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Leben

Packende Geschichte

Ich muss irgend­wann ein­mal ver­se­hent­lich den Erz­engel Gabri­el ver­är­gert haben, denn anders lässt sich die Art und Wei­se, in der Post- und Paket­zu­stel­ler mich behan­deln, kaum noch erklä­ren. Oder, um es freund­li­cher aus­zu­drü­cken: Es ist in der Mensch­heits­ge­schich­te schon aus nich­ti­ge­ren Grün­den als der Nicht-Zustel­lung drin­gend erwar­te­ter Pake­te zu lang­jäh­ri­gen krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen gekom­men.

Weil mich der DHL-Zustel­ler ja grund­sätz­lich nicht zuhau­se antrifft (auch oder gera­de wenn ich den gan­zen Tag in mei­ner Woh­nung hocke), habe ich mir den Rat­schlag mei­ner Bera­ter­kom­mis­si­on zu Her­zen genom­men und mich für eine soge­nann­te Pack­sta­ti­on ange­mel­det. Pack­sta­tio­nen sind im Grun­de die völ­li­ge Nega­ti­on des Post­we­sens, weil man sich plötz­lich selbst dar­um küm­mern muss, wie man das Paket in sein Haus bekommt. Dafür haben sie rund um die Uhr geöff­net und befin­den sich nicht wie die Post­agen­tu­ren, aus denen man sei­ne Sen­dun­gen wochen­tags zwi­schen Zwölf und Mit­tag abho­len kann, am Arsch der Hei­de. Und wenn man tags­über nicht zuhau­se ist (oder man den sel­ben Zustel­ler hat wie ich), sind sie die ein­zi­ge Mög­lich­keit, Pake­te zu emp­fan­gen.

Ich mel­de­te mich also im Inter­net für die Pack­sta­ti­on an und bekam kurz dar­auf ein Anschrei­ben mit einer gol­de­nen Kun­den­kar­te. Die kriegt (anders als bei Kre­dit- oder Bonus­mei­lenkar­ten) jeder Kun­de, damit er denkt, es sei etwas ganz beson­de­res, den Job des Post­bo­ten selbst über­neh­men zu dür­fen. In dem Anschrei­ben stand, mei­ne „Post­Pin“, mit der ich die Pack­sta­ti­on dann auch öff­nen kann, wer­de mir „in weni­gen Tagen“ per Ein­schrei­ben zuge­hen.

Die Tage kamen und gin­gen und über­schrit­ten mei­ne per­sön­li­che Defi­ni­ti­on von „weni­ge“ erheb­lich. Ich nutz­te also wider bes­se­res Wis­sen das Kon­takt­for­mu­lar auf der Inter­net­sei­te von DHL, um mich nach dem Ver­bleib mei­ner „Post­Pin“ zu erkun­di­gen. Es war die Mühe aus­for­mu­lier­ter Sät­ze nicht wert, denn das Kon­takt­for­mu­lar von DHL ist ein toter Brief­kas­ten. Selbst die Zeit, die man bräuch­te, kna­cki­ge Belei­di­gun­gen in die Tas­ta­tur zu hacken, wäre ver­schenkt: ich bin mitt­ler­wei­le davon über­zeugt, dass die Kon­takt­ver­su­che nicht nur nicht gele­sen wer­den – sie wer­den ver­mut­lich nicht ein­mal ver­schickt. Jedes Stoß­ge­bet wirkt bes­ser als eine E‑Mail an DHL.

Ein paar Tage spä­ter rief ich bei der kos­ten­pflich­ti­gen Pack­sta­ti­ons-Hot­line an und trug mein Anlie­gen vor. Nach­dem sie sich mei­ne Geschich­te bis zum Schluss ange­hört hat­te, erklär­te mir die Call­cen­ter-Agen­tin mit angst­er­füll­ter Stim­me, die Ser­ver sei­en lei­der alle aus­ge­fal­len und sie kön­ne mei­ne Daten jetzt nicht nach­gu­cken. Ich möge es doch bit­te spä­ter noch ein­mal ver­su­chen.

Ich ließ DHL also eine Woche Zeit, die Ser­ver zu repa­rie­ren, und beschloss dann, erneut Geld an der Hot­line zu ver­bal­lern. Dies­mal klapp­ten die Ser­ver, aber der freund­li­che Mann am ande­ren Ende konn­te sich trotz­dem nicht erklä­ren, wo mein Ein­schrei­ben abge­blie­ben sein könn­te. Er ver­sprach, sich dar­um zu küm­mern. Und in der Tat bekam ich zwei Tage spä­ter Post von DHL: ein Anschrei­ben mit einer gol­de­nen Kun­den­kar­te. In dem Anschrei­ben stand, mei­ne „Post­Pin“ wer­de mir „in weni­gen Tagen“ per Ein­schrei­ben zuge­hen.

Wei­te­re zwei Tage spä­ter schau­te ich abends, als ich mich nach einem Tag in der Woh­nung ins Bochu­mer Nacht­le­ben stür­zen woll­te, in mei­nen Brief­kas­ten und fand dort – ich weiß, es ist weder über­ra­schend noch wit­zig – eine Benach­rich­ti­gungs­kar­te der Deut­schen Post. Ein Ein­schrei­ben für mich habe nicht zuge­stellt wer­den kön­nen, erklär­te mir da mein Brief­trä­ger, den ich erst vor weni­gen Wochen auf der Stra­ße abge­fan­gen und lei­der nicht zur Sau gemacht hat­te, nach­dem er mir eine Benach­rich­ti­gungs­kar­te in den Brief­kas­ten gewor­fen hat­te, wäh­rend ich zuhau­se hock­te. Mei­ne Theo­rie, dass er die Sen­dun­gen ein­fach direkt auf der Post lie­gen lie­ße und nur bereits aus­ge­füll­te Benach­rich­ti­gungs­kar­ten aus­trü­ge, hat­te sich da im Übri­gen nicht bestä­tigt: er hat­te das Päck­chen in sei­nem Schie­be­wä­gel­chen und hän­dig­te es mir auch sofort aus.

Gera­de war ich bei der Post (zum Glück im Haupt­post­amt am Haupt­bahn­hof und nicht am Arsch der Hei­de) und habe das Ein­schrei­ben abge­holt. Als ich kurz erzähl­te, dass ich trotz Anwe­sen­heit eine Benach­rich­ti­gungs­kar­te bekom­men habe, und die Fra­ge des fast besorg­nis­er­re­gend freund­li­chen Schal­ter­be­am­ten, ob ich weit oben woh­nen wür­de, mit „Ja“ beant­wor­tet hat­te, mein­te die­ser zu mir, ich hät­te offen­sicht­lich einen „fau­len Brief­trä­ger“, dem ich mal „in den Hin­tern tre­ten“ sol­le. Ich wer­de mich bei Gele­gen­heit ger­ne auf ihn beru­fen.

Ansons­ten bin ich natür­lich gespannt, was die Deut­sche Post und DHL als nächs­tes unter­neh­men wol­len, um mich zu ärgern. Falls Sie irgend­wann in der Zei­tung von einer Pack­sta­ti­on lesen soll­ten, die von Globalisierungsgegnern/​Psychopathen/​Außerirdischen in die Luft gesprengt wur­de: das war dann sicher mei­ne.

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Leben

CSI Bochum

Ich kam um Mit­ter­nacht in unse­re Woh­nung und fand, dass es irgend­wie selt­sam ver­brannt roch.

In der Küche waren alle Fens­ter und Türen sperr­an­gel­weit offen und der Herd war mit geheim­nis­vol­len schwar­zen Rück­stän­den über­sät. Beim Blick auf den vier Mona­te alten Rauch­mel­der im Woh­nungs­flur stell­te ich fest, dass die­ser offen­bar abmon­tiert wor­den war: die Bat­te­rie war her­aus­ge­nom­men, wie um den ner­ven­zer­fet­zen­den Signal­ton abzu­stel­len.

Auf dem Bal­kon stieß ich schließ­lich auf einen völ­lig ver­ruß­ten Topf, des­sen Deckel kom­plett mit einer schwar­zen Mas­se über­zo­gen war – einer schwar­zen Mas­se, die jetzt offen­sicht­lich die Wän­de unse­rer Küche zie­ren wür­de, hät­te es den Deckel nicht gege­ben. In dem Topf befand sich etwas, was man als Rück­stän­de von Hüh­ner­ei­er­scha­len iden­ti­fi­zie­ren könn­te.

Nur einer mei­ner Mit­be­woh­ner war zum Tat­zeit­punkt zuhau­se.

Mag jemand lösen?

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Leben Unterwegs

Ein Abend mit der Kernzielgruppe

Ich war ges­tern in Köln. (Kunst­pau­se. Mit­lei­di­ge Lau­te aus dem Publi­kum.)

Ich war ges­tern in Köln, weil Ste­fan Nig­ge­mei­er da für die Sen­dung „Funk­haus­ge­sprä­che“ von WDR5 auf dem Podi­um saß. Die Dis­kus­si­on selbst war nicht son­der­lich span­nend, denn dafür wäre es för­der­lich, dass die Dis­ku­tan­ten unter­schied­li­cher Mei­nung sind, was Ste­fan, Jörg Schieb und Schi­wa Schlei nicht waren. Der Mode­ra­tor war offen­bar ein Absol­vent der Vol­ker-Pan­zer-Jour­na­lis­ten-Schu­le und saß ent­spre­chend schlecht vor­be­rei­tet, ver­wirrt und vor­ein­ge­nom­men in der Debat­te. Das alles kön­nen Sie hier nach­hö­ren, wenn Sie es nach die­ser Beschrei­bung ernst­haft noch wol­len.

Weit­aus inter­es­san­ter war das Publi­kum, das sich im Klei­nen Sen­de­saal des Funk­hau­ses am Wall­raff­platz ver­sam­melt hat­te (der Ein­tritt war kos­ten­los): Es han­del­te sich um eine wil­de Melan­ge aus Men­schen, deren Durschnitts­al­ter Dank tat­kräf­ti­ger Hil­fe von einem jun­gen Pär­chen und mir noch knapp unter die sech­zig Jah­re gedrückt wur­de.

Ich saß noch kei­ne hal­be Minu­te in den gemüt­li­chen Leder­ses­seln in der Lob­by, da wuss­te ich auch schon, dass die Dame hin­ter mir vier­und­acht­zi­ge­in­halb Jah­re alt war und wegen ihrer schlech­ten Kno­chen einen Body­buil­der hat­te. Ein gesel­li­ger Herr frag­te sie, ob sie auch Doping mache, was sie mit dem Hin­weis kon­ter­te, sie lebe seit 26 Jah­ren vegan. Im Übri­gen tra­ge er eine „Tier­lei­chen­ja­cke“. Das Mit­leid, das ich in die­sem Moment mit dem Leder­ja­cken­trä­ger hat­te, ließ sehr schnell nach, nach­dem er sei­nem Beglei­ter die Lebens­ge­schich­te sei­nes Soh­nes erzählt und pos­tu­liert hat­te, dass es am Com­pu­ter kei­ne Tren­nung von Arbeit uns Spiel mehr gebe. Ste­fans Kolum­ne in der Sonn­tags­zei­tung liest er aber ger­ne.

Wäh­rend ich ver­zwei­felt ver­such­te, nir­gend­wo hin­zu­bli­cken, wo ein Gespräch auf mich lau­ern könn­te, hör­te ich einem gut­ge­laun­ter Rhein­län­der zu, der sei­nen Kum­pel zu über­re­den ver­such­te, an einer Sin­gle­bör­se im „Juut­zie-Kino“ teil­zu­neh­men. Er bekräf­tig­te sei­nen Appell, indem er eini­ge hun­dert Male „Mach das!“ sag­te. Eine älte­re Dame schei­ter­te an den Radi­os, die es einem in der Funk­haus­lob­by erlau­ben, die WDR-Sen­der live zu hören. Aller­dings über Kopf­hö­rer und nicht über die dort eben­falls her­um­ste­hen­den Tele­fo­ne. Ihre Freun­din stu­dier­te wäh­rend­des­sen auf­merk­sam das Pro­gramm und stell­te dann fest: „Nächs­tes Mal ist gut!“

Die Situa­ti­on wur­de nicht ange­neh­mer, als wir im Klei­nen Sen­de­saal Platz neh­men durf­ten, der auf sym­pa­thi­sche 18 Grad her­un­ter­ge­kühlt wor­den war. Dort saß ich nun, sah einen alten Mann mit Bra­si­li­en-Fan-Schal um die Schul­tern her­ein­kom­men, und hör­te mit der Kern­ziel­grup­pe von WDR5 die Kin­der­sen­dung „Bären­bu­de“ über die Saal­laut­spre­cher. Es war, als hät­ten die Coen-Brü­der einen Lori­ot-Sketch neu­ver­filmt.

Nach der Live­sen­dung wur­de Ste­fan von einem Mann abge­fan­gen, der sei­nen mehr­mi­nü­ti­gen Mono­log mit den Wor­ten „Ich habe eben auf­merk­sam zuge­hört“ begann, um dann unter Beweis zu stel­len, dass er genau das offen­sicht­lich nicht getan hat­te. Ich wur­de wäh­rend­des­sen von einem Secu­ri­ty-Mann (In einem Radio­sen­de­saal, der von Grei­sen besetzt wor­den war!) in die Lob­by gescho­ben, wo ich als­bald erkann­te, war­um zumin­dest ein Teil des Publi­kums sei­ne Aben­de im Funk­haus ver­brach­te: Es gab Frei­bier – oder das, was man in Köln dafür hält.

Nach­dem Ste­fan irgend­wann doch noch frei­ge­las­sen wor­den war, stan­den wir etwa eine Minu­te in der Lob­by, ehe sei­nem neu­en Fan doch noch was ein­ge­fal­len war: Die Leu­te wür­den im Inter­net ja meis­tens nur noch eine Sei­te besu­chen und gar kein ver­glei­chen­des Lesen mehr betrei­ben. Als ich frag­te, wie vie­le Leu­te denn meh­re­re ver­schie­de­ne Tages­zei­tun­gen läsen, war er für einen win­zi­gen Augen­blick indi­gniert. Ste­fan, der alte Pro­fi, nutz­te die­sen Moment, um sich unter Vor­spie­lung von Freund­lich­keit zur The­ke zu schlei­chen. Er drück­te mir eine wei­te­re Stan­ge Kölsch in die Hand und stand plötz­lich ganz woan­ders. So ent­ging ihm, wie der Mann, der das Inter­net sor­tie­ren woll­te (in „Gut“, „Nicht ganz so gut“ und „Rich­tig schlim­men Mist“), auf magi­sche Wei­se inner­halb weni­ger Sät­ze von „Spie­gel Online“ über sei­nen Schwie­ger­sohn zur Ban­ken­kri­se kam. Die Zeit auf den über­all gut sicht­ba­ren Atom­zeit­uh­ren ver­strich.

Ich schaff­te es schließ­lich, mich zu den Dis­ku­tan­ten zu ret­ten, die inzwi­schen inhalt­lich ein biss­chen wei­ter waren: Jörg Schieb und Ste­fan bat­tel­ten sich gera­de, wer die älte­ren und obsku­re­ren Heim­com­pu­ter gehabt hät­te. Das war zwar genau­so „Opa erzählt vom Krieg“ wie der Rest der Ver­samm­lung, aber wenigs­tens sind die Bei­den noch kei­ne Opas, was die Sache irgend­wie net­ter mach­te.

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Leben

Angriff der Irgendwas-Tomaten

Kürz­lich ver­speist:

"Herrlich süße Mini Eiertomaten, Schmackhaft und gesund!" Dattelkirsch tomaten, 250g

Von Kirsch- oder Cher­ry­to­ma­ten habe ich ja durch­aus schon mal gehört. Was „Dat­tel­kirsch toma­ten“ sind, ist mir nicht ganz so klar.

Und war­um eine „Dat­tel­kirsch toma­te“ Flü­gel hat (okay, die Mar­ke heißt „Red Star Cupi­do“) und „Herr­lich süße Mini Eier­to­ma­ten, Schmack­haft und gesund!“ brüllt, ist mir offen gesagt völ­lig schlei­er­haft.

Und jetzt sagen Sie bloß nicht, ich sol­le statt­des­sen bes­ser mal ein gutes Buch lesen!

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Leben

Train In Vain

Seit 15 Jah­ren ver­kehrt zwi­schen den Haupt­bahn­hö­fen von Bochum und Gel­sen­kir­chen die Nokia-Bahn, deren wich­tigs­te Hal­te­stel­le der Bahn­hof Bochum-Nokia am Nokia-Werk in Bochum-Riem­ke ist.

Allein: Das Nokia-Werk gibt es nicht mehr, seit sich der fin­ni­sche Han­dy­her­stel­ler spon­tan und unter Zah­lung von Abfin­dun­gen aus der Stadt ver­ab­schie­det hat. Die Hal­te­stel­le und die Bahn-Linie der pri­va­ten Fir­ma Abel­lio brau­chen also einen neu­en Namen, wes­we­gen der Ver­kehrs­ver­bund Rhein-Ruhr (VRR) einen Wett­be­werb ins Leben geru­fen hat, bei dem man sei­ne Vor­schlä­ge ein­rei­chen kann.

Na, dann wol­len wir doch mal anfan­gen:

  • BO-GE-n-Bahn (fährt ja zwi­schen Bochum und Gel­sen­kir­chen und in einem schö­nen Bogen über das Bochu­mer Bermuda3eck)
  • Ber­mu­da-Express (weil wegen Bermuda3eck; aus den Kom­men­ta­ren bei den Ruhr­ba­ro­nen)
  • Rim­mel­bahn (benannt nach RIM, der neu­en Fir­ma in den alten Nokia-Gebäu­den; erfun­den von Jens)
  • Blau-Weiß-Express (passt zwar schön zu den Erst­li­ga­ver­ei­nen der bei­den Städ­te, ist aber inso­fern albern, als die jewei­li­gen Sta­di­en nur von Stra­ßen­bah­nen ange­steu­ert wer­den)
  • Urbahn (braucht ein biss­chen län­ger, bis er zün­det, wird sich aber bei Leu­ten, die in Restau­rants namens „Ess-Bar“ gehen, gro­ßer Beliebt­heit erfreu­en)
  • Trup­pen­ab-Zug (der heim­li­che Favo­rit der Par­tei „Die Lin­ke“)
  • Wes­tern And Occi­den­tal Express (immer­hin hält er in Bochum-West und die Zeit des Under­state­ments muss im Pott end­lich mal vor­bei sein)
  • City Express (als Hom­mage an die­se unfass­bar schlech­te ARD-Serie, die ich immer mit gro­ßer Begeis­te­rung geschaut habe)
  • Star­light Express

Sehr cool wäre ja ein Cof­fee-And-TV-Express, aber ich fürch­te, selbst wenn wir alle zusam­men­schmei­ßen, reicht das nicht aus.

Was mei­nen Sie?

[via Ruhr­ba­ro­ne]

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Leben

Gebt den Kindern das Kommando

Man kennt das aus vie­len, vie­len Hol­ly­wood-Komö­di­en: es klin­gelt an der Tür und – Zack! – hat ein Mann ein Kind am Hacken, von des­sen Exis­tenz er nichts geahnt hat und mit dem er sich erst gar nicht und dann super gut ver­steht. Mir ist ges­tern auch ein Kind zuge­lau­fen – aller­dings konn­te ich sicher sein, dass es nicht mein eige­nes war.

Ich ging gera­de auf die Roll­trep­pen in Bochums größ­tem Elek­tronik­kauf­haus zu, als ich ein klei­nes Mäd­chen erblick­te, das ein­sam zwi­schen Dampf­bü­gel­eisen und die­sen komi­schen auf­blas­ba­ren Hem­den­glatt­ma­chern stand, von denen nie­mand weiß, wie sie funk­tio­nie­ren und wer sie kauft.

„Ich muss da rauf“, sag­te das Mäd­chen mit einer Stim­me, die kei­nen Wider­spruch zuließ. „Mei­ne Mama ist da oben und muss noch was bezah­len!“
„Und dann bist Du allei­ne hier unten?“, frag­te ich ungläu­big.
„Ja, aber ich muss da wie­der rauf!“
„Und Dei­ne Mama ist oben?“
„Ja“, wie­der­hol­te die Klei­ne und nag­te ner­vös am Ohr ihrer Stoff­en­te her­um.
„Willst Du mit mir hoch­fah­ren?“, frag­te ich und – Zack! – hat­te ich ein Kind am Hacken.

Erstaun­lich selb­stän­dig fuhr das Mäd­chen mit mir die Roll­trep­pen hin­auf in den zwei­ten Stock. Blitz­schnell ver­schwand sie 1 laut „Mama! Mama, bist Du hier?“ rufend zwi­schen den Rei­hen von CD-Rega­len. Ich woll­te mich gera­de den aktu­el­len Ange­bo­ten zuwen­den, als ihr Gesicht wie­der auf Höhe mei­ner Knie auf­tauch­te und mich ver­wirrt anschau­te. Mir fiel auf, dass die Stoff­en­te nur noch ein Ohr hat­te.

„Nicht da?“, frag­te ich das Offen­sicht­li­che.
„Die muss hier sein, aber ich fin­de sie nicht“, ent­geg­ne­te das Kind, nur mini­mal beun­ru­higt. Es ist das Pri­vi­leg von Kin­dern und Para­no­iden, sich die eige­ne Theo­rie nicht durch Fak­ten zer­stö­ren zu las­sen.

Weil ich als Kind mal bei einem Stadt­fest mei­ne Eltern ver­lo­ren hat­te 2 und mit dem Gedan­ken, für den Rest mei­nes Lebens unter der Rot­bach­brü­cke an der katho­li­schen Kir­che schla­fen zu müs­sen, durch die Gegend getau­melt war, dach­te ich, dass es in die­ser Situa­ti­on doch sinn­vol­ler wäre, aktiv zu wer­den.
„Sol­len wir mal Dei­ne Mama aus­ru­fen las­sen?“, frag­te ich das Kind und mich einen Augen­blick spä­ter, ob „aus­ru­fen las­sen“ nicht viel­leicht doch eine etwas zu kom­ple­xe For­mu­lie­rung war. Über­haupt „aus­ru­fen“, was soll denn das Wort hei­ßen?

Die ers­te Infor­ma­ti­on war geschlos­sen, an der zwei­ten muss­ten wir eini­ge Zeit war­ten 3, ehe wir die Auf­merk­sam­keit der Bediens­te­ten erre­gen konn­ten.
„Sie sucht ihre Mama“, erklär­te ich und unter­strich das eben Gesag­te mit einem Blick, von dem ich hoff­te, er wür­de „Seid so freund­lich und tut um Him­mels Wil­len irgend­was!“ aus­drü­cken.
Mit jeder Minu­te, die ver­strich, wur­den näm­lich die Bil­der eines Mobs von „Bild“-Lesern, die mit Mist­for­ken und Fackeln die­sen wahn­sin­ni­gen Stu­den­ten von der Ent­füh­rung des unschul­di­gen Kin­des abhal­ten woll­ten, vor mei­nem geis­ti­gen Auge schär­fer. Ich über­leg­te, ob ich die Num­mer mei­nes Anwalts im Han­dy ein­ge­spei­chert hat­te, und war aus­ge­spro­chen froh, nicht auch noch irgend­wie süd­län­disch aus­zu­schau­en. Sie hät­ten mich sonst sofort erschos­sen.

„Äh“, sag­te der Ver­käu­fer, was jetzt nicht ganz mei­nen in ihn gesetz­ten Hoff­nun­gen ent­sprach. „Am Bes­ten geht Ihr ins Erd­ge­schoss. An der Infor­ma­ti­on kön­nen die auch aus­ru­fen!“
„Ah, okay. Vie­len Dank“, sag­te ich und freu­te mich auf eine wei­ter Tour durchs hal­be Kauf­haus.

Ich wand­te mich wie­der der Klei­nen zu: „Wir müs­sen wie­der run­ter. Da kön­nen die dann Dei­ner Mama über Laut­spre­cher Bescheid sagen.“
Das Kind nick­te begeis­tert und wirk­te immer noch nicht son­der­lich beun­ru­higt. Gemein­sam gin­gen wir wie­der durch die kom­plet­te CD-Abtei­lung, wo sie noch ein­mal in jeden Gang guck­te, ob sich ihre Mut­ter dort auch nicht ver­steckt hät­te.

„Wol­len wir Fahr­stuhl fah­ren?“, frag­te ich, weil mir das irgend­wie unge­fähr­li­cher erschien als noch mal die Roll­trep­pe zu neh­men. Das Mäd­chen nick­te und lang­sam mach­te ich mir Sor­gen um das zwei­te Ohr der Ente.

Im Auf­zug nach unten frag­te ich sie, wie alt sie eigent­lich sei.
„Ich bin vier!“, ver­kün­de­te sie stolz und bejah­te auch mei­ne anschlie­ßen­de Fra­ge, ob sie denn mit vier auch schon allei­ne durchs Kauf­haus zie­hen dür­fe.

Die glä­ser­ne Kabi­ne schweb­te ins Erd­ge­schoss ein und ich wapp­ne­te mich gera­de für die Begeg­nung mit dem Lynch­mob, als das Kind erfreut „Ich kann mei­ne Mama sehen!“ aus­rief.
Die Türen öff­ne­ten sich und die Klei­ne stürm­te mit gut­ge­laun­tem „Mama, Mama!“-Gebrüll einer Frau in die Arme, die offen­sicht­lich bis zu die­sem Augen­blick in gro­ßer Sor­ge gewe­sen war.

Nun pas­sier­ten meh­re­re Din­ge gleich­zei­tig: Die Mut­ter schloss ihr Kind in ihre Arme, begann zu wei­nen, frag­te „Wo warst Du denn?“ und sag­te „Mach das nie wie­der!“
Ich stand unschlüs­sig dane­ben und kam mir so fehl am Plat­ze vor, wie es Redak­teu­re von Rea­li­ty-For­ma­ten tun soll­ten, wenn sie ein biss­chen Anstand und Scham­ge­fühl hät­ten. Ein­fach gehen hät­te ich aber auch doof gefun­den, also sag­te ich „Sie hat Sie gesucht, wir woll­ten Sie gera­de aus­ru­fen las­sen!“ in den offe­nen Raum hin­ein, womit es mir immer­hin gelang, die Auf­merk­sam­keit der Mut­ter zu erre­gen, die sich mit feuch­ten Augen bedank­te.

„Okay, alles geklärt“, dach­te ich und ver­ließ auf dem schnells­ten Wege den Laden. „Wäre ich Pfad­fin­der gewe­sen, hät­te ich heu­te einen beson­ders gro­ßen Haken in mei­nen Kalen­der machen kön­nen.“

Von dem klei­nen Mäd­chen hat­te ich mich gar nicht mehr ver­ab­schie­det. Von der Stoff­en­te auch nicht.

  1. Ich schrei­be immer „das Mäd­chen“ und „sie“ – bio­lo­gi­sches Geschlecht geht mir vor gram­ma­ti­ka­li­schem.[]
  2. Also, kei­ne Angst: Die Bei­den leben noch und erfreu­en sich bes­ter Gesund­heit, sie waren mir damals nur abhan­den gekom­men.[]
  3. Im Nach­hin­ein muss ich zuge­ben, dass es tak­tisch unklug war, das Kind direkt vor einer ein Meter hohen The­ke und damit außer­halb der Sicht­wei­te der Ver­käu­fer abzu­stel­len.[]
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Leben

The World Was A Mess But His Hair Was Perfect

Die Kom­men­ta­re zu mei­ner Fri­sur unter dem Kai-Diek­mann-Ein­trag haben mich schwer ver­letzt.

Nee, Quark. Anders: Mei­ne wich­tigs­te Bera­te­rin, sonst für IT-Fra­gen und Nah­rungs­auf­nah­me zustän­dig, riet mir, mich fris­ur­tech­nisch ein wenig zu ver­än­den.

Nee, auch doof. Ich hat­te ein Pro­blem: Ich konn­te nicht mehr Kaf­fee trin­ken, ohne dass ich mei­ne eige­nen Haa­re in der Tas­se, im Mund oder irgend­wo dazwi­schen hat­te. Es gab also zwei Mög­lich­kei­ten: jeden Tag zu Star­bucks und cof­fee to go mit prak­ti­schem Trink­stut­zen ordern oder zum Fri­seur gehen. Fri­seur ent­spricht drei klei­nen Cap­puc­ci­ni.

Es gibt da aller­dings noch ein Pro­blem: Fri­seu­re und ich spre­chen oft nicht die­sel­be Spra­che, egal woher sie kom­men. Vor drei Jah­ren war ich mal bei einem Fach­mann in Bochum, den ich nach dem Befehl „Nach­schnei­den!“ mit einem gewag­ten Kurz­haar­schnitt ver­ließ, und auch der hip­pe Mit­te-Schnipp­ler, den ich wäh­rend der re:publica in Ber­lin auf­such­te, mach­te irgend­was, nur nicht das, was ich mir so grob vor­ge­stellt hat­te. Von Frau­en las­se ich mich sowie­so äußerst ungern fri­sie­ren – woher sol­len die denn wis­sen, wie ein Her­ren­haar­schnitt zu sit­zen hat?

Für alle die­se (zuge­ge­be­ner­ma­ßen mar­gi­na­len) Pro­ble­me gibt es eine Lösung: „Salon König“ in Dins­la­ken. Die­se Insti­tu­ti­on der Haupt­haarkor­rek­tur ist das exak­te Gegen­teil die­ser hip­pen Läden mit lau­ter Musik, Lat­te Mac­chia­to und Kopf­haut­mas­sa­ge: es ist ein Fri­seur­sa­lon.

Der Laden sieht schon seit Jahr­zehn­ten gleich aus, sogar die Pos­ter mit den aktu­el­len Mode­schnit­ten hin­gen schon an der Wand des Her­ren­sa­lons, als ich dort vor sech­zehn, sieb­zehn Jah­ren zum ers­ten Mal zu Gast war. Vor sie­ben Jah­ren habe ich Herrn König mal gefragt, wie lan­ge er den Salon schon betreibt und die Ant­wort war irgend­was um die vier­zig Jah­re her­um. Laut mei­nem Vater sieht Herr König auch schon so lan­ge so aus: er hat eine ange­neh­me Nicht-Fri­sur, die einem ver­si­chert, beim kom­pe­ten­tes­ten Fri­seur der Stadt gelan­det zu sein.

Ich nutz­te also den Besuch bei mei­nen Eltern, um auch Herrn König einen sol­chen abzu­stat­ten. Zur Sicher­heit hat­te ich ein Foto mit­ge­bracht, das mich in einem der raren Momen­te ansehn­li­cher Fri­sie­rung zeigt. Er guck­te kurz drauf und wuss­te dann genau, was zu tun war. Er fuhr mir eini­ge Male mit einem Kamm durch die Haa­re, es mach­te in einer besorg­nis­er­re­gen­den Fre­quenz „Schnipp­schnipp­schnipp“ und schon waren wei­te Tei­le des Island-Pony ver­schwun­den. Sze­ne­fri­seu­re brau­chen drei Mal so lan­ge, um qua­si nichts zu schnei­den.

Der Spruch, wonach man etwas sei­nem Fri­seur erzäh­len sol­le, zieht bei Herrn König nicht: Small­talk kann, muss aber nicht. Es ist meis­tens das Unter­halt­sams­te, dem zu lau­schen, was da so an Gesprä­chen aus dem Damen­sa­lon her­über­weht. Dafür ermög­licht es Herrn König sei­ne jahr­zehn­te­lan­ge Erfah­rung, die Fra­ge, ob man mit der Fri­sur zufrie­den sei, so zu stel­len, dass man sich auch mal traut, sie wahr­heits­ge­mäß mit „noch nicht so rich­tig“ zu beant­wor­ten. Er schnei­det dann klag­los wei­ter, bis man wirk­lich ganz ehr­lich zufrie­den ist – oder eine Glat­ze hat.

Ich war aber irgend­wann zufrie­den. Sehr zufrie­den. Es sah wie­der (und damit erst­ma­lig seit zwei Jah­ren) wie eine Fri­sur aus. Aller­dings sah es auch irgend­wie nach Liam Gal­lag­her aus, was sich aller­dings mit einer anschlie­ßen­den Dusche und ein biss­chen Fin­ger­spit­zen­ge­fühl lösen ließ.

Und jetzt den­ken Sie ver­mut­lich: „Boah, Ker­le, laber nich! Wie sieht Dein Haar­schnitt, über des­sen Ent­ste­hung Du uns hier einen vom Pferd erzählst, denn jetzt aus?“

Na, so (rechts):

Haarschnitt: Vorher Haarschnitt: Nachher

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Neuer iPod schon lange bekannt

Das hier ist seit Mona­ten auf Pla­ka­ten der Boges­tra zu sehen:

Der neue iPod "Verryloud" Hier nicht! Essen, Trinken und lautes Musikhören verboten!

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Mitbewohner 1.0

Leeres Zimmer (Symbolbild)

Im Mai star­te­te ich einen Auf­ruf, mit dem ich einen neu­en Bewoh­ner für das leer­ste­hen­de Zim­mer in unse­rer WG fin­den woll­te.

Ich schrieb damals, mit die­ser Akti­on „das welt­wei­te Daten­netz auf eine har­te Pro­be stel­len“ zu wol­len. Nun, was soll ich sagen? Das Web hat ver­lo­ren.

Der Mai ist kein guter Monat, um neue Mit­be­woh­ner zu fin­den: das Semes­ter ist im vol­len Gan­ge und kaum jemand ist auf der Suche nach einem Zim­mer oder Wil­lens umzu­zie­hen. In den ers­ten drei Mona­ten mel­de­ten sich genau drei Leu­te, die durch Zet­tel, die ich an der Uni aus­ge­hängt hat­te, auf das Ange­bot auf­merk­sam gewor­den waren: der Ers­te such­te nur was zur Zwi­schen­mie­te (was wir nicht woll­ten), der Zwei­te war ent­täuscht, dass das Zim­mer gänz­lich unmö­bliert war (was auch für den Ers­ten von Nach­teil gewe­sen wäre), vom Drit­ten waren wir so ange­tan, dass wir ihm das Zim­mer geben woll­ten. Lei­der hat er sich nach unse­rem Ange­bot, bei uns ein­zu­zie­hen, nie wie­der gemel­det.

twit­ter hat­te kein biss­chen gehol­fen und mit der Zeit begriff ich auch, dass ein Blog-Ein­trag allein nicht aus­rei­chen wür­de: bei einer Goog­le-Suche nach frei­en Zim­mern in Bochum kam Cof­fee And TV unter den ers­ten 200 Such­ergeb­nis­sen nicht ansatz­wei­se vor (Der ers­te Besu­cher, der nach mit­be­woh­ner gesucht bochum gegoo­gelt hat­te, kam heu­te auf das Blog).

Mein ver­blie­be­ner Mit­be­woh­ner kam schließ­lich auf die Idee, das Zim­mer bei wg-gesucht.de zu inse­rie­ren. Das hat­te ich auch schon mal ver­sucht, war aber irgend­wie an der Sei­te geschei­tert. Mit dem her­an­na­hen­den neu­en Semes­ter wur­de der Kreis der Inter­es­sen­ten schließ­lich doch noch grö­ßer – wobei etwa die Hälf­te der Bewer­ber über das Inter­net­por­tal kam und die ande­re Hälf­te direkt beim Stu­den­ten­werk nach frei­en Zim­mern gefragt hat­te.

So besa­hen wir uns etwa ein Dut­zend Kan­di­da­ten bei­der­lei Geschlechts (wir hat­ten zwi­schen­zeit­lich über­legt, aus der seit Jah­ren exis­tie­ren­den Män­ner-WG eine gemisch­te zu machen) und erklär­ten etwa ein Dut­zend Mal, wie das mit der Mie­te, dem Besteck, den Bahn­hal­te­stel­len und den Wasch­ma­schi­nen ist. Nur ein Bewer­ber ver­lor schon bei der Besich­ti­gung das Inter­es­se – die 15m2 waren ihm bei einer Kör­per­grö­ße von mehr als zwei Metern offen­bar zu wenig.

Im Ver­lauf der Akti­on lern­te ich, war­um ich für Cas­ting­show­ju­ries und Per­so­nal­ab­tei­lun­gen denk­bar unge­eig­net bin: Ich bin unfä­hig, Men­schen mit­ein­an­der zu ver­glei­chen wie ver­schie­de­ne Kar­ten beim Auto­quar­tett. So lau­te­te die Stan­dard­zu­sam­men­fas­sung meist: „Joa, der war ganz nett – aber der ande­re auch. Aber was weiß ich eigent­lich nach zehn Minu­ten Small­talk über ihn oder sie?“ Goog­le sag­te über die meis­ten Kan­di­da­ten auch nicht viel aus.

Jeden­falls haben wir uns letzt­lich für einen Medi­zin­stu­den­ten ent­schie­den, der über das Stu­den­ten­werk von dem Zim­mer gehört und mich tele­fo­nisch kon­tak­tiert hat­te. Das Inter­net hat­te nichts damit zu tun (und das fin­de ich ehr­lich gesagt auch mal ganz beru­hi­gend).

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Das Stadtfest der Woche

In Bochum ist immer was los: „Bochum Total“ sowie­so, vor vier Wochen „Bochum kuli­na­risch“ (Vor­sicht, Musik!), bis mor­gen fin­det noch das ers­te „Zelt­fes­ti­val Ruhr“ statt, in zwei Wochen ist „Kuh­hir­ten­fest“.

Die­ses Wochen­en­de ist aber auch noch der zwei­te „Bochu­mer Musik­som­mer“ (Vor­sicht, Musik!), das im ver­gan­ge­nen Jahr als anspruchs­vol­le­re und ange­neh­me­re Alter­na­ti­ve zu „Bochum Total“ gestar­tet war.

So ging ich dann heu­te auch auf den soge­nann­ten „Bou­le­vard“, der unter der Woche nor­ma­ler­wei­se so belebt ist wie der Fried­hof von Wan­ne-Eickel. Neben ver­schie­dens­ten Musi­ken auf zahl­rei­chen Büh­nen gab es auch noch ein Wein­fest mit Dut­zen­den Buden, die Wein, Käse und ande­re Klei­nig­kei­ten anbo­ten. Und: Es war voll. So vie­le Leh­rer mit Karo­hem­den und Wind­brea­k­ern kann es in Bochum gar nicht geben, wie sie heu­te in der Stadt unter­wegs waren. Aber das war sowie­so eine Mischung: Pun­ker und Rent­ner, Skin­heads und Arbei­ter, dazwi­schen jede Men­ge Kin­der.

Wäh­rend Stadt­fes­te mit Umsonst-Musik nor­ma­ler­wei­se ziem­lich grau­en­haft und für die auf­tre­ten­den Künst­ler reich­lich wür­de­los sein kön­nen (wes­we­gen ich heu­te auch dar­auf ver­zich­tet habe, mir Wir Sind Hel­den beim Duis­bur­ger Stadt­ju­bi­lä­um anzu­se­hen), hat man beim „Musik­som­mer“ das Gefühl, dass die Leu­te bei aller Gemüt­lich­keit auch die Musik zu schät­zen wis­sen.

Pri­mär war ich näm­lich da, um mir den Auf­tritt von Tom­my Fin­ke anzu­se­hen. Den haben wir hier im Blog über­haupt noch gar nicht vor­ge­stellt bzw. gelobt, was drin­gend mal geän­dert wer­den soll­te. Sein Song „Rock’n’Roll Leben“ zählt für mich zum Bei­spiel zu den erha­bens­ten deutsch­spra­chi­gen Lie­dern über­haupt.

Das Kon­zert war dann trotz des stets dro­hen­den Regens (Tom­my Fin­ke sprach vom „Bochu­mer Musik­herbst“) auch sehr schön, sogar die vor­bei­ge­hen­den und kurz­zei­tig inne­hal­ten­den Mor­mo­nen haben mit dem Fuß gewippt.

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Leben

Law And Order

Ges­tern sah ich auf mei­nem Schreib­tisch aus einem Sta­pel Papier einen Kon­to­aus­zug her­aus­ra­gen. „Das ist ja auch nicht gut, wenn der hier so ein­zeln rum­liegt“, dach­te ich, stell­te fest, dass die Papie­re dar­über und dar­un­ter (Lap­top-Rech­nung, Steu­er­num­mer) auch bes­ser mal abge­hef­tet wer­den soll­ten, und stie­fel­te mit einem Sta­pel Zet­tel und einem Locher zum Regal mit den Akten­ord­nern.

Die­se befan­den sich uner­reich­bar hin­ter einer Wand aus davor gesta­pel­ten Zeit­schrif­ten. Als ich mich hin­k­nie­te, um die Zeit­schrif­ten bei­sei­te zu schie­ben, sah ich, dass das knall­ro­te Metall­schränk­chen, auf dem mei­ne Kom­pakt­an­la­ge steht, mit einer Zen­ti­me­ter dicken Staub­schicht bedeckt war. In die­sem Moment wuss­te ich, dass ich für den Rest des Tages gut beschäf­tigt sein wür­de.

Ich räum­te das Metall­schränk­chen kom­plett leer, ent­staub­te es auch von innen und trenn­te mich von meh­re­ren freund­li­chen Süßig­kei­ten­ge­schen­ken ver­gan­ge­ner Weih­nachts­fes­te. Ich ent­sorg­te alten Hus­ten­saft, nicht mehr kle­ben­de Brief­um­schlä­ge und schich­te­te den kom­plet­ten Schrank um. Auch dar­un­ter sor­tier­te ich alles neu, ehe ich mich mei­nem Bücher- und Zeit­schrif­ten­re­gal zuwand­te.

Zwei Sam­mel­bo­xen mit wahl­lo­sen Ein­zel­aus­ga­ben von Deutsch­lands unnö­tigs­tem Musik­ma­ga­zin wur­den in den Papier­korb, der in die­sem Fall eine über­gro­ße Papier­tü­te war, geleert. Dann über­leg­te ich , ob ich eigent­lich noch die ers­ten zehn Aus­ga­ben der deut­schen „Vani­ty Fair“, die ers­ten 30 Aus­ga­ben „Galo­re“, sowie je meh­re­re Jahr­gän­ge „Visi­ons“, „Musik­ex­press“ und „Rol­ling Stone“ (deutsch) brauch­te. Ich ent­schied mich für den Moment für „Ja“, weil ich zu faul war, noch öfter zum Papier­con­tai­ner zu gehen. Außer­dem hat­ten die ja alle Geld gekos­tet.

Meh­re­re Keks­do­sen (ca. Weih­nach­ten 2004 bis 2007) wur­den zuerst voll­stän­dig ent­leert (in den Müll­ei­mer) und dann in die Abstell­kam­mer gebracht – für den Fall, dass ich in die­sem Dezem­ber Plätz­chen backen will. Dann kam die Fens­ter­bank dran, auf der seit gut zwei Jah­ren Andenken an mei­nen drei­mo­na­ti­gen USA-Auf­ent­halt lager­ten. Für sie war gera­de ein Platz im Metall­schrank frei­ge­wor­den. Anschlie­ßend ver­schwan­den im Müll: meh­re­re Kata­lo­ge des Köl­ner „Music Stores“, meh­re­re Zei­tun­gen deutsch­spra­chi­ger Min­der­hei­ten in ver­schie­de­nen Län­dern, über die ich mei­ne B.A.-Arbeit vor andert­halb Jah­ren dann doch nicht geschrie­ben hat­te, sowie etli­che Zei­tungs­ar­ti­kel, die ich mir mal aus­ge­ris­sen, aber doch nie gele­sen hat­te. Palm­we­del darf man ja nicht weg­wer­fen, soweit ich weiß.

Nach etwa drei Stun­den war ich dabei, die vier Jah­re alte Stand­leuch­te erst­ma­lig aus­ein­an­der­zu­bau­en und von Insek­ten­ka­da­vern zu rei­ni­gen. Dann wisch­te ich mei­nen Schreib­tisch, mei­nen Nacht­tisch und die Ober­sei­te mei­ner CD-Rega­le – nicht, ohne das Staub­tuch jeweils zwi­schen­durch gründ­lich aus­zu­wa­schen. Nor­ma­ler­wei­se put­ze ich so gründ­lich nur kurz vor mei­nem Geburts­tag, wenn sich Gäs­te ange­kün­digt haben.

Und das war ja auch das Bizar­re an mei­ner Rei­ni­gungs­ak­ti­on: es gab kei­nen Grund dafür. Ich hat­te nicht ein­mal irgend­et­was wich­ti­ges zu tun, was eine Pro­kras­ti­na­ti­on gerecht­fer­tigt hät­te. Es war eben nur drin­gend nötig gewe­sen.

Nach vier­ein­halb Stun­den war der Tep­pich­bo­den, jede Ecke und die Wand hin­ter dem Heiz­kör­per gründ­lich abge­saugt. Ich betrach­te­te stolz mein Werk und war mit mir und der Welt zufrie­den. Da fiel mein Blick auf den Kon­to­aus­zug, der ein­sam auf einem ordent­li­chen Schreib­tisch lag.

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Leben

Alea iacta est

Ich woll­te nicht mehr so viel über Dins­la­ken blog­gen. Wirk­lich, ich woll­te mich lösen. Roger Wil­lem­sen hat­te ja eh alles gesagt.

Aber dann pas­sier­te das hier:

Bei einer Inven­tur stell­te die Stadt vor Kur­zem fest, dass ein rie­si­ges Kunst­werk, das seit sie­ben Jah­ren im Stadt­park mit­ten in der Stadt hing, ver­schwun­den war. Man ging an die Pres­se, befürch­te­te Dieb­stahl.

Ges­tern stell­te sich her­aus: Der Wür­fel aus Edel­stahl­roh­ren war vor grob einem hal­ben Jahr bei einem Unwet­ter abge­stürzt, von den Mit­ar­bei­tern der städ­ti­schen Ent­sor­gungs­be­trie­be ein­ge­sam­melt und sicher weg­ge­schlos­sen wor­den. Sogar das Hin­weis­schild wur­de abmon­tiert. Seit Febru­ar oder März war nie­man­dem das Feh­len des Objekts auf­ge­fal­len und auch bei den Ent­sor­gern hat­te nie­mand mehr dar­an gedacht. Der Moment, als der Chef des Betriebs in der Zei­tung von dem ver­schwun­de­nen Wür­fel las, muss ein gro­ßer gewe­sen sein.

(Und wie beson­ders anstren­gen­der und iro­ni­scher Lokal­jour­na­lis­mus geht, zei­gen Ihnen heu­te mal die Kol­le­gen von der „NRZ“.)