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Peter und kein Wolf

Von Oliver Ding, 8. September 2007 11:22

Es ist ja längst ein völlig unwichtiges Randdetail, dass Ende des Monats mit „Shotter’s nation“ ein neues Album der Babyshambles erscheint. Viel bedeutsamer für die interessierte Weltöffentlichkeit sind doch neue Drogenpegellevel aus der Blutbahn von Pete Doherty und seiner engsten Umgebung. Gut, seitdem Kate Moss Reißaus genommen hat, ist diese nähere Umgebung deutlich weniger ansehnlich. Aber immerhin hat Betäubungsmittelexperte Doherty eine Katze, die ihn versteht.

Die bekannt bedächtig recherchierende The Sun hat denn auch schon folgendes herausgefunden: Weil Verständnis durch die Venen (oder mindestens über die Blut-Hirn-Schranke) geht, hat Doherty für sein Exemplar der Art Felis catus ein kleines Crack-Pfeifchen gebaut. Ein hübsches Bildchen der Inhalation gibt’s auch schon. Zeugen berichteten hinterher, dass die Katze ohnmächtig geworden sei, Stimmungsschwankungen bekommen hätte und geglaubt habe, sie könne fliegen. Nun, wer jemals Katzen über einen längeren Zeitraum erlebt hat, könnte auf die Idee kommen, das sei der Normalzustand. Aber wenn da nicht irgendjemand etwas mit dem Drogenkater dezent missverstanden hätte, besäße diese Meldung ja gar keinen Neuigkeitswert mehr.

Obligatorische Randnotiz: Pete Doherty ist weiterhin im besten Alter, um zur mystifizierbaren Legende zu werden. Ein halbes Jahr noch …

Fundversuch

Von Oliver Ding, 18. August 2007 0:01

Ich will gar nicht groß darüber schreiben, um welche Band es geht. Nachher würde man Coffee And TV wegen eher gelegentlicher Erwähnung noch einen Hype nachsagen. Es ist aber auch nur Zufall, daß es ausgerechnet um besagte Jungspunde ging. Halt also endlich das Maul, Ding, und komm zur Sache!

Mir wurde jedenfalls Anfang der Woche von einer netten Medienpartnerin ein heißerwartetes (nicht heiß erwartet, ich erwarte Tonträger eher in Raumtemperatur) Album angekündigt. Ich durfte also am nächsten Tag voller Erwartung in die Leere meines Briefkastens greifen. Und dieses freudige Erlebnis am Tag drauf noch einmal wiederholt, weil’s ja so schön war. Tag drei brachte dann gleich zwei Erkenntnisse: a) das erwartete Album, über welches von noch berufenerem Mund hier demnächst zu lesen sein wird, und b) eine Ahnung, warum ich gleich zwei Mal ins Leere greifen durfte.

Auf dem von der Medienpartnerin handschriftlich festgehaltenen Adresse auf dem Umschlag klebte so ein lustiger Computerausdruck. „Adressangabe unvollständig oder unzutreffend“, stand da und „Ermittelte Anschrift“. Die Post hatte dabei durchaus profund recherchiert und meine Adresse herausgefunden. Daumen hoch, dafür. Mein vorlauter Investigationstrieb sorgte dann recht schnell dafür, daß der hübsche Adressaufkleber entfernt war. Und überraschenderweise stand dort, wo eben noch der Aufkleber prangte, in hübsch lesbarer Damenhandschrift – na, was wohl? – meine Adresse.

Spontan verwarf ich die beiden Optionen „unvollständig“ und „unzutreffend“ und dachte lieber an ein Erlebnis aus derart grauer Vorzeit, daß es in einem ganz anderem Medium dokumentiert wurde. Ja, ja, die Post – wie wäre es damit, passenderweise einfach mal z.B. aus Obst hergestellte Getränke zu verticken statt überteuerter Transportdienstleistungen?

Die Beatles? Wer sind die Beatles?

Von Oliver Ding, 16. August 2007 22:07

Obige Frage ist natürlich an dem Tag, an dem alle in Gedanken gen Graceland reisen, eher abwegig. Aber da ich eh in einem Beatles-Haushalt aufgewachsen bin (mein erstes popkulturell vertretbares Großkonzert war dann eben auch auf der ’89er-Tour von Paul McCartney), sei dies verziehen. Viel wichtiger ist eh das Hörerlebnis von eben, kurz nach neun: Ein hübsch ruppiger Gitarrenstakkato-Beat, wie ihn Tomte, Tocotronic oder Blumfeld (RIP) so drauf haben, legt los. Ein Typ mit dezent alpinem Genuschel sprechsingt dazu irgendwas, und schnell denkt man: „Das ist also die neue von den Sportfreunden? Das könnte man ja glatt gutfinden.“ Und dann sagt Einslive-Wuschel Ingo Schmoll etwas von Jonas Goldbaum und – und hier kommt der an herrlich langen Haaren herbeigezogene Bezug zum Aufhänger – „Yeah, yeah, yeah“. Plötzlich hat ausgerechnet Österreich eine tolle Band.

Ach ja: Jonas Goldbaum sind beim Kölner Clubgig der vielleicht immer noch guten Jimmy Eat World Support (21.8., also kommenden Dienstag) und veröffentlichen ihr Debüt Ende Oktober bei den Sensibelchen von Roadrunner.

What a difference a day makes

Von Oliver Ding, 27. Juni 2007 22:33

Man hatte es kaum vermeiden können, mitzubekommen, dass Tony Blair die Schlüssel zu 10, Downing Street heute hergeben würde. Auch der Name des Nachfolgers war schon länger absehbar – zumal sich Blair und Gordon Brown angeblich schon vor dreizehn Jahren darauf geeinigt hatten.

Das grinsende Segelohr bekam vor seinem Auszug aus der bekanntesten Wohnadresse Europas als möglicherweise erster PM überhaupt stehende Ovationen zum Abschied. Viel aufmerksamkeitswürdiger wirkte jedoch zunächst das, was heute-Moderatorin Petra Gerster in den 19-Uhr-Nachrichten fallen ließ:

Der neue britische Premierminister heißt seit heute Gordon Brown.

Eine spontane Recherche konnte eine solche Namensänderung jedoch nicht verifizieren. Der Kerl hieß schon immer so. Es muss also wieder alles auf den unsauberen Umgang mit der deutschen Sprache geschoben werden. Wie langweilig.

Jenseits von Taliban

Von Oliver Ding, 18. Juni 2007 21:04

Das Fenster ist zu. Jedenfalls brauche ich mich kein Stück weit hinauslehnen, wenn ich behaupte, daß The Afghan Whigs die einzigebeste Soulgrungeband aller Zeiten waren. Und sind. Denn wie vielleicht der eine oder die andere mitbekommen hat, haben sich die Herrschaften um Greg Dulli wieder zusammengerauft.

Nachgeborene werden Dulli zwar eher nur als The Twilight Singers kennen (und sich vielleicht sogar in den Auftritt beim letztjährigen Haldern-Pop verliebt haben). Aber das ist mittlerweile nur eine von Dullis Aktivitäten. Außerdem arbeitet er nämlich mit seinem Kumpel Mark Lanegan an einem Album als The Gutter Twins. Aber das muß weiter warten.

Jedenfalls erscheint am 6.7.2007 mit „Unbreakable – Best of 1990-2006“ bei Rhino / Warner eine leckere Zusammenfassung ihrer Sternstunden, bei der zwar der Übersong „Miles iz dead“ scheinbar nicht dabei – was eine Sünde wäre! -, aber der versteckte sich ja schon auf „Congregation“ als Hidden Track. „Unbreakable – Best of 1990-2006“ jedenfalls ist mit den zwei obligatorischen neuen Songs ausgestattet, die schon einmal zeigen sollen, wo es für die Band weitergeht. Und die haben es in sich!

Soviel zur Theorie, hier die Praxis:

Dieses „Magazine“ ist verteufelt noch mal das schlüpfrigste Rockding, was mir dieses Jahr in die Ohren, ins Herz und in die Hose gerutscht ist. Hören und verlieben! Das ist ein Befehl.Weiterführende Links:

Walfangverbot

Von Oliver Ding, 1. Juni 2007 21:33

Irgendjemand ließ heute unvorsichtigerweise mal wieder einen durchaus vertrauten URL fallen. Auf http://www.nme.com/magazine schaut man als musikinteressierter Mensch ja gerne mal nach, wenn man sich über die aktuellen Hypes informieren will. Und was blinkt einem da entgegen? Beth Ditto, Sängerin von The Gossip, in voller Größe und mit relativ wenig Textil. Beth Ditto auf dem NME-Cover Mancher wird dem Magazin unterstellen, dieses Covermotiv sei mutig. Mancher wird sich verschämt abwenden. Und mancher auch einfach nur reflexartig in seine Hose greifen. Sei’s drum – wichtiger als die persönliche Einstellung gegenüber Adipositas ist ohnehin die Musik. Die von The Gossip kann einiges, was man nicht nur daran ablesen kann, dass bei den geschätzen Kollegen von tonspion.de „Standing in the way of control“ 2006 zum MP3 des Jahres gewählt wurde.

Dass aber das mit dem Coverfoto ausgerechnet am Tag passiert, an dem die internationale Walfangkommission verkündet, dass das Walfangmoratorium fortgesetzt wird, ist sicherlich nur Zufall. Oder? Zum Glück kennen die beim NME Jacky D nicht.

Der russische Bärbeiß

Von Oliver Ding, 27. April 2007 1:58

Vorgestern erst schaffte unser guter Freund Wladimir Putin seinen ehedem tapsigen Vorgänger unter die Erde, dem dessen Eltern den Namen einer französischen Wodka-Sorte gegeben hatten. Und heute sorgt er wieder für großen Spaß und Erinnerungen an den Kalten Krieg.

Ihr wisst nicht, was das ist? Tun wir also mal für einen Moment so, als gäbe es die Wikipedia nicht: Damals, als die Mauer noch stand und dafür sorgte, dass die einen Deutschen Bananen essen und BILD lesen konnten und die anderen Deutschen nicht, hatten die USA noch einen ebenbürtigen Feind. Die Sowjetunion, hierzulande auch gerne UdSSR abgekürzt und unsterblich im geworden Beatles-Song „Back in the USSR“, hatte die gleiche Unmenge an ABC-Waffen (die Klamotten, die George Dabbeljuh angeblich im Irak finden wollte) wie die USA. Und weil die Amis schon damals nur dann Krieg spielen wollten, wenn sie sicher waren, dass sie gewinnen werden und nicht eventuell doch eine Atomrakete aufs Haupt bekommen, machten sie mit den Sowjets eine Art Rasenschach. Nur ohne Rasen und ohne Schach. Man teilte die Welt in Blöcke auf und versuchte überall dort, wo man sich noch keinem Block zugehörig fühlte, mit Spionage, Sabotage und sonstigen Sauereien Fakten zu schaffen. „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“, hieß es damals. Altmodisch, gell?

Nun will Putin also wieder Kalter Krieg spielen. Oder wenigstens die Abrüstung aussetzen. Das sorgt für Sorgenfalten in Brüssel, wo mittlerweile sogar ehemalige Sowjetrepubliken mit uns Westlern spielen, weil Abrüstung doch so wichtig ist. Lustigerweise bekommt aber die NATO ihre eigenen Abrüstungsselbstverpflichtungen selbst nicht so recht auf die Reihe. Und dann wundert man sich, wenn die Russen auch nicht weiter machen? Bitte sehr.

Natürlich gibt’s auch wieder den üblichen Dünnschiss aus Washington, wo man nach neuer Vorgabe „Wer nicht Feind meines Feindes ist, ist auch mein Feind“ denkt. Condoleezza Rice lässt irgendwer Sachen sagen wie, dass russische Bedenken gegen ein paar Raketen in ihrem Vorgarten „einfach aberwitzig“ seien. Sie hätte wohl auch kein Problem damit, wenn jemand ein paar Minen auf ihrer Veranda installiert. 

Die einzigen vernünftigen Gedanken hatte mal wieder Bundesaußensteinmeier Frank-Walter: „Die Nachrichten des heutiges Tages waren kein Vergnügen.“ Aber sowas von.

Der russische Bär

Von Oliver Ding, 23. April 2007 23:15

Es gibt erschütternde Augenblicke. Wie, wenn man abends unvermutet plötzlich den Dicken aus der Pfalz mit aufgeweichtem Gesicht im TV sieht, obwohl man den doch eigentlich längst im Altersheim mit den anderen Polit-Zombies endgelagert erwartet hätte. Und das nicht, weil es plötzlich keine leckeren Saumägen mehr gäbe. Oder weil ihm plötzlich von all dem Aussitzen damals das umfängliche Gesäß mal so richtig schmerzte. Sondern weil der nette, tapsige, ausschließlich Wässerchen trinkende Ex-Präsident der Vorzeigedemokratie Russland, Boris Jelzin, verstorben ist. Schockschwerenot!

Dessen Nachfolger als Präsident der Vorzeigedemokratie Russland, Wladimir Wladimirowitsch Putin, weint bestimmt auch schon Krokodilstränen. Und wir fragen uns, wie lange es noch dauert, bis nach Michail Gorbatschow und Boris Jelzin nun auch Putin in die Flasche gefüllt wird. Oder hat der nette Ex-KGB-Chef etwa mit einem Sonderurlaub im Kaukasus gedroht, falls jemand so vorwitzig sein sollte?

Nastrovje, jedenfalls!

Eine Leiche zum Dessert

Von Oliver Ding, 22. April 2007 17:54

Vergangener Donnerstag, Gebäude 9. Die erste Deutschland-Tournee führte Murder By Death aus Bloomington, Indiana nach Köln. Und diese Mischung aus düsterem Punk, zickigem Rockabilly und dramatischer Americana begeisterte das Publikum – trotz bisweilen schepperigem Sounds – vom ersten Moment. Die Spielfreude der Band, besonders der grollende Tenor von Sänger Adam Turla und das warme Jaulen von Sarah Balliets Cello, schubste sich von Höhepunkt zu Höhepunkt.

Und es gab akustische Vergleichsversuche im faszinierten Publikum: Die einen wollten die White Stripes oder den Gun Club herausgehört haben, die anderen dachten an 16 Horsepower oder Two Gallants, und noch jemand verglich Turla mit einem Bastard von Johnny Cash und Glenn Danzig. Stimmt alles, und ist doch komplett am Ziel vorbei. Nicht jedoch so weit daneben, wie der immer noch nicht ausgerottete Zusammenhang mit dem Genred called Emo, der damals einzig auf einer Labelzugehörigkeit beruhte. Albumtitel wie „Like the exorcist, but more breakdancing“ und „Who will survive, and what will be left of them“ sind tolle Vorboten für noch tollere Musik, und das lose an Dante Alighieris Göttlicher Komödie ausgerichtete „In bocca al lupo“ setzt dem Ganzen die Krone auf. Das ist das ganz große Rock’n’Roll-Drama, und quält sich doch wie der Kojote aus dem Schwarzweiß-Western Deiner Wahl. Und wer immer noch zweifelt, höre einfach „Brother“ auf der Myspace-Seite nach (oder schaue das entsprechende Video) – und verneige sich innerlich.

Gerade einmal 10 Euro Eintritt für eins der fasznierendsten Konzerte der letzten Monate. Da mag das Lineup z.B. der diesjährigen Pearl-Jam-Openairs, die mit eben Pearl Jam, Interpol und den Futureheads wuchern dürfen, „fetter“ wirken. Aber das Preisleistungsverhältnis saugt tote Hamster durch Strohhälme. Vor einigen Jahren kam auf der Mailingliste LostHighwayGermany anläßlich einer Neil-Young-Solotour mit Ticketpreisen über 100 Euronen die Theorie auf, bei diesen Preisen wäre eine Idiotensteuer mitinbegriffen, die fällig würde, sobald jemand bereit wäre, diesen Preis zu zahlen. Herr Steinbrück, bitte mitschreiben!

PS: Die Überschrift bezieht sich natürlich auf die großartige Neil-Simon-Verfilmung „Murder by death“ u.a. mit Peter Falk, David Niven, Alec Guinness, Peter Sellers, Maggie Smith, James Cromwell und Truman Capote. Gucken. Jetzt.

Falls ich in Ungnade bei Wolfgang fallen sollte

Von Oliver Ding, 20. April 2007 18:27

Zeichen und Wunder und so. Da lese ich unbedarft im deutschen Rolling Stone, und plötzlich entdecke ich eine Aussage des notorischen Dylan- und Stones-Apologeten Wolfgang Doebeling, der sich gefälligst ein jeder vollinhaltlich anzuschließen hat. Gab’s das schon mal? Vermutlich: nicht.

Aber worum ging es eigentlich? Das anbetungswürdige „Fairytale of New York“ von The Pogues mit der viel zu früh verstorbenen Kirsty MacColl, wird da auf Seite 113 der April-Ausgabe im „Vinyl“-Kasten behauptet, sei der „großartigste aller Xmas-Tracks“. Nicht nur in Zeiten, in denen die Temperaturen in Deutschland zu Ostern so sind wie sonst auf Malle in der Hochsaison, ist das mal die definitive Wahrheit. Und nicht mal die grundgute Coverversion der grundguten Stars, die man als B-Seite von „Your ex-lover is dead“ im City-Slang-Store käuflich erwerben kann, wird daran etwas ändern. Und Doebelings Fauxpas, der Song hieße „Fairytale in New York“, schon mal gar nicht. Das alles muß etwas zu bedeuten haben. Vermutlich: nichts.

„Fairytale of New York“ – Video bei Youtube
Herrlich derangierte Livefassung vom St. Patrick’s Day 1988, ebenfalls bei YouTube

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