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Musik

Hallo Endorphin

Als ich auf dem Hald­ern-Pop-Fes­ti­val stand, dach­te ich so vor mich hin, dass ich im Moment kaum Inter­es­se an melan­cho­li­scher Musik habe und lie­ber den gan­zen Tag Andrew W.K. höre, und dass mich selbst die groß­ar­tigs­ten Kon­zer­te und Plat­ten nicht mehr so packen wie noch vor Jah­ren. (Immer­hin habe ich in die­sem Jahr ver­stan­den, dass nie­mals ein Fes­ti­val oder Kon­zert für mich so eine Bedeu­tung haben wird wie das Hald­ern 2001, weil nie­mals mehr eine Band so eine Bedeu­tung haben wird wie Tra­vis für den 17-jäh­ri­gen Lukas.)

Dann hör­te ich auf WDR2 (einem Sen­der, den ich Tag für Tag demü­tig ertra­ge, weil er mich alle paar Wochen bis Mona­te mit einem gran­dio­sen Song über­rascht, den ich bis dahin gar nicht auf dem Schirm hat­te) einen Song, den ich zunächst für einen Oldie hielt. Es han­del­te sich aber, so erfuhr ich als­bald, um die recht aktu­el­le Sin­gle eines Man­nes namens Jona­than Jere­mi­ah:

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Ich habe kei­ne Ahnung, was ande­re Medi­en über Jona­than Jere­mi­ah schrei­ben und wie bekannt er inzwi­schen ist – und es inter­es­siert mich auch nicht. Ich habe bei iTu­nes kurz in sein Debüt­al­bum „A Soli­ta­ry Man“ her­ein­ge­hört und es dann gekauft. Seit­dem läuft es nahe­zu unun­ter­bro­chen und lässt mein Leben wir­ken wie eine sehr luf­ti­ge roman­ti­sche Komö­die.

Der Klang die­ses Albums ist phan­tas­tisch. Es klingt, als habe man aus Samples von 60er- und 70er-Jah­re-Plat­ten ein neu­es Album zusam­men­ge­baut. Vom Sound des Schlag­zeugs über das Flü­gel­horn bis hin zu den Strei­chern ist es der Ori­gi­nal­klang von Burt Bacha­rach und Bill Withers. Alles passt so gut zusam­men und klingt so authen­tisch, dass ich mich stän­dig fra­ge, ob das nicht zu per­fekt ist, zu kal­ku­liert.

Doch nichts an die­sem Album wirkt kal­ku­liert. Es hat den war­men Sound eines sehr son­ni­gen Herbst­nach­mit­tags (die tief­stehen­de Son­ne auf dem Album­co­ver mag da in die Rezep­ti­on mit rein­spie­len) und die Stim­me von Jona­than Jere­mi­ah klingt sehr lie­bens­wür­dig und ver­traut, wenn er über ver­lo­re­ne Lie­be, Ein­sam­keit und das Zuhau­se („whe­re my peo­p­le live“) singt. Das Album ist 37 Minu­ten kurz und ich bin jedes mal erstaunt, wenn es schon wie­der durch­ge­lau­fen ist – obwohl ich die gan­zen 37 Minu­ten mit Gän­se­haut und völ­li­ger Ver­zü­ckung zuge­hört habe.

Ich möch­te mich mit Super­la­ti­ven zurück­hal­ten – zum einen, weil ich immer noch ein biss­chen Angst habe, in ein paar Jah­ren die­sen Blog­ein­trag wie­der­zu­fin­den und mich in Grund und Boden zu schä­men (aber die­se Angst lässt minüt­lich nach), zum ande­ren, weil ich in den letz­ten Mona­ten und Jah­ren ja durch­aus vie­le tol­le Alben gehört habe, die mich durch­aus berührt haben (das groß­ar­ti­ge neue Bon-Iver-Album ist hier im Blog sträf­li­cher­wei­se immer noch uner­wähnt, aber das wur­de ja sowie­so über­all abge­fei­ert). Aber „A Soli­ta­ry Man“ ist schon ein sehr, sehr, sehr, sehr, sehr, sehr tol­les Album.

Bit­te kau­fen Sie sich das und schen­ken Sie es allen Men­schen, die Sie gern haben!

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Gesellschaft

Wanted dead or alive

Wal­ter Krä­mer, Vor­sit­zen­der des schreck­li­chen „Ver­eins Deut­sche Spra­che“, durf­te sich in der Ruhr­ge­biets­aus­ga­be von „Bild“ mal wie­der über „Sprach­pan­scher“ und „Deng­lisch“ auf­re­gen.

Der Dort­mun­der Sta­tis­tik-Pro­fes­sor, den Bild.de irri­tie­ren­der­wei­se als „Sprach-Pro­fes­sor“ bezeich­net, erklärt in dem Inter­view:

„Inzwi­schen machen 33 000 Leu­te in unse­rem Ver­ein mit. Dar­un­ter rund 100 bekann­te Per­sön­lich­kei­ten wie Hape Ker­ke­ling, Jür­gen von der Lip­pe, Rein­hard Mey oder die kürz­lich ver­stor­be­nen Otto von Habs­burg und Gun­ter Sachs.“

Dass beim „Ver­ein Deut­sche Spra­che“ auch Tote mit­ma­chen dür­fen, erklärt natür­lich vie­les.

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Musik

Wenn es passiert

Ja, das mit den Pod­casts hat nicht geklappt. Das Mikro­fon lief nur am HTC-Smart­phone, aber da funk­tio­nier­te die zuge­hö­ri­ge App plötz­lich nicht mehr. Das tat sie zwar auf dem iPod touch, aber der wei­ger­te sich, das Mikro anzu­er­ken­nen. Die Zukunft liegt im CB-Funk, sag ich Ihnen. Egal …

Jeden­falls hab ich jetzt von jedem Act, den ich gese­hen hab, ein ein­mi­nü­ti­ges Video gedreht, das Sie hier zu sehen bekom­men.

Fes­ti­vals sind wie „Lethal Weapon“-Filme: Das Per­so­nal ist weit­ge­hend gleich, die ein­zel­nen Ver­satz­stü­cke sind bekannt und alle paar Minu­ten sagt jemand, er sei zu alt für die­sen Scheiß. Es flie­gen nur weni­ger Din­ge in die Luft und es wer­den weni­ger Leu­te von Surf­bret­tern ent­haup­tet.

Die wich­tigs­te Nach­richt noch zu Beginn: Das Tra­gen von Jeans­hem­den ist in Deutsch­land offen­bar wie­der straf­frei mög­lich. Ver­mut­lich hat die Bun­des­re­gie­rung ver­schla­fen, das ent­spre­chen­de Gesetz zu ver­län­gern und jetzt haben wir alle den Salat. Schön ist das nicht!

Und nun: Musik!

Yuck

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In Hald­ern steht ein Spie­gel­zelt und ich has­se es – wenn ich nicht rein­kom­me. Vor des­sen Ein­lass hat sich eine meh­re­re hun­dert Meter lan­ge Schlan­ge gebil­det, in denen die Men­schen fried­lich und in Zwei­er­rei­hen dar­auf war­ten, noch hin­ein­ge­las­sen zu wer­den. Eini­ger­ma­ßen ver­geb­lich, wie ihnen selbst klar sein muss. Aber die Kon­zer­te von drin­nen wer­den nach drau­ßen in den Bier­gar­ten über­tra­gen und so kön­nen wir alle Yuck aus Lon­don sehen und hören, die neue Shoe­ga­ze-Sen­sa­ti­on. Der ange­nehm schram­me­li­ge Sound ihres selbst­be­ti­tel­ten Debüt­al­bums kommt auch live schön rüber und das Jeans­hemd darf der Sän­ger (der in jedem Bob-Dylan-Bio­pic die Ide­al­be­set­zung wäre) ja wie­der tra­gen.

Julia Mar­cell

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Mit ihrer durch­sich­ti­gen Blu­se bringt Julia Mar­cell ein biss­chen ESC-Atmo­sphä­re aufs Hald­ern. Viel­leicht ist es aber auch nur ein Regen­cape, sowas tra­gen hier drau­ßen grad alle. Musi­ka­lisch wäre das stel­len­wei­se auch beim Songcon­test denk­bar, aber mit die­sen Björk-Anlei­hen käme Polen ver­mut­lich nicht ins Fina­le. Julia Mar­cells neu­es Album erscheint auf Hald­ern Pop Recor­dings, das Pro­gramm­heft spricht von „Opu­lenz“, was es wohl ganz gut trifft.

The Avett Brot­hers

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Das könn­ten vom Publi­kums­zu­spruch her die nächs­ten Mum­ford & Sons wer­den – nur, dass die Avett Brot­hers schon viel län­ger dabei sind und (zumin­dest zum Teil) wirk­lich Brü­der sind. Bei den dies­jäh­ri­gen Gram­mys haben sie gemein­sam mit Mum­ford & Sons und Bob Dylan per­formt und damit ist ja wohl alles gesagt. Ihr fol­ki­ger Rock mit Blue­grass- und Punk­ein­flüs­sen kommt super an, die Men­schen tan­zen auch drau­ßen im Nie­sel­re­gen, nur der Sound ist lei­der sehr schlecht.

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Musik Digital

Haldern-Podcasts

Zwei­tes August­wo­chen­en­de, schlech­tes Wet­ter – die Zeit ist reif fürs Hald­ern Pop Fes­ti­val!

Ich mach mich gleich auf den Weg zu mei­nem 12. Hald­ern machen und freue mich schon sehr auf The Low Anthem, The Wom­bats, James Bla­ke, Fleet Foxes, Yuck, Ale­xi Mur­doch und vie­le ande­re.

Hier im Blog wer­den wir etwas ganz Neu­es aus­pro­bie­ren, von dem ich selbst am Meis­ten über­rascht wäre, wenn es funk­tio­nier­te: Jeden Abend, nach­dem die (meis­ten) Kon­zer­te vor­bei sind, wer­den wir einen klei­nen Pod­cast auf­neh­men und anschlie­ßend direkt hier ver­öf­fent­li­chen. (Das Kon­zept ist natür­lich abge­schaut von der SXSW-Bericht­erstat­tung von „All Songs Con­side­red“.)

Mit etwas Glück, viel Mond­licht und ein paar Hüh­ner­kno­chen soll­ten Sie hier im Blog in den nächs­ten drei Tagen also drei Pod­casts fin­den. Wenn nicht, stel­len sie sich bit­te ein­fach vor, wie ich in mei­nem Zelt sit­ze und Hard- und Soft­ware viel­far­big ver­flu­che.

Nach­trag, 14. August: Ja, gut, äääh …

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Rundfunk Digital Fernsehen

Auswärtsspiel: TVLab

Auf ZDF_​neo star­tet dem­nächst das „TVLab“, wo völ­lig neu­ar­ti­ge TV-Kon­zep­te vor­ge­stellt und erprobt wer­den sol­len.

Beglei­tet wird das Pro­jekt von einem Blog und ich hat­te die Ehre, den ers­ten Ein­trag zu ver­fas­sen. Die Aus­gangs­fra­ge lau­te­te „Wor­über sol­len wir reden, wenn nicht über das Fern­se­hen?“ und – ohne zu viel zu ver­ra­ten – ich kom­me zu dem Schluss: über nichts, bit­te!

Der Bei­trag bei blog.zdf.de

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Politik Gesellschaft

Die Bonner Republik

Das Land mei­ner Kind­heit exis­tiert nicht mehr. Es ist nicht ein­fach unter­ge­gan­gen wie die DDR, in der ein paar mei­ner Freun­de ihre ers­ten Lebens­jah­re ver­bracht haben, aber es ist auch nicht mehr da.

Frü­her, als in den Radio­nach­rich­ten noch die Orts­mar­ken vor­ge­le­sen wur­den, gab es die­ses Wort, das mehr als ein Wort oder ein Städ­te­na­me war: „Bonn.“ Damals braucht man in den Nach­rich­ten noch kei­ne Sound­tren­ner zwi­schen den ein­zel­nen Mel­dun­gen, denn es gab die­ses Wort, das wie ein Tren­ner klang, wie der Schlag mit einem Rich­ter­ham­mer. Bonn.

Bonn war die Haupt­stadt des Lan­des, in dem ich leb­te, und die Stadt, in der mei­ne Oma damals leb­te. Ich glau­be nicht, dass ich das eine mit dem ande­ren jemals in einen Zusam­men­hang gebracht habe, aber das Land, in dem ich leb­te, wur­de von alten, grau­en Män­nern in karier­ten Sak­kos regiert und ihre Ent­schei­dun­gen wur­den von glei­cher­ma­ßen alten, glei­cher­ma­ßen grau­en Män­nern in glei­cher­ma­ßen karier­ten Sak­kos ver­le­sen.

Wahr­schein­lich wuss­te ich damals noch nicht, was „regie­ren“ bedeu­tet und wel­che Funk­ti­on die letzt­ge­nann­ten Män­ner hat­ten (außer, dass man als Kind still sein muss­te, wenn sie zur Abend­brot­zeit über den Fern­se­her mei­ner Groß­el­tern flim­mer­ten), aber es gab einen dicken Mann mit lus­ti­gem Sprach­feh­ler, der immer da war und das war – neben Tho­mas Gott­schalk – der König von Deutsch­land.

Die Aus­wir­kun­gen, die die Exis­tenz Hel­mut Kohls auf gan­ze Gebur­ten­jahr­gän­ge hat­te, sind mei­nes Wis­sens bis heu­te nicht unter­sucht wor­den. Aber auch Leu­te, die in den ers­ten acht bis sech­zehn Jah­ren ihres Lebens kei­nen ande­ren Bun­des­kanz­ler ken­nen­ge­lernt haben, sind heu­te erfolg­rei­che Musi­ker, Fuß­bal­ler, Schau­spie­ler oder Autoren, inso­fern kann es nicht gar so ver­hee­rend gewe­sen sein.

Es pass­te fast dreh­buch­mä­ßig gut zusam­men, dass Kohls Regent­schaft ende­te, kurz bevor das ende­te, was er geprägt hat­te wie nur weni­ge ande­re alte Män­ner: die Bon­ner Repu­blik. Ger­hard Schrö­der wur­de Kanz­ler und plötz­lich wirk­te die gan­ze gemüt­li­che Bon­ner Bun­ga­low-Atmo­sphä­re ange­staubt. Schrö­der zog nach einem hal­ben Jahr in einen gro­tes­ken Protz­bau, den Hel­mut Kohl sich noch aus­ge­sucht hat­te, der aber magi­scher­wei­se von der Archi­tek­tur viel bes­ser zu Schrö­der pass­te. Bei Ange­la Mer­kel hat man häu­fig das Gefühl, sie säße lie­ber wie­der in einem holz­ver­tä­fel­ten Bon­ner Büro.

Die Ber­li­ner Repu­blik währ­te nur drei Som­mer. Das hat­te aus­ge­reicht für ein biss­chen Deka­denz und Fin de Siè­cle, für einen Kanz­ler mit Zigar­ren und Maß­an­zü­gen, einen schwu­len Regie­ren­den Bür­ger­meis­ter in Ber­lin und die voll­stän­di­ge Demon­ta­ge von Hel­mut Kohl und wei­ten Tei­len der CDU. In ganz Euro­pa herrsch­te Auf­bruch­stim­mung: Unter dem Ein­druck von New Labour war ganz Euro­pa in die Hän­de der soge­nann­ten Lin­ken und Sozia­lis­ten gefal­len, die Son­ne schien, alles war gut und nichts tat weh.

Dann kamen der 20. Juli und der 11. Sep­tem­ber 2001.

Bit­te? Sie wis­sen nicht, was am 20. Juli 2001 pas­sier­te? An jenem Tag starb Car­lo Giu­lia­ni auf den Stra­ßen Genu­as. Der 20. Juli hät­te der 2. Juni unse­rer Gene­ra­ti­on wer­den kön­nen, Giu­lia­ni war schon weni­ge Wochen spä­ter als Pos­ter­boy der auf­kom­men­den Anti-Glo­ba­li­sie­rungs-Bewe­gung auf der Titel­sei­te des „jetzt“-Magazins. Doch 53 Tage spä­ter flo­gen ent­führ­te Pas­sa­gier­flug­zeu­ge ins World Trade Cen­ter und Giu­lia­ni geriet der­art in Ver­ges­sen­heit, dass ich zu sei­nem 10. Todes­tag kei­ner­lei Bericht­erstat­tung beob­ach­ten konn­te. In Ber­lin tag­te nun das Sicher­heits­ka­bi­nett, das aber auch in Bonn hät­te tagen kön­nen, irgend­wo in der Nähe des atom­si­che­ren Bun­kers im Ahrtal.

Das, was die CDU-Par­tei­spen­den­af­fä­re von Hel­mut Kohl übrig gelas­sen hat­te, wird gera­de zer­legt – so zumin­dest die Mei­nung ver­schie­de­ner Jour­na­lis­ten. Zwei Bio­gra­phien, eine über Han­ne­lo­re Kohl, eine Auto- von Wal­ter Kohl, ent­hül­len, was nie­mand für mög­lich gehal­ten hät­te: Die gan­ze schö­ne Fas­sa­de der Fami­lie Kohl war nur … äh … Fas­sa­de. 1

Die Fami­li­en­fo­tos der Kohls wei­sen eine erstaun­li­che, aber kaum über­ra­schen­de Deckungs­gleich­heit mit den Kind­heits­fo­tos mei­ner Eltern (und mut­maß­lich Mil­lio­nen ande­rer Fami­li­en­fo­tos) auf: Jungs in kur­zen Hosen, die Fami­lie am Früh­stücks­tisch, auf dem ein rot-weiß karier­tes Tisch­tuch ruht. 2 Das alles in einer heu­te leicht ins Bräun­li­che chan­gie­ren­den Optik und obwohl die Anzahl von Gar­ten­zwer­gen objek­tiv betrach­tet auf den meis­ten Bil­dern bei Null liegt, hat man doch, sobald man nicht mehr hin­schaut, das Gefühl, min­des­tens einen Gar­ten­zwerg erblickt zu haben. 3 Mei­ne Kind­heits­fo­tos sahen schon ein biss­chen anders aus, ver­folg­ten aber noch das glei­che Kon­zept. Auf heu­ti­gen Kin­der­fo­tos sieht man Drei­jäh­ri­ge im St.-Pauli-Trikot auf Surf­bret­tern ste­hen, Gar­ten­zwer­ge wer­den allen­falls von ihnen durch die Gegend getre­ten.

Die Gemüt­lich­keit der Bon­ner Repu­blik ist ver­schwun­den, obwohl ihre Bevöl­ke­rung immer noch da ist. Regel­mä­ßig ent­sorgt man die Kata­lo­ge von Bil­lig­mö­bel­häu­sern, die Schrank­wän­de Ver­sailler Aus­ma­ße und Patho­lo­gie-erprob­te Flie­sen­ti­sche anbie­ten, und regel­mä­ßig fragt man sich, wer außer den Aus­stat­tern von Pri­vat­fern­seh-Nach­mit­tags­re­por­ta­gen so etwas kauft. Dann klin­gelt man mal beim Nach­barn, weil die Regen­rin­ne leckt, und schon kennt man wenigs­tens einen Men­schen, der so was kauft. In Deutsch­land gibt es 40,3 Mil­lio­nen Haus­hal­te und Ikea kann nicht über­all sein. Ein Blick auf die Leser­brief­sei­te der „Bild“-Zeitung oder in die Kom­men­tar­spal­ten von Online-Medi­en beweist, dass auch die Auf­klä­rung noch nicht über­all sein kann.

Eigent­lich hat sich wenig geän­dert (oder alles, dann aber mehr­fach), aber Deutsch­land wird heu­te … Ent­schul­di­gung, ich woll­te gera­de „Deutsch­land wird heu­te von Ber­lin aus regiert“ schrei­ben, was völ­li­ger Unfug gewe­sen wäre, weil Deutsch­land nach­weis­lich nicht regiert wird. Die deut­sche Haupt­stadt ist also heu­te Ber­lin, eine Stadt, die eigent­lich gar nicht zum Rest Deutsch­lands passt: Eine Metro­po­le, von der vor allem Aus­län­der schwär­men, sie sei der Ort, an dem man jetzt sein müs­se. Gan­ze Land­stri­che in Schwa­ben und Ost­west­fa­len lie­gen ver­las­sen da, weil ihre Kin­der das Glück in der gro­ßen Stadt suchen. Von Bonn wur­de sol­ches nie berich­tet.

Am Sams­tag war ich nach rund zwan­zig Jah­ren mal wie­der in Bonn. Der ers­te Taxi­fah­rer, zu dem ich mich in Auto setz­te, konn­te nicht lesen und schrei­ben, was die Bedie­nung sei­nes Navi­ga­ti­ons­ge­räts schwie­rig mach­te. Der zwei­te muss­te sei­nen Kol­le­gen fra­gen, wo die gesuch­te Stra­ße lie­gen könn­te. Ich woll­te in eine Neu­bau­sied­lung, erstaun­lich, dass es das in Bonn gibt. Ich saß auf dem Bei­fah­rer­sitz in der freu­di­gen Erwar­tung eines Deutsch­land­bil­des vol­ler Bun­ga­lows und Gar­ten­zwer­ge, aber Bonn sah eigent­lich aus wie über­all. Für einen Moment fühl­te ich mich sehr zuhau­se.

  1. Und wie sehr das Pri­vat­le­ben von Poli­ti­kern ihr Ver­mächt­nis trü­ben kön­nen, sieht man ja etwa an John F. Ken­ne­dy und Wil­ly Brandt.[]
  2. Es gab damals – was nur die Wenigs­ten wis­sen – ein Tisch­de­cken-Mono­pol in Deutsch­land: Alle wur­den in der Fabrik eines geschäfts­tüch­ti­gen, aber latent wahn­sin­ni­gen Fans des 1. FC Köln pro­du­ziert. Bit­te zitie­ren Sie mich dazu nicht.[]
  3. Natür­lich ganz ordent­li­che Gar­ten­zwer­ge und nicht so ein pfif­fi­ges neu­mo­di­sches Exem­plar mit Mes­ser im Rücken oder ent­blöß­tem Geni­tal.[]
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Digital

Von demagogischen Zwergen

Ste­fan Nig­ge­mei­er hat ges­tern über eine freie Jour­na­lis­tin gebloggt, die in vier ver­schie­de­nen Medi­en fol­gen­de Sät­ze geschrie­ben hat­te:

Die Wet­ter­vor­her­sa­ge ist Inter­pre­ta­ti­ons­sa­che. Bei einer kom­pli­zier­ten Gemenge­la­ge kann ein- und das­sel­be Meteo­ri­ten­bild von zwei Meteo­lo­gen unter­schied­lich bewer­tet wer­den.

(Ste­fan hat sich bei der Bebil­de­rung sei­nes Ein­trags lei­der ver­tan. Wie so ein Meteo­ri­ten­bild wirk­lich aus­sieht, haben wir mal im BILD­blog gezeigt.)

Unfäl­le mit Fremd­wör­tern kön­nen beim Schrei­ben schon mal pas­sie­ren. Blöd ist halt, wenn sol­che Feh­ler in Online- und Print­me­di­en enden, weil sie nie­mand als sol­che erkennt (dass „Meteo­lo­gen“ falsch ist, hat­ten immer­hin zwei der vier Medi­en erkannt).

Was uns zu stern.de bringt:

Der demagogische Teufelskreis. Davon ist Deutschland weit entfernt und Besserung ist nicht in Sicht: Die Geburtenrate ist ebenfalls am Boden und die niedrigste in der EU. 8,3 Geburten kommen auf 1000 Einwohner. Die Bertelsmann Stiftung macht dafür die schrumpfende Elterngeneration verantwortlich, also die Menschen, die geradezu prädestiniert dazu sind, Nachwuchs zu bekommen. Und eben jene Männer und Frauen zwischen 22 und 35 Jahren werden in Deutschland auch ständig weniger. Ein demagogischer Teufelskreis: Weniger junge Eltern bekommen weniger Kinder, die Elterngeneration schrumpft weiter, bekommt noch weniger Kinder

Und zu „Spie­gel Online“:

Nach der Abstufung der USA gibt es nur noch 18 Staaten, die von S&P die Bestnote AAA erhalten, dazu zählen allerdings auch einige Steueroasen und Zwergenstaaten.

[via Tho­mas J.]

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Digital Gesellschaft

Stichwort Justizverdrossenheit

Zum Urteil, das das Land­ge­richt Frank­furt heu­te im Fall des Kin­des­ent­füh­rers und ‑mör­ders Magnus Gäf­gen gefällt hat (und bei dem Gäf­gen zu 80% „ver­lo­ren“ hat), ist im Lau­fe des Tages schon viel Unsinn geschrie­ben wor­den.

Düm­mer als der letz­te Absatz im Kom­men­tar von Chris­ti­an Den­so bei „Zeit Online“ dürf­te es unter Ein­hal­tung der Natur­ge­set­ze aber nicht mehr wer­den:

Doch selbst wenn Magnus Gäf­gen nach der neu­er­li­chen Ent­schei­dung end­lich Ruhe geben soll­te: Das Urteil des Frank­fur­ter Land­ge­richts reiht sich ein in eine beun­ru­hi­gen­de Serie von Rich­ter-Ent­schei­dun­gen „im Namen des Vol­kes“, die zwar Recht dar­stel­len mögen, aber von die­sem Volk zu gro­ßen Tei­len nicht ver­stan­den wer­den. Sei es im Fall der Siche­rungs­ver­wah­rung von Sexu­al­straf­tä­tern, bei Ent­schei­dun­gen, Jung­kri­mi­nel­le nicht in Unter­su­chungs­haft zu neh­men oder eben bei den Rech­ten, die auch einem Kinds­mör­der zuge­stan­den wer­den müs­sen. Eine Recht­spre­chung, die nur Juris­ten nach­voll­zie­hen kön­nen, bewegt sich auf unheil­vol­lem Weg.

Das Volk ver­steht also nicht, was es mit Grund- und Men­schen­rech­ten auf sich hat. Hmmm, wer könn­te es dem Volk denn erklä­ren? Man bräuch­te Men­schen, die Tex­te schrei­ben, die dann vom Volk gele­sen wer­den. Tex­te, die sau­ber recher­chiert wur­den und alle Fak­ten und Posi­tio­nen abbil­den, ohne dabei in Popu­lis­mus zu ver­fal­len. Die Autoren die­ser Tex­te bräuch­ten noch eine Berufs­be­zeich­nung – wie wäre es mit „Jour­na­lis­ten“?

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Digital

Mit der falschen Amy Winehouse durchs Internet

Es ist ja nicht so, dass die leicht­gläu­bi­gen, schlech­ten oder schlicht dum­men Men­schen aus­schließ­lich in den Redak­ti­ons­stu­ben in aller Welt säßen. Auch Medi­en­nut­zer kön­nen sich däm­lich anstel­len und über das Ziel hin­aus­schie­ßen.

Am Diens­tag berich­te­ten wir im BILD­blog von der „Abend­zei­tung“, die so unvor­sich­tig gewe­sen war, einen Arti­kel über Amy Wine­house mit einer schlech­ten Foto­mon­ta­ge zu bebil­dern, die die Sän­ge­rin mit einem Bong in der Hand zeigt und seit län­ge­rem durchs Inter­net geis­ter­te.

Unser Aus­riss aus der „Abend­zei­tung“ mach­te dar­auf­hin sei­ne eige­ne Run­de durchs Netz und fand sei­nen Weg auf die Web­site Red­dit, wo ihn ein Teil­neh­mer unter der Über­schrift „Fuck you, Dai­ly Mir­ror“ dem bri­ti­schen „Dai­ly Mir­ror“ in die Schu­he schob.

Obwohl man­che Leser frag­ten, war­um der Text im angeb­li­chen „Mir­ror“ denn auf Deutsch sei und einer sehr schnell auf das „Abend­blatt“ und unse­ren Ein­trag ver­wies, stei­ger­ten sich die meis­ten ande­ren Dis­ku­tan­ten in ihre (in ande­ren Fäl­len sicher nicht unbe­rech­tig­te) Wut auf den „Mir­ror“. Dabei fin­det sich bis­lang kein Hin­weis, dass der „Dai­ly Mir­ror“ die Foto­mon­ta­ge eben­falls ver­wen­det hat­te.

Doch die Geschich­te scheint nicht mehr zu stop­pen.

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Gesellschaft

Saufen gegen den Hunger

Ein Kum­pel von mir schrieb am Mon­tag bei Face­book:

Hab den ulti­ma­ti­ven Cha­ri­ty-Plan gefasst: Ich wer­de den glei­chen Betrag, den ich nächs­tes Wochen­en­de ver­feie­re/­ver­sau­fe/­paaar­ty-hic​ks für Afri­ka spen­den. Dann wirds zwar dop­pelt so teu­er, aber der Kater wird durch ein gutes Gewis­sen aus­ge­gli­chen…!

Ich fin­de die Idee ganz wun­der­bar, weil sie das Ange­neh­me mit dem Nütz­li­chen ver­bin­det. Wer sau­fen kann, kann bekannt­lich auch arbei­ten – war­um soll­te man also nicht beim Sau­fen Gutes tun? Und wer nicht so viel Geld hat, trinkt ein­fach nur halb so viel wie sonst und hat dabei immer noch was gespen­det und sei­ner Leber etwas Gutes getan.

Saufen gegen den Hunger — Ab 5. August bei FacebookViel mehr gibt es auch nicht zu sagen. Wir haben im spon­ta­nen Über­ei­fer ein Face­book-Event ange­legt, wie man das eben heut­zu­ta­ge so macht (grö­ße­re Men­schen­an­samm­lun­gen in irgend­wel­chen Vor­ort-Sied­lun­gen hal­ten wir für sehr unwahr­schein­lich, weil ja jeder dort Trin­ken und Fei­ern gehen soll, wo er es sowie­so täte).

Wir kön­nen und wol­len nicht über­prü­fen, ob die Teil­neh­mer sich auch tat­säch­lich an die Regeln hal­ten (die exak­ten Regeln wie „Was ist mit aus­ge­ge­be­nen Geträn­ken, aktiv wie pas­siv?“ oder „Wer­den mög­li­che Sach­schä­den auch dop­pelt ver­rech­net?“ sind noch nicht aus­dis­ku­tiert), aber wir glau­ben da ein­fach mal an das Gute im Men­schen.

Und wer spen­den will, ohne etwas zu trin­ken, kann das selbst­ver­ständ­lich auch tun.

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Digital Politik

Am längeren Hebel der Empörungsmaschine

Ges­tern schrieb Chris­toph Schwen­ni­cke einen Kom­men­tar über die unter­schied­li­chen Reak­tio­nen auf die Anschlä­ge in Nor­we­gen eben­da und in Deutsch­land. Gegen den deut­schen Poli­ti­ker, so Schwen­ni­cke, sei der paw­low­sche Hund ein „ver­nunft­be­gab­tes Wesen, das den Mut auf­bringt, sich sei­nes Ver­stan­des zu bedie­nen“.

Er frag­te:

War­um muss Poli­tik in Deutsch­land so sein? War­um muss jeder und jede jede Gele­gen­heit nut­zen, das zu sagen, was er oder sie immer schon gesagt hat? War­um kann nicht ein­fach mal Ruhe sein?

Schwen­ni­ckes Kom­men­tar hat­te „Spie­gel Online“ einen Vor­spann vor­an­ge­stellt, in dem es hieß:

Nor­we­gen hat beson­nen und ohne vor­schnel­le Schuld­zu­wei­sun­gen auf die Atten­ta­te reagiert. In Ber­lin lief dage­gen sofort die Empö­rungs­ma­schi­ne an: Geset­ze ver­schär­fen, Neo­na­zis ver­bie­ten. Kann in der deut­schen Poli­tik nicht ein­fach mal Ruhe sein?

Elf Stun­den spä­ter stell­te sich her­aus: Auch bei „Spie­gel Online“ haben sie so eine Empö­rungs­ma­schi­ne – und Chris­toph Schwen­ni­cke hat offen­sicht­lich Zugang zu ihr.

Weil Hei­ner Geiß­ler bei der Vor­stel­lung des soge­nann­ten Stress­tests zum „Stutt­gart 21“-Plan die ver­sam­mel­ten Befür­wor­ter und Geg­ner des Pro­jekts gefragt hat­te, ob sie den tota­len Krieg woll­ten, und sich hin­ter­her par­tout nicht für die­ses Goeb­bels-Zitat (das natür­lich nicht als sol­ches gekenn­zeich­net war) ent­schul­di­gen woll­te, empört sich Schwen­ni­cke:

Er soll­te jetzt, bes­ser in den kom­men­den Minu­ten oder Stun­den als erst in den nächs­ten Tagen, zur Räson kom­men und sagen: Ich habe einen Feh­ler gemacht, und dann habe ich einen noch viel grö­ße­ren Feh­ler began­gen, als ich den ers­ten Feh­ler hane­bü­chen recht­fer­ti­gen woll­te.

Das fällt schwer. Aber das muss jetzt sein. Sonst gab es ein­mal einen gro­ßen Poli­ti­ker Hei­ner Geiß­ler.

Im Vor­spann ist dies­mal von „grau­en­haf­ten Wor­ten“ die Rede – als ob die ver­damm­ten Wor­te (oder gar ihre Buch­sta­ben) etwas für die Irren könn­ten, die sich ihrer bedie­nen. (Aber das haben wir ja schon mal bespro­chen.)

Was es zur Empö­rungs­ma­schi­ne in Sachen Geiß­ler-Goeb­bels zu sagen gibt, hat Vol­ker Strü­bing zusam­men­ge­fasst.

[via Peter B. und Sebas­ti­an F.]

Nach­trag, 21.10 Uhr: BILD­blog-Leser Juan L. weist dar­auf hin, dass Schwen­ni­ckes Geiß­ler-Kom­men­tar ursprüng­lich den fol­gen­den Satz ent­hielt:

Man hört sich die Audio-Datei wie­der und wie­der an und fragt sich, wie ein Mann von der poli­ti­schen und der Lebens­er­fah­rung eines Hei­ner Geiß­ler der­art Amok lau­fen kann.

Nach Kom­men­ta­ren im Forum wur­de der Satz dann sang- und klang­los geän­dert in:

Man hört sich die Audio-Datei wie­der und wie­der an und fragt sich, wie sich ein Mann von der poli­ti­schen Erfah­rung und der Lebens­er­fah­rung eines Hei­ner Geiß­ler eine der­ar­ti­ge Ent­glei­sung leis­ten kann.

Herr Schwen­ni­cke scheint sich für sei­ne grau­en­haf­ten Wor­te nir­gend­wo ent­schul­digt zu haben.

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Saxo­phon, Cel­lo und Beat­boxing – die Kom­bi­na­ti­on klingt erst mal … äh … „inter­es­sant“.

Aber hören Sie mal, was pas­siert, wenn man in die­ser Beset­zung die Titel­mu­sik von „Knight Rider“ spielt:

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