Der Februar ist bekanntlich der kürzeste Monat des Jahres — deshalb ist er auch schon wieder vorbei.
Unser Mixtape zum Monat ist wieder ein Blumenstrauß voller Füllhörner: Wir starten mit „Lucky Now“, dem Titeltrack des dritten Soloalbums von Lande Hekt (Tapete; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music, Deezer, Bandcamp), das wirklich sehr, sehr gut ist. Die britische Band A, von denen eines meiner absoluten Lieblingsalben aller Zeiten stammt, hat (zumindest für mich) völlig überraschend nach über 20 Jahren neue Musik veröffentlicht. Und auch U2 sind unerwartet zurück — und wütend.
Es gibt Thrash Metal von Kreator aus Essen, Emo von City Light Thief aus Grevenbroich und einen gemeinsamen Song der erklärten Blog-Darlings Philine Sonny und Brockhof mit Shelter Boy. Dazu britischen Hip-Hop, Olympia-bedingt in Erinnerung gerufenen Italopop und wir enden mit einer Hommage an den jüngst verstorbenen James Van Der Beek.
Da sollte nun wirklich für jede*n was dabei sein!
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Ich bin wahrscheinlich der schlechteste Selbst-Promoter der Welt. Was ein bisschen schwierig ist, wenn man Produkte oder Events hat, von denen man sich wünscht, dass sie von möglichst vielen Menschen wahrgenommen und rezipiert, idealerweise sogar auch noch bezahlt werden.
Ich denke mir immer: Wenn ich es einmal gesagt oder gepostet habe, muss das ja reichen — ich möchte ja nicht enden wie diese Clowns, die aufgeregt in ein Ansteckmikrofon brabbeln, das sie fälschlicherweise in der Hand halten, oder – schlimmer noch – Zitatkacheln mit ihren eigenen Aussprüchen auf Instagram posten. Nächster Halt: Berufsbezeichnungen wie „Coach“, „Speaker“ oder „Gründer“. Hilfe!
Das führt aber zu Situationen wie dass gute Freund*innen, die mir auf allen vorhandenen Social-Media-Kanälen folgen, manchmal völlig überrascht sind, dass ich seit fast zehn Jahren einen eigenen Newsletter betreibe. 1
JEDENFALLS erscheint am 25. März mein neues Buch über den Eurovision Song Contest. 2 Und da würde ich mich natürlich sehr freuen, wenn Ihr es kauft (gerne bei der kleinen Buchhandlung um die Ecke)!
Und JEDENFALLS feiern wir die Veröffentlichung mit einer kleinen Weltpremiere:
Am Sonntag, 22. März 2026, um 19 Uhr im COMEDIA Theater in Köln (Vondelstraße 4–8, 50677 Köln).
Ich freue mich ganz besonders, dass Thorsten Schorn, immerhin der Kommentator fürs deutsche Fernsehen beim Eurovision Song Contest, an diesem Abend neben mir auf der Bühne sitzen und ebenfalls etwas vorlesen wird — idealerweise aus dem gleichen (wenn auch nicht dem selben) Buch wie ich, aber wir sind da auch noch für Vorschläge und Experimente offen!
Tickets gibt es nicht bei den umstrittenen Plattformen Eventim oder Live Nation, sondern direkt hier! Kommt alle! Sagt Euren Freund*innen und Verwandten Bescheid! 3
Ich betreibe übrigens seit fast zehn Jahren einen eigenen Newsletter.[↩]
Ich habe übrigens vor vier Jahren mein erstes Buch über den Eurovision Song Contest veröffentlicht.[↩]
Ich habe übrigens Freund*innen und Verwandte.[↩]
Da hat das neue Jahr kaum angefangen, ich hab mal eben meine Songs 2025 zusammenstellen können, und schon ist der erste Monat auch schon wieder vorbei — Zeit, mein Januar-Mixtape mit der Welt (also: mit Euch) zu teilen!
Anders als bisher sind nicht mehr ausschließlich neue Songs dabei, sondern auch ein paar ältere – manche von ihnen arrivierte Klassiker, andere eher unbekannt -, denn wenn ich gute Musik hören und fühlen will (und möchte, dass Ihr das auch könnt), mache ich das unabhängig vom Erscheinungsdatum. I make up the rules as I go along!
Bruce Springsteen hat seinen vermutlich politisch bedeutsamsten Song veröffentlicht, in dem er mit der aktuellen US-Regierung und ihrer Sturmtruppe ICE abrechnet. Es gibt spektakuläre Coverversionen: Rufus Wainwright singt „San Francisco (Be Sure To Wear Flowers In Your Hair)“ und David Byrne „Drivers License“. Wir haben gleich drei ehemalige ESC-Künstlerinnen am Start (Tali, Maro und Pænda), was die schon wieder mit angespitzten Bleistiften vorbereiteten Fragen nach der Nachhaltigkeit der Veranstaltung beantworten dürfte.
Insgesamt ist die Stimmung noch vom eher trüben, melancholischen, aber auch kuscheligen Januar geprägt, aber Acts wie Vero, Meet Me @ The Altar und The Cribs deuten an, wohin die Reise dieses Jahr noch gehen könnte.
Aber genug der Worte: Musik!
Das Mixtape bei Apple Music:
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Das Mixtape auf der Dunklen Seite der Musik (ohne Low Life Rich Kids, weil die verständlicherweise nicht auf Spotify sein wollen):
In Zeiten wie diesen helfen ja vor allem Traditionen und Rituale: Jedes Jahr sitze ich also im Januar vor meinem MacBook, schiebe zunehmend hilflos Tracks in einer Spotify-Playlist hin und her und versuche, Hunderte Songs, die ich im vergangenen Jahr gehört habe, in irgendeine belastbare Reihenfolge zu bringen. Das neue Jahr kann, ja: darf, nicht richtig beginnen, ehe ich nicht das alte mit einer möglichst objektiven, allumfassenden Rückschau abgeschlossen habe.
Aus der ersten Kalenderwoche wird die zweite, dritte und vierte, langsam werde ich gestresst — und obwohl ich weiß, dass das hier niemand ernsthaft von mir erwartet, erscheint mir dieses Hobby-Projekt, das eigentlich harmlos, positiv und lebensbejahend sein sollte, zunehmend wie eine Last; eine Art musikalische Steuererklärung. Mehr noch: Weil ich weiß, dass ich mir diesen Druck ausschließlich selbst mache, habe ich besonders schlechte Laune — so einen intrinsischen Stress kenne ich von den anderen Männern in meiner Familie und dafür bin ich nicht in Therapie gegangen!
Dieses Jahr ist es zumindest ein bisschen anders: Ich habe mich Anfang Dezember bei Apple Music angemeldet — das ist ethisch immerhin ein bisschen besser zu vertreten als Spotify, außerdem ist die Soundqualität so viel besser, dass ich Anfangs dachte, ich hätte ein neues Paar Ohren, und alle meine Lieblingsalben erstmal neu – also quasi: zum ersten Mal – hören musste. Wenn man Musik die letzten 19 Jahre als MP3s mit 160 kb/s gehört hat, hat man keine Musik gehört!
Die anderen Probleme aber bleiben: So viele Songs, aber die meisten nicht öfter als drei, vier Mal gehört. Zumindest im Streaming — manche Songs habe ich bei BBC Radio 6 Music bestimmt 20, 30 Mal gehört und sie sind mir damit automatisch vertrauter, lieber und werden am Ende vermutlich höher gerankt werden. Und damit zeigt sich ja die ganze Absurdität der vermeintlichen Quali- und Quantifizierung: Es gehört ebenfalls zur Tradition, dass ich zu irgendeinem Zeitpunkt den Sinn des ganzen Unterfangens hinterfrage. Und wen genau will ich mit so einer Rangliste, die ich nun – mit Unterbrechungen – seit dem Jahr 2000 jedes Jahr anlege, eigentlich noch beeindrucken?
Mit zunehmendem Alter erscheint mir das Projekt also immer sinnloser und trotzdem mache ich erstmal weiter (was auch eine sehr schöne Beschreibung für das Konzept „Leben“ an sich wäre). Weil es mir eben auch hilft, zurückzublicken, zu sortieren, und so ein Jahr dann in einen Karton zu packen und ins Schwerlastregal zu stellen.
Wenn ich die großen Trends und Themen von 2025 herausarbeiten sollte, würde ich sagen: Die 1990er Jahre sind wieder da — und sie gehen nicht mehr weg. Von Britpop (und da rechnen wir die Oasis-Reunion und das neue Robbie-Williams-Album gleichen Namens nicht mit rein) über Alternative Rock ist alles zurück; junge Acts erinnern an Beck, Blur, Hole, Smashing Pumpkins und so weiter. Und was nicht nach den Neunzigern klingt, klingt nach The War On Drugs.
Ansonsten war ich stilistisch weit unterwegs: Ich sehe in meiner Liste neben Naheliegendem wie Indie, Americana und Electro auch französischen HipHop, Jazz, Klassik; ich zähle sechs deutschsprachige Songs (davon zwei in den Top 10), was es so vermutlich auch lange nicht mehr gegeben hat, zwei niederländische und was auch immer Rosalía da alles in „Berghain“ abfeuert. Zwei Cover-Versionen des gleichen Songs! Der längste Song ist 10:52 Minuten lang, der kürzeste 1:56.
Es sind 100 Songs, alle sehr gut, viele davon richtig, und ich hätte sicherlich noch viel mehr finden und auf die Liste packen können. Ihr könnt sie auf Shuffle hören, aber das hier sind – Stand Jetzt – meine Top 10 des Jahres 2025:
Erst Anfang des letzten Jahres bin ich durch meinen Kumpel Stephan Kochs auf Jalen Ngondas Debüt-Album „Come Around And Love Me“ (Daptone; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music, Bandcamp) aus dem Jahr 2023 aufmerksam geworden — und da haben wir gleich einen weiteren Grund, diese ganzen Jahresbestenlisten in Frage zu stellen, denn im Nachhinein würde ich diese feine Soul/R&B/Motown-Platte gerne in meine Top 10 jenes Jahres packen (die allerdings eh nicht so richtig existiert).
Die gute Nachricht: Jalen Ngonda hat auch 2025 Musik veröffentlicht und „Just As Long As We’re Together“ ist Sonnenschein auf Vinyl (wenn man Musik noch auf Vinyl hört). Man ist sich beim ersten Hören sicher, diesen Song schon seit der eigenen Kindheit von Marvin Gaye, The Temptations, The Four Tops, The Spinners oder The Jackson 5 zu kennen, und stellt dann fest: Nee. Aber es fühlt sich genauso an!
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Bis zum letzten Jahr war Kae Tempest immer nur am Rande meines Sichtfelds aufgetaucht: spannende Person (die Karriere begann weiblich gelesen, 2020 hatte Kae Tempest ein coming out als nicht-binäre Person, seit letztem Jahr spricht er von sich selbst als trans Mann), die Gedichte, Romane, Theaterstücke, Essays und eigentlich alle Arten von Texten schreibt, spannende Musik, aber näher beschäftigt hab ich mich nie damit.
Dann kam „Statue In The Square“, die erste Single des Albums „Self Titled“ (Island; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music): Breitbeinig stellt sich der Song konservativen Evolutionsbremsen und dem Narrativ eines reaktionären Backlashs entgegen; im Hintergrund schwillt ein Beat, irgendwie bedrohlich, aber mitreißend. „They never wanted people like me round here / But when I’m dead, they’ll put my statue in the square“, rappt Kae Tempest und errichtet denen, die nie reingepasst haben, die beäugt, verspottet und ausgegrenzt wurden, eigene Denkmäler. Eine Faust, die auf den Brustkorb trommelt, an der Stelle, wo das Herz ist.
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Auf deutschsprachige Texten reagiere ich in aller Regel sehr körperlich: Entweder will ich mich vor lauter Fremdscham selbst entleiben oder mein Herz wird direkt freigelegt, weil es zu groß für meinen Brustkorb geworden ist.
„Das ist nicht New York“ von KORD fällt in letztere Kategorie. Ich weiß gar nicht, bei wie vielen Textstellen ich Gänsehaut bekomme. Es ist die Geschichte einer Kindheit in der deutschen Provinz im Wissen um das Konzept „USA“ (im Springsteen’schen Sinne, nicht im politischen) bei gleichzeitiger Negation desselben. Drauf gestoßen bin ich durch den Auftritt bei „Inas Nacht“, aber die ganze EP (Warner; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music, Deezer) gefällt mir sehr gut. Klingt, als hätte Adam Granduciel von The War On Drugs AnnenMayKantereit produziert, ist aber geil!
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Das einzige, was ich lange über Clipping, jenes experimentelles HipHop-Trio aus Kalifornien, wusste, war, dass Daveed Diggs, Marquis de Lafayette/Thomas Jefferson aus „Hamilton“, dort seine maschinengewehrähnlichen rap skills abfeuert.
Dann kam „Keep Pushing“ als Vorab-Single ihres fünften Albums „Dead Channel Sky“ (Sub Pop Records; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music, Bandcamp): Ein hypnotischer Track, der sich immer weiter steigert und einen mitreißt wie in einen Strudel. Und jeder Strudel führt nach unten: Es ist ein Song darüber, in einer Welt, die um einen zerfällt, immer weiter zu machen. Wobei dieses „weiter machen“ im Text konkret bedeutet: Drogenhandel.
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„Beziehungen: Oder soll man es lassen?“, ist eine Frage, die (meines Wissens, aber ich hab auch besseres zu tun) bisher noch kein Medium gestellt hat. Dabei gäbe es in Zeiten, in denen die körperliche Selbstbestimmung von Frauen in vielen US-Bundesstaaten wieder eingeschränkt wird; in denen das Muttchen am Herd als fragwürdiger Social-Media-Trend „Tradwife“ eine überraschende Renaissance feiert; in denen mehrere Studien zu dem Ergebnis kommen, dass die jüngste geschlechtsreife Generation, Z, weniger Sex hat als die Generationen vor ihr; in denen Paartherapeut*innen zu Social-Media-Stars werden, genug Anlässe, Beispiele und Gelegenheiten, mal intensiver über zwischenmenschliche Beziehungen nachzudenken.
HAIM machen das auf ihrem vierten Album „I Quit“ (Polydor; Apple Music, Spotify, Amazon Music, Tidal, YouTube Music), über das ich für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ geschrieben habe, unter vielen Aspekten; vor allem tun sie es in der ersten Single „Relationships“, die Jahrzehnte (ehrlicherweise: Jahrtausende, aber mit solchen Kategorien ist man ja hierzulande lieber vorsichtig) gesellschaftlicher Konventionen in Frage stellt und dabei so vergnügt klingt wie eine TLC-Single aus den 1990er Jahren: „Oh, this can’t just be the way it is / Or is it just the shit our parents did / And had to live with it in their relationship?“
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„Shovel“ von Deep Sea Diver aus Seattle wird schon deshalb immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben, weil wir damit unsere kurzlebige Musik-Videoblog-Serie „5 Songs, die Ihr diesen Monat gehört haben solltet“ eröffnet haben.
Dieser Wechsel zwischen Strophe und Refrain, zwischen Selbstzweifeln und trotzig-optimistischem „It’s taken care of“ reißt mich auch ein Jahr später immer noch mit.
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Das ist einer dieser Songs, die bei BBC Radio 6 Music rauf- und runterliefen: Ein Liebeslied darüber, dass beide Partnerinnen altern werden; dass es vielleicht nicht für immer halten wird; darüber, was man sucht und findet, und dass letztlich alles, was mit der Zukunft zu tun hat, immer auch eine Wette ist.
So abgeklärte Gedanken zu einem wunderschönen, romantischen Lovesong zu formen, ist die große Stärke von Lucy Dacus. Nicht als trotzdem, sondern als deshalb. Was soll man denn auch sonst machen?
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Sorry, ich komm noch mal rein: Taal sind ein junges FLINTA-Duo aus Köln. Clara hat schon unter dem Namen Maryaka Musik gemacht und in der allerallerersten Folge unserer kleinen Musiksendung haben wir Maryakas Song „Grow“ gespielt. Zusammen mit Tari ist Clara Taal und die beiden singen auf Deutsch über große Gefühle.
„Schwerelos“ ist erst ihre dritte Single, aber es war sehr, sehr unangefochten mein Sommerhit des Jahres 2025. „Bei Dir denke ich, ich kann das“, ist – hands down – eines der aufrichtigsten, passendsten und süßesten Komplimente, das je in einem Liebeslied gemacht wurde.
Textliche Versprechen knallen natürlich umso mehr, wenn sie auch musikalisch eingelöst werden — und hier ist tatsächlich alles schwerelos, indigo und so groß: Ältere werden sich an Wir Sind Helden oder Mia erinnert fühlen, ganz Alte vielleicht an Nena, es ist auch ein Hauch von The War On Drugs zu erkennen (wie eigentlich aktuell überall), vor allem ist es aber ein wunderschöner, unpeinlicher, queerer Lovesong!
Und wenn man einmal gesehen hat, wie Clara und Tari diesen Song live mit einer Choreo unterlegen, die man nur als „selbstbewusst awkward“ bezeichnen kann, wird die beiden eh sofort in sein Herz schließen!
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Diese merkwürdigen neuen Veröffentlichungskonzepte mit „waterfall strategy“ und allem führen dazu, dass Du als Act in zwei aufeinanderfolgenden Jahren in meinen Top 10 auftauchen kannst: Letztes Jahr waren Ider mit „You Don’t Know How To Drive“ auf Platz 6, jetzt sind sie mit „Attachment Theory“ auf Platz 2: Ein treibender Song über Beziehungen, Rollenbilder, Selbstermächtigung und darüber, aus alten Strukturen auszubrechen. (Ich merke gerade, dass mindestens die Hälfte meiner Top-10-Songs mit Beziehungen und Liebe zu tun haben. Weiß mein Musikgeschmack etwas, das ich nicht weiß?)
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Ich weiß noch ganz genau, wo und wie ich die ersten Takte von „Catch These Fists“ von Wet Leg zum ersten Mal bei „All Songs Considered“ gehört habe. Ich wusste schon nach drei, vier Tönen, dass mich dieser Song lange begleiten und vermutlich mein Song des Jahres werden wird. Es war früher Morgen, die Sonne schien und Heiko Butscher, der den VfL Bochum in der Saison 2023/24 völlig überraschend in der Bundesliga gehalten hatte, fuhr auf dem Fahrrad an mir vorbei.
2025 ist der VfL dann abgestiegen, aber dazu passt ein Song, der die ganze Zeit damit droht, einem eins aufs Maul zu geben, natürlich auch sehr schön: Rhian Teasdale und Hester Chambers von Wet Leg wissen jedenfalls, wie man einen Spannungsbogen aufbaut und so richtig schön auf die Hörer*innen draufknüppelt. Man down!
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„Robbie Williams ist bei Take That ausgestiegen. Der Grund: Er möchte endlich mal gute Musik machen.“ Diesen Witz riss ich im Alter von elf Jahren in der damals von mir moderierten Late Night Show (Publikum: meine beiden jüngeren Geschwister) und auch wenn der dort enthaltene Boyband-Burn der vorpubertären Genervtheit über Klassenkameradinnen, die das alles ganz toll fanden, geschuldet war (und ich Take That heimlich auch immer schon ganz gut fand — wenn auch nicht so gut wie East 17), möchte ich mir mehr als 30 Jahre später einfach mal attestieren: Ja.
Ich habe vor ungefähr zwei Jahren schon mal über Robbies Frühwerk und dessen Bedeutung für meine eigene Musikbiographie geschrieben. Jetzt hat er die Heilige Dreifaltigkeit des alternden Popstars (Greatest-Hits-Album mit Orchesterbegleitung, Netflix-Doku, Biopic mit Affe) hinter sich und kann nach vorne gucken. Zumindest theoretisch, denn das Cover seines 13. Studioalbums ziert ein Foto von Robbies legendärem Glastonbury-Wochenende 1995, als er 21-jährig mit den Gallagher Brothers seinen Abschied von Take That recht zünftig beging — hier allerdings schon museumsreif ausgestellt und von jungen Bilderstürmern mit Farbe beschmiert.
Dazu der Titel: „Britpop“. Jene Party, zu der Robbie mit seinen ersten beiden Alben „Life Thru A Lens“ (1997) und „I’ve Been Expecting You“ (1998) reichlich spät stieß, zu der er mit Songs wie „Old Before I Die“, „Strong“, „No Regrets“, „Lazy Days“ oder „It’s Only Us“ aber durchaus noch Signifikantes beizusteuern hatte. Er habe das Album erschaffen, das er nach seinem Ausstieg bei Take That habe schreiben und veröffentlichen wollen, erklärte er dann auch beflissen bei der Ankündigung im vergangenen Mai — und die Britpop-Robbie-Fans von damals dachten: „Been There Then“.
Das Album sollte zunächst im letzten Herbst erscheinen, wurde dann wegen Taylor Swifts „The Life Of A Showgirl“ auf den Februar verschoben, und schließlich ohne weitere Vorwarnung doch vergangenen Freitag gedroppt. Offenbar arbeiten Megastars inzwischen genauso erratisch wie Behörden, große Fußballvereine oder der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Vielleicht lag es daran, dass Harry Styles, der Harry Kane zu Robbies David Beckham, letzte Woche ein neues Album für den 6. März angekündigt hat und der Altmeister dem (auch nicht mehr ganz so) Jungstar aus dem Weg gehen wollte.
Tatsächlich versprühen die ersten Songs des Albums – die erste Single „Rocket“ mit Tony Iommi von Black Sabbath an der Gitarre, „Spies“, „Pretty Face“ – eine ähnlich jugendliche Luftgitarren-Energie wie das Williams’sche Frühwerk. Sie bringen aber auch überraschende Erinnerungen an „Escapology“ mit, das etwas zweischneidige, angeblich so „amerikanische“ Album von 2002, das den Abschied von Robbies langjährigem Songwriting-Partner Guy Chambers (und damit nach Ansicht vieler: den Anfang vom Ende) markierte und die letzten wirklich großen Songs („Feel“, „Come Undone“) enthielt.
„Pretty Face“ zitiert direkt Nirvana („Hello, hello, hello, how low“), „Cocky“ (geschrieben mit Gaz Coombes von Supergrass) erinnert ans eigene „Man Machine“, „Bite Your Tongue“ direkt noch mal an „Rocket“. Stöcke und Steine, die Knochen brechen und „Human“ eröffnen, hatten wir schon 2001 in „Toxic“, aber das geht ja alles eh auf einen alten Kinderreim zurück und überhaupt: Warum denn nicht nach 30 Jahren Solo-Karriere jetzt auch mal fleißig Selbstzitat? „Britpop“ ist ja eh selbstbewusst meta — bis hin zur Idee, als Titel eine Genrebezeichnung zu nehmen, die zumindest damals von allen gehasst wurde, die damit bedacht wurden. Wir Alt-Fans aber nehmen dankbar alles, nur nicht noch mal sowas wie „Rudebox“ oder das zweite Swing-Album!
Inhaltlich wirkt es ein wenig, als sei er bei „Love My Life” aus dem Jahr 2016 hängengeblieben: Wir waren mal jung und haben da viel (*zwinkerzwinker*) erlebt; jetzt gerade ist Familie das Wichtigste; wer weiß, wie viel Zeit uns bleibt. Das alles ist ja nun wirklich das exakte Gegenteil von Rock ’n‘ Roll, aber eben auch Lebenswirklichkeit seiner Xennial fan base und von daher: Bitte! „Youth is wasted on the young“, hatte Robbie ja schon 2001 in „Eternity“ geklagt und dabei George Bernard Shaw (mutmaßlich) nicht zitiert.
Ob es jetzt wirklich noch ein Song mit „my life“ im Titel sein musste (hier: „All My Life“), sei mal dahingestellt, aber der Refrain ist schon wieder so hymnisch, dass man – das alkoholfreie Getränk noch in der Hand – schon wieder die Tanzfläche stürmen und sich bromantisch in den Armen liegen muss! Außerdem beschert uns Robbie mal wieder – die Liste ist ja inzwischen lang – eine großartige Selbstcharakterisierung: „The only thing I’d miss is misbehaviour / I’ve made friends with knowing that I’m strange / Masochistic, but I’m always entertaining / And I know l’Il die, but l’Il never leave the stage“. Klar, dass man so einen Song dann nicht etwa mit einem Knall beendet, sondern 80er-Jahre-mäßig ausfaden lässt.
„Bite Your Tongue“ gibt sich so etwas ähnliches wie politisch: „Wham bam, ain’t it a scam / Afghanistan and Vietnam“. Wenn Robbie dann auch noch eine 80er-Jahre-Band mit dem Todesschützen von Robert F. Kennedy gleichsetzt („Duran Duran is a Sirhan Sirhan“), steht fest: „politisch“ in dem Sinne wie „Palim, Palim“ — aber auch dort hat ja inzwischen eine Umdeutung stattgefunden.
Mit „Morrissey“ (geschrieben mit Gary Barlow!) liefert Robbie einen weiteren Beitrag zum Subgenre „Lieder über den The-Smiths-Sänger“, mit dem man inzwischen ganze Compilation-Alben füllen könnte, was natürlich deutlich erfreulicher ist, als dem komplett durchgedrehten Rassisten, Tierrechtshyperaktivisten und Gelegenheits-Musiker selbst weiter zuzuhören. 1
„It’s OK Until The Drugs Stop Working“ grüßt im Titel The Verve (Robbie muss nach den Aufnahmesessions Muskelkater vom Zwinkern und Zunicken gehabt haben), erinnert musikalisch aber überraschend an den inzwischen auch schon 20 Jahre alten Indiepop-Kracher „We’re From Barcelona“ — falls sich da außer mir noch irgendjemand dran erinnern kann.
Klingt der Refrain von „Spies“, als wäre er in den „Champagne Supernova“-Kelch gefallen? Ja, klar. Andererseits: Warum denn auch nicht? Da könnte man ja gleich die vermeintlich mangelnde Originalität der Gallaghers kritisieren! Das Album wurde geschrieben und aufgenommen, bevor Oasis wieder die Band der Stunde waren (und Richard Ashcroft und Cast zur Party mitbrachten), jetzt passt plötzlich alles zusammen bei diesem großen Weltklassentreffen.
Dabei gilt überraschenderweise das, was The Hold Steady in „Stay Positive“ über eine ganz andere Musikszene schrieben: „There’s gonna come a time when the true scene leaders / Forget where they differ and get big picture / ‚cause the kids at the shows, they’ll have kids of their own / The sing along songs will be our scriptures“. Wenn „Britpop“ wirklich die angesprochene Selbstverwirklichung ist und dabei noch so soliden Fan-Service leistet, haben wir doch alle was davon!
Natürlich gibt es das Album auch in einer „Deluxe Edition“, die die Dramaturgie des eigentlichen Albums (das mit einer Schlaflied-Reprise von „Pocket“ endet), ad absurdum führt. Das allerdings – Robbie bleibt Robbie – gleich sehr gründlich, denn der finale Song „Desire“, der die Sonderausgabe nach über einer Stunde beschließt, ist eine „Official FIFA Anthem“, gesungen mit Laura Pausini, und mindestens so schrecklich, wie man es angesichts des Fußballweltverbandes erwarten würde. Wenn rauskäme, dass der ganze Song von einer KI mit dem Auftrag erstellt wurde, eine schreiend klischierte Pathosquatschschleuder im Stile von Imagine Dragons zu produzieren, wäre man nicht im Mindesten überrascht — es wäre vielmehr die konsequente Fortsetzung von Robbies Auftritt bei der Eröffnung der Fußball-WM 2018 in Moskau, bei der er der versammelten Weltöffentlichkeit den Mittelfinger entgegenstreckte. Wenn die FIFA so verantwortungslos mit Geld umgeht, ist es kein Wunder, dass sie die Scheichmilliarden und das „dynamic pricing“ braucht.
Wenn man die zusätzlichen Tracks allerdings als Rechtsnachfolger der B‑Seiten sieht – jenem ausgestorbenen Medium, in dem Robbie damals ähnlich produktiv war wie all die großen Britpop-Bands -, dann ergibt es wieder Sinn. Irgendwie. „Selfish Disco“ ist ein Ausflug in ein anderes Genre; „G.E.M.B.“ (das steht für „Green Eyed Mental Boy“) ein weiteres Gitarrenbrett in der Tradition von „The World’s Most Handsome Man“ (auch textlich); und „Comment Section“ macht sich über Social-Media-Nutzer*innen lustig (inkl. gut gelaunter Einladung zum Shitstorm: „I’m a fan of K‑Pop and One Direction“). Das haben von Taylor Swift über die Pet Shop Boys bis hin zu Marcus Wiebusch zwar wirklich schon alle durchexerziert, aber Popkultur ist ja immer Spiegel ihrer Zeit — und Social Media ist eben die Umweltverschmutzung der Gegenwart. 2
„Britpop“ ist das musikalische Äquivalent dazu, wenn sich Männer über 40 – manche mit Bierbauch, manche frisch getrennt, manche gerade werdende Väter – zum gemeinsamen Fußballspielen treffen: Es sieht nicht mehr so athletisch aus wie früher; bei manchen Ausrufen hofft man, dass die eigene peer group gerade nicht zuhört; das konsumierte Bier wird man morgen noch merken — aber in einer Welt, in der man lieber gar keine Nachrichten mehr konsumiert, gibt dieses Ritual ein Gefühl von Stabilität. Robbie Williams hält auch mit 51 das Versprechen, das er uns im ersten Song seines Solo-Debüts gegeben hat: „And we will have / A jolly good time“.
Aktuellstes Beispiel: „Dear Stephen“ von den Manic Street Preachers, Zeitgenossen der großen Britpop-Phase und im Jahr 2000 von Robbie schon in „By All Means Necessary“ namentlich erwähnt, aus dem vergangenen Jahr.[↩]
Entschuldigung, ich weiß, ich bin ein bisschen spät dran. Aber ich musste noch eben ein Buch schreiben. Deshalb hab ich auch nicht so viel neue Musik gehört — das Mixtape ist also ein bisschen kürzer als sonst und enthält ein bisschen mehr Jazz und Deep House (meine bevorzugte Schreib-Musik).
Es sind aber trotzdem viele schöne Sachen dabei:
Like Roses covern Cher (und wie!), Haim bringen einen Bonustrack mit Bon Iver raus, Taylor Swift singt über Holz, Ash klingen zusammen mit Blur-Gitarrist (und Blog-Namensgeber) Graham Coxon wie Weezer, The Mountain Goats haben sich Verstärkung in Form von „Hamilton“-Erfinder Lin-Manuel Miranda geholt, Brockhoff channelt die halben 90er (also: den musikalisch guten Teil), Hem haben ihr Debütalbum „Rabbit Songs“ remastered — und noch so viel mehr tolle Sachen!
Wie schnell so ein Jahr vergeht, merkt man vor allem, wenn man für jeden Monat ein Mixtape zusammenstellt. Jetzt ist 2025 also zu drei Vierteln durch. Okay.
Wenn es doch nur irgendwelche Liedzitate gäbe, die beschreiben, wie schnell so ein August dann auch wieder vorbei ist. Naja. Die Schule hat wieder begonnen, der Sommer dreht ein paar Abschlussrunden — und ich hab ziemlich viel zu tun.
Trotzdem sollt Ihr natürlich Euer monatliches Mixtape bekommen. Wie es der Zufall will, sind diesmal einige meiner absoluten Lieblings-Acts darauf: Ben Folds hat ein paar Songs für das „Peanuts“-Musical bei Apple TV+ geschrieben; Jack’s Mannequin haben zum 20. Jubiläum ihres Debütalbums eine EP veröffentlicht, die fünf Songs von „Everything In Transit“ enthält, die nur mit Gesang, Klavier, Streichern und Percussion eingespielt wurden; Demi Lovato beginnt, nachdem sie ihre Dämonen mit reichlich Punk-Pop ausgetrieben hatte, eine neue Powerpop/EDM-Ära; Maro hat eine Akustik-EP veröffentlicht (und das zauberhafte niederländische Duo Lumi, mit dem sie im letzten Jahr auf Tour war, hat damit seinen ersten offiziellen Release); Herbert Grönemeyer ist für den Moment auch ganz akustisch und dann bringt Carly Rae Jepsen auch noch eine Special Edition ihres Albums „Emotion“ raus, die einige bisher unveröffentlichte Tracks enthalten wird.
Fieldreporter Lukas meldet sich aus Bochum-Ehrenfeld mit 5 Songs, die Ihr im Juli gehört haben solltet: Shame klingen wie eine Kneipenschlägerei, Wolf Alice singen ein Liebeslied aufs Sofa (nicht: auf dem), Kid Cudi channelt Taylor Swift, Sevdaliza besingt den Messias und Taalmusik liefern den Sommerhit des Jahres ab. Wie das alles klingt? Hört Ihr im Video!
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Diese und noch mehr Songs gibt’s wie immer auf dem Coffee And TV-Mixtape:
Besser spät als nie: Lukas hat wieder 5 Songs für Euch im Gepäck, die Ihr diesen (letzten) Monat gehört haben solltet: Hiphop von Loyle Carner, Dreampop von Country Girl & Melody English, Punkrock von Upchuck und Americana von Home Is Where (wild) und Katie Pruitt (poppig).
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Diese und noch mehr Songs gibt’s im Coffee And TV-Mixtape:
Die Sonne machte sich gerade bereit, sich das Präfix „Abend-“ überzuwerfen und, wenn auch schon tief stehend, den Tag würdevoll abzurunden. Am Strand wäre es sicherlich noch mal bedeutend schöner gewesen (so wie es am Meer immer schöner ist) als am Rande der Bochumer Innenstadt, aber da wären wir jetzt nicht so schnell hingekommen, außerdem war Abendessenszeit und als wir uns an den Tisch setzten, fragte ich also meinen Sohn, ob er jetzt bereit sei für mein kleines Impulsreferat über Brian Wilson und die Beach Boys.
Eine Stunde zuvor war die Nachricht auf meinem Smartphone eingegangen, dass Wilson, einer der Pioniere der Popmusik im 20. Jahrhundert; einer der allergrößten Künstler der Popkultur; ich zögere nicht zu sagen: einer der Götter der schönen Künste, im Alter von 82 Jahren gestorben war. Die Spotify-Playlist „This Is The Beach Boys“ hatte also schon die Zubereitung unseres Abendessens lautstark untermalt.
Während wir Hähnchenbrust mit Thymian und Gnocchi mit Lauch – ein angemessen sommerliches Gericht – aßen, musste das Kind nun erdulden, wie ich ihm von der Gründung der Beach Boys durch die Gebrüder Wilson und ihren Cousin berichtete; davon, wie Brian Wilson Einflüsse aus Rock ’n‘ Roll, R&B und Barbershop-Gesang auf bisher unbekannte Art kombiniert und damit die moderne Popmusik mindestens mit-erfunden hatte; wie wir Einflüsse von Beach-Boys-Kompositionen auch heute noch in den Songs unserer Lieblings-Cartoon-Serie „Phineas & Ferb“ wiederfinden könnten. Ich erzählte von Brian Wilsons psychischen Problemen, seinem Ausstieg aus dem Tour-Leben und den Jahren, die der Musiker quasi nur im Bett verbracht hatte — ein so absurder und popkulturell bedeutsamer Fakt, dass die Barenaked Ladies ihm in den Neunzigern einen ganzen Song widmeten, den Wilson selbst, einigermaßen genesen, einige Jahre später covern sollte.
Die Musik der Beach Boys war in meiner Kindheit so allgegenwärtig, dass ich gar nicht sagen könnte, wo sie mir erstmals begegnet ist. Vielleicht im „Babybel“-Werbespot der frühen 1990er Jahre, in dem der wachsverkleidete Minikäse auf die Melodie von „Barbara-Ann“ (übrigens keine Wilson-Komposition) besungen wurde; vielleicht durch die eingedeutschten Versionen ihrer Hits durch eine Band namens – I kid you not – Strandjungs, die damals im Radio liefen (aus „Surfin‘ USA“ wurde etwa „Surfen auf’m Baggersee“ — übrigens mit meinem heutigen „MoMa“-Kollegen Peter Großmann am Mikrofon); vielleicht durch „Kokomo“, diesen objektiv furchtbaren – und Brian-Wilson-freien – Ohrwurm aus dem Tom-Cruise-Film „Cocktail“; vielleicht durch die maximal unseriöse „Super Hits“-CD aus den Wildwest-Tagen der Musikindustrie, die mein Vater besaß und die sich extrem auf das Surf-lastige Frühwerk der Band fokussierte. Verdammt: Sogar bei „Hallo Spencer“, der NDR-Antwort auf die „Muppet Show“, tauchte eine Band auf, die Quietschbeus hieß!
Als ich dann selbst tief eintauchte in die Welt der Popkultur führte natürlich gar kein Weg mehr an Brian Wilson und den Beach Boys vorbei: In den Soundtracks von „Almost Famous“, „Vanilla Sky“ und sogar „Das Experiment“, in den Musikzeitschriften, die ich verschlang, erst recht in der Musik, die ich hörte und liebte. Ben Folds Five, The Ramones, Travis und so viele andere Bands würden nicht so klingen, wie sie klangen, wenn sie nicht auf die Wilson’schen Chor-Arrangements und Harmonien hätten zurückgreifen können.
Ihre Songs waren so groß und teilweise synonym mit Liebe, dass Neil Hannon von The Divine Comedy in seinem Mehrfach-Meta-Liebeslied zwei bedeutende Zutaten für den „Perfect Lovesong” ausmachte: „A divine Beatles bassline / And a big old Beach Boys sound“. Mir ist genau heute aufgefallen, dass „Remember“ von Air ausgiebig den Beach-Boys-Song „Do It Again“ samplet.
Man kann eigentlich fast jeden Song aus ihrem Gesamtwerk hören – und glaubt mir, ich arbeite seit gestern Abend intensiv daran! – und wird immer einen anderen, späteren Song finden, der mehr oder weniger deutlich daran erinnert (allerdings auch etliche frühere Songs, bei denen sich Brian Wilson und seine Bandmitglieder bedient hatten).
Ich hab mich immer schon mindestens so sehr für die Hintergründe und Entstehungsprozesse von Popkultur interessiert wie für das eigentliche Werk und Brian Wilson ist da in den 1960er Jahren etwas gelungen, was in dieser Form sonst eigentlich nur die Beatles beherrschten: Die Produktionstechniken immer zu erweitern und die Grenzen des Konzepts „Popsong“ permanent zu verschieben und dabei immer noch Musik zu erschaffen, die einen einfach nicht kaltlassen kann. Das, was bei anderen in unschönem Mucker-Vokabular wie „Rock-Oper“ oder „Konzeptalbum“ gipfelte, waren bei ihm immer noch Popsongs — unendlich kompliziert, so dass sie Menschen, die sich mit Musikproduktion oder Komposition beschäftigen, noch heute als Anschauungsmaterial dienen, dabei aber immer noch so eindeutig Pop, dass ich von den eigenen Großeltern bis zu meinem damals neugeborenen Sohn widerspruchslos alle damit beschallen konnte.
Jan Wiele ist für seinen Wilson-Nachruf bei FAZ.net auf die – vielleicht nicht wahnsinnig originelle, aber wichtige – Idee gekommen, den Tod von Brian Wilson (und den von Sly Stone wenige Tage zuvor) mit der aktuellen Situation in Kalifornien zu verschneiden: Dass diese beiden Musiker, „die beide auf ihre Weise für kalifornische Träume standen“, nun ausgerechnet in jenen Tagen sterben mussten, in denen Donald Trump die Nationalgarde im freiheitsliebenden „Golden State“ aufmarschieren und Proteste gegen seine unmenschliche Abschiebepolitik niederschlagen lässt, muss einem schon symbolisch vorkommen.
Kalifornien – der einzige USA-Bundesstaat, der bis heute einen eigenständigen deutschen Namen hat – prägt für die meisten von uns Ausländern das Amerikabild wie maximal noch New York City. Der Staat ist gleichzeitig pars pro toto für die USA und unendlich weit weg von den rednecks im fly-over country. Es ist die Geschichte des Goldrauschs, der Entertainment-Industrie, des Internets in all seinen befreienden und beunruhigenden Aggregatformen, die vom Pacific Coast Highway und die vom Strand. Die Beach Boys haben – auch wenn jetzt wieder überall zu lesen ist, dass ja nur Brians Bruder Dennis, der Schlagzeuger der Band, wirklich Surfer war – Kalifornien und damit die USA auf eine Art erfunden und zur Marke gemacht.
In den ersten Zeilen von „Fun, Fun, Fun“ – einem Song, der den Spaß derart ernst nimmt, dass er ihn gleich dreimal im Titel trägt – singt Mike Love „Well, she got her daddy’s car / And she cruised through the hamburger stand now“ und skizziert damit – von der unendlich genialen Phrasierung von „hamburger stand now“ mal ganz ab – das, was Menschen, die sich nicht näher für die USA interessierten, über Jahrzehnte über die USA dachten: Autos und Fast Food. Wenn Du hier einen Pflock in die Erde schlägst, bildet er eine Linie mit George Lucas‘ „American Graffiti“ und weiten Teilen von Quention Tarantinos „Pulp Fiction“. Dass der Song im Frühjahr 1964 erschien, zweieinhalb Monate nach der Ermordung von John F. Kennedy, zu einer Zeit, als der Vietnamkrieg gerade anfing, richtig unschön zu werden, ist Kontext, der das Amerika-Klischee perfekt macht. Studierendenproteste an kalifornischen Universitäten? The Beach Boys got you covered.
Mein Kalifornien-Bild ist geprägt von den Besuchen bei meiner Familie, die in der San Francisco Bay Area, in NorCal, lebt, weit weg von den oberflächlichen Showbiz-Leuten in SoCal (natürlich ist auch Kalifornien noch einmal in sich gespalten, wenn auch nicht so tief wie der Rest der USA). Ich hab’s – von einem Ausflug nach Disneyland per Flugzeug mal ab – nie weiter südlich geschafft als Big Sur. Und gleichzeitig ist der Mythos Südkaliforniens natürlich auch tief in mein Herz eingebacken — durch „The O.C.“, die Red Hot Chili Peppers und die Bands von Andrew McMahon. Der ist gerade auf Tournee, um das 20. Jubiläum von „Everything In Transit“ zu feiern, und postete gestern sogleich ein Instagram-Reel, in dem er Wilson gedachte und dessen Einfluss auf sein eigenes Album würdigte. Sollte ich jemals mit meinem vor vier Jahren begonnenen Soloalbum fertig werden, wird darauf ein Song enthalten sein, der „California Girls“ heißt, den Mythos Kalifornien feiert und sich im Refrain natürlich schamlos bei den Beach Boys bedient — man kann das Wort „California“ ja nur im Satzgesang singen.
Ich bin mir relativ sicher, dass ich das Meer auch ohne die Beach Boys lieben würde (ich fahre nach Holland, seit ich zwei Jahre alt bin!), aber die Melancholie, die jeden Strandbesuch umweht, die kommt wahrscheinlich zu einem guten Teil von der Band.
Jens Balzer schafft es in seinem Nachruf bei „Zeit Online“, wirklich jeden Winkel von Wilsons Schaffen auszuleuchten und doch persönlich und menschlich zu schließen. Ann Powers, die große Pop-Erklärerin bei „NPR Music“, erinnert auch noch mal ausführlich an die vielen Herausforderungen und Tiefschläge im Leben des Mannes, dessen Musik für sehr oberflächliche Beobachter*innen vor allem für „Sonne, Strand und gute Laune“ stand.
Dabei muss man ja nicht einmal zu „God Only Knows“, „I Just Wasn’t Made For These Times“ (schon der Titel!) oder „Surf’s Up“ greifen: Selbst „Fun, Fun, Fun“ hat eine bedrohlich an eine Sirene erinnernde Hintergrundmelodie und der ganze Spaß endet, wenn Vati dem übermütigen Mädchen die Autoschlüssel wegnimmt. Diese Widersprüchlichkeit des Lebens wird in „God Only Knows“ besonders deutlich: Die erste Zeile lautet – für ein Liebeslied eher ungewöhnlich – „I may not always love you“; eine Trennung bedeute zwar nicht das Ende der Welt, aber ob und wie der Sprecher hernach weiterleben könne, dass wisse nur Gott allein.
Bei Bob Dylan hatte die Antwort auf alle wichtigen Fragen ein paar Jahre zuvor schon deutlich irdischer im Wind geweht.
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