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Rundfunk Unterwegs

Wo die Weser einen großen Bogen macht

Der WDR prä­sen­tiert dem geneig­ten Zuschau­er in sei­ner Sen­dung „Wun­der­schö­nes NRW“ in regel­mä­ßi­gen Abstän­den sehens­wer­tes des Lan­des. Zu die­sem Zwe­cke fährt Mode­ra­tor Bernd Mül­ler mit einem Old­ti­mer ger­ne mal durch die Welt­ge­schich­te und besucht Land, Leu­te und sons­ti­ges.

Am heu­ti­gen Abend durf­te ich einer Dar­stel­lung mei­ner Hei­mat bei­woh­nen, denn der gute Mann tucker­te ins soge­nann­te „Weser­tal“. Gezeigt wur­den wirk­lich bemer­kens­wer­te Din­ge: Eine Ölmüh­le in Bevern (das liegt am Sol­ling), diver­se Heil­bä­der (Oeyn­hau­sen, Dri­burg, Lipp­sprin­ge…), eine Por­zel­lan­ma­nu­fak­tur in Fürs­ten­berg und ein Besuch im wun­der­schö­nen Min­den (letz­te­ren Kom­men­tar darf man ger­ne dar­auf zurück­füh­ren, dass ich in Min­den wei­te Tei­le mei­nes Lebens ver­bracht habe, bzw. in der Nähe der Stadt).

In eben jener Stadt traf sich Mül­ler mit Peter Hah­ne an der soge­nann­ten Schiff­müh­le, rede­te mit ihm über sei­ne Kind­heit in der Weser­stadt und Hah­nes ers­te Freun­din Doris. Außer­dem kam die Tat­sa­che zu Tage, dass einer sei­ner Leh­rer ihn dazu gebracht hat, sich für Theo­lo­gie und Jour­na­lis­mus zu inter­es­sie­ren. Gebo­ren und auf­ge­wach­sen in Min­den hat der bekann­te Fern­seh­pfar­rer nach wie vor eine beson­de­re Bezie­hung zu sei­ner Hei­mat. Hah­ne hält nach wie vor am ers­ten Weih­nachts­tag einen Got­tes­dienst in Min­den-Leteln. „Nah am Men­schen“, wie er es sel­ber nennt. Kann ich nicht beur­tei­len, war nie da.

Bes­ser beur­tei­len kann ich da schon eher das Maß an Nähe, was die aktu­ell unglaub­lich erfolg­rei­che Band Mar­quess zumin­dest zu mir hat. Die Hei­mat­stadt ihres Sän­gers Sascha Pier­ro ist näm­lich auch Min­den, er besuch­te sogar die sel­be Schu­le wie ich, aller­dings eini­ge Jah­re vor mir. Und leb­te die ers­ten Jah­re sei­nes Lebens eben­falls in Hil­le, wie in der loka­len Pres­se sehr aus­ufernd zu lesen ist.

Frei­heit, drau­ßen toben, die Natur genie­ßen, das war schon immer Saschas Welt. Zwän­ge dage­gen engen ihn ein, ersti­cken sei­ne Neu­gier und Krea­ti­vi­tät. „Zum Glück habe ich coo­le Eltern, die mich her­aus­fin­den lie­ßen, was mir lag“, sagt der gut aus­se­hen­de Sän­ger. „Mei­ne Devi­se lau­tet: ein­fach machen, nicht groß rum­quat­schen.“ Mit die­sem Lebens­mot­to macht auch die Toch­ter des Hil­ler Dorf­pas­tors eine über­ra­schen­de Erfah­rung. „Ich küss­te sie mit sechs Jah­ren auf der Schul­trep­pe“, erin­nert sich der Pop­star, der bis zum sieb­ten Lebens­jahr in Hil­le auf­wuchs, lachend.

Ins­ge­samt 14 Jah­re hat der gute Sascha mit der Top-40-Cover­band Steam ver­bracht, die auf unge­fähr jeder Hoch­zeit, diver­sen Abi­bäl­len (unter ande­rem dem mei­ner Schwes­ter) und Sport­fes­ten auf der Büh­ne stand. Kaum eine grö­ße­re Fei­er, auf der man nicht auf die Band gesto­ßen ist.
Umso kurio­ser, dass er nun mit sei­ner neu­en Band Mar­quess mit „Vaya­mos Com­pa­ne­ros“ einen der Som­mer­hits des Jah­res gelie­fert hat. Und dann noch in Betracht zieht, dass Sascha mit einem spa­nisch­spra­chi­gen Song Erfolg hat, wo er doch Hal­bi­ta­li­e­nie­ner ist…

Auf jeden Fall: Da sag noch­mal einer, aus der Pro­vinz kommt nichts erfolg­rei­ches. Ob man das dann auch noch gut fin­den muss, muss ja jeder selbst wis­sen.

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Unterwegs

Regenzeit

Nach nun­mehr 48 Stun­den Dau­er­re­gen („gefühl­tem Dau­er­re­gen“, zumin­dest) dach­te ich mir, es sei mal an der Zeit für ein biss­chen Eska­pis­mus und Fern­weh.

Des­we­gen jetzt und hier: Eine Minu­te San Fran­cis­co, CA – im Regen. Auf­ge­nom­men im ver­gan­ge­nen Novem­ber.

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So lan­ge wie ich zum Umco­die­ren und Hoch­la­den mei­nes ers­ten You­Tube-Clips ever gebraucht habe, hat es natür­lich auf­ge­hört zu reg­nen.

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Leben Unterwegs

Been there, done that

Fünf Arten, wie man nicht zum Ter­min bei sei­nem Anwalt erschei­nen soll­te:

  • Ver­spä­tet (Deut­sche Bahn)
  • Klamm („Leich­te Schau­er“)
  • Außer Atem (Spon­ta­ne Mit­tel­stre­cken­läu­fe)
  • Ver­schwitzt (Spon­ta­ne Mit­tel­stre­cken­läu­fe)
  • Unfri­siert (All of the abo­ve)

Wenigs­tens hat­te ich unter­wegs noch Gele­gen­heit, vom Zug aus die heu­te bekann­tes­te Piz­ze­ria Deutsch­lands zu sehen.

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Unterwegs Leben

Urlaub machen, wo andere leben

Jesus auch in Bochum

Besucht man irgend­wen irgend­wo und drängt die­se Per­son mit mil­der Gewalt dazu, am eige­nen tou­ris­ti­schen Pro­gramm mit­zu­ma­chen, wird man mit an Sicher­heit gren­zen­der Wahr­schein­lich­keit am Ende einen Satz wie die­sen hören: „Also, das fand ich jetzt wirk­lich inter­es­sant. Wenn man hier wohnt, guckt man sich das ja nor­ma­ler­wei­se gar nicht an.“

Mich kommt in Bochum lei­der nie­mand besu­chen, wes­we­gen Kath­rin und ich uns am Wochen­en­de ein­fach mal auf eige­ne Faust als Tou­ris­ten in der eige­nen Hei­mat ver­sucht haben. Einen beson­de­ren Grund dazu gab es eigent­lich nicht, außer dass wir mal recht drin­gend Urlaub brauch­ten.

Gute Grün­de, dass die Innen­stadt voll ist, gibt es hin­ge­gen schon: Die Son­ne scheint in all ihrer som­mer­li­chen Pracht vom Him­mel hin­ab, der VfL spielt zur Sai­son­er­öff­nung gegen Wer­der Bre­men und auf dem Dr.-Ruer-Platz fin­det „Bochum kuli­na­risch“ statt, eine Art Weih­nachts­markt ohne Geschen­ke­stän­de und mit bes­se­rem Essen im Som­mer. Es herrscht das, was in Fern­seh­do­ku­men­ta­tio­nen mit dem Satz „Es herrscht Volks­fest­stim­mung“ beschrie­ben wird, bevor dann irgend­ein Unglück pas­siert (Explo­sio­nen, ein­stür­zen­de Tri­bü­nen, nie­der­ge­schla­ge­ne Volks­auf­stän­de).

Ein Unglück soll­te uns am Sams­tag aber nicht pas­sie­ren, denn Jesus liebt uns. Das behaup­ten zumin­dest die jun­gen Men­schen, die uns hun­dert Meter wei­ter Flug­blät­ter in die Hand drü­cken wol­len. Wir bedan­ken uns für so viel Unter­stüt­zung, gehen aber lie­ber wei­ter, bevor wir noch beim gro­ßen gemein­sa­men Sin­gen mit­ma­chen müs­sen. Kath­rin möch­te ihren Tele­fon­an­schluss kün­di­gen, was aber im Tele­kom-Laden natür­lich nicht geht. Des­halb gehen wir direkt wei­ter „Kla­mot­ten gucken“, also serious shop­ping betrei­ben. Zwan­zig Minu­ten spä­ter habe ich bei C&A ein Paar Jeans in mei­ner Grö­ße für 9 Euro erstan­den (alle ande­ren Grö­ßen kos­ten 15 Euro, der Ursprungs­preis ist dem Eti­kett lei­der nicht mehr zu ent­neh­men) und ver­schwand erst mal in den Tie­fen einer Buch­hand­lung.

Um das Gefühl von Groß­stadt und Urlaub noch ein biss­chen aus­zu­kos­ten, gehen wir zu Star­bucks – davon hat Bochum inzwi­schen zwei Stück im New-York-ver­däch­ti­gen Abstand von 250 Metern. Star­bucks ist zwar eigent­lich ein Super-Feind­bild für alles und A haben mit „Don’t want your job in Star­bucks“ eine wun­der­bar tref­fen­de Lied­zei­le zum The­ma, aber wie sonst soll man Welt­läu­fig­keit simu­lie­ren, wenn nicht mit einer ame­ri­ka­ni­schen Kaf­fee­ket­te? Ganz uname­ri­ka­nisch set­zen wir uns aller­dings hin1 – wenn auch drau­ßen vor den Laden, wo wir die Men­schen in der Fuß­gän­ger­zo­ne wie Qual­len an uns vor­bei­trei­ben las­sen. Die Bochu­mer Innen­stadt ist teil­wei­se der­art reno­viert wor­den in den letz­ten Jah­ren, dass ich nur auf den Tag war­te, an dem die Stadt das ers­te Mal in einem Fern­seh­film Ber­lin dou­beln muss, weil sich die Kame­ra­teams in Ber­lin ja sowie­so immer gegen­sei­tig auf den Füßen rum­ste­hen.

Der shop­ping spree soll bei H&M wei­ter­ge­hen, dort haben sie schwar­ze Cord­sackos, deren Erwerb ich seit eini­gen Jah­ren ernst­haft in Erwä­gung zie­he. Ein­mal hat­te ich bereits eines gekauft, aber mei­ne per­sön­li­che Stil­be­ra­te­rin, die lan­ge als Mar­ke­ting-Direk­tor in der New Yor­ker Mode­bran­che gear­bei­tet hat­te, schick­te mich mit harr­schem Ton zum Umtausch. Die Ärmel sei­en defi­ni­tiv zu kurz, so ihr ver­nich­ten­des Urteil. Die Ärmel sind auch dies­mal zu kurz, was den Ver­dacht nahe­legt, dass mei­ne Arme in Wahr­heit zu lang sind. Dafür sind mei­ne Bei­ne zu kurz, was das Ein­stel­len des Fah­rer­sit­zes im Auto immer zu einer län­ge­ren Ange­le­gen­heit wer­den lässt.

Nach etwa einer Stun­de schwe­di­scher Mas­sen­mo­de (ich hat­te die eben­falls shop­pen­de Dame ja erwähnt) bin ich gegen Fünf lang­sam doch mal reif für Mit­tag­essen. Also gehen wir zur Fisch­bra­te­rei von Gül­cans Schwie­ger­va­ter und ich ent­schei­de mich zwecks Urlaubs­fee­ling für ein Krab­ben­bröt­chen mit Nord­see­krab­ben. Das erin­nert mich immer an die unge­zähl­ten Fami­li­en­ur­lau­be an der hol­län­di­schen Nord­see­küs­te (war­um ein Bröt­chen mit Nord­see­krab­ben in Bochum knapp die Hälf­te von dem kos­tet, was man in Hol­land hin­term Deich bezahlt, kann mir sicher irgend­ein VWL-Stu­dent erklä­ren, falls ich mal einen ken­nen­ler­ne).

Für den Sams­tag reicht uns das, außer­dem will ich ja die „Sport­schau“ sehen. Hät­te ich geahnt, dass in der ers­ten Stun­de sowie­so nichts inter­es­san­tes läuft, hät­te ich mir die Tier­schüt­zer, die in der Fuß­gän­ger­zo­ne Vide­os von lei­den­dem Schlacht­vieh zei­gen, viel­leicht noch mal genau­er ange­guckt.

Nach die­sem groß­städ­ti­schen Sams­tag hät­ten wir es am Sonn­tag­abend gern ein paar Num­mern klei­ner. Das ist kein Pro­blem, denn in fuß­läu­fi­ger Ent­fer­nung befin­det sich das „Kirch­vier­tel“ mit alten Berg­ar­bei­ter­häu­sern; diver­sen Bäcke­rei­en, Apo­the­ken und Super­märk­ten; zwei Piz­za­bu­den und tat­säch­lich einer Kir­che. Uns inter­es­siert aber beson­ders die Eis­die­le: Die Aus­wahl ist noch grö­ßer als am Tag zuvor bei Star­bucks und ich wün­sche mir für einen Moment, irgend­je­mand wür­de ein­fach mal für mich ent­schei­den. Dann wäre ich aber ver­mut­lich bei Bana­ne-Moc­ca aus­ge­kom­men und nicht bei Ana­nas-Tira­mi­su wie jetzt. Vor uns ist ein Mann dran, der mit etwas eigen­tüm­li­chen Wün­schen zu über­ra­schen weiß: Fünf Kugeln Moc­ca mit Sah­ne und zwei Kugeln Eis für den Hund (ohne Sah­ne).2

Eis schle­ckend und trop­fend spa­zie­ren wir durch den Orts­teil, der so wun­der­bar dörf­lich wirkt, dass man kaum glau­ben kann, mit­ten im Ruhr­ge­biet zu sein. Die Bewoh­ner des nahe­ge­le­ge­nen Senio­ren­heims (das erklärt die vie­len Apo­the­ken) schlur­fen durch die Stra­ßen und mei­ne Hän­de kle­ben von der zer­lau­fe­nen Eis­creme. Als wir wie­der Rich­tung Uni­ver­si­täts­stra­ße gehen, fra­gen wir uns, ob Bochum nicht viel­leicht doch ein ganz guter Wohn­ort ist, auch län­ger­fris­tig, und war­um man sich sowas nor­ma­ler­wei­se nicht anguckt.

1 Fol­gen­der Dia­log wur­de mir mal aus einer kali­for­ni­schen High School über­lie­fert:
Deutsch­leh­re­rin (Deut­sche): „In Euro­pe, espe­ci­al­ly in Ger­ma­ny, the peo­p­le usual­ly sit down in a cafe. I don’t get why Ame­ri­cans always have to walk around with their bever­a­ges.“
Schü­ler (Ame­ri­ka­ner): „It’s becau­se they have jobs – which 4.5 mil­li­on Ger­mans don’t do, as I recall.“
Der Schü­ler wur­de dar­auf­hin des Unter­richts ver­wie­sen.

2 Das ist aller­dings nichts ver­gli­chen mit dem Mann, der in Dins­la­ken mal „Ama­re­na­ta durchs Spa­ghet­ti-Eis-Sieb gepresst im Hörn­chen“ haben woll­te. Ama­re­na­ta ist Eis mit gan­zen Kir­schen drin.

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Musik Unterwegs

Haldern-Liveblog (Samstag)

15:06 Uhr: Was bis­her geschah: Drecks­ver­damm­tes Mist­wet­ter! Die­se Hit­ze! Im Zelt füh­le ich mich wie Colo­nel Kurtz in der grü­nen Höl­le, außer­halb wie Erwin Rom­mel in Nord­afri­ka. Wie, mir kann man’s auch nicht recht machen? 22°C, bewölkt – soll­te doch kein Pro­blem sein.

Auf dem Weg zum Fes­ti­val­ge­län­de noch lau­war­mes Bier ver­nich­tet, aber was tut man nicht alles für authen­ti­sches Fes­ti­val-Fee­ling? Das ist näm­lich jetzt schon wie­der vor­bei, weil ich Prol­lo-Pres­se­mensch im schat­ti­gen Pres­se­zelt sit­zen darf, wäh­rend die unbarm­her­zi­ge nie­der­rhei­ni­sche Son­ne auf den ehe­mals mat­schi­gen Alten Reit­platz nie­der­brennt. Navel und Sere­e­na Manee­sh hab ich des­halb schon ver­passt, aber das Hald­ern-Blog schafft Abhil­fe.

Gera­de ste­hen Fris­ka Vil­jor auf der Büh­ne und von dem, was hier hin­ten noch ankommt, wür­de ich auf Indie-Rock tip­pen. Das soll­te mal genau­er unter­sucht wer­den.

15:35 Uhr: Den­ken Sie bei einem bär­ti­gen, lang­haa­ri­gen Mann mit Hut und Man­do­li­ne nicht auch auto­ma­tisch an Hans Süper? Sie könn­ten auch an Fris­ka Vil­jor den­ken. Die klan­gen ein biss­chen wie eine Mischung aus Arca­de Fire, Kai­zers Orches­tra, The Smith und einer durch­ge­knall­ten Coun­try­band und waren (natür­lich des­halb, nicht trotz­dem) außer­ge­wöhn­lich unter­halt­sam. Wenn es auf dem Niveau wei­ter­geht, wird das ein sehr fei­ner, aber ultra-anstren­gen­der Tag.

16:30 Uhr: Na gut: Sooooo doll ging’s dann doch nicht wei­ter. Vox­t­rot haben zwar ein Kla­vier dabei und klin­gen ein biss­chen wie dir frü­hen R.E.M., aber so ganz kön­nen mich die Texa­ner nicht über­zeu­gen.

Dafür hat der WDR wie­der sei­ne Kame­ras ein­ge­schal­tet und in den Weg gestellt, was mich aus obsku­ren Grün­den an den schöns­ten Fes­ti­val-TV-Moment ever erin­nert …

17:19 Uhr: Auch wenn sie mal aus­nahms­wei­se nicht auf­tre­ten, sind The Divi­ne Come­dy auf dem Hald­ern Pop omnis­pär­sent – und wenn es nur als Umbau­mu­sik und T‑Shirt-Beschrif­tung ist.

Gera­de spie­len John­os­si, die „schwe­di­schen White Stripes“. Es sei sehr heiß auf der Büh­ne sagt Sän­ger John und ein „Ach was“ geht durch die Men­ge. Aber man habe auch gehört, es sei das ers­te tro­cke­ne Hald­ern-Fes­ti­val seit dem 18. Jahr­hun­dert. Das Publi­kum hockt zur Zeit ver­mut­lich lie­ber im Bade­see neben dem Fes­ti­val­ge­län­de und hört von dort aus zu. Alle ande­ren haben schon braun­ge­brann­te Haut oder pfei­fen auf Son­nen­brän­de. Wenn es nicht so uner­träg­lich heiß wäre, wür­den die Leu­te viel­leicht nicht nur beim größ­ten Hit der Band tan­zen. Aber der heißt ja immer­hin „Man Must Dance“.

18:17 Uhr: Ein Teil des gera­de antrock­nen­den Fes­ti­val­ge­län­des stand zwi­schen­zeit­lich wie­der unter Was­ser – dort war eine pro­vi­so­ri­sche Fes­ti­val-Dusche zur Abküh­lung auf­ge­baut wor­den. Auch wenn es schon frü­her Abend ist, sind die Tem­pe­ra­tu­ren nach wie vor hoch.

Die Zuschau­er, die sich gera­de Mala­ju­be geben, las­sen sich davon aber nicht auf­hal­ten. Und auch wenn die Kana­di­er sonst „Mon­tré­al ‑40°C“ besin­gen, kommt ihr fran­zö­sisch­spra­chi­ger Indie­rock gut an. Ich ver­mu­te unter den lau­ten Gitar­ren und Krach­wän­den klei­ne Pop-Per­len, aber die sol­len offen­bar nicht zu auf­fäl­lig sein.

19:38 Uhr: Gera­de gab es die obli­ga­to­ri­sche Pres­se­kon­fe­renz. Ver­an­stal­ter Ste­fan Reich­mann ist zufrie­den mit dem Wet­ter und den Besu­cher­zah­len (5.500 bis 6.000). Er erzählt, dass Indie in vie­len Berei­chen jetzt Main­stream sei, und man in Hald­ern nicht bereit sei, den „Head­li­ner-Ter­ror“, der letzt­end­lich nur die Kos­ten der Ein­tritts­kar­ten in die Höhe trei­be, wei­ter mit­zu­ma­chen. Und auch ohne die ganz gro­ßen „Indie“-Headliner sind Besu­cher­zah­len und Stim­mung ja bes­tens.

Zur Zeit ste­hen Archi­tec­tu­re In Hel­sin­ki auf der Büh­ne, was Raum für etwa ein Halb­dut­zend mie­ser Wort­spie­le lie­ße. Las­sen wir das lie­ber blei­ben und freu­en uns an dem dezent ver­spul­ten Indiepop, der gera­de von der Büh­ne don­nert.

Ab 20 Uhr soll Eins Live, die sog. Jugend­wel­le des omni­prä­sen­ten WDR, übri­gens das Fes­ti­val für vier Stun­den live über­tra­gen. Ich bin ja mal gespannt, ob man dort sei­nem Publi­kum wirk­lich ein Kon­zert von Loney, Dear „zumu­tet“ und dann nach zehn Minu­ten Jan Delay aus­steigt, wie es der Zeit­plan vor­sieht.

20:28 Uhr: Es gibt Geschich­ten, da habe ich das Gefühl, dass mir ein Puz­zle­teil feh­le. Bei Archi­tec­tu­re In Hel­sin­ki bin ich mir des­sen sogar sicher: Alle erzäh­len einem, wie toll die doch sei­en, doch weder auf Plat­te noch live kann mich die Band irgend­wie packen. Letzt­end­lich klingt ihre Musik in mei­nen Ohren wie der Migrä­ne­an­fall einer Wal­dorf-Kin­der­gärt­ne­rin.

Gos­sip am Ran­de: Hier im VIP-Zelt läuft auch Den­nis von Muff Pot­ter rum, den ich gera­de auf ver­mut­lich recht pein­li­che Wei­se ange­quatscht habe. Ich soll­te mir die­ses unpro­fes­sio­nel­le Fan­dom im Dienst mal abge­wöh­nen. Ande­rer­seits: Soll­te man Leu­ten, die groß­ar­ti­ge Musik machen, nicht auch in ihrer Frei­zeit sagen dür­fen, dass sie das tun? Viel­leicht grü­bel ich gleich bei Loney, Dear mal dar­über nach.

21:00 Uhr: Wäh­rend die tief­stehen­de Son­ne den nie­der­rhei­ni­schen Him­mel in ein hol­län­di­sches Oran­ge taucht, geht die Swe­dish Inva­si­on auf der Büh­ne in die nächs­te Run­de: Loney, Dear ali­as Emil Svan­än­gen und sei­ne Begleit­band zau­bern melan­cho­li­schen Indiepop zwi­schen Bright Eyes und The Pos­tal Ser­vice. Die mit­un­ter über­ra­schend text­ar­men Songs („Nanananana­na“, „Dad­ad­ada­da“, „Lal­al­a­la­la“, …) klin­gen live nicht so elek­trisch wie auf Plat­te, wes­we­gen sich der Pos­tal-Ser­vice-Ver­gleich nicht mehr ganz so auf­drängt. Irgend­wie aber eben doch, wes­we­gen ich die Band eben­so als Refe­renz nen­nen möch­te wie Elec­tric Pre­si­dent. Sol­che Musik wür­de auch schön in die Nacht pas­sen.

Apro­pos Nacht: Nach den Erfah­run­gen von ges­tern Abend grü­bel ich noch, ob ich es über­haupt ver­su­chen soll, mir Ghosts und Duke Spe­cial im Spie­gel­zelt anzu­se­hen. Zwar muss man der Fair­ness hal­ber erwäh­nen, dass das Gesche­hen aus dem Zelt auch nach drau­ßen über­tra­gen wird (inkl. Groß­bild­lein­wand) – aber ob das so viel bringt, wenn auf der Haupt­büh­ne gera­de Jan Delay und sei­ne Band spie­len?

Nach­trä­ge Sonn­tag: Pünkt­lich zu den Shout Out Louds wur­de es voll auf dem Platz. So viel zum The­ma „Mäh, gibt ja kei­nen Head­li­ner“. Es war von vor­ne bis hin­ten ein groß­ar­ti­ger Auf­tritt und als nach fünf­zig Minu­ten „Tonight I Have To Lea­ve It“ kam (als letz­ter regu­lä­rer Song vor dem drei­tei­li­gen Zuga­ben­block), brann­te wie erwar­tet die Luft. Man kommt um die­se stän­di­gen The-Cure-Ver­glei­che wirk­lich kaum umhin, weil Adam Oleni­us wirk­lich wie Robert Smith klingt. Ganz klar ein wür­di­ger Abschluss des Fes­ti­vals.

Aber das Fes­ti­val war ja noch nicht vor­bei: Wäh­rend immer mehr Men­schen zu Jan Delay auf den Platz ström­ten, wetz­te ich hin­aus ins Spie­gel­zelt, wo gera­de The Dro­nes am … haha: dröh­nen waren. Ich war mir auch am Ende des Auf­tritts nicht sicher, was ich von ihrem Noi­se-Blues-Rock mit Post-Grunge-Ein­flüs­sen hal­ten soll­te, aber inter­es­sant war es alle­mal.

So lang­sam füll­te sich das Spie­gel­zelt mit Leu­ten, die den Platz teils flucht­ar­tig ver­las­sen haben muss­ten. Ihre Aus­füh­run­gen über das, was Jan Delay da so gebracht habe, sol­len vor einer mög­li­cher­wei­se min­der­jäh­ri­gen Leser­schaft geheim­ge­hal­ten wer­den, des­we­gen nur so viel: Ich war froh, dass ich mich fürs Zelt ent­schie­den hat­te.

Gegen halb eins leg­ten dort Ghosts aus Lon­don mit ihrem char­man­ten Indiepop los, der live nicht mehr ganz so zucker­süß-lieb­lich klingt wie auf Plat­te. Die Band war (wie eigent­lich alle ande­ren auch) völ­lig begeis­tert vom Publi­kum und das Publi­kum auch von ihnen. Mit­ten im Set gab es ein neu­es Kapi­tel der Serie „Brit­pop-Bands covern gänz­lich unwahr­schein­li­che Songs“, als Sän­ger Simon Pet­ti­g­rew „Don’t Cha“ von den Pus­sy­cat Dolls anstimm­te, was wir natür­lich alle erst im Refrain bemerk­ten.

Wäh­rend die Kräf­te der Zuschau­er schwan­den und man­che schon im Ste­hen ein­schlie­fen, wur­de ein hal­bes Instru­men­ten­mu­se­um auf die Büh­ne des Spie­gel­zelts geschleppt. Duke Spe­cial, sonst eigent­lich nur Sänger/​Pianist Peter Wil­son, spiel­ten in vier­köp­fi­ger Beset­zung, bei der unter ande­rem auch Küchen­quirl und Käse­rei­be zum Ein­satz kamen. Wil­son stand hin­ter sei­nem Kla­vier wie sonst nur Ben Folds, und wer so schö­ne Cir­cus-Caba­ret-Indie-Folk-Orches­ter-Pop-Musik macht, dem sieht man auch mal nach, dass er Wurst­haa­re auf dem Kopf trägt.

Danach war Schluss. Zwar stand mit The Ear­lies noch eine letz­te Band auf dem Pro­gramm, aber Rücken, Füße, Lun­ge und Augen schrien „Bett!“ bzw. wenigs­tens „Schlaf­sack“. Und so ende­te das regen­freie Hald­ern-Pop-Fes­ti­val 2007 in die­ser seli­gen Hald­ern-Stim­mung, die einen irgend­wie jedes Jahr befällt. Auf dem Zelt­platz gab es noch John­ny Hills „Ruf Ted­dy­bär Eins-Vier“ und Howard Car­penda­les „Ti Amo“ und ich wuss­te: „Irgend­wie ist es auch gut, dass es jetzt erst mal wie­der vor­bei ist.“

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Musik Unterwegs

Haldern-Liveblog (Freitag)

17:00 Uhr: Was bis­her geschah: Ich wur­de heu­te Mor­gen wach und – die Son­ne schien. Aus Dank­bar­keit opfer­ten wir Petrus eine Packung „Sau­re Apfel­rin­ge“ (Hald­ern-Tra­di­ti­on #2) und früh­stück­ten aus­gie­bigst in der Son­ne. Ich weiß, ich wer­de einen Son­nen­brand bekom­men.

Die ers­te Band, die ich mir im ange­guckt habe, waren die Bra­kes („like on your bike“) im Spie­gel­zelt. Die Band sieht anders aus als ich sie mir vom Klang ihrer Musik her vor­ge­stellt hät­te, und hat Ananäs­se auf ihren Ver­stär­kern ste­hen, die sie wäh­rend des Kon­zerts ins Publi­kum schmeißt. Musik machen sie auch: schröm­me­li­ger Indie­rock trifft auf Coun­try-Anlei­hen, die im Cover­song „Jack­son“ (den ken­nen Sie aus dem John­ny-Cash-Film) kul­mi­nie­ren.

Dann geht’s aufs Fes­ti­val-Gelän­de, das allein schon dadurch besticht, dass die Büh­ne anders steht als sonst. Sie steht … nun ja: leicht schräg. Wer schon mal auf dem Hald­ern war und sich das Fes­ti­val-Gelän­de als Uhr vor­stel­len kann, ima­gi­nie­re sich jetzt bit­te, die Büh­ne sei von zwölf auf ein Uhr vor­ge­rückt, wobei sie immer noch auf den Mit­tel­punkt des Uhr­werks aus­ge­rich­tet ist. Alle ande­ren stel­len sich bit­te vor, dass da eine gro­ße Büh­ne auf einem Reit­platz steht, das reicht.

Der sym­pa­thisch-ver­plan­te Hol­län­der, der seit (I assu­me) 1984 das Pro­gramm ansagt, betritt die Büh­ne und kün­digt in gewohn­tem Über­schwang Ripchord an. Die Band erin­nert aus der Fer­ne (schließ­lich will das Pres­se­zelt inspi­ziert wer­den) ein biss­chen an Man­do Diao und die Liber­ti­nes. Und das ist ja wohl mal eine prä­zi­se Ansa­ge, denn wel­che Band klingt heut­zu­ta­ge schon so? Na gut …

Gera­de stehen/​steht Gabri­el Rios auf der Büh­ne und alles, was hier ankommt, sind ein Bass und eine Bass­drum. Des­we­gen wer­de ich nun hin­aus in den Matsch eilen und ein Ohr auf das Gesche­hen wer­fen, damit ich hin­ter­her schrei­ben kann, wie es wirk­lich klang.

Vor­her muss ich noch die ers­ten Ver­let­zun­gen im Team ver­mel­den: Kat­ti hat sich den Nagel ihres dicken Zehs ein­ge­ris­sen (hier zuck­ten grad 85% der Leser zusam­men und schwo­ren sich, so ein Ekel­b­log nie wie­der zu besu­chen) und ich habe mir (weit weni­ger schlimm) die Son­nen­bril­le, die ich extrem läs­sig ins Haar gesteckt hat­te, aufs Nasen­bein gedon­nert. Und jetzt muss ich wirk­lich los, denn Björn vom Hald­ern-Blog ist gera­de hin­ter mir auf­ge­taucht und jetzt wol­len wir ein wenig plau­dern und Bru­der­schaft trin­ken. Oder irgend­wie sowas.

18:05 Uhr: Bis ich auf dem Platz war, war/​waren Gabri­el Rios schon vor­bei. So blei­ben mir nur die Ricky-Mar­tin-mäßi­gen Ein­drü­cke, die im Pres­se­zelt anka­men.

Viel­leicht hät­te man eine Band wie Polar­kreis 18, die mit geschätz­ten zwei­und­vier­zig Instru­men­ten agiert, nicht unbe­dingt mit­ten in den Nach­mit­tag legen sol­len. Jetzt hinkt der Zeit­plan. Dafür gibt es gera­de die „deut­schen Radio­head“, was dann zutref­fend wäre, wenn Radio­head bedeu­tend mehr tanz­ba­re Tracks wie „Idio­te­que“ ver­öf­fent­licht hät­ten. Man möch­te fast ein Kraut­rock-Revi­val aus­ru­fen, aber Dres­den ist eine so Kraut­rock-unty­pi­sche Stadt (sie liegt, zual­ler­erst, nicht am Rhein).

Der WDR fährt mit sei­nen Rock­pa­last-Kame­ras die gan­ze Zeit vor der Büh­ne her­um und ver­sperrt dem Publi­kum und den Foto­gra­fen die freie Sicht auf die Büh­ne. Das könn­te rich­tig ärger­lich sein, aber das Publi­kum sieht nicht so aus, als ob es das mit den Rund­funk­ge­büh­ren son­der­lich genau näh­me. Und Leu­te, die man nicht bezahlt, kann man ja kaum anschrei­en, sie mögen einem bit­te aus dem Sicht­feld tre­ten.

Was man auf kei­nen Fall uner­wähnt las­sen soll­te: Son­ne! Son­ne!! Soooooonneeeeeee!!!!1

19:15 Uhr: Von Paul Steel und Band habe ich nicht viel mit­be­kom­men, weil ich zeit­gleich The Elec­tric Soft Para­de inter­viewt habe. Ich glau­be, ich hät­te die Musik „nett“ gefun­den. Nett waren aber auch die Gebrü­der White, wes­we­gen sich das schon gelohnt hat, so wie’s war. Die Tat­sa­che, dass ich den alten Kin­der­kas­set­ten­re­cor­der mei­nes Bru­ders als Auf­nah­me­ge­rät mit­ge­bracht habe, war jeden­falls ein Super-Eis­bre­cher, denn wie fin­den jun­ge Män­ner, die ver­spiel­te Pop­mu­sik machen, so ein Teil? „Cool, old school!“

19:58 Uhr: Wer hat dem Pudel die Gitar­re um den Hals gebun­den? Ach nee, das ist nur Kyle Fal­co­ner, der lockich­te Sän­ger von The View, der sei­ne Gitar­re noch ein biss­chen höher trägt als John­ny Cash. Zu beein­träch­ti­gen scheint es ihn nicht, denn er und sei­ne Band pflü­gen gera­de durch ein Set vol­ler schwung­vol­ler Indie­rock-Kra­cher, die immer mal wie­der rhyth­misch an der Tür klop­fen, auf der „Pol­ka“ steht. Die Indiepe­dia sagt, der Schlag­zeu­ger sei mal mit Pete Doh­erty ver­haf­tet wor­den. Rei­fe Leis­tung. Und unge­fähr so schwie­rig wie Angeln in einem Fass vol­ler Fische.

20:57 Uhr: Ein jun­ger Mann, der aus­sieht wie Gary Old­man in Sid And Nan­cy, kommt auf die Büh­ne, rotzt zwei­mal auf sel­bi­ge und legt mit sei­ner Band los. Klin­gen tut’s aber eher wie The Clash, wenigs­tens so unge­fähr. Live klingt Jamie T bedeu­tend weni­ger nach Hip-Hop, als auf Plat­te, ich mei­ne trotz­dem, einen süß­li­chen Geruch in der Luft zu ver­neh­men.

21:40 Uhr: Gera­de war ich am Zelt, mei­nen Pul­li holen. Dabei konn­te ich eine Hald­ern-typi­sche Sze­ne beob­ach­ten: Ein älte­res Ehe­paar aus der Nach­bar­schaft ging in ordent­li­cher Klei­dung am Zelt­platz vor­bei – offen­bar um „mal zu gucken, was die jun­gen Leu­te so machen“. Sie gesell­ten sich zu einer Grup­pe am Bier­stand und plau­der­ten los.

Fol­gen­de Musik habe ich auf dem Zelt­platz hören kön­nen (unvoll­stän­dig): Max Mutz­ke, Red Hot Chi­li Pep­pers, The Fratel­lis, Bap, Led Zep­pe­lin, The Sounds, Kai­ser Chiefs. Unan­ge­foch­te­ner Fes­ti­val-Hit dürf­te aber „Tonight I Have To Lea­ve It“ von den Shout Out Louds wer­den. Zu recht.

22:15 Uhr: Noch mehr idio­ti­sche Optik-Ver­glei­che: The Magic Num­bers sehen ein biss­chen aus wie die Kel­ly Fami­ly. Sie machen durch­aus net­te Pop­mu­sik, die das inzwi­schen nächt­li­che Fes­ti­val­ge­län­de durch­weht. Es könn­te auch Rock­pa­last 1978 auf der Lore­ley sein.

Man soll­te auch mal anmer­ken, dass das Publi­kum zwar in Indie-Uni­for­men erschie­nen ist (If I had one Dol­lar for every pol­ka dot …), aber in der Gesamt­heit recht gut aus­se­hend ist (nur knapp hin­ter den immer beson­ders hüb­schen Publi­ka von Tra­vis und Slut). Ich glau­be schon, dass manch einer hier den Part­ner fürs Leben fin­den könn­te.

Sams­tag, 00:31 Uhr: Auf der Büh­ne sitzt grad Jason Pier­ce und buch­sta­biert Gän­se­haut. Mit sei­nem Key­boar­der, einem Streich­quar­tett und einem (drei­köp­fi­gen) Gos­pel­chor sind das die „Acou­stic Main­li­nes“ sei­ner sons­ti­gen Band Spi­ri­tua­li­zed. Es mag sein, dass das Feen­staub ist, der da durch die Nacht fliegt – viel­leicht sind es auch nur die Über­res­te der Mot­ten, die den Schein­wer­fern zu nahe gekom­men sind. Die Leu­te, die bei die­ser Musik noch quat­schen, möch­te man am liebs­ten schüt­teln und anschrei­en: „Ruhe, da vor­ne stirbt jemand!“ Nun ja, ster­ben wird Jason Pier­ce heu­te Nacht nicht, aber so oft wie er „Lord“ und „Jesus“ singt, fühlt man sich ein wenig, als höre man jeman­dem ver­bo­te­ner­wei­se beim Beten zu. Ein­fach schön.

Nach­trag Sams­tag, 14:58 Uhr: Eigent­lich woll­te ich mir ges­tern Nacht noch The Elec­tric Soft Para­de angu­cken. Ich hat­te es den Gebrü­dern White sogar im Inter­view ver­spro­chen. Aber als ich vom Platz kam, war die Schlan­ge vor dem viel zu klei­nen Spie­gel­zelt schon so lang, dass abseh­bar war, dass die Per­son, die in der Schlan­ge vor mir gestan­den hät­te, als letz­te rein­ge­kom­men wäre. Ich fin­de das nach wie vor unglück­lich mit die­sem Zelt, zumal wenn auch noch zeit­gleich auf der Haupt­büh­ne Pro­gramm ist. Ent­schei­den-müs­sen oder Nicht-rein­kom­men ist Rock am Ring, aber nicht Hald­ern.

So gab’s dann wenigs­tens im (eige­nen) Zelt noch The Water­boys aus wei­ter Fer­ne. Aus so wei­ter Fer­ne, dass nur noch eine Ahnung von Songs ankam. Die war aber durch­aus nett.

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Musik Unterwegs

Haldern-Beinahe-Liveblog (Donnerstag)

Von Bochum über Dins­la­ken nach Hald­ern und auf der Auto­bahn: Nie­sel­re­gen. Ich will schon umdre­hen, aber mei­ne Bei­fah­re­rin­nen sagen mir, dass darf man nicht auf der Auto­bahn. War auch bes­ser so, denn danach blieb es *auf­Holz­klopf* tro­cken.

Zelt auf­ge­baut, Kar­tof­fel­sa­lat mit Fri­ka­del­len geges­sen, Cid­re getrun­ken (Hald­ern-Tra­di­ti­on #1). Danach Kili­ans geguckt, die auf dem Dach ihres vier­zig Jah­re alten, von einem Ener­gy-Drink-Her­stel­ler umge­bau­ten, Tour­bus­ses spie­len. Das Kon­zert war soli­de Hoch­leis­tungs­wa­re, die Stim­mung im Publi­kum bes­tens.

Lei­der war die Müdig­keit danach so hoch, dass ich mich nicht mehr zum offi­zi­el­len Fes­ti­val-Teil ins Spie­gel­zelt schlep­pen konn­te und – Asche auf mein Haupt! – Naked Lunch des­we­gen ver­passt habe. Als Rache dafür habe ich schlecht geschla­fen, weil wir unser Zelt direkt neben einem Bier­stand auf­ge­stellt haben, der erst irgend­wann mit­ten in der Nacht schließt …

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Leben Unterwegs

Greetings From Co

Offen­bar ist Inkom­pe­tenz kein Pri­vi­leg der deut­schen Post, auch die ame­ri­ka­ni­schen Kol­le­gen wis­sen zu beein­dru­cken:

*** *******CO, California

Gut, dass ich weiß, woher die Post­kar­te kommt. Lesen wür­de ich es näm­lich nicht kön­nen.

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Unterwegs Gesellschaft

Nicht mehr jung und noch nicht alt

Das Miss­trau­en, das ich gegen jeg­li­che Form von Gene­ra­tio­nen­be­zeich­nung hege, wird nur noch von dem Miss­trau­en über­bo­ten, das ich Leu­ten ent­ge­gen­brin­ge, die von der „Jugend von heu­te“ reden. Per­so­nen, die mir lau­nig erzäh­len wol­len, alle Men­schen mei­ner Alters­stu­fe sei­en bei­spiels­wei­se gemein­schaft­lich unhöf­lich, kann man natür­lich nur schwer mit Argu­men­ten kom­men. Man kann aber (trotz hef­ti­gen Wider­wil­lens) freund­lich zu ihnen sein, was sie im Ide­al­fall ihren ver­all­ge­mei­nern­den Kul­tur­pes­si­mis­mus über­den­ken lässt.

Ich nei­ge dazu, nicht anwe­sen­de Kin­der und Jugend­li­che gegen­über älte­ren Men­schen zu ver­tei­di­gen – weil sie es gera­de selbst nicht kön­nen und weil ich Jugend­li­chen durch­aus noch eine gewis­se Unrei­fe zuge­ste­he, die sich in unser bei­der Inter­es­se am Tage ihres acht­zehn­ten Geburts­tags in Wohl­ge­fal­len auf­lö­sen möge. Und auch wenn ich es natür­lich in kei­ner Wei­se gut­hei­ßen möch­te, dass sich Min­der­jäh­ri­ge in der Öffent­lich­keit bis zur Bewusst­lo­sig­keit betrin­ken und die Fla­schen, aus denen sie ihren bil­li­gen Rausch geso­gen haben, danach auf Rad­we­gen und Wie­sen zer­trüm­mern, bin ich doch zumin­dest mil­de über­rascht über Kom­mu­nen, die Pres­se­mel­dun­gen wie die­se ver­öf­fent­li­chen:

Radfahren ja, Alkohol nein

Nicht nur, dass das Wort „Alko­hohl“ so ziem­lich zum pein­lichs­ten gehö­ren dürf­te, was einer Pres­se­stel­le pas­sie­ren kann: Der gan­ze Beschluss wird natür­lich auch nur dafür sor­gen, dass die Jugend­li­chen ihrem Hob­by nun nicht mehr im Stadt­park, son­dern an ande­ren Orten frö­nen. Und im ange­trun­ke­nen Zustand von der Innen­stadt-Knei­pe nach hau­se zu kom­men, ohne die zen­tra­le Park­an­la­ge zu betre­ten, dürf­te vie­le auch vor logis­ti­sche Schwie­rig­kei­ten stel­len. Ich möch­te dar­über­hin­aus zu einem Ideen­wett­be­werb „Die schöns­ten Unar­ten, die Rück­sicht auf Mit­bür­ger ver­mis­sen las­sen“ auf­ru­fen.

Aber bei allem (mög­li­cher­wei­se reich­lich nai­vem) Ver­trau­en in die Jugend und bei aller Ableh­nung gegen­über den apo­ka­lyp­ti­schen Phan­ta­sien von Men­schen, die Jugend­kul­tur nur vom Weg­drü­cken im Fern­se­hen ken­nen: Die letz­ten Tage haben mich nach­denk­lich zurück­ge­las­sen.

  • Am Frei­tag fuhr ich in einem Regio­nal­ex­press, in dem auch zwei jun­ge Damen von viel­leicht fünf­zehn Len­zen abwech­selnd gemein­sam für MySpace-Pro­fil­fo­tos posier­ten – der einen fiel zwi­schen­durch ihre (beklei­de­te) Ober­wei­te aus dem Hemd – und bil­li­gen Tof­fee-Likör und Schnäp­se in sich hin­ein­schüt­te­ten. Kurz vor dem Duis­bur­ger Haupt­bahn­hof war das eine Gör nach eige­nen Anga­ben so weit, dass sie „gleich kot­zen“ müs­se und ich war froh, als die bei­den aus­stie­gen.
  • Heu­te saß ich in der Bochu­mer U‑Bahn und in der Sitz­grup­pe neben mir saß ein Mäd­chen, das gera­de mit einem Feu­er­zeug dabei war, die Innen­ver­klei­dung des Zugs abzu­fläm­men. Ich glotz­te, sah mich hil­fe­su­chend nach Erwach­se­nen um und begriff dann, dass ich end­lich alt genug war, die Rol­le des son­der­li­chen alten Man­nes zu ein­zu­neh­men: „Was soll das wer­den, wenn’s fer­tig ist?“, frag­te ich denk­bar unau­to­ri­tär. Das Kind setz­te kurz ab und schmor­te dann wei­ter mun­ter vor sich hin. „Kannst Du das bit­te las­sen?“, setz­te ich nach und guck­te unsi­cher, ob die Leu­te schon über mich tuschel­ten. „Mit wem reden Sie?“, mur­mel­te das ver­zo­ge­ne Blag, ohne mich auch nur anzu­se­hen. „Mit Dir“, blaff­te ich zurück, ehe wir bei­de aus­stie­gen. Immer­hin: Genug Auto­ri­tät für ein „Sie“ gestand mir der Satans­bra­ten zu.
  • Als ich dann von der Uni nach Hau­se ging, stan­den an den Müll­con­tai­nern des Nach­bar­hau­ses zwei etwa zwölf­jäh­ri­ge Jun­gen und ein bedeu­tend jün­ge­rer. Die älte­ren hiel­ten Ziga­ret­ten in ihren Hän­den und paff­ten die­se so denk­bar uncool, wie es nur Schü­ler kön­nen, die end­lich mal was ver­bo­te­nes aus­pro­bie­ren wol­len. Ich guck­te kurz, ob sie dem klei­nen Jun­gen („Ja, Kevin, Du darfst raus, aber nimm bit­te den Patrick mit!“) auch eine Ziga­ret­te gege­ben hat­ten. Sie hat­ten nicht und ich schritt fort.

Und jetzt fragt der auf­merk­sa­me Leser: „Wie­so haben Sie denn das unschul­di­ge Mäd­chen, das nur eine Ver­schö­ne­rung der häss­li­chen U‑Bahn vor­neh­men woll­te, so denk­bar schroff behan­delt, nicht aber die bei­den Grup­pen zukünf­ti­ger Rausch­gift­ab­hän­gi­ger?“

„Tja“, wer­de ich ant­wor­ten, „Sach­be­schä­di­gung gehört für mich nicht zu den Din­gen, die man als Jugend­li­cher mal aus­pro­biert haben soll­te, um sei­nen Kör­per bes­ser ken­nen zu ler­nen. Und was mit den Lebern und Lun­gen der ande­ren ist, kann uns in dem Moment doch reich­lich egal sein.“

„Na, das ist aber eine ziem­lich ego­is­ti­sche Ein­stel­lung.“

Stimmt.

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Mein schönstes Urlaubsfoto

Ab Mitt­woch gibt es bei Aldi Nord eine preis­wer­te Digi­tal­ka­me­ra, mit der man beson­ders schö­ne Urlaubs­fo­tos schie­ßen kann. Zum Bei­spiel vom Ground Zero:

Urlaubsfotos am Ground Zero
(Screen­shot: aldi-essen.de)

Zum Ver­gleich: So sah es im letz­ten Novem­ber von der gegen­über­lie­gen­den Sei­te des Lochs aus.

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Dieser Weg ist steinig und schwer

Es ist Pfings­ten, man­che wis­sen auch wie­so, ich lie­ge brä­sig auf der Ter­ras­se habe den bis­he­ri­gen Tag mit gesell­schaft­li­chen Auf­ga­ben ver­bracht und möch­te jetzt die­se all­ge­mei­ne fest­li­che Stil­le mit zwei Geschich­ten durch­bre­chen. Die eine ist hei­ter, die ande­re beun­ru­hi­gend, und es ist jedem selbst über­las­sen, wel­che wel­che ist:

Als ich am Frei­tag mit dem Regio­nal­ex­press durchs Ruhr­ge­biet reis­te (mein Leben also in vol­len Zügen genoss), fuhr ich einen Teil der Stre­cke mit einer Pfad­fin­der­grup­pe. Erst nach­dem der Zug in den Duis­bur­ger Haupt­bahn­hof ein­ge­fah­ren war, bemerk­ten die Anfüh­rer der Grup­pe, dass sie die letz­ten fünf Minu­ten vor einem Schild gestan­den hat­ten, auf dem „Tür defekt“ stand. Und so dreh­ten sich die etwa zwan­zig Pfad­fin­der, die sich über die gesam­te Wagen­län­ge im Mit­tel­gang gestaut hat­ten, um und gin­gen zur Tür am ande­ren Ende des Wagens hin­aus. Sie gin­gen nicht etwa durch die Tür, die zwei Meter neben der defek­ten im nächs­ten Wagen lag und offen stand.

Als ich Dins­la­ken, die Stadt mei­ner Kind­heit, erreicht hat­te und zu Fuß zu mei­nen Eltern ging, stell­te ich fest, dass die all­jähr­li­chen Stra­ßen­pflas­ter-Fest­wo­chen offen­bar wie­der in vol­lem Gan­ge waren. Anders als im Osten der Repu­blik, wo man am nächs­ten Wochen­en­de den vier­zigs­ten Jah­res­tag des Schah­be­suchs mit gro­ßen Trach­ten­pa­ra­den bege­hen will, haben die Dins­la­ke­ner Stra­ßen­pflas­ter-Fest­wo­chen wenig mit Gewalt, aber viel mit Ver­kehrs­be­hin­de­rung zu tun. Denn jedes Jahr im Früh­som­mer wird das Pflas­ter der Haupt­stra­ße auf­ge­bro­chen, die Stei­ne wer­den gewen­det, ein neu­es Sand­bett wird gelegt und dann wird die Stra­ße wie­der zuge­pflas­tert. Lei­der lie­fert die offi­zi­el­le Web­site der Stadt kei­ner­lei Infor­ma­tio­nen zu die­sem schö­nen Brauch­tum, aber ich möch­te jeden herz­lich ein­la­den, sich die­se beson­de­re Tief­bau­pro­zes­si­on nicht ent­ge­hen zu las­sen.

So viel für den Augen­blick, mehr Con­tent gibt’s, wenn mehr pas­siert.

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Unterwegs

Es fährt ein Zug nach Irgendwo

Dass es ger­ne mal lus­tig wird, wenn ich mich von A nach B bewe­ge, ist ja schon seit eini­ger Zeit bekannt. So ist es auch eigent­lich nicht wei­ter erstaun­lich, was ich über mei­nen heu­ti­gen Aus­flug mit der Deut­schen Bahn zu berich­ten habe: Nach dem wochen­end­li­chen Auf­ent­halt bei mei­nen Eltern mach­te ich mich auf den Weg nach Bochum, der in die­sem Fall über den Duis­bur­ger Haupt­bahn­hof führt. Der nächs­te Zug Rich­tung Bochum war der NRW-Express nach Hamm, der aus­nahms­wei­se mal die ent­schei­den­den Minu­ten zu spät war, die es mir ermög­li­chen, ihn noch zu erwi­schen.

Auf Gleis 13, von dem die­ser Regio­nal­ex­press abfah­ren soll­te, erschall­te die Durch­sa­ge: „Bit­te beach­ten Sie: wegen einer Betriebs­stö­rung (Bahn­deutsch für: etwas, was wir selbst nicht näher benen­nen kön­nen, und das vor­aus­sicht­lich zwi­schen fünf Minu­ten und sechs Mona­ten anhal­ten wird) auf der Stre­cke fährt die­ser Zug heu­te nicht über Mülheim/​Ruhr, Essen und Bochum. Der nächs­te Halt ist Gel­sen­kir­chen.“
„Nun gut“, dach­te ich, „solang die S‑Bahn fährt, soll mir das ja egal sein. Ist ja sowie­so komisch, dass die Fern­zü­ge an die­sem Wochen­en­de alle wegen Bau­ar­bei­ten umge­lei­tet wer­den, aber die Regio­nal­zü­ge die glei­che Stre­cke benut­zen kön­nen sol­len.“
Ich ging also zum Gleis 9 von (bei der Bahn sagt man: aus) dem die S‑Bahn nach Dort­mund in weni­gen Minu­ten abfah­ren wür­de und war natür­lich nicht allein. Als der NRW-Express schließ­lich ein­fuhr, stürz­ten auch Dut­zen­de Men­schen her­aus und kamen zum S‑Bahn-Gleis, um nach Mülheim/​Ruhr, Essen oder Bochum zu gelan­gen.

Bis hier­hin war die Geschich­te für die ein­zel­nen Betrof­fe­nen natür­lich etwas unbe­quem, aber im Gro­ßen und Gan­zen wohl hin­nehm­bar. Wer weiß, woher die Betriebs­stö­rung kam (sicher nicht vom völ­lig ver­al­te­ten Schie­nen­netz). Aber die Bahn wäre nicht die Bahn, wenn sie sich nicht in die­sem Moment ent­schlos­sen hät­te, ihre zah­len­den Kun­den (vul­go: Fahr­gäs­te) gegen sich auf­zu­brin­gen. Denn als sich die Mas­sen auf Gleis 9 sam­mel­ten, erschall­te auf Gleis 13 die Ansa­ge „Bit­te beach­ten Sie: die­ser Zug ver­kehrt jetzt doch plan­mä­ßig über Mülheim/​Ruhr, Essen und Bochum!“
Es setz­te eine erneu­te Völ­ker­wan­de­rung ein, auf Gleis 13 spiel­ten sich tumult­ar­ti­ge Sze­nen ab und der Bahn­an­ge­stell­te, der am Bahn­steig Wache schob, muss­te meh­re­ren ver­zwei­fel­ten Per­so­nen teils mehr­fach bestä­ti­gen, dass der Zug jetzt doch plan­mä­ßig über Mülheim/​Ruhr, Essen und Bochum ver­keh­re. Ich hader­te noch, stieg dann aber doch ein, fand schnell einen frei­en Platz und wid­me­te mich mei­ner Lek­tü­re, der Zug fuhr als­bald los.

Nach eini­gen Minu­ten der Fahrt knack­te der Laut­spre­cher und der Lok­füh­rer ver­mel­de­te: „Ver­ehr­te Fahr­gäs­te, in weni­gen Minu­ten errei­chen wir außer­plan­mä­ßig Gel­sen­kir­chen Haupt­bahn­hof.“
Gespens­ti­sche Sze­nen spiel­ten sich im Zug ab: Men­schen sahen ein­an­der an, erst fra­gend, dann ver­zwei­felnd. Ohne­hin leid­ge­prüf­te Borus­sia-Mön­chen­glad­bach-Fans schrien ver­är­gert auf und ich lach­te, als habe der Wahn­sinn soeben Besitz von mir ergrif­fen. Aber ich wuss­te ja: die Bahn wäre nicht die Bahn, wenn sie nicht kon­se­quent ihr Ziel ver­fol­gen wür­de, ihre zah­len­den Kun­den (vul­go: Fahr­gäs­te) voll­endes gegen sich auf­zu­brin­gen.

So hiel­ten wir am Gel­sen­kir­che­ner Haupt­bahn­hof, den ich noch gar nicht kann­te und des­halb in den fol­gen­den Minu­ten inter­es­siert durch­streif­te. Ganz frisch zur Fuß­ball-WM reno­viert hat­te er etwas sehr Ber­li­ne­ri­sches, nur dass die meis­ten Geschäf­te und Fress­bu­den um neun Uhr Abends schon geschlos­sen waren. Die Stein­plat­ten, die sei­nen Boden bedeck­ten, sahen dre­ckig aus, obwohl sie es nicht waren. Das erin­ner­te mich an den Küchen­fuß­bo­den bei mei­nen Eltern, den man auch so viel Schrub­ben kann, wie man will. Da es auf den Bahn­stei­gen zog wie Hecht­sup­pe, ver­trieb ich mir die Zeit damit, abwärts fah­ren­de Roll­trep­pen hin­auf­zu­ge­hen, das hält fit. Und noch ein Fakt für die Samm­ler kurio­ser Fak­ten am Ran­de: der Gel­sen­kir­che­ner Haupt­bahn­hof hat sechs Glei­se – 4, 5, 6, 7, 8 und 25.

Schließ­lich fuhr die Nokia-Bahn, die so heißt, weil sie in Bochum-Nokia am Werk eines aus­län­di­schen Mobil­te­le­fon­pro­du­zen­ten hält, ein. Mir wur­de warm ums Herz, denn sie wird vom pri­va­ten Bahn­un­ter­neh­men Arbel­lo betrie­ben und ich wür­de heu­te nicht mehr mit der Deut­schen Bahn fah­ren müs­sen. Ent­spre­chend pünkt­lich kam ich auch in Bochum an, gera­de mal zwan­zig Minu­ten spä­ter als ich es mit der S‑Bahn von Gleis 9 gewe­sen wäre.

Und wer jetzt sagt: „Ganz lus­ti­ge Geschich­te, aber der Schluss ist ja schon ein biss­chen lahm, nech?“, dem ant­wor­te ich: „Das war doch noch gar nicht der Schluss!“
Denn als die Bochu­mer U‑Bahn, die mich nach Hau­se brin­gen soll­te, aus dem Tun­nel fuhr, erzit­ter­te das Land von einem Don­ner und ein Schnee­sturm schlug gegen die Schei­ben. Und so ging ich die let­zen 600 Meter im Schnee­re­gen­ge­stö­ber nach Hau­se und freu­te mich wie ein Kind, als sich mei­ne Jeans mit nas­sem, kal­ten Matsch voll­so­gen. Denn ich wuss­te ja: zuhau­se war­tet mei­ne war­me Dusche und alles wür­de gut wer­den.