hat­te, und das jah­re­lang an mei­ner Zim­mer­tür im Stu­den­ten­wohn­heim hing (abwech­selnd innen und außen).

Ich erin­ne­re mich an „Sylt“, das drit­te Album, zu dem ich erst kei­nen rech­ten Zugang fand, und das, als ich dann in die Erwach­se­nen­welt von Öko­no­mie, Abschie­den und Älter­wer­den hin­ein­stol­per­te, schon da war und auf mich war­te­te. Ich erin­ne­re mich an das Kon­zert in Dort­mund im Okto­ber 2009, bei dem Mar­cus Wie­busch Tex­te und Akkor­de ver­gaß und die Band vor den Augen der Zuschau­er aus­ein­an­der zu fal­len droh­te. Sie stan­den auf und mach­ten wei­ter.

Ich erin­ne­re mich ans Bochum Total 2011, als kett­car ihren neu­en Song „Nach Süden“ spiel­ten, über einen Mann der nach andert­halb Jah­ren die Krebs­sta­ti­on im Kran­ken­haus lebend ver­lässt. Es war auf den Tag genau der fünf­te Jah­res­tag der Beer­di­gung eines sehr lie­ben Ver­wand­ten, der das nicht geschafft hat­te, und ich stand da mit Gän­se­haut und feuch­ten Augen und woll­te die Band wie so oft umar­men.

Im Früh­jahr erschien dann „Zwi­schen den Run­den“, das vier­te Album der Band. Es war, wie schon „Sylt“, anders, nicht so leicht zugäng­lich und weit von den Hym­nen der ers­ten bei­den Alben ent­fernt. Aber es beginnt mit „Ret­tung“, dem schöns­ten Lie­bes­lied, das je geschrie­ben wur­de:

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Ende August fei­er­te das Grand Hotel sei­nen zehn­ten Geburts­tag auf der Trab­renn­bahn in Ham­burg. kett­car spiel­ten als letz­tes und ihr Auf­tritt war von Anfang an wie ein Klas­sen­tref­fen – nur im posi­ti­ven Sin­ne. Um mich her­um stan­den lau­ter Men­schen, die mit kett­car erwach­sen gewor­den waren, und es tat gut zu sehen, dass die Band immer noch da war. Bei „Lan­dungs­brü­cken raus“, an der wich­ti­gen Stel­le „2002 the year Schwach­sinn bro­ke“, ging plötz­lich Pyro­tech­nik los und es reg­ne­te Gold. Eigent­lich ein biss­chen too much für die­se beschei­de­ne Band, die es nie drauf ange­legt hat, im Radio gespielt zu wer­den, aber in die­sem Moment ver­dammt ange­mes­sen.

kett­car waren schon kurz vor der Neu­es­ten Deut­schen Wel­le da gewe­sen, und sie sind jetzt immer noch da, wo man kaum noch das Radio ein­schal­ten kann, ohne von einem die­ser neu­en Schla­ger­hei­nis ange­nu­schelt zu wer­den, auf die das Adjek­tiv zutrifft, dass kett­car damals viel­leicht sogar erfun­den haben: „befind­lich­keits­fi­xiert“. Von mei­nen Hel­den von damals sind sie die letz­ten Ver­blie­be­nen: Tom­te sind ein­fach nicht mehr da und Thees Uhl­mann besingt tote Fische, muff pot­ter. haben sich selbst den Ste­cker gezo­gen und Jupi­ter Jones, denen ich ihren spä­ten Durch­bruch ja eigent­lich wirk­lich von Her­zen gön­ne, spie­len jetzt gemein­sam mit Ana­sta­cia und fuck­ing Mick Huck­nall („The Voice Of Sim­ply Red“) bei der „AIDA Night of the Proms“.

Am Frei­tag erschien „Du und wie­viel von Dei­nen Freun­den“ in der „10 Jah­re Delu­xe Edi­ti­on“, die man viel­leicht nicht ganz zwin­gend braucht, wenn man eh schon alles von kett­car hat, aber die mit die­sem wun­der­schö­nen Trai­ler daher­kommt:

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Am Sonn­tag habe ich kett­car beim Visi­ons West­end in Dort­mund wie­der live gese­hen, zum ins­ge­samt 15. Mal, wenn ich rich­tig gezählt habe. Es war einer ihren bes­ten Auf­trit­te. Die Men­schen, an die ich beim Hören den­ke, sind im Lau­fe der Jah­re ande­re gewor­den, aber die Songs sind immer noch so gigan­tisch groß wie damals, als ich sie zum ers­ten Mal gehört habe.

I’d like to thank the aca­de­my (aca­de­my, aca­de­my).